Nr. 46 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Mittwoch. 24. Zebruar 1926
Für den Büchertisch.
Literaturgeschichte.
— E. T. A. Hoffmann. Der Künstler und die Kunst. Von Ernst Heilborn. Mit acht Tafeln. In der Reihe „Deutsche Lebensbilder". — Ullstein, Berlin. — Es ist nicht leicht, heute noch ein Buch von Wert und Dauer über Hoffmann zu schreiben. Jeder, der sich ihm heute nähert, steht, wenn anders er ernst genommen sein will, auf den Fundamenten, die Hans von Müller und Walther Harich gelegt haben. Dennoch findet auch dieses Werk sein Bestes im Eigenen; hier hat man eine Darstellung, die vom Mythos um Hoffmann ausgeht und, sich rundend, zum Mythos zurückkehrt, der im Anfang war: Mythos des magischen Menschen, des Künstlers schlechthin. Man spürt (wenn man mit den Dingen vertraut ist, am unmittelbarsten) in diesem Lebensauf- riß geistiges Schürfen, viel Liebe, feinnerviges Tasten ins Wunderbare, und spürt irgendwie ein Verwandtsein, das zur Deutung oder zum Deutungsversuch das Recht verleiht. In kurzen Kapiteln ist wiedenmi bemerkenswerte Abrundung erreicht. Essayistischer Reiz strömt aus meist glücklicher Eigenwilligkeit des Stils, aus unleugbarer Gabe zu präzisierender, auf kürzestes Maß gestellter Formulierung. Man findet in diesem Buch ganz ausgezeichnet, vom Wesentlichen her Gesehenes und Gesagtes, was man zuvor noch nicht las, nicht so einfach, oder so deutlich. (Das will etwas heißen in diesem Falle.) Und man ahnt — kein Widerspruch zu dem, was einleitend gestreift wurde — wie viel noch um die sprühende, funkelnde, brennende Hell-Dunkelgestalt dieses Buches ist, was auszuschöpfen, zu lösen und zu erweitern bleibt. Die Fundamente sind ja erst seit ein paar Jahren überhaupt gelegt. Sie tragen übrigens vor allem die ersten Kapitel des Werkes, das gegen Ende sich erstaunlich steigert und füllt; erst in den letzten Teilen des Ganzen entfaltet sich sein allereigenstes Gut. Heber den Abschnitt „Liebesleben und Erotik" (um einzelnes anzuschneiden) wird man geteilter Meinung sein können; begrüßenswert aber, wie einläßlich das Verhältnis zu einigen Frauen (außer Micheline und Julia), vor allem zu Cora Hatt, dargetan wird. Interessant, wie im folgenden, „Leben in Zeit und in Beruf", aus zeitlichem Umriß wiederum eine geistige Profilierung des Menschen Hoffmann gewonnen wird. Das Kapitel „Der Künstler und die Kunst" wird durch die (teilweise wenig bekannten) Reproduktionen sehr glücklich ergänzt. Anderes scheint weniger getroffen, z. B. das Verhältnis zu Callot ein wenig gering angeschlagen, und die Einflüsse von Novalis her doch wohl überschätzt. (Was übrigens bei Heilborn nahe lag, der, am bekanntesten als Herausgeber der „Literatur", vor einem Dierteljahrhundert eine kritische Ausgabe und eine Biographie von Hardenberg erscheinen ließ.) Die stärksten Eindrücke endlich hinterlassen die Kapitel „Stil", „Das Werk" und vor allem „Die Stadt"; dieser abschließende Abschnitt gehört zum Besten, was über Hoffmann geschrieben wurde. Zusammengefaßt: Ein gutes Buch, durchaus zu begrüßen, persönlich geformt und immer interessant, selbst da, wo man ihm nicht zu folgen vermag. 79
— 3n „Sprache und Dichtung". Forschungen für Sprach- und Literaturwissenschaft, herauS- gegeben von Harry Maync und S. Singer (beiden in Bern), erschien als Heft 36 eine Untersuchung von Dr. Emil Gasser über „Grundzüge der Lebensanschauung Rainer Maria Rilkes"; Dem 1925 (bei Paul Haupt). — Es mag auf den ersten Blick ein wenig befremden, eine Erscheinung von der seelischen Zartheit und empfindlichen Feinheit Rilkes, einen Menschen so voller Zurückhaltung und Einkehr in sich, der überdies, kaum 50 geworden, mitten im Geben steht, in diesem Buche so völlig aufgeschlossen, bestimmt und fast historisch dargetan zu finden. Aber das sind Erwägungen des nur ästhetisch Betrachtenden und Ausnehmenden. Beim tieferen Eindringen wird man das Werk begrüßen (auch der Rur-Aesthctiker, und gerade er. wird sich nicht ausnehmen) als eine Arbeit, die Kusammenfassend, bis auf weiteres abschließend und daher grundlegend sein dürfte für alles Kommende. (Unö es wird wohl noch manches kommen.) Gassers Abhandlung ist eine ungemein fleißige, belesene und grundgelehrte Untersuchung, die dennoch eine gerade hier entschieden zu fordernde, tastende, gleichsam sinnlich nachspürende Einfühlungsgabe in die dichterischen Imponderabilien nicht vermissen läßt. Das Buch gibt einleitend einen biographischen Ueberblid, weiterhin (sehr verdienstlich, obschon nicht immer eingehend) eine Kritik der vorliegenden Rilke- literatur, außerdem eine schätzbare, bebliogra« phische Zusammenstellung. Die Arbeit, die Rilke durchaus als Einheit, und zwar — was bisher in so bestimmter Form wohl noch nicht vertreten wurde — als romantische Einheit faßt, behandelt im ersten Hauptteil die Lebensanschauung des Dichters als Ausdruck seiner Persönlichkeit und gibt eine gute, sehr gründlich belegte Analyse der elementaren Begriffe im Weltbilde Rilkes, die man zusammenfassen kann als: Die Dinge und Gott. Mit Recht ausfiihrlich gibt dieser Teil anschließend die (für alle Glieder des (Seorgefreifed so sehr bedeutsame) formale Genesis. Der zweite Abschnitt — Rilkes Lebensanschauung in ihrer historischen Bedingtheit — untersucht (soweit wir sehen können, erschöpfend) Zusammenhänge und Einflüsse von außen her. Stark, vielleicht zu stark betont, aber im Sinne der Grundeinstellung des Verfassers, das Verhältnis zur deutschen Romantik, insbesondere zu Novalis. Allgemein anerkannt sind heute die bedeutenden Einflüsse von Westen her, von den französischen Symbolisten, den Beaudelaire (George!), Verlaine, Mall- arme. älebrigens auch Maeterlinck und Andre Gide. Aus den drei letzten Kapiteln des zweiten «und letzten Teils scheinen besonders beachtlich, weil bisher noch nicht, jedenfalls nicht so eingehend und ausschöpfend nachgewiesen: Rilkes Beziehungen zu Jacobsen und Ibsen. lind das Erlebnis Rußland, ein großer, geistig-seelischer Komplex, der aus der Gesamterscheinung des Rilkeschen Werkes nicht mehr wegzudenken ist. Das Buch lieft nicht immer leicht; schon wegen einer Fülle von Anmerkungen, die aus dem Text herausgezogen und am Schluß (auf etwa 80 Seiten) als ein mit Akribie gearbeiteter Apparat vereinigt wurden. 40
— Sir Gala hab: Idiotenführer durch die russische Literatur. 164 S. Bei Albert Langen. München 1925. — Ein äußerst merkwürdiges Buch; man macht die nicht uninteressante Bekanntschaft mit einem Autor, dessen früher erschienene Bücher, ein Roman „Die
Der neue Insel-Goethe.
Von Professor Dr. Hans Gerhard Gräf.
„Was einer in der Jugend wünscht, hat er im Alter genug“ — dieses „brave und hoffnungsvolle altdeutsche Wort" hat Goethe, leicht umgebildet: „Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle", als Motto dem zweiten Teile von „Dichtung und Wahrheit" vorgesetzt und seinen Sinn daselbst im neunten Buch ausführlich und schön erklärt.
Oftmals gedachte ich dieses Wortes und legte ihm einen neuen Sinn unter, als im Iahre 1905 Goethes Werke im Insel-Verlag zu erscheinen begannen als Teil der „Großherzog Wil- Helm-Ernst-Ausgabe deutscher Klassiker". Wie lebhaft hatte ich als Gymnasiast und Student mir gewünscht: die beiden Teile des „Faust", des „Wilhelm Meister" und „Dichtung und Wahrheit" in handlicher Taschenausgabe zu besitzen, um sie, bequem in Ioppe ober Rucksack geborgen, auf Wanderungen als treue Begleiter mitzuführen. anstatt bie damals üblichen vielbändigen Ausgaben schleppen zu müssen. Dieser Wunsch sollte mir nun spät, doch nicht zu spät erfüllt werden: bant dem zierlichen Format, dank vor allem dem vortrefflichen Dünndruckpapier nach englischem Muster erschien der ganze „Wilhelm Meister" auf wenig mehr als 1000 Seiten in einem schmiegsamen, bequemen Bande, beide Teile „Faust" mit allem Beiwerk sogar auf nur 572 Seiten, ja sämtliche Teile von „Dichtung und Wahrheit" beanspruchten nur einen einzigen Band von 829 Seiten, 17 cm hoch, 10 cm breit, 2 cm dick, noch nicht 250 Gramm schwer! wahrhaft ideale Reisebegleiter. lind dank diesen äußeren Vorzügen ist denn auch insbesondere der „Sauft“« Band in Taufenden von Exemplaren während des Weltkrieges unfern kämpfenden Männern und Jünglingen ein treuer Begleiter und Tröster gewesen.
Jetzt, wo diese (im Iahre 1917 zum Abschluß gelangte) Goethe-Taschenausgabe soeben in neuer, wesentlich bereicherter Gestalt erschienen ist, geziemt es sich, erneut auf sie hinzuweifen und auch ihrer inneren Tugenden zu gedenken.
Der Gesamttitel der neuen Ausgabe lautet jetzt „Goethes sämtliche Werke"; statt sechzehn Bände umfaßt sie nunmehr siebzehn, von denen acht die Dichtungen enthalten: zwei Bände Romane und Rovellen, drei die dramatischen, zwei die lyrischen und epischen Dichtungen, ein Band die Uebersetzungen und Bearbeitungen fremder Dichtungen. Die autobiographischen Schriften fiillen drei, die Kunstschriften zwei Bände, ebensoviele die „Aufsätze zur Kultur-, Theater- und Literaturgeschichte, Maximen und Reflexionen", sowie die Raturwissenschaftlichen
Schriften. Innerhalb der großen Gruppen sind die einzelnen Werke nicht, wie früher üblich, nach ästhetischen und stofflichen Gesichtspunkten geordnet, sondern nach der Zeit ihrer Entstehung; die möglichst streng chronologische Anordnung hat sich als ebenso lehrreich wie genußreich bewährt und ist eine wesentliche Besonderheit dieser Ausgabe.
Rund 1500 Seiten enthält die neue Ausgabe mehr als die alte. Eine so erstaunliche Bereicherung wurde ermöglicht erstens durch die Uebernahme vieles Ungeörurften, das zuerst in der großen Weimarer Ausgabe erschienen ist, sodann durch die Ausnahme von „Wilhelm Meisters theatralischer Sendung" und der ersten Fassung der „Leiden des jungen Werthers“, endlich dadurch, daß den Raturwissenschaftlichen Schriften statt nur eines Bandes von 706 Seiten zwei Bände von insgesamt 1598 Seiten ein« geräumt wurden.
Diese bereicherte Auswahl aus den Schriften zur Raturwissenschaft ist ganz besonders dankbar zu begrüßen. Denn auf eine solche, alles Wesentliche enthaltende Auswahl auf diesem Gebiet kann, wie Max Morris mit Recht betont hat, „feine Ausgabe verzichten, die ein volles, ausgeglichenes Bild von Goethes geistiger Persönlichkeit bieten will."
Außer fünf Tafeln zur Abhandlung „lieber den Zwischenkiefer des Menschen und der Tiere" und mehreren, dem Text eingefügten, auf Botanik und Physiognomik bezüglichen Abbildungen enthalten die Bände zur Raturwissenschaft dankenswerterweise auch einunddreißig Tafeln zur Farbenlehre, nach Goethes eigenen Zeichnungen, in vortrefflicher Rachbildung.
Der Preis dieser, zur Zeit nächst der vergriffenen großen Weimarer reichhaltigsten Goethe-Ausgabe beträgt nur 150 Mark für das in Leinen, 260 Mark für das in Leder gebundene Exemplar. Für diejenigen, denen das ganze Werk auf einmal nicht erschwinglich ist, besteht die Möglichkeit, die Leinenausgabe einzeln zu erwerben und so nach und nach das Werk zrq beziehen. Die zierlichen Bände in ihrem geschmackvollen. schlichten Gewand werden der Bücherei auch des anspruchsvollsten Bibliophilen zum Schmuck gereichen. Alle aber, die in ihrer Wohnung unter Raummangel leiden (und wer litte heutzutage nicht darunter?) täten am besten, falls sie eine Goethe-Ausgabe brauchen, sich die neue des Insel-Verlags anzuschaffen, denn sie beansprucht, trotz der Fülle des Inhalts, auf dem Bücherbrett nur 35 Zentimeter Raum.
Kegelschnitte Gottes", unb ein Werk über die kretische Kunst, sehr gelobt werden. Jedenfalls eine neue Art und eine originelle Methode der Literaturbetrachtung. Dor dieser Schrift, die gewidmet ist „dem Rückgrat der Welt", und die nicht weniger als acht, vornehmlich russische Motti aufzuweisen hat. schrumpft vergleichsweise etwa das „große Bestiarium" von Franz Blei zu einem harmlosen Kinderspäßchen zusammen. Die ästhetische Einleitung in ihrer vielfach antithetisch-aphoristischen Fassung ist ebenso anfechtbar, wie manches andere in diesem Buche, z. B. der Stil, der, oft krampfhaft eigenwillig, sich keineswegs immer von Geschmacklosigkeiten frei hält. Oder wie eine gewisse Einseitigkeit, besser gesagt: Zweigliederung des Organismus der russischen Literatur in die beiden Exponenten Dostojewskij und Tolstoj, gegen die in diesem Buche mit einem bemerkenswerten Temperament Sturm gelaufen wird, die mit allen Mitteln des Witzes, Spottes und grimmiger Ironie zersetzt werden. Vieles ist dabei zweifellos gesund und richtig empfunden. Oft spürt man die bezwingende Lächerlichkeit geistiger Dekolletierung. Besonders über Tolstoj werden bittere, aber wohl unanfechtbare Wahrheiten gesagt, älnd es hat etwas Imponierendes, hinter den mit einer ergreifenden Vollständigkeit entthronten, östlichen Götzenbildern dke Figuren der vom Verfasser fast spielerisch ins Feld geführten Gegenkönige Balzac und Strindberg aufwachsen zu sehen. (Obwohl die Methode des Gegeneinanderausspielens in künstlerischen Dingen stets ihre gegründeten Bedenken haben wird.) Es ist viel Licht und viel Schatten in diesem Buche. Manches ist voll Schwung. Esprit, treffender Schlagkraft und überzeugendem Angriffsgeist. Aber ebensoviel auch, was man als abstoßend, konstruiert, stilistisch und sachlich nicht einleuchtend ablehnen wird. (Beispielshalber: wo bleibt Turgenjew?) Sehr interessant, wie fich zuletzt die Angriffsfront verbreitert, und Galahad das gesamte, heutige Rußland erbittert und schonungslos in seinen geistig-weltanschaulichen Fundamenten bloßstellt. — Im ganzen, wie gesagt, eine unterhaltsame und ganz unalltägliche Bekanntschaft. 81
Verschiedenes.
Die Deutsche Buch-Gemeinschast in Berlin SW 61, Teltower Straße 29 will die herrlichen Schätze unseres Schrifttums, aber auch Perlen aus der Literatur anderer Völker den breitesten Schichten nach einem groß angelegten Plan barbringen. Die Bücher sind auf holzfreies Papier gedruckt, künstlerisch ausgestattet und in Halbleder gebunden. Um sich in den Besitz der Bände zu setzen, muß man Mitglied der Gemeinschaft werden, man ist jedoch keineswegs verpflichtet, alles zu erwerben, was der Verlag herausbringk. Das Reuartige dieser Orgamfation besteht in dem freien Auswahlsystem. Man kann aus den Publikationen der Deutschen Buch- Gemeinschaft das Zusagende wählen und vierteljährlich 1 2 oder 3 Bände beziehen, wobei mit dem Mitgliedsbeitrag der Preis für das Buch abgegolten ist. Die Auswahl selbst, nach besten literarischen Gesichtspunkten zusammengestellt, ist eine wirtliche Armee des Geistes, in der Ramen wie Scheffel, Flaubert, Loti, Dostojewski, Tolstoi, Lagerlöf, ferner Shaw, Wilde und Kugelgen vertreten sind. Aber auch Ramen tote Georg Gngel. Anzengruber, Ramen aus allen Jahr
hunderten, viele Ramen auch aus der aller* neuesten Zeit, wie Eulenberg, Otto Flake. Darüber hinaus erscheinen vierteljährlich neue Bücher, nicht nur Romane und Dichtungen, sondern auch Bücher aus dem Bereiche der allgemeinen Bildung und des Wissens, ferner auch Iugendschriften. Als Mitglied der Deutschen Buch-Gemeinschaft erhält man auch ein Magazin „Das Zeitungs- buch", mit interessanten Rovellen und Beiträgen ausgezeichneter alter und neuer Autoren. Das Fesselnde und Lockende an der Deutschen Buch-Gemeinschaft ist die Besonderheit, daß man nicht gezwungen ist, ein bestimmtes Buch abzu- nehmen, ein Buch, das man zwar ganz nett finden kann, zudem man aber doch niemals den Drang haben würde, es zu besitzen, sondern daß man nur Bücher der eigenen freien Wahl erhält.
— Liesbet Dill: Marie Antoinette. (Verlag Trowihsch u. Sohn Berlin.) In der Haitischen Universitätsbibliothek hat Lies- bet Dill einen seltenen Fund gemacht; Drei Bände eines geheimen Briefwechsels der Kaiserin Maria Theresia mit dem Grafen Mercy-Argen- teau, dem Wiener Botschafter am französischen Hofe. Diese Briefe, die sich nur um Marie Antoinette drehen, geben ein erschöpfendes Bild der jungen Kronprinzessin und späteren Königin, und zugleich ein ungeschminktes Bild der damaligen Epoche; sie sind ein Kulturdokument ersten Ranges unb werden ewig jung bleiben, weil das Problem, das sie enthalten, durch die Jahrhunderte von gleich starkem Interesse für alle reifen Menschen bleiben wird, denn sie enthalten die erschütternde Tragödie einer Mutter, deren unermüdliche Erziehungsversuche ab« prallen an dem unbeeinfluhbaren Temperament ihrer Tochter. Liesbet Dill, die als Kind der Grenze die französische Sprache ebenso beherrscht wie ihre Muttersprache, hat mit großem Geschick diese Korrespondenz eines Jahrzehnts zusammengezogen, überseht, auch teils wörtlich zitiert, und gibt uns damit ein Stück Welt« und Lebensgeschichte, das man nur mit größtem Interesse und tiefer Erschütterung lesen kann. Maria Theresia wird uns eine Gestalt von Fleisch und Blut, eine kraftvolle, recht königliche und bewunderungswürdige Frau; Friedrich der Große steht als dräuender Schatten, gehaßt und gefürchtet, hinter allen Intriguen. lieberlegungen und politischen Plänen der Fürstenhöfe, und der Gegensatz: deutsch und französisch ist derselbe unüberbrückbare, wesensbedingte, damals wie heute. Im zweiten Teil des Buches wird der berühmte Halsbandprozeh mit seinen Unbegreiflichkeiten und Ungeheuerlichkeiten auf gerollt, jener „Auftakt der Revolution", wie Mira- bau ihn nennt. Und der dritte Teil schildert Marie Antoinettes letzte Tage. Es ist nicht zu fassen, daß die Heldin des ersten und letzten Teiles ein und dieselbe Person sein soll, unb doch ist sie es, denn alles ist streng historisch geschildert, ohne persönliche Färbung, aber in meisterhafter Erfassung des Milieus, der Stimmung: Glanz und berauschende Pracht, tiefste Resignation, innige Menschlichkeit und stilles, großartiges Heldentuni ziehen in packenden Bildern an uns vorbei, bis wir ergriffen das Buch aus der Hand legen. Und man fühlt: die Vergangenheit ist nicht tot, sie wirkt sich von Geschlecht zu Geschlecht aus, lebt weiter in uns und wird nach und leben, und jeder einzelne ist ein Baustein in der großen Geschichte der Menschheit. (65) Eva von Massow.
Paedagogische Schriften.
— Doelitz, Otto: Der Charakter der höheren Schule. Verlag Quelle & Meyer in Leipzig. 1926. Das Schriftchen gibt einen Vortrag wieder, den der Verfasser auf dem 6. ordentlichen Verbandstag des Thüringer Phcko« logenverbandes im Oktober v. I. in Iena hielt. Wenn es auch einerseits als eine Erläuterung der Richtlinien zu den demnächst einzuführenden neuen preußischen Lehrplänen angesehen werden kann, so offenbart es auf der anderen Seite die ganze innere Stellungnahme eines hochverdienten Schulmannes zu allen den Schulproblemen, die hn Laufe der letzten Iahre auf Versammlungen und in der Literatur behandelt wurden, und an denen die höhere Lehrerschaft nicht achtlos Vor* übergehen darf.
Die höhere Schule hat als letztes Ziel die Aufgabe, den deutschen Menschen heranzubilden, dec unter klarer Erkenntnis der Ausgaben der deutschen Kultur seinem Volke als Führer dient. Soll dieser Führer den inneren Zusammenhang mit seinem Volke nicht verlieren, sondern eS ganz verstehen; soll ihn die Schule auch mit den sittlichen Kräften ausrüsten, die ihm den Erfolg feiner Sendung sichern, so muß dieser Schule ein Bildungsideal vorleuchten, das allein durch diese letzten, großen Aufgaben der Ration bedingt ist. Hier hat der Streit um Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung der verschiedenen Schularten zu schweigen; sie sind alle Wege zu einem Ziel, zum Ziele deutscher Rationalerziehung. Deshalb muß in den höheren Schulen aller Art dem deutschen Bildungsgut die zentrale Stellung gesichert werden, und zwar in der Weise, daß diejenigen Stoffe, die die allgemeine nationale Bildung ausmachen: Religion, Deutsch, Geschichte, Erdkunde und Philosophie in den Mittelpunkt des Gesamtunterrichts gestellt werden.
Diese starke Betonung des nationalen Bll« dungsgutes wird der höheren Schule auch ihren selbständigen Charakter, vor allem der llniversität gegenüber sichern, denn wer in der wissenschaftlichen Erfassung der Kräste deutscher Kultur feine höhere Bildung erlebt hat, hat eine gewisse abgeschlossene Bildung erlangt. Aber nur in der Zusammenarbeit aller unserer höheren Schultypen kann die Gesamtarbett der unserer höheren Schule gestellten Aufgaben erfüllt werden. Doch nicht Verwischung der Dildungsmerkmale der einzelnen Schularten, fonöem ihre schärfere Herausarbeitung muß gefordert werden. Die Rational- erziehung darf natürlich keine Verengung bedeuten im Sinne nationalistischer oder gar chauvinistischer Einstellung. Unserer Jugend muß vielmehr immer der Sinn offengehalten werden für die letzten Ziele der Erziehung des Menschengeschlechtes. Wenn Rationalerziehung zugleich echte Humanitätserziehung ist, so wissen wir, daß Menschheitskultur nur erwächst auf dem Boden der Volkskultur. Da nun für die meisten Schüler I die höhere Schule einen Abschluß bedeutet, so hat sie Sorge zu tragen, eine möglichst abgerundete, harmonische Bildung im Sinne wahrer Humanität zu vermitteln, die ganz auf dem Grunde deutscher Kultur beruht, und jeden einzelnen in bewußter Einordnung in Volk und Staat zum Staatsbürger zu erziehen, der in starkem Dolks« bewußtsein wurzelnd, mit Hingabe an der Gestaltung des Deutschlands der Zukunft mitarbeitet. Unter diesem Gesichtspunkt erhalten aüch die einzelnen Unterrichtsfächer ihre ganz besondere Bedeutung, sie sollen nicht nur reinem Wissen oder einseitiger Ausbildung dienen, sondern sollen an der Formung dec Gesamtpersönlichkeit entscheidend mitwirken. Roller.
— WilliamStern, Dr. Universitätsprofessor: Probleme der Schüler auslese. Verlag Quelle & Meyer, Leipzig 1926. Die kleine Abhandlung ist der Abdruck eines Vorttages, der anläßlich der „Schulpolitischen Woche" in Altona im Sommer vorigen Jahres gehalten wurde. Er führt uns in leichtverständlicher, anschaulicher Sprache in das ureigenste Forschungsgebiet des bekannten Verfassers. Anlagen sind nach Ansicht des letzteren nicht in erster Linie Rechte, sondern Pflichten. Jeder Mensch hat neben den allgemeinen Pflichten, die er kraft seines Menschentums besitzt, auch noch die besondere Berufung, die aus seiner speziellen Veranlagung hervorgeht. Darum haben außergewöhnliche Begabungen auch außergewöhnliche Verpflichtungen. Der Verpflichtung des einzelnen, feine Gaben in möglichst wertvoller Weise zugleich sozial zu entfalten, steht nun aber auch die Verpflichtung der Allgemeinheit, des Staates, des Volkes gegenüber, die Begabungen zu pflegen und zu hüten. Ihnen muß nicht nur freie Dahn gegeben werden, sondern darüber hinaus müssen sie positiv gefördert werden. Es müssen also Einrichtungen des Aufstieges und solche der Auslese geschaffen werden. Von diesen beiden Gruppen ist die erste einigermaßen and gearbeitet, besteht doch die Möglichkeit, des lieber« gangs aus der gemeinfamen Grundschule in sehr verschiedene Zweige und Bahnen des Schulwesens. Doch bleibt diese ganze Organisation so lange unzureichend, als nicht der andere Gesichtspunkt, daß nun auch wirklich die rechten Kinder gefunden werden, zur Durchführung gelangt ist; und damit stehen wir vor dem eigentlichen Problem der Auslese. Diese muß nach Ansicht des Verfassers in gewissem Sinne schon im vierten Grundschuljahr beginnen, durch die Einführung von Sonderkursen. Aber auch später noch muß die Auslese ermöglicht werden, sie muß gleichsam elastisch sein und darf sich nicht auf ein bestimmtes Lebensjahr festlegen. Zur Auslese dürfen überall nur diejenigen Schüler zugelassen werden, deren Eltern es wünschen, dagegen sollen nach Ansicht des Vers, diejenigen Kinder, auch gegen den Willen der Eltern, von der Auslese zuruckgewie- fen werden, die dafür nicht geeignet sind. Die Durchführung der Auslese erfordert ein Zusammenarbeiten der Do Iks sch u Hehrer schäft und der Philologenschaft mit einer dritten Instanz, der Psychologie, derjenigen Wissenschaft, die sich die Begabungsforschung und Begabungsdiagnose zur Aufgabe gestellt hat. Den maßvollen Vorschlägen des Verfassers, denen wir im Interesse der Wichtigkeit des ganzen Problems eine recht weite Verbreitung in Lehrer- freifen wünschen möchten, kamt man Im großen ganzen zustimmen. (Roller.)


