Nr. 198 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Mittwoch, 25. August 1926
Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.
Beilagen:
Gießener Familienblätter Heimat im Bild Die Scholle.
MonatS'vezugsprelr: 2 Reichsmark und 20 Reichspfcnnig für Trägerlohn, auch bei Nichterscheinen einzelnerNummern infolge höherer Gewalt. Fernsprechanschlüsse: 51, 54 und 112.
Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Hießen. Postscheckkonto:
Frankfurt am Main 11686.
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhesfen
Druck und Verlag: Brühl'sche Univerfitäts-Buch- unö Stemöruderei R. Lange in Siegen. Schristleitung und Sc/chästrstelle: Zchuljtraße 7.
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum 'Nachmittag vorher.
Preis für 1 mm höhe für Anzeigen von 27 mm Breite örtlich 8, auswärts 10 Reichspfennig; für Re- klameanzeigen von 70 mm Breite 35 Rcichspfennig, Platzvorschrift 20u mehr.
Thefredakteu.
Dr. Friedr. Will). L’unge. Verantwortlich firr Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil i.Dertr. H.Beck, sämtlich in Gießen.
Weltarbeitsgemeinschaft der christlichen Jugend.
Eine Konferenz von mehr als 1500 Abgeordneten aus 46 Ländern zu fruchtbarer Arbeit zu bringen, ist keine geringe Schwierigkeit. Sie ist in HSlsingfors gelöst worden. Jeden Tag wurde vormittags und am zeitigen Aachmittag in kleinen Gruppen gearbeitet, die aus etwa 30 Teilnehmern bestanden, und sich darum trotz aller sprachlichen Schwierigkeiten sachlich verständigen und persönlich nähertreten konnten. 4,30 Hhr pflegten dann die Führer und Schriftführer der Gruppen unter Leitung von Prof. Elliott Amerika zusammenzuiommen und über ihre Arbeit zu berichten. Es gelang, aus diesem Material und den schriftlichen Berichten so rasch einen Heberblick zu gewinnen, daß in den Abrndver- lammlungen je ein Vertreter der drei groben Sprachgebiete einen kurzen, zusammenfassenden Bericht geben konnte.
Der Inhalt der Aussprache war vorbereitet durch Fragebogen, die vor Jahresfrist dem Verein zugegangen waren. Sehr bald stellte sich heraus, dah die Fragen des Familienlebens und die sexuelle Frage im Mittelpunkt des Interesses standen. Die Tatsache wachsender sittlicher Verwilderung der Fugend im Abendlande und des Versageirs christlicher Familienerziehung wurde noch unterstrichen durch die Wirkungen, die sie auf die Völker des fernen Ostens und Afrikas ausübt. Gerade bei dieser Frage ist Aufklärungsdienst von verantwortungsbewuhtem christlichen Boden aus und Austausch von Literatur und sonstigen Erfahrungen möglich. Darüber hinaus gab aber die abschliehende Entschliehung der Ansicht aller Gruppen klaren Ausdruck, wenn sie sagt, dah „zur Aufklärung für den einzelnen die Macht des christlichen Glaubens und die persönliche Verbindung mit Christus kommen muh".
Es ist verständlich, dah in diesem Kreise nicht nur Fragen des Völkerlebens, sondern vor allem auch Rasfenfragen behandelt wurden, die in Amerika (Aeger), Indien, Südafrika und China eine ungleich gewisse Rolle spielen als bei uns. Wir erlebten sehr nachdrückliche Forderungen des Vertreters der amerikanischen Reger Tobias, für die Indier sprachen K. T. Paul und Rallia Ram, hinter denen die ganze Geistesgeschichte -Indiens stand, und die kleine Gestalt Dr. Lius, des Führers der chinesischen Abordnung, gewann äuf der Kanzel mit ihren fast leidenschaftlichen Anklagen eine eigenartige Gröhe. 2hid) die Rassenfrage wuiDe durch eine Entschliehung abgeschlossen, die darauf hinausgeht, innerhalb unserer Vereine gegenseitiges Verständnis der Rassen zu fördern.
Der Zusammenklang der Gruppen kam aber nicht so sehr durch die sachliche Aussprache zustande. Die religiösen Eindrücke, Gesang und Gebet und freimütige Aussprache über den letzten Hintergrund der Dinge schufen in den allermeisten Gruppen eine Atmosphäre lebendigen Gemeinschaftsgefühls. Diese erreichte ihren Höhe» punkt bei der letzten Besprechung der Gruppenführer.
Die Abende waren auher den Berichten über die Tagesarbeit für Vorträge besonders anerkannter Redner freigemacht. Da kam der jugend- frische Erzbischof Söderblom aus Stockholm oder der erfolgreiche angelsächsische Prediger Wood oder am letzten Abend unser deutscher Reichswart Lic. Stange, dessen Stimme im Weltbünde eine bedeutsame Rolle spielt.
Es versteht sich, dah neben diesen Verhandlungen auch die Sitzungen des Weltkomitees liefen. Es galt, den Etat von etwa 475 000 Schweizer Frarcken durchzuarbeiten, die neuen Satzungen des Weltkomitecs und seinen Jahresbericht und neue Personal- und Organisationsfragen zu beraten. Eine eigene Kundgebung dankt dem Stockholmer Weltkonvent für seine Botschaft an die Jugend, und den Kirchen für die Beweise ihres Vertrauens. Eine andere weist noch auf freie Arbeitsfelder hin, wie etwa Siam, Persien, West-- und Zentralafrika, und einige lateinischen Republiken Südamerikas.
Den feierlichen Abschluß bildete eine Feier des heiligen Abendmahls in der würdevollen Weise der lutherischen Kirche Finnlands. Dem christlichen Charakter dieses gastlichen Landes ist ein wesentliches Stück des Gelingens der Konferenz zu verdanken. Der Präsident des Landes, Rolander, und der Kultusminister Ingmann empfingen Gruppen der Abgeordneten und aaben in ihren Ansprachen mehr als normale Höflichkeit. Man gewann den Eindruck, dah der Präsident John Mott Recht hatte, wenn er sagte: „Der Weltbrand der Iungmännerarbeit hat in seinem 71jährigen Bestehen noch bei keiner seiner Konferenzen einen so wohlvvrbereiteten Boden gefunden "
Das freundliche Helsingfors mit seinen sonnigen Schären uni) seinen liebenswürdigen Bewohnern hat das Seinige getan, um das frohe Sichfinden der christlichen Jugend aus aller Welt mck hellstem Glanze zu umgeben. v. K.
Das Volksbegehren des Sparerbundes.
Darmstadt, 24. Aug. Zu dem von der Reichsregierung abgelehnten Volksbegehren des Sparerbundes Dr. Best zur Lösung der Aufwer- tmrgsfrage hat der Landesverband Hessen des Deutschen Sparerbundes eine Erklärung beschlossen, in der aus einen Antrag hingewiesen
Tanger und die Meerengenstage.
Die englische Admiralität und mit ihr weite Kreise der englischen Oeffentlichkeit sind wegen der Ansprüche Spaniens auf Tanger außerordentlich beunruhigt. In Großbritannien wird befürchtet, Spanien beabsichtige, Tanger zu einer Festung er st en Ranges auszubauen und d-.:- mit die Herrschaft über die Einfahrt zur Straße von Gibraltar und zum Mittelmeer an sich zu reißen. Bis jetzt befinden sich die Engländer in der glücklichen Lage, von Gibraltar aus die Einfahrt zum Mittelländischen Meer zu kontrollieren und außerdem das internationale Tanger zu benutzen, um von dort aus durch Waffensendungen an die marokkanischen Stämme Spanien und Frankreich fortgesetzt in Atem zu halten. Geht Tanger an Spanien über, dann sinkt die Festung Gibraltar bis zur Bedeutungslosigkeit herab, außerdem gerät das Gros der englischen Flotte, das jetzt im Mittelländischen Meer stationiert ist, in die Gefahr, eines Tages a b- ge schnitten zu werden. England hat zwar bisher daran gearbeitet, Spanien und Italien gegen Frankreich vor seinen Wagen zu spannen, es rechnet aber trotzdem damit, daß die Spanier, wenn sie sich in Tanger festgesetzt haben, plötzlich den Spieß umdrehen und die Mündungen ihrer Geschütze auf die englische Anmarschstraße nach Malta und Aegypten richten und den Verbindungsweg England-Gibraltar—Indien zerschneiden.
England gegen die spanischen Ansprüche.
London, 24. Aug. (TH.) Der diplomatische Korrespondent des „Daily Telegraph" nimmt in längeren Ausführungen zu dem spanischen Vorschlag Stellung, das Tangergebiet Spanien als Völkerbundsmandat auf etwa 15 Jahre Alt überlassen. Der Korrespondent stellt fest, daß die Meinung in diplomatischen Kreisen über diesen neuen Vorschlag nicht einheitlich sei. Wie immer, so gebe es auch in diesem Fall eine „Schule des geringsten Widerstandes", die zum Rachgeben geneigt sei, falls Spanien die Reutralität Tangers garantiere und sich verpflichte, keine Befestigungen, Lüft' flotten- und Hnterseebootstühpuntte zu bauen. Diese Kreise übersehen jedoch die Tatsache, daß dem Völkerbund jede direkte und gründliche Kontrolle über die Mandatsmächte fehle. Spanien habe überdies die Tangerfrage mit der Ratssitzfrage in einer Weise verknüpft, die in den Hauptstädten mehrerer beteiligter Mächte H e b e r - raschung und Sorge Hervorrufen rnußte. Madrid fuße augenscheinlich daraus, dah die meisten Mächte zu außerordentlichem Entgegenkommen bereit wären, nur um Spanien im Völkerbund zu erhalten. Die Haltung der englischen Regierung in der Tanger- und Ratssih- srage sei immer vollkommen klar gewesen. Unter keinen Umständen wolle man sich auf ein Tauschgeschäft einlassen. Erörterungen solcher Art würden den Wunsch anderer Völkerbundsmitglieder zu einer ähnlichen Taktik erwecken.
Erregung in Tanger.
_ Genf, 24. Aug. (Havas.) Die kürzlichen Erklärungen Primo de Riveras haben nach Telegrammen, die der italienischen Presse aus Tanger zugegangen sind, unter der eingeborenen Bevölkerung eine sehr heftige Erregung ausgelöst. Da sich das Gerücht verbreitet hat, daß die spanischen Behörden
unter der einen oder anderen Form demnächst einen vorherrschenden Einfluß bei der Verwaltung der internationalen Zone anstrebten, bekundeten verschiedene Klassen der marokkanischen Bevölkerung eine gewisse Besorgnis. Die Eingeborenenführer bemerken, daß die politischen Schwierigkeiten in Spanisch-Marokko seit der Einführung des spanischen Protektorats nicht auf gehört hätten, und daß diese Schwierigkeiten es nicht gestatten zu wünschen, daß die Madrider Regierung eine Vorrangstellung in Tanger erhalte, noch zu hoffen, daß in dem Falle eine Besserung der gegenwärtigen Lage zu erwarten sei, wenn die Forderungen Primo de Riveras bei den Mächten Zustimmung finden.
Frankreichs Völkerbundspolitik.
Paris, 25. Aug. (TU.) Die genaue Festlegung der Richtlinien der französischen Regierung für ihre Genfer Delegation wird erst nach den neuerlichen Beschlüssen des Kabinetts in dieser Woche erfolgen. Die spanische Aktion hat jedoch in politischen Kreisen die Diskussion über das Programm für Genf bereits stark in Fluh gebracht und auch am Quai d'Oittay zu Besprechungen Anlaß gegeben, deren Inhalt und Ergebnis geeignet fein können, den voraussichtlich endgültigen französischen Standpunkt in der Ratsfrage zu bestimmen. Es ergibt sich nach Ausführungen aus dem Quai d'Orsay nahestehenden Kreisen etwa nachstehendes Bild: Das französische Parlament hat mit überwältigender Mehrheit die Locarno-Verträge gutge- heihen und als Voraussetzung für eine endgültige Inkraftsetzung der Locarno-Verträge den sofortigen Eintritt Deuts chlands in den Völkerbund anerkannt. Die französische Politik kann daher nur darauf hinauslaufen, die Erteilung eines ständigen Ratssitzes allein an Deutschland zu begünstigen. Die Außenpolitik Driands baut sich nach wie vor auf den Locarno-Verträgen auf und ein abermaliges Scheitern in Genf mühte zu einem verhängnisvollen Rückschlag führen. Die Authentizität dieser Auffassung würde durch eine vom Quai d'Orsay an die französische Presse ergangene Weisung als bestätigt gelten können, wonach das Auhenministerium erklärt, dah es in der Frage der Locarno-Politik in ihren Konsequenzen keine weitere Diskussion für gegeben erachte.
Wegen der spanischen Forderungen über Tanger ist ein klares Bild noch nicht zu erhalten, doch liegen Anzeichen dafür vor, dah man am Quai d'Orsay das von London vorgeschlagene Kompromiß, Spanien ein langjähriges Dol- kerbundsmandat über Tanger zuzuteilen, gutheißen könnte. Driand, meint man, würde damit auf der einen Seite den spanischen Wünschen auf Tanger eine gewisse Erfüllung gewähren und auf der anderen Seite das Verbleiben Spaniens im Völkerbunde sichern.
Deutsche Parlamentarier für Genf.
Berlin, 25. Aug. (Wolff.) Der „Vorwärts" meldet: Der deutsche Delegation zum Völkerbund werden auch Parlamentarier angehören. Als Vertreter der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion wird Aba. Dr. B r e i t s ch e i d nach Genf gehen. Von der Zentrumsfraktion ist der Abg. K a a s, von der Deutschen Dolkspartei Abg. Freih. v. Rhein- baden in Aussicht genommen.
wird, daß nicht die Reichsregierung, sondern der Staatsgerichtshof über die Zulässigkeit eines Volwbegehrens entscheiden soll. Dieser Antrag sei bereits vor den Reichstagsferien von dem Präsidenten Dr. Best gestellt worden und werde nach denselben zur Verhandlung kommen. Ueber weiter einzuschlagende Schritte werde eine für den 28. und 29. August nach Erfurt einberufene außerordentliche DelegiertenversammIung des Sparerbundes Beschlüsse fassen.
Südtirol.
Ein amerikanischer Historiker über die Entnationalisierung Südtirols.
München, 24. Aug. (TU.) Der amerikanische Professor Bornes, der nach seiner Dortragsreise durch Deutschland eine Studienreise nach Südtirol unternommen hat, teilte einem Mitarbeiter der „Münchener Reuesten Rachrichten" seine dort gewonnenen Eindrücke mit. Er führte u. a. aus: Die durch dis Weltpresse gehenden Berichte über die Unterdrückung deutschen Volkstums durch Italien in Südtirol fanb ich während meines kurzen Aufenthaltes in diesem Land nicht nur bestätigt, sondern was ich sah und hörte hat sogar meine schlimmsten Erwartungen übertroffen. In Kirche. Schule und Verwaltung führt man einen einheitlichen und sehr wirksamen Feldzug gegen die deutsche Sprache. Von Selbstverwaltung oder auch nur Kulturautonomie kann keine Rede sein. Ein anderes Mittel aber, das Italien jetzt ganz raffiniert zur Anwendung bringt, scheint vielmehr dazu berufen, die ttalienischen Entnottonalisierungs- bestrebungen zum Ziele zu führen. Es ist die Enteignung großen Stiles, die Italien mit seiner Landbankpolitik m Südtirol eingeleitet hat. Die Landbanken waren den
Dauern und den Weinerzeugern bisher das wirtschaftliche Rückgrat ihrer Produktton. Man hat nun die Bank unter ein italienisches Aufsichtskommissariat gestellt, das über Kreditbeschaffung und Kreditgewährung und damit über das Wohl und Wehe der armen Landbevölkerung frei verfügen kann. Don hier bis zur Enteignung ist nur ein kleiner Schritt. Jedenfalls sieht man in südttroler Wirtschaftskreisen hierin eine eminente Gefahr gewaltsamer Rationalisierung des Ländchens und das um so mehr, als von Rom aus für großzügigen Menschennachschub gesorgt wird.
Heber die Beurteilung der südtiroler Frage vom Standpunkt der Versailler Friedenspolittk gibt es im amerikanischen Volk wie in R^ie- rungskreisen nur eine Meinung: Richt Italien allein trägt die Schuld, alle Alliierten haben die Verantwortung, weil sie mit dieser Volkszerstückelung einen ihrer heiligsten Grundsätze, das Recht auf Selbstbestimmung, mit Füßen treten. Wenn jetzt Europas Staaten im allgemeinen Erschöpfungszustand versuchen, durch Wirtschaftssolidarität die Klüfte zu überbrücken, die eine unheilvolle Friedenspolitik errichtet hat, so scheint mir das ein vergebliches Bemühen, solange Europas Karte dieses verzerrte Antlitz trägt. Italien und Deutschland haben heute die gleichen politischen Interessen; sie ergänzen sich nicht nur in ihrem Warenaustausch, als übervölkerte Länder sind sie auch auf großzügige 11 eberfee- und Kolonialpolitik angewiesen. Beiden stellt sich, Frankreich hindernd in den Weg. Es ist kaum zu begreifen, daß eine so unbedeutende Frage tote die südtiroler den trennenden Gärstoff liefern kann, für die große Lebensnotwendigkett, Italien und Deutschland auf eine gemeinsame politische Linie zu stellen, sie toirb es aber tun, solange Mussolinis Presttge- polittk diese gefährlichen Wege wandelt.
Staat und Doik.
Eine Ncde des Reichskanzlers auf dem Katholikeutaa.
Breslau , 24. Aua. (TH.) Der letzte Tag des Katholikentags wurde eingeleitet mit einer Generalversammlung des Vollsvereins für das katholische Deutschland, in der Reichskanzler Dr. Marx erneut ba3 Wort ergriff um> u. a. ausführte: Ausgabe deä Volksvereins muß in erster Linie Volksbildung i in w e i t e st e n Sinne des Wortes sein. Richt kalte Aufllärung, sondern Pflege echter und wahrer Geistestültur, Ausbildung des Charatters, Abwehr aller schädlichen, die Moral und Sitte verderbenden Einflüsse, Erweckung der im Volk vorhandenen schöpferischen Kräfte und Anlagen, das sind die einzelnen Punkte dieser großen Aufgabe. Gar vieles, was wir in den letzten Jahren im öffentlichen Leben an Mißständen zu beklagen und schmerzlich zu empfinden hatten, läßt erkennen, daß bei so vielen Volksgenossen, gleichviel ob gebildet oder ungebildet, ob reich oder arm, der Gedanke, ein Staatvolk zu sein, aus der Gebundenheit an ein staatliches Gemeinschaftsleben alle Pflichten übernehmen zu müssen, noch sehr wenig verbreitet und vertieft toorbcn ist. Der Geist des Individualismus beherrscht noch zu sehr die einzelnen Kreise unseres Dolles, ein Individualismus, der jeden Gemeinschaftssinn ertötet und erstickt. Erneuerung des Gemeinschaftssinnes muß eine vornehmliche Aufgabe aller derjenigen sein, denen die Pflicht obliegt, für das Wohl des Volkes und des Staates zu sorgen. Diese Pflicht liegt aber gerade im Zeitalter der Demokratie nicht nur den Behörden ob, sondern ist Sache jedes einzelnen! Staatsbürgers.
3n der Demokratie sieht man allzuoft nur die Erlangung größerer Rechte und Freiheiten, übersieht aber, daß die wahre Demokratie auch strenge Pflichterfüllung verlangt von denen, die die Rechte freier Staatsbürger erworben haben.
Der Staat ist nicht etwas Drittes und Fremdes, das Volk selbst ist der Staat. Vom Verhalten des Volkes hängt das Wohlergehen des Staates und damit des Volkes ab. Es ist nicht ftaatsfördernd und national gehandelt, wenn man die bestehende IRegierunpsgeroalt unablässig hämisch kritisiert und herunterreißt, sich aber weigert, selbst mit Hand anzulegen, um den Wiederaufbau unseres zu Boden geworfenen Staatslebens zu fördern. Es ist bequem und leicht, Klagen ertönen zu lassen und Kritik zu üben, wenn ein Volk durch den unglücklichen Ausgang eines Krieges zusammengebrochen ist.
Pflicht eines jeden national gesinnten Bürgers ist es, Hand anzulegen und nach bestem wissen und können dafür zu sorgen, das Mrl- schafts- und fokales Leben zu neuer Blüte zu führen.
Rational ist es nicht, die Empfindungen derjenigen, die über die Einrichtung des Staates anderer Meinung sind, durch Hohn und Spott zu verletzen, statt, wie die Zeit der Rot es heischt, alles Trennende zurückzustellen und gemeinsam alle Kräfte zum Wohle des Volkes anzuspannen. Rational ist eS nicht, die mühsam aufgebauts Ordnung zu verwirren und zu zerstören, statt die nun einmal rechtlich einwandfrei zustande gekommene Verfassung zu achten und vor jeder Verunglimpfung zu schützen, mag man über ihren sachlichen Inhalt denken wie man will. Es verrät keinen Sinn für die Fragen des StaatSwohls, wenn die einzelnen Berufsstände kurzsichtig und eigenwillig lediglich ihre eigenen Interessen vertreten und Berücksichtigung verlangen, ohne dabei zu fragen, ob die wirtschaftliche Lage des sich eben erst mühsam von schwerem Fall wiederaufrichtenden Staates solchen Anforderungen gerecht werden kann. Staatsgesinnung verrät es nicht, wenn die einzelnen Staatsbürger Forderungen an den Staat erheben auf Leistungen, die er bei normalen, gesunden Zeiten wohl aufbringen tonnte, denen er aber in seiner gegen» wärttgen schwierigen und äußerst bedrohten Lage nicht gerecht werden kann. Der Staat hat wie jedes Individuum ein Recht auf Selbst- erhaltung. Seien wir froh und dankbar, daß es gelungen ist, die Einheit unseres Deutschen Reiches aus dem tiefen Zerfall, aus der schweren Katastrophe des Weltkrieges und aus der Revo- lutton zu retten. Es wäre unerhört, wenn das deutsche Volk aus Mangel an echter Staotsgesin- nung selbst dazu beitragen würde, die Wiederaufrichtung unseres wirtschaftlichen und staatlichen Lebens zu verhindern.
Reich und Reichsbahn.
Forderungen der Eisenbahner.
Berlin, 24. Aug. (TH.) Dom 20. bis 22. August hat in Düsseldorf eine Dorstands- und Beiratstagung des Einheitsverbandes der Eisenbahner Deutschlands stattgefunden, die sich mit zahlreichen aktuellen Eisenbahnerfragen bekräftigte. Einer der wichtigsten Beschlüsse, die dabei gefaßt wurden, die Forderung auf Abänderung der Reichsbahngesetze. Der Einheitsverband der Eisenbahner Deutschlands verlangt, daß der deutschen Reichsregierung auf die Leitung und Derwaltung der deutschen Reichsbahn als wichtigster öftenllich - rechtlicher Betrieb und wertvollster Besitz der deutschen Republik ein weite st gehendes Aufsichtsrecht einzuräumen sei. In der Begründung dieses Beschlusses heißt es, dah in der fast zweijährigen Wirksamkeit der deutschen Reichsbahnge-


