Ausgabe 
23.12.1926
 
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Eietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

70 Jahre Gaswerk Gieken.

Morgen vor 70 3obren am 24. Dezember 1856 Uxurden die Einwohner unseres alt- öert rauten Lahnstädtchens unter dem Hellen Schimmer der Deihnachtskerzen und unter dem kpernen, jubelnden Älang der Wcihnachtsglocken mit der ersten Gasbeleuchtung beschert. Eine geradezu glänzende Helligkeit gegen die vorher matte Oelbeleuchtung durchdrang an Dte- km Weihnachtsabend die größeren Straßen und Plätze unserer Stadt. Welche erstaunliche und un­geheuere Entwicklung dem hiesigen Gaswerke, mit dem die Straßen, Häuser und Einwohner der Stadt Gießen in so fttniger Verbindung stehen, innerhalb seines 70jährigen Bestehens be­lieben war, möge ein kurzer, im allgemeinen Interesse gehaltener Qtüibad bezeugen.

Das am 24. Dezember 1856 vom Erbauer, bet Firma August Riedinger. Augsburg, in Betrieb genommene Gaswerk ging im Jahre 1862 in den Besitz des Herrn August Heß über. Vach Ablauf der 30jährigen DertragSdauer er­folgte am 1. Oktober 1886 der liebergang des Gaswerks aus dem Privalbesih in das Eigen­tum der Stadt Gießen unter Leitung d<?s Direktors Otto Bergen. Im Jahre 1908 über­nahm Direktor Steding die Leitung des Gas­werkes.

Schon während des Privat besiheS hatte das Gaswerk durch Herrn Heß wiederholt Erweite­rungen der Betriebseinrichtungen sowie Aus- dehnung des Stadtrohmetzes erfahren. Während die Gasabgabe anfangs infolge der ausschließ­lichen Verwendung des Gases zur Beleuchtung nur'-eine verhältnismäßig geringe Zunahme aus­zuweifen hatte, trat dann mit der Rutzbar- machung deS Gases für Koch-. Hai.;- und 3n- dustriezwecke Mitte der 90er Jahre, wohl auch veranlaßt durch eine günstige Gas Preisgestaltung und durch wesentliche Ausdehnung des Siadt- rohrnehes, eine derartige DerbrauchSsteigerung ein, daß eine durchgreifende Erweiterung des Werkes und der Reuanlagen, die aus die De- triebsjahre 1892 bis 1896 planmäßig verteilt wurde, unerläßlich war.

Diese damals dringend notwendige Werks­erweiterung fand im Jahre 1893 ihren Abschluß durch den Dau eines neuen Gasbehälters für 2500 Kubikmeter Fassungsraum. Doch der Gas­verbrauch stieg immer gewaltiger an. so daß der neue Gasbehälter schon im Jahre 1903 auf 5000 Kubikmeter Fassungsraum tdeflopiert werden mußte.

Aus eine Beschreibung der technischen De- triebseinrichtungen und Einzelteile an dieser Stelle päher einzugehen. verbietet der Zweck dieser Betrachtung. Rur fei erwähnt, daß im Anfang des neuen Jahrhunderts eine bessere und reinere Gasbeschaffenheit und Vuhbar- machung der im Betrieb abfallenden Reinigungs- Produkte deS Gases durch Aufstellung neuerer Apparate ermöglicht wurde. So wurde im Jahre 1909 die Srodenreintgeranlage für Schwefel­wasserstoff und Eyan durch Umbau leistungs­fähiger gestaltet. 1910 der Teerscheider durch einen größeren erseht, 1912 zur besseren Aus scheidung des Vaphtalins und Ammoniaks ein Reutter-Kühler und ein rotierender Ammoniak­wascher ausgestellt. Zur Erreichung einer höhe­ren Gasausbeute unter günstigeren Arbeitsver- hältnissen wvrde im Jahre 1910 eine Retorten­lademaschine in den Dienst gestellt, wodurch außerdem noch eine stärkere Belastung der Oefen und ein höherer Wirkungsgrad der Generatoren erzielt werden konnte. Die Druckverhältnisse im Stadtrohrney wurden durch Aufstellung eines Vordruck- und eines Stadtdruckreglers günftiger gestaltet. Auch eine Prüfungsstation für Gas­messer ist im Jahre 1908 errichtet worden; auf schnellstem Wege können die Gasmesser hierdurch aus Ungenauigfeiten geprüft werden, wodurch Zeit- und Arbeitsersparnis bedingt ist. Eine Ge­nugtuung für die Werksleitung war es daher auch, daß die im Jahre 1922 vorgenommenen

amtlichen GaSmesserprüfungen m den Städten Deutschlands die erfreuliche Feststellung ergaben, taß Gießen, was die Genauigkeit der ©aemeffer anbelangt, mit an erster Stelle steht.

Dis zum Ausbruch des Weltkrieges hatte sich der Gasverbrauch gut entwickelt, und er verblieb auch während beä Krieges auf steigen- fer Linie, trotz der vielen Beschränkungen. die dem Gaswerk, wie auch anderen technischen Betrieben auferlegt wurden. Die Lieferung von Stein­kohlen wurde während dieser 3tit. wie auch später zur Zeit der Ruhrbesetzung, teilweise ein­gestellt. Aber trotzdem hat das hiesige Gaswerk den vollen Betrieb aufrechterhalten können, wenn auch Holz, Braunkohlen und ähnliche Brenn­stoffe Pergafl und der Druck zu verschiedenen Tageszeiten herabgesetzt werden mußte.

Zur günstigeren finanziellen Gestaltung der Betriebswirtschaft wurden nach dem Kriege im Jahre 1919 eine Ammoniakanlage, die das Ammvniakwasser zu dem bekannten und be­liebten Düngemittel, schwefelsaures Anunoniak. verarbeitet, und eine Denzolanlage, durch die dem Gase ein hochwertiger Kraftstoff ent­zogen wird, eingebaut. Auch bei der Aufstellung dieser beiden Anlagen war das hiesige Werk innerhalb der mittleren Werke führend und konnte so anderen Werken die Erfahrungen und die Detriebsergebnisse. die hier auf Grund längerer Versuche gemacht worden waren, zukommen lasftn.

Die schwere wirtschaftliche Lage zwingt der Industrie auf allen Gebieten die sparsamste Ar­beitsmethode auf, da heule viel scharfer als früher gerechnet werden muß. Die Technik muß forschen, um alle bisher unausgenutzten Wärme­quellen zu erfassen. Es wurden Gebiete erschlossen, die infolge des großen HeberfluffeS, in dem man in der Vorkriegszeit lebte, nicht ge­nügend Anreiz zur Auswertung gegeben Haven. Die Erkenntnis der Votwendigkeit. den großen Wärmeinhalt der Rauchgase, auch Abgase ge­nannt. der Gaserzeugungsöfen nicht durch den Kamin nutzlos in die Luu entweichen zu lassen, sondern wirtschaftlich auSzunutzen, ließ Im Jahre 1921 die Abhiheverwertungsanlage erstehen. Die heißen Abgase werden, nachdem sie die Retorten umstrichen und die den Genera­toren zu verwendende Luft vorgewärmt, somit also eigentlich ihren Zweck erfüllt ßaben.x durch einen besonders konstruierten feuerlosen Abhitze­kessel geleitet, um hier die noch überschüssige Wärme abzugeben. Gewonnen tocrDen hierdurch jährlich mehr als 2500 Tonnen überhitzter Dampf von 6 bis 8 Atmosphären Hebcrörud, der sonst bei einer mittleren Verdampfung etwa 330 To. Kesselkohlen benötigen würde. Der so Hergestellt i Dampf dient zum Betrieb der Benzol- «und Ammoniakanlage.

Diese kurzen Darlegungen zeigen, daß die Reinigung des Gases und Gewinnung der Reben- produkte auch in wärmewirtschastlicher Hinsicht mit technischen Neuerungen durchgeführt worden find.

Die ungeahnte und gemalt .g: Verwendung jedoch, die das Gas als hochwertiger Wärme- träger in dem 70jährigen Bestehen des hiesigen Gaswerks in unserer Stadt Gießen gesunden hat, findet Wohl am besten ziffernmäßig in einer Zusammenfassung der jährlichen Gasabgabe als Siambild der langjährigen erfreulichen Entwick­lung feinen Ausdruck:

1857 (erstes volles Deiriebsjahr)

100 000 Kubikmeter 1886 (llebergang in den Besitz der Stadt)

596 000 Kubikmeter 1906 (nach 50jährigem Bestehen)

1 860 000 Kubikmeter 1913 (letztes Detriebjahr vor dem Kriege)

"2 293 000 Kubikmeter 1925 (letztes abgeschlossenes Detriebsfähr)

3 384 000 Kubikmeter

llr. 500 Drittes Blatt "KOKT. ..... :

DieZukunstderöeutsch-chinefischen Beziehungen.

Von Dr. F. T. Schwab, Berlin.

Es scheint, als ob in China eine entschei­dende Wendung im Gange ist. Allerdings muß In einem Lande wie China das Wort Entscheidung immer mit vielen Vorbehalten versehen werden: der Mangel an modernen Verkehrsmitteln, die Befangenheit breiter chinesischer Volksmassen in uralt übe rtomme nen sozialen und geschichtlichen - oder, von unserem Standpunkt aus. besser un- geschichtlichen Vorstellungen, die traditionelle Abneigung des Chinesen gegen rasche politische Entschlüsse aus grundsätzlichen Erwägungen oder materiellen Interessen, alles das ist dem. was wir in Europa .Entscheidung" nernten, wenig günstig. Diese Vorbehalte jedoch vorausgeschickt, scheint in der Tat die Wirrnis, die das politische Leben Chinas so lange, für europäische Augen undurchdringlich, beherrschte, einer* gewissen Klä­rung Platz zu machen.

Diese Auffassung stützt sich nicht allein auf die Meldungen über das rasche erfolgreiche Vor­dringen der Truppen der national-revolutionären Kantonregierung imi> über die Ausdehnung ihres Machtbereiches, auch nicht allein auf die Nachricht über das Auftreten einer Delegatton der Kaatton- reglerung in Gens, die der Delegation der formell noch im Amt befindlichen Peking-Regierung das Recht absprach, das chinesische Voll beim Völker­bund zu vertreten. Sie wird vielmehr außerdem bekrästigt durch das Verhalten der zunächst be­teiligten Mächte, die naturgemäß für die Regu­lierung ihres polittfchen Auftretens in China übet bessere Informationsquellen verfügen als die von ihnen erst zensurierten Agentur- melbungen, die uns erreichen, das Verhalten Rußlands einerseits, Englands anderer­seits.

Was England anlangt, so deuten alle Aw .zeichen daraus hin. daß diese Macht, die durch die Aktionen der Kantonregierung auf schwerste wfrtfchaftlich und doch wohl auch politisch ge­schädigt wurde, mindestens für eine gewisse Zeil sich genötigt fühlt, mit den siegreich fortschreiten­den Kräften der nationalen Revolution ihren Frieden zu machen. Die Tatsache allein, daß die Exponenten Englands in China begonnen haben, mit den Kantonleuten Verhandlun­gen tricht nur anzuknüpfen, sondern dies auch offen mitju-teifen, läßt darauf schließen, daß Eng­land die bisher betricbeaie Politik des starren Festhaltens an den besonderen Rechten der Aus- länder und des Gegeneinander-Ausspielens der in eieren Kräfte Chinas nicht mehr für die einzig mögliche hält. So sehr es, wenn nötig, die Politik deS Zauderns versteht, so rasch hat es sich nach den entscheidenden Fortschritten der Kanton­truppen wenigstens äußerlich umgestellt und bestrebt sich, wie des alten Fritzen lieber Gott, bet den stärkeren Bataillonen zu fein.

Aus dieser Tatsache kann man ohne weiteres rückwärts schließen, daß die Gebietseroberunqen her Kantontruppen nordwärts von ihrem Aus- gangspunlt keineswegs so unsicher sind, wie wegen der angeblichen ..Ausdehnung ihrer rück- wärttgen Verbindungslinien" hier zuerst meist aangenommen tour'e. Der chinesische Bürgerkrieg ist eben kein 5trieg zwischen zwei europäischen Ländern amb kann nicht mit bett Maßstäben europäischer Strategie gemessen werden.

Das Ziel Englands bei dieser Schwenkung feiner Politik ist klar: wirtschaftlich sucht es die Sichern nn g seines Handels in den jetzt von Kanton kontrollierten Gebieten bei dem. der diese Sicherheit allein gewähren kann; Poli- ttsch wird es alle Anstrengungen machen, um für den Preis seiner Freundschaft von den Kanton- leiden den Derzich t auf die Freund­schaft Rußlands einzuhandeln, d. h. militär- politisch den Verzicht auf ein weiteres Vor­dringen nach Rorden und auf die Verbindung mit Tfchangtfolin, ohne riefe Verbindung aber fehlt der chinefifch-sowjetistifchen Allianz die letzte Stoßkraft.

Inzwischen ist der Gegenspieler nicht müßig. Wenn die Berichte über das Auftreten des sowjetrussifchen Bevollmächtigten bei der Äantonregierung, Borodin der z: gleich der von der Komintern entsandte politische Berater der Kuomintang, der chines schen nat onaftevoluttv- nären Partei ist in öffentlichen Volksversamm­lungen neben ch-nriischen Intel!:kl'iellen und Ar- beite m richtig sind, wor in zu zw ife'n kein Ar laß vorlisgt. so enthü.: - sie mit einem Schlage die bedrängte Lage, in Die Rußland mit seiner China­politik durch die engl sche Schwenkung geraten ist. Gerade Borodin hatte bisher, wie dies nicht nur seiner persönlichen -Reigung. sondern gewiß auch den Moskauer Instruktionen entsprach, sich außerordentlich zarückg-halten und fein? Tätigkeit ganz auf das Wirken im engeren Kreise der chine­sischen Parteileitung beschränkt. Wenn er jetzt an die Oessentlichkeit hervortritt, fo ist damit be­wiesen, daß die russische Politik den Zeitpunkt gekommen sieht, wo sie bei den breiten Massen der chinesischen Bevölkerung mindestens bei den politisch interessierten Großstädtern mit allen Mitteln und Sympathien werben und sich als den Verbündeten der erfolgreichen Revolution in Er- inaaenmg halten muß, um damit der Kanton- re gierung gegenüber ein Gegengewicht gegen die Einflüsse des neuen englischen Freundes in der Hand zu haben. Zugleich mag der Wunsch mit- spielen, die Kantonregierung so rasch als möglich, und noch stärker, als es bisher durch diplomatische Roten geschah, als die Verbündete Sowjetruß- landS vor England zu kompromittieren und fn die Annäherung zu erschweren.

Deutschlands Stellung tn dieser Ent­wicklung ist nicht ganz einfach. In politischer Hinsicht allerdings ist sie erleichtert durch die befanaate Geschichte der deutsch-chinesischen Be­ziehungen seit Kriegsende. und man wird be­stimmt sagen können, daß die Kaaatonbewegung in keiner Weise Anlaß hat. von sich aus Deutsch­land pokftische Schwier gkeiten zu machen. Ratur­gemäß hat Deutschlands politische Haltung, gegen­über den inneren chinesischen Auseinandersetzun­gen immer nur die der äußersten und absoluten Zurückhaltung sein können, wobei für alle offiziellen Akte nur die völkerrechtlich und staats­rechtlich einwandfrei feststehenden Fakten zurRicht- schnür dietaen lötmen. Das würde auch dann gelten, wenn etwa die Frage, wem die rechtmäßige Ver­tretung Chinas im Völkerbund zusteht, akut wer­den sollte.

Immerhin läßt diese bisher trotz des Auf­tretens der Kantondelegatton in Genf noch aka­

demische Frage schon erkennen, daß hier einmal der Zeitpunkt kommen könnte, wo völlerrechtliche Fakten durch die polit.sche Entwicklung unwirk - s a m werden und wo wiederum neue politische Entschlüsse erst gefaßt werden müff?n, damit aus ihnen neue völkerrechtliche Tatsachen entstehen können. In diesem Falle wird Der deutschen Politik nicht viel anderes zu tun bleiben, als nach bestem Dwmogen festzustellen, welches Die to a ß re Meinungsäußerung des chinesischen Volkes über die Art, wie es regiert und also von wem es nach außen vertreten werden will, festzustellen und diese Meinung durch Die deutsche Stimme und mehr als eine Stimme hat Deutschland ja vorläufig nicht in Die Wagschale zu werfen zu unter­stützen. Daß Dabei ang:sichts der einander wider­streitenden Interessen Engländs und Rußlands gewisse Schwierigke ten für die Haltung Deutsch­lands nicht ausoleiben werden, mag bedauerlich fein, ist aber nur ein Sonderfall Der allgemeinen Lage Deutschlands tn der Mitte Europas.

Sind die politischen Fragen noch verhältnis­mäßig einfach, so ist leider zu befürchten, daß auf Dem Gebiet des deutsch-chines.schen Handels­verkehrs größere Schwierigkeiten auftauchen werden. Es mag dabei ruhig ausgesprochen wer­den. daß nach Mitteilungen führender am Oft» asienhandel interessierter Bankinstitute Der deutsche Kaufmann in Kanton von Dem Boykott Schang­hais profitiert bat; Daß auf der anderen Seite die inneren Wirren wie für jedes Geschäft so auch für das des deutschen Exporteurs zahlreiche Stö­rungen haben, insofern bestellte Waren nicht transportiert und nicht geliefert werden konnten, Kunden in Den betroffenen Gebieten in Zahlungs­stockungen gerieten, Güter verloren gingen, hohe DersicArungsprämien zu zahlen waren, ist Har. Beides, Vorteile und Rachteile der Situation, ist nur natürlich. Wenn aber England wirklich zu einer Einigung mit Kanton kommt was an sich tm Interesse des inneren Friedens und Der un­gehinderten wirtschaftlichen Betätigung sowie der Schaffung flarer Rechtsverhältnisse vom Stand­punkt des Kaufmanns aus wohl zu wünschen toäre. so besteht natürlich Die Gefahr, Daß es sich die älnterftüßung Der neuen Regierung auch auf wirtschaftlichem Gebiet beza h len läßt. Dabei braucht man nicht an die große Frage Der chinesischen Zölle zu Denken. Die nicht von heute auf morgen bereinigt werden wird. Es genügt, sich vor Augen zu halten. Daß China ein Land ist. Dessen wirtschaftliche Möglichkeiten zu ihrer Aufschließung dringend ausländisches Ka­

pital brauchen. Schon während Des Bürger­krieges hat z. B. die Elektrifizierung des Landes erstaunliche Fortschritte gemacht, und außerdem hat auch hier Der Krieg w'e immer neu? wirt­schaftliche Ansätze geschaffen (Motorisierung, Rüstungsindustrie. Verkehrsbauten).

Sollte eine Beruhigung Der inneren Verhält­nisse eintreten, so hätte man mit einem raschen wirtschaftlichen Aufblühen zu rechnen, da das sich vielfach unter Heranziehung fremden Kapitals in Der Form von Konzessionen, gemischten chi­nesisch-ausländischen Gesellschaften. Staatsauf­trägen mit Anleihefinanz'erung abspielen wird. Diese wirtschaftlichen Detät'.gungssvrmen aber sind mehr oder weniger eng mit Dem politischen Einfluß, außer Dem natürlich mit Der Leistungs­fähigkeit des bett. ausländischen Kap.talmarktes verbunden. 2lls Kapitalmarkt ist Londvaa ohneh aa überlegen. Daß DeutschlanD nicht auch noch Durch politische Einflüsse aus dem Geschäft verdrängt wird, muß Sorge einer bei aller Vorsicht Doch raschen, anpassungsfähigen und akttven Leitung Der Deutschen Politik fein.

Die elsässische Wirtschaft und die Frankenhausse.

Von unserem Berichterstatter.

(Rachdruck, auch mit Quellenangabe, verbotenI) Straßburg, Dezember 1926.

Es ist eine seltsame Unruhe im elsäsfischen Wirtschaftsleben, leit Poincarös Währungspolitik mit einem Erfolg von vielleicht ungewollter Rasch­heit voranschreitet. Ein zusammenfassendes Bild zu gewinnen ist schwer, viel schwerer als sonst. Man ßat. Den Eindruck, Daß die Wissenden ihr Wissen für sich be haften und bemiß en, in Dean aber, was sie sagen, Den Dingen einen günstigeren Anstrich geben, als Der Wirklichkeit entspricht. Darum faatn man nur beschreiben, was man unmittelbar sieht, und man muß sich immer wieder selber warnen vor unberechtigter Ver­allgemeinerung über Den Deobachttmgsbereich hinaus.

In einem war die Stellung Der elsässischen Wirtschaft zum französischen Währungsproblem von allem Anfang an anders als jenseits Der Vogesen. Das oft geradezu kindliche Ver­trauen deS Franzosen zu seinem Franken, das man besonders in Der abgele­genen Provinz noch bis in Den letzten Sommer

Donnerstag, 23. Dezember 1926

hinein, gepaart mit völliger Unkenntnis Der Währungsvorgänge beobachien konnte, bat 'Dem Elsaß eigentlich immer gefehlt. Man bat feine Kriegs erfahcungen mit der Mark nicht umfonft gemacht, nicht umsonst nachher auS un­mittelbarer Röhe D^n deutschen Währung-- zerfall mit angesehen und auf Dalutareifen weid­lich ausgenuht Man hat sicher für sicher ge­nommen und beizeiten, als der Franken in die Tiefe zu gehen begann, feine übrigen Groschen in wertbeständigen Devisen angelegt Die sanden sich nicht nur in Der Geschäftswelt bis zum Ätämcr herunter, sondern auch beim Dauer, wenn er das fette Rind ober Den Tabak oder Die Hopfenernte verkauft hatte. Besonders die Hopscngegend. dir ja ihr Prodrckt metft unmittel­bar an Den deutschen Käufer absetzte. daS sreande Geld Dabei ohne Mühe und Bankvermittlung bekomanen lonntc. war schon lange mit Devisen tollgestopft, wobei Der Dollar daS beliebteste GelD war.

Eine andere Besonderheit kam hinzu. DaS Elsaß als Gre-nzland war, alS die Va­lutareisen in umgefebrtcr Richtung. auS Deut ch- land nach Frankreich. stattzufinden begannen, der gegebene Schauplatz dieses im ganzen überaus beträchtlichen Geschäfts. Als Die Löhne immer weiter hinter der sinkenden Kaufkraft des Franken jurücfblicbcn, schränkte auch hier natürlich die einheimische Bevölkerung ihre Käufe aus Daß unbedingt unvermeidliche Mürdestmaß eiat, bis zuletzt die befaaante Flucht in Die Sach­werte begann und zu einer kurzen Periode überstürzten Kaufens führte Diese Unregel­mäßigkeiten des Käusersttoms wurden aber in beträchtlichem Umfang ausgeglichen durch die Einkäufe der Grenznachbarn, die im genauen Verhältnis des Rückgangs der Frankendevife wuchsen. Es war ja auch so bequem. Mülhausen hat Basel, Colnaar hat Freiburg. Straßburg hat DaS Kehler Drückenkopsgebiet uiuaaittelbar vor feiner Tür. UnD alle, alle fameat Gerade in Der Reisezeit des Sommers lohnte es sich auch von weiterher, dje Reife zu machen und mit einer Wanderung durch die schönen Vogesen Die Gelegenheit des billigen Einkaufs zu rcn binden.

Run kam Di I W e n D e. Der Franken stteq. Der Zustrom Der Valutareisenden hörte ruck­weise aus. Heute lohnt es sich nicht mehr, die Straßenbahnkarte von Kehl nach Straßburg aus­zugeben, um in Der großen Stadt einzukausen. Drüben ist's billiger. Bald wird man wieder mit Gewinn Den Tabak vom rechten Rheinuser nach. Dem linken schmuggeln Die Käuserschicht, Die in Der letzten Zeit so viel zur Belebung des elsässischen Ge'chäftsganges beigetragen hatte, ist mit einem Schlage verschwunden Die ein­heimische Bevölkerung ist aber keineswegs im gleichen Verhältnis kaufkräftiger geworden, und so herrscht jetzt Die absolute Stille. Allerdings, man fürchtet Die Katastrophe und man hosst noch auf das Weihnachtsgeschäft. Die Wechsel werden noch prolongiert. Auch hat man Die Mittel zur Belebung des Geschäftsganges, die sonst gewöhnlich nach Dem Weihnachtsgeschäft angewandt wurden um etwas Leben zu erhalten, Die prozentuale Preisherabsetzung auf die billige Massenware, jetzt schon angewandt. Aber was soll werden, wenn sie ihre Wirkung getan haben9

Auch Die Devisen Hamsterei bis ins Bauernhaus hinein hat sich schon von ihrer un- liebenSwürdigen Seite gezeigt. Zahlreich find Die Fälle, wo Die Geschäfte auf diesen Schatz zurückgreifen mußten, wenn es auch nur mit Verlust geschehen konnte. Wenn nach Den Feier­tagen der starke Stoß gegen das Gefüge der Wirtschaft erfolgt. Den man allgemein erwartet, wenn das längere Kreditteren nicht mehr möglich ist, dann wird es Opfer geben, wahrscheinlich Opfer in großer Zahl. Denn es ist nicht mehr tnei Widerstandskraft übrig. Eines könnte retten, ein rascher Rückgang Der Preise des notwendigen Lebensbedarfs, der Kauflust für- andere Dinge frei machen könnte. Aber dafür besteht wenig Aussicht. Auch auf'6 Weihnachts­geschäft wagen nur wenige zu hoffen. Die Ar- beitslofigkeit greift um sich, und es zeigt sich Dabei. Daß Die Hoffnung trügerisch war, man könne zuerst Die Ausländer abschieben. Die machen weiter ihre Erdarbeiten und dergleichen und die einheimische Arbeiterschaft beginnt nach Arbeitslosenunterstützung zu gehen. Rian hatte sich Die Frankensanierung anders vorgestellt.

Bezirksverband Oberhessen der Deutschen Lebensrettungs-

Ge^eAschaft (D. L. R. G.)

Man schreibt unS: Am SanrStag fand im Hotel Köhler im Auftrage des Landesverbandes Hessen eine Versammlung statt, um Die Grün­dung ein es Verbandes Der Provinz Oberhes s en der Deutschen LebenS- rettungs-Gesellschaft in Die Wege zu leiten. Obwohl seither schon eine Reihe von Vereinen korporative Mitglieder Der Deutschen LebenSrettungS-Gesellschaft waren, ist es doch von größter Bedeutung, Daß Der Gedanke Der D. L. R. G. tiefer in das Volk hineingetragen wird. Zu Der Versammlung, in welcher Der Landes Vorsitz ende Roth aus Darmstadt einen aufklärenden Vortrag zu halten gedachte, waren eingeladen: Der Gießearer Schwimanverein, die beiden Turnvereine (T. V. 1846 und Der Mw.-, Die beide daS Schwimmen pflegen, sämtliche Rudervereine, Die PadDler-Gilde. Der Verein ilferfritif. ferner die Stadt Gießen und die Reichswehr. Interesse durch Entsendung von Ver­tretern bekundeten: Schwimmverein, Turmverein 1846, Männer-Turnverein, Verein Rudersport, Die Paddler-Gilde.

Herr Roth, Darmstadt, stellte seinen Vor­trag auf einen späteren Zeitpunkt zurück; er verbreitete sich nur kurz über Die Rottvendigkrit Der Gründung eines Bezirks verband cs Ober- Hessen. Die Aarwefenden teilten In voller Ein­stimmigkeit diese Ansicht. Man wählte als ersten Dorsitzenderr Herrn Pascoe sen. (Gießener Schwimmverein), als zweiten Vorsitzenden Herrn Mangold (Turnverein 1846). als etarfttoeUigen Schriftführer Herrn Paul (Männer-Turnver­ein), Den definitiven Schriftführer soll der Mw. stellen. Zum provisorischen Kassenwart wurde Herr Lang (G. Sch. V.) gewähft, die endgültige Bestellung soll später erfolgen. Als technischer Leiter wird Herr Pascoe jun. (G. Sch. V.) tätig sein. Den Arzt, Der laut Satzungen Den Vorstand ergänzt, wird die Gießener Turner- schast stellen, aber auch erst später benenne^