Nr. Y5 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Samstag, 24. April 1926
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Dr. Friedr will). Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr. Will). Lange: für Feuilleton Dr H Thyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den An- zeigenteil Hans Iüstel, iämtlich >n (Biefjen.
Vas Abfindungslompromiß.
Die Verliandlttngen der Parteien mit der prcnftifchen Regierung.
Berlin. 23. Qlpril. (0003) Die Drsp.echun- aen am heutiger nachmittag im Reichstag über die Fürstenabfindung zwischen deil Regierungs- Parteien und den Sozialdemokraten haben, obwohl am Vormittag zwischen dem Reichskanzler und dem preußischen Ministerpräsidenten .eine Einigung über die Gestaltung des Gesekes erzielt zu sein scheint, zu keirrem irgendwie verbindlichen Vereinbarungen geführt. ES handelte sich lediglich um eine ganz unverbindliche Durchs prechu ng der Angelegenheit. Die Sozialdemokraten haben sich vollständig freie Hand Vorbehalten und sind der Meinung, daß auch bei verschißenen anderen Punkten der Vorlage, die Schwierigkeiten verursachen werden, sich solche Zufälle im Ausschuß wiederholen könnten, wie sie sich bei 8 2 abgespielt haben. Ä . •
An die Besprechungen mit den Sozlaldemo- kraten schloß sich sofort eine weitere Besprechung der Regierungsparteien mit den Vertretern der deutschnationalen Abgeordneten Graf vonMerfeldt und Lohmann, Altona. Die Verhandlungen wurden so streng vertraulich behandelt. daß Einzelheiten nicht mitgeteilt werden können. Rur soviel kann gesagt werden, daß sowohl von den Demokraten wie auch von den Deutschnationalen neue Abänderungs- 0 n t r ä g c zu dem Kompromißentwurf vorbereitet sind. An den Besprechungen mit den Sozialdemokraten nahmen außer dem Rcichsjustiz- Minister Dr. Marx, der preußische Ministerpräsident Braun und der preußische Finanzminister Dr. H öpker-Aschoff teil. Dr. Marx und Dr. H ö p k e r - A s ch 0 f f beteiligten sich auch an der Aussprache mit dem deutschnationalen Vertreter.
lieber die Vereinbarung zwischen den Parteien des Kompromißantrages und der p r e u ß i - schon Regierung teilen die Blätter mit, daß die preußische Regierung ihr Verlangen nach einer Erweiterung der Rückwirkungen aufge- geben hat. Vorgesehen ist ein Rückkaufsrecht. das die preußische Regierung sich auf verschiedene Schlösser und He-rschaften zu sichern beabsichtigt. Es handelt sich um die Besitzungen Glienicke, Babelsberg, Ccy:Ingen; Rorninten, Hubertusstock und Springe. Diese Regelung hat jedoch. wie die ..Tägl. Rundschau" erklärt, in den Kreisen der Deutschen Volkspartei Bedenken erregt. Rach der „Voss. 3tg." werden die mit der preußischen Reg'erung vereinbarten Arn- derungen des Kompromi> e ckwurses in Form eines Antrages dem Rechtsaus chuß vorgelegt werden, der nur von den Demokraten und dem Zentrum unterzeichnet ist, während es die Deutsche Volkspartei abgelehnt hat, den Ackrag mit zu unterschreiben. Sie wird aber für ihn stimmen.
Das Auswerlungs-Volks- begehren.
Berlin, 24. April. (WTD. Funkfpruch.) Wie die Blätter melden, wird der Sparerbund schon in den nächsten Tagen beim Reichsminister des Innern die Einleitung eines Volksbegehrens über d i e Aufwertung beantragen. Die Sammlung der notwendigen Unterschriften für die Zulassung ist im Gange. Der Vorstand des Deutschen Ü a n d w i r t s ch a f t s r a t e s ist bei der Deutschnationalen Volkspartei vorstellig geworden und hat auf die Beunruhigung hingewiesen, die entstehen würde, wenn ein Zulassungsantrag der Sparer für ein neues Volksbegehren Erfolg hätte. Die Kreditschwierigkeiten in der Landwirtschaft würden sich durch dieses Volksbegehren noch steigern. Der Landwirtschaftsrat fordert daher die Partei auf, den Gesetzentwurf der Reichsregierung, wonach die Aufwertungsfrage vom Volksentscheid ausgeschlossen sein soll, ihre Zustimmung zu geben.
Das deutsche Eigentum in Amerika.
Washington, 23. April. (Wolff.) Senator B 0 r a h erklärte einem Vertreter der „World", er habe den neuen Plan über die Rückgabe des beschlagnahmten deutschen Eigentums im Senat in der Hoffnung eingebracht, auf diefe Weise eine baldige Rückerstattung des Eigentums zu erzielen. Sollte infolge der letzten Entwicklung durch die Vorlage die Lage kompliziert werden, so würde auch er gegen die Vorlage sein. Seine Absicht bestehe lediglich darin, den ganzen Skandal schnell aus der Welt zu schaffen. Amerika habe weder ein gesetzliches noch moralisches Recht, auch nur einen Cent deutschen Eigentums wegzunehmen, selbst wenn Deutschland seine Zustimmung durch den Versailler Vertrag und den Berliner Vertrag unter Zwang erteilt habe.
Der deulsch-rus ische Vertrag.
Moskau. 23. April. (TU.) Tschitscherin erklärte dem italienischen Botschafter, Graf M a n - zoni, der deutsche russische Vertrag stehe kurz vor der Unterzeichnung, da die Vertragspartner in den Hauptpunkten bereits e i n i g feien. Es fei auch die Frage eines r u f f i f ch - i t a l i e n i - ichen Vertrages berührt und beschlossen, die Vorarbeiten dazu baldigst aufzunehmen. Die Verhandlungen werden in Rom italienischerseits von Grandi, russischerseits von dem russischen Boi- schafter in Rom geführt werden.
Der russische Botschafter in Paris, Rakowski, erklärte B r i a n b , daß sich der deutsch-russisä-e Vertrag weder gegen F ankreich noch gegen Polen richte, und daß er auch nicht die
Frankreichs Außenpolitik.
Driand über Italien, den Völkerbund und Marokko.
Paris, 23. April. (TU.) Driand nahm in der heutigen Kammersitzung au auswärtigen Problemen Stellung. Heber die Beziehungen Frankreichs zu Italien sagte Briand: Die französische Regierung unterhält au Italien die besten Beziehungen. Italien hat sich aus einem Gefühl der Selbsterhaltung heraus freiwillig ein neues Regime errichtet. Das ist sein gutes Recht. Die französische Regierung wird stets daraus bedacht sein, eine Annäherung an das italienische Volk zu erstreben, das mit Frankreich gemeinsam den Krieg durchgefochten hat. Die französische Regierung wird alles unterlassen, was zu einer Entfremdung des italienischen gegenüber dem französischen Volke führen könnte. Das italienische Volk ist ein großes Voll, das sich jedes Iahr in ungeheurer Proportion vermehrt. Es ist durchaus begreiflich, daß es sich in einem Zu st and' der Gährung befindet und diese Gährung sich dann unter Hochdruck nach außen zu verbreiten sucht. Alle diplomatischen Beziehungen beweisen, daß von italienischer Seite keine Absicht besteht, den Frieden zu stören. Wir sehen jährlich eine große Anzahl von Italienern auf unseren französischen Gebieten, die tüchtige Arbeiter find und die wir als unsere Rassebrüder ansehen. Alle unsere Bestrebungen sind darauf gerichtet, die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern aufrechtzuerhalten und nichts zu tun, was sie trüben könnte.
Zur Völkerbundsfrage erklärte Briand, über die letzte Tagung des Völkerbundes wurde ein übertriebener Pessimismus an den Tag gelegt. Man hatte es Frankreich als eine Illoyalität anrechnen wollen, daß es Polen und Spanien zur gleichen Zeit in den Döllerbundsrat einführen wollte, als die Aufnahme Deutschlands vorgenommen werden sollte. Frankreich hat indessen aus feinem Wunsche, daß Polen einen Sitz erhalten sollte, nie einen Hehl gemacht. Diese Haltung entspricht im übrigen durchaus auch dem Geist von Locarno. Wenn Polen tatsächlich nicht in den Rat ausgenommen wurde, so wäre es an Frankreich gewesen, Polens Interessen im Rat zu schützen, gegebenenfalls auch gegen Deutschland. Das konnte der Sache des Friedens aber nur schaden. Die Haltung Brasiliens ist mit Unrecht als egoistisch getadelt worden. Brasilien sprach nicht für sich allein,, als es darauf hinwies, daß der südamerikanische Kontinent nicht entsprechend im Rate vertreten sei. Brasilien sprach für den südamerikanischen Kontinent. Ich habe die brasilianische Regierung in Genf freundschaftlichst ersucht, ihr Veto zurückzuziehen. Die deutschen Vertreier haben ja selbst die vollendete Loyalität Frankreichs in dieser Angelegenheit zugegeben.
würden die deutschen Vertreter, wenn sie einen Anlaß gegeben, unsere Absichten zu bezweifeln, ein abermaliges Festhalten an dem Pakt von Locarno oorgeschlagen und unterzeichnet haben?
Es unterliegt keinem Zweifel, daß gelegentlich der Septembertagung eine Lösung zustande kommen wird. Die französische Auffassung ist de, daß es in Zukunft weder große noch kleine Völker, sondern nur noch gleiche Völker gibt. Der Völkerbund ist unversehrt von der letzten Genfer Tagung hervorgcgangen. Der Geist der Solidarität wurde gestärkt und das Volk, das vom Völlerbund vorübergehend nicht ausgenommen wurde, hat sich von ihm nicht entfernt. Alle diese Tatfachen sind dazu angetan, auch in Zukunft nur Vertrauen für den Völkerbund einzulösen. Ein sozialistischer Abgeordneter interpellierte die Regierung über den Verlauf der Verhandlungen in Marokko und gab der Vermutung Ausdruck, daß sie nicht dazu angetan seien, zu einem posiitven Ergebnis zu führen. Dem widersprach Briand mit einer allgemeinen Erklärung, in der er die Aufrichtigkeit der Absichten Frankreichs betonte und zu verstehen gab, daß Aussichten auf einen günstigen Abschluß der Verhandlungen durchaus beständen.
Marokko.
Paris, 23. April. (Wolff.) Die aus spanischer Quelle über die Vorfriedensverhandlun- gen in Marokko eintreffenden Rachrichten kom-
Verhandlungen zwischen Rußland und Polen über einen Neutralitätspakt stören könne. Der russische Botschafter in Warschau, W 0 jk 0 w , wird in den nächsten Tagen in Warschau eine ähnliche Erklärung überreichen.
Der deutsche Vertreter für die Studienkommission des Völkerbundes.
Berlin, 23. April. (WB.) wie wir hören, hat die Reichsregierung den deutschen Botschafter in Paris, von h 0 e s ch. ;um Vertreter Deutschlands in der Kommission zur Prüfung der 5rage einer Umgestaltung des Völkerbundsrals auserwählt. Die > komission tritt am 10. 2Hai d. 3. in Genf zusammen.
Die Kohlenkrisis in England.
London, 23. April. (Xil) Die heutigen Verhandlungen im englischen Kohlenbergbau verliefen r e s u l t a t l 0 s. Auf Vorschlag des Premierministers Val Win wurden eine Anzahl von Unlerkomitees ernannt, die sich mit den
men zu dem Schluß, daß die Riflcute nicht aufrichtig den Frieden wünschten und Frankreich und Spanien deshalb in ihrem Entgegenkommen und ihrer Rachgiebig'eit nicht weitergehen tonnten. Generalresidcnt Steeg trifft am Sonntag in Madrid ein.
Die Pariser politische Wochenschrift „Aux Ecoutes" meldets daß die Entfernung Abd eI Krirns aus dem Rifgebiet bereits grundsätzlich geregelt sei. Der Generalgouverneur von Marokko, Steeg, habe nach längeren Verhandlungen mit der Regierung Abd el Krims durch Vertrauenspersonen Abd el Krim ein Angebot auf Zahlung von 50 Millionen Pfund nach seinem Aufbruch aus dem Rifgebiet unterbreiten lassen. Abd el Krim sei auf dieses Anerbieten eingegangen.
Rechbergs Pläne.
Paris, 22. April. (WTB.) QI. Reck)berg, der deutsche Kaliindustrielle, dessen politische Pläne feit langem auf ein deutsch-französisches Bündnis abzielen, hat dem „Watin" auf seinen Wunsch mitgeteih, wie er sich die Grundlage einer französisch-deutschen Allianz denkt.
1. Die Verbindung von deutschen und französischen Industrieinter- essen, vor allen Dingen der Kali-, der Schwer-, der Stickstoff- und der chemischen Industrie. Die französische und die deutsche Regierung müßten den Industriellen ein Iahr Zeit lassen, um Kartelle zu bilden, die dann für 30 Iahre von beiden Seiten als unkündbar bezeichnet würden. Wenn nach einem Iahr die fraglichen Industriellen nicht zu einer Verpflichtung gelangt seien, würden die Regierungen ihrerseits intervenieren.
2. Eine französisch- deutsche Militär-Allianz. Frankreich und Deutschland sollen sich gegenseitig ihre Grenzen gegen jeden Angriff einer dritten Macht garantieren. Ein Liebergeneralstab werde gehütet, zusammengesetzt aus französischen und deutschen Generälen. Dieser Oencralftab solle das Recht der Inspektion für alle französischen und deutschen Truppen haben, wie den Plan für die eventuelle Verteidigung der beiderseitigen Grenzen ausarbeiten. Belgien und Luxemburg würden an der deutsch-französischen Industrieverbindung beteiligt sein.
3. Die Klauseln des Versailler Verlages, die die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich betreffen, würden hinfällig, ausgenommen diejenigen über die territorialen Grenzen.
4. Rach zwei Iahren würden alle von Frankreich besetzten deutschen Gebiete geräumt; jedoch würden die wirtschaftlichen Interessen Frankreichs im Saargebiet durch einen besonderen deutsch-französischen Wirtschaftsrat gesichert. •
5. Der Dawesplan wird aufrechterhalten. Wenn jedoch die Klauseln dieses Vertrages durch andere für Franzosen und Deutsche günstigere Klauseln erseht werden können, würden beide Regierungen sie im gegenseitigen Einverständnis abändern.
6. Danzig und der Korridor würden Deutschland zurückgegeben. Danzig bleibe jedoch ein Freihafen für Polen. Der Hasen von Me- m c l werde Polen zur Verfügung gestellt. In Oberschlesien würde ein deutsch-polnisches Industriekartell gebildet ohne Abänderung der gegenwärtigen deutsch-polnischen Grenze. Gleiches Recht für die Deutschen in Polen. Dagegen würde Polen der deutsch-französischen Militär-Allianz angeschlossen werden.
7. Frankreich willige ein, daß Oesterreich, wenn es den Wunsch habe, sich an das Deutsche Reich unter Vorbehalt der übrigen interessierten Mächte anschließen könne. Falls sich Oesterreich an Deutschland anschließen werde, würde die Tschechoslowakei ihrerseits dem deutsch-französischen Allianzsystem angegliedert werden.
8. Die Llnterzeichnung dieses Vertrages setze ein für allemal jeder zukünftigen Polemik über die Kriegsverantwortlichkeit ein Ende Diese Frage würde in Zukunft als erledigt betrachtet werden.
Lohnfragen im einzelnen befassen sollen. Das englische Bergbaucunt hat einen Plan für eine Regierungsanleihe an den Kohlenbergbau ausgearbeitet. Die Anleihe soll indessen nur dann gewährt werden, wenn sich die Grubenbesitzer zu einer Reorganisation des Kohlenbergbaues und zu einer Schließung einer Reihe unwirtschaftlicher Grubenbetriebe auf der Grundlage der Empfehlungen des Kohlenberichtes entschließen. Baldwin betonte während der Verhandlungen wiederholt, daß keine Fortsetzung der Kohlensubventionen erwartet werden dürfe und daß eine zeitweise Beihilfe für wirtschaftlich schwächere Bergwerke, die die Regierung bedingungsweise versprochen habe, streng begrenzt werde. Die Grubenbesitzer haben neue Lohnsätze an den Eingängen zu den Förderschächten anschlagen lassen, die am 1. Mai in Kraft treten sollen. Diese Lohnsätze stellen durchschnittlich eine wesentliche Herabsetzung für alle Distrikte dar.
Die Politik der Woche.
An die Stelle der österlichen Stille der letzten Wochen ist seit einigen Tagen eine ausgesprochene Hochkonjunktur in außen- und innerpolitischen Dingen getreten. An den Brennpunkten weltpolitischen Geschehens Überstürzen sich die Ereignisse, jeder Tag, jede Stunde verschiebt die Figuren aus Dem Schachbrett der großen Politik, kaleihoskoparug wechseln die Bilder, verwirrend in ihrer Dielheu und Gegensätzlichkeit bestürmen Nachrichten von allen Schauplätzen des Weltgeschehens den Leser und wollen in die großen Zusammenhänge sinngemäß eingeordnet werden. Die Ausdehnung des deutschen Sicherheitssystems auf den Osten durch den deutsch-russischen Vertrag, die Betonung des italienischen Imperialismus und Kolonisationsdrangs in feinem Gegensatz zu Frankreich durch Mussolinis Tripolissahrt und die englisch-italienische Verständigung über Abessinien, als Folge davon beschleunigte Friedensverhandlungen Frankreichs in Marokko, im Osten ein Netz von Neutralitätsverträgen Polens mit >u - mänien, Oesterreich und der Tschechoslowake:, drohende Kriegswolken im nahen Orient, wo die Türkei sich durch einen Angriff Italiens bedroht fühlt, dem der griechische Diktator Pangalos nur allzu gern sein Schwert leiht, das jedoch vermutlich England als Gegner auf türkischer Seite finden würde, schließlich tm fernen China der Sieg Englands über das bolfchewiftifche Rußland nach den blutigen Niederlagen der chinesischen Nationalarm c vor Peking und die Besetzung der nördlichen Hauptstadt durch die siegreichen Marschälle Tfchangtsolin und Wupeifu.
Daneben laufen die finanziellen Verhandlungen einer Reihe europäischer Mächte mit dem Welt- banficr und Gläubiger Amerika über die Bezahlung der Kriegsschulden und Gewährung neuer Anleihen. Italien hat feine Schuldenreoe- lung schnell und glücklich unter Dach und Fach gebracht, trotz der Mißstimmung, die In weiten Kreisen des amerikanischen Volkes gegen Musiolini und feine imperialistlfchen Gesten herrscht, ist das Schuldenabkommen vom Senat bereits ratifiziert. Frank reich wird in Kürze feine Verhandlungen sowohl in London wie auch in Washington wieder auf- nehmen. Pariser Optimisten wollen heute schon wissen, daß P 6 r e t eine glücklichere Hand haben wird als sein Amtsoorgänger C a i l l a u x, und daß es ihm gelingen wird, die amerikanischen und eng- lischen Forderungen wesentlich zu reduzieren. Sehr unwahrscheinlich ist es jedoch, daß das amerikanische Schatzamt sich auf eine’ Verkoppelung der französisch-amerikanischen Schuldenregelung mit der deutschen Reparationsfrage einlassen wird, dergestalt, daß Frankreichs Zahlungsfähigkeit von dem Eingang der deutschen Reparationszahlungen abhängig gemacht würde.
Eine besondere Rolle spielt zur Zeit auch die Frage der Rückgabe des beschlagnahmten deutschen Eigentums. Der vom Staatssekretär Mellon unterstützte, den deutschen Forderungen entgegenkommende Vorschlag, die sog. Mills Bill, ist im Kongreß auf starken Widerstand gestoßen, so daß seine Annahme in der gegenwärtigen Parlamentssession sehr unwahrscheinlich ist. Das ganze Problem droht für die Vereinigten Staaten zu einer innerpolitischen Streitfrage ersten Ranges zu werden, der in dem kommenden Wahlkampf als Agitationsstoff eine große Rolle zugedacht ist, natürlich zum Schaden der deutschen Eigentümer, die von einer endlosen Hinauszögerung einer endgültigen Entscheidung nur Nachteile haben.
Außenpolitisch von Bedeutung war in den letzten Tagen für Deutschland neben abm an anderer Stelle behandelten deutsch-russischen Vertrag die Stellungnahme Chamberlains zur Abkürzung der Besatzungsfristen im Rheinland. Es handelt sich bei der Erklärung des britischen Staatssekretärs im Unterhaus um eine Interpretation des bekannten Dokuments vom Juni 1919, in dem Wilson, Clömenceau und Lloyd George erklärten, daß die Alliierten zu einer früheren Beendigung der Rheinlandbesetzung bereit wären, wenn Deutschland Garantien für die vertragsmäßige Erfüllung seiner Abrüstungsoerpflichtungen gäbe. Deutschland hat abgerüftet, die Botschafterkanferenz hat dies durch'Beschluß vom 6. März in ihrem Bericht an den Völkerbund anläßlich der Ausnahme- verhandlungen in vollem Umfange ausdrücklich bestätigt. Und nun erklärt Chamberlain, der Versailler Beschluß von 1919 wäre lediglich eine Erklärung über die damals bestehenden Absichten der Alliierten, auf die Deutschland heute kein Recht habe sich zu berufen, mit anderen Worten, die Alliierten denken nicht daran, sich an die damals gegebene Zusage zu halten, sie nehmen weiter freie Hand für sich in Anspruch, die Besatzung solange im Rhein- land aufrechtzuerhalten, wie ihnen der Wortlaut ihres Dertragsscheins das Recht dazu gibt, ganz unabhängig von dem Stand der deutschen Entwafs- nung. Zur Bekräftigung seines Standpunktes erklärt Chamberlain weiter, daß die Botschafterkonferenz auf die Anfrage des Völkerbundes keineswegs erklärt habe, daß Deutschland abgerüftet und damit feine Verpflichtungen erfüllt habe, sondern sie habe lediglich ihrer Meinung Ausdruck gegeben, daß Deutschland wirksame Garantien für seine ehrliche Absicht zur Erfüllung seiner vertraglichen Der- pflichtungen biete. Mit anderen Worten, Chamber- Iain will der Wett weismachen, Deutschland habe noch nicht abgerüftet und die Fortdauer der Rhsin- landbefetzung bestehe auch weiter vollauf zu Recht. Das ist ein Umspringen mit der Wahrheit, das dem gerade von Chamberlain fast zu Tode gehetzten „Geist von Locarno" schroff ins Gesicht schlägt und eine würdige Parallele zu den üblen juristischen Haarspaltereien Poincaröscher Methode bildet. Es ist zugleich eine schwere Desavouierung des deutschen Reichsaußenministers, der erst vor wenigen Tagen in feiner Stuttgarter Rede die Notwendigkeit


