Sein oder Nichtsein.
(Ein Kriminalroman von der Wasserkante.
Von Moritz Schäfer.
4. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Lorenzen sah ihn in wortlosem Staunen an. .
Mühlfeld tippte sich an die Stirn. „Ach so, meine Leidenschaft für den Sport hat mir den Stil verdorben. Also ich meine, das normale, dem Racker Staat genehme Börsenspiel ist in eine eklige Gefahrzone geraten, lieber Lorenzen. Das Parkett der vereidigten Makler wird in den nächsten Tagen Wehe schreien, denn die Kulisse arbeitet mit riesigem Erfolg. Es ist ihr, wie ich aus sicherster Quelle weiß, gelungen, hochmögende Kreise zu einer vorübergehenden Markstützung zu gewinnen. Wenn die Kulisse all ihre Kraft einsetzt, um eine große Daisseaktion in Devisen zu inszenieren, so wird sie den Erfolg vorübergehend auf ihrer Seite haben. Geben Sie acht, verehrter Freund, der Dollar purzelt ein paar Tage lang von seiner stolzen Höhe 'runter und klettert erst wieder hoch, sobald den Contremineuren die Luft ausgeht. Sie haben zum Ultimo große Summen in Dollar gefixt--hm,
ich sehe leider voraus, daß das hart an Ihrem Kragen vorbeigehen wird!"
,?Mühlfeld!"
Der schöne Fedor zuckte die Achseln. Er lächelte noch immer, aber sein Auge bohrte sich dabei in die verstörten Züge seines Gegenüber, als er leichthin antwortete: „(Bott noch mal, regen Sie sich nur nicht auf , bester Freund! Sie sind, wenn ich recht unterrichtet bin, mit fünf Milliarden engagiert: ungefähr ebensoviel haben Sie von mir an Effekten im Depot. Im Notfall verkaufen Sie die Papiere und operieren mit meinem Geld. Es wird Ihnen genügen, die Krise zu überwinden."
Lorenzen war aufgesprungen und hatte des Freundes Hand erfaßt. Aber Mühlfeld lehnte mit lässiger Geberde jede Dankesbezeugung ab. „Daß Sie auf mich zählen dürfen, ist noch ohne Farge, ob Sie nun bei meinem neuen Projekte rnitmachen oder nicht. Ueberreben will ich Sie natürlich nicht. Prüfen Sie ruhig und sagen Sie mir morgen Bescheid, ob der Kutter in Auftrag gegeben werden
soll. Bis morgen muß ich allerdings klar sehen, denn längeren Aufschub duldet die Sache nicht. Ich muß nämlich das Fahrzeug nach meinen Angaben im Ausland bauen lassen, vous comprenez. Glauben Sie, es gibt noch viele, denen die Skrupel aus den Knopflöchern wachsen, wie Ihnen? Wenn Sie nicht mit von der Partie sind, ist's halt ein anderer. Aber ich möchte natürlich lieber meinen alten Freund am Gewinn teilnehmen lassen — also seien Sie vernünftig, Thomas! Wir gehen nach dem Abendessen ein bißchen in die Winzerstuben. Da treffen Sie luftige Gesellschaft, die wird Sie schon auf gute Ideen bringen."
Lorenzen hatte kaum mehr zugehört. Der Gedanke an die Gefährdung der Summen, die er im Differenzgeschäft angelegt hatte, machte ihm den Kopf heiß. Ein finanzielles Licht war der gute Thomas, wie bereits ermahnt, keineswegs; seine Erfolge gründeten sich meist auf „Dusel", denn in dieser tollen Zeit war ja so ziemlich allen Unternehmungen, die auf den Sturz der Mark spekulierten, der Erfo'g gesichert. Bisher aber hatte Lorenzen in allem und jedem, was er unternahm, den Grundsatz kaufmännischer Ehrenhaftigkeit festgehalten, und nun rüttelte plötzlich der Versucher an seinen Prinzipien und unterminierte seine Position mit unleugbarem Geschick. „Woher wissen Sie, Fedor," fragte er und trocknete sich den Schweiß von der Stirn, „woher wissen Sie, daß die Kulisse mit ihren Bestrebungen zum Ziel gelangen wird? Daß die Kon- tremine am Werk ist, weiß ich auch. Aber ich glaubte —"
„Glauben heißt irren", unterbrach Mühlfeld und schnippte mit Daumen und Zeigefinger ein Stäubchen van seinem Aermel. „Ich brauche Sie wohl nicht daran zu erinnern, lieber Freund, daß ich Ihnen bereits im März mit Bestimmtheit das Steigen der österreichischen Staatsbahnprioritäten voraussagte. Sie sind meinem Fingerzeig gefolgt und haben es nicht zu bereuen. Was ich Ihnen heute verrate, ist von gleich einwandfreien Eltern. Meine Beziehungen reichen weiter, als Sie denken, und meine Voraussage trifft den Nagel auf den Kopf. Wenn Sie der Katastrophe zuvorkommen wollen, stoßen Sie Ihre freien Devisenbestände jetzt ab — Sie können dann den Ausfall am Ultimo, wenn die Baisse Ihre Fixerposition zusammennudelt, so ziemlich wieder wettmachen. Aber wenn Sie den
augenblicklichen Verlust nicht tragen wollen, weil Ihnen meine Prognose nicht sicher genug erscheint,— gut, so warten Sie's in Ruhe ab, wie der Hase läuft. Meine Zusage haben Sie — gemeiert sind Sie auf keinen Fall. . /'
Lorenzen ging nicht mit in die Winzerstuben. Er hatte ein Grauen vor der.angenehmen" Gesellschaft, die er dort treffen sollte. Mit hämmernden Schläfen lief er durch die Straßen und dachte über das Ungeheuerliche nach, das an ihn herangetreten war. Die inneren Widerstände wuchsen, es erschien ihm unmöglich, die bargebotene Hand zu ergreifen. Erdachte an Margot, er dachte an Andrea, er sah iri Geiste drohende Wolken aufwachsen, die sein Haus mit Fledermausschwingen umflatterten. Fern von dem Versucher erstarkte sein besseres Ich, er warf den Kops in den Nacken und eilte nach dem Hotel zurück. Schon im eleganten Gehpelz, den Zylinder im Nacken, die Zigarette im Mundwinkel, fertig zur nächtlichen Bummelfahrt, empfing ihn Mühlfeld und streckte ihm die wildlederbehandschuhte Rechte entgegen, die nach Khusana duftete. „Nun?"
„Ich kann nicht, Fvdor!"
„Bon. — Reden wir nicht mehr davon. Also Sie möchten nicht nach den Winzerstuben? Sodom ist groß."
„Seien Sie mir nicht böse, Mühlfeld .aber ich bin jetzt nicht in der Stimmung, Menschen zu sehen. Ich gehe schlafen und fahre mit dem Frühzug nach Hause.
»Nach Belieben! Gute Nacht, also!" Ein frostiger Händedruck, bann eilte ber Gehpelz zum Haustelephon. „Portier, ein Auto!"
Lorenzen tat in biefer Nacht kein Auge zu. Es fiel ihm ein, bah er zwar Mühlfelbs münblidje Zusage habe, über fein Depot zu verfügen, doch fehlte jede schriftliche Abmachung. Nicht einmal den Hinterlegungsschein hatte er zurückverlangt. Kurz vor Abfahrt seines Zuges ließ er sich daher am nächsten Morgen nochmals bei Mühlfeld melden. Der Beau empfing ihn im Bette, eine Zigarette rauchend.
„Das muß ich sagen, Lorenzen," rief er und knipste die mit roter Seide überzogene Nachtlampe an, „Sie machen einem bas Leden reichlich schwer. Glauben Sie benn, ein normaler Mitteleuropäer hat um 10 Uhr ausgeschlafen, wenn er um fünfe nach Hause kommt?"
„Verzeihen Sie taufenbmal," stammelte ber Besucher, „aber ich mußte Sie unbebingt vor meiner Abreise noch einmal sprechen. Wir haben nämlich vergessen, die Formalitäten zu regeln."
„Was benn für Formalitäten?"
„Nun, wenn ich über Ihr Depot verfügen darf, muß das in einem urkundlichen Willensakt Ihrerseits feftgeftellt werden."
„Da hört denn doch Verschiedenes auf. Und deshalb wecken Sie mich brutal aus Morpheus Armen?
„Lieber Mühlfeld! Die Sache drängt. Ich muß vielleicht schon heute die Papiere verkaufen/
„Na, so tun Sie's doch in Dreiteufelsnamen!" „Nicht ohne Ihren schriftlichen Auftrag." „Unheilbarer Pedant! Weshalb haben Sie nicht gleich einen Notar mitgebracht?"
„Es genügen ein paar Zeilen von Ihrer Hand, außerdem möchte ich um Rückgabe des Depotscheins bitten."
Da richtete sich Mühlfeld mit jähem Ruck in die Höhe und blitzte Lorenzen mit seinen Mongolen- augen tückisch an. „Lorenzen," rief er, „bas geht äu weit. Wenn Sie nicht mein alter FrAFid wären, beim Zeus, ich würfe Sie zur Tür hinaus! Kein Wort mehr von bem Unsinn. Ober unsere Wege sind geschieden! Was ich für Sie tue, ist ein Gefälligleitsakt, für mich nicht ber Rebe wert. Wenn Sie Geschäfte mit Leuten machen, bie ein schnödes' Mißtrauen oerbienen, bann mögen Sie immerhin mit solchem Unsinn kommen. Mich lassen Sie gefälligst weiterschlafen."
Was sollte ber gute Lorenzen tun? Er ging mit ein paar gestammelten Entschuldigungsworten' und schalt sich selbst einen Toren. Aber bie Sorgen wollten nicht von ihm weichen . . .
V.
Lorenzen sprach zu Hause fein Wort von seiner Begegnung mit Mühlfeld, unb Anbrea fragte ihn nicht banach. Sie vermieb es überhaupt, von Geschäften mit ihm zu reben, und ber Gatte war ihr dankbar bafür. Immerhin gibt es eine Grenze ber Zurückhaltung, unb beibe Teile hätten gut baran getan, in kritischen Stunben bie Prinzipienreiterei zu vermeiden. Kritische Stunden aber bleiben keinem ! Neuvermählten erspart.
(Fortsetzung folgt.)
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Der Charakter unseres Geschäftes als Modehaus fordert nach Beendigung der Saison völlige Räumung
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