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Nr. 175 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Dienstag, 27. Juli 1926
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poincares Sanierungsprogramm I
Vor der Regierungserklärung
in der Kammer.
r Paris, 26.3uli. (211.) Das Kabinett ist heute nachmittag unter dem Vorsitz von Po in- carl zusammengetreten, um die Beratung über die Regierungserklärung und die Finanzprojekte fortzusehen. Die Regierungserklärung wird morgen in Her Kammer von Poincare, im Senat vom Iustizminister Darthou verlesen werden. Die Regierung wird sich dec Eröffnung einer Generaldebatte über die politische Lage widersehen und gleich nach der Regierungserklärung die Finanzprojekte der Kammer vorlegen, die dann a n b i e F in a n z k o m m i s s i o n der Kammer überwiesen werden. Eine Generaldebatte über die Finanzprojekte wird voraussichtlich erst Ende der Woche erfolgen. Der Text der Regierungserklärung, sowie der endgültige Text der Finanz- rrojekte wird in der morgigen Ministerrats-
i h u n g unter dem Dorlih des Präsidenten der Republik sestgelegt werden. Die Regierungserklärung wird sehr kurz sein und sich damit begnügen, einen Appell an das Volk zu richten, in dem die Mitarbeit für die Wiederherstellung des Franken gefordert wird. Wie verlautet, werden die Finanzprojekte sich in großen Zügen dem Finanzprojekt anpassen, das bereits E a i l l a u x ausgearbeitet hat. Die Regierung hält eine Erhöhung der direkten und indirekten Steuern für erforderlich. Die ertragsreichen Einnahmen können aber erst im Laufe des nächsten Jahres in Rechnung gestellt werden, während das Schatzamt dringend sofort flüssige Mittel benötigt, die für das zweite Halbjahr 1926 2,5 Milliarden betragen. Für die Erhöhung des Sahes gewisser indirekter Steuern hat der Sachverständigenausschuß die Schaffung neuer Steuern mit sofortigem und steigerungsfähigem Ertrage empfohlen, die geeignet sind, dem Schatzamt eine jährliche Mehreinnahme von 5 Milliarden zu sichern. Die Regierung hat sich die Vorschläge der Sachverständigen nach dieser Richtung hin zu eigen gemacht.
Das Gesetz, das dem Schahamte Einnahmequellen für das zweite Halbjahr 1926 beschaffen soll, wird neun oder zehn sehr kurze Artikel enthalten. Die bisher vorgesehenen Erhöhungen würden dem Schahamte jährliche Zu- saymittel von 2560 Millionen einbringen, die sich folgendermaßen verteilen:
1. Ausgleich der spezifischen Steuern, die Einfuhrzölle auf Kolonialwaren, z. D. Kaffee, Tee, Reis usw. 1500 Millionen.
2. Vereinheitlichung des Satzes der Umsatzsteuer aus 2 Prozent 660 Millionen.
3. Erhöhung des Koeffizienten für die Zolltarife 400 Millionen. Zu erschließen bleiben also noch 21,? Milliarden, die man einerseits durch andere indirekte Steuern oder Erhöhung von noch nicht bestimmten Steuern zu erhalten gedenkt. Andererseits wir) eine Erhöhung der Verkehrstarif c, deren Koeffizient noch festzusehen bleibt, aber aus der man mit Leichtigkeit den Betrag von mindestens einer Milliarde zu erzielen gedenkt, erwogen. Die Regierung wird von der Kammer die Genehmigung verlangen, auf dem Verordnungswege weitgehende Sparmaßnahmen in der öffentlichen Verwaltung durchzusühren. Dieser Platz stützt sich auf Vorschläge, die der Vorsitzende der Wirtschaftstommission der Kammer, Marin, der jetzige Pensionsminister, ausgearbeitet hat.
Währungsschutz in Belgien.
' Brüssel, 26. Juli. (WB.) Der Ministerrat prüfte heute den Finanzplan in seiner Gesamtheit und beschloß, daß die Minister Bandervelde unb Francqui sich im Laufe der Woche nach Paris begeben sollen, um mit der französischen Regierung Fühlung zu nehmen. Der Ministerrat beschloß außerdem, dem König eine Verfügung zu unterbreiten, durch die die Aufenthaltsge- bühr für fremde Staatsangehörige mit Ausnahme derjenigen aus Ländern mit entwerteter Währung erhöht wird. Ferner wird darin eine Tagesgebür für den Verkehr ausländischer Kraftwagen festgesetzt und Bestimmungen getroffen über die Reorganisation und Verstärkung der Devisenkontrolle.
Der Vorsitz
in der Reparationskommission.
Paris, 27. Juli. (TU.) Kurz vor Aus- gang des gestrigen Kabinettsrat ist Louis Du- b o i s . der frühere Präsident der Reparations- kommission, im Finanzministerium erschienen. Es verlautet, daß ihm die Rachfolgc Barth o u s in der Reparationskommission angeboten werden soll.
Die französischen Straßennamen in Schlettstadt.
P a r i s, 26. 3uli. (Wolff.) Wie aus Straß- bürg gemeldet wird, hat der G e m c i n b e r a t von Schlettstadt aus Vorschlag des Beigeordneten beschlossen, die Straßen der Stadt, die die Ramen Turenne, Josfre, Foch, General Castelnau. Gou° raub, Gallieni tragen, umzubenennen. Gleichzeitig werden verschiedene Benennungen wie Rue du 17. Rovembre (Einzug der französischen Truppen in Schlettstadt), Rue de Verdun, Thiers, Gambetta und Deroulede verfchwin- den. An ihre Stelle sollen neutrale Bezeichnungen treten, die nicht an den letzten Krieg erinnern. Wie der „Temps' meldet, soll die Mehrheit der Schlettstadter Bevölkerung die- fen Beschluß mit Entsetzen vernommen haben.
Amerikas Europapolitik.
Es war zu erwarten, daß die sich häufenden Angriffe auf amerikanische Besucher i n P a r i s einen lebhaften Widerhall m Amerika selbst finden würden, wo man in dieser Hinsicht sehr empfindlich ist. Es mehren .sich dort die Stimmen, die einmal einen Boykott Frankreichs durch amerikanische Reisende empfehlen und ferner wird die Bewegung verstärkt, die überhaupt gegen jede Beteiligung der Vereinigten Staaten an der politischen Entwicklung Europas ist. Es kommt die Agitation hinzu, die auch in einem Teil der englischen Presse und der englischen Ocsfentlichkeit gegen Amerika wegen der Behandlung der Kriegsschuldenfrage unter der Führung der „Sailt) Mail" ganz im Stil des verblichenen Lord Rorfh- cliffe eingesetzt hat. Uncle Sam, wird in nicht gerade sehr geschmackvoller Weise mit Shylock verglichen und in Karrikaturen als der Wucherer hingestellt, bet das scharf geschliffene Messer bereit hält, um seinem Opfer das bekannte Pfund Fleisch aus dem Leibe zu schneiden.
Daß man drüben über derartige Freundlichkeiten gerade in den Ländern, denen man große Wohltaten erwiesen zu haben glaubt, nicht gerade sehr erfreut ist, scheint verständlich. Es läßt sich niemand gern beschimpsen, am wenigsten die Ameruaner, die eine gehörige Portion Selbst- bewuhtsein besitzen, das häufig bis zur Selbst- Überheblichkeit gesteigert ist. Es kommt daher auch bereits ein Echo, das vielleicht in Frankreich und England doch einige Wirkung ausüben wird. Immerhin warfen die Vorgänge zusammen mit der geradezu unglaublichen Art und Weise, in der die Franzosen und/ihr Gefolge bei den Ausschußverhandlungen in kGenf die Abrüstungsbestrebungen geradezu vcripottet haben, in der Richtung, daß sehr maßgebende Leute wiederum zur Rückkehr der ersten Politik des verstorbenen Präsidenten Har ding raten, wonach Amerika einfach seine Hand von allen europäischen Mächten abziehen und diese sich selbst überlassen solle.
Man muh auch zugestehen, daß die Abtönung der Warnungen, die nach Paris und London ergehen, recht geschickt gemacht ist. Zuerst war angekündigt worden, daß der amerikanische Schatzamtssekretär Mellon nach Paris und London kommen werde, um die Lage der Staats- und Finanzwirtschaft wie der Industrie zu prüfen und mit den maßgebenden Persönlichkeiten Rücksprache zu nehmen. Unmittelbar nach seiner Landung hat Herr Mellon sehr kühl erklärt, er fahre zunächst nach Rom zum Besuch seiner dort verheirateten Tochter und es sei fraglich, ob er später noch über Paris nach London gehen werde. Das heißt auf gut deutsch, amerikanische Finanzhilfe sei nur dann zu erwarten, wenn man sich in Paris und London eines Besseren besonnen und eingesehen habe, daß ohne amerikanische Unterstützung eine dauerhafte Stabilisierung der französischen Währung kaum denkbar sei. Ferner wird gemeldet, daß Präsident C o o l i d g e sich vorläufig jeder Aeuherung enthalte, sich aber ausführlich über alle Angriffe auf Amerikaner berichten lasse. Auch die hierin liegende Warnung ist deutlich Schroffer und rückhaltloser äußern sich Männer der Oefsent- lichkeit, wie die Senatoren Johnson unb Dorha, die da erklären, Amerika sei kein Shylock und werde es sich nicht gefallen lassen, als Paria unter den Völkern hingestellt zu werden.
Es wäre nicht unmöglich, daß sich tatsächlich die amerikanische Politik, namentlich wenn die Verhandlungen über die Abrüstungsfrage in Genf völlig dem allgemeinen Spott unb der Lächerlichkeit verfallen, wie man nach den bisherigen Erfahrungen erwarten muh, in der an» gedeuteten Richtung orientiert. Die Leidtragenden würden Frankreich und England in erster Linie fein. Denn bann wäre natürlich nicht barauf zu rechnen, baß bie amerikanische Hochfinanz sich irgenbtoie berufen fühlt, helfend einzugreifen. Jedenfalls wirb sie zunächst ruhig abwarten, wie der mit großem Geräusch angekündigte Versuch Poincares, aus dem Finanz- elend mit eigener Kraft herauszukommen, verlaufen wird. Aber auch die übrigen ßänber Europas mit Einschluß Deutschlands würden von einem völligen Sichversagen der Vereinigten Staaten keinen Ruhen, sondern eher Schaden haben. Auf der anderen Seite könnte eine solche Aenderung in der amerikanischen Politik ziemlich bald dazu führen, daß den sämtlichen Ländern Europas um so kräftiger die Rotwendigkeit vor Augen geführt wird, sich nicht länger politisch unb wirtschaftlich als Feinbe unb neidi-che Konkurrenten gegenüberzustehen unb sich gegenseitig das Wasler abgraben zu wollen, statt sich zu vertragen unb zusammenzuschließen. Das wäre bann freilich eine von Amerika nicht gerade beabsichtigte Wirkung.
Immerhin würde auch Amerika bei völligem Ausscheiden aus der allgemeinen Politik sehr bald dieselbe Erfahrung machen, die es schon früher bei seinem oben erwähnten Versuch unter Präsident Harding gemacht hat. Cs stellte sich bald heraus, unb wird sich mit absoluter Sicherheit wiederum Herausstellen, daß Amerika aus zwei Gründen viel zu eng mit der Weltwirtschaft verknüpft ist, um sich nicht um sie zu bekümmern. Weltwirtschast heißt aber heute Weltpolitik. Einmal braucht Amerika bei seinem großen Ueberschuh an Ausfuhrwaren Absatzmärkte, für die trotz allem bie dichtbevölkerten Länder Europas in vorderster Reihe stehen. Zweitens leidet Amerika noch immer stark an Goldüberfluß, der durch bie stetig ein- laufenben Quoten der Kriegsschulbentilgung zu- nimmt unb daher auf Abfluß drängt. Dieses Bedürfnis ist nur durch Bewilligung von Anleihen zu befriedigen, unb bet Hauptanleihe- markt ist wiederum das gelbbedürftige Europa, um auf diese Weise zunächst die ständig fließenden Dargelbzahlungen nach Amerika auszugleichen. Deshalb darf man annehmen, daß bie an sich sehr begreifliche Verschnupstheit ber Amerikaner keine bauernben politischen Folgen nach sich ziehen wirb.
Johnson für die Politik der „splendid Isolation“.
Washington, 26. Juli. (Wolff.) Senator Johnson erklärte hier über bas Verhältnis Amerikas zu Europa: Europa ist sich nur in einem Punkte einig, nämlich in bem Haß gegen Amerika, bas es als den Paria unter den Völkern unb als „Shylock' bezeichnet, ber von allen beachtet werbe. Der einzige Grunb hierfür ist offenhar ber, daß Amerika den Versuch macht, einen Teil, unb zwar nur einen kleinen Teil ber Schuldverschreibungen einzulösen, welche von den europäischen Staaten Amerika gegeben worden sind. Senator Johnson wies auf die Angriffe der englischen, französischen und italienischen Presse gegen Amerika unb barauf hin, daß gut gekleidete Franzosen in den Straßen von Paris die Amerikaner auszischen, belästigen unb verprügeln unb führte weiter aus: Trotz bes Hasses gegen Amerika ist ein Teil ber Bürgerschaft in den Vereinigten Staaten so blind, schwach unb matt, daß man bie Ausnahme bes gehaßten Gläubigers in den Weltge- richtshof, ber von ben hassenden Schuldner- staaten geleitet wirb, befürwortet. Aus verschie- benen Quellen meldet man uns dabei, daß keine große Ration Europas unsere Vorbehalte zum Beitritt zum Weltgerichtshof annehmen wird. Johnson fordert schließlich, Amerika möge das Aufnahmegesuch zum Weltgerichtshos unverzüglich zurückziehen.
Englands Kriegsschulden.
London, 26. Juli. (TU.) Die Erklärung des Senators B o r a h , in ber er dem Feldzug Churchills für eine Herabsetzung der interalliierten Schulden durch Amerika entgegentritt, hat in England ungeheures Aufsehen erregt. Churchill forderte Senator Dorah in feiner Antwort auf, ihm irgendeine Stelle feiner Rede oder, eine geschriebene Erklärung zu zeigen, in der er Anlaß zu einer Klage gegeben hätte. Man ist in Regierungskreisen offenbar bemüht, der englisch-amerikanischen Polemik in der Schulden- frage die Spitze abzubrechen.
Fremdenfeindliche Kundgebungen in Frankreich.
London, 27. Juli. (WTD. Funkspruch.) Den Blättern zufolge kam es gestern in St. Mako zu einer feindseligen Kundgebung einer französischen Volksmenge gegen englisch sprechende Ausflügler. Als diese sich an Bord ihres Schiffes zurückbegeben hatten, wurde das Schiff mit Steinen beworfen, wobei eine Dame verletzt wurde.
Feierliche Beisetzung eines deutschen Kriegsteilnehmers in Amerika.
B r i d g e ft o n (Neujersey), 27. Juli. (WTB. Funkspruch.) Hier wurde der völlig mittellos verstorbene deutsche Kriegsteilnehmer P e t e r k a auf Ko st en der amerikanischen Legion feierlich beigefetzt. Als Bahrtuchträger fungierten ameri- konische Kriegsteilnehmer. Der Kommandant der Legionsabteilung gedachte in einer Ansprache am Grabe der von den Deutschen veranstalteten feierlichen Beisetzung des Sohnes Roosevelts bei St. Quentin. Mit der feierlichen Beisetzung Peterkas trage Amerika also eine Dankesschuld ob.
Rach dem „Motin" sollen die politischen Vereine beschlossen haben, eine Protestkundgebung zu veranstalten.
Französische Justiz.
Saarbrücken, 27. Juli. Die Strafkammer in Saargemünd verurteilte am Montag den Geschäftsführer des Deutschen Duch- händlerverbandes Dr. Wild aus Saarbrücken wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt z u drei Wochen Gefängnis. Dem Urteil liegt ein Zusammenoß zugrunde, ber sich am
18. d. M. zwischen französischen Gendarmen und Teilnehmern der Duchhändlertagung bei Besichtigung des in der Rähe von Saarbrücken liegenden Spicherer Berges ereignete und an dem Dr. Wild gänzlich unbeteiligt war. Er wurde, als er sich auf lothringisches Gebiet zurückbegab — mit vorschriftsmäßigem Paß —, um feine ihm abhanden gekommene ilhr zu suchen, von französischen Gendarmen verhaf - t e t und hatte hierbei den Deriuch unternommen, sich über die wenige Meter entfernte Saar- gebietsgrenze zurückzuziehen.
Neichsparteitog der Mittelstandspartei.
Görlitz, 26. Juli. (WTD.) Der Parteitag ber Reichs Partei des Deutschen Mittelstandes beschloß, das folgenbe Telegramm an ben Reichsfinanzminister zu senden: ..Der Parteitag ber Reichspartei bes Deutschen MiNel- stanbes stellt mit Entrüstung fest, baß d i e Senkung berSteuern burch das Verhalten ber Finanzämter zunichte gemacht worben ist, welche willkürlich Umsatz unb Einkommen höher einschät- zen, als sie es tatsächlich sind. Der deutsche Mittelstand fordert demgegenüber mit allem Rachdruck die Anerkennung seiner Buchführung als Unterlage für bie Besteuerung unb fordert ein Einschreiten gegen das Gebühren ber Finanzämte r." Auf dem Parteitag fanb bann bas neue Parteiprogramm unter bem Ramen „Görlitzer Richtlinien" Annahme. In bem Programm wirb bie Reichspartei des Deutschen Mittelstandes als bie politische Vertretung bes gesamten deutschen Mittelftandcs bezeichnet. Zum Mittelstand gehören alle schassenden Kreise im Volke. Der Mittelstand sollte das deutsche Voll aus seiner Zerrissenheit zur Einheit emporführen, die Gegensätze zwischen Prob uzen- ten und Konsumenten ausgleichen u;:D die alte deutsche Kulturherrschast wieder auf- ria,ter die keine politischen Grenzen kenne und damit den nationalen Zusammenschluß des deutschen Mittelstandes verwirkliche. Die Partei lehnt die sozialistischen Bestrebungen ebenso entscbie- den ab, wie sie die Auswüchse des Kapitalismus bekämpft, stellt sich auf oen Boden der z. Z. bestehenden Verfassung, deren Resorut mit d^m Ziel ber Sicherstellung der staatsbürgerlichen Grundsätze sie fordert, verlangt Abkehr von der Parteiwirtjchaft und Echaf-ung einer im wesentlichen aus Fachministern bestehenden Regierung. In der Flaggenfrage tritt die Partei für die veriajfungsmäßige Handelsflagge als Reichsflagge ein und fordert ferner Schutz der Persönlichkeit, des Privateigentums und der Privatwirtschaft, Vereinfachung des Steuersystems, Beseitigung der Umsatzsteuer, sowie aller Stcucrn. deren Erhebungskosten in feinem Verhältnis zu dem Steuerertrag stünden, hinauslaufe, wird gefordert. Weiter wird gefordert: Milderung, möglichst Aufhebung der verkehr^belastenden Steuern, völlige Abkehr von jeglicher Steuerüberschuhwirtschaft, sparsamste V e r w a 11 u ng von Reich, Ländern unb Gemeinden, Verbesserung unb Ausgestaltung bei Betriebe, bie sich in öffentlichen Händen befinden, insbesondere ber Eisenbahn unb Post. Ferner wird gefordert: Für das Handwerk die Aufhebung der Zwangswirtschaft, Beschränkung des Strahenhandels, Reugestaltung der Gewerbe- Verordnung auf Grund der berechtigten Forderung ber Fachorganisationen, Beseitigung ber Beherbergungssteuer, Verwerfung bes Gemeinde- bestimmungsrechtes im Schankstättengeseh usw. Auf Antrag bes Reichstagsabgeordneten Pro- sessor Dr. B r e d t wurde beschlossen, den vor- gelegten Entwurf des Parteiprogrammes einer Kommission zu überweisen, bie bie endgültige redaktionelle Fassung des Entwurfes dem Partei- Vorstand bis Ende September vorlegen soll.
Chamberlains Rückzug.
London, 26. Juli. (WB.) 3m Unkerhause fragte Thurlle den Minister des Auswärtigen, ob er mitteilen könne, ob die Regierung die 21 b - r ü ff u n q Deutschlands als befriedigend oder unbefriedigend ansehe und im letzteren Falle in welcher Beziehung. 7N. 2D Lampson vom Auswärtigen Amt erwiderte, die Regierung mühte erwarten, daß der Austausch von Roten zwischen der Bofschasferkonserenz und der deutschen Regierung, der zur Zeit stattfindet, zu einem schnellen Abschluß aller noch ausstehenden Abrüsfungsfragen führen würde. Ls ist also eine Enttäuschung, daß eine gewisse Zahl von Punkten nod) nicht geregelt ist, von denen aber die m e i - st en — ich freue mich, dies sagen zu können — von geringerer Bedeutung sind. Denn Chamberlain aus diesem Grunde in seiner am 21. 3uli gegebenen Antwort die Ansicht ausdrückte, daß die Lage nicht völlig befriedigend sei, so wünsche er nicht, daß daraus geschlossen werde, daß die Regierung die Lage mit irgendwelcher Beunruhigung ansehe.
Die britische Kohlenkrisis.
Keine Aussicht ans Aenderung der Streiklage.
London, 26. Juli. (WTB.) Beide Häuser des Parlamentes erörterten heute die Lage in ber Kohlenindustrie. Im älnterhause erklärte Lloyd George: Gegenwärtig verliert das Land wöchentlich 15 bis 20 Millionen Pfund Sterling. Eine Erneuerung der staatlichen Unterstützung würde nicht einmal so viel ausmachen, wie während einer Woche verloren geht. Bald- w i n lehnte den Gedanken einer Erneuerung der Unterstützung ab und trat für schiedsgerichtliche Entscheidung ein. Er fügte hinzu: Wenn die Parteien zusammenkämen, um zu verhandeln, oder einen Schiedsspruch herbeizuführen, dann würde die Regierung alles tun, was in ihrer Macht steht. Sie kann aber nicht auf gesetzwidrigem Wege eine Regelung erzwingen. Der Führer der Arbeiterpartei Macdonald be-


