Einzelbild herunterladen

Nr. 172 Zweites Blatt

Der Kampf um den vawesplan.

Trotzdem der Dawesplan sich noch lange nicht in seiner vollen Stärke auswirkt, mehren sich die Stimmen aus der internationalen Wirt­schaft, die seine grundlegende Revision fordern. Fraglich ist allerdings, ob und wann diesen auf mehr wirtschaftlichen Erwägungen beruhenden Forderungen politische Erfolgsmöglichkeiten be- fchieden sind.

Der Schlüsselpunkt zu einer Revision des Dawesplans liegt bei den Vereinigten Staaten. In den Vereinigten Staaten fliehen letzten Endes alle internationalen Zahlungen zu­sammen. Die Verschuldung der Ententeländer an die Vereinigten Staaten bewirkt, dah die deutschen Reparationszahlungen auf dem Arnweg über die Kriegsoerschuldung der Entente an die Ver­einigten Staaten in diesem Lande sich konzen­trieren. Dei den Vereinigten Staaten, als den Hauptinteressenten, liegt also die letzte Entschei­dung. Run hat sich in den Vereinigten Staaten felhst eine einheitliche Meinung über den Dawes- Pakt bisher noch nicht herausgebildet. Der ameri­kanische Geldgeber, der im letzten Jahre sehr hohe Beträge in Deutschland angelegt hat, hat natürlich alles Interesse an einer Sicherste!- lung der Zinszahlungen für daspri- v a t e Kapital, die unter Umständen durch die Dawesverpflichtungen gefährdet werden könnten.

Auch die amerikanische Industrie und die amerikanische Arbeiterschaft hat ein ge­wisses Interesse daran, dah die Dawesverpflich- lungen keine üebrtriebcne Höhe erreichen. Denn je stärker der auf Deutschland lastende Repara- tionsdruck ist, desto mehr wird Deutschland zur Steigerung seiner Ausfuhr genötigt sein, um seinen Verpflichtungen Nachkommen zu können. Deutfchland kann sogar sich moralisch auf den Dawes-Vertrag stützend eine Erleichterung seiner Ausfuhr verlangen, eine Forderung, der sich seine Dertragskontrahenlen auf die Dauer nur schwer werden entziehen können. Sie haben die Wahl zwischen einer Revision des Dawes­planes oder einer Aeyderung ihrer Zoll­politik gegen deutsche Waren.

Anders ist die Stellung des amerikanischen Steuerzahlers. Dessen Interesse geht vor­läufig nur dahin, von den Schuldnerländern mög­lichst hohe Summen zu erhalten, um mit ihrer Hilfe den amerikanischen Staatshaushalt und da­mit die Steuerlast möglich st niedrig zu halten. Da die meisten Schuldnerstaaten aber in ihre Rechnung den Fortgang der Reparations­zahlungen durch Deutschland eingestellt haben, befürchtet der amerikanische Steuerzahler aus diesem Punkt Konfliktsmöglichkeiten. Auch von außerhalb können an die Vereinigten Staaten zwiespältige Ansichten über den Dawesplan herangetragen werden. Die Vereinigten Staaten bezweckten mit dem Dawesplan die Sicherung des europäischen Schuldendienstes durch deutsche Reparationsleistungen und die Entwicklung von A n l a g e Möglich­keiten für das amerikanische Kapital in Europa, dessen wirtschaftliche Konsolidierung durch den Dawes-Vertrag sichergestellt werden sollte, um auf dieser Grundlage das Aebergewicht des ame­rikanischen Kapitals über das europäische stabili- sieren zu können. In einigen Ländern Europas sind die hier für die europäische Wirtschaft ruhen­den Gefahren erkannt worden. Es ist nicht aus­geschlossen, dah gegen diese Absichten der amerika­nischen Finanz und der amerikanischen Wirtschaft ein europäischer Gegenblock sich bildet, der natür­lich auf die Dawespolitik der Vereinigten Staa­ten erheblichsten Cinfluh gewinnen würde.

Reben diesen Momenten wirken noch mehrere andere auf die Dawespolitik ein. Besonders kommt hier noch in Betracht der Währungsver­fall mehrerer europäischer Staaten, der das wirtschaftspolitische Gleichgewicht Europas völlig verschoben hat und der die tatsächliche Wirt- fchaftsmacht wichtigster europäischer Wirtschafts­staaten künstlich verschleiert. Schließlich kommt auch noch in Frage die Gestaltung der Weltkonjunktur, die infolge mannigfal­tiger Umstände eine endgültige Form zur Zeit noch nicht angenommen hat, so dah es schwer ist. abzuschähen, wie die einzelnen Staaten von

Der krumme Dolch.

jT Von Carl Ferdinands.

Die Schlösser am Mälarsee sind schön, Grips­holm, Tidö, Drvttningholm. am schönsten aber Skokloster, in dem um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts der gewaltige Reichsfeldherr und Reichsadmiral Karolus Gustavus Graf von Wrangel gebot, der beste Schüler des schwedischen Schlachtenkönigs, der bei Lützen fiel. An den Schlössern am Mälarsee haften viel deutsche Tränen, viel deutsches Blut, wie an so manchem nordischen Hcrrenschloh, beim sie sind gebaut von der Beute, die aus der dreißigjährigen Ver­wüstung Deutschlands stammte; was Gustav Adolf verachtete und verpönte, seine Rachfolger ver­standen sich allzu gut darauf, Bauer, Torstenson, Wrangel und ihre Leute; und dann konnte man in der Heimat Schlösser bauen, wie sie ehemals im armen Schweden unerhört waren.

Viel Tränen, viel Blut haftet auch an Sko- kloster, wo Hermann Wrangel, der Vater, in Wildnis und Einsamkeit in den aufgebauten Ruinen der ehemaligen Cisterzienserabtei hauste, der Sohn Karl Gustav aber den Prachtbau er­richtete, den man heute noch bewundern kann, das viertürmige Schloß zwischen schwellenden Gärten und Wäldern am Mälarsee.

Eines Abends, erzählt eine sage, sah der Reichsfeldherr am Eichentisch in der hohen Halle rauchte seine lange holländische Tonpfeife, trank'mürrisch sein Glas Franzwein und gedachte vergangener Tage. Das schmerzende Dein hatte er auf einen Schemel gelegt und sann wie er. der kaum Sechzigjährige, schon durch Alter und Anlust behindert sei. Er dachte an seine frischen Ougendtaten, an die beutefröhlichen Zuge durch Deutschland, an den Sieg an ^urenneä Seite über die Kaiserlichen, an die siegreiche Seeschlacht bei Fehmarn gegen die Dänen, an den Sieg bei Warschau über die Polen, Fuh bei <*uv mit dem Kurfürsten von Brandenburg erfochten, avas für ein Kerl war doch Karolus Gustavus ge­wesen, der hier am Elchentisch sah und kost- lichen Franzwein mürrisch hinter sein spitzes Kinn schlürfte. m

Es war sehr leer heute im Schlosse, -der- toandte und Dienerschaft alle nach Wrnbotten

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Montag, 26. Juli 1926

den künftigen Konjunkturverhältnissen betroffen werden.

Aus dem hier gegebenen Bild geht hervor, wie kompliziert die Lage ist und wie viele Momente bei einer Revision des Dawes-Planes mitsprechen. Auch dann, wenn in der Theorie eine baldige Revision des Dawes-Planes als notwendig zugegeben werden sollte, wird die praktische Verwirklichung infolge der politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Interessengegen­sätze längere Zeit in Anspruch nehmen.

Brief aus Belgien.

Don unserem ^.-Berichterstatter. (Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenI)

Brüssel, im Juli 1926.

Run leben wir auch hier im Jnflations- land und machen mit. was wir schon alles zu Hause in Deutschland rnitgernacht haben. Es wird den ganzen Tag gerechnet. Man konstatiert, dah alles teurer wird aber daß die Gehälter mit der Steigerung der Preise keinen Tritt halten. Man spricht nur noch von Kursen, Pfunden, Dollars und man wird dadurch immer nervöser. Wan urteilt und verurteilt und jeder hätte es besser gekonnt. Regieren ist schwer in solchen Zeiten!

Inzwischen überfluten die Ausländer das Land. Auf den Boulevards hier in Brüssel herrschen Engländer, Amerikaner, Holländer, Skandinavier. Auch viele Deutsche haben sich wieder hierher gewagt, sie habens zum Teil hüben müssen, wie Zwischenfälle in Blanken- berghe beweisen, mit denen sich jetzt sogar das Kabinett befassen muhte. Alle Fremden sind auf der Hinreise nach Paris oder kom­men gerade ganz begeistert aus Frankreichs Hauptstadt zurück. Sie haben es gut. Sie können sich manches leisten und leben doch billiger als zu Hause. Die Belgien wissen Bescheid: Es ist noch nicht so lange her, dah sie Rheinland und Westfalen leer kauften, damals als es eine Papiermark gab, und einen Frank, der als sichere Edelvaluta galt.

Die deutschen Gäste fühlen sich, wenigstens in der Grohstadt, frei und unbehelligt. In der Kleinstadt haben sie es vermutlich nicht gerade so gemütlich aber in der Kleinstadt haben Ausländer nun wieder nichts zu suchen. Wenn der deutsche Reisende gut französisch oder eng­lisch spricht, kann er auch ruhig einen Ausflug nach dem ehemaligen Kriegsgebiet unternehmen. Sonst tut er besser, nicht hin zu fahren. Es gibt bei derartigen Ausflügen, und dies haupt­sächlich, wenn man in der Gesellschaft tempera­mentvoller Franzosen fährt, schnell einen Grund zu Reibereien. And es ist besser, sie zu ver­meiden.

Run gelingt dies aber nicht immer, und auch nicht in den von den Ausländern bevor­zugten Städten. Vor einigen Tagen erzählten die hiesigen Zeitungen folgende Geschichte: Ein ehemaliger deutscher Offizier verbrachte seinen Urlaub in Ostende. Eines Tages ah er zu Mittag in einem Restaurant und wurde da von einem Kellner bedient, der in deutscher Ge­fangenschaft gewesen war unb ihn erkannte als den Mann, der ihm das Leben im Gefangenen­lager unangenehm gemacht hatte. Kurz ent­schlossen warf der Kellner dem deutschen Gaste eine Schüssel an den Kopf. Die Zeitungen er­zählen nicht, ob der Wirt seinen rabiaten Kellner entlassen hat. Auch erfahren wir nicht, was der Offizier a. D. tat. Aber es mutet komisch an, diesen Kellner in der nationalistischen Presse Belgiens gefeiert zu sehen als einen ganz grohen Helden. Dieses Heldentum hat er wirklich sehr billig erworben!

Bei solchen Geschichten tauchen natürlich Kriegserinnerungen auf. Erinnerungen aus der Zeit der Besetzung Belgiens. Da hatte jeder seine Sympathien und feine Antipathien, seine Freunde und seine Feinde. Cs gab da Leute, die vermutlich nur Feinde zählten, aber es gab zu der Zeit in Belgien auch Menschen, die von allen geschäht und verehrt wurden. Einer dieser seltenen Persönlichkeiten ist kürzlich hier in Brüssel gestorben: Es war der spanische

hinüber, um des dortigen ältesten Sohnes Hoch­zeit zu feiern. Rur der alte, taube Diener Erik zu seinen Diensten bereit. And schon kam er un­aufgefordert hinein und meldete einen Fremden, einen Gelehrten aus Leyden, der dem Grafen feine Aufwartung machen wolle. Der Reichsfeld­herr lieh ihn bitten, er hörte gerne in feiner Skoklosterabgefchiedenheit von gelehrtem Wesen und zeigte auch, eine begreifliche Schwäche, den Fremden, wenn sie es wert waren, gerne seine unermeßlichen Kunstschähe, die er in Deutsch­land gesammelt hatte.

Ein einnehmender Herr, in schwarzes Tuch gekleidet, mit dem modischen Bartschnitt und dem langen, schön gewellten Haar, mit höfischen Ge­bärden. die einem Empfang des vierzehnten Lud­wig Ehre gemacht hätten, mit reizenden leichten Plaudereien über allerhand Welthändel, Wissen­schaft und Künste. Bald waren die Beiden, nach­dem Erik noch ein paar Flaschen Ungar heran- geschleppt hatte und sich dann zurückziehen muhte, in tiefen Gesprächen, und nicht lange, so hob sich, trotz seines schmerzenden Deines. Karl Gustav mit Hilfe des Fremden auf, um diesem die Samm­lungen zu zeigen. Der große Kriegsmann ver­gast seine Gicht, er humpelte von Saal zu Saal, von Stube zu Stube, er schwamm wie ein Junger in diesem Meer von Erinnerungen, er zeigte Bil­der. alte Tafeln, die er aus Klöstern und Sakri­steien mitgebracht hatte, seltsame Schreine, mit Schildereien bedeckt. Töpfereien gar künstlicher Art. Krüge, auf denen die ganze biblische Ge­schichte abkonterfeit war, uralte gemalte Perga­mentbücher. die in ihren hellen Farben so strahl­ten. als ob sie heute fertiggestellt waren, alte nur erdenkliche Kostbarkeit. Der Fremde, der sich Doktor Desiderius Erasmus llltor nannte, floß über von feinem Verständnis all dieser Schätze, begierig ließ er sich erzählen, wo das alles zu finden gewesen sei und lächelte geistvoll und nach­sichtig, wenn Karl Gustav etwas gar zu lebhaft und handgreiflich seine Beutezüge beschrieb.

So waren sie in der Waffenkammer angefom- men und betrachteten die goldeingelegten Waffen, die Armbrüste, Hakenbüchsen, Rüstungen. Helme, Degen und Dolche. Für einen kurzen Iagddolch von einer sonderbaren gebogenen Form, ^>er in einer elfenbeingefchnitzten orientalischen Scheide

Botschafter, Marquis de Dillalobar de Guimareh. Seit 1913 war er, zuerst als Gesandter, Vertreter seines Landes beim belgi­schen Hof. Als 1914 die belgische Regierung nach Ste Adresse bei Le Havre umsiedelte, blieb er mit feinen Kollegen aus den Vereinigten Staa­ten und Holland auf feinem Posten; und während der ganzen Dauer der Besetzung hatte er nur eine große Sorge: Er führte den Kamps ge­gen d i e drohende Hungersnot. And außerdem trat er wiederholt auf als Vermittler zwischen der belgischen Bevölkerung und den deut­schen Behörden. In der Kammer hat Minister­präsident Iaspar dem Gedächtnis dieses Diplo­maten und Menschenfreundes einige wohlgewählte Worte gewidmet Alle Parteien und die ganze Presse haben sich diesen Worten angeschlossen.

Eine derartige Einigkeit ist im belgischen Parlament, wie in jeder Volksvertretung, eine große Seltenheit. Auch hier hat jede Partei in jeder Frage ihre eigene Meinung. Ein Glück ist, dah Belgien eigentlich nur drei Parteien zählt und mit drei verschiedenen Meinungen läßt es sich manchmal noch wirtschaften. Run sind aber die Zeiten außerordentlich schwierig. Das Brot kostet 3 Franks. Aeberall stellen die Arbeiter Lohnforderungen. In verschiedenen Städten wurde und wird gestreikt und die Regierung gibt sich die größte Mühe, einen Ausweg aus dem Labyrinth der Inflationsschwierigkeiten zu finden.

Obwohl nun das Problem des belgischen Frank eigentlich ganz unabhängig von dem des französischen Zahlmittels ist. erwartet man hier sehnsuchtsvoll die französische Stabilisierung in der festen Aeberzeugung. dah es dann auch in Belgien automatisch besser gehen wird. Inzwi­schen versuchen die belgischen Staatsmänner auch selbst etwas zu erreichen. So ist immer wieder die Rede von Verhandlungen mit amerikanischen Bankhäusern, die eventuell bereit wären, Belgien zu sanieren, die aber sehr weitgehende Forde­rungen stellen. So wurde behauptet (und Bvka- nowski bat dies in der französischen Kammer auch erzählt), die Amerikaner hätten von Belgien als Pfand für drei Milliarden Franks Anteile an den Kupferminen Kongos verlangt. Außer­dem war wieder davon die Rede, daß Ameri­kaner den Versuch machen würden, die belgi­schen Eisenbahnen zu erobern.

Iaspar, der belgische Ministerpräsident, hat dies alles dementiert.Rie", sagte er,hat sich ein amerikanischer Staatsmann oder Finanzmann eine derartige Anspielung über unsere Kolonien erlaubt". And er fügte hinzu, dah auch in Amerika behauptet worden ist, die belgischen Eisenbahnen könnten viel wirtschaftlicher ausge- beutet werden. Daher das Gerücht, dah Amerika sich für dieses Unternehmen interessiert.

Belgien spart momentan, was es nur sparen kann. Ein Sonderkomitee hat den Auftrag, nur Mittel zu suchen zwecks Verringerung der Ausgaben. Dies Komitee hat tatsächlich schon manches erreicht aber wenn der Frank weiter stürzt, wird seine Arbeit dennoch umsonst gewesen fein. Inzwischen hat es schon die Ausgaben für die Eisenbahnen nur für das Jahr 1926 um 98 Millionen herabgesetzt. Die ordentlichen Aus­gaben des Reiches werden fast 19 Millionen weniger betragen müssen und im Heeeesetat will man weitere 9 Millionen ersparen. Schließlich sollen die Unter ftüßungen, die vom belgischen Auswärtigen Amt gewährt werden, im ganzen um 64 Proz. verringert werden.

Houtart, der neue belgische Finanzminister, hat vor einigen Tagen in der Kammer über die finanzielle Lage gesprochen und behauptet, sie wäre besser, als der Frankensturz vermuten ließe. Eine Stabilisierung sei möglich, wenn man die Sicherheit habe, dah die schwebenden Schulden nicht steigen und so zurückbezahlt werden können. Der Minister hoffe, dah es gelingen würde, den Frank zu stabilisieren und zwar so. daß ein englisches Pfund 150 Franks wert fein dürfte. Der Frank würde also in Deutschland ungefähr 13.5 Pfennig notieren. Man hat auch Dorge- schlagen. das Pfund 200 Franks notieren zu lassen, aber, meinte der Minister, diejenigen Kreise, die dies wünschen, sind zu pessimistisch veranlagt. Eine Stabilisierung auf 105 ist da­

steckte. schien Doktor Desiderius Erasmus Altor besonders Sinn zu haben. Er bat, ihn aus dem Schrank herausnehmen zu dürfen, betrachtete ihn genau, prüfte ihn von allen Seiten, während er verbindlich schmunzelte und sich ein paarmal, als wenn andere Gedanken ihn beschäftigten, ohne Erfordernis verbeugte. Dann zog er ihn aus seiner Scheide, nickte und, während er wie spie­lend des Feldherrn gerunzelte schwere Hand er­griff, fuhr er in einer Sekunde mit der Schärfe über ihren Rücken hin, so daß die nabelfeine Spitze die Haut ein wenig ritzte.

Er ist nämlich, wie Eure Exzellenz sehen, sehr scharf, lächelte er zuerst, bann, als sich ber zarte Streifen Blut zwischen ben blauen Adern auf ber Hanb Karl Gustavs zeigte unb biefer erschreckt unb überrumpelt ben Gast verständnis­los ansah, warf er ben Dolch flirrenb auf ben Boben, sprang ein paar Schritte zurück, keuchte überstürzt:Meine Mutter in Franken hat wegen dieses Dolches mehr Blut lassen müssen als Ihr jetzt, all ihr Blut!" und dann fnarrte er mit rauher, heiserer Stimme:Er ist nämlich ver­giftet, ber inbische Dolch, langsam werbet Ihr sterben, unter Schmerzen, aufschwellen werbet Ihr unter monatelangen Qualen, bamit Ihr genug an all bas Blut unb Elenb benkt, bas an Euren Schätzen unb Eurem Gut hängt. Wie ein tollwütiger Hund werdet Ihr über Rächt, viel­leicht erst noch nach langer Zeit, plötzlich erkranken und schrecklich leiden und sterben!" And huschte wie ein Geist hinaus.

Kari Gustav brüllte, griff vergeblich nach ihm, schrie nach Erik; endlich kam ber, als ber keuchende, hinkende Feldherr schon die vorderste Tür erreicht hatte. Der Fremde war nicht mehr aufzufinden. Man schickte nach ben Aerzten im nahen Apsala, man brachte ben Grafen zu Bett. Die leichte Wunbe schloß sich. Aber, obwohl die Vergiftung nicht eintrat, noch Wochen, noch Monate lang hielt die Qual, bie heimliche Tobesangst an unb ber Zwang, an all seine Opfer, an bie Opfer feiner schönen, reichen Deute zu benfen, an Tränen, Blut, Armut, Verzweiflung unb Unter­gang.

Seitdem liebte es ber Reichsfelbherr Karl Gustav Graf von Wrangel, ber ruhmgekrönte Sieger in vielen Schlachten, nicht mehr, seine Sammlungen zu betrachten.

gegen auch wieber nicht möglich. Das vorige Kabinett hat den Versuch gemacht unb babei in zwei Monaten 94 Millionen Dollar vergeudet. Infolgedessen schien eine Stabilisierung auf 150 ber richtige Mittelweg. Run finb diese ganzen Berechnungen in ein paar Tagen über ben Haufen geworfen, ba ber belgische zusammen mit bem französischen Frank bie 200-Drenze längst überrannt hat Die Folge war die Erteilung von Vollmachten an ben König eben­solchen Vollmachten, wie Caillaux sie vergeblich erstrebte.

Gin paarmal jährlich wirb in Belgien, unb hauptsächlich in Flanbern eine Bewegung zu Gunsten ber Amnestie für die politischen Gefangenen geführt. Hauptziel dieser Be­wegung ist noch immer die Befreiung der ehe­maligen Aktivisten, die nach dem Kriege ein Opfer ber belgischen Rache geworden sind. Die Bewegung gibt jedesmal Anlaß zu einer ober mehreren Interpellationen in der Kammer unb babei stellt sich immer heraus, bah es eigentlich nur eine einzige Schwierigkeit gibt: Dr. Börms.

Dr. Dorms. der ehemalige Vorsitzenbe bes Rates von Flanbern würbe zum Tode verurteilt seine Strafe wurde aber später in eine lebens­längliche Zuchthausstrafe umgewandelt. Alle Aktivisten will das offizielle Belgien begnadigen, nur Bonns nicht. And auch Bonns würde schließlich seine 'Freiheit zurückgewinnen können. Dazu würde es genügen, wenn er erklärte, in der Zukunft keine aktive Rolle in der flämischen Be­wegung mehr zu spielen. Stolz lehnt aber Bonns jedes Kompromiß von ber Hand, und deshalb bleibt er hinter ben Mauern des Lowener Ge­fängnisses. Allmählich wird er in den flämisch- nationalistischen Kreisen zu einem Heiligen. Man kann zu bestimmten Tagen in ber rabifalen flämi­schen Presse lesen, bah Bonns am nächsten Sonn­tag um 10 Ahr in seiner Zelle für sein Flqndern beten wirb. And alle flämischen Katholiken toer- bqi aufgeforbert, sich biesem Gebete anzuschliehen.

So bekommt ber Sprachen- und Rationali- tätenkampf in Flandern seine Märtyrer und ein Kampf, der sich seiner ^Märtyrer rühmen kann, wird immer leidenschaftlicher geführt. Belgien sollte etwas mehr Verständnis für diesen Kamps zeigen, da es sonst leicht ein Opfer dieser Leiden­schaft werden könnte.

vom hessischen volksschulwefen.

Kürzlich erschien in mehreren hessischen Blät­tern ein Artikel, der sich mit den hessischen Volks­schulen als Gemeindeeinrichtungen befaßte. Es waren darin auch die geschichtlichen Verhältnisse gestreift und erklärt worden, daß eS in Hessen vor 100 Jahren, außer ben Gelehrten­schulen keine Volksschulen, sondern nur sogenannte Hanwerker-Schreib- und Leseschulen gegeben habe. Prälat D. Dr. Diehl, ein ausgezeichneter Kenner der Geschichte des hessischen Schulwesens wendet sich in ber Darmstäbter Zeitung gegen biese Behauptung unb stellt ben tatsächlichen Sach­verhalt, ber ein allgemeines Interesse bean­sprucht, u. a. wie folgt bar: Die Geschichte des Dollsschulwesens zeigt uns, bah es im Hessen- lanb, aber auch in benachbarten (evangelischen unb katholischen) Territorien, wie in ber Pfalz, Kurmainz ufw. bereits ein Jahrhunderte altes geordnetes Volksschulwefen gab, als das 19. Jahrhundert heraufzog. Es ist wie an Der Geschichte jeder Pfarrschule festgestellt werden kann das Ergebnis einer großen volkserziehe- rischen Bewegung gewesen, die in ganz Mittel­und Süddeutschland in dem letzten Viertel des 16. Jahrhunderts einsehte und bis an den Be­ginn des Dreißigjährigen Krieges andauerte. In dieser Periode sind von ben Schulen, bie etwa in ben zwanziger Jahres bes neunzehnten Jahr- hunberts vorhanden waren, über 80 Prozent ent­standen, und zwar was Besoldung des Lehrers, Schullokal und Auswahl des Lehrerpersonals an­langt, in einer Ausstattung, die hinter den An­fangszeiten des 19. Jahrhunderts in keiner Weise zurücksteht. Es fei nur darauf hingewiesen. daß die Schulhäuser des beginnenden 17. Jahrhun­derts in vielen Orten in wesentlich besserer Ver­fassung waren als bie Schulhäuser des beginnen­den 19. Jahrhunderts; dah noch 1820 in den meisten Orten die Besoldung des Lehrers aus

Frankfurter Theater.

Von ber Operette zur Revue ist nur ein ganz, ganz kleiner Sprung, diesen Sprung hat bas Reue Theater gemacht, inbem es auf bieTu- genbprinzefsin" bie Revue:W a s Frauen träumen" folgen ließ. Also bie Frauen träumen in 15 Bilbern nach ber Musik Dr. R. Kätschers, für bas Textpotpourri zeichnet K. Far­kas verantwortlich. Das Wiener Apollo-Theater serviert diese recht geschmackvoll arrangierte Revue, bie nach großen Dorbilbern mit einem Vorspiel im Himmel beginnt, einige wirklich gute Einfälle hat, wie zum BeispielFußballmatsch zwischen Publikum unb Bühne (zu unserem Stolz hat Frankfurt gesiegt), unb was bie Hauptsache ist, ganz famos gespielt wirb, ein wirklich aus­gezeichnetes Ensemble! Der rote Faden bei ber amüsanten, oft furchtbar komischen Angelegen­heit ist bie träumende Frau, die Idee kommt der Revue sehr entgegen, denn Träume sind ja immer bunt Zu der träumenden Frau gehört natürlich auch der bewußteHeld der Träume" von Ro­bert Rästlberger, mit bem bie Frankfurter schon in berGräfin Mariza Freundschaft ge­schlossen haben, mit ber nötigen Eleganz gelungen unb getanzt. Aber noch ein anberer guter Be­kannter steht auf ben Brettern, Oskar Karl- weiß. ber mit feinem Charme unb seiner Lustig­keit allein schon bas Publikum einen ganzen Abenb unterhalten kann; er ist, man möchte sagen, eine männliche Raive, jebenfalls entfesselt er als Engel Iellinek Degeisterungs- unb Lach- stürme. Bei Lachstürmen barf man aber auch ben dicken S i g i Hofer auf keinen Fall vergessen, er wirkt unwiderstehlich erheiternd. Gerda Mau­rus ist ein äußerst fescher, stimmbegabter Traum­engel unb Hilbe Schulz, bas, was ihre Rolle vorschreibt, nämlich eine schöne Frau. Bei den Tanzgirls konnte man feststellen, baß in Wien bie knabenhafte Linie nicht so recht Mode zu sein scheint. Außer ber schmissigen Musik Dr. Kät­schers finb Die bekanntesten unb sangbarsten Schla­ger ber Mode in das Spiel, welches die nur auf Pomp gestellten Masfenbilber vermeidet, einge- f lochten; musikalische Leitung Kapellmeister E. Hen­richs. Regie: Robert Rästlberger. Das Publikum folgte mit Dem größten Vergnügen Dem Traumengcl in Dies unterhaltenDe TraumlanD. L. W.