Ur. 225 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 25. September V)26
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Dolkshalle und Verkehrswerbung.
Tie Gießener Gartenbau- und Elekttizitäts- Ausstellung hat mit einem unerwartet großen Erfolg abgeschnitten. Aussteller and Ausstel- lungsleitung find mit dem Ergebnis sehr zufrieden; die bei der Herrichtung der Ausstellung an hervorragender Stelle tätigen Männer haben das auch im „Gieß. Anz." Ar. 221 vom 21. Sept, öffentlich zum Ausdruck gebracht. Sn gleicher Weise zusriedengestellt wird die Leitung der Straßenbahn sein, denn sie sah ihre Wagen in einem Ausmaß in Anspr rch genommen, — rund 73 000 Passagiere innerhalb der Ausstell.ings- woche! — das für unsere Stadt etwas gairz Außergewöhnliches ist. Grand zur Zufriedenheit wird ferner auch in der Geschäftswelt und im Handwerk bestehen, die beide von den unmittelbaren und mittelbaren Auswirkungen der Ausstellung sicherlich mancherlei Vorteil hatten. Lasur spricht der starke Besuch, den unsere Stadt an beiden Ausstellungssonntagen von auswärts erhielt, und schließlich wird auch das große Sn- teresse. das die einheimische Bevölkerung in der vorigen Woche allen Geschäften entgegenbrachte, nicht gering zu veranschlagen sein. Mittelpunkt der ganzen, großen geschäftlich-propagandistischen Bewegung war die B o l k s h a l l e . deren Bestehen die Schaffung des größten Werbemittels unserer Ausstelkungö- und Werbewoche erst ermöglichte. Diesem Besitztum unserer Bürgerschaft und seiner Bedeutung für unser Gemeinwesen seien heute einige Betrachtungen gewidmet, die gerade nad) den: großartigen AusstellungS- und Geschäftswerbungserfolg am Platze sind.
Seit gut einem Sahre erfreuen wir uns des Besitzes dieser Volkshalle, die sich bekanntlich im Eigentum des Dollshalledereins befindet. Auc nad) schweren Känrpfen ist es im vorigen Sahre gelungen, den großen Gedanken in die Tat um- zusetzen. Zahlreiche Mitbürger und die Stadtverwaltung halfen da den wenigen Männern, die an der Spitze der Bewegung für die Errichtung dieser Halle standen, durch die Bereitstellung von Baugeldern und Baumaterialien bei der Schaffung des Werkes. Aus der Bürgerschaft heraus wurden allein rund 120 000 Mark zur Verfügung gestellt, nur zum Zwecke des Volkshallebaues; für eine andere Aufgabe, die im Frühsommer 1925 der Werbung für den Vollshallegedanken entgegengestellt wurde, wäre diese bedeutende Summe »richt zu haben gewesen, wie ja die bedauerlicherweise nur gering ausgefallene Sammlung für ein gemeinnütziges Wohnungsbauunternehmen zux Genüge bewiesen hat. Daß die Stadtverwaltung das Volkshallebau- ülnternehmen materiell und auch moralisch fördern muhte, weil es keine privatwirtschaftlichen Zwecke verfolgt, sondern sid) in den Dienst der Allgemeinheit stellt, wurde sofort richtig erkannt, und demgemäß wurde auch gehandelt. ä2nd daß die Stadt nach besten Kräften ihre Pflicht auf dem Gebiete des Wohnungsbaues erfüllt, wird angesichts der beiden städtischen Wohnungsbauprogramme, die in diesem Sahre wieder beschlossen wurden und gegenwärtig in der Ausführung begriffen sind, von jedermann zugegeben werden müssen. Das erste Sahr Volkshalle mit den verschiedenen großen Veranstaltungen, insbesondere jetzt mit der Ausstellung, hat gezeigt, dah die Stadtverwaltung und die Mehrheit der Stadtverordneten - Versammlung gut beraten waren und richtig gehandelt haben, als sie sich im vorigen Sahre der großen Sache tatkräftig annahmen, zugleich aber auch erkennen liehen, daß sie auch weiter ihre wohlwollende Förderung dem gemeinnützigen äLntcrnehmen zuteil werden lassen würden. Diese Feststellung jetzt machen zu können, wird allen damaligen Befürwortern des Volls- hallebaues, in deren Reihen auch wir uns befanden, eine Genugtuung sein, deren man sich aber lediglich um der Sache selbst willen freuen darf. «
Es konnte in dem ersten Sahr Volkshalle wiederholt unter Beweis gestellt werden, daß dieser Dau dem bisherigen Mangel an Raum für ganz große Veranstaltungen in bester Weise abhilft. Wir erinnern an die vorjährigen Veranstaltungen beim Kreisturnfest, an den Dr.- Eckener-Tag, an den Empfang der Saarsänger, an den Reichsbannertag, an den Besuch der Deutschmeisterkapelle, den Turn- und Sportwerbe- tag usw., endlich an die jetzige Ausstellung. Bei
Vorschau auf die kommende Spielzeit des Stadttheaters.
Da nun die Gastspiele des Sommers zu Ende sind, werden einige Mitteilungen über die vor uns liegende Winterspielzeit iirteressieren.
Es versteht sich von selbst, daß die Winterspielzeit einen andern Charakter tragen wird als die hinter uns liegende Sommersaison, die unter Berücksichtigung des für Bad-Nauheim gebotenen ülnterhaltungsspielplanes und unter dem Einfluß der Sahrestemperatur schwere literarische Kost ausschloß.
Die Betonung des Kulturtheaters wird im Winter vor allem dadurch zum Ausdruck kommen, dah den Klassikern auf vielseitigen Wunsch wieder erhöhte Aufmerksamkeit gewidmet werden soll, wie es früher ja auch der Fall war. Gleich die Eröffnungsvorstellung b ringt in Shakespeares „Kaufmann von Venedig" ein anspruchsvolles Werk dieser Art. Weiter ist Schillers romantische Tragödie „Die Sung- frau von Orleans" nach längerer Pause wieder vorgesehen; die Aufführung dieses Werkes dürfte besonders interessieren im Vergleich mit der in den letzten Sahren wiederholt gegebenen „Heiligen Sohanna" von Dernard Shaw.
» Auch G oet hes „ Faust" gehört zu den Werken, die jedes ernstzunehmende Theater alle Paar Sahre aufführen muh, und darum wird auch Diese« Werk im Laufe der Spielzeit bestimmt in einer Neueinstudierung gebracht werden. " Aufführungen weiterer Klassiker sind vorgesehen.
Sm übrigen sollen alle Aeuerscheinungen sorgfältigst auf ihre Eignung für unser Stadttheater geprüft und je nachdem dem Spielplan »einverleibt werden. Eine Reihe von Aeuheiten ist bereits fest erworben oder in bestimmte Aussicht genommen. Es sei aber gleich bemerkt, dah die Anführung der vorgesehenen Stücke auf dem Theaterprospekt für jede Bühne eine etwas heikle Sache ist. Wenn im letzten Sahre von den auf dem Prospekt angegebenen Werken alle mit einer einzigen Ausnahme zur Aufführung gebracht wer-
all diesen Gelegenheiten konnten in der Volkshalle Massen untergebracht werden, die kein anderes Lokal unserer Stadt auch nur annähernd fassen kann. Erst seit dem Bestehen der Halle sind derartige grosse Veranstaltungen in unserer Stadt möglich, und seitdem erst konnten wir verkehrs- wcrbend über den Rahme»» unserer Stadt hinaus- aehen. Diele Fremde haben seitdem in unseren Mauern geweilt, als Teilnehmer an den oben- bezeichneten Deranstaltungen, und gar mancher Wohl auch später noch, da es ihm hier gefiel. Durch diesen Fremdenbesud) ist Geld in unsere heimische Wirtschaft geflossen, das der eine Kauf» mann. Gewerbetreibende oder Gastwirt direkt von den Fremden einnahm, während der andere indirekt den Vorteil hatte. Dec weitere Zweck der Volkshalle, auch Werbe in ittei für eine Steigerung des Fremdenverkehrs zu sein, ist gleichfalls schon erreicht worden, und damit hat sich gezeigt, dah der Bau also aud) vom Standpunkt der Verkehrswerbung aus als eine gute Kapitalanlage angesehen werden muß. Das Sinnen und Trachten des Volkshallevereins und des ■ Verkehrsvereins ist nun daraus gerichtet, dieses ausgezeichnete Werbemittel für Den Stern— denbesuch immer stärker in Anspruch zu nehmen. Beigeordneter Dr. Seib hat in seinen AuL- führungen im „Gieß. Anz." Ar. 221 vom21.Dept. schon auf die Wahrscheinlichkeit hingewiesen, daß in den nächste»» Sahren noch größere Ausstellungen als Diq jüngste unter Benutzung und in Anlehnung an die Volkshalle hier stattfinden werden, weil unsere Stadt infolge ihrer günstigen Lage eben der gegebene Mittelpunkt eines größeren Wirtschaftsgebietes ist. Auch der Verkehrs- vereii» beschäftigt sich mit Plänen für Veranstaltungen, die einen großen Fremdenbesnch von aus-
halle eine dringende Notwendigkeit ist. Wir möchten die Berechtigung der Ermahnungen und Forderungen des Beigeordneten Dr. Selb kräftig unterstreichen, denn eS ist fraglos richtig, daß der Ruf unserer Veranstaltungen u»»d damit die Geltung unserer Stadt draußen im Reiche um so größer ist, je besser wir nicht nur den Gehalt, sondern aud) den Rahme»» der Darbietungen gestalten. Die Lösung dieser Ausgabe muß der Vollshalleverein jetzt mit aller Tatkraft an- streben. Et hat ja dazu nun»nehr eine gewisse Grundlage in dem zweisellos recht ansehnlichen älebetschuß aus der Gartenbau- und Elektrizitäts-Ausstellung. Rach Abzweigung einer Rücklage für unvorhergesehene Fälle wird er von diesem ääeberschuß immer noch einen an- sehnlid)en Teil zun» Ausbau der Halle verwenden können. Sollte Damit das jetzt unbedingt Notwendige nicht zu erreichen sein, Dann hoffen wir, Dah ein neuer Appell an Die Stadt, in Deren Eigentum Das Werk ja allmählich übergeht, ebenso verständnisvolle Aufnahme und Hilfsbereitschaft finden wird, wie im Vorjahre. Hier gilt es, sich für ein Werk einzusehcn, das als hervorragendstes Snslrumenl Der Verkehrswer- bung in» besten Sinne Des Wortes Gemeingut Der Gießener Bürgerschaft ist.
Die HuiMeiden des Vogelsbergs.
(Von unfercin -Mitarbeiter.)
Sn der Nachkriegszeit, als es galt, durch Weckung und Förderung der geistige»» Kräfte den Wiederaufbau des Vaterlandes zu beschleu
SßK iteetet KsMOW
Dom Montag, dem 21. September an erscheint in täglichen Fortsetzungen Das ewa» WKsMMÄ (Martina Wilemar)
Ein Kulturbild der Gegenwart von Franz Faver Kappus
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wärts erwarte»» lassen, und bei Denen ebenfalls Die Volkshalle Das Kernstück des ganzen Werkes sein wird. Einzelheitei» können Darüber heute noch nicht mitgcteilt werden.
Wenn die Veranstaltungen in der Vollshulle künftig noch eindrucksvoller sein sollen als bisher, und damit auch ein erhöhter Anreiz für Den Fremdenverkehr geschaffen werde»» soll, Dann ist es freilid) notwendig, Die Vervollkommnung Der Halle kräftiger als in Den verflossenen Monaten zu betreiben. Sn anerkennenswerter Weise ist bei der Herrichtung Der Gartenbau- und Elektrizitäts-Ausstellung bereits mand)e Verbesserung getroffen worden. Trotzdem aber hat Beigeordneter Dr. Selb in feinen oben bereits erwähnten Mitteilungen int „Gieß. Anz." mit Recht betont, daß Der vollständige Snnenausbau der Volks- n wi —Ti— iw iiii»» tw
Den konnten, so ist das ein sehr günstiger Fall. Der Spielplan kam» zu leicht DaDurd) beeinflußt werden, dah sich Die Sndividualität neuer Mitglieder in Hauptfächern anders entwickelt, als erwartet wurde, dah besonders interessante Neuerscheinungen Den Vorrang vor vorgesehenen Stücken beanspruchen u. a. m. Sm m er hin seien hier einige neue oder wenigstens für Gießen neue Werke angeführt. Wir nennen die Tragikomödie „Wer weint um Suckenack?" von Rehfisch, die dramatische Historie „3uare$ und Maximilian" von Franz Werfel, Die Burleske „Week-end" von Noel Coward, das Glashüttenmärchen „UnD Pippa tanzt" von Gerhart Hauptmann, „Peer Gynt^ voi» Henrik S b s e n, Die Eharalter- komödie „Der alte Textor" von HanS Geisvw, das Lustspiel „ Dover—Calais" von Sulius Berstl.
Die Bewältigung so verschiedenartiger Aufgaben hat zur Voraussetzung ein gut abgestimmtes, ein sich glücklich ergänzendes Künstler-Ensemble. Dieses ist hier gewährleistet einmal durch Die TheaterverbinDung mit BaD-Nauheirn, Die Die Existenz Der meisten Mitglieder für das ganze Sahr sichert und Dann Durch Die grundsätzliche Einstellung der hiesigen Theaterleitung, Die bewährte Kräfte solange wie möglich zu halte»» sucht. Der Hauptstamm unserer ersten Kräfte ist denn auch für den kommenden Winter zusammengeblieben und nur in Drei Fächern, dem Der ersten Heldin und Liebhaberin, Dem des jugendliche»» Komikers und dem des Bonvivants und leichten Helden ist ein Wechsel eingetreten. Bei bei» Engagements ist mit großer Sorgfalt vorgegangen worden, und es besteht begründete Aussicht, daß sich Die neuverpflichteten Mitglieder harmonisch dem alten Personal einfügen. Denn das hat ja hauptsächlich den guten Ruf unseres Stadt- theaters begründet, daß Gießen sich stets eines gut abgerundeten und vorzüglich eingespielte»» Ensembles erfreute.
Die überwiegende Anzahl der Vorstellungen wird sich wieder im Abonnement abspielen, und zwar werde»» wiederum vier Abonnements (je für Sonntag, Dienstag, Mittwoch und. Freitag) aus
nigen, wurde namentlich der Landwirtschaft erhöhtes S n t e r e f f c entgegenge- bracht. Mai» schuf in Hessen eine verhältnismäßig große Zahl voi» Landwirtschasts- ä n» t e r n, deren unterrichtliche, beratende und aneifernde Wirksamkeit dem kleinsten Dorfe zum Segei» gereicht, baute die ländliche Fortbildungsschule aus, mehrte die kleinbäuerliche Anbaufläche durch Zuweisung von Siedlungs° land und wandte beträchtliche Geldmittel auf, Ackerbau und Viehzucht auf zeitgemäße Höhe zu bringen. Auch für die Zukunft darf die Sorge für die Landwirtschaft nicht erkalten. Noch schreckt des großen Krieges schreckliches Gespenst: Die Gefahr der Aushungerung. Vs gilt, mit allen Mitteln dahin zu wirken, die landwirtschaftlichen Erträgnisse zu steigern, um, soweit als möglich,
gegeben. Der Spielplan an Den verschiedenen! Abonnementstagen ist im großen Ganze»» Der gleiche; nur In» Sonntagaboirneii.ent werben Werke heiterer Ohrt bevorzugt werben, ohne bah bamit wertvolle Werke anderen Charakters an diesen» Tage ausgeschlossen fein sollen. Do.» den 28 Aboimementsvorstellungen werden in jeden» Abonnement 21 auf das Schauspiel im weiteren Sinne entfallen, also auf Tragödie, Schauspiel, Komödie, Lustspiel und Schwank, 6 auf die Operette und eine auf die Oper. Die Einbeziehung einer Oper in bas Abonnement bzw. in bei» Abonnementspreis wirb bieses Sahr zum ersten Male versucht.
Die Opern- und Operettenvorstellungei» werben wie in ben letzten Sahren toieber burch Gastspiele von auswärts, hauptsächlid) aus Frankfurt a. M. bewirkt werben. Die Ausgabe unb Bezahlung ber Abonnements erfolgt in fieben Raten.
Man bars also Wohl sagen, baß künstlerische Leitung wie Verwaltung das Mögliche getan haben, um allen billigen Wünschen des Theater- Publikums gerecht zu werden, und es bleibt zu hoffen, daß sid) auch ber Erfolg auf künstlerischem unb finanziellem Gebiete einstellen wird.
Als gute Vorbedeutung mag bas Wieberum lebhafte Sntereffe für bas neue Theaterabonne- ment gelten. H
vorgeschichtliche Karikaturen.
Die Darstellung des Mensd)en in der vorgeschicht- llchen Kunst ist höchst merkwürdig und hat Den Prä- Historikern schon zu vielen Vermutungen Anlaß gegeben. Während die Tierdarstellungen, besonders in denwundervollenHöhlenbildern und der» Zeichnun- gen auf Knochen, eine außerordentlich scharfe Beobach, tung Der Wirklichkeit verraten und von höchster Na- turtreue sind, ist der menschliche Körper stets in phantastischen Übertreibungen und grotesken Verunstaltungen dargestellt. Die Formen sind so eigenartig und i»iG>f)»nal so übertrieben, daß man fooar an bewußte Karikaturen der vorgeschichtlichen Künstler gedacht hat. Diese Annahme gewinnt eine Bestäti-
Dei» Nahrungsbedars Im eigene»» Lande decke»» zu könne»».
Der höher und hochgelegene Teil deS Vogelsbergs kann als ilebcrfd)uf$gcbict für Brotfrucht kaum in Frage kommen. Die Ungunst der klimatischen Verhältnisse erschwert Den Anbau unb vereitelt in manchen Sahre»» das Bergen später Ernte. Hier liegen auch bic starke»» Wurzeln wirtschaftlicher Kraft weniger im Ackerfeld, als vielmehr in Dem Reichtum seiner Wie - fengrüitbc und ber Unerschöpfüchtett seiner Hutweiden. Langgestreckte. grasgesegnete Täler, cingcllciiunt in bewaldete Bergrücken unb durchschlängelt von glitzernde»» Bergbächei», weit binauflangenbe Berghänge von niedriger, aber nährkrästiger Grasnarbe überzogen, biete»» die günstigste»» LebeirSbedingungei» für eine hochentwickelte Rindviehzucht und Milchwirtschaft.
Für den Bewohner des Vogelsbergs sind gerade Die in Gemeindebesitz befindlichen Hut- weiden, über die Der WanDerir vielleicht achlloS hinwegschreitet, von geradezu unschätzbarem Wert. Sie nähren feil» Vieh während Des ganzen Sommers und gestatten ihm eine viel stärkere Viehhaltung, weil seine Heuvorräte nur für Den späten Herbst, den Winter und das zeitige Frühjahr auszureichen haben.
Sobald aber Die Hutweiden grün geworden m»d Sättigung verspreck)en, Dann öffnen sich die Stätte, der Weidegang beginnt. 6, 8, 10, 12, ja 20 und mehr Stattgenossen wandern Dann täglich gemeinsam zur Weide. Der erste Austrieb ist immer schwierig und geräuschvoll. Die ganze Familie, ost noch verstärkt burd) Freund- und Nachbarschast, ist auf den Beinen, Die ungestüme Schar zusammenzuhalten, ilebermut, Widerspenstigkeit und hartnäckigen Eigenwillen zu brechen. Es regnet Zurufe und Scheltworte, Hiebe unb Püffe. Schweißtriefend langt man auf Der Weide an und aud) hier winkt nicht die reine Freude geruhsamen Verweilens. Die Stillung ber Freß- luft schützt nicht immer vor Seitensprüngen.
Aber schon nad) wenigen Tagen stampft die vierfüßige Schar manierlich burd) des Dorfes Straßen, und bald ist der kleinste „Weidehirte", der sid) vielleicht nur mühsam in» Dunkel gedruckten und geschriebenen Wortes zurechts iudef, ei»» vielvermögender Mann im Bereiche seiner Schutzbefohlenen. Sein Zuruf erzwingt Aus- horchen, sein „Rasselstecken" saust schneidend Durd) die Lust, schreckt einen Abseiter zur Herde zurück und verschasst »nühelos Respekt. UnverbesseU'chcn Ausreißern preßt man „vas Brett vors Hirn", das ben Gesichtskreis auf wenige Schritte verengt, ober hängt ihnen an groben» Strick die schwere Kugel an den Hals, die schnellen Laus hindert. Nur an gewitterschwüle»» Tagen sind alle Tiere mehr ober weniger unruhig. Die „Bremsen" toben und fangen unter schmerzhaftem Stiche das Blut Der Weidetiere.
Das Vieh wird täglid) zweimal abgetrieben. Sn Den Mittagsstunden, wenn grelle Sonne auf den Derghängen liegt, i t Die Hutweide leer. Sb re große räumliche Ausdehnung gestattet es, immer wieder günstige Weideplätze zu finden, bis das Gras bereits abgeweibe er Fläche»» nachg wachsen. Nur lange Hitzeperioden, wie sie beispielsweise die Sahre 1911 unb 1921 auswiesen, wirken vernichtend. Der unbarmherzige Sonnenbrand wandelt bas Grün inS Gelbbraun, dorrt jedes Halm- d)en unb Gcasspihchen. Nur wo ein Que Hetzen noch unbeirrt am Hang rieselt, leuchtet ein grüner Fleck in das Fahl seiner Umgebung. Die Hutweide ist tot. Der Gcabenrand Der Waldwege und grasbewachsene Schneisen gewähren zwar noch Atzung, vermögen aber nicht das ganze Vieh zu sättigen. Man sieht sich ge- zwungei», den Viehstand zu uerriiigern, Denn auch die Wiesen versagen in solchen Sahren. Für die viehzuchltreibende Bevölkerung find abnorm heiße Sahre stets Vertu st ja h re.
Gerade in letzter Zeit sind Die sonst wenig bekannten Hutweiden mehr in den Mittelpuntt deS Snteresses gerückt. Der Hessische Staat säh sich veranlaßt, größere Geldmittel zur Verfügung zu stellen, um eine planmäßige Melioration der Weldeslächen durdjzuführei». Sn vielen Gemeinden, Die sich bereit erklärten, Die geldlichen Beihilfen zu leisten, hat sie bereits eingesetzt. Man beseitigt zunächst Die im Weidland zerstreut umherliegenden Basaltsteine und Ameisenhaufen und sud)t Dani» Durd) ©treuen geeigneter Düngemittel den Graswuchs anzuregen und zu fördern, um wesentlich bessere Weideverhältnisse zu fd)affen. Manche Gemeinden sind aud) Der An-
gung Durd) Die Veröffentlichung Der vorgeschichtlichen Menschendarstellungen aus Den Grotten von Ariöge, Die soeben Der Graf Begouen in Der Revue anthropologique bietet. Diese Figuren haben einen durchaus karikaturistischen Charakter und geben in ihrem bizarren Aussehen Denen nichts nach, die man bereits in Den spanischen Höhlen entdeckt hat. An eine Karikatur gemahnt auch der berühmte „Zauberer" Der Höhle von Trois - FröreS, Der sid) wie Der Held einer komischen Maskerade ausnimmt. Sn den unförmigen Figuren von Portel sind gewiße Mißge- ftaltungcn des menschlichen Körpers übertrieben. Am merkwürdigsten in diesem Zusammenhang sind aber zwei menschliche Profile, die Cartailhac kürzlich an ben Felsenwänden von Mas d'Azil entdeckt hat. ES handelt sid) Dabei um Llmrißzeichnungen, von Denen Die eine einen Menschen Darstellt, der Den Mund weit aufgesperrt hat ; an Dem anDeren Profil erkennt man ein sehr komisch wirkendes, übertrieben große» und rundes Auge, eine eckige Stirn und ein faum angebeuleted Kinn. Begouen weist darauf hin, daß diese Menschenbilder in einem ausfallenden Gegensatz zu Den so realistisch gegebenen Tierdarstellungen in Den Höhlengemälden unb einzelnen Skulpturen stehen. Außer bem „Zauberer" von Trois - Fröres, besten Körper richtige Verhäliniste aufweist, besitzen wir keine gute Darstellung des Menschen in Den vorgeschichtlichen Höhlen. „Die Künstler", sagt Der Verfasser, „hätten Den Menschen mit derselben Vollkommenheit wledergeben können wie die Tiere, wenn sie gewollt hätten. Da aber die Menschendar stellu ngen im allgemeinen fd)led)t sind, so wüsten dafür beton- Dere Gründe maßgebend gewesen sein." Begouen glaubt, daß eS sich Dabei um abergläubische Dor- Rettungen handelt, Die eine naturgetreue Darstellung deS Menschen verboten, und Dies entspricht iiber- haupt seiner Anschauung, die den Ursprung der Kunst im Zauberglauben sucht. Andere vorgeschichtliche Forscher, wie z. B. Luquet in seinem neuen Werk über Die Kunst unD Religion Der vorgeschichllichen Menschen, meinen aber, Daß Die Kunst Dem Nachahmungstrieb und einem dem Menschen angeborenen ästhetischen Sinn entsprossen sei. Diese Theorie möchte in Den Menschendarstellungen richtige Karikaturen erblicken.


