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Nr. 224 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Freitag, 2*. September 1926

Das Eads der süddeutschen Herbstmanöver.

Don unserem militärifd)en

Der Sonntag hatte den Truppen die nach den Anstrengungen dec letzten Woche wohlver­diente Ruhe gebracht. In allen Dörfern beider­seits der Tauber im badisch-bayerisch-württem- bergischen Grenzbezirk herrschte frohes Manöver- treiben. In manchen Ortschaften waren am Dor­mittag die Truppen neben der Bevölkerung und den staatlichen und bürgerlichen Behörden zum Empfang des Reichspräsidenten auf­gebaut, der im Kraftwagen nach Besuch des Gottesdienstes in Mergentheim noch einmal die Gelegenheit wahrgenommen hatte, sich seine Trup­pen und Land und Leute anzusehen. Rachmittags strebten die Feldgrauen kolonnenweise dem nahen Mergentheim zu, das als militärisches Hauptquartier, als Aufenthalt des Reichspräsi­denten und Schauplatz der Böblinger Flugveran­staltungen eine ungeheure Anziehungskraft ous- übte. Der Tag war prächtig und zur Erholung der Truppen wie geschaffen: er wird den Sol­daten wie ihren Quartiergebern und den Tausen­den von Gästen des Frankenlandes unvergeßlich bleiben.

Auf die Fortsetzung dec Hebungen am Mon­tag näher einzugehen, verbietet un.l> der Raum­mangel. Rur Grundsätzliches sei hervorgehoben:

Während in den bisherigen Hebungen immer die große Methodik, die Planmäßigkeit auffiel, mit der der Einsatz aller schweren Waffen ein­geleitet, abgewertet, Feuer und Bewegung bis ins kleinste fortlaufend geregelt waren, zeigte sich bei dem Angriff des Montagmorgen die 5. Divi­sion auch als Meister der Befehlsgebung aus dem Sattel", wie sie 1914 in so vor­trefflicher Weise Gemeingut des Heeres war, der raschen Entschlußfassung, des schnellen Zu­packens, des Wagemuts, der auch einmal einen Mißerfolg in Kauf nimmt, auf Kosten einer Das Herankommen an den Feind allzusehr ver­zögernden, mühsamen Schaffung von Sicherheits­koeffizienten in Gestalt überlegener schwerer Waffen vor Angriffsbeginn. Hier kam jede Stunde, die der Feind länger Aufenthalt be­reitete, dem Ausbau seiner Hauptstellung und der Heranführung neuer Kräfte zugute, daher war Eile geboten.

Als Rot die blauen Dortruppen bis in die Waldränder westlich Kirchhe.m zurückgedrückt hatte, wurde 2.20 nachm. eine bV-stündige D e r - pflegungsrast eingeschoben, die bei der ge­radezu unerträglichen Hitze eine Wohltat für die Truppe war. Bald waren die Feldküchen heran, die Pferde wurden in der nächsten Ort­schaft getränkt, zum erstenmale an diesem Tage, nachdem sie großenteils schon leit 3.15 Hhr vorm. unterwegs waren. Stäbe zogen in den Dörfern unter; da und dort wurde Bier auf Lastkraft­wagen zugeführt, das ein vorsorglicher Zahl­meister aufgekauft hatte. Die Truppen freuten sich, de,' Röcke und Hemden entledigt, im Bad der jetzt so köstlichen Herbstsonne, die über die Mittagszeit und in den dicken Waffenröcken kaum zu ertragen gewesen war. Wie ausgezeichnet die Stimmung der Truppe war, zeigte sich auch hier wieder bei der Rundfahrt durch die Biwaksplätze. Heberall Sang und Spaß, Musik und Frohsinn, Spannung auf die kommende Rächt. Die ganze Poesie des Soldatenlebens wird auf solchem Lagerplatz Wirklichkeit. Rasch vergißt der Mann Die harten Anstrengungen des Tages und ge­winnt neue Kräfte, vergißt auch auf einige Stun­den die schweren Sorgen um seine Zukunft, die jeden Soldaten belasten. Zuschauer, Manöver- bummler und Berichterstatter haben meines Er­achtens die Pflicht, ebenso wie alle übrigen Dolksgenossen, über den Freuden des Soldaten­lebens, wie sie das Manöver in so reichem Maße bietet, die traurigen Lebensbedin­gungen unserer Soldaten nicht unbeach­tet zu lassen. Zwölf ihrer besten Iahre widmen sie dem Staatsdienst, wenn es sein muß, unter Einsatz von Leib und Leben: werden sie dann auf Grund der Dersailler Bestimmungen im besten Mannesalter aus dem Heere entlassen, vorzüglich geschult und für einen bürgerlichen Be­ruf in den Heeressachschulen vorgebildet, dann stehen sie vor dem Richts. Den Zivildienst-- schein können sie sich zwar erwerben, die besten Zeugnisse bei den schwierigen Wschlußprüfungen sich erringen, eine Anstellung in der Zeit des Beamtenabbaues und der Derwaltungsverein- fachung zu finden gelingt jedoch nur in den sel­tensten Fällen. Industrie und Landwirtschaft sind zum großen Teil über die Tüchtigkeit der aus-

K - Sonderberichterstatter, geschiedenen Heeresangehörigen nicht genügend unterrichtet: so tommt es, daß diese bedauerns­werten Männer ohne eigenes Verschulden oft nwnate'ang beschäftigungslos hecumicren, ohne sich eine Existenz gründen zu können, die alle übrigen Dolksgenossen zehn Lebensjahre früher sich schassen. Dieser Zustand ist eines Staates unwürdig und bleibt natürlich auch nicht ohne Einfluß auf den Heeresersatz: je günstiger die Versorgung nach Ablauf der zwölfjährigen Dienst­zeit für die würdigen und brauchbaren Heeres­angehörigen ist, desto weniger Unwürdige wird es naturgemäß geben.

Der Mond war schon aufgcgangen, als auf der ganzen Front um 6 Hfjr abends die Kriegs­handlung wieder auflebte. Das Echo der Ar­tillerie-Salven rollte weit über die Höhen und .er des Franlenlanles, Leuchtkugeln und Sig­nalbomben in allen Farben sprangen auf der 6 Kilometer breiten Front empor, M.-G.-Feuer prasselt. Blau mutz sich der feindlichen Auf­klärer und gewaltsamer Erkundungen erwehren. Die blaue 7. Division hatte inzwischen den Be­fehl erhalten, am Morgen les 21. September in dec vorbereiteten Hauptstellung kampfbereit zu sein: sie ybertrug daher schwachen beweglichen Kräften die Verschleierung ihres Rückzuges und das Aufhalten des Gegners und marschierte mit dem Gros zurück. Rot blieb dem weichenden Gegner scharf an dec Klinge. Zur festgesetzten Zeit, um 3 Hfjr morgens, hatte die Division die als Ausgangsstellung für die Raherkundung der feindlichen Hauptstellung bestimmten Linie er­reicht. Als die Erkundung ergab, daß ein wei­teres Herangehen an die feindliche Hauptstellung nicht unmöglich sei, erfolgte sofort Befehl, die eigenen Linien noch unter dem Schuhe der Rächt näher heranzuschieben und wieder setzten sich die Schützen auf der ganzen Divisions-Breite lautlos in Bewegung, dicht gefolgt von Maschinen­gewehren, Infanterie-Geschützen und Minen- werfern. Auf dem linken Flügel stieß eine rote Kompagnie überraschend auf die feindliche Haupt- stellung, die sie noch weiter rückwärts vermutete. Sie überrumpelte die Besatzung und brach weiter rückwärts in das Biwak eines blauen Reserve- DataillonS, das gerade beim Essenfassen war. Hei, wie da die Feldküchen davongalopierten, die Langschläfer aus den Zelten hervorkrachen und e in wütendes Handgemenge sich entspann. Dadurch war die ganze blaue Front alarmiert und antwortete mit einem rasenden Sperrfeuer aus Maschinengewehren, Minenwer- sern, Infanterie-Geschützen und Artillerie vor seine Hauptkampflinie. Rot muhte sich eingraben und die Umgruppierung der Artillerie abwarten, die auch bei größter Gewandtheit und Schnellig­keit der Batterien noch Stunden beanspruchte. Der einheitliche Angriff der Division wurde auf 9 Hhr vormittags festgesetzt, als alle Geschütze feuerbereit waren. Ein gewaltiger Feuer­schlag aller schweren Waffen eröffnete den Angriff, der zunächst Rot vorwärts brachte. Doch bald traten die blauen Reserven zum Gegenstoß an und warsen die 5. Division in ihre Ausgangsstellung zurück. So wogten den ganzen Dormittag heiße Kämpfe um die blaue Haupt­kampflinie hin und her. Auch der Einsatz von Kampfwagen und die Vernebelung der feind­lichen Stellung konnte Rot den Erfolg nicht bringen. Während sich diese Kämpfe vorne ab­spielten, leistete sich das Reite >-Regt. 17 eine besondere Waffentat. Heberraschend drang es unter verständiger Ausnützung des Geländes über ©aubüttelbrunn in die feindliche Flanke und richtete dort lange Zeit unter den roten Re­serven erhebliche Verwirrung an, ganz abgesehen von der Beunruhigung, die das in der vorderen Kampfstvnt höher und spürbare Feuer von rück­wärts anrichtete.

Hnentschieden endeten so um 12.30 Hfjr nachm. die Herbstübungen zwischen der 5. und 7. Division, wie üblich mit einem wahren Orkan von M.-G.- und Artillerie-Feuer, denn keine Patrone, so will es die Heberlieferung, soll mehr nach Hause getragen werden. Erst nach einigen Mi­nuten legt sich das Feuer. Die Truppen werden rasch gesammelt, um 4 Hhr sollen auf den nächsten Bahnhöfen schon die ersten Transporte verladen werden. Die Regimenter sind durch­einander gekommen. Freund und Feind begrübt sich man sieht sich ja heutzutage, wo die Reichswehr in so viele Standorte zerstreut ist, recht selten Da sagt man sich gerne bei solchen

Rückblick auf die Rölner Technische Messe.

Von Dipl.-Ing. Mangold, Duisburg.

Die Sondergruppe F i e h a r b e i t" nahm das ganz besondere Interesse aller Besucher, so­wohl der technischen Fachleute als auch der Laien in Anspruch. Wurde hier doch zum ersten Male auf einer Messe-Ausstellung die Fließ­arbeit praktisch vorgeführt. Den Brmühungen des Ausschusses für Fließarbeit beim Ausschuß für wirtschaftliche Fertigung des V. D. I. ist es ohne Zweifel gelungen, durch die auf der technischen Messe im Betrieb und im Bild vor­geführten Arbeitsvorgänge die Sache der Fließ­arbeit bei uns ein beachtenswertes Stück voran zu bringen und damit unserer Iirdustrie und Wirtschaft einen großen Dienst zu erweisen. Mit vollem Bedacht waren die im Betrieb vor- gefühnen Beispiele nach Möglichkeit aus ver­schiedenen Industrien genommen. Sie wollten dabei nicht Idealbilder lOOprozentiger Fließarbeit bringen, sondern zeigen, wie weit heute einzelne deutsche Industrieunternehmungen hierin sind.

Aus dem Gebiet der Konfektion bzw. Wäsche- sabrikattvn waren mehrere Firmen vertreten, die sehr interessante Vergleiche miteinander zuliehen.

Die Kölner Webwaren- und Kleiderfabrik Dierbaum-Proenen zeigte in einer fließenden Fertigkeit die Herstellung von Herrenoberhemden. Die Darstellung beginnt mit dem Zerschneiden des Stoffes und dem Zuschneiden zu den einzelnen Teilen des Hemdes. Hier ist vor allen Dingen beachtenswert, daß etwa 40 bis 50 Lagen über­einandergelegt und dann nach genauer Vor- zeichnung und Zusammenpressen durch Klammem fiuf einmal mit einer fägeartigen Vorrichtung, Hem Band- und Kreismesser, ähnlich wie ein Stück Holz oder fester Karton geschnitten werden.

Dieser Arbeitsvorgang bedeutet schon eine enorme Leistungssteigerung.

Im zweiten Abschnitt werden nun die ein­zelnen Teile immer auf der gleichen Spezial- nähmaschine und von derselben Arbeiterin zu­sammengenäht, bis nach Durchlaufen einer gro­ßen Zahl Nähmaschinen das Hemd fertig ist. Dazwischen werden noch von einer Arbeiterin genau im gleichen Maß die Knopflöcher ein» gemessen, die dann auf Spezialmaschinen mit elektrischem Antrieb sehr schnell genäht werden. Nachdem so das Hemd fertig ist, wird es einer genauen Kontrolle unterzogen, ob auch alles richtig und passend ist.

Dann beginnt der dritte und letzte Abschnitt in der Fabrikation, nämlich das Bügeln und Stärken des fertiggestellten Hemdes mit Ma­schinenpressen und elektrischen Handbügeleisen. Damit ist MS Herrenhemd fertig und kann sofort verpackt werden. Die ganze Fabrikation ist also in eine große Zahl einfacher Telle zerlegt, die immer wieder von derselben Arbeiterin auf der­selben Maschine bzw. mit demselben Werkzeug erledigt werden. Durch die immer wiederkehrende Wiederholung eignet sich die Arbeiterin für den betreffenden Arbeitsgang ein sehr hohes Maß von Geschicklichkeit an, was nicht nur die Quali­tät der Arbeit hebt, sondern auch die Leistung außerordentlich steigert. Ferner ist es notwendig, daß jeder unnötige Transport vermieden wird und die einzelnen Niaschinen usw. so aufein- andersolgen, wie es die Fabrikation erfordert. Sehr gut kann der Transport von irgendeiner laufenden Fördereinrichtung übernommen wer­den, z. D. einem laufenden Band.

Ein weiteres interessantes Beispiel zeigt die Motorenfabrik Deutz AG., Köln-Deutz in ihrer Fliehmontage von Kleinmotoren in neun Arbeits­vorgängen. Ieder einzelne Arbeitsvorgang dauert hier natürlich wesentlich länger, nämlich 50 Minuten. Demnach wird alle 50 Minuten

GelegenheitenGrüß Gott" undLebe wohl". Durch die Masse dec Zuschauer bahnen sich die Kompagnien ihren Weg. Bald hört man Marsch­musik, die ferner, immer ferner tönt, während die Offizierskorps der beiden Divisionen sich auf der höchsten Höhe zur Schluhbesprechung ver­sammeln. ______

hessischer Landgemeindetag.

Der Vorstand des Hessisch enLand- gemeindetages befaßte sich in seinen letzten, in Mainz und Bad-Nauheim stattgefun­denen Sitzungen insbesondere mit den von den Ministern des Innern und der Finanzen zur Stellungnahme übersandten Gesetzentwürfen betr. die Neuordnung der Grund- und Gewerbesteuer in Hessen und die Neu­fassung des Gemeindeumlagengefehes. Die Entwürfe find ein Versuch, die Bestimmungen des Gemeindeumlagengesetzes mit den Vorschrif­ten des Reichsbewertungsgesehes in Heberein« ftimmung zu bringen und auch im übrigen den Vorschriften der Reichsgesetzgebung, insbesondere der Reichsabgabenordnung, anzupassen. Es sollen ferner die Bestimmungen über das materielle Recht mit den Vorschriften über die Regelung der staatlichen Grund- und Gewerbesteuer über­einstimmen. In seiner Stellungnahme zu den Entwürfen des staatlichen Grund- bzw. Gewerbe- steuergesehes weist der Vorstand namens der Landgemeinden ausdrücklich darauf hin, daß grundsätzlich die Real steuern lediglich eine Domäne der Gemeinden fein sollten, ein Grundsatz, der von den Gemeinden, durch die Erzberger'sche Steuerreform ihrer Finanzhoheit von Reich und Staat beraubt, nur immer wieder betont und als oberstes Ziel ihrer Bestrebungen auf steuerlichem Gebiete bezeichnet werden müsse. Die zu den einzelnen Bestimmungen erhobenen Bemerkungen sollten deshalb nicht im Geringsten den Schluß zulassen, als ob seitens der Ge­meinden dieses ihr altes, berechtigtes Verlangen nur im entferntesten aufgegeben worden sei. Don den erhobenen Bemerkungen verdient insbeson­dere das Verlangen der Gemeinden auf Mit­wirkung bei Neu- und Nachveran­lagungen Erwähnung, ferner ein Antrag dahingehend, daß sehr umständliche und zeit­raubende Verfahren der ministeriellen Genehmigung dec von den Gemeinden be­schlossenen Steuersätze fallen zu lassen und durch das M i n i ft e r i u m bestimmte Steuer­grenzen fest zulegen, so daß die Aus- schlagsätze der Gemeinden unmittelbar als ge­nehmigt angesehen werden können, wenn sie sich innerhalb der ministeriell gezogenen Grenzen bewegen, ein Darüberhinausgehen aber geneh­migungspflichtig bleibt. Auch die Bestimmung des Gemeindeumlagengesetzentwucses, Wohnungs­neubauten, die in den Kalenderjahren 1927 bis 1931 begonnen werden, für das zur Zeit der Fertigstellung laufende und die nächstfolgenden

fünf Steuerjahre gründ steuerfrei zu lassen, wird von den Gemeinden als ent­schieden zu weit gehend betrachtet, da dies zweifellos für den Althausbesitz eine Hngerechtig« keit in sich birgt. In Anbetracht der Aufwen­dungen der Gemeinden auf dem Gebiete des Wohnungsneubaues sollte man es diesem überlassen, über eine eventuell für Neu­bauten zu gewährende Grundsteuerfrei­heit nach eigenem Ermessen zu besinden

Weiter waren die Gebühren der Der­rn essungsämter nach der Bekanntmachung des Finanzministers vom 30. Iuli 1925 Gegen­stand eingehender Verhandlung. Die Airssüh- rungen des Direktors des Landesvermessungs- amtes, Dr. Müller (Darmstadt), gaben wichtige Aufschlüsse über Grund und Hrsache der von den Grundstückeigentümern über die Hohe der Gebühren der Dermessungsämter geführten Kla­gen. Mißbilligt wurde von dem Vorstände in seiner Mehrheit die zur Herbeiführung eines sozialen Ausgleichs geschaffene Vor­schrift, wonach sich die Berechnung der Gebühren für vorgenommene Dermessungsarbeiten zum Teil, auf den Zeitaufwand, im Hebrigen auf den Grund st ückswect gründet. Die hierdurch zu Tage tretende Absicht, den Besitzern toenigec wertvoller Grundstücke bei notwendig werden­den Dermessungsarbeiten geringere Gebühren in Ansatz bringen zu können, als den Besitzern er­tragsfähigerer Grundstücke, wird durchaus ge­würdigt. Entschieden a b g e l e h n t wird in­dessen die hieraus für die Besitzer von Grund­stücken besserer Bonllät sich zwangsläufig er­gebende Derpflichtung der Mittra­gung von Kosten für Vermessungen in weniger wertvollen Gewannen. Wenn man von Seiten deL Staates sozial sein wolle, so müsse dies gerechterweise auf eigene (Staats-) Kosten, keineswegs aber zu Lasten anderer Grundeigentümer geschehen. Es wurde die Ein­reichung eines entsprechenden Antrages be­schlossen.

Schließlich wurde noch zu dem Anträge des Kreisvereins Dingen, den 7°Hhr°Laden- schluß in den Landgemeinden betreffend Stellung genommen und einmütig die H n - Möglichkeit der genauen Durchführung des § 9 der Verordnung über die Regelung der Arbeitszeit der Angestellten usw. vom 18. März 1919 auf dem flachen Lande während der Sommermonate betont. In voller Wür­digung der dec genannten Verordnung zu Grunde liegenden.Motive wurde es als im Interesse der Landgemeinden liegend für dringend er­forderlich erachtet, in Gemeindenmit über­wiegend Landwirtschaft treibender Be­völkerung während der Sommermonate eine Verlängerung der Verkaufszeit um mindestens eine Stunde zuzulassen Dies zu ermöglichen zu suchen, soll angestrebt werden. Dagegen soll an der bestehenden Sonntags­ruhe unbedingt festgehalten werden.

Zürnen, Sport und Spiel.

Neue D. T.-Zöchftlerstungen.

Eine neue D. T.-Höchstleistung im Kugel­stoßen stellte L i n g n a tz (Dortmund) bei Wiesbadener Dolksturn-Wettkämpfen mit 14,05 Meter auf, eine Leistung, die die Höchstleistung Schwaldts mit * 1,3,61 Meter weit übertrifft.

Arcs den weiteren Wettkämpfe^ ist der S>g des Dortmunders Regener im 100-Meter- Lauf über den Meister der Deutschen Sumer- schäft Löser (Ludwigshafen) in der Zeit 10,9 zu erwähnen.

Der SternSauf der Arbeiiersportler anläßlich der Einweihung ihrer Bundesschule in Leipzig nahm am Samstag und Sonntag feinen prograrnmäßigen Verlauf. Die einzelnen Läufe wickelten sich ohne große Schwierigkeiten und ohne nennenswerte Verspätungen ab. Die ersten Stafetten trafen in Leipzig Sonntag nach­mittag 2,30 Hhr ein. Die Länge der sieben Läufe betrug insgesamt etwa 6000 Kilometer, 150 000 Teilnehmer bewältigten die sportliche Riefenleistung. Die Einweihung der Hochschule vollzog sich in Anwesenheit von Vertretern der sächsischen Regierung, der staatlichen und städti­schen Behörden und zahlreichen Vertretern ver­wandter Organisationen des In- und Auslandes.

Die Feierlichkeiten am Sonntag eröffnete ein Trommlerchor von 4000 Mann auf dem Augustus- Platz. Eine riesige Menschenmenge umsäumte den Platz und die anliegenden Straßen. Am Nach­mittag zeigte der Leipziger Bezirk mit 2000 Turnerinnen und 3000 Turnern körperbildende Freiübungen Hast eine Str,ade Ian$ jpf dann ein Festzug nach der BunAsschille. Hnterwegs wurde der Zug von den eintreffenden Stafetten überholt, die Läufer wurden stürmisch begrüßt. Begrüßungstelegramme hatten u. a. gesandt der Reichsinnenminister, der Reichsfinanzminister, das thüringische Staatsministerium, das württem- bergische Kultusministerium, die Oberbürger­meister von Essen, Ducsburg, Augsburg, die aus­ländischen Sportorganisallonen usw.

Hnter recht günstigen Vorbedingungen konnte der Lauf 2, der durch unseren oberhessi- schen Bezirk führte und von Zürich kam, durchgeführt werden. Das trockene Wetter und dec Helle Mondschein waren recht vorteilhaft. Pünktlich um 8,20 Hhr wurde der Stab, eine Messinghülse, die die Glückwünsche enthielt, in Großen-Linden von dem 6. Bezirk übergeben, 21 Minuten später wurde Gießen erreicht, wo sich längs der Laufstrecke recht zahlreiche Zu­schauer eingefunöen hatten. In schnellem Lauf brachten die Gießener Läufer den Stab bis nach der Wellersburg, von hier bis Kirchberg lief

ein Kleinmotor einfchl. Laufen auf dem Probe- stand zur Verpackung fertig. Hier arbeiten sozu­sagen zwei Montagen ineinander, denn hinter dem großen Band, auf dem der Gesamtmotor be­arbeitet und zusammengesetzt wird, liegt noch eine besondere Werkbank, wo die einzelnen Hei­nen Teile hergestellt und zusammengesetzt werden, um sofort in den Motor eingebaut zu werden. Wir haben hier sozusagen eine doppelte Fließ­arbeit. Der in Fliehmontage hergestellte Motor ist ein Viertaktmotor, der in den Größen von 2 bis 14 ?. S. ausgeführt wird. Seine Hauptvor­züge find: Betriebssicherheit, lange Lebens­dauer, Einfachheit und Hebersichtllchkeit und dadurch geringstes Maß an Bedienung, Heiner Raumbedarf, Anpassungsfähigkeit an den Brenn­stoff und feinste Regulierung bei allen Be­lastungen.

Gin anderes Gebiet des Maschinenbaues sahen wir auf dem Stande des Alexanderwerkes A von der Nahmer 2L G., Remscheid. Hier wer­den Eismaschinen auf einen Meßtisch von 14 Meter Länge in 10 Arbeitsgängen zusammen- gebaut, kontrolliert und verpackt. Das Material wird durch kleine Wagen, die auf Schienen laufen, an den Arbeitspersonen vorbeigeführt. Die Arbeitsvorgänge sind derart abgestimmt, daß immer in gleichen Zeitintervallen eine Eis­maschine zusammengebaut und versandsertig Öen Meßtisch verläßt.

Zwei weitere Stände führen uns in die Fließarbeit im Nahrungsmittelgewerbe ein. Es ist dies einmal die Grafschafter Weinbrennerei und Gebr. Stollwerk, Köln. Erstere führte die Fabrikfüllung und Fertigung ihrer Erzeugnisse im Betrieb vor. Die Flaschen werden auto- matisch gespült, dann gefüllt und verkorkt und gleiten aus Transportbahnen zur 'Etikettier- und Kapselmaschine, wo sie sertiggemacht werden, um dann auf ihrer weiteren Wanderung an den Pack­tisch zu kommen, wo sie mit einer Strohhulle ver­sehen und in eine Kiste verpackt werden. Der

letztere Vorgang geschieht noch mit der Hand. Diese Art der Fllcschenreinigung, Füllung und Verschließung wird übrigens im Brauerei- und Weinbaugewerbe schon längere Zeit angewandt. Sie ist also eigentlich keine neue Fließarbeit. Gebrüder Stollwerk zeigten die Fabrikation von Pralinen, und zwar das Auspudern der Ein­lagen, Heberziehen mit Schokolade, Dekorieren der Pralinen, Abkühlen und Verpacken vom Bande aus in Pakete.

In die chemische Industrie führte uns die

I. G.° Farbenindustrie AG. Leverkusen. Mil einer halbautomatischen Zähl- und Abfüllmaschine kön­nen täglich 160 000 Tabletten in 8000 Röhren zu je 20 Stück abgezählt und in hygienisch ein­wandfreier Weise eingefüllt werden. Die Ta­bletten gelangen von der Komprimiermaschine mittels eines Transportbandes direkt in den Abfüllkasten der Zählmaschine. Ein elektrisch an- getriebenes Klopfwerk, das unterhalb des Ab- füllkastens angebracht ist, betoerffteHigt das gleichmäßige Wlaufen der Tabletten in die Ab- füllbahn. In dieser stellen sich die Tabletten zwangsläufig aufrecht und laufen einer Ar­beiterin, welche am MH des Apparates sitzt, zu, die mit einem Holzstab immer je 20 Tabletten in eine Glasröhre steckt. Eine andere Arbeiterin zieht vorher von den Glasröhren, die gefüllt werden sollen, Steck-Kapseln ab und steckt sie um. Zwei weitere Arbeiterinnen verschließen die Röhre mit Watte und Steckkapsel.

Die Vorträge auf der Tagung Fließarbeit" hatten einen sehr guten Besuch aufzuweisen und fanden bei den Zuhörern lebhaftes Interesse. Weitgehende Rationalisierung und Anwendung der Fließarbeit ist heute für unsere Industrie vielfach eine Lebensfrage. Nur so dürfen wir hoffen, wieder größere Mengen auf dem Welt­markt abzusehen und auch die Waren für be i inneren Markt zu verbilligen.