Mittwoch, 24. März 1926
Gietzener Anzeiger (Miierai-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 70 Zweites Blatt
Vas Wiederaufbau-Problem.
Von Professor W i t t s ch e w s k i.
Wie bei einem schmierigen Welträtsel suchen die verschiedensten Ministerreden, Denkschriften und Kundgebungen immer wieder nach einer annchin- baren Lösung des Wicderaufbau^Problems. Daß diese Bemühungen nur Teilerfolge in Aussicht stellen, entspricht der Natur der Dinge, denn die deutsche Wirtschaft ist von einem Wall von Hemmungen umlagert, die auch der stärkste Autokrat nicht zu beseitigen vermag. Die der Oeffcntlichkeit vorgelegten Wirtschaftsprogramme verdienen trotzdem zur Kenntnis genommen zu werden, da sie die Urteile von mehr oder weniger maßgebenden Autoritäten über die besten Wege zu unserer Aufrichtung in sich schließen. Nach den jüngsten Darlegungen des Reichskanzlers soll das Werk von Locarno der Ausgangspunkt werden, von dem aus Deutschland im Dienste der Gesamtentmicklung der Welt jene Stelle wiedergewinnt, die ihm als natürliche Eigenschaft seiner Größe und Bedeutung zukommt. Damit in Einklang muß die innenpolitische Entwicklung der Wirtschaft mit verstärktem Zielbewußtsein betrieben werden. Das bedeutet, daß die bisherigen Maß- nahmen^positiver Wirtschaftsförderung nachdrücklich fortgesetzt werden müssen. Der Staat wird aber in dieser Beziehung immer nur in verhältnismäßig engen gesetzgeberischen Grenzen wirksam sein können, wenn die wichtigen Träger des Produktionsprozesses nicht ihrerseits für die Belebung der Wirtschaft Opfer zu bringen geneigt sind. Auf dieser Erkenntnis fußt die vom Reichsverband der deutschen Industrie veröffentlichte Denkschrift, in der die Gründe der gegenwärtigen Wirtschaftskrisis beleuchtet und Vorschläge zu ihrer Bekämpfung gemacht werden.
Von den Führern der deutschen Industrie werden die Schwierigkeiten zur Lösung der Wirtschaftsprobleme zutreffend und eindringlich uns nahegebracht. Wir müssen den Verlust unserer gesamten Auslandwerte und des größten Teils unseres inneren Kapitals ausgleichen. Wir müssen den Produktionsapparat, der während des Krieges und in der Nachkriegszeit eine unverhältnismäßige Ausdehnung erfahren hat, entsprechend dem verkleinerten Betriebskapital und verengten Absatzmarkt einschränken. Wir müssen auf der anderen Seite den ProdlMonsapparat wieder so gestalten, daß wir mit den anderen produzierenden Ländern auf dem Weltmarkt in erfolgreiche Konkurrenz treten können. Wir müssen endlich unsere handelspolitischen Beziehungen zum Auslande wieder neu aufbauen.
Von der Industrie wird offen ausgesprochen, daß auch unser Produktionsapparat einem Ein- schrumpfungsprozeß unterworfen werden muß, denn sie habe selbst das größte Interesse daran, die Produktion der verkleinerten Kapitaldecke anzupassen, um zu einer Gesundung zu kommen. Wenn die Industrie in diesem Sinne für eine Rationalisierung eintritt, so verlangt sie demgegenüber, daß der Staat und die Parlamente, die Arbeiter und die anderen Erwerbszweige zu denjenigen Schritten die Hand bieten, die getan werden müssen, um die größten liebe,, soweit angängig, zu entkräften. Als Konsequenz der allgemeinen Richtlinien ergeben sich die aus früheren Kundgebungen bekannten Forderungen der Arbeitgeberverbände zur Vereinfachung der öffentlichen Finanzwirtschaft, zum angemessenen Abbau der Eisenbahntarife, zu Erleichterungen im Bank- und Kreditwesen. Einschränkung der sozialen Aufgaben, Niederlegung der internationalen Zollmauern und manches andere.
Zu der Denkschrift des Reichsverbandes nimmt eine Kundgebung der freien sozialistischen Gewerkschaften (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund, Allgemeiner freier Angestelltenbund, Allgemeiner Deutscher Beamtenbund) Stellung, indem die Interessen der Arbeiterschaft dem vermeintlich einseitigen Unternehmerftandpunkt entgegengehalten werden. Dadurch werden bedauerlicherweise die alten Gegensätze zwischen den beiden Parteigruppen in einer Schärfe ausgespielt, die dem Geist einer pro-
Gießener Stadttheater.
Heinrich Sshnrey: „Dirrvels".
Ms Ernst von Wildenbruch In Weimar ein anderes Drama des Dichters Heinrich S o h n - reh, das Volksstück „Dorfmusikanten". gesehen hatte, schrieb er darüber: „. . . und indem ich dabei sah, habe ich zu meinem dramatisch-kritischen Verstände, der hier und da aufmucksen wollte, gesagt: Halt's Maul und störe mein Herz nicht! Denn mein Herz freut sich." Das ist nun schon eine gute Zeit her; und wenn Wildenbruch heute noch lebte (er Hütte aber wohl den Rieder- gang feines geliebten Vaterlandeis nicht überdauert) und dieses Stück gesehen hätte, dann hätte er vielleicht dasselbe gesagt. Oder doch etwas etwas Aehnliches: Mein Herz ist ergriffen. So sagen wir heute an feiner Statt; wir find ergriffen und sind bewegt und heißen den dramatisch-kritischen Verstand stillschweigen, oder achten gering ,was er uns kühl und spitz einflüftern nwchte.
Ein Dauerndrama in vier Akten. Spielend Ende der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Dergloh, einem Dorfe im hamwver- schen Weserbergland. Wenn man die Dorfstrahe hinauf, ins Dorf hinein sieht, erblickt man rechts der Straße das Armcmhaus der Gemeinde, links aber ein stattliches Gehöft im Riedersachsenstil: da wohnen Düwels, der Vollkötner Heinrich mit seiner Frau Lina und seiner Schwester Marie, mit dem alten Düwel und der alten Düwelschen, die „auf der Leibzucht" sitzen, auf bem Altenteil. Wsenn aber der Bankier Samuel Loeb auf den Hof zugeht, dann schaut aus dem Armenhaus gegenüber der alte Tagedieb Daniel Barnkote, der „schwarze Daniel in der Löwengrube", spricht einen frommen Spruch aus Jesus Sirach und ruft Über die Straße: „Tao Samuel! Willste mal wieder zur Holle fahren?"
Wahrhaftig: der Aame des Stückes ist bittere Ironie und mitleidiges Symbol. Der große Hof ist eine rechte Hölle, und in Haus und Stall ist der Teufel los. Die fünf Menschen leben so hoffnungslos gegeneinander und vergiften sich gegenseitig dir Luft und den Lebensatem, daß man glauben könnte, in eine Strindbergwelt verseht zu sein. Die Frau, die Düwelsche, an der hängt das ganze Unheil, der Krebsgang auf dem Hof, in ihr ist Bosheit und Herzenshärte und alle Teufelei. Gewiß, die Alten haben's gewollt, daß der Sohn sie nahm. Lind nicht das Hannchen, nach
duktionssördernden Arbeitsgemeinschaft nahezu die Türe verschließt. Rach gewerkschaftlicher Auffassung mußten im Wirtschnstsprogramm die sozialpolitischen Forderungen stets in der vordersten Reihe stehen. Denn in der privatkapitalistischen Wirtschaftsordnung werde der Kampf u m den Anteil am Arbeitsertrag unvermeidlich fortbauern. Auf dem Klassenkampf ist also hiernach zu beharren, wenigstens solange, bis Die sozialistischen Ziele aus der ganzen Lime siegreich sind. Uni) daß dos gewerkschaftliche Friedensdiktat alsdann für die Intelligenz in der Leitung der Wirtschaftsbetriebe mir noch wenig Raum lassen würde, liegt auf der Hand.
Bei der Haltung der freien Gewerkschaften in Fragen der Lohnpolitik und Arbeitszeit wird eine Verständigung, wie sie von den Arbeitgeberverbänden gewünscht wird, sich schwerlich herbeiführen lassen. Der freigewerkschaftliche Grundsatz, daß steigende Löhne ein starker Motor des wirtschaftlichen Fortschritts sind, ist in seinem Kern richtig, unter der Voraussetzung aber, daß gleichzeitig die Produktivität der Wirtschaft entsprechend sich erweitert, also die Produktion verbilligt, und ein größerer Güterab - s a tz bewirkt werden kann. Nominelle Lohnerhöhungen bedeuten keine Stärkung der Kaufkraft. Diese muß vielmehr in der durch erhöhte Lei- ftu n g und rationelle Betriebsführung ermöglichten allgemeinen Verbilligung der Arbeitsprodukte gesucht werden. Mit der Herabdrückung der Produktionskosten find auch die Gewerkschaften durchaus einverstanden, sie verwahren sich aber dagegen, daß das durch Lohndruck oder Beseitigung von sogenannten Soziallaften geschieht. Sie fordern vielmehr die Ausgestaltung der oestehenden Sozialversicherungen und vor allen Dingen schnellste Durchführung einer ausreichenden Arbeitslosenversicherung. Und die schematische Anwendung des A ch t st u n d e n t a a e s ist für sie ein unverbrüchliches Prinzip, obgleich die wissenschaftlichen Untersuchungen der neuesten Zeit die künstliche Einschnürung der Arbeitszeit als ein bedenkliches Experiment erwiesen haben.
Im Wiederaufbau-Programm der Gewerkschaften bildet also die Sozialpolitik in jeglicher Gestalt den Grundstein. Die aus der verbesserten Lebenshaltung der Arbeitnehmer folgende Erweiterung des Absatzmarktes soll den Aufschwung der Produktion herbeiführen. Im übrigen müsse mit der Steigerung des Reallohnes die Verringerung der Produktionskosten Hand in Hand gehen, da andernfalls die Warenoreise in die Höhe gehen würden. Vom Reichsvervande wird dagegen hervorgehoben, daß die gewerkschaftliche These die Sa- n.erring am falschen Ende in Angriff nehmen will. Alle Faktoren des Produktionsprozesses, also auch die Löhne, müßten den kritischen Verhältnissen sich anpassen. Die Brücke der Verständigung scheint hiernach noch in weiter Ferne zu liegen.
Deutschland in Syrien.
Von unserem L.-Korrespondenten.
Beirut, 16. März.
•)lur mit großen Schwierigkeiten ist es möglich, als Deutscher in Beirut für kurze Zeit an Land zu kommen. Trotz Locarno genießen die Deutschen dort eine Ausnahmebehandlung. Alle Passagiere des Dampfers, den Ihr Berichterstatter benutzte, durften sofort an Land: Amerikaner, Engländer, Italiener, Tschechen, Türken, Franzosen; nur die Deutschen nicht. Diesen gelang es erst nach lan» §en Schwierigkeiten, die Genehmigung zum Von- ordgehen zu bekommen.
Immerhin genügte die kurze Zeit doch, um einige interessante Beobachtungen zu machen. Die französische Verwaltung erscheint nicht allzu beliebt. Besonders die vielen mit Reitstöcken lebhaft herumfuch- telnden Offiziere scheinen wenig gern gesehen zu sein. Ich sah eingeborene Syrier hinter Offizieren bezeichnende Gesten machen. Der Unabhängigkeit s w i l l e hat nun einmal den ganzen Orient mit aller Macht ergriffen und richtet sich gegen alle fremden Mächte, die im Orient irgend-
dem dem Heinrich das Herz stand. Aber: „sie hatte doch nichts. . ." und „was Wollteste denn
mit'm Herzen? . . . damit konnteste doch auch
keine Schulden bezahlen, mit'm Herzen."
Lind jetzt ist das Hannchen mit dem
Straßenbahner Bode aus der großen Stadt Hannover versprochen, und dem Düwel hilft es nichts, daß er sein armes Herz in beide Hände nimmt und ihm gut zuredet. Este Düwelsche, das Weib, das den Mann aufhetzt und Llnfrieden stiftet und den Alten ihr Bißchen nicht gönnt, bringt es auch dahin, daß die Düweleltern ihr Dündelchen zusammenraffen und Haus und Hof und Altenteil verlassen.
So steht es am Ende des ersten Wies. Schon hoffnungslos und verdüstert ist die Szene im bäuerlichen Inferno, das von der Macht der Finsternis unheimlich beherrscht wird. Ist so der schwere GrundaKord angeschlagen, — daß man das Drama als ein niederdeutsches Gegenstück zu Anzeirgrubers „Viertem Gebot" ausfassen kömrte — im Eingangsalt werden auch bereits die verschlungenen Fäden angesponnen, die das ebenso tragische Verhältnis der Geschlechter regieren. Es ist beklemmend, zu sehen, mit welch tödlicher Verfehlung sich da die Linien überschneiden und auseinanderlaufen, anstatt zusammenzuführen. Der Düwel halte „gemeint, es ginge, aber es geht nicht" ohne das Hamrchen. Lind die wird mit dem Hannoveraner schon lange nicht ins Reine kommen, geschweige denn glücklich sein. Die Dü° welsmarie trägt das Höllenzeichen ihres Hauses so deutlich, daß der Lorberg, ein Dauernbursch, der zu ihr gehört, gar nicht mehr nach ihr hinsieht, und es kann ihm (mit seinen eigenenWorten) niemand verdenken, toenn er sich besonnen hat. Die Marie überlebt's nicht, der traurige Anblick ihrer vertriebenen Eltern, die in Hannchens Hoch- zeitszug schnapsduselig durchs Dors Wanken, gibt ihr vollends den Rest; der zweite Akt endet mit den Klagerufen der Mten: „Mariechen! Tot! Tot!"
Lind die Jungen? Richt genug mit dem Elend. Die Vertreibung der (Sltem hat fein Glück gebracht. Der Heinrich, der sich mit der Schnapsflasche zu betäuben versucht, in stumpfes, verbohrtes, sinnlos grübelndes Richtstun versinkt, muß sich von seinem Weibsteufel die Worte ins Gesicht werfen lassen: „Kannst du mir nicht einmal sagen, was eigentlich ein Mann ist? Vier Jahre find wir nun schon beisammen, . . . und ich weiß noch nicht, was ein Wann ist." Dazu kommt die bittere Reue über die verstoßenen
welche Herrjchaftsrechte ausüben. Infolge davon ist die Stelluna Deutjchlauds im ganzen Orient sehr g ü n ft i g , weil cs nie im Orient Kolonien gehabt und auch nie politische Ambitionen gezeigt hat, die die Freiheit seiner Völker beschränkt hätten. Der Orientale, sei er- nun Türke, Araber, Aegypter. ist allgemein fremdsnfeindlich. Der Deutsche gilt aber als der Fremde, mit dem man noch am liebsten arbeiten möchte, weil er gute Ware liefert und ehrlich ist, und weil man von ihm erwartet, daß er feinen wirtschaftlichen Einfluß nicht politisch aus- wertet. Deutschland. politische Uninteressiertheit im Orient gibt ihm also einen wirtschaftlichen Vorrang, den man nicht gering einschätzen darf.
Die Lage in Syrien ist ebenso. Allerdings ist dort zur Zeit für Deutsche noch nicht viel zu urachen, weil die militärischen Maßnahmen alles Wirtschaftsleben unterbinden. Doch das wird sich ja auch einmal ändern. Im übrigen scheint die Lage für die Franzosen auch heute noch keineswegs günstig zu sein. Einige mitreisende Amerikaner wollten nach Damaskus. Es wurde ihnen glatt verboten. Eine Fahrt nach Baalbeck wurde ihnen nur widerwillig gestattet mit der ausdrücklichen Warnung, vor Dunkelheit zurückzukehren, da nachts überall Schießereien zu befürchten feien. In Beirut treffen fortwährend Flüchtlinge aus Damaskus und Umgebung ein. Gegen die Presse geht das französische Oberkommissariat seit einigen Tagen rücksichtslos vor. Einige Blätter sind verboten worden. D o r- Zensur ist eingeführt. Verschiedene Redakteure werden sich wegen Hochverrats zu verantworten haben. Auch einige Todesurteile sind vollstreckt worden. Kurz, man will es offenbar noch mit einem Gewaltregiment versuchen. Ob das gelingen wird, erscheint mehr als zweifechast, zumal' Frankreich schon ungeduldig wird und letzthin die Kredite für Syrien und Marokko stark gekürzt hat.
Nach irgendeiner Richtung wird sich die Lage aber wohl bald klären, und dann, dürfte für den deutschen Kaufmann der Augenblick fein, sich in Syrien zu betätigen, zumal nach Deutschlands Eintritt in den Völkerbund Deutschland dieselben niedrigen Zollsätze bezahlen muß wie alle Völkerbundesstaaten, während deutsche Waren augenblicklich mit höheren Zöllen belegt werden.
Die Renaissance im Islam.
Von unserem E. S.-Berichterstatter.
Konstantinopel, Mitte März.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)
lieber das eigentliche religiöse Leben in den Ländern des Islams herrschen im europäischen Durchschnittspublikum immer noch recht unklare Vorstellungen, und im allgemeinen weiß man nicht viel wehr, als daß es dort zwei „Sekten" geben soll, die Sunniten und die Schiiten. In Wirklichkeit sind das aber keine religiösen Sekten, die durch ein dogmatisches Schisma nach Art der römischen und griechischen Kirche sich getrennt haben, sondern zwei Gruppen die sich infolge einer politischen Divergenz bei der Wahl des Nachfolgers von Mohammed von einander geschieden haben. Dagegen gibt es bis heute im Istam mehrere wirklich religiöse, „Mesheb" genante Sekten, von denen weiter unten die Rede sein soll, Sekten, deren unterscheidende Merkmale gerade in allerneuester Zeit berufen scheinen, eine sehr bedeutende kulturelle und politische Rolle zu spielen. Ein kurzer historischer Rückblick auf die politischen Ereignisse in Arabien seit 1915 ist zum vollen Verständnis dieser Fragen erforderlich.
Der Scherif Hussein von Mekka hatte sich bekanntlich schon im Jahre 1915 durch seinen Angriff gegen die Türken der Entente angeschlossen. Im folgenden Jahre erhielt er dafür die Königswürde von Englands Gnaden, wobei ihm als Herrschaftsgebiet ganz Arabien mit Syrien, Palästina und Mesopotamien in Aussicht gestellt wurde. Als aber schon im Jahre 1917 die Alliierten das Fell des noch nicht erlegten türkischen Bären unter sich verteilten, wurde Hussein schmählich betrogen und blieb als König von Hedfhas ein kleiner britischer Vasall.
Seit diesem Jahre aber begann die bedeutendste Persönlichkeit des heutigen Arabiens, der Führer der Wahhabiten, Abdul Asis Ibn Saud (nad) dem Arabischen richtiger: ^ughud), sich cncrmfdjer za regen. Dieser 1K80 in Ko weit geborene Mann war schon 1901 gegen Nedshed nergegangen, das er aber erst 1909 eroberte. Im Jahre 1915 verständigte er sich mit England darüber, seine Herr- schoit nicht über das Gebiet von Nedfhd hinausjuic- zudehnen, eroberte aber 1917 die türkische Stadt Ghasu. Bis 1918 organisierte er die Beduinen u einer stattlichen Hecre-inacht, eroberte in diesem Jahre die (üblich von Mekka gelegenen Städte Turbeh und C h n r ni a I), bann and; die Gebiete H a i b e r und T i j e h , und zuletz: bis 1921 auch die Gebiete von S ch a m a r und D s ch e w e f.
Als die Franzosen merkten, daß Ibn Saud sich gegen den britischen Vasallenstaat H e d s h a s wandte, hatten sie ihn sofort unterstützt und taten es seit 1921 in besonders wirksamer Weise. Erst als der Aufstand in Syrien ausgebrochen war und die Franzosen den Engländern Konzessionen machen mußten, hörten sie mit dieser Unterstützung auf. Nun aber schlossen sich alle Beduinen den Wahha- biien an, so daß, nachdem aud) die Hafenstadt Dsheddeh in ihre Hände gefallen war, schon fast bas gesamte Gebiet von Hebjhas sich unter der Herrschaft Ibn Sauds befand. Gleichzeitig herrschte in der gesamten Welt des Islams eine gewaltige Empörung gegen den König Hussein, weil er fein Land brutal unterdrückt und die M e k k a p i V g c r, von denen jährlich etwa 200 000 ins Land tarnen, in räuberischer Weise ausgeplündert hatte. Die Engländer hatten Hussein überhaupt nicht unterstützt, ließen ihn jetzt ganz fallen und suchten sid) mit bem wahhabitischen Sieger in freundschaftlicher Weise zu verständigen. Die Kämpfe zogen sid) nod) bis zum Herbst 1925 hin, bis am 5. September zuerst der bei Mekka gelegene Villenort Teif und bald darauf die heilige Stadt selbst erobert wurde. Nunmehr sind die Wahhabiten, die mit beispiellosem Heldenmut gekämpft haben, die unbestrittenen Beherrschet ganz Arabiens.
Es ist deshalb, um die zukünftige Entwicklung der islamitischen Länder zu verstehen, vor allem erforderlich, sich mit der religiösen Einstellung der Wahhabiten, sowie der übrigen Mohammedaner, etwas genauer, als es bisher geschehen, bekannt zu machen.
Die ursprünglichen Grundlagen des mohammedanischen Glaubens bilden bekanntlich der K o r a n , der die „Worte Allahs" enthält, unb der „Hadi s" mit den nicht direkt als Gotteswort geltenden Aussprüchen Mohammeds. Anderthalb Jahrhunderte nad) Mohammed verfaßte aber der Jinan Aghsam Ebuhanifeh seinen „F i k e h" genannten Katechismus des islamitischen Glaubens mit vielen Zusätzen, die sich hauptsächlich auf die Auslegungen des Korans und Hadis' beziehen. Diese erweiterte Lehre bildet die dogmatische Grundlage für die,allermeisten Völker türkischer Rasse, für die Dsmanen, die Türken Zentralasiens, Rußlands und Chinas. Iir einem Gegensatz zu ihnen stehen die drei anderen großen Sekten des Islams, „S ch a f f y g i" im Kaukasus und dem türkischen Aserbeidshan, die „M o l i k i", der alle Araber, Mauren und Ka- dylen Nordafrikas angehören, und die „E ham - beli" oder Wahhabiten, die in Mittelarabien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden find. Die drei letztgenannten, vorzugsweise arabischen Sekten erkennen als dogmatische Grundlage ihres Glaubens nur den Koran und Hadis an, während sie alle späteren Zusätze und somit vor allem die Heiligenverehrung, verwerfen.
Bei einem Vergleiche dieser „Mesheb" ober islamitischen Sekten mit den christlichen Konfessionen kann man die konservative, von Ebuhanifeh burdj feinen Katechismus festgelegte Richtung der türkischen Völker mit bem Katholizismus in Parallele stellen, währenb die brei übrigen Sekten mehr ben Protestanten zu vergleichen sinb. Jnsbesonbere die Chambili oder Wahhabiten mit ihrem mehr liberalen Dogma einerseits, ihrem fanatischen Vorgehen andererseits, zeigen eine auffällige Analogie, mit bem christlichen Puritanertum eines Kalvin und Cromwell.
Eltern; aber es ist viel zu spät. Der Bauermeister bringt die Alteir vor den Düwelshof und bittet für sie um Einlaß, damit sie der Gemeinde nicht zur Last fallen. Aber die Düwelsche schmeißt die Tür zu und schiebt den Riegel vor. Die beiden Alten legen sich am Ende auf einen Stein zur Rachtruhe nieder. Der Mond und die Sterne bescheinen sie, brs der alte Daniel (der sich zuvor erbittert gegen seine Ausquartierung und Oeff- nung des Armenhauses gewehrt hat) sie am Ende zu sich hereinholt.
Am.andern Morgen findet der Düwel die Eltern in der „Löwengrube". Lind mit dem Schmerz darüber blüht noch einmal eine winzige Hoffnung auf, wie alles gut werden köimte, wenn er die Alten wieder zu sich nähme auf den Hof. Aber als er mit ihnen vor die Tür kommt, stürzt die Düwelsche heraus, wie eine Megäre, stellt sich kampfbereit vor die Tür, und der schwarze Daniel ruft zum Bauern hinüber: „Jetzt muht du schon eine Kanone kommen lassen." (Es Hingt grotesk, aber man hat bei der Hamburger Uraufführung 1911, Wohl zu Recht davon gesprochen, der Dichter habe in diesem Armenhäusler so etwas geschaffen, wie es der Chor der antiken Tragödie war.) Das Maß ist voll. Gute Worte zerschellen am erfrorenen Herzen der Bäuerin. Da bricht endlich in Heinrich alles auf, was er in den vier Jahren erlebt, erlitten und in sich hineingefresfen hat. Er greift die Axt, die Tür einzuschlagen, das Weib springt vor und fällt, tödlich getroffen, zusammen. . . Der Düwel geht einem gerechten Gericht entgegen. Das Bauerndrama ist aus. Lind die letzten Worte der Johanne scheinen doch noch einen schmalen Weg ins Helle zu weisen: „. . . komm wieder. . .“
So ist dieses Drama. So spricht es zu uns. So eindringlich, daß man den „dramatisch-kritischen Verstand" schnell zum Schweigen bringt, der einem dies und das einwenden möchte. Etwa, daß man dem Stück die ursprünglich epische Konzeption noch anmerke; daß allerlei Rebenwerk sich ausbreite, wie im Hochzeitszug (Akt 2) und um den schwarzen Daniel herum; daß naturalistische Zustandsschilderung nachklinge; daß die Bauernnatur des Düwel vielleicht zu weich und passiv angelegt sei; daß die (von einzelnen Wendungen abgesehen) hochdeutsche Fassung vom Volksstückcharakter ablenke . . .Das alles ist nicht wesentlich: auf das Herz kommt es an. Man wird ergriffen von der grausigen Einfachheit der Schicksale, die sich da Guttun, von der Kraft des Mitleidens, der großen Ehrlichkeit und dem
schmerzlichen Ernst des Dichters, von seiner liebevollen Menschengestaltung und seinem warmen, mit der Scholle sich verbunden wissenden Heimat gesühl. Richts Besseres wird man dem Stück nachsagen können, als dies: Wenn man es erlebt, spürt man die Rähe Stavenhagens, der allzu früh dahingegangenen Hoffnung des neuniederdeutschen Dramas.
Die Aufführung des Werkes war ausgezeichnet; von großer, innerer Geschlossenheit und starker, ganz unmittelbar sprechender Ausdruckskraft. Die Regie (KarlVvlck) hatte die Vorgänge vereinfacht und verinnerlicht; sie spielte das Stück stilgerecht, fein und durchsichtig, lieft die harten, krassen und unbarmherzigen Ereignisse vor ihren seelischen und menschlichen Hintergründen sich begeben. Manches war gestrichen (wogegen nichts einzuwenden ist; vielleicht hätte auch das theatralische Zugeständnis der Erscheinung im 3. Akt fallen können). Das Gaiize erhielt durch leichte Dialektmarkierung sehr glücklich die bodenständig- heimatliche Tönung, deren es unbedingt bedarf. Das trefsliche Bühnenbild Löfflers faßte die Akte in einen gleichbleibenden szenischen Rahmen. — Auch die Besetzung lieft kaum zu wünschen übrig. Eine geradlinige, blutvolle Gestaltung gab Juhnke mit dem Cüwelbauern. A'les echt und empfunden: das Riedergedrückte, Verbissene, Verelendete, das um diesen Menschen ist; wuchtig zuletzt das Aufrecken und Ausbrechen eines zum äußersten Getriebenen. Ise Oft f e hatte die „Düwelsche", und es war verblüffend, zu sehen, welcher Wandlungen diese Schauspielerin fähig ist. Sie traf den grellen, schneidenden Ton, auf den die Figur geflämmt ist, mit einer fast schmerzhaften Härte und Heftigkeit. (Im letzten Akt wurde, für unser Empfinden, manches zu sehr vom Körperlichen her gespielt.) Ein ergreifen- dä altes Paar gaben K. Vo 1 ck und A M a r ck s; Ingeborg Scherer, in rührender Hilflosigkeit, ging den Leidensweg der jungen Marie. Susanne Heym, fein und still, die Johanne. Eine famose Charatterstudie schuf T e l e k y aus dem schwarzen Daniel; sehr sich.r in Maske und Tonfall, bedächtig-philosophisch, mit gutmütigem, leisem Humor, machte er alles in diesem Armenhäusler lebendig, was der Dichter in wunderlicher Mischung in ihn hineingelegt hat. Aus dem Ensemble seien noch genannt Geffers als Bauermeistev und Goll als Bauer Wameke. — Stück und Aufführung fanden ben ehrlichen Erfolg, den sie verdient haben. Der Dichter konnte zuletzt mit den Schauspielern den Dank des vollen Hauses entgegennehmen. Dr. Th.


