Kr.2Z7 Drittes Blatt
Zreitag, 26. November 1926
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen)
Zinanzausgieich unö Kommunen.
Die Frage des Finanzausgleichs, die immer mehr in den Vordergrund des politischen 3ntcr- esses rückt, ist von außerordentlicher Bedeutung für das schon so lange in der Schwebe befindliche Schicksal der Drrwaltungsre.orn'., sowie für die Abgrenzung und Beuge st altung der Beziehungen zwischen Reich. Ländern und Kommunen. Abgesehen davon ist sie von erheblicher Wichtigkeit für die Grundsätze der künftigen allgemeinen Finanzpolitik.
Leider ist es nur sehr schwer möglich, die Höhe der Gesamtsteuerbelastung genau festzu- stellen und sie Demgemäß mit dem Endziel einer Verringerung gerechter zu verteilen. Einen Versuch in dieser Richtung unternimmt der Entwurf des Finan^lusgleichs. der den Gemeinden die Möglichkeit der Erhebung von Zuschlägen zur Einkommensteuer zu geben beabsichtigt. um dadurch die Selbstverwaltung der Gemeinden zu stärken, und damit auf indirektem Wege allmählich zu einer vernünftigen Ausgaben- wirtschast un> zu einer Senkung des Gesamtsteucr- niveauS zu kommen. Dieses Ziel kqnn aber nur dann erreicht werden, wenn für die Einführung des Einkommenzuschlagrechtes ganz bestimmte Voraussetzungen gegeben werden. Die wichtigste von ihnen besteht darin, daß Zuschläge zur Gewerbe st euer nur dann erhoben werden dürfen, wenn im gleichen Verhältnis zu ihnen Zuschläge zurReichSeinkommen- steuer veranlagt werden. Dabei muß auch trotz mancherlei Bedenken die Forderung aufgestellt werden, daß von einer gewissen Zuschlagshöhe ab auch 'die reichseinkommensteuerfreien Teile von den Zuschlägen zur Reichs- einlommensteuer betroffen wecken. Zu diesem Zweck ist es notwendig, von Reichs wegen gewisse einheitliche Richtlinien (besonders für die Erhebung der Gewerbesteuer) aufzustellen, mit deren Hil'e gewisse Vorsichtsmaßnahmen eingeschaltet werden können. Daneben muh nätürlich die Frage des Ausgleichs der La st en zwischen reicheren und ärmeren Gemeinden eingehend geprüft werden, eine Frage, die außerordentlich schwierig ist, an deren befriedigender Lösung aber gerade die Länder ein denkbar großes Interesse haben. Das Aussichtsrecht über die Gemeinden muh einheitlicher als bisher gehandhabt werden. Einige Länder haben überhaupt Sein Aufsichtsrecht: in anderen Ländern wird es je nach Belieben mehr oder weniger verschieden gehandhabt. Schliehlich erscheint noch eine einwandfreie und ausführliche Finanzstat i st i k notwendig. Gesetzlich ist sie zwar fest- getegt: einzelne Vorarbeiten liegen auch schon vor, etwas Grundlegendes ist aber noch nicht geschehen.
Denn man die mit dem Finanzausgleich zusammenhängenden Fragen leitsahähnlich zusammenzufassen sich bemüht, dann kommt man zu folgenden Formulierungen:
1. Das im Reichsfinanzausgleichsgeseh für die Länder und Gemeinden vorgesehene Recht, selbständig Zuschläge zur Reichseinkommen- und Reichskörverschaftssteuer zu erheben, darf weder zu einer Erhöhung dieser Steuern, noch zu einer Erhöhung der Realfteuern < insbesondere der Gewerbesteuern) führen. Hm die Selbstverantwortung der Gemeinden bei der Zuschlagserhebung zur Geltung zu bringen, müssen auch die bisher reichSe'.nkommensteuerfreien Teile von den Zuschlägen ersaht werden.
2. Die gegenwärtig ganz ungleichartige und unübersichtliche Gewerbesteuergesehgebung der Länder muh durch eine Reichsrahmenregelung vereinfacht werden.
3. Ein solches Reichsrahmengeseh ist auch nötig, um feste Bindungen zwischen den Zu» schlagen zur Einkommen» und Körperschaftssteuer und zur Gewerbe- und Grundsteuer schaffen zu können. 3m Zusammenhang damit ist eine Vereinfachung auf dem Gebiete der Verwaltung und Erhebung dieser Steuern zu verbinden.
4. Die den berussständischen Vertretungen zustehende Anhörungspflicht muh weiter ausgestaltet werden mit der Möglichkeit der Einlegung eines Einspruches.
5. Ein geeigneter Lastenausgleich zwischen Reich, Ländern und Gemeinden, die Reuaufstellung und Verteilung der ihnen zustehenden Auf-
gaben, sowie die Vereinheitlichung der Haushaltspläne ist unerlählich.
Es ist dringend zu wünschen, dah diese Richtlinien, die vor allem auch im Interesse der allmählichen Gesundung besonders auch der Kommunal inanzen liegen, bet der endgültigen Regelung des Finanzausgleichs Berücksichtigung finden.
Derkehrsverband für Kurhessen und Wa'deck.
1! Marburg 25. Rov. Unter dem Vorsitz des Landeshauptman-'s von Gehren - Kassel tagte heute in Anwesenheit von etwa 50 05^- tretern im großen Sitzungssaal des Rathauses der Derkehrsverband für Kur Hessen und Waldeck. 3m Anschluß an die behördlichen Begrüßungen besprach man zunächst die schlechten Eisenbahnverbindungen auf den verschiedenen Srrrcken, z. B. auch mit Berlin, gegen die Schritt: unternommen werden müßten Dr. Schumann» Kassel teilte in seinem 3ahresbericht mit, daß der Verband im abgelaufenen Jahre eine rege Tätigkeit auf allen Gebieten der Hebung des Verkehrs entfaltet habe. Dem Verbind gehörten zur Zeit 103 Mitgliedschaften an. Der Vertreter der Reichs-
zentrale in Berlin, -Siabirat a. D. Deber tscüher in Kassel), gab einen Berich', über deren Tätigkeit auf dem Gebiete der Hebung des Fremdenverkehrs Oberbürgermeister Dr. Voigt- Marburg wies auf die Schönheiten der hessischen Heimat hin, die immer mehr dem Fremdenverkehr erschlossen werden müßten. Rach einer Entschließung soll an die Sisenbahndirektion zwecks Verbesserung der Zugverbindungen herangetreten werden. Rach Erledigung sonstiger geschäftlicher Angelegenheiten wurde der seitherige Vorstand wiedergewählt unter Hinzufügung je eines Vertreters für das Deser- und Derragebiet. Die Beiträge wurden wie folgt neu festgesetzt: Berkehrsvereine pro Mitglied 20 Pf. lwenigstens 10 Ml.): Gebirgs- und Dan- dervereine pro Mitglied 10 Pf. (wenigstens 10 Mk.): Städte und Gemeinden pro Tausend der Devölkerungszahl 10 Mk. (wenigstens 20 Mk.): Kurorte 10 Mk. pro Tausend der BevölkerungS- zahl (wenigstens 20 Mk ), dazu ein Zuschlag vor. 10 Mk. pro Tausend der Besucher: Kreis, Behörden ulw. nach Vereinbarung (wenigstens 30 Mark), Einzelpersonen 20 Mk. Zum Schluß hielt der Geschäftsführer des Veroanbes für deutsche 3ugenbVerbergen, Fabrikant Münker- Hilchenbach, einen interessanten Vortrag über „Jugendherbergen und Verkehrsförderung".
Turnen, Sport und Spiel.
Das Geräteturnen.
Zu den wertvollsten Erziehungsmitteln im Rahmen der Leibesübungen gehört unzweifelhaft das Geräteturnen. Leider wird es, namentlich von solchen, die nichts davon verstehen, nur allzuoft verkannt, als überflüssig, ja sogar als den Körper schädigend und verbildend bezeichn:t. Ein solches Urteil ist falsch. c5 w.rd weder dem Wesen noch der Wirkung des Turnens an den Geräten gerecht. Als 3ahn die noch he <te gebräuchlichen Geräte erfand, da waren sie ihm nichts weiter als ein Mittel zum Zweck. An künstlichen Hindernissen wollte er die Grlenllgkeit und Geschicklichkeit seiner Turnjünger üben, wollte ihnen Kraft und Mut vermitteln, wollte Selbstsicherheit, Geistesgegenwart und Willenskraft entwickeln und stählen. Ein Mensch, der über solche Eigenschaften verfügt, ist zweifellos den Anforderungen des täglichen Lebens gegenüber mehr gerüstet, ist widerstandssähiger als einer, dessen Körper nicht vom Scheitel bis zur Sohl: durchgearbeitet, dessen Muskeln nicht entwickelt, dessen Rerven nicht erprobt sind. Die hohen gesundheitlichen Dortelle des Geräteturnens sind eine selbstverständliche Begleiterscheinung.
Leider gerieten die wahren Absichten 3ahns bei der Erfindung des Geräteturnens in Vergessenheit, die Turner zogen sich in die Hallen zurück, statt die erworbene Kraft und Geschicklichkeit an natürlichen Hindernissen zu erproben, sie verfielen auf starre und steife Hebungen, auf Mechanik und Drill. Dadurch ging gleichzeitig der innere Wert des Geräteturnens, die Freude daran verloren. Erst als der Sport die im deutschen Turnen entstandene Lücke auszufüllen begann, besannen sich auch die Geräteturner darauf, daß sie in Gefahr waren, sich emfeitig zu entwickeln. Zur rechten Zeit lernten sie erkennen, wie wertvoll und notwendig ihnen auch Laufen, Wersen und Springen zum Ausgleich der am Gerät anders oder gar nicht beanspruchen Glieder und Kräfte war.
So ist das Geräteturnen, das sich in der letzten Zeit durch die Entwicklung zum Kunstturnen in der Oefsentlichkeit wieder eine zahlreiche An- hÄraerschar geworben hat, davor bewahrt geblieben, vergessen zu werden.
Aus der Deutschen Turnerschaft.
Ihre größten Vereine.
do. Der größte Verein der Deutschen Turnerschaft, des größten Turnverbandes, ist nach den Ergebnissen der letzten Erhebungen auch weiterhin die Berliner Turnerschaft mit insgesamt 5623 Mitgliedern. An zweiter Stelle steht der Männertnrn-Verein München 4444, an dritter Die Turnerschaft von 1816 Hamburg 4222, an
vierter der Allgemeine Turnverein Leipzig 3128, an fünfter Stelle Tv. 46 Nürnberg 3076 Mitglieder. Es folgen: 6. Tv. 1850 München 2803, 7. Turnttub Hannover 2641, 8. T. S. V. Leipzig- Lindenau 2331, 9. Allgemeiner Tv. Dresden 2583, Heber 2000 Dereinsangehörige haben noch: Tv. 46 Mannheim, Turnerbund illm, Tv. Vorwärts Breslau, Tv. Forst (Lausitz), Turnerschaft Freiburg, Tv. 60 Pforzheim, Tv. Eintracht Dortmund, Tv. 60 Für.h und Turngemeinde Würzburg.
Die meisten Männer zählt die Berliner Turnerschaft mit 3003, Die gleichzeitig auch mit 1328 die stärksten Knabenr egen aufweisen. Die meisten Frauen besitzt der Allgemeine Tv. Leipzig mit 967 vor Turnerschaft 16 Hamburg 877, Die meisten Mädchen Turnerschaft 16 Hamburg 827.
$urncr"täbt2.
Die meisten Turner zähll — natürlich absolut genommen — Berlin mit insgesamt 37 541. An zweiter Stelle steht Leipzig mit 28 261 vor DresDen 19 745, Frankfurt a. M. 16 757, Hamburg 14 400. Es folgen: München 13 541, Stuttgart 6807, Bremen 9445, Hannover 8788, Rürn- berq 8421. lieber 5000 Turner zählen außerdem: Kiel, Saarbrücken, Chemnitz. Breslau, Essen, Mannheim: über 4000: Köln, Magdeburg, Karlsruhe, Mainz, Plauen L 03., Stettin, Ludwigshafen, Dortmund: über 3000: Augsburg, Duisburg und Kassel.
Jugend- und Schülerrudern.
3n Ausführung der Beschlüsse des jüngste Rudertages im September haben nunmehr eine Anzahl Jugend- und SchülerruderverbänDe ihre Aufnahrnen in Den Deutschen Ruder-DerbanD beantragt. Da bis zur endgültigen Aufnahme Dieser 03erbänDe noch einige Zeit vergehen wirD, andererseits wichtige Fragen in Der ruDerrschen Jugendbewegung Der Lösung harren, und zwar noch vor 'Beginn der nächsten Rudersaison, sieht sich der schon bestehende Unterausschuß veranlaßt, mit den Vertretern der Verbände eine Iugendruder-Konferenz zu veranstalten, um schon möglichst bald deren Wünsche kennen zu lernen. Diese Zusammenkunft findet am kommenden Sonntag in Berlin statt. Als wichtigsten Puntt der Verhandlungen kann man wohl die Aussprache über das Training Jugendlicher und Die Abmessungen Des Bootsgerätes für Jugendliche bezeichnen.
Spielvereinigung 1900 Giehen.
ö. Der kommende Sonntag sieht 9 Mannschaften der Blauweißen im Spiel. Die Ligamann- schäft absolviert in Wetzlar-Niedergirmes ihr 9. Meisterschaftsspiel, und muß dort alles Können tn die Wagschale werfen, um ehrenvoll zu bestehen,
denn auf dem kleinen, ungewohnten Platz wird jedem das Siegen recht schwer gemacht.
Die Ligareseroe trägt m Aßlar gegen die dortige I.Elf ein Freundschaftstreffen^ aus. Trotz reichtlchen Ersatzes sollte es zu einem Sieg langen.
Die 3 a und 3 b wiederholen vormittags in Gießen, das seinerzeit vom Schiedsrichter abgebrochene Lerbandsspiel. Beide Mannschaften sind al» einzige bis jetzt m der ö Klasse ungeschlagen. Ein spannendes Spiel steht in Aussicht.
Die 5. Mannschaft empfängt nachmittags Steinbachs 1. im Rückspiel. Der Ausgang ist in Anbetracht der Gleichwertigkeit der Mannschaften offen.
Die 1. und 2. Jugend haben die beiden ersten Iugendmannschaften der Frankfurter „Eintracht" zu Gast. Das Vorjviel in Frankfurt gewann 1900s 1. Jugend 5:0. Oos abermals zu einem so hohen Siea langt?
Die 3. Jugend spielt vormittags in Gießen gegen Lichs 1. Jugend, während die Schüler nach Heuchelheim gehen, um mit Heuchelheims Schülern zu wetteifern.
Die Kre.smeislerastsspiele m Ardeiter-Turn- und Sportbund.
£ Der vierte Spielsonntag um Die Kreis- meisterschaft bringt w cDet einmal ein Treffen nach Gießen, welches noch durch Den ilmftanD bcsonDers interessieren w rd, Daß e n? Mannschaft. Die seither zu Den Besten im 9. Kreis zählte, mit unserem B zirksmeister Gießen zusammenr'.ffll Mörfelden (Turner) ist Der Gegner. Mörfelden hat seither erst einen M nuspunkt. w rd sich also sehr anstrengen, um nicht noch mehr ins Gleiten Ar kommen. Gießen. Das drei Minus- Punkte hat, erntete ob seines durchschlagskräftig?n Spiels am letzten Sonntag in Frankfurt allse.tige Anerkennung. Auf eigenem Platz, der Diesem Spielsystem mehr eittspricht, gibt die Mannschaft einen sehr ernsthaften Gegn.'r ab, so Daß die Frage nach Dem Sieger vollkommen offen bleiben muß. Rafft sich Der Sturm zu einem entschlossenen Spitt auf, so ist bei Der d.:rchw egguten Besetzung Der übrigen Mannschaststttle sogar mit einem kleinen Plus der Gießener zu rechnen. E n spannender Kampf steht demnach auf Dem Trieb in Aussicht.
Friedberg geht in ein aussichtsloses Rennen. V. f. L. 19 13 Dornheim ist von Dieser Mannschaft nicht zu schlagen, auch nicht auf Der Friedberger Seewiese. Tabellen rsier und Tabellenletzter zeigen in Diesem Treffen ihr Können, Das sicher mit einem glatten Sieg Der Bornheimer abschließen wird.
In Hanau steht Der härteste Kampf in Aussicht. Der Dortige Meister empfängt V. f. R. Wie sbaDen als Gegner. WiesbaDen konnte sich zwar Durch seiner: 2:0-Sieg über Friedberg vom Tabellen ende loslösen, hat aber trotzdem wenig Aussicht, über Die sehr produktiv arbeiten- Den Hanauer zu triumphieren. Rach Den seitherigen Erfahrungen unD Den erzielten Resultaten ist in Der Hanauer Mannschaft Der Sieger zu erblicken. , ,
Bezirksttgavorschau für Hessen-Hannover.
tz.Spielv. Kasselhatinder Rordgrupps Durch seinen hohen Sieg vom Vorsvnntag über Den S. C. 03 Kassel Die Führung vor dem Altmeister .Sport" Kassel übernommen. Spielv. muß Diese Führung verteidigen, und zwar gegen den F. D. Einbeck auf Dessen Platz, auf Dem noch kein Gast in dieser Verbandstpielsaison besonderes erreichte. Auch diesmal Dürfte Spielv. Mühe haben, gegen Die auf eigenem Platz und vor eigenem Publikum ungemein eifrigen Einbecker in Führung zu bleiben. — Der Altmeister „S p o r t" Kassel erhält Besuch von Dem Göttinger 1:0-Derlh ieger S. Dg Göttin gen. Die aufßeigenDe Form letzterer läßt auf einen hartnäckigen Kampf schließen, dessen Ausgang ungewiß ist. — Leichter sollte es der T u r a Kassel sein, sich gegen Hellas Münden, den tabellenletzten und zweifellos schwächsten De- zirksligisten, siegreich durchzusetzen, wenn auch das Spiel in Münden stattfindet.
3n der Südgruppe spielen Herma nnia Kassel und die vereinigten V. f. D. K u r - Hessen Marburg in Kassel, sowie V. f.D.
und
Wassler für meinen armen Wagen. Er hat einen so großen Dürft.“
„Wenn Sie mit mir hinter das Haus kommen moUcta, werde ich Ihnen den Brunnen zeigen", ahb toorteUe sie. Die Schönheit des Organs kam ihm fo- gleich ^ziim Bewußtsein. — Es war ein Alt, auf den
. erhob sich.
„ Es tut mir leid. Sie ^u stören", entschuldigte sich Dicf, den Hut in der ä)anö. „Aber ich brauche
Oer Frosch mit derMaske
Roman von Edgar Wallace.
(Rachdruck verboten.) I.
In Maytree Haus.
Das Heißlaufen des Kühlers traf mit dem Platzen eines Autoreifens zusammen. Und das nächste Zu- fammentreffen war, daß dies alles in Nachbarschaft des Maytree Hauses, auf der Landstraße nach Horsham, geschah. Das Landhaus war größer als die meisten dieser Art. Es hatte eine holzverzierte Fassade und ein Strohdach. Richard Gordon stand vor der Gartentüre still, um es zu bewundern. Das Haus stammte noch aus der Elisabethinischen Epoche. Aber sein Interesse und seine Bewunderung waren nicht nur die c . 5 Altertumliebhabers.
Nein, — obgleich er Blumen als ein richtiger Blumenfreund lieble, und dieser weite Gatten wie ein Teppich dalag, war es doch nicht der Duft der Provencerosen, der ihn gefangen nahm. Es war auch nicht das Gefühl von Gemütlichkeit und Sauberkeit, das dieser Ort ausströmte, nicht dieser gescheuerte, mit roten Ziegeln bepflasterte Weg, der zum Hause führte, — nicht die schneeweißen Vorhänge hinter den bleigefaßten Fensterscheiben.
Es war das Mädchen im rotbezogenen Korbsessel, das seinen Blick feftßidt Sie saß inmitten einer kleinen Rasenfläche, im Schatten eines Maulbeerbaumes^ die wohlgeformten jungen Glieder ausgestreckt, ein Buch in der Hand, eine große Schachtel Bonbon!- sich zur Seite. Ihr Haar hatte die Farbe alten Goldses, aber eines Goldes, das Leben und Glanz bewahrt hatte. — Eine fleckenlose Haut und — als sie dien Kopf in seine Richtung wandte — ein Paar grauer fragender Augen, tiefer als grau und doch graufer als blau. Sie zog die Beine hastig an sich
alle 2ldjektive angewendet werden mochten, die die Wärme, Weichheit, Klangfülle und Süßigkeit einer Stimme zu kennzeichnen vermögen. Er folgte und hätte gerne gemußt, wer sie sei. Sie hatte eine kleine patronifierenbe Färbung in der Stimme, die er wohl verstand. Es war der Ton eines erwachsenen Mädchens, einem Jüngling ihres Alters gegenüber. Dick, der dreißig Jahre alt war (und mit seinem glatten Knabengesickst wie achtzehn aussah), hatte diesen „Kleinen-Iungen-Ton" schon früher gehört und war immer durch ihn belustigt worden.
„Hier ist der Eimer und das ist unser Brunnen", sagte sie. „Ich würde Ihnen ein Mädchen zur Hilfe schicken, aber wir haben keines, haben nie eines gehabt und werden wohl nie eines bekommen."
„Da ist aber ein armes Mädchen um einen besonders guten Posten gekommen," sagte Dick, „denn ich finde es hier entzückend."
Sie schwieg und während sie ihm beim Füllen der Eimer zusah, hatte er Den Eindruck der verschlossensten Gleichgültigkeit von ihrer Seite. Aber als er die Eimer zum Auto auf der Landstraße trug, folgte sie ihm nach. Sie ging um den großen gelben Rolls herum und prüfte ihn mit Neugier.
„Fürchten Sie sich nicht, einen so schweren Wagen allein zu fahren?^ fragte sie. „Ich wurde mich zu Tode fürchten. Er ist so gewaltig und so schwer zu handhaben."
Dick richtete sich auf. „Angst?" rühmte er sich lachend. „Das ist ein Wort, das ich aus dem Lexikon meiner Jugend gestrichen habe."
Eine Sekunde lang war sie verwirrt, dann lachte sie wie er.
„Sind Sie über Welford gekommen?" fragte sie. Er nickte. „Dann haben Sie vielleicht meinen Vater auf der Straße getroffen?"
„Ich bin nur einem trüb dreinschauenden Herrn mittleren Alters begegnet, der den Sabbath entweihte, weil er einen großen braunen Kasten auf dem Rücken schleppte."
„Wo sind Sie ihm begegnet?" fragte sie mit Interesse.
„Es war zwei Mellen vor hier, — vielleicht noch näher." Und dann, als ihn -Zweifel überkam, fügte er hinzu: „Ich hoffe, daß ich nicht Ihren Herrn Vater beschrieben habe?"
„3d) glaube schon, daß er es gewesen ist", sagte sie ohne Verstimmung. „Papa ist ein Naturforscher
Photograph. Er nimmt Filme von Vögeln und Dingen auf, natürlich als Amateur."
Dick trug die Eimer nach dem Orte zurück, an dem er sie gefunden hatte und verweilte noch zögernd. Er suchte nach einer Entschuldigung seines Bleibens und glaubte sie in dem Gatten zu finden. Wie weit er jedoch dieses Gesprächsthema hätte ausschöpfen mögen, muß bloße Vermutung bleiben, Denn eine Unterbrechung des Gespräches trat in Gestalt eines jungen Mannes aus dem Haustor. Er war groß, hübsch, athletisch gebaut. Dick schätzte ihn auf zwanüg Jahre.
,Hallo, Ella, ist der Vater zurück?" begann er und dann sah er oen Besucher.
„Mein Bruder", stellte das Mädchen vor und Dick Gordon ward sich dessen bewußt, daß er die freie und leichte Art des Bekanntwerdens seinem jugendlichen Aussehen verdanke. 2lls unbedeutender Junge behandelt zu werden, hatte, wie es schien, seine Vorteile. ,Lch habe ihm gesagt, daß man es jungen Burschen nicht erlauben sollte, so große Wagen zu lenken", sagte Ella. „Erinnern Sie sich noch an den gräßlichen Zusammenstoß bei der Nor- ham-Kreuzung?" Ray Bennett kicherte. „Das gehött alles mit zu Eurer Verschwörung. Nur damit ich kein Motorrad bekomme! Vater glaubt nämlich, daß ich damit jemanden zu Tode fahren würde und Ella denkt, ich würde selbst dabei verunglücken."
In diesem Augenblick sah Dick den Mann, dem er auf der Landstraße begegnet war, hereinkommen. Groß, mit lockeren Gliedern, grau und hager von Antlitz, blickte er ihm, dem Fremden, mißtrauisch aus seinen tiefliegenden Augen entgegen.
„Guten Tag", stieß er kurz hervor. „Panne gehabt?" „Nein, danke. Ich hatte nur kein Wasser und Fräulein---"
„Bennett", sagte der Mann. „Sie hat Ihnen Wasser gegeben? Nun also, guten Morgen." Er trat beiseite, um Gordon an sich vorüber zu lassen, aber Dick öffnete von innen her das Tor und wartete, bis der Besitzer von Maytree Haus hereingekom- men war.
„Mein Name ist Gordon", sagte er. „3d) danke 3hnen noch sehr für 3hre Gastfreundschaft."
Mit einem Nicken ging der alte Mann, seine schwere Last tragend, ins Haus. Und Dick wendete sich, fast verzweifett darüber nun gehen zu sollen, an das junge Mädchen:
„Sie irren, wenn Sie das Lenken des Wagens für so schwierig halten, wollen Sie es versuchen? oder vielleicht Ihr Bruder?" Das Mädchen zögerte. Ader der junge Bennett sagte eifrig:
„3d) würde es sehr gerne versuchen, ich habe noch nie eine starke Maschine geführt!"
Daß er sie zu führen vermochte, wenn die Gelegenheit sich bot, zeigte er nun. Sie sahen zu, wie Der Wagen um die Ecke glitt, Das Mädchen mit einer kleinen Falte zwischen den Brauen, Dick alles außer dem einen vergessend, Daß er noch einige Minuten in ihrer Nahe zu bleiben vermochte.
„Hätten Sie chn doch nur nicht fahren lassen", sagte das Mädchen. „Es nützt einem 3ungen, Der sich immer nach etwas Besserem sehnt, nichts, wenn man chn solch ein schönes Auto lenken läßt. — Vielleicht verstehen Sie mich nicht? Ray ist sehr ehrgeizig und träumt von Millionen. So etwas bringt ihn immer ganz außer sich."
3hr Vater kam in dem Augenblick aus Dem Hause unD fein Gesicht verfinsterte sich, als er Die beiden am Tore stehen sah. „Sie haben chn den Wagen lenken lassen?" sagte er grimmig. „Es wäre mir lieber gewesen, wenn's nicht geschehen wäre. Sehr nett von 3hnen, Herr Gordon, aber in Rays Fall eine ganz verfehlte Freundlichkeit."
„Es tut mir leid, —" sagte Dick reuig. „Da kommt er!" Der große Wagen kam auf sie und hielt vor dem Tore.
„Er ist wundervoll!" Ray Bennett sprang heraus und überflog den Rolls mit einem Blick, in dem Bedauern und Bewunderung sich mengten. „Mein Gott! — wenn der mir gehörte!"
„Er gehört dir aber nicht", fiel ihm der Alle ins Wort. Doch dann, als würde er seine Heftigkeit bereuen: „Vielleicht wird dir eines Tages ein ganzer Wagenpark gehören, Ray!" Dick trat vor um sich zu empfehlen. Da fragte der alte Benett zu seiner freudigen Ueberraschuna: „Wollen Sie vielleicht bleiben und eine einfache Mahlzeit mit uns teilen? Dann werden Sie meinem unflugea Herrn Sohn auch erzählen können, Daß ein großes Auto zu besitzen, nickst immer die reinste Der Freu« Den ist." Dicks erster Eindruck war des Mädchens Erstaunen. Anscheinend wurde er ungewöhnlich geehrt, was ihm, nachdem John Bennett gegangen war, bestätigt ward. (Scrticgung folgt.jf


