Nr. 47 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Donnerstag, 25. Ze'oruar 1926
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Georg Friedrich Knapp.
Von Dr. P. Mombert, erb. Professor der Staatswissenschaften an der
Universität Gießen.
Im Alter von fast 84 Jahren ist vor wenigen Tagen in Darmstadt der bekannte Nationalökonom Georg Friedrich Knapp gestorben. Er ist am 7. März 1842 zu Gießen geboren worden. Sein Vater L. F. Knapp, ein bekannter Forscher auf dem Gebiete der chemischen Technologie, war damals Professor an der Universität in Gießen, seine Mutter war eine Schwester von Justus von Liebigs. Von ihr hat Schmoller, der sie noch persönlich kannte, gesagt, daß sie ihrem großen Bruder körperlich und geistig ähnlich und ebenbürtig gewesen sei. So haben also den jetzt verstorbenen Nationalökonomen enge Bande mit Gießen verknüpft und in der Festrede, die er am 11. März 1903 in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften zum 100jährigen Geburtstage Liebigs gehalten hat, finden sich manche wertvollen Züge und Erinnerungen an ihn und das alte Gießen*).
G. F. Knapp gehörte einer Generation von deutschen Nationalökonomen an, von denen jetzt nur noch Lujo Brentano unter den Lebenden weilt. Es waren die Männer, die im Gegensatz zu der bis dahin in Deutschland herrschenden Manchesterschule das wirtschaftliche Leben in seiner Entwicklung und seiner wirklichen Gestaltung kennen lernen wollten und die deshalb auf induktiv-historischen Wegen an sein Studium herangingen. So liegen auch die ersten Arbeiten Knapps auf statistischem Gebiete. Vom Jahre 1874 ab wandte er sich anderen Problemen zu, aber immer mit dem Streben, das Leben in seiner vollen Realität zu erfassen. Es waren zwei große Gebiete, denen von jetzt ab seine Forschungen gewidmet waren und deren Ergebnisse er es zu verdanken hatte, daß sein Name weit über die Grenzen Deutschlands hinaus einen so guten Klang besaß. Das eine war das Gebiet der Agrargeschichte, das andere dasjenige der Lehre vom Geld.
Im Jahre 1887 erschien auf eingehenden archivalischen Studien aufgebaut, sein großes zweibändiges Werk „Die Bauernbefreiung und der Ursprung der Landarbeiter in den älteren Teilen Preußens", das zu den klassischen Leistungen der historischen Schule der deutschen Nationalökonomie zu rechnen ist. Eine Reihe wertvoller, kleinerer Arbeiten aus demselben Gebiete schlossen sich dann diesem großen Werke an. Jahrelang hat er dann nichts mehr von größeren wissenschaftlichen Werken veröffentlicht, bis dann im Jahre 1905 als Ergebnis langjähriger Studien die „Staatliche Theorie des Geldes" erschien, mit der Knapp die Grundlagen der bis dahin herrschenden metallischen Theorie des Geldes angriff und in streng logischer Darstellung den Beweis zu erbringen versuchte, daß dem Staat dem Gelde gegenüber die maßgebende Rolle zufalle, daß das Geld ein Geschöpf der Rechtsordnung sei. Von den einen scharf angegriffen, von anderen dieser Leistung wegen viel gerühmt, hat Knapp mit diesem Buche überaus befruchtend auf die ganze Lehre vom Gelds eingewirkt. Was das Buch vor allem auszeichnet, ist der streng logische Gedankengang, der vor keinen Konsequenzen zurückschreckt. Niemand hat diese Leistung besser charakterisiert, als Knapp selbst, wenn er im Vorwort sagt: „Denn eine Theorie muß auf die Spitze getrieben werden, sonst ist sie ganz wertlos. Der Praktiker kann sich mit Halbheiten begnügen und er soll es sogar. Der Theoretiker hingegen ist ein verlorener Marin, wenn er in Halbheiten befangen bleibt."
Aber Knapp war nicht nur der gründliche und ernste Forscher, er war auch eine künstlerische Natur durch und durch und hat über einen wunderbaren Humor verfügt, der vor allem bei den prachtvollen Tischreden zum Ausdruck kam, die er bei wissenschaftlichen Kongressen so oft gehalten hat. Ich erinnere mich noch, wie er bei dem Festessen des Vereins für Sozialpolitik in Mannheim, zwischen seiner.Tochter und dem damaligen Oberbürgermeister Beck von Mannheim sitzend, bei einer Rede, die er auf die Stadt und ihren Oberbürgermeister hielt, bemerkte, daß, wenn er eine Tochter besäße — leider habe er jedoch keine — diese nur einen Bürgermeister heiraten dürfe. Seine künstlerische Begabung kam vor allem in dem prachtvollen Stil und den plastischen Bildern zum Ausdruck, die feine Schriften und Reden auszeichnen. Man kann das nicht besser dartun, als wenn man den toten Gelehrten noch einmal zu Worte kommen läßt. In der Gedenkrede auf Erwin Nasse, der niemals große Lehrbücher, aber eine Reihe tiefgründiger Abhandlungen veröffentlicht hatte, hat Knapp über die Art des wissenschaftlichen Arbeitens das Folgende gesagt:
„Die wissenschaftliche Abhandlung —' möchte sie immer gepflegt und geachtet bleiben, denn auf ihr
*) Die Rede ist jetzt abgedruckt in G. F. Knapps gesammelten Schriften „Einführung in einige Hauptgebiete der Nationalökonomie". München 1925.
Karl Lamprecht.
Zum 70. Geburtstag, am 25. Februar. Von Dr. Alfred Weife.
Es ist still geworden um Karl Lamprecht, seit der Krieg ihn uns, viel zu früh, in den Frühlingstagen 1915 entriß. Dabei war dieser Gelehrte eines jener Kraftzentren deutschen Geisteslebens, dessen Strahlungen in die weite Welt gingen und von ihr mit wachsender Anteilnahme erwidert wurden. Gehörte der Leipziger Kulturhistoriker doch zu jenen nicht eben häufigen Denkern, auf die der geopolitische Satz zutrifft, daß sie in Kontinenten dachten. Synthetiker aus innerster Berufung, mußte er im Zeitalter vorherrschenden Spezialistentums immer wieder erfahren, wie unbequem man ihn dort meist empfand, obwohl die Gesamtheit der Kulturwissenschaften darauf hindrängte, die im 19. Jahrhundert erarbeiteten Tatsaä^nmassen in fruchtbarer Synthese verarbeitet zu sehen. Lamprecht hatte diesen Mut zur Ueberschau und Einordnung des bisher Geleisteten in große Zusammenhänge und stellte in feiner vielbändigen „Deutschen Geschichte" ein gewiß sehr eigenwüchsiges, in Einzelfragen nicht immer stichhaltiges Werk in die Öffentlichkeit, aber er handelte, handelte unbeirrt, während eine Sturmflut von Kampfschriften seinen Weg kreuzte und Erwiderung heischte und fand. Es ließ ihm keine Ruhe, den geschichtlich bedingten Vorsprung der Naturwissenschaften als gottgewollte Selbstverständlichkeit hinzunehmen und die Formlosigkeit der Kulturwissenschaften zu verewigen. Er suchte nach Gesetzmäßigkeit im Ablauf der Geschehnisse und wurde nicht müde, Ansatzpunkte seines oordringenden Erkennens ausfindig zu machen, soweit der Stand der Wissenschast sie ihm nur immer bieten Tonnte. Wo und wie oft er bei diesem Unterfangen fehlte, ist gegenüber der
beruht recht eigentlich die Wissenschaft! Woher soll das Lehrbuch seinen Stofs nehmen, wenn nicht aus der Abhandlung? Sie hat zwei mächtige Nebenbuhler: den deutschen Aufsatz, fürs Bedürfnis des Tages geschrieben, in Wochenblättern veröffentlicht, der dies ober jenes mehr oder minder „betont" und schließlich doch alles beim Alten läßt: und höher im Rang, die Rede des großen Stils, die uns mächtig erregt, Gefühl und Phantasie in Wallung bringt, aber doch mehr auf das Handeln der Hörer als auf ihre Erkenntnis wirken will und wirken soll. Beide nebenbuhlerische Kunstformen, Aufsatz und'Rede, werden in weiten Kreisen genossen und gewürdigt: aber die Abhandlung, die dritte und die bescheidenste in diesem Bunde, ist schlimm daran: sie spricht zum Verstand — und wer da auf ausgebreitete Wirkung hofft, der hat noch keine Abhandlung geschrieben."
„Wie ein warmer Wind, der vom Süden her über die Alpen stürzt und über Nacht auf weiten Flächen die Schneedecke schmelzt, so wirkt die gewaltige Rede. Aber das Wetter schlägt um und ein einziger Tag genügt, so ist hie Straße über den St. Gotthard roieber tief verschneit und bleibt es, bis bas Wun- ber des Föhns sich erneuert. Dagegen sieht man an der Felswand bei Göschenen einen runden schwarzen Fleck, den Eingang einer künstlichen Höhle; im Hintergründe derselben arbeitet, von außen unbemerkt, eine Stoßmaschine, welche stählerne Meißel ins Gestein treibt; der Schutt, den die Pulversprengungen liefern, wird mühsam nach hinten abgeräumt. Nach einigen Jahren emsiger, heimlicher Arbeit'öffnet der langersehnte Durchschlag eine Straße nach dem sonnigen Italien, die nicht mehr verweht werden kann und so fest steht, wie der Fels, durch den sie führt. Die langsame Bohrarbeit der Wissenschaft kommt nirgends anders als in der Abhandlung zum Vorschein. Undankbarer Reisender, der du bei der Fahrt durch den Tunnel schläfst; undankbarer Leser von Lehrbüchern, der du zwar nicht gerade schläfst, — denkst du immer in deiner Behaglichkeit an die Forscherarbeit, die einem solchen Werke vorangegangen sein muß?"
G. F. Knapp, dem die ökonomische Wissenschaft so vieles verdankt, hat beide Gaben in sich vereinigt. „Die langsame Bohrarbeit der Wissenschaft" findet sich in seinen großen Werken und in zahlreichen Abhandlungen, und daß er auch über die Kunst der Rede großen Stiles verfügt hat, das wissen alle diejenigen, die ihn einmal als Redner hören dursten.
Griechische Eindrücke.
Von unserem I. B.-Korrespondenten.
Athen, Mitte Februar 1926.
Vom Aufschwung des Piraeus, des Haupt- Hafens Griechenlands, wissen die Griechen Wunder zu erzählen. Bevölkerung und Handel sollen sich verdoppelt haben. Aber nichts verrät den Reichtum dieser Stadt. Die niederen, ungepflegten Häuser, die meist mehr als ärmlich gekleideten Menschen, und vorzüglich der unbeschreibliche, grauenhafte Schmutz in den Straßen, lassen die Vorstellung eines blühenden Handelsemporiums nicht recht aufkommen. Trotzdem beweist die griechische Statistik, daß wenigstens in diesem Falle der Schein trügt.
Ich und meine Familie waren ihnen gleich verdächtig erschienen, den Schergen des griechischen DiktatorsP a n g a l o s , welche sich selbst als Hafenpolizei des Piraeus bezeichnen. Unsere Reisegesellschaft war vielleicht auch etwas sonderbar: Ein offenbarer Europäer mit einem türkischen Namen — meine Wenigkeit, eine verschleierte Dame mit einem kleinen Mädchen — meine Frau mit Tochter, ein junger Mann in Tscherkessen-Uniform — mein Schwager und schließlich eine, die Ungläubigen mit unfreundlichen Blicken betrachtende Negerin — unser aus dem Serail des letzten Osmanensuktans stammendes Kindermädchen. Trotzdem unsere Papiere in Ordnung waren, wurden unsere Sachen wüst und resultatlos durcheinandergewühlt, wir schließlich einer ebenfalls resultatlos verlaufenen Leibesvisitation unterworfen. Die Prozedur war einerseits brutal genug, um peinliche Empfindungen auszulösen, andererseits viel zu wenig methodisch und genau, um wirklich etwas zu finden, wenn wir etwas zu verbergen gehabt hätten. Schließlich mußten wir mit einem Auto zu einer besonderen Polizeiabteilung, einer Art „T s ch e k a", welche Pangalos zur Aufdeckung, gegen seine Diktatur gerichteter Verschwörungen kürzlich neu eingerichtet hat, fahren, wo wir einem Verhör unterzogen wurden. Ob ich türkischer Offizier gewesen fei, gegen die Griechen gekämpft hätte und was an solchen Polizistenfragen nur auszudenken war, wurde mir vorgesetzt, bis schließlich der über meine Sitte oer- ständigte.Selretär der „Vereinigung der ausländischen Presse" aus Athen ankam, der eine klassische Philippika losließ, in welcher er ausführte, daß ich ein bekannter Journalist sei und daß wegen dieses
Fülle ungeahnter Anregungen, die es zeitigte, wirklich zu verschmerzen. Indessen ist auch über seinem Grabe der Streit der Kämpser für und wider nicht verstummt, sichtbarster Ausdruck seiner bis heute nicht abzuschätzenden Bedeutung für die Weiterentwicklung der historischen Gesamtwisienschaft. Vieles, was die engeren Fachgenossen Lamprechts noch vor Jahren belächelten, so etwa, wenn er von „seelischer Gesamthaltung" eines Volkes, eines Zeitalters sprach, ist Gemeingut weitester Kreise der Gebildeten geworden, nur nennt man es heute vielleicht modischer, aber darum nicht deutscher „Mentalität". Lamprechts Stellung im Geistesleben des wohlhabenden und geachteten, um nicht zu sagen gefürchteten Dorkriegs-Deutschland schattete weit, im ideellen wie materiellen Sinne. Von quellen- kritischer Einzelforschung bis zu vergleichender Betrachtung ganzer Kulturen, von weitausschauenden Plänen sür die Schafsung einer Walduniversität Leipzig bis zu den Fragen internationaler Hochschulpädagogik und Studentenorganisation, von tätiger Stellungnahme zu allen Nöten deutscher Kulturpolitik bis zu den gegenständlichen Beauftragungen dieser Art seitens des Reiches spannte sich Lamprechts Tätigkeitsfeld. Immer war es lebensvolle Wissenschaft, die er bot, stets fühlte er sich als Historiker mitverantwortlich am Schicksal der Nation. Denn größer, unendlich größer als der Wissenschaftler Lamprecht war sein Menschentum. Die tiefe Güte, die er jedem ernsthaften Wollen entgegentrug, dieses Zeithaben und Zuhörenkönnen inmitten eines übervollen Arbeitstages, das starke Ethos aller seiner Lebensäußerungen sind Werte, unvergeßlich jedem, der das Glück hatte, ihm entgegenzutreten oder gar an seiner Seite zu arbeiten. Wenn er seine Studenten bei schwierigen Problemstellungen zu eigener Stellungnahme aufforderte: „Nun, meine Herren, springen Sie über mich hin
Zwischenfalles die „ganze Welt" schlecht von den Söhnen des Perikles reden würde. Was den Erfolg hatte, daß man sich entschuldigte, und uns unseres Weges ziehen ließ.
Athen ist eine Stadt mit einer Anzahl teilweise^ recht hübscher, teilweise weniger hübscher, aber sich ourch eine fieberhafte Bautätigkeit rasch aus- breitender Vorstädte. Die Stadt selbst, ein Zentrum mit hohen Gebäuden, eleganten Straßen, eine typische „C i t y" fehlt. Alles erscheint unmotiviert auseinandergezerrt, wenige Häuser erreichen die zweite Etage. Auch die zahlreichen Neubauten scheuen die vertikale Entwicklung. Gesamteindruck: Provinzstadt auf dem Balkan.
Straßenreinigung scheint man nicht zu kennen, — wenigstens sah ich nichts dergleichen. Athen steht in dieser Hinsicht weit hinter dem, einen recht schlechten Ruf besitzenden Kdnstantinopel zurück. Die Folge ist eine durch die Bautätigkeit noch vermehrte geradezu unerträgliche Staubplage. Es wurde mir versichert, daß dies demnächst anders würde, da eine amerikanische Firma eine Nutzwasserleitung vom Hafen nach Athen bauen werde, welche vorzüglich der Straßenreinigung dienen soll. Der Plan ist alt und bisher eine Hoffnung geblieben.
Einen vorzüglichen, abretten Eindruck machen die von englischen Instruktoren ausgebildeten Straßenpolizisten, welche gegen Fremde sehr höflich sind und meist etwas französisch oder eine andere europäische Sprache sprechen. Auch das Militär, soweit man es in den Straßen der Hauptstadt zu sehen kriegt, ist sauber und fast kokett angezogen. Im übrigen sieht es möglichst unmilitärisch aus. Soldatischer Gleichschritt stößt auf unüberwindliche Schwierigkeiten und geschlossen marschierende Truppen laufen im Herdentrab durch die Straßen, einigermaßen an die heitere „freiwillige Feuerwehr" Konstantinopels, an die sogenannten Tulumbdschi erinnernd. Der Gesamteindruck dieser Armee wird dadurch nicht kriegerischer, daß die Schildwachen der sogenannten Evzonen, der griechischen „Bersaglieri" in ihrem Ballerinenröck- chen, ihrem Fez mit bis zum Rückenende herabhängender Troddel und ihren Pantoffeln mit den ungeheuren, wollenen Pompons an der Fußspitze, jedesmal wenn ein OffizieT vorübergeht, das Gewehr auf den Boden stoßen, daß es in allen Bestandteilen nur so flirrt, was einem alten Soldaten ebenso wehe tut, wie der Anblick eines auf Granitpflaster galoppierenden Reiters.
Der Friede von Lausanne brachte Griechenland zwar den Verlust seiner kurzen kleinasiatischen Besitzherrlichkeit, aber den Zustrom hunderttaufender anatolischer Griechen, welche, wie bekannt allerdings gegen etwa eine gleiche Anzahl in Griechenland ansässiger Türken ausgetauscht wurden. Aber während die letzteren fast ausschließlich Grundbesitzer waren, welche ihre Felder, Häuser usw. nicht in die neue Heimat mitnehmen konnten — um die vorgesehene Barentschädigung wurden sie meist teilweise oder ganz geprellt — waren die anato- lischen Griechen zum größten Teil Kaufleute, Unternehmer u. dgl., welche ihr Vermögen zu exportieren vermochten. Wohl bedeutete die Fürsorge für den ärmeren Teil dieser Einwanderer der griechischen Regierung eine gewisse Last, jedoch der wohlhabende größere Teil brachte einen Zustrom reichlichen Kapitals, welches nach Beschäftigung suchte —, abgesehen von verschiedenen Erwerbszweigen, wie Teppichindustrie usw., welche die anatolifdjen Griechen
nach Hellas verpflanzten und die hier rasch zur Blüte gelangten. Dieser plötzliche Kapitalzustrom brachte aber auch ein Gründungsfieber, dessen erste verderbliche Folgen sich zu zeigen beginnen. Die volkswirtschaftliche Kraft des kleinen Landes reicht nicht aus, das neuerdings feftgclegte Kapital zu rentieren und den durch eine progressiv passive Handelsbilanz verursachten Tribut an das Ausland zu verzinsen.
Heute sind die meisten Achener noch ungeheuer stolz darauf, daß ihre Hauptstadt in wenigen Jahren ihre Einwohnerzahl mehr als verdoppelte oder daß die Zahl der hauptstädtischen Autos im letzten Monat von 10 000 auf 11500 schnellte. „Ganz amerikanisch", pflegen sie zu sagen. Aber die Ahnenden fürchten das Erwachen, denn die Handelsbilanz wird immer schlimmer und die Drachme fällt und wird im Sturz ins Unendliche nur manchmal durch recht radikale Hilfsmittel aufgehalten.
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Eines Morgens wachte man ahnungslos auf und war um ein Viertel (eines Vermögens ärmer. Pangalos, der Diktator, hatte über Nacht eine Zwangsanleihe eingeführt. Von jeder griechischen Geldnöte mußte man ein Drittel abschneiden. Der größere Rest galt nunmehr 75 Proz. des Nennwertes. Der kleinere Abschnitt sollte innerhalb einer gewissen Frist gegen verzinsliche Staatsschuldscheine bei der Nationalbank eingetauscht werden können. Vorläufig lösten ihn nur die Geldwechsler auf der Straße mit einem Abzug von 40—50 Proz. ein. Pangalos hat auf diese Weise ein Viertel der schwebenden Schuld in konsolidierte Schuld verwandelt. Einfach und praktisch. Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, daß vor einigen Jahren ein kon- stantinischer Finanzminster wegen desselben Manövers erschossen wurde und daß es damals Generals Pangalos und feine Freunde waren, die feinen Kopf gefordert haben.
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Der erste Tag der Zwangsanleihe brachte den Fremden noch eine andere Ueberraschung. Pangalos bestimmte, daß für den Besuch der Akropolis Ausländer ein Eintrittsgeld von einem halben englischen Pfund zu bezahlen hätten. Das ist aus mehr al5 einem Grunde skandalös. Denn schließlich sind die ehrwürdigen Zeugen der griechischen Antike Gemeingut aller Kulturvölker und nicht Privateigentum der habgierigen hellenischen Epigonen. Uebri- gens ist das Leben für den Fremden nicht so teuer. Ein Zimmer in einem guten Hotel mittleren Ranges kostet etwa 40 Drachmen. Für denselben Preis kann man sehr gut Mittag essen. Autotaxen sind ebenfalls ziemlich billig; ich bezahlte für eine Fahrt von Athen nach dem Piraeus mit Gepäck 150 Drachmen.
Der Weg nach Aegypten über Athen ist übrigens für Reifende aus Nord- und Mitteleuropa einschließlich Holland und Polen bequem und wohl der weitaus billigste. Die recht guten griechischen Dampfer nehmen für die Reise Piraeus—Kairo in der ersten Klasse 1400 Drachmen.
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Ich wurde gewarnt, mit dem Kalpak auf dem Kopse mich in die athenischen Emigrantenviertel zu begeben, da der Haß der anatolischen Griechen gegen alles Türkische sicher zum Ausdruck kommen werde. Ich ging dennoch und stellte fest, daß ich von allen möglichen Leuten freudestrahlend in türkischer Sprache angesprochen wurde. Alle erklärten, sie würden gerne wieder nach der Türkei zurückkehren, wo sich viel mehr verdienen ließe. Die Mißhandlungen, welchen sie, nach Berichten der griechischen Propaganda, angeblich ausgesetzt waren, schienen sie vergessen zu haben.
Der Weg zum Offizier im Reichsheer.
Von unserem militärischen Mitarbeiter.
„Ein Zugführer braucht kein Stratege zu sein. .Leutnantsdienst' zu tun heißt, seinen Leuten vor- fterben. Wer ein ganzer Kerl ist, braucht nur ein wenig Handwerk zu lernen." So sagt der junge Kriegsfreiwillige in dem Kriegsroman von Walther Flex. Und der kriegserfahrene, bedächtige Ernst Warche gibt ihm zur Antwort: „Leutnantsdienst tun heißt, seinen Leuten Vorleben. Das Vorsterben ist dann wohl nur' einmal ein Teil davon, aber drs schönere bleibt das Vorleben, es ist auch schwerer."
Schöner kann das Wesen des Offiziersberufs nicht zum Ausdruck gebracht werden. Denn in der Tat ist das erste Erfordernis für einen Offizier wie überhaupt für jeden Führer: Die Persönlichkeit.
Nach dem Wehrgesetz steht jedem Angehörigen der Wehrmacht und damit jedem unbescholtenen Deutschen nach Maßgabe seiner Fähigkeit der Weg zu den höchsten Stellen im Heere offen. Der Dffi- I ziersberus erfordert aber eine solche Reihe besonderer Eigenschaften, daß nur einige ihm voll ge= | wachsen sein werden. Grundbedingung ist eine aanBsamaasnuninBmMnsE
durch nichts zu trübende Freude am Beruf, am Soldatenhandwerk, am Führerturn. Es ist klar, daß auf allen Gebieten des rein militärischen Wissens und Könnens der Führer feinen Untergebenen überlegen fein muß. Ueberficht über das Ganze, schneller Entschluß sind weitere Eigenschaften, ohne die ein Offizier nicht denkbar ist. Unbeugsam und mit Geschick ist für die Durchführung der gegebenen Befehle zu sorgen. Der Soldat muß fühlen, daß dem Auge des Offiziers nichts entgeht, und daß alle Fäden in feiner Hand zusammenlaufen.
Da der Soldat dem Führer in jeder Beziehung und zu jeder Zeit untersteht, so ergibt sich, daß der Führer auch für das persönliche Leven seines Untergebenen verantwortlich ist. Der Offizier muß daher auch in der Seelenkunde Bescheid wissen. Nichts darf ihm unbekannt bleiben, keine Sorge seiner Untergebenen, kein Interesse, das der Leitung und Förderung bedarf. Jedoch nicht nur in den äußeren Angelegenheiten muß er ihnen Berater und Helfer fein tönnen, sondern vor allem auch in den
weg!" und dazu ermunternd lachte, ober einem historisch nicht vorgebildeten Publikum die Größe des Reiches Kaiser Karls V. unter dem Bilde eines großen Bernhardiners begreiflich machte, „der durch die Hundewelt geht", immer war Sonne um Lamprecht, umspielt von Humor. An Erfolgen hat es ihm nicht gemangelt, drei Ausland-Univerfitäten (St. Andrew, Columbia, Oslo-Christiania) verliehen ihm das Chrendoktorat, in der englisch sprechenden Welt und in Dftafien war fein Name saft so bekannt wie daheim und sicher mehr geachtet. Reisen und Gastvorträge führten ihn in die Länder diesseits und jenseits des Atlantik, eine mehrjährige Vorlesungsperiode in Dftafien war geplant. 1909, zur Fünfhundertjahrfeier der ßeipAiger Universität, überraschte er die wissenschaftliche Welt durch sein großzügiges Institut für Kultur- und Universalgeschichte, dem er 1913 ein Forschungsinstitut angliederte, beide die ersten ihrer Art, währen die erste Weltausstellung für Buchgewerbe und 'Graphik, die Leipziger Bugra, ihm 1914 Gelegenheit bot, in der „Halle der Kultur" und ihrer psychogenetischen „Grundausstellung" sein Wollen auch bildhaft vor Augen zu führen. Da brach der Krieg aus, den er längst hatte kommen sehen, und der seine im besten Sinne menschheitlichen Ziele am schwersten traf. Kaiser und Reich beriefen ihn alsbald zu kulturpolitischer Arbeit in die kriegs- besetzten Gebiete zunächst der Westfront; mit heißer Anteilnahme leistete er die ebenso ehrenvolle wie aufreibende Arbeit. Kaum daß er sie abschließen konnte, riß ihn eine Leukämie jäh hinweg. „In serviendo consumor“, hätte er mit dem Großen Kurfürsten auch von sich sagen können. Nun ruht er schon zehn Jahre im Schatten der Buchen von Psorta, der Stelle, wohin er seine Studenten immer am liebsten führte: sein Streben aber lebt in seinen Leipziger Instituten.
Alfred Biese.
2lm 25. Februar vollendet der in weiten Kreisen bekannte und geschätzte Literarhistoriker und Pädagoge Geheimer Studienrat Prof. Dr, Alfred Diese in Frankfurt a. M. sein 70. Lebensjahr. Biese wurde als Sohn des Aristotelikers und Hegelianers Franz D. in Putbus auf Rügen geboren. Seine wissenschaftliche Ausbildung erhielt er auf den Universitäten Bonn, Greifswald und Kiel. Rach seiner Promotion (1878) wirkte Biese als Lehrer in Kiel, Schleswig und Koblenz, wurde Ghmnasial- direktor in Reuwied und endlich in Frankfurt am Main, wo er jetzt im Ruhestände lebt. Bon den zahlreichen Arbeiten aus seiner Feder verdienen besonders hervorgehoben zu werden: Entwicklung des Raturgefühls bei den Griechen und Römern (82/84; Bd. ll: in Mittelalter und Reuzeit, 2. A. 91): Philosophie des Metaphorischen (93); Pädagogik und Poesie (Bd. l: 99. 2. QI. 08; II: 05, III: 13); Deutsche Literaturgeschichte (drei Bände 07/10, 23 Auflagen): Theodor Storm (3. A. 21) und eine Ausgabe der sämtlichen Werke von Theodor Storm (3. QI. 22). — Wer heute den Ramen Alfred Biese hört, denkt zuerst an die Literaturgeschichte, die, wie schon die Auflagenzahl andeutet, zu einem wirkliHen Hausbuche des deutschen Bolkes geworden ist. Wer aber das Glück und die Freude hatte, zu seinen Schülern zu gehören, wird wissen, was er dem feinsinnigen Menschen und seltenen Pädagogen verdankt und sich im Gedenken an seine Lehrjahre den herzlichen Wünschen anschließen, die wohl heute aus ganz Deutschland zu Alfred Biese dringen und ihn grüßen: in raultos annosl


