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Nr. 225 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, 25. September 1926

Thoiry in der europäischen Politik.

> Don Dr. Walther Schotte

Herausgeber der Preußischen Jahrbücher.

Durch Beschluß des französischen Ministerrats ist D r i a n d bevollmächtigt worden, die Der« Handlungen Thoiry mit Stresemann fortzusetzen; die entsprechende Vollmacht dürfte Dr. Stresemann nach seiner Rückkehr von Genf hier empfangen. Damit ist die deutsch-französische Ver­ständigung in das Stadium akuter Verhandlungen gelangt, in denen gegenseitige Rücksicht aufeinander ein ausschlaggebendes Moment der internationalen Politik sein wird. Für den glücklichen Ausgang die­ser Verhandlungen wird daher die internationale Gruppierung der Mächte in ihrem Verhältnis zu dem einen oder anderen der Verhandlungspartner von ausschlaggebender Bedeutung sein.

Der Geschicklichkeit Briands ist es gelungen, im Dölkerbundsrat die alte französische Front wieder zu schließen und noch zu verstärken. Diese Front wird nicht nur in der Dölkerbundspolitik, sondern allgemein und besonders für die deutsch- rranzösischen Verhandlungen von Wichtigkeit sein. Aber abgesehen von dem französischen Eintreten für Polen hat man nicht den Eindruck, daß die fran­zösische F?ont direkt gegen Deutschland gerichtet sei; es gibt Zeichen dafür, daß Frankreich von a n - derer Seite Schwierigkeiten für seine Politik be­fürchtet und sich dagegen zu sichern versucht. Am auffälligsten in dieser Hinsicht war die französische Unterstützung der chinesischen Ratswünsche, deren Befriedigung geradezu eine Niederlage Eham- berlains wurde. Dos französisch-englische Verhältnis hat sich in Genf merklich abgekühlt.

Chamberlain hat in Genf keine glückliche Figur gemacht. Indem die Schwierigkeiten der englischen Politik sich häufen, zu der inneren wirtschaftlichen und sozialen Krise die staatsrechtliche und außen­politische des Empires mit dem Ausfall der kanadi- ichen Wahlen hinzukommt, kann man fest davon sprechen, daß Chamberlains Stellung erschüttert ist. Die natürliche Folge davon muß eine erhöhte Aktivi­tät des britischen Außenministers sein, um durch Erfolge in schwebenden Fragen verlorenes Terrain wiederzugewinnen. Chamberlain istzur Erholung" von Genf nach Italien gereist, wo er eine Be­gegnung mit Mussolini haben wird. Diese Reise kann in den Tagen erhöhter italienisch-französischer Span­nung, wie sie über die Zwischenfälle in Korsika und durch die Forderungen Mussolinis gegen die italie­nische Emigration in Frankreich entstanden ist, nicht als harmlos iThb absichtslos hingestellt wer­den. Ganz offenbar versucht Chamberlain A n - s ch l u ß zu gewinnen an die südromanische Interessengemeinschaft des Mittelmeeres, die zum Teil vertragsmäßig, zum anderen frei durch den Gegensatz zu Frankreich be- stcht.

Die französische Politik war mit einer gewissen Einseitigkeit konzentriert auf die zentraleuropäischen Probleme, die mit dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund zusammenhängen. Darüber sind die Mit­telmeerbeziehungen Frankreichs zu kurz gekommen. Der französisch - rumänische Schiedsgerichtsvertrag hat einen parallelen Vertrag Rumäniens mit Italien nicht ausschließen können. Rumänien ist durch die Bedeutung der Mittlerrolle, die Italien für Rumänien gegenüber Rußland wegen Beß- arabien spielt, wieder in Abhängigkeit von Rom gebracht, die dem Quai d'Orsay höchst unerwünscht ist. Damit hat Mussolini den Schlag pariert, der seiner Balkanpolitik durch den Sturz Pangalos' ver­setzt worden war. Die Unsicherheit der neuen Ver­hältnisse in Griechenland läßt Rom auch dort Hoffnungen. Entscheidend aber ist die T a n g er­frage. Nun verhindert freilich die unsichere Stel­lung Primo de Riveras, daß die Tangerfrage so­gleich zu politischer Lösung gebracht wird. Aber die italienisch - spanische Verständigung dürfte sich auch über einen eventuellen Sturz von Primo de Rivera erhalten, und es ist wohl kein Zweifel, daß die englische Politik diese Ver­ständigung als Hintergrund benutzen wird, um eine Ausdehnung der französischen Zone nach Westen in der Richtung gegen Gibraltar unmöglich zu machen.

Soll man nun aus allen diesen Entwicklungen den Schluß ziehen, daß sich eine englisch-südeuro- päisch-vorderasiatische Front gegen die französisch­zentraleuropäische Front bilden werde? Und gar weiter die Befürchtung hegen müsse, daß Deutschland durch seine Verständigungspolitik mit Frankreich in diese Gruppenbildung so herein- . gezogen werden würde, daß die Verständigung nur gelingen könnte durch Beitritt zur franzosisch-zen- traleuropäiscken Gruppe, oder daß der Uebergang gi der von. England geführten Front das Ende der crständigung sein müßte?

Das Unglück ist, daß Deutschland selbst iso­liert ist und über keine eigene Gruppe verfügt. Die skandinavischen Staaten, die nörd­lichen Randstaaten, kämen als natürliche Verbündete Deutschlands wohl in Betracht; aber einmal ist ihr internationales Gewicht nicht über­groß und dann werden sich nach dem Eintritt Deutschlands in den Völkerbund ,oder richtiger ge­sagt, nachdem es Frankreich gelungen ist, im Völ­kerbundsrat sich ein Uebergewlcht zu verschossen, die meisten der heute noch neutralen Staaten sehr wohl überlegen, ob sie sich in diesem Augenblick gewisser Spannungen unter den Hauptmächtegruppen irgend­wie selbst für eine neue Gruppe engagieren sollen. Man darf eben nicht vergessen, daß alle diese Staa­ten wenig positive Interessen in der großen Politik verfolgen. Sie haben eigentlich nur das negative Interesse, daß nicht neue m a ch t p o l i t i s ch e Gegensätze ihre Existenz in Gefahr bringen. Ein solidarisches Interesse bestand höchstens gegen Ruß­land. Aber die russische Frage ist so sehr in den Hin­tergrund getreten, daß der deutsch-russische Vertrag vom April des Jahres heute kaum mehr viel be­deutet. Lord Grey sprach ganz öffentlich von der Rrife des russischen Kommunismus, und in England erwartet man allgemein (ob mit Recht, fei dahinge­stellt), daß die Herrschaft Stalins über kurz oder lang gestürzt werden wird, um eine neue Aera in Rußland (wie die Engländer fälschlich glauben unter Trotzki) zu eröffnen.

Nun haben die Franzosen kaum die Absicht, ihr Verhältnis zu England weiter sich zuspitzen zu lassen, und sollte das Reich eine Mittlermöglichkeit habemwürde es nützlich fein, sie auszuschöpfen. JedenMÜs müssen wir uns peinlich vor jeder Stel­lungnahme in dem neuen englisch-französischen Gegensatz hüten und dürfen nicht damit rechnen, von England und seinen Freunden eine wesentliche Unterstützung für unsere Verhandlungen mit Frank­reich zu bekommen. Diese Politik der Zurückhaltung

wird Italien wegen der ungelösten Tiroler Frage, die gerade jetzt durch neue Verordnungen Mussolinis gegen die deutschen Mittelschulen ver­schärft worden ist, nicht ganz leicht sein.

Eigenttich hat Deutschland für die Verhand­lungen mit Frankreich nur eine einzige Chance: daß mir uns mit den Hauptstützen seines zentral- europäischen Systems direkt verständigen. Zunächst mit der T s cb e ch e i, alsdann aber auch mit P o - l e n. Dabei sollte man sich nicht darüber täuschen, daß diese Verständigungen nur provisorisch sein können, Kompromißlösungen, die eine endgül­tige Lösung des deutschen Problems im Osten nicht ausschließen dürfen. Gerade wenn wir in der pre­

kären internationalen Situation, wie wir sie oben geschildert haben, an Verhandlungen mit Frankreich gehen, die, von der elsaß-lothringischen Frage ganz abgesehen, die Westsragen endgültig bereinigen sollen, müssen wir größte Aufmerksamkeit darauf verwenden, daß, trotz der im Zuge der Verhand­lungen unentbehrlichen und unvermeidlichen Teil- regehmgen im Osten, uns dort die Zukunft offen bleibt. Eine Zukunft, die schließlich an Stelle des französisch-zentraleuropäischen Systems, das (wie man Frankreichs große Politik auch be­trachten mag) immer antideutsch sein wird, ein deutsches System setzt, um den Frieden in Europa wirklich vollständig zu machen.

Aus der Geschichte der Zigarre.

gurBraunen Woche" in Frankfurt.

3n Frankfurt (Haus Wertbund) ist so­eben die TabalschauB raune Woche" eröffnet. Diese Ausstellung zeigt in erster Linie Zigarrenfabrikate aller Art, bringt aber auch Rauchtabake, Zigaretten und Raucherartikel in ihren Abteilungen. Eine kleine Sonderschau in ihrem Rahmen zeigt künstlerisch ausgemachtes Werbematerial für die Tabakbranche, schöne Packungen für Zigarren und Zigaretten, Tabak usw. Auch eine historische Schau darf nicht fehlen. Zunächst werden alte Packungen, sowie interessante Schriftstücke aus dem ehemali­gen Bureauverkehr der Firmen unterein­ander gezeigt, ferner Unterlagen aus dem Impvrtverkehr der Havana-Zigarren. Eine interessante Sammlung alter Pfeifen, Raucherutensilien, Etuis, Feuerzeuge und wertvolle Tabakdosen wurde hier zusam- mengetragen. Auch die Ausgestaltung der Zigarren- und Zigarettenkasten und eine Ausstellung von Tabakbehältern ergänzt , diese kleine Sonderschau.

3n dem stärksten und ursprünglichsten Triebe der menschlichen Ratur, dem Selbsterhaltungs­triebe, wurzelt das Bedürfnis nach möglichster Steigerung des Lebensgefühls. Dieses Verlangen ist es. was den Menschen zu allen Zeiten zu narkotischen Mitteln greifen ließ. Zwei Gruppen dieser Mittel sind zu unterscheiden: die einen wie Opium. Kokain und andere mehr tolrten betäubend, täuschen also über die Schwierigkeiten des Daseins hinweg und gaukeln gleichzeitig durch eine starke Reizung der Phantasie eine bessere Scheinwelt vor. Die anderen aber verursachen keinerlei Trübung des Bewußtsein, sie wirken lediglich anregend, helfen seelische Hemmungen überwinden und verleihen somit Körper und Geist ein Gefühl größerer Frische.

Unter diesen letzteren steht der Tabak an erster Stelle. Sein Einfluß auf den menschlichen Organismus ist noch nicht endgültig ergründet. Soviel steht aber fest, daß er keineswegs betäubt, daß er vielmehr anregt und ermuntert. Dieses aber auch nicht in der Weise, daß er den Orga­nismus aufpeitscht und ihn zu einer Vergeudung der Kräfte veranlaßt, sondern lediglich dadurch, daß er gewisse Ermüdungs- und Hnlustemp- finbungen wegzuräumen vermag. So ist die see­lische Aufheiterung die geistige Anregung, mit einem Wort: die Aufgeräumtheit zu erklären, die das Rauchen gewährt. Lebenslust und Schaf­fenskraft werden neu beschwingt. Gerade die vielbeschäftigten und Schwerbelasteten finden da­her im Tabak den Freund, der ihnen unentbehr­lich wird.

Das Rauchen geht auf die primitivsten Zei­ten der Menschheit zurück. Schon H e r o d o t be­richtet von den Wilden auf den entlegenen 3n- seln, die bestimmte Früchte in ein Feuer warfen, um sich an deren Dampf zu berauschen. Auch heute noch gibt es Gebiete, die den Tabak nicht kennen und in denen gleichwohl die Eingeborenen den Dampf von allerlei Kräutern einsaugen. Mit dem Genuß des eigentlichen Tabaks kam aber die Kulturwelt erst bei der Entdeckung Amerikas in Berührung. Das erste Rcmch- werkzeug, dem Columbus im 3ahre 1492 bei seiner Landung auf der 3nsel Guanahani be­gegnete, war die Zigarre. Die Indianer rauch­ten nämlich dort Rollen aus Blättern, die mit einem getrockneten Kraut gefüllt waren. Diese Rollen, also nicht das Gewächs nannten sie Tabak". Dabei ist es sehr fraglich ob die Zi­garren überhaupt Tabakblätter enthalten haben, denn ihre Wirkung soll berauschend gewesen sein. Einige 3ahre später wird von den Eingebore­nen Hispaniolas berichtet, daß sie durch ein gabelförmiges Rohr, dessen kurze Enden sie in die Rasenlöcher steckten, den Rauch eines Feuers von Tabakblättern einsogen. Auch dieses Rohr wurde Tabaco genannt. Die Hebertragung des Ramens auf die Pfanze Rikottana erfolgte erst durch die Europäer.

Die Verwendung des Tabakes In dem alten Amerika war außerordentlich verschieden. Reben den erwähnten Zigarren kamen kunstvoll ver­zierte Röhrchen vor. durch die die Mexikaner eine Mischung von Tabak, wohlriechenden Gummi, Ambra und verschiedenen aroniattschen Kräutern zu rauchen pflegten. 3n Nordamerika war die Tonpfeife schon sehr früh bekannt, die bei den Indianern als Friedenspfeife bekanntlich eine große Rolle sowohl bei religiösem Kult, wie bei politischen Verhandlungen spielten. Außerdem wurde auch der Tabak in Amerika schon geschnupft und gekaut.

Bald wurden Tabakpflanzen nach Europa gebracht, wo man aber zunächst nicht viel mit ihnen anzufangen wußte. Sie wurden anfangs nur als Zierpflanzen in Gärten gebaut und später als Heilkraut für alle erdenklichen Leiden ver­wendet. Versuche dieser Art machte um 1560 der französische Gesandte in Lissabon, 3ean Dicvt, dem das Ricottn feinen Ramen ver­dankt. Dieser sandle Tabakblätter mit einem f^rigen Lob ihrer wohltätigen Eigenschaften an die Königin Katharina von Medici, die dem wunderbaren Heilkraut zur Mehrung ihres eige­nen Ruhmes die Ramen: Herbe Catherine und Herbe Medicee beilegte.

3ndessen begann man sehr bald auch in der alten Welt den Tabak als Genuhmittel zu schät­zen, zuerst in den romanischen Ländern, dann auch in England. 3n Spanien und Portu - g a l verbreitete sich das Rauchen mit erstaun­licher Schnelligkeit. Hier begegnen wir auch zu­erst wieder der Zigarre, deren Rame spa­nischen Ursprungs ist. 3n Frankreich griff vor allem das Schnupfen Platz, und zwar haupt­

sächlich als Mittel gegen Kopfschmerz. Rach England wurde die Tabakpfeife im Jahre 1586 durch Kolonisten gebracht. Auch dort wurde die neue Sitte in kürzester Zeit allgemein. Der be­rühmte Seeheld Sir Walter R a l e i g h soll so stark geraucht haben, daß ihn einmal sein Diener mit einer Kanne Ale übergoß in der Meinung, er sei in Brand geraten. Als er 1613 sein Leben auf dem Schaffot endete, rauchte er noch vorher gemütlich seine Pfeife.

ihn jene Zeit entbrannte ein heftiger Kampf der Federn zwischen den Freunden und Gegnern des Tabaks. Die einen hielten ihn geradezu für dos Wunderkraut, das alle menschlichen Leiden Hellen könnte, die andern für ein Geschenk des Teufels, das den Untergang der Menschheit herbeiführen werde. Beintema von Palma schreibt:Einer der studiert, muß notwendig viel Tabak rauchen, damit die Geister nicht ver­loren gehen und der Verstand sonderlich wenn er schwere Sachen nicht gut auffaßt, wieder möge erweckt werden." Und Cornelius Bonte- koe behauptet:Richts ist dem Leben und der Gesundheit so notig, als der Rauch des königlichen Gewächses." Anfangs hatte der Tabak vor allem eine starke Gegnerschaft der Kirche zu über­winden, die auf dem Dibelwort fußte:Was aus dem Mund ausgeht ist Sünde." Papst Urban VHI. erließ 1624 eine Dulle, die das Schnupfen mit dem Kirchenbann bedrohte. Hun­dert Jahre später hob Papst Benedict VIII., der selbst ein leidenschaftlicher Schnupfer war, diese Bulle wieder auf. Als König Jacob I. von England eine geharnischte Schrift unter dem Titel: Misocapnus (Rauchfein) veröffentlichte, in der er bemerkte,daß der Tabakrauch dem Höllen­dampf vollkommen gleich", schrieben polnische Jesuiten einen Antimisocapnus, der die Bestre­bungen des Königs verhöhnte.

Nach Holland gelangte das Tabakrauchen aus England. Wilhelm van der Meer, ein Arzt in Delft, bemerkt, daß er vor 1590 niemals einen Menschen habe rauchen sehen. Aber in jenem Jahre hätten an der Universität Lehden englische und französische Studenten schon Pfeisen oder zusammengedrehte Blätter geraucht. Hier findet sich also wiederum eine Nachricht von der Zigarre. In Holland singen übrigens bald auch die Frauen zu rauchen an. Der Tabak wurde hier sehr schnell ein wichtiger Handelsartikel; auch wurden 1615 schon die ersten Versuche des Anbaues gemacht.

Die Franzosen gingen erst zu Anfang des 17. Jahrhunderts zum Rauchen über. Eine Zeitlang wurde der Verkauf des Tabakes ver­boten, unter Ludwig XIV. aber wieder frei- gegeben. In der Damenwelt spielte dort nach wie vor das Schnupfen eine große Rolle. Man bediente sich hierzu einer Paste, der sogenannten Bonbons de tabac. Die Marquise von Pom­padour erfand eine besondere Tabakessenz, die Essence du tabac de Pompadour pour corriger la Memoire". Die Prinzessin Liselotte von der Pfalz, die Gemahlin des Herzogs Philipp von Orleans, klagte sehr über die Unsitte des Schnupfens. In einem Briefe nach Deutschland schrieb sie:es ärgert mich recht, wenn ich hier alle Weibsleute mit den schmutzigen Nasen daher­kommen seh". Uebrigens soll auch die erste Köni­gin von Preußen, Charlotte, während der Königsseierlichleit heimlich eine Prise genommen haben.

In Deutschland war der Tabak schon 1565 als Heilkraut bekannt und berühmt ge­worden. Das Rauchen wurde hier erst im 30jäh- rigen Kriege durch ausländische Soldaten ein- geführt. Nach dem Friedensschluh versuchten weltliche und kirchliche Regierungen vergebens, die neue Sitte durch Verbote und (Strafen zu unterdrücken. Man bezeichnete das Rauchen da­mals allgemein alsTabaktrinken" oder Sau­sen. In Deutschland haben die schwedischen Soldaten das Rauchen kennen gelernt und in ihre Heimat verpflanzt, obwohl der sittenstrenge Kö­nig Gustav Adolf ein scharfes Verbot erlassen hatte. Ebenso hat die Schweiz das Tabak­rauchen von Deutschland übernommen. Man schritt dort anfangs mit strengen Strafen, mit Gefängnis. Geldbußen und dem Pranger gegen die Raucher ein. In Bern wurde sogar ein eigenes Tabakgericht eingesetzt. Bemerkenswert ist, dgß der Rat der Stadt das Tabakrauchen bei der Einteilung der Verbrechen nach der Ordnung der zehn Gebote mit dem Ehebruch in eine Klasse brachte. Vermutlich nahm man an, daß der Labalqualm das eheliche Einvernehmen störte. Uebrigens hat lange Zeit vorher der Pater Joseph de Coperttno Tabak geschnupft, um seine fleischlichen Anfechtungen zu unter­drücken.

Mit äußerst schweren Strafen schritt man gegen die Raucher im Osten ein. In derTürkei bohrte man den Rauchern ein Loch quer durch die Nase, steckte die Tabakpfeife hindurch und führte sie so auf einem Esel durch die Straßen. Der Sultan Murad IV. lieh sogar Leute, die er bei Kaffee und Tabak antraf, ohne well er es töten. 3m Feldzuge gegen die Perser von 1638 wurden türkische Soldaten, die dem Verbote zu­wider rauchten, gelüpft, gevierteilt oder gehängt. Aber kurze Zeit später führte der Sultan Muhamed IV., der selbst ein leidenschaftlicher Raucher war, die volle Freiheit wieder ein. 3n Persien schnitt man dem Raucher Nase und Lippen ab. In Ruhland begnügte man sich mit dem Aufschlitzen der Olafe, dazu kamen aber die Knute und die Verbannung nach Sibirien. Aber alle diese Verfolgungen ver­mochten den Tabak in feinem Siegeslauf nicht aufzuhalten. Er eroberte in kurzer Zeit ganz

Asien. 3a in 3 apan war er schon 1595 durch portugiesische Seeleute eingeführt worden und wenige Jahre später allgemein verbreitet.

Sehr wesentlich hat zum Erlahmen des Widerstandes die- Erkenntnis beigetragen, daß der Tabak ein überaus dankbares Steuer- o b j e k t ist. England führte schon 1625 das Tabakmonopol ein. Die Republik Venedig gab 1657 den Verschleiß des Tabaks in Pacht. Bald darauf erklärte auch die Päpstliche Regierung den Handel und die Fabrilatton des Tabakes für ein Regal. In Frankreich begründete Colbert 1674 die Regie. Kurz, überall war es der Tabak, der den damiederliegenden Finanzen wieder auf die Deine half. Damit verschwanden naturgemäß auch die behördlichen Verfolgungen.

Heber die Entwicklung, die die Zigarre genommen hat, ist so gut tote nichts bekannt. Soviel steht nur fest, daß sie zu allen Zeiten und wohl auch in allen Weltteilen geraucht wurde, wo der Tabak Eingang fand. Aus Burma wird berichtet, daß die Zigarren der Männer dort 10 Zentimeter lang und 2 Zentimeter dick sind, also ein ganz normales Kaliber haben, während diejenigen der Frauen eine Länge von 24 Zenti­meter ^md eine Dicke von 3 Zentimeter erreichten. Dem Tabak werden auch andere würzige Kräuter beigemischt. Auch auf den Philippinen sind die Frauen-Zigarren größer als die der Männer. Auf den Malahschen Inseln machte man schon um 1639 Zigarren, die 6 Finger lang und ein Finger dick waren. Aus den Sunda-Inseln sollen sogar Tabakrollen von der Dicke eines Kiichercrrmes als Zigarren geraucht worden sein

Daß in Europa schon sehr früh und später bald da und dort Zigarren geraucht worden sind, haben wir schon oben erwähnt. 3m Jahre 1692 sollen in San 3ago fünf Mönche eingekerkert worden sein, weil sie zur Nachtzeit wahrend des Gottesdienstes Zigarren rauchten. 3m 18. 3ahrhundert war die Zigarre in Spanien schon sehr verbreitet. Dort lernte sie auch ein Fabrikant Schlottmann kennen, der im Jahre 1788 in Hamburg die erste deutscheZigarren- fabrik eröffnete. Anfangs setzte sich dem neu­artigen Fabrikat die Macht der Gewohnheit ent­gegen Es bedurfte auch hier wieder des Vor­bildes der Fremden, um dem Guten Eingang zu verschaffen. Erst nachdem der Seehandel Zigarren aus Amerika als fremdländisches Erzeugnis her­über gebracht hatte, begannen diese Mode zu werden. Don da ab verdrängten sie in immer fortschreitendem Maße den Schnupf- und Rauch­tabak.

Dem Hmstande, daß Deutschland kein Tabakmonopol eingeführt hat, ist es zu verdanken, daß die Zigarrenindustrie sich hier zu höchster Blüte entwickelte. Lange Zeit war die Zigarre überhaupt das Rauchmittel der ge­hobenen Kreise. Erst von 1862 an begann ihr eine Rivalin in der Zigarette zu erwachsen, die -besonders seit Ende der 80er 3ahre einen außerordentlichen Aufschwung genommen hat. Die Zigarette bildete ein neues und ganz eigen­artiges Clement in der Welt des Rauchgenusses, denn die Herkunft und die Art der Okrarbeitung des Tabaks verleiht ihr einen Charakter, der von dem der Zigarre grundsätzlich verschieden ist. Schon deshalb wird niemals ein gegenseitiges Verdrängen dieser beiden Rauchmittel möglich sein.

3m Ganzen stellt das deutsche Tabak­gewerbe einen wirtschaftlichen Faktor von nicht zu unterschätzender Bedeutung dar. Heber 300 000 Arbeiter werden in Deutschland von ihm beschäftigt und die Gesamtzahl der Deutschen, denen der Tabak Lebensunterhalt gewährt, dürfte 1/2 Million weit übersteigen. Jährlich werden über 25 Milliarden Zigarren geraucht und das gesamte Tabaksteueraufkommen beträgt weit über i/2 Milliarde Mark. Nichts beweist klarer als diese Zahlen, wie unentbehrlich das indianische Wunderkraut dank seiner anregenden Eigenschaften der modernen Menschheit geworden ist. G. B.

Elsaß-Lothringen.

Don Professor W. Kapp.

In Frankreich ruft die Entwicklung der elfatz-lothringifchen Verhältnisse zweifellos ftei- gendes Mißbehagen hervor. Man hat sich die Assimilation der wiedergewonnenen Provinzen an das Mutterland leichter und reibungsloser vorgestellt. Es lief alles ganz anders als man sich's gedacht. Dqs hatte seinen Grund darin, daß man vollständig ahnungslos war gegen­über dem Volkstum und Sprachenproblem, das es in Elsaß und Lothringen zu losen galt.

Anfangs ließ sich die Sache noch verheißungs­voll für die Franzosen an. Der Französier rungsprozeß schien sich in der ersten Zell ziemlich glatt zu vollziehen. Die Energie und Konsequenz, mit der man sofort die absolute Herrschaft der französischen Sprache in Schule, Verwaltung, Rechtsprechung zur Geltung brachte, wiegte die Franzosen in Vorstellungen ein, als ob sie im Midi wären; ihre Augen wurden durch die französische Welt, die sie mit ihrer Dureaukrati^ ihrem Heer von Beamten, der zahlreichen französischen Kolonie aufbauten, so gehalten, daß sie die wirkliche Welt um sich herum lange gar nicht recht merkten. Sie blieben auch im Elsaß unter sich und setzten alles andere um sich herum sich gleich. Sie beruhigten sich um so mehr dabei, als chr ganzes Vorgehen, ihre Französierungsmethoden sich der Zustimmung gewisser sozial wichtiger Kreise erfreuten. Der größte Teil der einheimischen Bourgeoisie, Indu­strielle, Kaufleute und deren Angestellte begehr­ten gar nichts weiter, als daß das Elsaß wie ein Stück altes Frankreich behandelt wurde und paßten sich mll erstaunlicher Eilfertigkeit dem Neuen an. Die wieder aus Frankreich tzurück- gekehrten Elsässer, die Revenants, gerierten sich mit ihrer ganz französisch-chauvmisttschen Ein­stellung als die Normalelsäsfer und ga6d#i somit den Maßstab ab, nach dem die Irmerfranzosen das Elsässische beurteilten.

Da war es kein Wunder, daß das dumpfe Grollen und Murren, das schon nach den ersten OEonaten aus dem Volke heraus hörbar wurde, uirbeachtet blieb, und das um so mehr, als es an den Leitungsorganen der Presse, an Or­ganen einer unabhängigen öffentlichen Mei­nung fehlte. Die Regierung hatte gleich zu An­fang sich angelegen fein lassen, sich den größten Tell der Pressemacht zu sichern. So trat die Volksstimmung, die wahre, zunächst mehr in einem uneinheitlichen, etwas chaotisch gearteten Stimmengewirr zutage Aber da fand auf einmal