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Sturm in Schmalebeck

Roman von Sophie Kloerss.

Copyright 1926 by Aug. Scherl G. m. b. S)., Berlin.

31. Fortsetzung. Flachdruck verboten.

Ihr Eifer ehrt Sie, lieber Bruder, aber ist er nicht etwas reichlich stark?"

Reichlich stark? Nun sah seine Unschuld am Ende schon wie Schuld aus? Jetzen wußte nicht mehr was sagen. Ganz verdonnert starrte er seinen Vorgesetzten an, riß sich zusammen und sagte ganz klar und be­stimmt:Ich weiß mich frei von jedem schlechten Gedanken. Und Frau Doktor Rottmann, denn die ist gemeint, ist mir eine liebe Verwandte, wie mir das ganze Nachbarhaus lieb und zugehörig ist, weiter nichts. Und was die Fahrt betrifft--"

Sie saßen noch eine weitere halbe Stunde bei einander, dann erhob sich der Propst.Ich muß gehen. Um vier ist die Einsegnung, drei hat es schon geschlagen. Es tut mir leid, Ihnen vielleicht den Tag verdorben zu haben, aber da ich morgen in aller Frühe fahren muß--Und schweigen konnte ich

nicht."

Ich danke dem Herrn Propst, daß ich nun weiß, was man redet. Ich hoffe, es wird mir gelingen, den Schreiber zu entlarven."

Wie er den Propst an die Haustür geleitete, kam Herr Nilius herein und wollte sein Recht als Ver­wandter zum erstenmal der Nichte gegenüber wahr­nehmen. Aber Riekchen und die Mutter waren schon beim^Ankleiden, er mußte sich mit dem Hausherrn begnügen. Und weil dem Prediger noch das Blut kochte, und weil Herr Nilius nebenan dem Ma­deira zugesprochen, waren sie bald da, wo keiner von ihnen hatte sein wollen, bei den anonymen Briefen.

Sie auch?" fragte Herr Nilius.Hat denn dies Unding nicht einmal vor der Kirche Respekt? Wenn ich auch dran mußte--" Und eh' er sich recht

überlegt hatte, was er tat, hatte er den Brief ge­beichtet.

Also darum--also nur darum hat Ihr

Herr Neffe"

Da bekam Herr Nilius einen Schrecken. Er, der so peinlich korrekt war, wie hatte er so entgleisen können.Darum nicht. D mein lieber Jessen, gewiß nicht darum. Das war nur der letzte Anstoß. So ge­schah schon gestern abend, was heute in dem fröh­lichen Hochzeitstrubel geschehen sollte." Er log ein­fach darauf los, so wenig ihn, das lag.O nein, wenn Sie das so ansehen. Bitte erwähnen Sie es doch Riekchen gc- nüber nie. Sie könnte an der Liebe ihres Verlobten zweifeln."

60/ sagte Johannes Jessen, zu sich selber, als auch dieser Besuch gegangen,das sind ja angenehme

Dinge. Aber wer in aller Welt hat ein Interesse daran gehabt, Riekchen und Grützmann auseinander ober zusammen zu reden?" Und wie er das dachte, erschrak er doch.

Helene!"---

Hatte er es laut gerufen? Hatte es jemand ge­hört? Das Zimmer war leer. Jetzt kam die Stimme seiner Frau über den Flur:Johannes, es wird Zeit zum Umkleiden." Wie froh die Stimme klang. So hatte er sie seit Jahren nicht gehört. Ja, diese Verlobung war endlich ein Glück, wie sie es er­sehnt hatte. Morgen würde sie anfangen über Aus­steuersorgen zu klagen, aber heute war sie wunschlos glücklich. Konnte sie---Himmel, das durste

man nicht einmal denken. Trotzdem man dachte es immer wieder. Wie er hinüberging in die Schlaf­stube und die Fran im violetten Seidenkleid, schon fast fertig, aufgeregt herumhantieren sah, hier steckte noch eine Blume nicht richtig, dort mußte eine Spitze mehr hervorgezuoft werden, spürte er die immer in ihr gärende Aufregung, die sich jetzt nur einmal in Freude gewandelt hatte. Was hatte Bottmann einmal gesagt, als er mit ihm über ihr Wesen ge­sprochen und über all die Leiden, die sie plagten: Verdreht ist sie. Unerzogen und unbeherrscht. Da entgleisen die Nerven. Paß auf, daß sie nicht mal allerlei Unfug angibt. Man weiß nie, worauf solche Frauen verfallen."

Während er sich umkleidete, flogen ihm die Ge­danken im Kopf. Sie hatte diese Partie brennend gewünscht. Sie hatte auf Hanse eine ganz unberech­tigte alberne Eifersucht. Sie hatte ihm eine böse Szene gemacht, als er damals mit der Kusine zu Krogs gefahren war. Sie redete sich in lausend Dinge hinein, die nur in ihrer Einbildung existier­ten. Sie war der Ansicht, er sei viel zu nachsichtig als Geistlicher, es müßte ganz anders hinein geleuch­tet werden in all die Schmalebecker Dummheiten und Sünden. Sie hatte oft gesagt, es sei ein Unfug, wie im Whistklub aufgetafelt würde, denn das machte ihr selber Kosten und Mühe. Sie--

Was hast du denn nur", fragte Helene.Du wirfst ja alles durcheinander. Nun fällt noch der Kragenknopf hin. Da unter dein Bett ist er gerollt. Komm her, ich will ihn dir einknöpfen. Sieh mal, die ersten Leute gehen schon in die Kirche."

Er ließ sich den Knopf befestigen, er steß sich in den Rock stecken, sich den Hut in die Hand drücken, --immer ging es ihm durch den Kopf: ,Jch muß es ihr sagen. Gleich muß ich es ihr sagen. Und dann dann darf diese Verlobung nickt zur Heirat führen. Herr, mein Gott, das unser Kind aus solche Weise zu feinem Glück kommen soll Er­schlichen von der Mutter--Und wenn es her­

auskommt, daß meine Frau meine Frau Meine Stellung ist unhaltbar. Wie sie auf uns her­

absehen werden! Unausdenkbar! Mein Riekchen, mein Riekchen."

Da faßte ihn gerade sein Riekchen um und sagte:Du bist heute ganz verwirrt, Vater. Wie gut, daß du nicht die Rede hallen mußt. Du hast Georg ja gar nicht guten Tag gesagt."

Nun gingen sie über den Markt, die Eltern voran, das junge Paar, Arm in Arm, hinterher.

Von allen Seiten strömte es in die Kirche. Olle, der Polizist und Nachtwächter, Schmalebecks unge­krönter Herrscher, stand vor der Kirchentür und scheuchte mit seinem Knotenstock die Jungen, die sich eindrängen wollten. Die Orgel fang schon leise, der Kantor spielte heute als Vorspiel eigene Kom­positionen. Und wie er sie spielt, sah er vor Auaen die eigene Trauung, die nie stattgefunden hatte, sah sich jung und hoffnungsfroh neben der goldblonden schlanken Melanie Rosen--Vor vierzig Jahren

hätte das sein sollen. Nie war es gewesen, nicht ein­mal die Erinnerung an diesen Höhepunkt des Lebens hatte er. Und warum? Weil ein albernes Zigeuner- roeib dummen Tratsch geredet hatte. Weil klein­städtischer Aberglaube wilde Angst schuf, weil er nicht den Mut hatte, dem gegenüber ein Glück zu er­zwingen, das vielleicht an innerer Angst der Ge­liebten zum Elend geworden wäre. Wußte er nicht mehr, was seine Hände griffen? Ganz mechanisch war er hineingeglitten in den Choral: Wer nur den lieben Gott läßt malten, und auf ihn hoffet alle Zeit--"

Er auch, er, der einmal ein Freigeist gewesen, er war in dieser stillen Kleinstadtluft wieder ganz kind- gläubig geworden. Man kämpfte hier nicht, man rang nicht mit wilden Gefühlen, man lag unter einer Decke, die alles gleichmäßig einhüllte, und die Luft war lau, und die Wünsche waren lau, und wer das nicht ertragen konnte, der mußte eben fortgehen aus Schmalebeck. Oder er mußte von ganz besonde­rem Holz sein und ein heiliges Feuer in der Seele tragen.

Die Ehorjungen, die an der Tür Wache gestan­den, polterten die Chortreppe herauf.Sie kommen, sie kommen." Da griff er fester hinein in die Tasten und spielte seinem ölten Pfarrer dessen Lieb­lingslied:Allein Golt in der Höh' sei Ehr'."

Alle Schmalebecker standen in den Stühlen, wie das alte Paar durch die Kirche den langen Gang heraufkam. Und es war, wie Ilse vorhergesagt, die Großmutter in dem Grauseidenen, den goldenen Kranz im weißen Haar, den Schleier über den silbernen Seitenlöckchen, die lieben allen Augen immer noch wie dunkle Sterne, war so von innen her durchleuchtet, (0 verklärt, daß sie schöner war als alle iungen,Mädchen und alle geputzten Frauen.

Denn es ift'bie Seele, die das Antlitz schafft.

Sie traten vor den Altar. Der Propst selber, über des Talar die gewaltige Halskrause, das gol­

dene Kreuz, das Zeichen feiner Würde, auf der Brust, trat heran alles wurde totenstill in der Kirche.Dein Volk ist mein Volk, dein Gott ist mein Gott, wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben jein---*

Ilse hörte die Worte an ihr Ohr klingen, die ihr einmal eine Sommernacht lang den Sinn nicht verlosten hatten. Damals hatte sie gefragt und gehofft nun war das alles vorbei. Schon trabten die Poftpferde, die ihren Brief trugen, der dänischen Grenze zu In zwei Tagen würde er ihn haben. Würde ein wenig empört sein würde sagen:O süße Ilse, mußte das sein?" würde drei Tage mit einem Mund herumlaufen, dessen Winkel noch unten gezogen waren in tiefstem Selbstbedauern, und dann--Dann würde er

mit der stolzen Gräfin auf die Fuchsjagd reiten und im gefrorenen Sumps auf Enten schießen---

Sie riß sich zusammen, denn sie spürte, daß sie beobachtet wurde. Die Augen zur Seite wendend, erkannte sie Thomas Raben. Er war eben erst mit Extrapost gekommen und gleich in die Kirche ge­gangen. Das war ein gutes Empfinden. Dies ener­gische braune Gesicht, diese klaren Augen es war gut, daß er gekommen war. Der raspelte fein Süßholz, und wenn er bei Tisch neben ihr saß, und sie mochte nicht reden, bann würde er das verstehen und sie gewähren lassen.

Es gibt so. wenig Menschen, die uns gewähren lassen. So wenige, die es spüren, wie die heim­lichen Wasser in unserer Seele rinnen. Ordentlich froh legte sie, als es nach der Einsegnung hinüber­ging zur Post, ihre Hand auf seinen Ann und ließ sich führen.

In den Vorderzimmern war für vierzig Per­sonen die Tafel gedeckt, in dem großen Saal, wo sich ganz Schmalebeck versammelte, soweit es nur einen sauberen Rock anzuziehen hatte, spielten sie danach dem alten Paar Erinnerungen aus ferner Jugendzeit. Dann begann der Tanz, und Pastor Bottmann führte mit seiner Luise die Polonaise an und ging alle schönen altmodischen Touren durch, und lieh sich mitten hineinwickeln in das große Knäuel und kroch durch all die erhobenen Hände hindurch, und tanzte einen ganz zierlichen, lang­samer Walzer mit der greifen Lebensgefährtin durch den Saal.

Da hatten sich all die Jungen an die Wände zurückgezogen und schauten zu, und,Jlse tat wieder bas dumme Herz weh, sie wußte selber nicht warum. Sie stand dicht an der Saaltür und neben ihr Tho­mas Baben, und Biekchen stand da mit ihrem Georg, der schon ganz bräuttgamsmäßig aussah, ordentlich glücklich, und Hanse und der Vater stan­den da, und in der Tür die Bedienten aus der Post, Hausknecht und Mamsell und Mägde, und dazwi­schen auch Madam Eggers. lAorttehim^ folgt.)

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