Das große Würfelspiel.
(Martina wrlemar.)
Roman von Franz lauer Kappus.
24. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Er steht mir ganz zur Verfügung." Carsten hatte sich gestrafft. Plötzlich strahlten seine Augen. Trotz flog um seine vollen Lippen. „Ja, Julie," sprach er frohlockend, „jetzt habe ich endlich einen ganzen Mann an meiner Seite! Morell hat seine Stelle aufgegeben. Nach dem Streit mit der Aerzte- kammer war seine Lage in Kassel unhaltbar."
„Damit wird er Direktor deines Krankenhauses?" „Vorerst nicht. Vorerst wird er in der Prosektur arbeiten." Carsten lachte. „Das ist auch nicht das wichtige. Das wichtige ist, daß ich nicht länger allein stehe. Und nun sollen sie nur kommen und reden und schreiben, was sie wollen: ich biete ihnen die Stirne. Jeder Tag, der vergeht, bringt uns ja um ein ordentliches Stück vorwärts. Spätestens im Dezember ist das Krankenhaus fix und fertig: außen und innen. Das wird mein stärkstes Argument fein. Auf einmal werden sie da verstummen. Uebrigens: schon jetzt traut sich niemand an das Krankenhaus heran. Ganz klein werden sie, wenn von den Millionen die Rede ist, die im Krankenhaus stecken." Carsten sprach sich in Eifer. Immer weiter führten ihn seine Gedanken.
Ganz still saß Julie.
Etwas arbeitete in ihr. Dunkler und ungewisser wurden die schweren Möbel ringsum. Der Glanz der Goldrahmen erlosch. Aus den finsteren Ecken schien unbekanntes Unheil zu kriechen. Polypenarme griffen nach dem verzückt redenden Manne. Mehr und mehr verschmolz seine Gestalt mit den drohenden Schatten. Seltsam bedrückt spürte Julie, wie er der Wirklichkeit entglitt. So entglitt er auch ihr. So entglitt ihr Sommer mit ihm.
„Mache Licht!" rief Julie entsetzt, „mache Licht, Bernhard Carsten!"
Es währte Sekunden, bis er den Schalter fand, s Dann flammte der Kristallüster auf.
Mit ausgebreiteten Armen stand Julie neben dem Tisch, den schlanken Leib hochgereckt, den Kopf
zuruckgeworfen, die Lippen halb offen. „Ich bin auch noch da", lächelte sie werbend.
Carsten taumelte auf sie zu, geblendet von den tausenden Kerzen.
„Verzeih'", stammelte er. 3m Augenblick versank alles, woran sein Hirn vordem sich entzündet hatte. Nur Julie war auf der Welt: nur ihr roter, lockender, durstiger Mund lebte.
Eine Stunde später surrte bas Auto mit Julie davon.
Abends war Doktor Morell bei Bernhard Carsten zu Gaste.
Zu Anfang sprach er nicht viel. Er überließ Carsten das Wort, der sich alles vom Herzen redete, was in ihm aufgespeichert war. Tüchtig langte er dabei zu.
„Nicht sehr spartanisch, das Abendbrot", bemerkte Morell, als der Helgoländer Hummer in Portwein serviert wurde. „Eigentlich habe ich mir das bei Ihnen anders vorgestellt."
Carsten wartete, bis der Diener draußen mar. Dann griff er flüchtig nach dem Handgelenk Morells. „Leider Gottes, in diesem Punkt unterscheide ich mich ein wenig von den anderen. Es ist auch schwer. Was soll man tun, um einem Gast zu zeigen, wieviel einem an ihm liegt? Und, noch etwas, Herr Doktor Morell: wie soll man das unterstreichen, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt? Wir armen Menschen haben nur die althergebrachten Mittel zur Verfügung: viel Licht, viel Blumen, einen guten Bissen, ein Glas Wein."
„Vielleicht überschätzen Sie mich, Herr Carsten."
Carsten widersprach. „Es kommt nicht darauf an, was man sich selbst dünkt. Wenigstens in unserem Falle nicht. Wichtig ist, was Sie mir bedeuten."
„Und Sie hoffen, baß ich Ihnen nützen kann?" Morell lächelte eigen. Lange hielten seine klaren, grauen Augen den Blick Carstens fest. „Ich bin gänzlich unerfahren in den Dingen, die Sie beschäftigen", sagte er bann. „Aber eins glaube ich jetzt schon zu wissen: Sie haben sich verrannt. Trotzdem: so gut ich kann, will ich Ihnen helfen, bie Scherben aufzulesen."
„Verrannt? Scherben?" Nur bie zwei Worte hatte Carsten gehört. Seine Finger flirrten über bas weiße Tischtuch.
Wieber erschien der Diener. Mit vornehmer Gelassenheit reichte er die getrüffelten Brüsseler Pou- larbes. Ohne bas leiseste Geräusch füllte er bie Gläser. Der hellgoldene Rheinwein blinkte.
Auf glühenden Kohlen saß Carsten. Keinen Bissen rührte er an.
„Also verrannt habe ich mich?" Sein Kinn bebte.
Erst nach einer Weile antwortete Morell.
„Das Wort erschreckt Sie. Das Wort hat Ihnen sogar den Appetit verdorben. Essen Sie doch ruhig weiter." Er griff nach feinem Glas. „Und trinken Sie einen ordentlichen Schluck. Ihr Herzklaps soll Sie nicht stören!"
„Oh, machte Carsten, „oh!"
„Nur unentwegt", lachte Morell. „Und Pupille, wenn ich bitten darf." Das Kristall klang aneinander.
Kaum genippt hatte Carsten.
„Es darf nicht fein. Dazu habe ich heuer Kis- fingen versäumt. Und ich sollte doch jeden Sommer hin."
„Das betrübt Sie?" Morell schwieg wieder.
Der Kaffee wurde im Rauchzimmer serviert.
„Die Geschichte ist also die," sprach Morell und legte ein Bein über bas anbere, „bie Geschichte ist bie: Alles in allem haben Sie sich wenig oeränbert. So wie bamals im Flugzeug, benfen Sie auch jetzt nur an sich. Immer noch geht Ihnen Ihr teures Leben über alles."
„Nein," versicherte Carsten nachdrücklich, „die Gesundheit folgt erst in zweiter Linie. Die Hauptsache ist das da drinnen: das soll endlich zur Ruhe kommen. Beide Fäuste drückte er an die Brust. „Meinen Frieden will ich haben."
„Auch das sind ja Sie, auch das ist ja Ihr Leben." Ironisch wölbte Morell die Lippen. „Und da steckt Ihr Irrtum. Darum haben Sie sich verrannt, Herr Carsten."
Wie ein Peitschenhieb wirkte das Wort.
„Wie soll ich bas verstehen, Doktor Morell?"
„Es gibt keine Rabikalkur für die Seele. Genau wie es keine Radikalkur für den Leib gibt. Was aber haben Sie getan? Mit einem Ruck wollten Sie sich alles vom Halse schaffen. Unüberlegt und überstürzt war alles angepackt. Um jeden Preis
sollte Ihr Gewisien beruhigt werden: um jeden Preis und so rasch wie möglich. Deshalb haben Sie Sachwerte und Papiere verschleudert. Deshalb haben Sie Ihre einträglichen Direktionsposten über Nacht niebergelegt."
„Für bie gute Sache", warf Carsten ein.
„Doppelt so viel ober mehr hätten Sie für bie gute Sache erzielen können, wenn sie langsam ans Werk gegangen wären. Unb ber Seelenfricben? Haben Sie ihn gefunben? Nein. Ihr ganzes Leben lang müssen bie Herzkranken nach Kissingen. Unb boch ist es keine Heilung, was sie bort finben: immer nur Erleichterung. Auch Ihnen wäre solche Erleichterung geworben. Nur allmählich hätten Sie aufbauen müssen, was sich nicht übers Knie brechen läßt. Von selbst wären bann auch bie höheren Ge- sichtspunkte gekommen. Denn bas, was jetzt in aller Eile entsteht, ruht auf lockerem Grunb. Nicht Menschenliebe hat bie Funbamente gegraben."
Die Schläfenabern Carstens schwollen. „Objektiv ist es boch basselbe", sprach er mit schwerer Zunge. Seine Hände griffen Luft. „Werden nicht Hunderte glücklich fein, wenn sie endlich ein Dach über dem Kopfe haben? Unb bas Krankenhaus? Sicherlich: Im Virchow-Krankenhaus finb zweitau- fenb Betten zur Verfügung, bei uns kaum drci- hunbert. Dennoch: Zählen biefe breihunbert Betten nicht? Werben bie breihunbert Menschen, die schwer- krank in ben Betten liegen, nicht bankbar meinen Namen nennen?"
„Ihren Namen? Ausgerechnet ben Namen Bernharb Carsten?" Doktor Morell winkte ab. „Ich glaube kaum. Schwerkranke habe» cyiberc Sorgen/'
„Aber so verhält es sich boch objektiv?" brängte Carsten.
Morell lächelte: „Abwarten."
„Also, alles vergeblich?"
„Gebulb, Herr Carsten, Gebulb!" Zuversicht wehte über bas ernst geschlossene Gesicht Morells. „Nicht immer bebeuten Scherben bas Ende." Er ergriff eine kleine Perlmutterbose vom Rauchtisch unb hielt sie gegen das Licht. „Wie viele Muscheln wurden zertrümmert, bevor das da entstand?"
Dankbar blickte Carsten ihn an. Alle Not war auf einmal vergessen.
(Fortsetzung folgt.)
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Oießen (Seltersweg 65), Frankfurt a. M., Berlin, den 25. Oktober 1926.
Die Beerdigung fand in der Stille statt.
Am 21. Oktober verschied nach langem schweren Leiden im Alter von 76 Jahren unsere liebe Mutter
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geb. Wolff.
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