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Nr. 20 Zweites Blatt

Montag. 25. Zanuar 1926

siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten)

Lettland von heute.

Von unserem ?.-Korrespondenten*).

Nachdruck verboten.

Dor lettische Außenhandel ist durch die st a r k e P a s i v i t ä t der ^Handelsbilanz charakteri­siert, die aber m der letzten Hälfte des vergangenen Jahres eine deutliche Besserung aufweist. Die wich­tigsten Posten des lettischen Außenhandels sind H o l z und Flachs, die 40 bzw. 35 Prozent des Ge­samtexportes ausmachen, woraus die Stellung Lett­lands'als vorwiegendes Rohstoffexportland hervor­geht. Die Wirtschaftslage auf dem Holzmarkt »st ge­drückt, da das Holzgeschäft seit Jahr unb Tag stockt. Uebcrdies rächt sich die übermäßig starke Inanspruch­nahme der staatlichen Forsten durch den Raubbau der vergangenen Jahre schon schwer. Der Holzexport arbeitet vornehmlich mit England. Neben .Folz und Flachs spielen Nahrungs- und Genußmittel sowie Fertigwaren eine an Bedeutung zunehmende Rolle in der lettischen Warenausfuhr. In der Reihe der lettischen Abnehmer steht England an erster Stelle.

'Auf der Jmportseite sind die wichtigsten Artikel Getreide, Zucker, sodann Textilwaren, chemische Er­zeugnisse, Maschinen, Kunstdünger usw. Unter den Importländern steht Deutschland mit 40 Proz. an er ft er Stelle. Es folgt England mit 12 Proz. Bezeichnend ist jedoch, und das dürfte mit der deutschen Wirtschaftslage in Zusammenhang stehen, daß im Verhältnis zum Gesamtimport der Import aus Deutschland zurückgeht. Besonders deut­lich ist diese Erscheinung beim Bezüge von land­wirtschaftlichen Maschinen und anderen Produkten der Maschinenindustrie zutage getreten. Der lettische Export nach Deutschland zeigt dagegen eine auf- steigende Tendenz.

Die lettische Industrie befindet sich im Stadium des Aufbaues und macht gegenwärtig fort­laufend größere Jnventaranschaffungen in Deutsch­land, England und Schweden. Besonders das letztere hat sich zu einem scharfen Konkurrenten für die deut­sche Maschinenindustrie entwickelt. Der zunehmenden Industrialisierung Lettlands stehen einmal die vielen neugegründeten und nicht lebensfähigen Unterneh­mungen, sodann die große Kreditnot hindernd im Wege. In der letzten Zeit sind Kreditverhandlungen mit englisch-französischen Finanzvertretern im Gange, die den Ausbau des lettischen Verkehrs­wesens betreffen. Die lettische Industrie ist speziell Kleinindustrie, eine eigentliche Schwerindustrie fehlt ganz. Was den Bedarf der lettischen Wirtschaft an Jndustrieprodukten angeht, so ist hier ein Absatz­markt für Maschinen der Flachsbereitung, der Holz- und Metallindustrie vorhanden. Ebenso herrscht hier Bedarf für landwirtschaftliche Geräte und für Ein­richtungen für Papierfabriken. Ebenso ist hier der Markt für Textilien noch aufnahmefähig. Der deut­sche Importeur nach Lettland möge aber bedenken, daß er hier eine schwere Konkurrenz vorfindet, daß mir der die besten Aussichten hat, der mit den b i l - ligsten Preisen und besten Zahlungs­bedingungen aufwarten kann.

Einen schweren Schlag erhielt die lettische In­dustrie durch die schikanöse Sperrung der lettischen Ausfuhr nach Polen, deren Grund auf volitischem Gebiete liegt und in der lettischen Ablehnung der polnischen politischen Pläne eines baltischen Staaten­bundes zu suchen ist. An den Mißständen in der lettischen Industrie trägt die Kreditpolitik der Ban­ken viel Schuld, die durch bereitwilligste Kredit­gewährung eine Masse von schwach fundierten, nicht leistungsfähigen Firmen hat entstehen lassen, die wirtschaftlich keine Berechtigung haben und die Lage nur erschweren. Man kann von einer direkten Ueberorganisat on der lettischen In­dustrie sprechen. Eine Besserung hofft man durch die Handelsbeziehungen mit Rußland zu erreichen, vergißt aber ganz, daß Rußland heute auf die Ge­währung langfristiger Kredite durchaus ange­wiesen ist.

*) Dgl. Nr. 17 des(5.21." vom 21. Januar.

Alles in allem ist Lettlands Wirtschaftslage ernst, unb zwar sehr ernst. Das Wirtschaftsleben hat hier eine ungesunde Entwicklung genommen, die fast alle Kreise erfaßt hat. Besonders die lettische Land­wirtschaft sowie der Handel befinden sich in einer Krise, die anscheinend permanent wird und noch durch den für Lettland gegenwärtig charakteristischen Rückgang der Arbeitslust verschärft wird. Eine Besserung der gesamten Lage ließe sich aber bei einiger Einsicht und durchgreifenden Reformen sehr wohl erzielen. Der lettische Finanzminister Blum­berg äußerte sich am 8. Januar gelegentlich eines Presseempsanges über die neue vom Staat zur Be l-ebunq der wirtschastlichev Schwierigkeiten zu ver- folgenben Wirtschaftspolitik dahin, daß in Zusam­menhang mit der Einschränkung des Budgets ver­schiedene Reorganisationspläne ausgearbeitet seien, die auf Vereinfachung des Geschäftsverfahrens und Verringerung des Beamtenapparates hinauslaufsn. Diesen Reformplänen kann man nur vollen Erfolg wünschen, trotzdem damit nur ein kleiner Teil der Schwierigkeiten beseitigt wäre. Eine grundlegende Besserung der gesamten Lage kann nur durch eine energische Förderung der Landwirtschaft als des wichtigsten Gewerbes in Lettland, erreicht werden. Nur eine Steigerung der Ausfuhr von landwirt­schaftlichen Produkten unb die Behinderung der Einfuhr von Luxusgegenständen könnte die Passivi­tät der Handelsbilanz und damit die allgemeine Wirtschaftslage bessern. Dadurch würde zugleich die Möglichkeit zu vermehrten 'Anschaffungen von pro­duktiven Dingen gegeben, an der Deutschlands In­dustrie hervorragenden Anteil haben würde.

Die Beziehungen Lettlands zu Litauen, sei­nem westlichen Nachbarstaat, sind recht gute, wobei eine steigende Annäherung erreicht wird, da irgend­welche politischen und wirtschaftlichen Streitpunkte kaum vorhanden sind. Wenn auch wohl das Projekt des ehemaligen litauischen Gesandten Dr. Schliupas über die Bildung einer litauisch-lettischen Föderation den Ereignissen noch weit vorauseilt, so haben doch die Anfang Dezember in Riga begonnenen lettisch- litauischen Verhandlungen zur Förderung der wirt­schaftlichen Zusammenarbeit beider Länder zugute Fortschritte gezeitigt. Man zielt auf einen Bund der drei baltischen Staaten hin und hat den Gedanken einer Zollunion schon mehrfach erörtert, deren Zustandekommen schon dadurch wahrscheinlich wird, daß alle drei Länder Agrarstaaten mit den gleichen Lebensbedingungen sind.

Das Verhältnis zu Polen ist ein wesentlich schlechteres, da Polen agggressiv einen baltischen Staatenbund mit der Spitze gegen Rußland erstrebt und hierbei zu allerlei Druckmitteln greift, wie die schon erwähnte Sperrung der lettischen Warenaus­fuhr nach Polen beweist. Lettland will und kann sich als das wichtigste baltische Transitland nicht zu der­artigen franlo-polnischen Bestrebungen hergeben, ohne damit zugleich seiner ganzen wirtschaftlichen Vormachtstellung auf dem Gebiete des west-östlichen Warenaustausches verlustig zu gehen.

Die politischen Beziehungen zu Rußland, die in den letzten Jahren keine sehr guten waren, wer­den ruhiger, trotzdem noch häufig Zwischenfälle Vor­kommen.'Ebenso ist eine Besserung der lettisch-russi­schen Handelsbeziehungen zu verzeichnen. Die große Befürchtung Rußlands ist die, daß England eine Beteiligung Lettlands an einer Intervention gegen Rußland erreicht. Trotz der verschiedenen offiziellen Dementis hat man aber den Eindruck, daß gerade in Lettland und Litauen der englische Einfluß groß ist, wenn natürlich auch die Gerüchte, die von einer pekuniären Unterstützung der sonst nicht lebens­fähigen litauischen auswärtigen Vertretungen durch England sprechen, aus der Luft gegriffen sind. Es wäre sowohl im russischen wie auch lettischen Inter­esse, wenn zwischen beiden Staaten dauernd Frieden gehalten würde, ba beide Länder absolut aufein­ander angewiesen sind. Rußland braucht leistungs­fähige Ostseehäfen, wie es besonders Riga ist, und Lettland kann ohne so aufnahmefähiges Hinterland wie Rußland auf die Dauer wirtschaftlich nicht be­stehen. Lettland ist das gegebene Land des west-öst­

lichen Transits, das an dem wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands sowohl wie Rußlands nur das aller größte Interesse haben kann. Riga ist der gegebene Platz für die wirtschaftliche Verbindung Europas mit dem Osten, und es ist nach wie vor die deutsche Wirtschaft, die hauptsächlich den ein- unb ausgehen­den lettischen Warenverkehr in Anspruch nimmt.

Der hessische Staatsooranschlag 1926.

Von unserer Darmstädter Redaktion.

III?)

Ein längerer Abschnit in dem Entwurf des Staatsvoranschlags 1926 beschäftigt sich mit der Förderung des Wohnungsbaues. Nach einem Rückblick auf die Verhältnisse der Jahre 1924 und 1925 heißt es u. a.:Für 1926 ist eine weitere Erhöhung des Steuersatzes (der Gebäudesonder- steuer) auf 130 Pf. in Aussicht genommen. Hierbei ist indessen der Betrag einbegriffen, der bisher in der (Bemeinbefonberfteuer für Bauzwecke enthalten war. Die einheitliche Zusammenfassung erweist sich als notroenbig aus formellen unb materiellen Grün­den, insbesondere, um gleichmäßig auch in den Ge­meinden, die bisher die Sondersteuer nicht einge- führt haben, die Mittel für den wohnungspolitischen Zweck, eine der bedeutendsten wirtschaftlichen und sozialpolitischen Aufgaben, zu gewinnen. Aus dem hiernach erhöhten Aufkommen sollen für 1926 zehn Millionen Mark zur Förderung der Bautätigkeit bc- reitgefteUt werden . Hierin ist nunmehr der bisher von den Gemeinden aufgebrachte Teil einbegriffen. Dabei ist vorausgesetzt, daß durch die derzeitigen Verhandlungen mit dem Reich die Auffassung der hessischen Regierung über die Auslegung der betr. gesetzlichen Bestimmung als richtig bestätigt wird (Verwendung eines bestimmten Hundertsatzes der Friedensmiete für Bauzwecke); andernfalls würde hier mit einer erheblich höheren Ausgabe zu rechnen und der ganze Aufbau der Sondersteuer zu ändern fein, u. a. mit tiefgehenden Wirkungen auf den 2fb= fchluß des Budgets. Das Mehr von 8,2 Millionen Mark gegenüber dem Voranschlag 1925 ist bereits als einer der Posten erwähnt, um dem sich durch­laufend Ausgaben unb Einnahmen erhöht haben. Gleiches gilt für ben unter Kap. 10 neu eingestellten Betrag von 2,6 Millionen Mark, der im Zwammen- hang mit diesen wohnungspolitischen Maßnahmen aus dem erhöhten Aufkommen an wondergebäude- fteuer ben Fürsorgeoerbänben zur Verfügung ge­stellt wirb zur Unter st ützunghilfsbedürf- tiger Personen, die eine Mieterhöhung nicht tragen unb eine entsprechende Wohnungsänderung nicht vornehmen können. Die Verordnung über Er­hebung der Svndersteuer für 1926 wird das Nähere Hierwegen und im Zusammenhang damit zu be­stimmen haben, daß die bisherigen Erlässe der Steuer aus sozialen Gründen durch die Finanzämter damit wegfallen."

In den folgenden Darlegungen werden die Be­amtenwohnungen ihrer Gattung-, nach auf- gezählt, die vom Staate errichtet worden sind; es sind im ganzen 860 bis 1925. Hierzu wird u. ci. be­merkt: Die Gestehungskosten dieser Wohnungen (teil­weise in der Inflationszeit erbaut) stellen sich etwa auf 9,3 Millionen Goldmark. Nach den heutigen Preisoerhältnissen würden etwa 17,2 Millionen Mark für ihre Errichtung erforderlich werden. Von Einstellung weiterer Beträge in den Vor­anschlag 1926 ist bis auf besonders dringliche Einzelfälle mit Rücksicht auf die gegenwärtige Finanzlage zunächst abgesehen worben: doch bleiben nach Aufbruch der vorhandenen Bewilligun­gen bei der Wichtigkeit der Sache weitere Vorlagen Vorbehalten, falls die erforderlichen Mittel im An­leihewege beschafft werden können.

Im folgenden wird die soziale Fürsorge, insbesondere die Erwerbslosenfürsorge behandelt. Es

*) Vgl. Nr. 15 und 18 desG. A." vom 19. und 22. Januar.

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heißt da:Seit 1924 werden die Mittel für die Be­kämpfung der Arbeitslosigkeit grundsätzlich durch Beiträge der Arbeitnehmer und -gebet sowie der Gemeinden aufgebracht. Reich unb Lanb haben zu gleichen Teilen Beihilfen zu leisten, insoweit bic ver° orbnungsmähig festgelegten Höchstleistungen der unmittelbar Verpflichteten nicht ausreichen. Nachdem durch EinricMuna einer preußisch.hessischen Ge- sahrengemeinschafi bereits im Vorjahre mit einem erheblichen Rückgang der staatlichen Belastung gerechnet werden konnte, läßt sich der vorjährige Aufwand von 1 Million Mark weiter um 0,5 Mill. Mark herabsetzen. 'Auch für die Finanzierung der produktiven Erwerbslosenfürsorge, für die Kosten des Landesamts für Arveitsoennittlung und des Landesberufsamts sind die eingestellten Mittel her« anzuziehen?

Die Lage in Frankreich.

Paris, 24. Januar.

Die letzte Woche stand unter dem Eindruck der französischen Kundgebungen, deren Zweck die Vor­bereitung der geistigen Zusammen­arbeit der beiden Nationen sein soll. Man würde diese Kundgebungen falsch beurteilen, wenn man annehmen wollte, es handle sich hierbei um eine Be­wegung, die bereits über den Kreis einer be­stimmten Zahl von an Theaterfragen interessierten Leuten, Schriftstellern, Gelehrten und Künstlern hinausgegangen sind. Man hat es mit einer Strö­mung zu tun unb das ist nach ben Ereignissen bes letzten Jahrzehnt ganz begreiflich, bic noch in den Kinderschuhen steckt und die großen Takt, großzügige Haltung und ein großes Maß von psychologischem Verständnis erfordert, wenn sie zu einem praktischen Ergebnis geführt werden soll. Die erste dieser deutsch-französischen Kundgebungen war einzig und allein auf das Theater abgestellt, die zweite trug einen a l la­gern eineren Charakter. Sie hatte zur Aufgabe, über den Stand der geistigen Bewegung in Deutsch­land, wie er in der Nachkriegszeit entstand, einen großen literarischen und wissenschaftlichen Kreis zu orientieren. Der Gedanke, hierfür einen der be­kanntesten deutschen Romanschriftsteller zu gewin- nen, ist nicht von französischer, sondern bezeichnen- derweise von amerikanischer Seite ausge­gangen. Die C a r n e g i e st i f t u n g für inter­nationalen Frieden war es, die Thomas Mann elngelaben hat, er möge ber Dolmetscher des zeitgenössischen Schrifttums in Paris sein. Eine politische Auswirkung derartiger Vorträge kann unmittelbar nicht erwartet werden, da sich deutsche Schriftsteller, wenn sie ein gemeinsames Arbeitsfeld mit französischen Schriftstellern suchen, an das Gefühl der Franzosen wenden müssen. Bevor sie bis dahin vordringen, müssen sie vor allen Dingen erst Verständnis dafür zu wecken ver­suchen, wie in der Nachkriegszeit eine sich langsam vollziehende Evolution auf das Geistesleben in Deutschland gewirkt habe. Unter diesem Ge­sichtswinkel betrachtet, konnte ein kleiner unmittel­barer Erfolg der Kundgebung des Carnegie-Hau- fes feftgefteUt werden. Einige Schriftsteller, die deutsche Werke in der Ursprache zu lesen ver­stehen, und die vor dem Kriege den Versuch ge­macht haben, den deutschen Charakter zu studieren, haben es versucht, durch eine Analyse der Schöp­fungen des zeitgenössischen deutschen Schrifttums, besonders der Werke von Thomas Mann, Berüh­rungspunkte zwischen hüben und drüben festzu­stellen, um die Grundlage für eine gemeinsame Mr­beit ber Aufklärung zu schaffen. Wenn man ehrlich fein will, muß man also feftftellen, daß die Be­wegung für eine intellektuelle Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland vorerst nur innerhalb der Studierstuben erfolgen muß, und daß sie erst dann verpflanzt werden kann an die Stätte, an der deutsche unb französische geistige Führer ber Zu­kunft herangebilbet werden. Hat sich so ein Stab von Hilfsarbeitern herangeblldej, dänn erst kann daran gedacht werden, s:' Breite Volksmasse mobil

Reklame.

Don Herbert Eulenberg.

Am heutigen Tage vollendet der Dichter Herbert Eulenberg, geboren zu Mül­heim a. Rh., tn Kaiserswerth bei Düsseldorf sein fünfzigstes Lebensjahr. Das halbe Jahr­hundert, das hinter ihm liegt, umschließt eine erstaunliche Produktion dramatischer und epischer Arbeiten. Von seinen Dramen bic Reihe beginnt 1898 mit ber Tragöbic Dogenglück" nennen wir an bieser Stelle nurAlles um Liebe",Alles um Gelb", die mit dem Dolksschillerpreis ausgezeichnete Belinde",Zeitwende" unbMückentanz", von ber erzählenden ProsaSchattenbilder" Neue Bilder" und ben RomanKatinka, die Fliege".

Erst allmählich kommt man in Deutschland zu ber Einsicht, wie wichtig die Reklame ist, und daß, was unsere lieben Altvordern längst wußten: Klappern zum Handwerk gehört". Im Grunde haben wir den ganzen Krieg nur darum verloren, weil wir es nicht verstanden haben, Reklame, wie sie besonders von unseren stärksten Konkurrenten, ben Engländern, damals so meisterhaft vorwiegend nach Amerika hinüber betrieben wurde.

Man muß begreifen lernen, daß es sich um eine höchst persönlich zu gestaltende und den verschie­denen Kreisen ober Völkern verschieden angepaßte Reklame handeln muß, wenn man mit ihr wirken will. Der Deutsche, als Handelsmann im Frieden oft so geschickt, sich anderen Nationen zu adaptieren, versagte im Krieg auf diesem Gebiet.

Heute müht man sich nun in Deutschland nach Kräften, ben Vorsprung einzuholen, ben inzwischen die sogenannten Siegerstaaten durch gewandte Aus­nützung ber wirksamsten, ber Sieaesreklame, ge­wonnen haben. Und man muß sich auch mühen, wenn man unter den vorbersten bleiben will. Auf allen Gebieten. Da gilt es zunächst, eine falsche Scham zu überwinden, die bei uns noch vielfach gegen die Reklame besteht. Diese dem Briten völlig fremde Scham setzt sich aus Befangenheit und Vor­nehmheit zusammen. Manche unserer besten unb ältesten Firmen haben sich tatsächlich lange bavor gescheut, Reklame für sich unb ihre Waren zu machen, weil sie es nicht vornehm genug fanden. Der Dankes hat für solch eine zimperliche Gefühls­regung nur ein spöttisches Lächeln. Der 87jährige Rockefeller, ber es sich wirklich jetzt leisten könnte, so vornehm wie möglich zu tun, benutzt noch gern jede Gelegenheit, sich unb sein wohlfundiertes Un­ternehmen in empfehlende Erinnerung zu bringen.

Dem älteren Geschlecht bei uns, dem mit dem Dienstzwang auch die Zurückhaltung und die Be­

scheidenheit als moralische Eigenschaften eingedrillt wurden, mag dies noch jetzt unangenehm ober ver­kehrt vorkommen. Daß die Reklame ein notwen­diges Uebel geworden ist, das wird auch der zu­geknöpfteste hanseatische Kaufmann nicht mehr leug­nen können. Besonders in künstlerischen oder gei­stigen Berufen herrscht bei uns noch im allgemeinen eine keusche Abneigung gegen die Reklame, die Marktschreierei, die im mittelalterlichen Deutschland doch als ein Gewerbe galt. Daß selbst im dichte­rischen Beruf Lärmgepreise von höchstem Nutzen sein kann, zeigt uns ebenfalls wieder das Land Ber- narb Shaws, besten Haupttätigkeit, wie einer feiner Gegner meinte, darin besteht, eigene ruhmredige Waschzettel für sich herzustellen.

Die Maler haben cs auch bei uns schon längst kapiert, wie wichtig und einträglich es ist, sich am Neklamewejen zu beteiligen. Gleichfalls die Musiker, wie das Beispiel von Richard Strauß lehrt, der be­sonders feine ersten Opern mit geschickten Lärm­trommelschlägen, die er von Amerika her kannte, dem Pudliko beibrachte. Aber die Poeten, die bei der Teilung der Erde gewöhnlich zu spät kommen, werden es ebenfalls endlich erfassen. Und vielleicht sind die Zeiten gar nicht mehr so fern, wo diese Gilde, wie zu des großen schlesischen Dichters Jo­hann Christian Güncher Tagen, sich lächelnd dazu mitverwenden läßt, ©ratulntionscarmina, Taufge­dichte oder Anpreisungsverse für einen reichen Kauf­mann oder Fabrikherrn zu erzeugen, wie ja auch der alte Bach, der junge Mozart vieles auf Kom­mission machten. Aus Günthers Feder sind uns ja noch zahlreiche, gar nicht schlechte solcher auf Be­stellung gelieferte Gedichte erhalten, in denen er sogar oft noch die Namen der Auftraggeber in den Anfangsbuchstaben seiner Strophen widerstrahlen mußte. Und in jeder dieser seiner Poesien ist ein Goldkörnchen enthalten. Vor allem der zur Zeit schwer ringende Buchhandel, der für Reklamezwecke wenig Mittel frei hat, weil er seine Waren nicht zu sehr verteuern kann, wird auf die Hilfe der Schrift- stellerwelt angewiesen sein. Denn für den Buch­handel geht es darum, möglichst wenig, aber mög­lichst wirksame Reklame zu machen. Und dabei kann ihm der gern von ihm etwas über die Achsel ange­schaute Dichter beistehen. Denn zur Reklame, die sparsam gebracht, in die Augen springen soll, gehört eine gewisse dichterische Uebertrefbung. Wie es denn überhaupt eine gewisse, dem Deutschen gern eigene BefangenheitDörpelei" nannte man diese Schüchternheit früher abzulegen heißt, wenn man von sich Tamtam schlagen will. Man muß schließlich bas Maul ausreißen, wenn es zu brüllen gilt, ja sogar seine Lungen- unb Stimmkraft habet, wie es die Amerikaner tun, künstlich mit Schallrohr unb Megaphon verstärken.

Also alles in allem: Wir müssen uns mehr als zuvor in Deutschland der Reklame ergeben und auch hier den Vogel abschießen. Es wäre doch gelacht, wenn ein Land, bas roeilanb der Welt den berühm­ten Flunkerhelden Münchhausen geschenkt hat, nun ausgerechnet auf diesem Felde versagen sollte.

Begegnung mit Herbert Eukenderg.

Zu seinem 50. Geburtstage am 25. Januar.

Von Heinrich Frank.

Ich erinnere mich noch sehr gut, unter wel­chen Umständen ich Dich zum ersten Mal per­sönlich kennen lernte. Heimgekehrt aus dem Drahtgitter harter Gefangenschaft, würgend das furchtbare Erleben des Krieaes in mir tragend, suchte ich mich in einer anderen Well zurecht, sehnsüchtig Entspannung und Ausgleich erwar­tend.

An einem Maiabend geschah es, daß Du in unserer mitteldeutschen Stadt einem recht zahl­reichen Auditorium von Seinem Leben und Schas­sen erzähltest. Du hattest eine so ungewöhnliche Art (war cs der Zauber Deiner Persönlichkeit, der entzückend weiche, rheinische Akent oder die schlichte Innigkeit Deines Wesens?), jenen Fun­ken springen zu lassen, welcher Dich, den Dichter, mit uns, den Hörern, schnell verband. Wie rührend sprachst Du davon, wie schwer es Dir einst gefallen sei, einen Verleger für die ..Schat­tenbilder" zu finden, jene prachtvollen und tref­fenden Essays, die nachher Deinen Acunen so bekannt gemacht haben. Du lasest dann die letzten Szenen aus derBelinde", und ich vergesse nicht die starke Stimmung, welche uns alle etnfing.

Zuletzt sprachst Du noch wunderschöne Verse. Es waren Gedichte von unendlich weicher Melo­dik, die ich nachher in Deiner Sammlung »Deut­sche Sonette" wieder fand. Vie habe ich ge­glaubt, daß man in die vorgeschriebene starre Form so zarte Empfindungen zu gießen ver­möchte. Draußen aber duftete der Goldlack, und die Flicderbüschc schwollen vor äleb ?rmut. Blü­hend griffen die Rvtdvrnbäume ins blaue Dunkel der Mainacht Weiße Blütenblätter schwammen durch die Luft. Als ich innerlichst erfreut und ausgeglichen durch die blühende Allee schritt, die wie ein lebendiges Viereck die schlafende Stadt umsäumte, dachte ich, wie vielleicht an diesem Abend noch Deine stets bereiten Hände Verse greifen könnten wie diese:

Der kühle Maiwind säuselt durch die Blüten, Sie zittern und sie schütteln sich im Frieren. Aun riefelt es herab wie roter Schnee

Vor ungefähr einem oüljr besuchtest Du uns wieder. Du hattest Vopträge in Amerika gehalten und erzähltest von Deinen interessanten Erlebnissen über dem weiten Meer. Deine Stimme zitterte, als Du davon sprachst, wie an­gestrengt Du oft arbeiten mufiteü, um für Dich, Deine Frau und Deine drei Kinder das zum Leben Äotwendige zuerschreib.n".Weil ich mein Brot nicht erbetteln wollte", (das waren, glaub ich, Deine Worte),mußte ich zur Zeit- schriftstellerei greifen." Trotz alledem (ich be- tounb.re Dich) bist du überaus fruchtbar gewesen. Du hast u. a. achtunddreißig Buhnenwerke ge­schrieben, dieSchattenbilder" um einige neue Bände vermehrt, Du hast Erzählendes (z. B. den RomanKathinka, die Fliege" oder die RovelleDu darfst ehebrechen") und dieDeut­schen Sonette" veröffentlicht.

Die Leitung des Stadttheaters ehrte Dich diesmal durch die Aufführung eines Deiner dra- rnatisch.n Werke, Deines JugendstücksMünch- baufen. 3d> hätte lieber dieBelinde" gemocht, die Dir einst großen Erfolg und den Volks- schillerpreis für 1912 gebracht hat. DerMünch­hausen" ist wie alle Deine Stücke stark in Stim­mung. Dor allem der erste Akt nimmt präck>- tigera Anlauf. Dann verliere sich drs Werk im Milladenh^ften, zeitweise auch im Seiriimrn taten.

Als Du am Schluß unter den Schauspielern auf der Bühne erschienst, von reichem Bei­fall begrüßt, beobachtete ich Deine Züge unb fand sie erregt von Freude und Melancholie. Ich begriff Dich ganz in diesem Augenblick: Du sahst, ber Gereifte, rückwärts und fandest Dich wieder in jene Jugend verseht, da Du gewiß glaubtest, unbändig Großes müsse Dir »einmal gelingen. Mit viel Wertvollem unb Schönem hast du uns beschenkt; immer erneut und unver­zagt hast Du den großen dramatischen Wurf ver­sucht Die zünftigen Kritiker belächelten Dich als den "ewig Verheißenden" oder ben "Shake- spearesierenden". Die deutschen Bühnen ließen Dich kaum zu Wort kommen. 3 ch habe Dich eigentlich immer geliebt.

Als ich das Theater spät verließ (ber Herbst- sturm riß an den Bäumen) kamen mir, Dein Schicksal überdenkend (ach, es ist unser alle, Schicksal: dies Unbefriebtgtfein und Ringen^ uir etwas, das wir nie erreichen), jene einzig schöner Schluß verse DeinerT-g- unb Rachtgleiche" ir den Sinn, die also tauten:

Ergreife Du die letzten lichten Tage Unb nimm sie In den langen Winter mit! Vergiß das Leid, das Deine Brust zerschnitt, And tränk mit Tranen nicht die stete Klaget Halt mit der Welt Dein Leben in der Waget Es wär' so schön nicht, wenn man weniger litt!