Ur. <20 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Mittwoch, 26. Mai 1926
Das Fenster gegen Süden.
(Wo einst Deutschland aufhören wird.) Don
Prof. Josef Friedrich Perko.nig, Klagenfurt.
Italien lächelt herein, mit Landschaft. Menschen und Früchten. Wenn du auf einem der Türme dieser fern in den Süden herunter vorgeschobenen, im geschlossenen deutschen ötcd- lungsbereiche letzten deutschen Stadt Villach stehst, die mit der anderen, benachbarten Klagenfurt. ungefähr die gleiche geographische Breite besitzt, dann wisse, daß jene und jene da unten im nahen Süden und Sudwesten schon italienischer Doden sind, daß du nur wenige Stunden bis zu ihrem Fuße zu wandern brauchst. Manche von ihnen sind erst vor einigen Jahren italienisch geworden, als Dummheit und Gier neuerlich die Erde von Europa teilten. Ihre Xiamen sind in dem Sprachgebrauchs jener Gegend noch deutsch, wenngleich sie eine fixe Derwal- kungsbehörde, von kurzsichtigen Menschen be- r.?_ten. die ba glauben, daß die Vergangenheit mit einem Federstrich und -stich gelötet werden könnte, womöglich über Dacht umtaufte. Man sieht von Villach gegen Süden lauter Grenzhöhen. Und dieser Süden ist fremdes, ja irgendwie letzten Endes, trotz aller gelegentlichen über- tünd)ten Freundschaft und Wohlgeneigtheit, dennoch feindliches Land: Italien und Süd- slawien. Die Wolken, die wie Wallfahrer über die Raidler Derge, den Wurzenpah, den Mittags- kogel ziehen, ftefjen über jenseitigem Land, und aus der Stadt Villach, die ein letztes, weit offenes Fenster aus deutschem Bereich gegen den Süden aufreibt. kann das Bedauern hinströmen, weil uns der Weg zu der alten, schönen österreichischen Adria verrammelt wurde, und die immerwährende Sehnsucht, die wohl nimmermehr zur Ruhe kommen wird, daß wir teilhaben könnten an der stärkeren Sonne, an dem tiefer blauen Himmel, an irgendetwas, das wir eigentlich mit Worten gar nicht umschreiben können; kurz: andemEüden.
In dieser kärntnerischen Stadt Villach wird einem das merkwürdige Heimweh der Deutschen besonders wach und fühlbar. Es ist, als trüge die Luft bereits südliches Aroma, als wäre die Vähe allein schon Verheißung. Man braucht auf dem langen, fanft abfallenden Hauptplah, über den wie eine Mahnung des deutschen, des herben Vordens der breitspurige Klotz der Görlihen hereinsieht. nur die Augen zu öffnen. Da stehen In den Häuserreihen die Bürgerwohnungen wie kleine romantische Palazzi, mit allen Zeichen italienischer Bauart. Manche von ihnen dürften ruhig in einer reinrassigen welschen Stadt sein. Man fühlt vor Dutzenden Gebäuden: hier haben italienisches Blut und italienischer Geist gebaut. Die Grenze war ja auch früher nahe, ehe sie bis auf wenige Kilometer nahe rückte. Und so wie die törichte deutsche Sehnsucht durch das Fenster gegen Süden schaute, so blicken die südlichen Augen gegen Vörden. Und eine Dahn zog hier, die wirklich das Hochoben mit dem Tiefunten verband. Die ©trabe nach Venedig und Rom war seit erdenklichen Zeiten über dieses Villach gelegt, da die Menschen noch ihren Füßen und, wenn es hoch ging, den guten Pferden vertrauen muhten. Was aus dem Süden kam oder nach dem Mittag ging, muhte Über Villach und muh es vielfach noch heute. Darum tragen einige alte Familien der Stadt italienische Vamen, darum hört man zu bewegten Zeiten, wenn die Jahreszeit den Menschen die Femen öffnet, so oiel Wohllaut und Mihklang aller italienischen Mundarten in den ©traben, deshalb scheinen die 'Früchte wärmerer Sonne, die man hier kauft, noch den Hauch ihrer Heimat zu haben, denn der Süden reichte sie ja nur durch das Fenster herein. Und deshalb scheint das Blut dieser regen Stadt, die zu ihren zwanzigtausend Menschen, was im Alpenland schon eine ansehnliche Zahl bedeutet, immer wieder hundert und hundert zugewanderter und hinzugerufener Seelen schichtet. so beweglich und entbunden zu strömen wie in keinem der anderen kärntnerischen Orte. Die Menschen hier sind auffallend anders; sie haben wenig von der besinnlichen, oft schwerfälligen Art der Kärntner, sie wissen dem Augenblick zu dienen, und sehen dennoch über ihn hinaus. Sie sind Menschen an einer lebendigen Strahe, mit wachen und wachsamen Sinnen, sie sind, bildlich gesprochen, näher der Maschine und wissen mehr um die Tragik der rasenden Zeit als die Leute des übrigen Landes. Sie sind, viel
leicht drückt es das am besten aus. die modernsten Kärntner.
Mitten durch den kleinen Ameisenhaufen wälzt sich, braun von den Schmelzwälsern des Oberlandes zwischen den Mauern ihres vor- bestimmenden Det'.es grollend und den Menschen, die am Flusse wohnen, ein brausendes Vachtlied in die Schlafstube tragend, die Drau. Ihr bunter Gesang bleibt so urhaft wie das Wehen des Windes, der von den Almen der Görlihen über die Stadt hinstürzt. Strom und Wind erinnern beständig an die Vatur; niemals könnte diele Stadt untergehen in blinder Erwerbsgier jener Stätten, von denen sich Pan mit verhülltem Antlitz fürchtend abwandte. Rund um diese Stadt hat er noch seine luftigen Throne aufgerichtet: an den Ufern des Ossiachersees, die verhältnismäßig schwach besiedelt sind, an den lautlosen, versteckten Gail- und umbuschten Draurändern, auf den Trümmerhaufen der zermürbten Burgen Lands- kron, Finkenstein, Federaun, von wo er tief in das Land hineinsieht, in dem abgesonderten Bleiberggraben. in dem schon die Römer und noch vorzeitigere Böller nach Blei schürften, auf dem Dobratsch, dem Kärntner Rigi, sichtbar aus den verschiedensten Windrichtungen
Vein, in dem, was eine Stadt zu erwürgen vermag, in Rauch. Fabriksgedröhn, Menschensklaverei. wird Dillach nicht ersticken.
Die sonst so eilende Stunde ist mit einer kleinen Erinnerung an manchen Stellen und Dingen haften geblieben. Vock hängt in der Stadt» Pfarrkirche ein Türkensäbel, noch zeigt man sich das Haus auf dem Hauptplahe. in dem der vor Moritz von Sachsen flüchtige fünfte Karl, der Spanier, wohnte; und von den Gassen weiß man, daß in ihnen der unheimliche Teophrastus Paracelsus wandelte. Vicht zu reden von dem vielen Kriegsvoll, das seit Jahrhunderten vom Süden zum Vörden und umgekehrt wechselte und immer einen heimlichen Blutstropfen hinterließ; von Vapoleon, der auf einer großen Wiese, die noch heute nach ihm benannt ist. Heerschau über die Truppen hielt, die von den Schlachtfeldern der iwrditalienischen Ebene kamen.
Dillach hat viel Kanonendonner gekört; immer drang er aus dem Süden durch fein Fenster: als die Franzosen auf dem Predil die schwache Sverre in Grund und Boden schollen und die Handvoll tapferer Oesterreicher samt ihrem Hauptmann Hermann — einen frischen Eichenkranz um seinen Vamen — verbluten ließen- als von 1915 bis 1917 Tag rmd Rächt der Schlachtlärm d-»r K^rnilck-Julischen Dergfront nicht mehr zur R"he kam: und als sich nach dem Abblasen des aroßen K^ienes in Kärn'en. wieder nur wenige Kilometer südlich und südöstlich der Stadt, ein "eues Kriegchen gegen die Slawen anfbann. Aber wer das Lehen hat. mag den Tod nicht fürchten.
Eine wachsame Gemeinde von deutschen Menschen siebt aus dieser Stadt durch das Fenster gegen Süden Ihre aufrechte Gesinrrung und ihre Treue zur Ration sind die Brecher, an denen die brandenden Wogen einer fremden Kultur zerstäuben.
Schlaqeters Gedächtnis.
Zum 26. Mai.
Der Geschichtsschreiber Mommsen, an sich kein Freund der untergehenden römischen Republik, spendet doch dem letzten Republikaner Cato Worte der Anerkennung, weil er durch seinen freiwilligen Tod einen flammenden Protest gegen die gewalttätige Zerstörung der alten Ordnung erhoben, den Heuchelreden von einem Rechte der neuen den Schleier ab gerissen habe. So hat auch die auf die folgende Kaiserzeit eingestellte zeitgenössische und spätere Dichtung für Catos Opfertod — den „edlen", sagt Horaz — Bewunderung bewahrt: „Die siegreiche Sache gefiel den Göttern, die besiegte dem Cato". Sein Selbstmord galt antiken wie modernen Richtern als eine politische Tat in dem Sinne, wie ihn des landflüchtigen Spartanerkönigs Kleomenes greife Mutter allein gerechtfertigt sein läßt.
Auch unseres Schlageters Tod ist ja gewissermaßen ein freiwilliger gewesen. Denn es heißt, daß er Gelegenheit zur Flucht aus dem Gefängnisse, die ihm noch in den letzten Tagen vor feiner Erschießung geboten sei, verschmäht habe, um feine Wächter nicht zu schädigen. Man mag diesen Beweggrund überspannten Idealismus schelten: aber auch wenn ganz von ihm abgesehen und aller Nachdruck auf den Prote st willen gegen das schreiende Un-
rechi der Ruhrbesegung gelegt wird: vor dem Helden, der sich zum Blutzeugen des mit Füßen getretenen deutschen Rechtes geopfert hol, soll auch der nüchternste Abwäger realer politischer Nützlichkeit den Hut ziehen. An sich bat ja der Versuch eines gemeingefährlichen Verbrechens gegen die cicberhcit der Verkehrswege, für den das französische Kriegsgericht ein Todesurteil zu fällen sich an- gemaßt hat, keine Bedeutung für eine Erschwerung des feindlichen Rechlsbruches gehabt, da l'clbft die lange Monate fortgesetzte „passive Resistenz" der .Kohlenarbeiterschaft unwirksam geblieben ist, höchstens geholfen haben mag, die Sympathien des unbeteiligten Auslandes von Frankreich abzuwenden. Aber die nackte Tatsache einer Bewährung der Treue gegen den vaterländischen Gedanken durch den Tod, das Beispiel eines rückbaltslosen Einsetzens der 3m dioidualeristenz für ein vorausgesetztes vaterländisches Interesse behauptet alle Zeit ihren unvergänglichen Werl für das hohe Werk der Erziehung Heranwachsender Geschlechter zum Opfermute für die gemeinsame Sache. Gerade unsere Heft, in der schwachmütig kränkelnder Pazifismus und sogar bewußt volksfeindliche Verbrüderung des Parteigängertums mit außerdeutfchen Elementen ihr trauriges Wesen treiben, bedarf doppelt eindringlich Heldengestalten auch aus dem gegenwärtigen Geschlechte, die einen ehrenvollen Platz neben den großen Namen der Vergangenheit Palm und Andreas Hofer zu erwerben berechtigt find. Und wenn vor einem Jahrhunderte das Blut des von französischer Tyrannenjustiz hingeschlachteten Nürnberger Verlegers zum Hirn- mel schrie, so belastet Schlageters Erschießung für oergleichsweisen leichten Fehl das Gewissen seines kaltherzigen Henkers PoincarL sogar unmittelbar mit schwerster Anklage einer schmachvollen Grausam- feit. Albert Leo Schlageter aber wollen wir auch am dritten Jahrestage seines Todes wiederum danken für feine mannhafte Tat und durch sie uns bestätigen lassen, daß politisches Handeln nicht immer bloß klügelnden Vernünftlern in den Schreibstuben überlassen bleiben darf.
Oberhessen.
Landkreis Gictzen.
f. Klein-Linden, 25. Mai. Rachdem die erste Versteigerung der Grundstücke der Ehefrau Marg. Lang geb. Adolph nicht genehmigt wurde, fand am Freitag ein zweiter Versteigerungstermin statt. Die erzielten Preise sind etwas besser und betrugen im Durchschnitt pro Quadratmeter für Ackerland 44 Pfennig (33 bei der ersten Versteigerung), für Wiesengc- lände 61 Pfennig (57 Pfennig). Ein Obstbaumstück der Wilhelm Germer Erben erzielte für 1029 Quadratmeter einen Betrag von 720 Mark. — Der Schühenklub „Rolan d" hielt am zweiten Pfingstfeiertage bei guter Beteiligung sein Cröffnungsschiehen auf dem neuzeitlich errichteten Schiehstand links der Wetzlarer Straße ab.
n. Großen-Linden, 25. Mai. Die Pflasterung der Kreis st ratze Großen-Linden — Klein-Linden wurde am Samstag fertiggestellt. Da noch Erd- und Sandhaufen auf der Straße lagern, ist diese noch nicht ohne weiteres für den Verkehr freigegeben. Jedoch hat die Kreis- straßenverwaltung an einer Tafel belanntgegeben, daß die Durchfahrt auf eigene Gefahr gestattet ist.
ß. Leihgestern. 25. Mai. Der Gesangverein „Lieder kränz", Leiter Lehrer Blaß, Großen-Linden, unternimmt am 29. Mai eine 3tägige Konzertreise an den Rhein. Sein besonderer Besuch gilt einem Bruderverein in Rieder-Ingelheim. — Ein weiterer Teil der Bahnhofstraße wird dem K a n a l n e h an- geschlossen. Die finanzielle Lage unserer Gemeinde verbietet es, hier ganze Qlrbeit zu schaffen. Unseren Arbeitslosen, deren Zahl immer größer wird, wäre Arbeit und Verdienst recht wohl zu gönnen.
: Garbenteich, 25. Mai. Am ersten Feiertag fand hier die Einweihung des Ehrenmals statt, das unsere Gemeinde auf dem Friedhof ihren Gefallenen errichtet hat. Kurz nach 2 Uhr bewegte sich ein stattlicher Zug durchs Dorf nach dem Friedhof, geleitet von den ernsten Klängen des Posaunenchores Klein-Lin- den, der auch weiterhin zur Ausgestaltung der ganzen Feier wesentlich beitrug. Die Feier auf dem Friedhof tour-e eröffnet durch das „Rieder- ländische Dankgebet", das der gleiche Chor vor-
trug. Umrahmt wurde sie ferner durch verschiedene Chöre der drei hiesigen QHännergefan®- vereine, durch Gedicht- und Gelangsvorträge der Schulkinder, sowie durch Gemeindegesang. Vachdem die Hülle gefallen war legte Reg.-Dau- meister Schneider kurz den Ausbau des Denkmals dar und Übergab eS im Auftrag der Kreisbauverwaltung der Gemeink»e. Vachiem der Bürgermeister es in die Obhut der Gemeinde übernommen Halle, hielt der Orts- geistliche die Weiherede Er führte aus, der Gedenkstein möge immer wieder d e Erinnerung wachruicn an die Vergangenheit, an die Taten der Gefallenen. zumal unser heutiges Geschlecht so leicht vergeßlich sei. Er möge aber auch den Hinterbliebenen, deren Schmerz durch keine, ost dazu so sehr mißgönnte Rente geheilt werden können, zum Tröste gereichen. Allen Lebenden aber sollte es zur Mahnung dienen, es in Opfermut und Einigkeit ihnen gleichzutun. b ihr Herzblut fürs Vaterland gäbe i In diesem ©Uinc weihte er bann, während sich die umflorten Fahnen senkten, das Denkmal als ein Trost- und Mahnzeichen und verlas unter dem Geläute der Glocken die Vamen der 33 Gesallenen. Alsdann legten die Angehörigen und sämtliche Vereine Kränze nieder. Lehrer Weisel schloß mit einem Dankes wort an alle, die am Werke mitgeholfen haben Das Denkmal ist in Muschelkalk von der Firma W e r n e r - Hungen ausgeführt und ist ein Werk des Regierungs-BauineisterS Schneider und des Bildhauers Wilhelm Arnold. Auf einem Sockel, der die Vamen der Gefallenen trägt, erhebt sich eine viereckige Säule, deren oberer Abschluß durch eine Kugel mit Kreuz gebildet wird. $>'e vier Seitenflächen sind mit Reliefs des genannten Bildhauers geziert. Das frontale versinnbildlicht durch einen St. Michael den Kamps und trägt die Unterschrift: „Ein furchtbar wütend Schrecknis ist der Krieg". Das zweite bringt durch eine Trauernde den Schmerz zum Ausdruck: .. Wie sind die Helden gefallen!" Auf dem rückseitigen umschließt eine Mutter hegend ihr Kind gleich einer zarten Knospe, die Kommendes birgt, darunter die Worte: „Deutschland wird leben, wenngleich wir sterben mußten." Das letzte Relief, gleichfalls eine weibliche Figur, bringt das Motiv der Auferstehung. Umgeben ist das Denkmal von ehret neugepflanzten Daumanlage.
!—! Aus dem ßumbatal, 25. Mai. In Der- schiedenen Schulen unserer Gegend hielt in den letzten Tagen Lehrer Gebhardt aus Marburg erlebnisreiche Vorträge über China. Der Redner, der 30 Jahre im Schuldienst in China gestanden hat — erst an deutschen, dann an chinesischen Resorm- schulen in der französischen Interessensphäre — versteht es meisterhaft, die Kinder mit seinen Plau- dereien über Land und Leute, Sitten und Gebräuche zu fesseln.
L Saasen, 25. Mai. Roch vor einigen Jahren bestand hier eine rege Basalt st ei n - Industrie. Am Westhang des Deitsberges erstreckte sich ein ausgÄ>ehntes Dasaltsteinlager. Durch unfern früheren Bürgermeister Schepp wurde das Gelände zu einem Steinbruch angelegt und mit einem Anschlußgleis vom Bahnhof her versehen. Rach dem Tode des Bürgermeisters Schepp im Jahre 1919 ging der Stein- bruch durch Kauf an eine Gesellschaft über, dir ihn bis vor 2 Jahren ausgebeutet hat. Das Dasaltsteinlager ist ziemlich erschöpft imb lohnt nicht mehr zum weiteren Abbau. Lange Zeit hat die Gemeinde wegen Ankauf des Geländes mit der Gesellschaft in Unterhandlungen gestanden. Hauptsächlich war es der Gemeinde daran gelegen, das Anschlußgeleise in ihren Besitz zu bekommen. Unser Bahnhof ist nur für Stückgutverkehr zugelassen. Durch das Geleise wäre es möglich, auch Waggonladungen von hier und nach hier zu befördern, während seither bei solchen größeren Güterverladungen die Betroffenen nach dem Bahnhof Reiskirchen fahren mußten. Doch konnten sich bisher Besitzerin und Gememde über den Preis nicht einigen. Für die Gemeinde bedeutet selbst bei niedrigem Kaufpreis der Erwerb eine starke Belastung. Andererseits hat das Anschluhgeletse auch nur für die Gemeinde Saasen Bedeutung; denn infolge der wenigen Zugangsstraßen nach den Rachbargemeinden erledigen diese ihren Güterverkehr an anderen Stationen. Ob der Abschluß des Kaufes noch noch zustande kommt, bleibt der Zukunft überlassen. Die Gesellschaft hat inzwischen bei Kesselbach Gelände angetauft und dort einen großen Basaltsteinbruch angelegt. _______________________
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offenbar gerade noch zulässiges Mindestmaß bringen. Das Uebrige macht er mit einer ausgezeich- neten Technik.
Das muh ihm der Reid lassen: seine drei Akte sind elegant gebaut, und sein Dialog beweist, daß er Konversation machen kann. (Das können längst nicht alle Schwanlschreiber; wo denen der Dialog ausgicht, hat in der Regel ein weitgehendes Decollete das Wort. Das ist
schastsspiel empfehlen sich am Ende: Stiefbruder und Braut, Freundin und Papa (der schon lange nach Wiederverehelichung lechzte). Dieweil der entlobte Bruder, als unheilbar entlassen, auf seine Junggesellenbestände an Freundinnen dank- barlich zurückgreift.
Unter V o 1 ck s Spielleitung begab sich dies und sonst allerlei bei bester Laune vor und auf der Bühne. (Zwei Kleinigkeiten: der erste Vorhang tarn etwas langsam. Und die Braut erschien aus dem Rebenzimmer, wo sie doch „geruht" hatte, mit d"m Hut auf dem Bubikopf.)
Cs spielten mit: Volck als gediegener Schwiegerpapa, halb seriös, halb unternehmungslustig;. Alix Krahmer und Susanne Heym. die beiden Wechselbäumchen; Schwanneke, der untaugliche Bräutigam, Baste, das ahnungslose enfant terrible, strotzend von Unverfrorenheit, K u r z h o f f, ein Bedienter von erprobten Qualitäten, und Jngeborg Scherer, das Dienst- mäbdien Berta. — Verständnisinniges Gelächter im Auditorium war die Probe auf verschiedene Stempel. Dr. Th.
Frankfurter Theater.
Heber die Bühne des Neuen Operettentheaters tänzelt „Messaline11 e", die neueste Operette Walter Brommes, Text: Richard Bars und Pordes-Milo. Die Inszenierung ist vorzüglich, die Ausstattung farbenprächtig, der Chor verstärkt und bekannte Gäste aus Berlin anwesend. Elli L e u x vom Theater des Westens singt, tanzt und spielt die Dioletta-Mesialinette und verfügt über schöne Stimmittel und Erscheinung, zwei Vorzüge, die bei
Gießener Stadttheater.
Hans Sturm: „Irrgarten der Siebe".
auch bequemer.)
Was begibt sich? Ohne Liebe oder „Liebe kein Schwank. Schwänke ohne weibliche Rollen müssen noch geschrieben werden. Im Irrgarten der Liebe aber spielt man auf allen Wegen das kindliche Spiel „Verwechselt, verwechselt das Däumchen!" und muß auch (würde Fontane gesagt haben), sonst wäre es doch kein Schwank.
Friedrich Bauer hat sich verlobt. Deshalb will er seine junggesellige Freundin abschaffen, und diese soll eine schöne Villa verkaufen, die er ihr eingerichtet hat. Der reiche Schwiegerpapa erfährt aber, daß die Freundin noch nicht abgeschafft ist. Schwiegersohn in vielen Röten; gut, daß er einen Stiefbruder hat, seiner Sunden Maienblüte auf ihn zu wälzen. Ssiefbruder. als Dock zum Gärtner gemacht, verwechselt, ftatt zu arrangieren, die Freundin konstant mit der Braut, und umgekehrt (und muß auch ...)
Wo bliebe sonst, beispielshalber, der sehr drollige zweite Akt in der ominösen Villa, wo es so lustig hergeht, daß man sich bald nicht mehr auskennt? Oder die geschickt ückzem^te Konfrontierung und Entwirrung des
einer Operettendiva sehr gewichtig sind. Fritz Beckmann von den Zickelbühnen Berlin erfüllt die Gestall des Mohammed Riches ben Zoff, des falschen Eunuchen, der sich später als Vater einer sehr forschen Tochter entpuppt, mit unwiderstehlicher Komik. Als Dritter im Bunde der Gäste ist der in letzter Minute eingesprungene Max W i 11 e n z (Berlin) aufzuzählen. Auch er vertritt mit großer Beweglichkeit, als Schauspieler Othello Flips, das heitere Moment der Operette: seine Partnerin ist Lisa Rado, welche sich diesmal bis zur einzigsten Lieblingsfrau eines Paschas emporliebt. Curt Hampe-Rens Hussan- Bey ist noch der Seriöseste von allen. Er ist der arme Neffe eines schwerreichen Paschas und mutz, wenn er die Erbschaft seines Onkels antreten will, auch dessen großen Harem, nebst Lieblingsfrau Messalinette kontraktlich übernehmen. Zwar hat der Aermste gerade am gleichen Tag, da er die Nachricht vom Tode des Onkels (er ist verschollen) erhält, Violetta vom Casino be Paris geheiratet: was hilst's, er muß doch noch dem Schloß des Paschas fahren. Aber feine junge Frau folgt ihm, und da die echte Messalinette sich empfohlen hat, so tritt sie einfach an ihre Stelle und führt den guten Rene ein bißchen an der Nase herum. 2lm Schluß erscheint der oer- schollene Onkel auf der Bildfläche, und alles findet ein echtes, rechtes Operettenende. Ganz originell ist die Haremsversteigerung im letzten Akt. Jrn übriaen ist das Ganze ziemlich revueartig gehalten, der Chor sehr kurz geschürzt, die Couplets desgleichen. Die Musik Walter Brommes ist flott und bringt melodiöse Schlager und Rhychmen. Das Publikum er- labte Auge und Ohr und ließ sich alles doppell servieren. L- W-
Man verlange ausdrücklich
Giessener Brauhaus-Bierei
Svmmerspielzeit! Die heitere Muse regiert die Stunde, und das Varcheimer Kurtheater präsentiert seine erste Äooität.
Wie gut, daß wieder mal einer genügend Mut, Selbsterkenntnis und Bescheidenheit aufbringt, zu sagen: dies ist ein Schwank! Ohne uns mit falschem Ehrgeiz vorzuspiegeln: es sei ein Lustspiel, oder gar eine Komödie seiner Feder entflossen.
Wie steht es mit Schwänken? Datz Unanständigkeit, 'm plumpster Form, zu ihrem Wesen gehöre, hat Ueberproduktion von Jahrzehnten hinlänglich darzutun sich bemüht.
Daß Unwahrscheinlichkeit ihr Lebenselement ist, hat gleiche Ueberproduktion zum Gesetz erhoben. So ist die Stufenleiter für Schwank — Lustspiel — Komödie: Unwahrscheinlichkeit — Möglichkeit — Votwendigkeit. (Die dramatischen Voraussetzungen der drei Gattungen.)
Oder: Marionetten — Typen — Menschen. (Die Träger der Begebenheiten.) Oder: Gelächter — Lachen — Lächeln- (Die Stufenleiter vor dem Vorhang; die Ausdruckssormen der Anteilnahme E Diesmal? flüchtiger Versuch, den Schwank als Gattung abzugrenzen. Im Besonderen und zur Sache- Hans Sturm, vom „Extemporale her wohlbekannt, hat nicht nur jenen Mut, von dem oben aesvrochen wurde. Er konnte auch dre eben- -•‘vimLviunmiiy ' ss
falls erwähirte Frivolltät auf ein für Schwänke Klumpens im Schlußaft? Als Paare rm Gesell-


