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Dienstag, 25. Mai 1926

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Nr. flO Zweites Blatt

um Gemüts- und

nach

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an der Arbeit, die den Chaos dieser Seit benutzen hinter den Thronen her-

Unb kann, auch wenn

mäler und den Dörfern ihre nommen. als hätte die Sonne loten, und das Leben seine Welt ihre Seele?

Schlasrockärrnels, nommen hatten, ein zweites und Aermelaufschlag. verschwunden.

je sind die Geister Wirrwarr und das möchten, die Kirche zustoben.

In Wilna, der

wo sie ihr Winterlager ge- springt ein Wäuslein, dann ein drittes aus dem rechten And schon sind sie irgendwo

aber keinen Taustisch dabei, eine Hochzeit, aber keinen Traualtar dafür, ein Sterbebett, aber keinen Trostschah daneben', kurz alles kirchliche Leben, das hinausgegangen ist in das Staats­leben. das Volksleben, das Familienleben, das Seelenleben, alles fort! Jede christliche Sitte

künde aus unterirdischem Museum.

ilnb nun ist das die durchgeführte Absicht des Vuches: einmal zu zeigen, welche ungeahnten Folgen dieser Zusammenbruch der Kirche hat. Einzelne Menschen, die bisher einen guten Kampf des Glaubens gekämpft hatten um Christi willen, geben nun den Kampf auf und fallen jählings, blindlings, und doch wissend, wollend zurück in ihr altes Leben. Ein junger prächtiger Mensch ergibt sich dem Wein und den Weibern. Die Trinkerasyle leeren sich, die Trunkenbolde mehren sich, die Gefängnisse füllen sich, deun die Ver­brechen steigen um 200 Prozent, vor allem Dieb­stahl und Anzucht. Denn, was einem gelehrt war in Schule und Kirche, es war ja alles nicht wahr. Alle Zucht, alle Ordnung, alle Sitte, alles Gesetz ist gefallen. 3a, auch die Völker als Völker werden von der Anruhe ergriffen. Die Völker, die noch Religion haben und religiösen Fanatis­mus, fallen nun her über die blamierten und entblößten Christenvölker! der Weltkrieg wird unvermeidlich, die Papiere sinken, die Banken schließen,' selbst die gottlosesten Leute, die erst triumphiert und posaunt haben, verfluchen die Entdeckung und wünschen die alte Zeit zurück ganz gegen ihre alte Aeberzeugung, denn die geistige Verwirrung ist eine vollendete. Der Millionär selber aber verliert seine Millionen, ja, er verliert seinen Verstand. Denn er allein weiß um die Fälschung. Er allein. And nun. wo sie die Welt erschüttert, möchte er sie verraten. Mit einem Wort könnte er die Welt wieder zurechtbringen. Das Geheimnis, es zerrt an ihm. Er möchte es sagen, rufen, schreien. Er steht vor dem Spiegel und erzählt es sich selber mit verzerrtem Gesicht. Er endet auf Armen- kosten im Irrenhaus.

Das sind freilich alles Phantasien, die her­nach gerade diesergestalt in der Wirklichkeit sich nicht erfüllen. Aber doch ist das der völlig er­reichte Zweck des Buches, daß dem Leser mit erschütterndem Ernst klar wird, was er vielleicht bisher sich noch nie so klar gemacht hat: welche zusammenhaltende Kraft, welche Ord­nung schaffende Bedeutung die christliche Kirche hat. daß ihr Einsturz wirkt, wie wenn der Trag­balken aus einem Baugerüst her ausgezogei^wird. Entkirchlichung Entchristlichung, Entchrist- lichung Entsittlichung", so hat Stöcker die Stufenfolge beschrieben. Wo der Christ abstirbt in einem Volke, wer soll da anders aufleben als der Antichrist? Das ist das Ende mit Schrecken: und es kann getrost dem Leser überlassen blei­ben, bei sich selber festzustellen, ob und wie weit

ihren Schein ver- Wärme, und die

Kirche und Welt.

Don Landesbischof D. Tolzien.

Pfingstfest ist Geburtssest der Kirche. Am ersten Pfingsten wurde die christliche Kirche ge­gründet. hineingestiftet in die Welt. Kirche und Welt sind Gegensätze. Die Kirche ist zwar für diese Welt, aber nicht von der Welt. Man hat die Kirche wohl verglichen mit einem Schiff, das durch das grimme Meer arbeitet. So hebt sich die Kirche ab wie ein Fremdkörper über die stürmische Welt hinaus, wird auch von ihr hin und her geworfen. Oder man mag Hinsehen auf die Städte und Dörfer: die Kirche ist etwas anderes gegenüber Öen Häusern: hoch ragend, alle ihre Linien nach oben weisend, der Turm wie ein gen Himmel erhobener Finger: die Häuser aber mit ihren Fensterreihen wagrechte Linien ziehend am Erd­boden hm. So bindet die Welt uns an bie Niederungen des Alltagslebens, aber die Kirche führt uns empor zu den lichten Höhen edelsten Menschentums. Welt und Kirche: es ist eben der Gegensatz von unten und oben. Zeit und Ewigkeit. Diesseits und Jenseits, Sünde, und Buße. Geburt und Wiedergeburt, Mensch und Christ. So liegt in dem Beruf der Kirche eine Tragik. Sie soll die Welt über die Welt hin­ausweisen und wird darum unverstanden von der Welt zurückgewiesen. Sie ist wie Ionas ge­sandt unter die Niniviten, wie ein Missionar in die Wildnis. Noch heute und gerade heute wieder erleben wir, daß die Welt die Kirche

Mäuse im Oberbett

Von Fritz Müller- Partenkirchen.

Wir haben ein Häuserl im Harz. Darin wohnen wir im Sommer. Winters über bringen wir die Betten auf den Speicher. Den Schlaf­rock hänge ich an einen hohen Nagel. Dann motten wir das Ganze ein. And wenn der Sommer wiederkommt und wenn es wieder nach dem Harze geht auf die grünen Fensterläden, herunter mit den Betten von dem Speicher, herab vom Nagel, alter Schlafrock!

Ieses!" schreit meine grau, läßt den Schlaf­rock fallen und springt auf den- Tisch,IeseS! Mäuse! Mäuse!"

And auS dem Aufschlag meines linken

verfolgt mit einer Grausamkeit, die den ersten diokletianischen Verfolgungen nichts mehr gibt. Denken wir nur an das Daltenland.

niemand weiß, was in Deutschland folgen

Massenaustritte gewiß: sie schrecken uns nicht, im Gegenteil, es ist nur klärend, die auch äußerlich ausscheiden, die doch inner­lich ausgeschieden sind. Aber es kann auch zu einer Vergewaltigung und Anterdrückung derer kommen, die drinnen bleiben möchten. Mehr als

ziiig..." um dem Mäuschen eine letzte Möglichkmt zu geben. Aber nichts kam.

Jetzt zähl' einmal bis dreihundert," sagte meine grau,dann kommt sie sicher: weiht du, drei ist eine gute Zahl."

And ich zählte bis zu der guten Zahl drei­hundert. Aber die Maus kam nicht.

Wenn du jetzt bis tausend zählst," sagte meine grau,tausend ist eine runde Zahl, weißt du..."

Ich glaube, unterbrach ich sie,die Maus ist gar nicht mehr drin."

Meinst du?" sagte meine grau und streckte mit unendlicher Vorsicht die rechte große Zehe vom Tisch herunter auf daS Oberbett zu. Auf einmal raschelte es wieder. Do scwiell habe ich nie eine große Zehe von unten nach oben gehen sehen...

Jetzt kommt sie jetzt", rief ich zuversicht­lich und schwang den alten Holzschuh, während meine grau schrie.

And wirklich es rumorte weiter unter meinem Ober bette, geine Wellen sah ich auf der Oberfläche meines Bettes laufen, dahin, dorthin, schließlich in der Richtung nach dem Dreiecks- loche, es bauschte sich darunter, feine weihe Federchen wirbelten herauf, und jetzt atem­los hob ich den alten Hvlzschuh ein spitz­bübisches kleines Mausgesichtlein sah schwarz zwi­schen den weißen Federn in die Oberwelt, satz die Flackerkerze, sah vier Augen, die vor Er­regung glänzten, sah den erhobenen Holzschuh und wuppdiwupp weg war sie wieder, eingewühlt zu unierft in dem Federflaume meines schönen Oberbettes.

So!" rief ich empört,jetzt drück' ich sie im Oberbett einfach tot!

Mann! Am GotteS willen! sagte meine grau,du willst doch nicht im Ernst ein leben*

Cs handelt sich nicht nur

Gefühlswerte, vielmehr um Sein und Nichtsein des Volkes. Denn, wenn nun ein Altes stürzte, wie wird das Neue aussehen? Wenn der Heilige Geist geht, welcher Geist wird kommen? Es gibt ein merkwürdiges, fesselndes Buch von Guy Thorne, das heißt: Als es dunkel war. Das erdenkt lich einen Millionär, der ein Gottes­leugner und Gotteshasser ist. Der beschließt, die Kirche zu vernichten. Er dingt einem ihm geistes­verwandten Professor der Orientwissenschaft, der schon manche Ausgrabungen in Palästina gemacht hat. Der hat in Jerusalem einen uralten Leichen­stein gefunden an verborgener Stelle. In diesen meißelt er heimlich hinein mit alten verstümmelten Buchstaben die Worte:Ich, Joseph von Ari- matfjia, habe den Leichnam Jesu, des Nazareners, heimlich aus seinem Grabe genommen und an dieser Stätte verborgen." Dann läßt er nach einiger Zeit wie zufällig diesen Stein entboten und ausgraben. Da scheint nun mit einem Mal der Christenglaube widerlegt. Aus dem Erden­schöße heraus, unwidersprechlich in Stein ge­hauen. kam die Kunde, daß die Iüngerpredigt von dem Auferstandenen eitel Irrtum sei. Wie mit Dlihesschlag ist die Kirche zu Boden gefällt. Anwidersprechlich. denn die Kunde ist eine Ar-

begraben, jede christliche Tat vergessen, jeder christliche Ton erstorben: und ich frage dich: möchtest du das? wäre es dir einerlei? ginge es auch ebensogut so? oder friert dir nicht das Herz? zieht es dir nicht wie eine Oede. wie eine Dürre, wie ein Todesgeruch durch die Seele? hast du nicht doch die Empfindung von einem Schaden, einem Jammer, als wären den Kronen die Perlen ausgcbrocken, den Städten ihre Denk- Wahrzeichen ge-

___ _______ ... Hauptstadt Litauens, ragt ein hoher Berg mit drei gewaltigen schneeweißen Kreuzen, die blendend in das Land hineinleuchten, und schon von weitem den Reisenden in der

Nun, es könnte schlimmer fein", sagte meine Frau und nähte ein Stückchen Drillich kunst­voll wieder auf den Schaden.

Nachts schlief ich unter diesem Oberbett. Da hatte ich einen seltsamen Traum. Ich träumte, ich sei ein ausgewalzter Nudelteig und _ läge auf dem Küchenbrette friedlich vor der Köchin. Plötzlich nahm dieselbe ein gezacktes Rädchen an einem Handgriff, womit man Stücke aus dem Nudelteig schneidet und fuhr die Kreuz und Quer auf mir herum. Jetzt beschrieb sie einen Kreis auf meinem Brustfell. Dann um­fuhr sie die Herzgegend in einer milden Elipse, schlitzte mir die Arme auf ... And das alles war gar nicht schrecklich. Sondern es kitzelte nur ein wenig. Mit einem Male aber, als das Zackenrädchen über mein Zwerchfell schnurrte, muhte ich lachen und wachte auf. And wie ich mir den sonderbaren Traum im Wachen wieder­hole, spüre ich ein leises Raschln über meinem Körper. Stärker ward es, immer stärker und jetzt es ist kein Zweifelgrau! schrei ich,grau! In meinem Oberbett ist eine Maus!'

Eine Maus?" sagt sie nur halberschrvcken aus dem Schlafe,eine Maus? Laß halt die Maus heraus ..."

Wie kann ich denn?" rufe ich empört,du hast sie ja doch selbst eingenäht.

Nun ward sie munter, meine grau. Wir steckten Licht an und berieten. Hm. was war zu tun? Es blieb nichts anderes übrig, als den kunstvoll aufgenähten glicken wieder abzuttennen.

Also trenn den glicken wieder ab, sagte ich zu meiner grau. 2Eber sie wollte nicht. Das sei meine Sache, sagte sie. And es sei ja auch mein Oberbett. And es sei genug, daß sie den Flicken auf genäht habe. And nun wolle sie ein­mal zufehen. wie ich mich Plage.

And dann sah sie zu. Vom Tische oben auS natürlich. Der besseren Sehkraft wegen

Na, die werden deinen Schlafrock zugerichtet haben!" schrillt meine grau vom Tisch herunter. And dann wollte sie den Schlafrock hinauf- gercicht haben ... Man sehe besser auf den Tisch, sagte sie ... And sie mache es immer so, setzte sie hinzu ... And ob ich das nicht ein­mal wüßte, sagte sie gereizt und blickte scharf von oben herab auf den Boden herunter. Natürlich, sagte ich, wüßte ich das und es sei ein alter Schnee, daß die Sehkraft mit dem Quadrat der Tischhöhe wachsen müsse. Worauf wir gemeinsam feststellten, ich unten, meine grau oben, daß mein Schlafrock, abgesehen von den Lagerspuren, ganz gut gebiieben war.

Nicht so mein Oberbett. Da hatten die Mäuse ein tadelloses gleichschenkliges Dreieck aus dem Aeberzug herauSgefressen.

chen Glauben, wir alle, es könnte wahrhaftig die etunbe kommen, da nicht nur die Kirche die Welt, sondern auch die Welt die Kirche sucht.

Der Hrankensälscherprozetz.

Von unserem Budapester Dr. Q.-Mitarbeiter. Budapest, im Mai.

Seit dem Ehlarcr Ritualmordprozeß Hal es in Ungarn kein einziges Ereignis gegeben, das soviel Staub aufgewirbelt und in der ganzen Welt ein so großes Interesse wachgcrusen hätte, wie die Frankenfälscherasfäre. die jetzt ihr ge­richtliches Nachspiel findet. And das ist auch ganz natürlich. Handelt es sich doch hier nicht um eine Geldfälfchung im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern um eine Aktion, der aus­schließlich politische Momente zugeschrieben wer­den und um deren Durchführung sich Angehö­rige einer Gesellschafisfchicht zu schaffen machten, die sich sonst mit derartigen Geschäften in der Regel nicht zu befassen pfleg!. Wenn man das Gebäude des Budapester Strafgerichtshofs be­tritt. bekommt man sofort eine Ahnung von der Bedeutung der Dinge, die sich im großen Dera- tungssaal abspielen und von deren Ausgang nicht nur das Schicksal der Angeklagten abhängt, sondern auch die gesamte ungarische Politik auf lange Sicht hinaus bestimmt werden kann. Außer den zahlreichen aus aller Herren Länder er­schienenen Berichterstattern dürfen insgesamt 120 Zuhörer den Verhandlungen beiwohnen. Rach einer peinlichen Personallontrolle darf man end­lich den Derhandlungssaal betreten. Der erste Eindruck, den man empfängt, ist überraschend. Wüßte man nicht genau, zu welchem Zweck all diese ernsten und biftinguierten Männer zu- fammengeiommen sink», so könnte man meinen, in bic Sitzung eines exklusiven Herrenklubs hinein­geraten zu fein. Dieser Eindruck wirb noch da­durch verstärkt, baß bie Richter hier nicht im Talar amtieren. Der Gerichtspräsibent. bie Bei- sitzenben. ber Staatsanwalt, sie alle finb in lange Gehröcke gekleidet, die ihnen ein besonders feierliches Gepräge verleihen. Anb dann bis Angeklagten. Soviel Herren mit Monokel und tadellos gearbeiteten Anzügen hat man ber wohl noch nie auf der Anllagebank beisammen gesehen.

Da sitzt Emmerich R a d o s s h. Der ehe­malige Landespolizeichef, in dessen Händen zu Anfang bie Antersuchung ber Frankensälscher- affäre lag. nachbem man im Auslanb bie ersten Vertreiber ber gefälschten Frankenscheine ver­haftet hatte. Er. ber eine ber treibenben Kräfte bei bem ganzen Unternehmen war unb durch seine amtliche Stellung die Untersuchung der ganzen Affäre auf ein totes Geleise hätte führen tonnen, fiel einem Zufall zum Opfer. Der Kam­merdiener des Prinzen Windischgräh schickte den Pflegeeltern seines Kindes einen gefälschten Tausendsrankenschein nach Holland. Der Absender wurde bann ausfindig gemacht unb zugleich auch Prinz Windischgrätz unb ber Lanbespolizeichef Nadossh bloßgestellt. So kam ber Stein enbgültig ins Rollen, denn an ein Vertuschen des Skandals konnte nach diesem Vorfall nicht mehr gedacht werden. Nadossh befennt offen seine Schuld, aber er habe, so fügt er hinzu, ausschließlich aus patriotischen Gründen gehandelt. Er spricht leise, manchmal kann man ihn kaum verstehen. Dabei gefti futtert er mit der linken Hand, als erteilte er Weisungen an seine Untergebungen. Sein Gesicht, umrahmt von einem Vollbart, bleibt dabei unergründlich unb ruhig. Nur wenn er sitzt, beginnt er unruhig zu werden, spielt nervös | mit seinem Augenglasfutteral, das er zwischen den Fingern wie einen Fächer hin und her bewegt.

Neben Nadossh sitzt der Prinz. Sein rechtes Bein ist steif unb er kann nur auf einen Stock gestützt gehen. Nabossh macht den Eindruck eines überaus Willensstärken Mannes. Der Prinz Windischgräh dagegen ist ber liebenswürdige junge Tausendsassa. Er sitzt da wie ein Schul­bub, ber einen dummen Streich verübt hat und nun ber Strafe harrt, bie ihn erwartet. Während ber Lanbespolizeichef seine Schuld offen zugibt, wählt ber Prinz eine abschwächende Umschrei­bung:Nein, ich bin unschuldig. Die Handlung, ber man sich beschuldigt, ist kein Verbrechen. Ich habe aus patriotischen Interessen, ich habe im Interesse meines Landes gehandelt."

Wenn man der Verhandlung aufmerksam folgt, taucht in einem unwillkürlich ber Verdacht auf, bah in der ganzen Angelegenheit noch längst nicht die letzten Fäden bloß­gelegt sind. Eine ganze Reihe von Fragen ist auch heute noch in undurchdringliches Dunkel gehüllt, ohne daß man Voraussagen könnte, ob der Prozeß ihre restlose Klärung herbeiführen

dieser Werdegang heule in unserem Dolle schon wirklich erkennbar ist.

Und doch sprechen wir heute am Psingst- feste die Hoffnung aus. daß die Kirche auch weiterhin blühen und wachsen werde in ber Welt. Es ist klar, baß die Revolution auch ber Kirche mit Massenaustritten schwere Wunden schlagen mußte, denn die Revolution richtete sich gegen die Kirche wie gegen den Staat. Dennoch sind der Kirche manche Fesseln abgenommen worden.

Besonders rechne ich die T r e n n u n g v'o m Staat nicht zu ihren Wunden. Im Gegenteil. Mag die Kirche auch Gutes gehabt haben unter der Staatsvormundschaft, sie war doch itrauer schon sein Stiefkind. Nun mag sie sich freier ent­falten. Dor allem hat sie früher wegen ihrer engen Verbindung mit dem Staat vielen Haß tragen müssen von den Feinden der alten Etants- form. einen Haß. der mehr politisch als religiös begründet war. denn bic Kirche galt eben als Schwester bes Staates. Das muß ja nun besser werden, wo beide sich voneinander trennen.

Freilich, bie Kirche wirb auch fernerhin nur Säule unb Stütze des geordneten Staatswesens sein können.Die Kirche verurteilt die Revo­lution". das gilt heute wie früher, es gilt dem neuen Staat, wie dem alten. Die Kirche ist absolut unvoli tisch: tte hat als Kirche weder Monarchie noch Republik zu erstreben unb zu betreiben, sie ist christlich unb hat ben Gehor­sam gegen bie jeweils zu Recht bestehende Obrig­keit zu predigen. Sie erzieht dem Staat bie treuesten und stillsten, die gewissenhaftesten und zuverlässigsten Untertanen. Sie hilft dem Staat in allen menschenfreundlichen Aufgaben, im Kampf gegen alle Volksschäden und Volislciben. Sie verdient oder erspart auch bem Staat große Summen. Vielleicht ist auch biefer praktische Hinweis nicht unpraktisch. Wenn die Kirche ben Lastern wehrt, der Trunksucht steuert, so wirt­schaftet sie für den Staatssäckel, denn Laster kosten Zuchthäuser und Trinkhäufer losten Armenhäiuscr. Ober wenn bie Kirche Krüppelheime gründet. Kleinkinderschulen und Diakonissenanstalten, ist das alles dem Staate nichts wert? Ein per- nünftiger Staat wird immer in der Kirche einen seiner ersten Mitarbeiter erkennen auch der heutige Staat. Das muh aber wieder seine Wirkung ausüben auf bie Sozialbemokratie. bie ja nicht mehr Feinb, sonbern nunmehr gteunb des heutigen Staates ist. Sie wird, wenn auch natürlich in allmählicher Entwicklung, doch viel unvoreingenommener wie früher ohne jegliche politische Abneigung ber Kirche sich gegenüber­stellen müssen.

Die Vorbedingung ist allerdings bic. daß bic Kirche ihren richtigen Weg inne halte in der Welt ohne alles Aergernis. Die Kirche soll eingehen in die Welt, damit die Welt eiugehe in die Kirche. Sie soll nicht weltflüchtig sein, sondern welttüchtig. Sonst machte sie ja aus ihrem Christentum das Mönchtum. Sie soll die Welt suchen und aufsuchen. Sie soll vor allem auch in baß Leben hineingreifen unb in die Zeit. Man sagt oft: Die Pfarrer sollen keine polittschen Predigten halten. Gewiß, nie und nimmer. Aber baß heißt nicht, daß sie nicht von der heutigen Zeit reden bürfen. Das könnte wohl manchen passen: der Kirche so ben Mund zu verbieten, daß sie geradezu mundtot würde. Was soll sie überhaupt noch reden, wenn sie von ihrer eigenen Zeit nicht reden darf? Im Gegen­teil, die Pfarrer müssen heute wieder lernen, was Schleiermacher die Pfarrer vor hundert Jahren gelehrt hat: 3eitbrebigtcn zu hal­ten. b. h. Prebigten. bic geboren sind aus ber Not der Zeit und eingchen auf die Not ber Zeit und den Menschen einhämmern, was ihnen not ist in dieser Not der Zeit.

Die Kirche soll eingehen auf die Welt, aber umgekehrt sie soll niemals aufgehen in die Welt. Nicht weltflüchtig, sondern welttüchtig, aber auch nicht weltsüchtig. Gerade heute könnte sie vielleicht in einer gewissen Gefahr dazu sein. Denn sie ist eine um ihre irdische Existenz ringende Kirche, und wahrlich, mehr Zeit und Kraft, als gut ist. geht heute in ihr hin auf Fragen der Gehaltsberechnungen und der Naturallieferungen und bergt. Am so mehr sollen bie Diener ber Kirche sich ihres hohen Amtes bewußt bleiben und über alle irdischen Sorgen hinaus in unermüdlicher Liebe die ewige Glocke des Evangeliums läuten, die bie Welt über sich selbst hinaushebt in bie Aeberweltlichkeit unb selbst heute noch ber Erde einen überirdischen Glanz verleiht. Die Welt? Sie hat schließlich auch ihre Gerechtigkeit. Sie ist nicht schlecht an jedem Zipfel, sie würde es doch auch aner­kennen. Der Stifter der Kirche redet doch selber davon, daß eS einen Glauben gibt, ber selbst die Welt überwindet". Hätten wir ihn nur, sol- nämlich. And ich muß sagen, daß es mir selbst ein wenig kribbelig war unter den Händen, und daß es aussah. als ob meine Hände mit ber Schere ein wenig zitterten dabei.

Das käme von der Flackrigleit des Kerzen­lichtes, erklärte ich meiner Frau, die auf dem Tische satz. Denn ich sehe nicht ein, warum ein Kerzenlicht nicht meine Finger zittern lassen kann, wenn anderseits die Dehlraft meiner Frau mit dem Quadrat der Tischhöhe zuzunehmen pflegt. Das fe^e ich wirklich nicht ein ...

Na, na, unb bann war der Flecken ab­getrennt und ber Weg frei für bie Maus im Oberbett. Anb wir beibe, meine Frau oben auf dem Tische unb ich unten auf einem Stuhle, saßen bei fladembem Kerzenscheine vor bem Ober bette unb sahen unentwegt auf das drei­eckige Loch, aus dem das Mäuslein in die Freiheit schlüpfen sollte, damit wir wieder schla­fen konnten.

Es vergingen zehn Minuten, unb bad Mäus- lein kam mcht.

Wir fingen an zu frieren, meine Frau unb ich, unb hüllten uns in Decken.

Dann war es eine halbe Stunde, und noch immer kam kein Mäuslein. Hypnottsch starrten unsere Augen auf die Ausfallpforte. Nichts rührte sich. Wir wurden schläfrig. Aber wieder einzunicken, wagten wir nicht. Da ward ich zornig.

Wenn bas Luder rauskommt." sagte ich. so schlag ich's tot, unb holte einen alten Holz­schuh. Meine grau erschauerte.

Zähl einmal bis Hundert," sagte sie,bis dahin kommt sie.

Ich zählte bis hundert. Die ersten Fünfzig zählte ich rasch herunter. Dann immer lang­samer. Von neunzig an dehnte ich die Silben drei rtnb neunzig, vier ttnb neun

Eisenbahn grüßen, als läge dort Jerusalem mit Golgatha. Eine lateinische Inschrift erzählt es: um 1300 nach Christi Geburt haben die Wilnaer dort drei Missionare gekreuzigt, die ihnen in Wilna Kirchen bauen wollten. Dem zum süh­nenden Gedenken sind später die drei Kreuze errichtet. Ich habe oft auf dem Berg ge­standen und hinuntergeschaut auf die orienta­lische Pracht der Stadt. Wilna ist eine Kircken- ltadt. Es hat 200 000 Einwohner. In solcher Stadt lind bei uns noch nicht 20 Kirchen. Wilna hat 60. darunter mächtige Kathedrale.^ römisch- katholische mit Doppeltürmen, griechisch-katho­lische mit goldenen Kuppeln. Da mutzte ich denken: welch' ein blinder Eifer von den Wil- naern damals, daß sie bic kreuzigten, die ihnen Kirchen^ bauten in ihre Stadt. Was wäre nun Wilna ohne seine Kirchen? Was bliebe von seiner Herrlichkeit? Was anderes als ein lang­weiliges Häusermeer. auslaulend in ein graues russisches Steppendorf?

And das ist ein Zeichen. So ist es überhaupt und überall. Was wäre die Welt ?6ne Kirchen? Stelle es dir nur wirklich einmal vor: du führest über Land, und nirgends mehr sähest du eine Kirchturmsvihe emporragen hinter grünen Hügeln: denke dir aus: es gäbe feinen Sonntag mehr, feinen Festtag denn das lind kirchliche Tage, religiöse Zeiten, und haben ohne Kirche kein Recht mehr denke dir: die Kette deiner Arbeit zöge sich fort von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, im einigen Einerlei, ohne ein Aufhören, ohne eine Ruhepause da­zwischen: du wachtest morgens auf, aber nie schlüge dir eine Sonntagsglocke, eine Feiertags­glocke, immer nur bie Werktagsglocke, die Ar­beitsglocke. Male dir aus: es wäre Winter im Schneegestöber, aber Weihnachten feierte man nicht, seine Kerzen, seine Lieder, seine Freuden und Vorfreuden kennte man nicht: es käme ber Frühling unb du hättest einen Sohn, eine Tochter im Heranwachsenden Alter, aber eine Einsegnung gäbe es nicht, Palmsonntag wäre etwas Ver- lchvllenes unb Karfreitag auch, unb Ostern wäre grauer Alltag wie alle Tage: es käme ber Mai mit seinen Blättern unb "Blüten, mit seiner Wärme unb Sonne, aber von Pfingsten ahnte keine Menschenseele etwas. Tritt ein in bein eigen Haus: nimm an. bu hättest eine Geburt.