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Ht. 2?5 Zweites Blatt

Vie Verteidigung

-es Zinanzministers Henrich.

Don

Rechtsanwalt Eduard Dingeldey, M. d. L.

Der Finanzminister Henrich hat in Organen der Linken eine lange Erwiderung auf meine Aus­führungen an diejer Stelle über die Finanzlage Hessens veröffentlicht. Ich würde es aufrichtig be­grüßen, eine sachliche, die finanzpolitischen Probleme ernsthaft und gründlich erörternde öffentlich Aus­sprache mit dem Finanzminister Hessens durchfuhren zu können. Seine Verteidigung jedoch irrt von die­sem sachlichen Wege ab. Sie ist ein Gemisch von persönlichen Angriffen und Parteipolemik und redet im übrigen um den Kern der Dinge herum. Das enthebt mich der Mühe einer eingehenden Wider­legung, denn mir ist es nur um die S ach e, nicht über um die an sich gleichgültige Perfon zu tun. Die wenigen sachlichen Gegenbehauptungen des Fi- nanzrninisters seien im folgenden kurz zusarnmen- gefaßt und widerlegt:

1. DteUeberschüsseaus ben früheren Jahren sollen nach der Behauptung des Finanz­ministers nicht auf die hessische Ateueraejetzgebung zurückzuführen sein, sondern sie seien entstanden aus der Tatsache, daß die Zahlungen des Reiches an Hes- kn in jenen Jahren Schätzungen des Voran­schlages erheblich überschritten haben.

Diese Feststellung ist ein Beispiel dafür, wie man um Jtn Kern der Dinge herumredet. Wir haben in jenen Jahren stets darauf hingewiesen, daß vor­aussichtlich die Ueberroeifungcn des Reiches erheb­lich höher jein würden, als die Schätzungen des Dor- anichlags. Und gerade aus diesem Grunde hoben wir eine Ermäßigung der hessi­schen Landes steuern in. jenen Jahren gefor­dert. Dtnn wenn das Reich mehr überweist, als wir geschätzt haben, so ergibt sich daraus die selbstver­ständliche Folgerung, daß Hessen selbst weniger an Landessteuern zu erheben braucht. Der Finanz- minifter Henrich hat sich dem stets heftig widersetzt. Was also der Finanzminister in [ei­ner Erwiderung jetzt als Berichtigung geltend machen will, bedeutet nur die volle Bestätigung un­serer Behauptung: Die Ueberfchüsse frühe­rer Jahre wurden erzielt, weil man d i e hessischen Landes st euern erheblich über das notwendige Maß hinaus hinoufgeschraubt' hatte.

2. DieG e s ch ä f t s a u f s i ch t", die dem hessi- schen Staat droht hat es dem Finanzminister an­getan. Er wehrt sich auch jetzt wieder mit Nach­druck gegen diese Beurteilung seiner Verhandlungen mit dem Reichsfinanzminister. Er sagt wörtlich:

Es ist nicht wahr, daß Hessen die er­betenen Zuschüsse nur bann erhält, wenn es zum gegebenen Tage sich verpflichtet, diejenigen Maß­nahmen in seinem Staatshaushalte durchzuführen, die ihm vom Reichssparkommifsor auferlegt wer­den. Diese Behauptung entspricht weder dem Wortlaut noch dem Sinn des Abkommens."

Ich muß hier in allem Ernste meine Verwun- berung über den Mut des hessischen Finanzministers zu einer derartigen Behauptung ausdrücken. Seinem es ist nicht wahr" fetze ich mit aller Deutlichkeit eines ist doch wah r" entgegen. Zunächst frage ich: Was hat denn, vom Standpunkt des Reichs­finanzministers aus gesehen, die Nachprüfung des hessischen Staatshaushaltes durch den Reichsspar- sommissar überhaupt für einen Sinn, wenn nicht den einen, daß sich Hessen den sich aus dieser Nach­prüfung ergebenden Anforderungen u n t e r ro e r f e n muß, wenn es endgültig die Hilfe des Reiches erhalten will? Das ist vorn Standpunkt des Reichs­finanzministers aus ein so felbstverständ- licher Gedanke und eine so pflichtmäßige Ueber- legung für den Mann, der doch die Reichsgelder nicht einfach an Hessen wegschenken kann, ba&Jdjon aus diesem Grunde dases ist nicht wahr" des Finanzministers Henrich eine starke Kühnheit be­deutet. Der Finanzminister Henrich zwinat mich aber, zu erklären daß ich aus dem Munde des Reichsfinanzmini st ers selbst weiß, daß er jedenfalls nicht gewillt ist, Reichsgelder an Hessen in Form von Zuschüssen (also nicht als zu verzin- sende Darlehen) zu geben, wenn nicht Hessen sich dem Willen der Sparkommission unterwirft.

Gießener Stadttheater.

Gerhart Hauptmann:Und Pippa tanzt!"

»Fahre hin, fahre hin. kleines Gondelschiff­chen!" vielleicht hat Hauptmann aus Ro­bert Brownings Sichtung »Pippa geht vorüber" doch ein klein toemg mehr für sein eigenes Werk gewonnen, als nur den Ramen; vielleicht wer will das sagen ging aus dec Szenenreihe des Engländers Allerzartestes in sein Glashütten­märchen über: vielleicht hat eine unterbewußt verschleierte Erinnerung daran die beiden letzten Qlfte davor bewahrt, vollends in blasse Allegorie unb undeutbare Geheimniskrämerei sich zu ver­lieren. Rahe genug ist der Dichter daran ge­wesen: aber da wenn man die Hoffnung schon sinken lassen will da kommt w eder Klang in die blutleeren Worte, Legenden duft in die nüch­tern zerredete Szene: mit dem Denedig-Motlv, mit dem unterm Fingerdruck Prppas leise singen­den Glas und mit der Märchenmelodie, die das Ganze sehnsüchtig und traurig verklingen läßt: Fahre hin, fahre hin, kleines Gondelschiffchen!"

Das Stück ist aus mehr als einem Grunds für seinen Schöpfer charakteristisch Zunächst: wenn man den Gesamteindruck wertet, wird man die (bei Hauptmann häufige) Ungleichheit in der künstlerischen Gestaltung nicht leugnen tonnen; die Bruchstelle, die zwischen den beiden ersten und den beiden letzten Akten liegt, kann weder über­spielt, noch überlesen werden. Seltsam: weim der ganzeBiberpelz" auf der schlechthin meisterlichen Höhe seines ersten Aktes stünde, wäre die alte Frage nach unferm besten modernen Lustspiel überwältigend gelöst: und wenn diePippa" die erstaunliche innere Geschlossenheit und Stim­mungsdichte ihrer beiden ersten Akte ungebrochen bis ans Ende bewahrte, würden wir im Glas- hüttenmärchen eine der vollendetsten Schöpfungen Hauptmanns besitzen.

Typisch ist aber auch für die Hauptmannsche Art die Gegenüberstellung der Gestalten, die fern Stück bewegen; typisch das alle Widerspiel von Gemeinschaft und Einzelwesen, das fremd, von außen her eindringend. Mittelpunkt wird. Hm das blonde Italienermädel, denflclnen Geist", das tanzende Flirnmersünkchen aus.dem Glasofen, wel­sches Geschwister der Rautendelein und Hannele, oerforengte Sendbotrn der Wunderstadt im Süden um Pippa dreht sich der Wirbel der andern:

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen) Mittwoch, 24. November (926

Danach bleibt es dabei, daß Hessen sich, um die Zu­schüsse des Reiches zu erhallen, unter dessen Gs- schSstsaufsicht geflüchtet hat. Der Finanzminister Henrich nennt dos WortGeschäftsaufsicht" heute ein Schimpfwort. Warum auf einmal so ernp- jindlich? Wenn man ein Anhänger des Gedankens ist, Hessen in eine Reichsprovinz umzuwandeln oder Sr an Preußen abzutreten, dann ist man doch in ahrheit nicht Io auf die Wahrung der Selbstän­digkeit des hessischen Staates erpicht!

Daß der Finanzmmister das Abkommen mit dem Reiche in diesen Punkten aussetzen will, bis bas hessische Volk über seine Finanzpolitik entschieden hat, ist ein taktischer Schachzug, besten Schlauheit nicht so groß ist, baß man sie nicht burchschausn könnte. Der Finanzminister möchte für ben Fall einer Verurteilung seiner Politik burch das hessische Volk einer späteren Regierung die ausschließliche Verantwortung für diese Verhandlungen mit dem Reiche überlasten und seine Hände dabei in Unschuld waschen. Ich fürchte, daß sich kein Wasser finden wird, mit dem sich diese Waschung erfolgreich voll­ziehen läßt.

3. Die Aeßerungen des Finanzministers Henrich über die Aufgabe der Selbständigkeit Hessens sollen angeblich mißdeutet worden sein. Es gab, glaube ich, im ganzen hessischen Parlamente unb im ganzen hessischen Volke im Januar dieses Jahres keinen Menschen, der die Worte des Finanz­ministers anders ausgelegt hat, als daß er lieber

Jener Behauptung stelle ich meine Absicht gegenüber, für 1927 einen Voranschlag vorzulegen, der voraussichllich keinen aber nur einen geringen Fehlbetrag ausweisen wirb. Worauf gründet Herr Dingeldey seine Prophezeiung? Er geht einfach von dem ungedeckten Bedarf des Jahres 1926 aus, wie er sich heute barfteUt. Aber muß bas auch in 1927 jo werben? Nein, bas muß es nicht. Zunächst fällt bei Posten von 12 Mil­lionen für Erwerbslo fenunter st ützung aus, nachbem der Reichsfinanzminister in bün­digster Form versichert hat, daß einerlei ob das Ardeitslosenversicherungsgesetz kommt ober nicht bie Länder von ben Lasten ber Erwerbslosen- fürsorge vorn 1. April 1927 ab völlig freigefteUt fein werden. Herr Dingeldey rechnet bann weiter mit einem Betrag von 4 Millionen für ben Woh­nungsbau, ben wir in 1926 gegen bas Reichs- gefetz zu wenig eingestellt haben. Aber was zwingt uns benn, in 1927 über ben Betrag von 10 Mil­lionen aus Steuereinnahmen hinauszugehen, wenn unsere Finanzlage es nicht erlaubt? . . . Daß babei auch bie Reichshi 1 fe eine Ralle spielen wirb, ist angesichts ber Vereinbarung mit bem Reichsfinanzminister wohl nicht befremb- lich."

Also, man höre unb staune: Die 12 Millionen für Erwerbslose werben uns vom Reich künftighin geschenkt werben. Die 4 Millionen für ben Woh­nungsbau schreiben wir in den Schornstein und für

Der Srokch mit der Masse von EvsaL Mattaee

Des Kommende Aoman im Oßeßenev Ameiserr

bereit wäre, die Selbständigkeit Hessens aufzugeben, als die durch die Finanzlage erforderlich gewor­benen radikalen Maßnahmen zu ergreifen. Ich weiß wohl, baß ber Finanzminister später im Land- tag versucht hat, seinen bamaligen Worten eine vor­sichtigere Deutung zu geben. Es ist ihm ja damals auch schon im Landtag zugerusen worden, daß diese Aenderung seiner Aeußerungen durch den sanften Druck einer gewissen, rechts von ben Demokraten sitzenben Koalttionspartei erfolgt fei. Bestehen bleibt aber doch bie Tatsache, bah ber Finanzminister Hessens in bem Augenblick, in bem unter seiner Der- antroortung bie hessischen Finanzen einen für bie Existenz bes Landes gefährlichen Sturz genommen haben, sich berechtigt glaubte, vor der Oeffentlich- feit bie Parole der Aufgabe ber Selbständigkeit bes Lanbes unb bes Einheitsstaates mit besonderem Nachdruck zu propagieren. Wenn bas künftighin nicht mehr geschehen soll, bevor nicht Hessen selbst im eignen Hause Drbnung geschaffen hat, fo begrüßen wir biefe oeränberte Haltung mit aufrichtiger Oe- nugtuung.

4. In meinen Ausführungen hatte ich auf Grund der Denkschrift bes Finanzministers für bas Bor» anschlagsjahr 1 927 ein Voraussicht- liches Defizit von rund 31 Millionen errechnet. Was sagt bazu ber Finanzminister? Nun, er macht es wie ein Zauberkünstler, er ergreift seinen Zylinderhut, deckt ihn über bas Defizit unb schon ist es verschwunben. Wie geschieht bas? Herr Henrich, schreibt:

bas übrige wirb die Reichshilfe sorgen. Noch in seiner Denkschrift vor drei Wochen hat derselbe Finanzminister folgendes geschrieben:

Wie ist der Fehlbetrag zu beseitigen und wie können gleichzeitig einzelne Steuern, bie beson- bers brücfenb empfutiben werden, gemildert wer- ben? E s hanbe11 sich also um bas Her­einbringen einer Summe, bie nicht nur aus bem Fehlbetrag bes Voranschlags von 1926 von 7,8 Millionen besteht, sondern es müßte n 0 ch h inzukommen ber erhöhte Betrag für ben Wohnungsbau, ber nach bem Reichsgesetz auf­zubringen wäre unb bei etwa 4 Millionen Mark mehr erforbert und schließlich auch ber ausfallenbe Betrag, ber sich aus ber Ermäßigung ber Steuer selbst ergibt (1 Million), also im ganzen genom­men um eine sehr große Summe. Dazu treten bann neuerdings die außerordentlich hohen Auf­wendungen für Erwerbslosenfürsorge (14 Mil­lionen) und bie Ausfälle an Einkommensteuer­überweisungen (6 Millionen)."

Das war klar unb deutlich unb aufrichtig ge> Sen unb bebeutete, baß ber hessische Finanz­

er in feiner amtlichen Denkschrift für 1927 einen Fehlbetrag von runb 31 Millionen errechnet. Es ist an sich schon ein Qualifikationsnachweis, ber nicht überall Freude erregen wird, wenn ein Finanz­minister innerhalb drei Wochen seine Auffassung über die finanzielle Lage seines Landes so ändert, daß er erst mit einem Defizit v-o n 31 Mil­lionen Mark und nach drei Wochen mit

einem Defizit von 0 Mark operiert Leider steh: aber bie neue Rechnung auf sehr schwachen Füßen. Es ist richtig, daß bie Länder von ben Slofien für die Erwerbslosenfürsorge in bem Augenblick entlastet werden, in bem bie Ar- beitslosenversicherung in Kraft tritt Man weiß heule nur, baß geplant war, das Gesetz über die Arbeitslosenversicherung im Reichstag so zeitig zu verabschieden, baß cs mit dem 1. April 1927 in Kraft treten könnte. Inzwischen sind aber aus den verschiedensten innerpolttische:i Gründen erhebliche unb berechtigte Zweifel erhoben worden, ob es möglich sein wirb, sich über dieses Gesetz schon bis zum 1. April 1927 zu verständigen. Nun soll angeb­lich ber Reichsfinanzminister bereit sein, auch ohne dieses Gesetz ben Vänbern bie Ausgaben für bie Er- oerbslofentjilfc abzunehmen. Die Botschaft hör' ich wohl, allein mir fehlt der Glaube! Der Reichs­finanzminister hat kürzlich mitgeteilt, daß sich die Finanzen des Reiches hart an einem Defizit entlang bewegen unb daß er neue Lasten deshalb dem Reich nicht aufbürben könne. Wenn man sich einmal bar- über klar wirb, bah bie Verwirklichung ber opti­mistischen Annahme bes Finanzministers Henrich für bas Reich eine Mehrausgabe von meh­reren hundert Million en Mark bedeuten würde, so kann man sich eine Vorstellung bilden über die tönernen Füße, auf bie ber Finanzminister Henrich seinen Voranschlag stellen will. Im übrigen rechnet ber Finanzminister mit der Re i ch s- Hilfe. Was heißt bas? Das bebeutet, baß er einen Teil bes Defizits bes hessischen Staates in einen Pump bei ber Reichskasse ummanbeln will. Denn schenken wirb uns bas Reich bie Gelder selbstverständlich nicht oder vielmehr doch erst bann, wenn ber Sparkommissar in Hessen geprüft hat unb feine Bebinqungen erfüllt finb. Herr Henrich selbst will ja diesen Vertrag vorläufig überhaupt noch nicht vollziehen. Also hat bie Reichshilfe vorerst nichts anberes als ein Darlehen beim Reiche zu be> beuten. Ich muß sagen, ber Finanzminister ber Denkschrift vom 23. Oktober 1926 erscheint mir sehr viel klarer unb objektiver ,in ber Darstellung ber wahren finanziellen Lage als der Finanzminister vom 13. November.

5. Im übrigen versucht bann schließlich ber Fi­nanzminister Henrich ben Wirtschafts - unb Drbnungsbloct von seiner klaren wirtschafts­politischen unb finanzpolitischen Linie in bie Wir­rungen ber Parteipolitik zu ziehen. Auf biefem Wege folgen wir ihm nicht. Der Wirtschafts- unb Orbnungsolock hat zunächst nur ein Ziel: Wir wollen ein Ende machen mit dieser Finanz­politik, bie vor ber Katastrophe steht Wir wollen bie Steuerzahler und die Wirtschaft Hessens vor dem Erliegen bewahren und damit b i e Erhaltung Hessens als ein gesunbes ©lieb bes Deutschen Reiches herbeiführen. Die Finanzpolitik bes Finanzministers Henrich und ber jetzigen Linksregierung steht biejen Zielen im Wege. Deshalb rufen wir bas hessische Volk am 5. Dezember auf mit der Parole: Hinweg mit biefem Landtag!

Die kommende Abrüstungs­konferenz.

Dvn Kapitän z. S. a. D. v. W a l d e h e r - H a r tz.

Las Vorspiel zur Großen Abrüstungstonse- renz, die Im Jahre 1927 zusammen tret en soll, ist herflungen. Heble Motive und häßliche We sen haben es beherrscht. Seit drin 28. Mai hat bis Mitte Oktober in Genf eine U n te r kom m i s - sion des Völkerbundes getagt, der die Ausgabe gestellt war, die grundlegenden Fragen über die Abrüstung aller im Völkerbund vereinigten Staa­ten zu klären. Es hat sich hierbei nur zu bald ergeben, daß in den wesentlichsten Punkten sehr erhebliche Meinungsverschiedenheiten bestanden, die man kurzerhand im Wege der Ab­stimmung durch Feststellung der Mehrheit aus der Welt zu schassen suchte. Schon aus dieser Tatsache ergibt sich, daß die von der Unter- kommission festgelegten Grundsätze nicht s.hr lebenskräftig sein werden. Wenn Mars de Stunde regiert, wenn für ein Volk eiserne Rot- zeit anbricht, dann wird es sich den Teufel daran kehren, ob ihm diese oder jene Maßnahme durch

Hüttendirektor und Glasbläser, wandernder Hand­werksbursch und mythischer Einsiedler in der ver­schneiten Baude. Unb aus den geheimnisvollen Raturstimmen, aus der traurigen Ofanraflöle und der Melodie des venetianischen Gondell.edchens, die den Tanz des zarten Geschöpfes begleiten, klingt doch immer unb immer toieber die herz­ergreifende. einsame Weberflage:*2L jeder Mensch hat halt ne Sehnsucht."

Unb endlich auch dies ist Hauptmanns eigenste Wttse: Spiel zwischen hüben und drüben, zwischen Himmel und Erde, zwischen Märchenwundern und rauhen Wirklichkeiten; ob ihm zwischen den Grenz­polen des winterlich glitzernden, schlesischen Hei- matwaldes unb der erträumten Lagunenstadt ein faustisches Zweiscekenspiel vorgeschwebt hat wer weih; wenn ihm aus Goethes zweitem Teil mystische 2lnregungcn zugeflossen sein sollten, dann hat er doch mit farblosen Wortkünsten und alle­gorischen Rebelschleiern nicht einmal den magisch leuchtenden Dämmerstil, das spukhafte Zwielicht des großen Symbolisten Maeterlinck erzwungen.

3n ben ersten Akten aber strömt das Ge­schehen aus den echten und klaren Quellen großer Kunst. Hier erlebt man Hauptmann den Dichter, ben Dramatiker, den Dühnenspieler. Wundervoll dieser Eingangsaft mit seinem balladesken Wechsel der Ereignisse, Worte und Stimmungen; die szenische Folge im Glücksspiel der Glasmaler, den Reden ber Waldarbeiter, bem Locken unb Gieren des Hüttengewaltigen, bem Erscheinen Hellriegels und dem Tanz^der Pippa mit bem alten Huhn. Hier hat der Tanz etwas von uralt-menschlicher, primitivster Le­bensäußerung, ist spielerisch verschleierter Kampf immerwährender, immer regierender Kräfte in der Welt, ist einfaches Symbol für die ganze Dich­tung zugleich. Die trollhaste Balz des alten Un- getums aus dem Geschlechte der Waldschratt und Rübezahl um das gläsern zerbrechliche Figürchen ist gleichsam der Vortcmz für die übrigen, bie um den gleichen Mittelpunkt kreisen.

Den wllden Reigen zerreißt bie unheimlich hehenbe Szene um ben falsch spielenden Italiener; während ber draußen, von ben aufgeftörten Schenkenbesuchern niebergefd)kiqen, im Mvndlicht verblutet, schleppt ber alte Huhn bie zitternd zurückgebliebene Pippa fort. Er wird sie nicht behalten: der Michel Hellriegel, von ihrem Tanz geblendet, an ihr Fremdwesen verloren, spürt

sie auf, findet sie wieder in ber Berghütte des Allen. Auf bie Winterbollade des Eingangs folgt das naturhaft-lyrische Zwischenspiel; in einer wunderbar feinen Liebesszene erfüllt sich das Schönste, was Hauptmann mit seinem Stück vermag.

Im dritten Akt triumphiert Mythus und Gedankenwerk, eben die Stimmen übertönend, bie das Drama zum Märchen machen. Aber barm wirb ber lüsterne Direktor auf seltsame Weise geheilt, berergebens! zerfrorene Handwerks­bursch" Michel aus dem Schnee geborgen, unb auf einmal, fast unvermittelt, steht bie Stube in wunderlichem Glanz Licht aus Süden, vorn andern Pol des Märchens her unb Michel hält das Gondelschifschen als einen Wegweiser zum Traumland in Händen. Wieder taucht der alte Huhn auf, dem Fünkchen aus seinem längst erkalteten Ofen nachspurend; ein furchtbarer Zu­sammenstoß mit bem mythischen Daudenbewohner Ur traft wider überlegenen Geist und ber Glasbläser sinkt gebrochen zusammen. Einmal noch scheint er Macht zu gewinnen, einmal noch zwingt er Pippa zum Tanz, dann ist es zu Ende. Pippa hat getanzt, Pippa stirbt. Pippa ging vorüber. Aber noch die Tote wird dem erblin­deten Hellriegel Begleiterin auf dem Sehnsuchts- Weg seines großen Heimwehs.

Die Forderungen für die Inszenierung lassen sich aus bem Gesagten ableiten. Was bie Dich­tung nicht hergibt, kann freilich keine Aufführung schäften; man muß sich nur bemühen. Uneinheit­liches möglichst zu überbrücken. Kürzlich wurde anderswo versucht, das Stück durch Zusammen­ziehung der beiden letzten Akte zu verdichten; ein sehr glücklicher Gedanke. Telekh spielte das Ganze mit unwesentlichen Strichen nacheinander herunter, wie es im Buche steht, unb mußte bafür schleppende Längen unb tote Stellen in Kauf nehmen, bie nicht notwendig, sondern über­flüssig sind. Es muß für bie mobeme Wieder­gabe eine Form der Vereinigung, Vereinfachung, Verdichtung gesunden werden. Gleich zu Anfang des dritten Aktes unb später kann erheblich ge­kürzt werben. Die Bühnenwirkung wird in jebem Fall nut gewinnen. Stark unb geschlossen, ohne eine brüchige Stelle, kam ber zweite M heraus; weitaus ber beste Teil ber Ausführung. Auch der erste war im wesentlichen gelungen. Doch schien die (allerdings in ber Regiebemerkung vorge­schriebene) Anordnung ber Gruppen im Raum

ber Dynamik bes Dilbganzen nicht günstig, deften starke Belastung nach links aus der rechten Seite fast ohne Gegengewicht blieb. Die Szene mit dem ertappten Tagliazoni hätte gedrängter gespielt werden?fen; es gab im ent scheiden ben Augenblick eine fühlbare Leere.

Die Besetzung zeitigte von einigen Dialeft- unsicherheiten abgesehen erfreuliche Leistun­gen. Als Pippa erschien Ingcdorg Scherer einmal in einer großen unb angcme'fenen Rolle, die Entfaltung gestattet und Möglichkeiten bietet Freilich auch einer schweren Rolle. deren ideale Verkörperung im Sinne ber Dichtung nur ganz selten gefunben werden wird. Man mag in den Tanz Szenen den elementaren Aus­bruch die Entfesselung einer unwiderstehlich glie- derlösenden, beschwingenden Triebkraft vermißt haben das Bild, das die Darstellerin durch die vier Akte bot, war so, wie man cs erwartete: ein verschüchtertes, geängstigtes, gejagtes Vö­gelchen, das im Geborgenem unb im Erlebnis des Unfahlichen sich in einer scheuen und hilf­losen Anmut toieberflnbet. Auch hier tag der Höhepunkt der Gestaltung in ber durchsichtig zarten Liebesszene des zweiten Aktes. Reben ihr muß Eisig als Michel Hellriegel genannt werden, der mit dieser Rolle (jie gehört zum Heimatlichsten unb Deutschesten, was Hauptmann je geschaffen hat) eine neue, schöne Talentprobet ablegte. Er gab dieser Märchengestalt die ganz unbekümmerte Jugendlichkeit, Phantasterei, Fa- bulierfreube und verträumte Romantik, bie ihr in jedem Wort unb jeder Bewegung innewohnt, Lenau hatte den Hüttendirektor und traf den kalten, harten unb nüchternen Ton seiner Charge mit glaubwürdiger Scharfe. Telekh als Taglia­zoni war gut in ber Maske, beweglich unb temperamentvoll in Geste unb Wort. Schu­bert hatte für den alten Huhn die dumpfe Tierhafttgkett unb ungeschlachte Wucht in der äußeren Erscheinung unb im rauhen Raturlautz einer fast ausgeglühten Sprache, bie erbgeift- hafte Dämonie bes Fabelwesens vermochte et doch nur ahnen * zu lassen. Ges s ers sprach schlicht unb mit kluger Zurückhaltung die weisen Worte des alten Wann; von seiner Rolle hat Schlenther, Hauptmanns Freund, einmal mit tie­fer Berechtigung gesagt: Etwas mehr Major a. D.» unb alles wäre besser!

Die Ausführung wurde vom vollen Haustz lebhaft begrübt Dr. Th. ,