250 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Montag, 25. Oktober 1926
Wahlen in Sachsen.
Am letzten Oktobertage wird der Landtag in Sachsen, nachdem sein Vorgänger sich nach Ablauf seiner verfassungsmäßigen Zeit selbst aufgelöst hatte, neugewählt. Die Neuwahl ist von einer Bedeutung, die auch über die sächsischen Landesgrenzen hinaus Aufmerksamkeit verdient. Nicht allem deswegen, weil sie wieder einmal ein Barometer sein kann für die Stimmungen innerhalb der Bevölkerung. Man wird sehen können, inwieweit die Hoffnungen der K o m m u n i st e n , für die ja gerade Sachsen einen besonders günstigen Boden abgab, ihrer Erfüllung nahegekommen sind. Noch wichtiger sind die Wahlen wegen ihrer unmittelbaren Wirkung auf den Bestand der sächsischen Regierung selbst. Der Landtag besteht aus 96 Mitgliedern, die sich in der Form verteilten, daß Deutschnationale und Deutsche Volkspartci je 19 hatten, die Sozialdemokraten 40, die Kommunisten 10 und die Demokraten 8. Die beiden Linksparteien mit zusammen 50 Stimmen hatten also eine knappe Mehrheit von einer Stimme über die Hälfte, während der vorige Landtag eine bürgerliche Mehrheit von einer Stimme gehabt hatte. S o z i a l d e >n o - traten und Kommuni st en glaubten nun, daß für sie die große Zeit gekommen wäre, sie bildeten eine gemeinsame Regierung, deren verhängnisvolle Folgen alsAeraZeigner auch heute noch nicht vergessen sind. Der Einmarsch der Reichstruppen machte diesem trostlosen Zwischenspiel ein Ende, ergab aber gleichzeitig auch den vernünftigen Elementen innerhalb der Sozialdemokratie erwünschte Gelegenheit, das radikale Joch von sich abzuwerfen und an einer ruhigen Entwicklung mstzuarbeiten. Der große Riß innerhalb der Sozialdemokratischen Partei, der durch den Zusammenschluß der Mchrheits- Partei und der Unabhängigen ja nur oberflächlich überklebt ist, tat sich von neuen auf, die Fraktion spaltete sich, die große Hälfte bildte mit der Deutschen Volkspartei und den Demokraten eine Regierung, die kleinere Hälfte schwenkte in eine radikale Opposition ab, deren Tempo von den Kommunisten nur mühsam Überboten wurde.
Die Regierung hatte nureine ganz knappe Mehrheit hinter sich, sie konnte sich eigentlich nur dadurch halten, daß sie im entscheidenden Augenblick wenigstens positive Unterstützung von den Deutsch- nationalen bekam. Sie hat inzwischen nach Kräften dazu geholfen, die Wunden zu verheilen, die aus der Zeit Zeigners gebliebett waren. In der Sozialdemokratischen Partei selbst gingen aber die Gegensätze immer tiefer, bis zuletzt die Mehrheit der Fraktion aus der Partei herausgeekelt wurde und sich s e l b st ä n d i g machte. Sie stützt sich in der Hauptsache auf die Gewerkschaften, und es wird sich jetzt zeigen müssen, wie weit sie ohne Unterstützung der Parteizentrale in Berlin und gegen die gesamte Parteiorganisation sich zu halten imstande ist. Pessimisten glauben, daß diese alte Sozialdemokratie durch die Wahl weggefegt wird. Andere geben ihr Aussicht auf acht bis neun Mandate. Zweifellos ist jedoch, daß der linke Flügel sehr viel besser abschneidcn und einen großen Teil der Mehrheitsmandate erobern wird. Fragt sich nur, ob er Zuzug genug bekommen wird, um mit Den Kommunisten zusammen eine Mehrheit zu bilden. Das hängt zum wesentlichen Teil von der Disziplin der bürgerlichen Parteien ab; hängt auch davon ab, wie stark die Zersplitterung diesmal sein wird und wie groß die Erfolge der W i r t s ch a f t s - v a r t e i sind, die zum erstenmal auf dem Plan erscheint. Welche Folgen eine radikal-sozialdemokra- tisch-kommunistische Mehrheit nicht nur für Sachsen, sondern auch für Deutschland haben würde, braucht nicht einmal angedeutet zu werden.
Londoner Vries.
London, 23. Oktober.
Das Hauptereignis der Woche bildete die Eröffnung der britischen Reichskonferenz. Gleich auf der ersten Sitzung kam das politische Glaubensbekenntnis der verschiedenen Dominions in den Reden ihrer Premierminister zum Ausdruck. Während das Credo des britischen Regierungschefs die Einigkeit in wesentlichen Reichsfragen zum A und O der Weltpolitik des britischen Reichs machte, kann der Standpunkt, den der südafrikanische Premierminister H e r tz o g entwickelte, fast ketzerisch anmuten. Die Stellung der Dominions wird durch den Umstand, daß sie in wesentlichen, die Beziehungen innerhalb des Reichs betreffenden Fragen nicht übereinstimmen, keineswegs gestärkt. Biel wird auch in wochenlangen Verhandlungen davon abhängen, welches Maß des Vertrauens die britischen Minister in die von ihnen verfolgte Reichspolitik erwecken können. Wenn man sich dies vor Augen hält, ist es nicht schwer, zu sehen, in
Verlorene Heimat.
Don Werner Schutz, Oliva.
Helal Lang und schmal wächst die flache Halbinsel in das Rauschen der Ostseewellen und legt einen Damm aus Dune und Wald vor die füllen Wasser der Danziger Bucht. Der Wind weht darüber, und am Abend kommen Züge weißer, schlanker Möven oder wandernde Enten.
Wenn man die Landkarte nimmt — wie viele Deutsche kennen Deutschland nur daher — dann ist .dort, wo Hela ist, ein ganz feiner dünner Strich, und manchmal steht auch noch eingeengt ein Raine. Unb wie die Landkarte kaum etwas weih von dem einsamen märchenumwobenen Helaer Land, so ist es auch überall in deutschen Grenzen.
Unbekannt verloren in der Flut von Ramen und Geschehnissen, schläft es zwischen Meer und Ducht, und doch ist seine Geschichte so traurig wie kaum eine andere, so traurig wie eine Herbst» nacht am leise raunenden Ufer, wenn der Schrei der Zugvögel über dem Wasser ist.
Jahrhunderte lang war das Glück in den Fischerhäusern von Hela. Tag um Tag lagen die Boote drauhen auf dem Meere und die Frauen sahen in der uralten Dorfstrahe unter uralten blühenden Linden und flochten und flickten an den breiten endlosen Retzen.
3eben Morgen trugen die Kutter die Last gefangener Fische hinüber nach Danzig, dessen Türme aus Dunst und Rebel grüßten. And es war gutes Geld, das die Fischer in ihre großen schwerfälligen Truhen, die schon der Urahn geschnitzt, verschlossen.
2lls die Menschen den Dampf in die Schiffe testen, wurde es lebendig in der uralten Dorf» pvahe. Am Sonntag kamen die blassen Stadt-
welcher Richtung sich der dreistündige Bericht Chamberlains über die in den letzten drei Jahren verfolgte Außenpolitik beweat haben muß. Das Ziel der Rede des britischen Außenministers mußte die Erbringung des Beweises sein, daß die britische Außenpolitik gerechtfertigt und erfolg r e i cf) war, und da er sicher den Delegierten der Dominions das Bild vor Augen hielt, das Europa vor drei Jahren bot und das es heute bietet, und die Bemühungen auf britischer Seite im Interesse der Befriedung Europas dabei kaum in den Schatten gestellt haben wird, so kann angenommen werden, daß Chamberlain diesen Beweis auch erbracht hat.
Ob die Frage des Locarnovertrags wirklich bei Erörterung der außenpolitischen Fragen auf der britischen Reichskonferenz den hervorragenden Platz einnimmt, den ihm gerne die sogenannte Jsolotionspresse zuweist, erscheint fraglich und hängt davon ab, ob der Standpunkt der britischen Regierung, daß die Verpflichtungen unter dem Locarnovertrag im Grunde genommen dieselben sind, wie unter dem Friedensvertraa, sich allen Dominions als annehmbar erweist. Was eine erhöhte Garantie gegen einen französischen Einfall in deutsches Gebiet betrifft, so ist die bekanntlich wiederholt kundgegebene Doktrin der britischen Regierung, daß England an die Ge- sch'icke des europäischen Kontinents gefesselt ist, weil es nicht gestatten kann, daß irgendeine kontinentale Macht die Vorherrschaft an der Nordseeküste erhält, und es wäre erstaunlich, wenn diese Doktrin nicht wieder mit allem Nachdruck zugunsten einer entgegenkommenderen Haltung gewisser Dominions in der Frage der Annahme des Locarnovertrags von der britischen Regierung in die Wagschale geworfen worden wäre.
Die Frage einer größeren Freiheit und Beteiligung der Dominions an der Außenpolitik des britischen Reiches bleibt Erörterungen Vorbehalten, die über Verfassungsfragen des Reiches gehalten wer
den. Auch hier wird ein auf Ausgleich und Biegsamkeit eingestelltes Vorgehen der britischen Regierung erleichtert durch die Tatsache, daß einige Dominions alles andere als zentrifugale Tendenzen aufweisen. Einen anderen Bundesgenossen erhielt in letzter Stunde die britische Regierung im Weißen Haus, das die Ernennung von Do- minion-Botschaftern gar nicht für so unbedingt notwendig hält, wie dies besonders Kanada zu glauben schien.
Vorläufig ergibt sich aus allen Strömungen und Gegenströmungen noch kein deutliches Bild über die Entwicklung dieser Fragern Eines scheint jedoch schon jetzt klar zu sein: daß nämlich nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird, und daß die traditionelle britische Politik: so wenig wie möglich zu kodifizieren und alles möglichst im Fluß und dehnbar zu lassen, auch diesmal erfolgreich sein wird.
Das Freihandelsmanifest der internationalen Wirtschaftsführer hat sehr viel Staub aufgewirbelt, der sich jedoch infolge der kalten Wasserstrahlen, die zum Teil aus Amerika, Frankreich und Italien darauf gerichtet werden, zu legen beginnt. Der Teil der englischen öffentlichen Meinung, der auf Freihandel schwört und schon seit Kriegsende Gedanken vertritt, wie sie im Manifest zum Ausdruck gebracht werden, mißt der Kundgebung der internationalen Wirtschaftler historische Bedeutung bei und setzt große Hoffnungen auf die Wirkung des Manifestes. Die konservative Auffassung ist naturgemäß skeptischer und hält den Augenblick der Veröffentlichung für ungeeignet. Allgemein kann jedoch nicht verkannt werden, daß die eindrucksvolle Reihe von Unterschriften unter dem Manifest ein Beweis für den Fortschritt des internationalen Solidaritätsgedankens seit dem Kriege ist, wenn auch der Weg, der 3ur Verwirklichung der Ideale des Manifestes führt, steil und durch zahlreiche, fast unüberwindlich erscheinende politische Hindernisse versperrt ist.
Zmnkreichz Mandatswirischast in Kamerun.
Da wir für Französisch-Kamerun lediglich auf die französische Berichterstattung angewiesen sind, haben wir alle Deranlassung, gegen diese Berichte sleptisch zu sein, die durchweg den einen Hauptzweck verfolgen, Frankreichs kolonisatorische Tätigkeit in den Mandatsgebieten in hellem Glorienschein erstrahlen zu lassen und dabei ofsen- kundige Mängel verdunkeln. Mit größter Aufmerksamkeit werden von Frankreich die kritischen Aeußerungen der deutschen Presse verfolgt. Sogar die amtlichen französischen Berichte, wie z. B. der Kammerbericht Archimbauds zum Kolonialbudget 1926, befassen sich des längeren mit der deutschen Kritik. Wir haben keine Deranlassung, mit unserer Beurteilung hinter dem Berge zu halten, auch wenn die ständige Mandatskommission des Dölkerbundes die französischen Berichte billigt, obwohl sie noch niemals versucht hat, die jetzigen Zustände mit denen zu deutscher Zeit zu vergleichen.
Frankreichs Mandatsgebiet, Reu-Karne- run, umfaßt 407 000 Quadratkilometer, in dem 1924 2 771 000 Einwohner gezählt wurden. Bis in das Jahr 1923 hatte Frankreich mit Unruhen, namentlich im Rorden, zu kämpfen, die auch militärische Operationen erforderlich machten, die ihrerseits wieder eine Militärbesatzung von 2132 Farbigen verursachten, eine Zahl, die man zu deutscher Zeit niemals gekannt hat. Die Der- waltungseinteilung hat sich gegen diejenige zu deutscher Zeit nur unwesentlich geändert, ein Zeichen dafür, daß die deutsche Einteilung gut war; aber doch mit dem erheblichen Unterschied, daß Deutschland prozentual wesentlich mehr Beamte für das Gebiet des Gesundheitswesens, der öffentlichen Arbeit und der Land- und Forstwirtschaft zur Derfügung hatte. Rach den französischen Berichten müßte man glauben, daß es den Franzosen Vorbehalten geblieben ist, die Eingeborenen in weitgehendstem Maße an der Verwaltung des Landes teilnehmen zu lassen. Wenn in der Chambre de commerce, der Beratungsstelle des Gouvernements für Fragen des Handels, der Landwirtschaft und Industrie neben zahlreichen Europäern ein einziger Farbiger, ein Pflanzer. sitzt, so ist dies wahrlich ein mageres Resultat in einer Kolonie, die jetzt nach Vertreibung der deutschen Pflanzer auf dem Gebiet der Farmwirtschaft fast ausschließlich Eingeborenen-Kulturen kennt.
Bedeuten schon die papierenen Reuerungen keine Besserung der Stellung der Eingeborenen, so ist in der Behandlung der Eingeborenen
Häuptlinge zweifellos eine Verschlechterung eingetreten. Deutschland hat stets die Stellung der Häuptlinge zu stärken gesucht, Frankreich hat die Vefugnisse der großen Sultane des Rordens und ihre Einkünfte erheblich beschnitten, die Abgaben dagegen erhöht. 3n den Urwaldbezirken hat Frankreich den Häuptlingen (Rkukuma) uniformierte chefs de r£gion übergeordnet, die nur soviel Macht haben, als ihnen die französische Verwaltung bewilligt. Frankreich hat also damit gerade das getan, was in den Denkschriften unserer Gegner Deutschland zu Unrecht zum Vorwurf gemacht ist.
Auf dem Gebiete der Rechtspflege für die eingeborenen hat Frankreich die von Deutsch- la".d geschaffenen Gingeborenen-Schiedsgerichte, die ausschließlich Eingeborene als Richter hatten und bei denen ein selbständiges Verfügungsrecht der Eingeborenen über die Einkünfte der Schiedsgerichte vorhanden war, beseitigt, — also die Selbständigkeit der Schwarzen stark eingeengt. Dasselbe gilt auch für die Canöfrage, in der früher die Belange der Eingeborenen durch die Kronlandsverordnung weitgehendst gefidjert waren. Frankreich dagegen hat jetzt zu „domaine public“ auch das Land erklärt, welches die Gin- geborenen, ohne auf ihm zu sitzen, in Benutzung haben. Sie sind also gegen früher auch In ihrer Derfugungsbefugnis über Grund und Boden beschränkt worden — das alles geschieht auf dem Grundsatz des Selbstbestimmungsrechtes der Völker.
Das Unwesen der Sklaverei war in der ersten Zeit nach dem Kriege infolge nicht genügenden Eingreifens der französischen Verwaltung wieder aufgeblüht, wird aber jetzt — nach sranzösisck-en Berichten — energisch bekämpft. Wichtig ist für uns angesichts der bisher immer wiederholten Behauptung, daß wir die Sklaverei geduldet hätten, die ausdrückliche Feststellung der französischen Berichte, daß die sogenannte Haussklaverei, eine Art Hörigkeitsverhältnis, die nach den deutschen Bestimmungen allmählich ab- sterben muhte, eines besonderen Schuhes der Regierung nicht bedürfe.
Ein sehr trübes Kapitel ist die Alkohol- frage. Zwar hat Frankreich die Einfuhr und den Verkauf des fogenannten Handelsschnapses an Eingeborene verboten, dafür werden aber jetzt Weine und Biere im ganzen Schutzgebiet verkauft, also auch in den Gebieten, die deutscherseits gänzlich für Alkoholeinfuhr gesperrt waren. Betrug der Wein- und Bierkonsum 1921 281 072 Liter, so war es im 3ahre 1924 auf 756 120 Liter
leute über die Ducht gefahren, und es war gar nicht so lange, da blieben da und dort einer in den niedrigen Stuben der kleinen Häuschen, und wenn sie nach vier Wochen zurückfuhren in die Enge der Stadt, waren sie braun wie die gebrannten Fensterladen oder die Bücklinge in der Räucherkammer.
So ging das Jahr für Jahr. 3m Sommer war das ganze Dorf in den Duft der Linden berfunfen, und im Herbst blühte die rotlila Erika zwischen Düne und Wald.
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Aber bann kam das Leid über das Land ringsum und es fand auch den Weg in das fülle glückliche Dorf auf der einsamen Halbinsel. Fremde Männer überstrichen das alte windschiefe Ortsschild und malten einen weißen Adler darauf in blutrotem Feld. Da wußten die Helaer, daß sie nicht mehr Deutsche waren nach dem Register, das in der Gemeindeschreiberei lag. Und die Glocken der kleinen Kirche verloren ihren frohen Klang, und die Lieder, die am Qlbenö die Männer zu ihrer Harmonika fangen, hörten auf.
Groß und breitschultrig trabten die Fischer durch das Dorf und spuckten wie vorher. Rur die Hände hatten sie in den Taschen und wer ihnen in die wasserblauen Augen sah, der wußte, daß sie die Hände zu Fäusten geballt hatten.
Hart und schwer starben die Jahre. Polnische Gendarmen wurden Herren im Dorf, und die oierfantigen Mützen waren überall. Fremde Worte und fremde Lieder lärmten in der Rächt, und die polnischen Torpedoboote ließen bon Gdingen her ihre Scheinwerfer über Ducht und 3nfet spielen.
Das Glück war weit fort, sehr weit fort. Allein in der Heide zwischen Düne und Wald war es genau wie einst, und im 3uli zogen
die Wanderraupen zu Hunderten und Tausenden bon Strand zu Strand quer durch die Föhren, als ob es ein ewiger Kreislauf sei.
Und dann wurde das Leid noch tiefer. Polnische Gendarmen brachten Schreiben in die Häuser, darin schon bor mehr beim hundert Jahren bet Urgrohbater seinem Urgroßvater bie toten Augen schloß. Die Helaer mußten aus ber Heimat, mit allem was sie ihnen war. Heimatlos trug sie der Dampfer hinüber nach dem Land, und die anderen, die bleiben durften, einsam zwischen fremdem Doll, das nie vorher ein Mensch dort sah, die standen lange am Bollwerk des Ufers und sprachen kein Wort.
Das ist die traurige Geschichte von dem stillen Fischerdorf zwischen Bucht und Meer. Und es ist, als ob jeder Baum und jedes Haus sie erzähtte, wenn man heute durch die Dorfstrahe geht.
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Ganz weh aber wird es in der kleinen schmucklosen Kirche, in der am Sonntag die Männer und Frauen beten und alte Lieder aus alten vergilbten Büchern fingen. Sehr leer ist es da geworden, seitdem der Pole die aus dem 2anl> trieb, die für Deutschland ihre Stimme gaben. Wie eine Klage ist das Dunkel der Stühle, die nun niemand mehr sein eigen nennt, und manch einer, ber zu seinem Rachbar sprechen will, wie ehedem, findet keine Antwort. Das Lied aber hat nicht nachgelassen, baS ist truhiger noch unb heißer aus rauhen Kehlen und gütigen Herzen — „Sin feste Burg ist unser Gott".
Es ist Abenb geworden. Langsam stirbt die blutende Sonne. Grillen singen in Busch und Daum. Ein blondes Kind hebt feine Arme mit lilaroter Heideglut. Und lächelt dazu, ein Kinderlächeln aus blauen Rordlandaugen, wie sie drüben über dem Wasser leuchten, wo Schären unb Uorbe finb. Eine Dampfsirene dröhnt tief
bereits gestiegen. Reuere Zahlen liegen leibet nicht vor. Doch diese Zunahme des Alloholver- brauchs um fast bas Dreifache, beweist bie traurige Tatsache, bah sich bie Eingeborenen an ben Genuß der französischen Weine und Biere gewöhnen. Gleichzeitig zeigen die Eta- tifüfen der Rord- und Mittellandbahn, dah auch der Derbrauch in dem früher alkoholfreien Innern ftäni>ig zunimmt. Da bie importierten Schnapsmenaen mit 111 775 Liter für 1924 in keinem Verhältnis zu 541 trunffeften Männern stehen, erscheint ein geringer Zweifel nicht unberechtigt. ob wirklich das Verbot des Schnaps- verkauses an Farbige so durchgeführt wirb, wie es auf bem Papier steht.
Wie Frankreich für das Wohl der seinem Schuhe anvertrauten Völker sorgt, beweisen bie kläglichen Etatssummen, die für das Gesundheitswesen im Mairdatsgebiet ausgeworfen wurden, und die von 1318 mit 244 386 Fr. langsam auf 1 435 446 Fr. im Jahre 1923 mit Hilfe einer besonderen im Rovember 1923 eingeführten aber von den Eingeborenen getragenen Steuer im 3ahre 1924 endlich auf 2 211 000 Papierfrank «= 493 274 Goldmark gestiegen waren, aber noch lange nicht das erreicht hatten, was Deutschland für diesen wichtigen Teil der Ein- geborcueufürforge seinerzeit geleistet hat; denn von den für ganz Kamerun 1914 bewilligten 1 794 185 Mark für das Gesundheitswesen entfielen auf das französische Mandatsgebiet 1 244 780 Marl, — also auch hier leistet Frankreich in seiner Eigenschaft als Mandatarstaat weniger als das durch ihn übel verleumdete Deutschland. Ebenso steht es mit der Zahl ber Aerzte. Von insgesamt 63 beutschen Aerzten 1914 für ganz Kamerun entfielen 43 auf Französisch-Kamerun, wo jetzt die Zahl 12 vom 3ahre 1921 mühsam auf 20 erhöht wurde. Dah diese Zahl bei weitem nicht genügt, wird von den sranzösisd)en Zeitungsberichten nicht verkannt, bie namentlich auf das erschreckende Umsichgreifen der Schlafkrankheit immer wieder Hinweisen. (3m Bezirk Akonolinga ist z. B. 48,3 Prozent ber De- döllerung schlafkrank.) Für eine Ration, die das Wohlergehen der ihm anvertrauten Volker dauernd im Munde füh-t. die von den Eingeborenen eine besondere Steuer für das Gesundheitswesen erhebt, und die jährlich Millionen Ueberschüsse aus den Mandatsgebieten zieht, gibt es hierfür keine Entschuldigung; aber der Temps schrieb noch im Frühjahr dieses 3ahres. dah Deutschland zwar geschrieben aber wenig gehandelt hätte...
Die Handels st attsttk weist stark steigende Zahlen auf — Papierfranks; in Goldmark umgerechnet schmelzen die Ziffern schnell und stark zusammen. Eine beredte Sprache sprechen die Zahlen der Rordbahn-Frachten 1913, also zu deutscher Zeit wurden für 40 719 beförderte Tonnen 950 700 Goldmark eingenommen, ein Betrag, ber im 3ahr 1924 bei 31 071 aujgelieferten Tonnen sich auf 520 804 in Golbmark umgerechnete Papierfrank. also fast um bie Hälfte reduziert hatte. Zusammenfassend kann man sagen, dah Frankreich sowohl wirtschaftlich wie kulturell noch nicht dahin gelangt ist wo unser Schutzgebiet 1914 war unb bah Frankreich in seiner Cingeborenen- polittk auch jetzt noch lange hinter bem Deutsch- lanb ber Vorkriegszeit zurück steht. Dennoch oder trotzdem gehört Frankreich zu den »fortgeschrittenen Rattonen" der Welt!
Lehrgang für die evgl. Kreis« wohlfahrtsdienste.
)( Darmstadt, 22. Oft. Wie die beiden vorhergehenden Tage, jo wurde auch der dritte Tag mit einer Andacht des Kursusleiters. Pfarrer Dr. D r e - o e s - Darmstadt, eröffnet. Dieser sprach dann über „Unsere Wohlfahrtsarbeit und die, die sie ausrichten". Jedes Christentum, so führte der Redner aus, bedarf der Pflege. Deshalb ist Wohlfahrisarbeit zunächst Arbeit an uns selbst und allen, die irgendwie und wo als Ausschußmitglieder, Helfer, Pflegeeltern in der Arbeit stehen. Dieser Dienst muß geistige, seelische und praktische Arbeit sein. Solchen Dienst an sich selber brauchen die freiwilligen Kräfte um ihrer selbst, der Objekte, des Volkes und der Kirche willen. Diese Arbeit dient zur Ausbildung der nötigen Helfer und Kämpfer- schar, in die man besonders die Frauen einreihen muß, da sie in erster Linie die berufenen Träger der Wohlfahrtsarbeit sind.
Es folgte bann das Referat des Leiters über ..Unsere Wohlsahrtsarbeit und die, an denen wir sie ausr iahten". Er führte u. a. aus: Höchste Zielsetzung für alle Wohlfahrts- arbeit muß sein und bleiben, den Menschen, an dem und für den wir arbeiten, zu solcher Persönlichkeits-
unb bumpf. Dann schüttert bie Schraube, unb bas Helaer Lanb sinkt in ben Schatten des Abends. Auf einem polnischen Kriegsschiff hängt ber weihe Abler schlaff in Winblosigkeiten.
Am Horizont wachen erste Lichter auf. Dort liegt bie Danziger Küste. Verlorenes Land, wohin bas Auge geht. Aber über ben Grenzen in Deütschlanb weih man so wenig bavon, so bitter wenig.
Frankfurter Theater.
Anläßlich des allerbings schon einige Zeit zurückliegenden fünfzigsten Geburtstages von Herbert Eulenberg brachte bas Schauspielhaus „Alles um Geld" wieder auf ben Spiel- plan. Es ist erstaunlich, daß, obwohl Eulenberg als erst Fünfziger boch noch vollkommen in unserer Welt zuhause fein müßte, feine Werke, bie an 3ahren noch gar nicht so weit zurückliegen, so antiquiert wirken. Auch hier, in „Alles um Geld", entfernt ein unbestimmter Moderhauch die Geschehnisse des Spieles bem Zuhörer. Man kann Hamlets Worte „Mehr 3nha1t, wen'ger Kunst" hier variieren: mehr 3nhcklt. wen'ger Worte! Vielleicht liegt aber bie Schulb nicht beim Dichter, sondern an uns. die wir nicht mehr die nötige Romantik und Raivität aufbringen können; jedenfalls, wie dem auch fei, bie Ausführung zündete nicht recht. Da das Werk stilistisch keine Geschlossenheit aufweist, hatte es der Regisseur Fritz Peter Busch schwer, die 3n- szenierung zu einer einheitlichen Ausführung zu formen. Es gelang nur teilweise; das gleiche gilt von der Darstellung. Robert Taube unb Ellen Daub mühten sich, nicht immer erfolgreich, um die Hauptgestalten des Spieles, aber bisweilen starke Eindrücke erzielend. Unter anderen wußten Lola M e b i u s und Theodor Daneg - g e r den Abend interessant zu beleben. L. W,


