Nr. 501 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Freitag, 24. Dezember 1926
Der Weg zum Erfolg.
L
Henri Ford, der IH^nn mit 400 000 Dollar Tagesverdienst.
Um Wege aufzuzeigen, di« überragende, von Erfolg gekrönte Persönlichkeiten in Wirtschaft, Politik und Technik einschlugen, um ihre hochgesteckten Ziele iu erreichen, soll der Zweck der hiermit beginnenden Auisatzreihe sein. Wir werden sehen, wie einige dieser Erfolgreichen in mühsamer Kleinarbeit Stufe für Stufe erklimmen, bis sie schließlich. umgoldet von dem Strahl eines überragenden Erfolges, einsam auf höchstem Gipsei stehen. Wieder andere stiegen plötzlich rakelengleich und scheinbar mühelos zum Zenit ihres Ruhmes auf — ihre ganze Umgebung durch Strahlenfüll« blendend. Wie hundert- fällig verschieden aber auch die Wege und Ziele dieser Persönlichkeiten sein mögen, so lassen sich doch bei genauer Analyse ihres Lebensweges in der Regel eine flanAc Reihe grundsätzlicher und saft gleich- artiger Voraussetzungen seststelten, die dann alfo sozusagen als die Quintessenz oder als die conditio sine au» non des Erfolges anzusprechen sind. Dies in jedem einzelnen Falle scharf herauszuarbeiten und zu analysieren, wird mein besonderes Bestreben sein.
Daß diese Aufsatzreih« mit einer Biographie Ford» beginnt, dessen Rom« zur Zeit in aller Munde ist, hat seinen guten Grund. Tritt une doch in diesem Manne der Typ des Selsmademan In Stein- kultur entgegen. Was Ford ist, ist er ausschließlich durch sich selbst. Ein großes Erbe stand nicht am Anfang seiner Rarriere. Die meisten anderen der überragenden Persönlichkeiten hatten wenigstens eine klein«, wenn auch oielfadi nur bescheidene Dafis, »on der sie ausgehen und auf bej sie später die Fundamente zu ihren pompösen Machtbauten errichten konnten. Aller Anfang ist schwer — und gerade dieser Ansang, dieses Fehlen jeder Basis und das dadurch bedingte jahrzehntelange Ringen um die erste Erfolgsstufe gibt dem Lebensweg Ford» fein Gepräge. 1863 wurde er als einziges Kind kleiner Farmersleute in Dearborn im Staate Michigan in den Bereinigten Staaten geboren. Er steht also jetzt im 63. Lebensjahre. Er wuchs auf dem Lande auf und infolgedessen war es auch kein Wunder, daß sich seine konstruktive Phantasie zu- nächst mit Projekten beschäftigt, wie die mühsame und eintönige Landarbeit durch maschinelle Einrich- tungen zu erleichtern sei. Fow kam also eigentlich nom Dampfpflug zum Automobil. 3n seinen technischen Lehrjahren und auch späterhin als Ingenieur bei der Detroiter Elektrizitätsgesellschaft beschäftigte er sich unablässig mit dem Gedanken, einen leistungsfähigen und trotzdem billigen Motorpflug zu schassen. Dann hörte er aber von den ersten Experimenten, die in Deutschland und auch in den vereinigten Staaten von verschiedenen Technikern unternommen wurden und darauf hinzielten, einen durch motorische Kraft getriebenen Wagen zum Befahren der Landstraßen zu schassen. Die Idee saszi- nierie auch ihn, und eifrig begann ec in seinen Mußestunden, alle möglichen Arten von Motoren §u konstruieren, ohne jedoch zunächst zu einem befrie- biegenden Resultat kommen zu können. Bei der De- troiter Elektrizitätsgesellschaft war man von diesen Experimentierarbeiten nicht gerade sehr begeistert, sondern verlangte von Ford, daß er seine ganze Kraft der Elektrizitätsgesellschaft widme. Man war aber immerhin von feinen Fähigkeiten so überzeugt, daß man ihm trotz seiner Jugend schon die Stelle eines ersten Ingenieurs anbot, wenn er sich endgültig entschlösse, da sHerumerperimentieren auhu- E' en und sich ausschließlich der Elektrizitätsgefell-
st zu widmen. Der 15. August 1899 wurde zum rkstein in seinem Leben. An diesem Tage kün- bigte er nach langem inneren Kampfe seine Stellung bei der Elektrizitätsgesellschaft, um sich von nun an ausschließlich der Schafsuny eines brauchbaren Motorwagens zu widmen. Seme finanzielle Lage war Damals durchaus nicht rosig, die geringen Er- parmsie waren längst von den Experimentierarbei- en völlig verschlungen und er stand nach Aufgabe einer Stellung saft mittellos da. Rach vielen Fehs- chlägen gelang es ihm jedoch schließlich, ein paar klein« Kaufleute zusammenzubringen, die ihm zum Bau von Motorwagen ein paar tausend Dollar vorstreckten. Mit diesen zusammen gründete er 1900 die Detroiter Automobilgesellschaft. Er selbst war kaufmännischer und technischer Leiter dieser Firma, aber am Gesellschastskapital nicht beteiligt. Diese Ge-
Der Weihnachtsabend von St. Marien.
Don Werner Schulz-Oliva.
Groß und schweigend stand der gewaltige Dau der Marienkirche über der Enge der winkeligen Gassen Danzigs. Dunkel und drohend wuchtete er zwischen den schmalbrüstigen Bür- gerhäusern, deren spitze, seltsam zackige Giebel wie fremdartige Schattenbilder gegen den Abend- Himmel standen. 2n den Straßen lag fußhoher Schnee und die alten, verwitterten Dcischläge ragten gespenstig auS der Gleichmäßigkeit der verschneiten Wege.
Menschen eilten aneinander vorüber, irgenlxtn unbewußtes Giück im Schreiten ihrer Füße tai Lächeln ihrer Augen. Manchmal kamen Düben und Mädchen mit müden, hungrigen Gesichtern, die nicht- von Heimat wußten und fangen ihre au-wendig gelernten Lieder, ohne Klang und ohne Lieb«.
Die lichtlosen Fenster der Häuser erwachten mehr und mehr zu Glanz und Helle, wurden leuchtende Ketten, straßauf, straßab.
Kalt und klar stieg der Wintermond über Häuser und Dassen und warf seine Strahlen um den mächtigen, breiten Marienturm.
Der einsame Wanderer, der vom Wasser her die Gasse herauskam, blieb stehen. Die alte Stadt wuchs aite Tag und Stunde au wundersamer Offenbarung. Es war lange her, daß er sie verlassen hatte, sehr lange. Er konnte sich eigentlich gar nicht mehr auf die Zahl der Jahre besinnen. Run war er heimgekehrt nach verlorenem Leben auf endlo- weiten Meeren in eine Heimat, von der er nicht wußte, ob sie ihm wieder Heimat sein würde.
Er mußte lächeln. Es war eine Bitterkeit darin. Langsam schritt er weiter.
Ein tiefes, geheimnisvolles Rauschen zog über die Stadt. Der Mann hob feinen Dllck. Dumpf und schwer gingen die Glocken von St. Marien. Ein Erschrecken war in den engen Gassen. Andächtig lauschten die alten Häuser und wie ein Gebet war es in ihnen.
«llschaft baute nun in den nächsten drei Jahren nsgesaml 19 Wagen. Pro Jahr mürben also etwa echs Wagen ausschlicßlich auf Bestellung noch »urchaus handwerksmäßig hergefteUt. Ford wurde jedoch die Mitarbeit bei dieser Gesellschaft allmählich immer stärker verleidet, da ihm die kleinkauf, männiscde Atmosphäre, in der sich di« Gedanken, gange feiner Teilhaber bewegten, durchaus nicht paffte.- Er wollte das Unternehmen schon damals großzügig ausbauen, wozu natürlich zunächst einmal Kapital gehörte, während seine Teilhaber mit den erzielten geringen Erfolgen durchaus zufrieden waren und von weitergehenden Expansionsplänen nichts wißen wollten, diese grundverschiedene Ge- schästsausfasiung führte schließlich 1903 dazu, daß er aus der Gesellschaft austrat und nun, da er schon einen recht geachteten Namen als Automobilkonstrukteur besaß, eine Reihe vermögender Leute für seine Sache zu interessieren verstand. Eine neue Gesellschaft, die noch letzt bestehende Ford Motor Eompann, wurde mit einem Kapital von 100 000 Dollar bei 25projentiger Einzahlung gegründet. Auch Ford übernahm hierbei zum ersten Male «inen Kapitalanteil und hoffte, sich auf dies« Weise einen maßgebenden Einfluß auf die Gesellschaft, deren technischer und kaufmännischer Leiter er wieder wurde, gesichert zu haben. Seine bisherigen Ein- blicke in das Geschäftsleben hatten ihm deullich gezeigt, daß es einer grundsätzlichen Aenderung der Geschäfts, und Produktionsmechoden bedürfe, um
Schon 1911 hatte alfo die Ford Company eine Produktion von 34 000 Wagen pro Jahr erreicht, die jetzt erst in Europa von ganz wenigen Automo- bilfabrifen erzielt wird. Unterdessen ist aber di« Ford-Moior-Company mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts geschritten und heute liefert Ford 8000 Automobile pro Tag, d. h. jährlich etwa 2 Millionen Wagen. Seine Bemühungen, durch Rationalisierung des Produktionsprozesses und Verminderung der Modelle auf schließlich nur ein Einheitsmodell, zu einer noch nicht erlebten Verbilligung seiner Pro- butte zu kommen, werben eindrucksvoll durch nach- stehende Zusammenstellung illustriert.
1905 : 4 Modelle, Preis pro Waqen 2000 Dollar 1909: 1 Modell....... 850 „
1914: 1 ,. „ „ 550 „
1920: 1 ........ 360 „
Besonders charakteristisch für die Fordschen Ge schäftsmethoden ist die Tatsache, daß, wie obige Ziffern zeigen, die Preisherabsetzungen stets ganz radi- tat waren und immer wieder den Absatz — auch in schlechten Geschästszeiten — kräftig zu beleben vermochten. Don 1905 bis 1920 wurde der Preis für den Ford-Serienwagen von 2000 auf 360 Dollar ermäßigt. Inzwischen ist ein weiterer Abbau auf 260 Dollar erfolgt. Ford hat es stets verstanden, seine Preissorderungen der jewellinen Konsumkraft auch der minderbemittelten Bevölkerung anzupassen und so langt — wenn es sein mußte, auch mit den här- testen Mitteln — auf den Unkosten-Etat zu drücken,
Der
Künstlerkalender 1927
für die Leser des Gießener Anzeigers ist von dem Münchener Maler Professor Ludwig Hohlwein entworfen. In acht bunten Farben auf kräftigem, holzfreien Kartonpapier gedruckt, dürfte er als guter Wandschmuck in allen Häusern Oberhessens und des Lahngebietes seinen Platz finden. Die Zustellung er« folgt gegen Ende nächster Woche als kostenlose Neu fahrsgabe an alle Bezieher des Gießener Anzeigers, und zwar auch an die für Januar neu hinzutretenden.
ein Unternehmen in seinem Sinne und m dem von ihm erträumten Machtumfang zu schaffen. Diese Er- wägungen führten ihn auf das Geschäftsprinzip der Dienstbarkeit: Der Kunde sollte unter keinen Um- ständen mehr als Ausbeutungsobjekt, aus dem man herausholen mußte, was herauszuholen fei, betrach, tet werden, sondern es müße danach gestrebt wer- den, den Kunden mit den qualitativ besten Gütern zu trieb rigft en Preisen zu versorgen. Das schon zu Tode gehetzte kommerzielle Schlagwort: „Großer Umsatz, kleiner Nutzen wurde für ihn zum führen- den Geschäftsprinzip. Diese Ansichten waren jedoch in der damaligen Zeit so ungewohnt und vom Althergebrachten so abweichend, daß es bald zu ernstlichen Auseinandersetzungen mit seinen Teilhabern kam, die sich dann später — und zwar 1919 — so stark zuspitzten, daß Ford erklärte, mit seinen leih ljabem nicht mehr zusammenarbeiten zu können und ihnen bas Angebot machte, ihre Anteile für bie sie 1903 20 000 Dollar bezahlt hatten, für 75 Millionen Dollar abzukaufen. Das Angebot wurde akzeptiert unb seit biefcm Jahre ist Forb, resp. fein Sohn Ebsel der alleinige unb souveräne Beherrscher dieses in- buftrieUen Riesenreiches. Der beispiellose Erfolg der Ford-Motor-Company schon in der Vorkriegszeit geht aus nachstehender Tabelle hervor
1904 1708
1907 8423
1909 . 10607 .
1911 34528
Jahre irrten als ein Nichts durcheinander. Zeit- los war der Klang und ec nahm, uxid in der Zeit war. Weihnacht — Weihnacht läutete eS in die Herzen.
War eS nicht, als ob ein Märchen geschehe? Erinnerung fang in der Seele des Wanderers. Seine Kindheit, die in den Gas,en um den Turm gespiett hatte, fein Glück und sein Leid, alles das wurde wieder so nah, so wirklich. Ganz unwichtige Dinge nahmen Gestalt an und wurden bedeutend. Und alles das rauschte im Klang der Glocken.
Eine Sehnsucht war in ihm, wieder in der alten, mächtigen Kirche zu sein, deren Stimmen zu ihm sprachen.
Er bog in die kleine Seitengasse ab. Menschen waren neben ihm. hatten gleichen Weg. Worte fanden sein Ohr und er empfand den eigenen Ton der Heimatsprache, der so ganz anders war, als draußen in der Welt.
Willenlos trieb er mit im Strome der Dielen, die in das breite Portal der Kirche fluteten. Weiche-, warmes Licht floß ihm entgegen. Feierlich öffnete sich ihm die Erhabenheit des Raumes, der etwas Grenzenloses an sich hatte. Mit zögerndem, behutsamen Schritt trat er in das Schiff der Kirche. Wieder fühlte er jened geheimnisvolle, ehrfürchtige Schauern, das schon den Knaben erfaßt halte, wenn ihn die Mutter in die Andacht mitnahm.
älnendlich schweigsam war es hier drinnen. Die Pfeilern en Thgen verloren sich in dem Dunkel der Decke, die schattenhaft sich über ihnen schloß. Matt und gedämpft schwebte der Lichtschein der Kronleuchter über dem hohen, geschnitzten Gestühl, daS sich die Gewerke und Patrizier bauten. Dom Kreis der Wände flackerte zitternder Glann von den messingenen Makern, und der eigentümliche Duft alter Kirchen wehte in dem Raum.
Zwei schwarzschlanke Tannen wuchsen zu den Seiten des Altars. Kerzenschimmer rann über ihre Zweige, versank in den Einsamkeiten gähnender Rischen und war wie ein Kinderlächeln, gut und gläubig.
Dann hob ein unendlich süßes Klingen an, fern und fremd zuerst, ein Raunen nur, von
bis dieser eine weitere scharfe Herabsetzung bet Preise bes Fertigsabrlkates zulieh. In johrzehnte- lanaer Filigranarbeit hat er bie Probuktionstechnik in seinem Werk in einer nickst mehr zu überbieten« ben Weise verbessert unb verfeinert. Er war der Er- finber der sogenannten „fließenden Produktion", die bas ganze Werk mit allen menschlichen unb maschi- nellen Arbeitskräften zu einem ganz bestimmten Arbeitsrhythmus zwang, der im Laufe ber Jahre zu einer ungeheuren Erhöhung bes Probuktionstempos unb ber Leistungsfähigkeit des einzelnen Arbeiters führte. Währenb 1904 ein Arbeiter etwa 6 Wagen pro Jahr herstellte, schaffte 1920 ein Arbeiter bereits 24 Wagen, unb heute hat sich biefe Wagenmenge auf etwa 30 gesteigert. Dieselbe Lohnsumme, bie sich also 1904 auf sechs Wagen verteilte, verteilt sich jetzt auf dreißig Wagen, unb die ungeheuren Erspar- nisse, bie durch eine solche Intensivierung ber Pro- buktionstechnik erzielt werben können, liegen damit klar auf der Hand. Heute sind bie Farbwerke eins ber müßten Industriereiche, bie bie Welt aufzuwei- sen hat. 250 000 Menschen schassen in allen Teilen ber Welt in item gewaltigen Organismus, unb ber Reingewinn betrug 1924 über 100 Millionen Dollar. Damit dürste Ford, wenn auch nach nicht bem Vermögen, so boch bem jährlichen Einkommen nach, zur Zeit ber reichste Mann ber Welt sein. Er zahlt leben» falls zur Zeit bie höchste Einkommensteuer, bie in ber ganzen Welt von einer einzelnen Person ent- richtet wirb. Versatus.
dem niemand weiß, woher und wohin, aber es wurde Doller und stärker, gewaltiger und schwerer, bis es ein Brausen war, das über die Betenden dahinbrandete, alS wollte es das Gemäuer brechen und die Bogen ftürjen. Die Akkorde der Orgel fangen das Lied der Weihnacht und Hunderte und Lausende Stimmen umschlangen sich in Liebe und Dank und klangen mit in dem Chor der Unendlichkeit.
Der Mann hatte sich an einen der steinernen Pfeiler gelehnt. Ein seliges Traumland war um ihn her. Alles, was schlecht und fremd in ihm war, fiel in graue Vergänglichkeit, rein und still wurde es und eine nie gekannte tiefe Freude war in ihm.
Dicht neben dem Pfeiler ragte braunes, verschnörkeltes Gestühl. Cs war niemand darinnen. Eine staubige Samtkette schloß es. Er löste sie und duckte sich hinein. Wie ein Kind kniete er nieder und faltete seine Hände um das Schnitzwerk des Stuhles. War es nicht, als ob er wieder zu Haufe sei und feine Mutter die Hand auf seinen Scheitel lege. O, zu Hause. 3a, so mußte es sein, so feierlich, so schön, umbraust von der Gewalt des Klanges und doch ganz still, ganz weit weg von all dem Leben und Treiben im Kreisen der Welt.
Das Lied war zu Ende. Sine Stimme sprach Worte von Liebe und Glauben, eine Stimme, die sehr hoch über den Betenden zu sein schien, im Schatten der steilen Mauern.
Und dann wurde wieder das Lied der Orgel sehnende Melodie, und wieder schwangen die Herzen sich auf im ewigen Rhythmus des Klanges.
Der einsame Mann in dem alten verschnörkelten Gestühl weinte, weinte die ersten Tränen seines Lebens, seitdem er nicht mehr Kind war. Unb seine Lippen wußten ein ganz schlichtes, seltsames Debet, das feine Mutter ihn gelehrt hatte, als er die kleinen Kinderhände falten konnte.
Sein Leben wanderte an ihm vorüber. Wie ein Fremder sah er es und lächelte über sein Leid, ein glückliches Lächeln, ©eine Heimat war vor ihm mit offenen Toren und märchenseligen
Oberhessen.
t'miMrcie (Rieften.
p Lollar, 23. Dez. Der Fahrbamm der Kreis» sttaße Gießen — Marburg toutbe im Frühjahr dieses IahreS innerhalb unseres Ortes auf eine durchschnittliche Brette von drei bis vier Meter bei gleichzeitiger lleberwalzung mit KieS geteert, wobei die Gern rinde einen Anteil der Kosten übernommen hatte. Man wollte mit diesem Verfahren, das die Kreis- strahenverwaltung Gießen erstmalig hier vornehmen lieft, erreichen, daß die Straße an sich beefftigt wurde, um die laufenden örneucrungÄ- arbeüen an der Straßendecke zu verringern, andererseits d:r bei dem starken Automobilverkehr saft unerträglich gewordenen Staubentwickelung begegnen. Wenn auch der letztgenannte Zweck für die Sommermonate einigermaften erreicht wurde, so zeigte sich doch bald, daß di: erhofftes übrigen Dorteile, die an dieses neue Derfahren der Straßendesestigung geknüpft wurden, ausblieben. Die bald wieder auf getretenen Schäden suchte das Straftenaufsichtsperional dadurch zu beheben, daß es die aufgewühlten Mulden mit Kies unter Zusatz von Teer füllte. Diese Besserung war aber nur kurze Zeit zu spüren, da der starke Kraftwagenverlehr bald wieder Die alten Löcher aufrif); neue traten hinzu. Zur Zeit ist infolge des längeren Anhaltens der feuchten Witterung so gut wie nichts mehr von der Teerung zu sehen, der alte unhaltbare, nach einer durchgreifenden Aenderung drängende Zustand ist wieder ein getreten. Eine Wiederholung deS Derfahrens dürfte für hier, wie überhaupt für stark belastete Strecken, wegen des geringen Erfolges, der in keinem Einklang zu den erforderlichen Ausgaben steht, nicht in Frage kommen. Rur ein Mittel kann hier Abhilfe schaffen, und das ist die Durchführung der Klein- Pflasterung auf der besonders belebten Strafte. Da die Landstraße Lollar — Gießen im kommenden Frühjahr gepflastert wird, märe es wohl das Gegebene, die Pflasterung im Anschluß daran durch unseren Ort fort- Ausetzen. Rotwendig wäre es allerdings, daß die für die obere Hauptstraße noch r ü d fl ä n - dige Kanalisation, deren Durchführung durch die Kriegs- und RachkriegSverhältntsse entgegen dem bestandenen Plan, btS jetzt unterblieb, bis dahin vorgenommen wird. Das Fehlen einer solchen Entwäss erungsan 1 age macht sich besonders bei heftig niedergehendem Regen dadurch unangenehm bemerkbar, daß die Gräben und Durchlässe der Hofeingänge die von der Staufenberger Höhe herabstürzenden Wassermengen nicht auf* zunehmen und abzuführen vermögen, die bann auf die Strafte treten und dort tiefe Furchen und Gräben hinterlassen. Häufig bilden sich so innerhalb unseres OrteS kleine Seen, unb nut mit Hilfe von Leitern und sonsttgen Behelfsmttteln ist der Derkehr von ber Straße nach ben Häusern möglich Die Inangriffnahme dieser Anlage gebe Gelegenheit, die Erwerbslosen probuk- tivzu beschäftigen, wobei für die Gemeinde noch der Dorteil der Anerkennung als RttstandS- arbeit herauskäme. — In unserem gestrigen Bericht über die Zahlung einer WeihnachtS- beihilfe an die Erwerbslosen ist ein Setzfepler enthalten. Die Zahl der Erwerbslosen beträgt nicht 322, sondern 3 2.
: Beuern, 23. Dez. Gestern abend veranstaltete der hiesige DolksbildungSver- e l n im Saale des Christ. Wagner einen Dortrag, in dem stud. med bet Sattler auS Kronstadt in Siebenbürgen über die „Deutschen in Siebenbürgen" sprach. Der Referent, ein junger Mann von 19 Jahren, der in Gießen studiert, schilderte die Zustände seiner Heimat. Eingekeilt zwischen fremden unb fremd- sprechenden Völkern hat diese 800 000 Köpfe zählende Kolonie unter großen Opfern und Leiden ihr Deutschtum bewahrt, hat deutsche Schulen aus eigenen Mitteln erbaut und unterhalten, und trotz der sehr schlechten finanziellen Verhältnisse, in denen die Leute dort leben, sind sie auch der evangelischen Kirche treu geblieben, deren Kosten fie selbst bestreiten müssen. Seit der Okkupation durch Rumänien haben sich die Lebensverhältnisse noch wesentlich verschärft. Der Redner sprach die Hoffnung und die Ditte aus. mitzuhelfen durch Dereine usw., daß die Der- binbung mit dieser treu am Mutterland« hän-
Liedern. Wie er sie lieb hatte, feine Heimat. Er wußte ganz genau, daß es nirgends so schön fein körnte.
Dein Kopf sank tiefer unb tiefer in seins betenden Hände, bis ein grober, dunkler Schlaf über ihn kam unb seine Stirne strich
Rauschend aber fangen Glocken und Orgel von ©L Marien über die alte Stadt das Lied von der heiligen Weihnacht.
Ein Weihnachlsscherz Goethes.
Goethe hat feit frühester Jugend mit besonderer Freud« Weihnachten gefeiert und bai Fest in so manchen ernsten und fröhlichen Gedichten verherrlicht. Ein wenig bekannter WcihnachtS- scherz des Dichters wird in den 1835 erschienenen Erinnerungen von Kollar erzählt. „®inft war Goethe am Weihnachtsabend bei Professor Lors- bach in 3ena eingeladen", heißt es da, „unb bet Professor hatte für seine einzige schon erwachsens Tochter im Rebenzimmer einen schön m Weih- nachtsbaum mit Aep'eln und anderen Geschenken geschmückt. Während mm bis zur Bescherung musiziert, gelungen und gesp elt wurde, stahlen sich zwei schelmische Kumpane durch eine andere Tür in das verschlossene Äebenzimmmer, beraubten den Daum aller Aepfel unb Rüsse und kehrten, als wäre nichts geschehen, in die Gesellschaft zurück. Schlag sieben Ahr öffnete ber Tater, die Tochter an seiner Seite führend, die Tür unb lud die Gesellschaft zum Eintreten 'm das Zimmer mit bem Weihnachtsbaum ein. Wie stutzten alle, da der Baum kahl unir leer mitten im 3 mm er ftanbl ©oetfte blieb mit auf der Brust verschränkten Händen sinnend stehen, und alles toartete, was er da^u sagen würde. Da öffnete er bie Lippen unb nef mit scherzhaft pachri scher Stimme: „Eva, verziehen fei d.r! Es haben ja Söhne der Weisheit Rein geplündert ben Daum, welchen ber Vater gepflanzt." Freubiges Händeklatschen, Lachen unb Scherze ertönten allseits bei diesem Distichon, unb die Stimmung deS Abends war gerettet."


