Nr. 274 Zweites Blatt
Die Finanzlage Hessens.
Bon Finanzminister Henrich, Darmstadt.
III.
Bisher ist die Katastrophe nicht eingetreten: 1925 schließt viel besser ab, als man ursprünglich gefürchtete, 1926 ist zwar sehr trüb aber es lt Wohl noch zu meistern. In 1927 tritt angeb- -ich der Kladdaradatsch ein! Herr Dingeldey prophezeit für dieses Iahr (auch hierin folgt er getreu den Spuren des Herrn Dr. Leuchtgens) einen Fehlbetrag von rund 31 Millionen, dem keinerlei Reserven mehr gegenüber- stehen. Ich wills kurz und bündig machen: dieser alarmierenden Behauptung stelle ich meine Absicht gegenüber, für 1927 einen Voranschlag vorzulegen, der voraussichtlich keinen oder doch nur einen geringen ungedeckten Fehlbetrag ausweisen wird. Worauf gründet Herr Dingeldey seine Prophezeiung? 6r geht einfach von dem ungedeckten Bedarf des Iahres 1926 aus, wie er sich heute darstellt. Aber muh das auch in 1927 so werden? Rein, das muh es nicht. Zunächst fällt der Posten von 12 Millionen für Erwerbslosenunter st ühung aus, nachdem der Reichsfinanzminister in bündigster Form versichert hat, daß — einerlei, ob das Arbeitslosenversicherungsgesetz kommt oder nicht — die Länder von den Lasten der Erwerbslosenfürsorge vom 1. April 1927 völlig freigestellt sein werden. Herr Dingeldey rechnet dann weiter mit einem Betrage von 4 Millionen für Wohnungsbau, den wir in 1926 gegen dos Reichs- geseh zu wenig eingestellt haben. Aber was zwingt uns denn, in 1927 über den Betrag von 10 Millionen aus Steuereinnahmen hinauszu- gehen, wenn unsere Finanzlage es nicht erlaubt? Ich habe im Gegenteil die Hoffnung, mit einer Sringertn Summe (als Verzinsung von Baupitalien) auskommen zu können, wenn es gelingt, das Wohnungsbauprogramm schon in 1927 aus eine andere, zweckmäßigere Grundlage zu stellen. Wie im übrigen das Budget für 1927 aussehen wird, darüber will ich dem Herrn Abg. Dingeldey heute noch nichts verraten, er nuß sich gedulden, bis es abgeschlossen vorliegt. Dah dabei auch die R e i ch s h i l f e eine Rolle Vielen wird, ist angesichts der Vereinbarung mit dem Aeichsfinanzminister wohl nicht befremdlich. Wenn aber iwas zum Glück nicht zutrifft) die Behauptung des Herrn Abgeordneten Dingeldey wahr wäre, der Voranschlag für 1927 sch liehe mit einem Fehlbetrag von 31 Millionen ab, dann frage ich, welche „sachlich vertretbaren Der- einfachungsmöglichkeiten" hätten ausgenuht Werken müssen, um einen Fehlbetrag von 31 Millionen zu verhüten? Rur unter einer Voraussetzung wäre eine Durchkreuzung meiner Absicht -enkbar. Darüber weiter unten ein Wort.
IV. *
Auch in der Beurteilung der Reichshilfe zeigt ich Herr Dingeldey als der gelehrige Schüler x-s Herrn Dr. Leuchtgens. Er übernimmt von diesem, wenn auch etwas schüchtern und verklausuliert, das Schimpfwort „Geschäftsauffi ch t" und hat offenbar ebensowenig wie sein Vlockfreund ein Gefühl dafür, dah er damit den Kredit des Landes schwer schädigt. Alles, was zur Begründung hierfür angegeben wird, ist nichts anderes als haltlose Konstruktion. Es ist richt wahr, dah die Erkenntnis der Folge- .'rscheinuugen des Rhein- und Ruhrkampfes „erst unvermittelt im Iahre 1926 geboren" wurde. Seit mehr als zwei Iahre kämpse ich für den Gedanken der Reichshilfe. Vor P/2 Jahren hat der Hessische Landtag diesem Gedanken einstimmig zugestimmt, und im August 1925 hat ihn der Reichsrat ebenso einstimmig anerkannt. Was in 1926 „unvermittelt" in die Erscheinung Betreten ist, das ist die steuerliche Wir- u n g dieser Verwüstung der Wirtschaft im besetzten Gebiet, in Gestalt der verkürzten Steueranteile: vorausgesehen hat man sie schon lange vorher. Es ist nicht wahr, dah Hessen die erbetenen Zuschüsse nur dann erhält, wenn es zum gegebenen Tage sich verpflichtet, diejenigen Maßnahmen in seinem Staatshaushalte durch- zufühven, die ihm vom Reichssparkommissar auferlegt werden. Diese Behauptung entspricht weder dem Wortlaut, noch dem Sinne des Abkommens. Die Prüfungskommission seht sich aus 'Vertretern des Reiches und des Landes zusammen, sie hat keinerlei diktatorische Befugnisse. Ich habe dieser Prüfung unserer Zinanzgebarung ^ugestimmt, sie sogar selbst angeregt, weil ich die Heberzeugung habe, dah die hessische Regierung alles getan hat, was billigerweise von ihr auf dem Gebiet der Sparsamkeit verlangt werden kann. Andere Länder haben noch ein gutes
Lieder zur Laute.
Kothe und Lies Engelhardt, die Müncheiter, hatten abgesagt. Statt ihrer erschien, in letzter Stunde hilfsbereit einspringend, Lr. Peter Bach (Berlin) auf dem Podium der Reuen Aula und bescherte uns — mit seinen Lautenliedern — einen seinen und genuhreichen Abend.
Der ausgezeichnete erste Eindruck war bleibend: eine sympathische Persönlichkeit, eine warme, wohllautende (übrigens sehr tragfähige) Stimme, tadellose, geschneidige Technik des Spiels: dazu eine mit gepflegtem Geschmack zusammengestellte, hochliterarische Vortragsfolge, mit phan- tasievvllen und stilsicheren eigenen Vertonungen.
Den Auftakt bildete ein weiches Crescendo tum Text von Klopstocks berühmtem „Rosen- band". Alle folgenden Lieder waren zeitgenössischer Dichtung entnommen. Hermann Hesses schwermütige Verse „Es führen über die Erde Dege und Strahen triel", Rilkes wenig bekannte. „Ernste Stunde", von Wildgans ein leidenschaftliches und dennoch sehr zartes lyrisches Gebilde: „Du bist der Garten". Don Deer-Hoffmann eine merkwürdig aufgewühlte Berceuse (Schlaslied für Mirjam) und — funkelndes Glanzstück dieses Abends — Münchhausens „Ieanne Antoinette": es war zum Entzücken, wie sich die Melodie auf den graziösen Versen der Rokokofabel wiegte. Heiterer Abschluß des ersten Teils: Dehmels sehr bekanntes Wiegenlied für feinen Buben, pantomimisch belebt und voller Humor, zwei Grotesken von Rrngelnatz, und Otto Iulius Bier- baums drollig beschwipste Maikaterphilosophie.
Dach der Pause: Zuerst drei Lieder von Stefan George: die ungemein persönliche, ge- fchllffene und exklusive Formkunst dieses Menschen ist sicher gerade für Lautenvertonungen schwer zu bewältigen. Aber die drei Gedichte
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
Stück Arbeit zu leisten, bis sie den Grad von Geschästsvereinfachung erreicht haben, der bei uns in Hessen bereits Tatsache ist. Wenn die Reichsregierung etwa mißtrauisch geworden ist, dann ist das angesichts der demagogischen Hetze im eigenen Lande nicht zu vecwunk^rn: es gibt dagegen kein drastischeres Hilfsmittel, als die Reichsregiecung einzuladen, sich selbst von der Haltlosigkeit der gegnerischen Behauptungen zu überzeugen. So ist eigentlich in Wahrheit d c r „Ordnu 11 gsbl 0 ck" der Vater der „Geschäfts- aufsicht". Es mag bei dieser Prüfung Meinungsverschiedenheiten über einzelne geschäftliche Einrichtungen. über die Zweckmäßigkeit von De- hördenorganisationen, vielleicht auch über Einstufungen von Beamten geben, man wird vielleicht auch Anlaß haben, den einen oder den anderen guten Rat anAunehmen, aber im Ganzen wird man uns bestätigen, dessen bin ich sicher, daß die Behauptung, die ungünstige Finanzlage des Landes sei auch nur zu einem nennenswerten Teil auf den mangelnden Sparwillen der Regierung zurückzuführen, unrichtig ist. Hebrigens sei den Herren vom ..Ordnungsblock" zum Tröste gesagt: die „Geschäftsaufsicht" ist noch gar nicht Tatsache geworden Die Ausführung des Abkommens bleibt aufgeschoben bis zum Volksentscheid. Rach dem Zeugnis des Herrn Abgeordneten Dingeldey ist ja gerade die von mir befolgte Finanzpolitik Anlaß und Gegenstand des Volksentscheids. Das Abkommen mit der Reichsregierung ist aber ein ganz wesentlicher Bestandteil meiner Finanzpolitik. Gibt der Dollsentscheid meinen Gegnern Recht, dann ist 6amu auch das Abkommen mit Berlin verurteilt und somit gegenstandslos. Keine kommende neue Regierung wird daran gebunden sein, sie hat völlig freie Hand, die Finanzen des Landes nach ihrem Ermessen zu ordnen.
V.
Es konnte angesichts der ganzen Tendenz des Dingeldehschen Artikels nicht überraschen, daß der Verfasser auch meine vielberufene Aeuhe- rung über die eventuelle Aufgabe der Selbstständigkeit des Landes zum Gegenstand seiner Kritik machen werde. Aber auch hier wieder nichts als haltlose Konstruktionen. Wenn versucht wird, es so hinzustellen, als suche ich dem Kampf für die Erhaltung der finanziellen Selbständigkeit des Landes dadurch aus dem Wege zu gehen, daß ich seine politische Selbständigkeit aufzugeben bereit wäre, dann ist das genau das Gegenteil der Wahrheit. Wenn ich die finanzielle Lage des Landes zum Anlaß nehmen wollte, meinem Ideal des Einheitsstaates nachzuleben. wozu hätte ich mich dann jahrelang zu bemühen brauchen und mich beschimpfen zu lassen, um die Hilfe des Reiches zur Erhaltung der Selbständigkeit des Landes zu erlangen? Meine warnende Aeuherung vom 13. Ianuar d. I. ist nicht mihzuverstehen. Ich stimme dem Herrn Aba. Dingeldey darin durchaus bei, daß die Entwicklung zum Einheitsstaat nicht durch Ausnutzung der schwierigen Lage einzelner Länder gefördert wird. Diese Meinung teilt auch der Reichsfinanzminister. Er hat sre auf der letzten Konferenz der Finanzminister vorbehaltlos ausgesprochen. Es ist darum auch nicht richtig, wenn Herr Dingeldey behauptet, der ReichsfinanzMinister wünsche die Rot einzelner Länder im Sinne der Entwicklung zum Einhecks- staat auszunutzen. Er mag vielleicht solchen Ge- danlengängen prüfend nachgegangen sein, aber nach seiner unzweideutigen Erklärung in der Konferenz der Finanzminister gibt es hinsichtlich seiner Wlllensentscheidung keinen Zweifel.
Ich selbst bin Anhänger des Einheitsgedankens und es wird mir wohl nicht verwehrt sein, mich zu ihm zu bekennen. Ich habe aber niemals unterlassen, zu betonen, daß für Hessen der Gedanke einer staatlichen Reuordnung solange nicht in Frage komme, als es unter Besetzung und ihreit Folgen leidet. Das wird nicht hindern, daß der Gedanke des Einheitsstaates auch in Hessen immer größeren Anllang findet, und ich glaube nicht, dah die Furcht vor der bayerischen Presse das hindern wirdi
VI.
Zum Schlüsse erfahren wir aus dem Artikel des Herrn Mngeldeh so etwas wie ein Programm des Ordnungsblockes: Das ist das einzig Positive und damit Erfreuliche des Artikels. Einem Teil dieser Forderungen kann ich durchaus z u st i m m e n, sie sind aber auch zu einem guten Teil in der Durchführung begriffen oder in Aussicht genommen. So die geforderte Dezentralisation der Verwaltung und die vom Landtag beschlossene Verminderung der Zahl der Dolksschullehrerstellen, ich
waren virtuos gesetzt und verloren nichts von 'Dem aristokratischen Dust, der ihnen eigen ist: wir nennen „Meine weihen ara" und „Die blume, die ich mir am fenfter hege" als besonders aus- schöpfende Kompositionen.
Dom Rest der Folge nur noch diese Damen: Dauthendey („Alle Dinge..Morgenstern („Der Seufzer") und Deranger („Der König von Vvetot"). Morgensterns barockem Einfall folgte die Vertonung in schnörkligen Arabesken, und Derangers bissiger Witz bekam im Bänkelsanger- ton spitze Pointen. Zum Schluß wiederum eine Handvoll Grotesken, wobei Ringelnatzens ebenso kurze, wie herzlich gemeinte Matrosenscherze den Vogel abschossen.
Die Aula war, soweit wir sehen konnten, voll gesetzt. Diele mögen etwas anderes von dieser Veranstaltung erwartet haben: aber nicht wenige auch werden dankbar, angeregt und sehr befriedigt nach Hause gegangen sein. —y—
Das „schmutzige Dutzend" und andere Klubs.
London hat Klubs für jeden Stand und jede Neigung. Da gibt es Klubs der Droschkenkutscher und Versteigerer, Klubs für Flötenspieler und Anarchisten, für Weiberfeinde und für Schornstein' feger, für Witwen und für Bardamen. Viele dieser Klubs führen in verschwiegenen Straßen ein geheimes Leben, aber gerade darin liegt ihre Romantik. So gibt cs z. B. einen Klub der „Gelben Plüschhosen". Nach diesem Bekleidungsstück nennt man noch immer die Aristokraten der Hintertreppe, die einst mit besonderem Stolz die gelbe Plüschhose trugen und die Thackerey in einem Buch unsterblich gemacht hat. Die Mitglieder sind Kammerdiener, Haushofmeister, Lakaien und Grooms aus „besten Häusern". Man erzählt sich, daß einmal em solcher „Gelbbehoster" aus dem Klub ausgestoßen wurde.
erinnere aber den Herrn Abg. Dingeldey daran, daß er dieser letzteren Maßnahme als für ihn zu weitgehend nicht zugestimmt hat. Die D e r - Minderung der Zahl der Abgeordneten könnte durchgeführt sein, wenn die agitatorische Hnrub-e, die der „Ordnungsblock' seit den letzten Wahlen unausgesetzt verursacht, es bisher zu einem ruhigen parlamentarischen Arbeiten hätte kommen lassen. Welche Arbeit unb Unruhe hat nicht schon das Volksbegehren verursacht, und wenn es Erfolg haben sollte, dann wird der neue Landtag wieder in unverminderter Abgeordnetenzahl erscheinen. Das Ministerpensions- gesetz wird geändert, sobald das angekündigte Aeichsgesetz vvrliegt. In der Frage der Hebertragung der Fachschulen an die Deruss- körperschasten werde ich mich vielleicht zu gegebener Zeit an das Programm des Herrn Abg. Dingeldey erinnern. Die Belastung der Gemeinden mit den Kosten der Volksschule unter Ruckübertragung der Realsteuern ist ein politisch unmöglicher Gedanle und führt zu keiner finanziellen Entlastung des Staates. Hnd die Zahl der Minister ist eine Frage, die von der jeweiligen politischen Konstallation abhängig ist, das weiß auch Herr Dingeldey. Aber so gut und richtig das eine oder das aitdere sein mag. auf die Gestaltung der Finanzlage hat das Ganze wenig Einfluß. Es mag den Politiker befriedigen, nutzt aber den Steuerzahlern wenig.
Man wird mir gestatten müssen, daß ich die Dinge etwas nüchterner und ebenso aus der politischen Pcrspcitive betrachte, wie cs die Herren vom „Ordnungsblock" tim. Das wahre Ziel des OrdnungsbliÄs ist die Ersetzung der Weimarer Koalition durch eine Rechtsmehrheit. Das politische Recht, für dieses Ziel zu kämpfen, kann billigerweise nicht bestritten werden. Ob das auch für die Mittel gilt, die zu diesem Ziele führen sollen, ist eine andere Frage: sie sind der Gegenstand des gegenwärtigen Kampfes. Ich verneine diese Frage. Praktisch denkt sich der Ordnungsblock die Dinge wohl so: Erst einmal die Macht erobert, dann findet sich alles andere von selbst. Der unentwegte Anhänger des Blocks ist mit allem zufrieden, wies gemacht wird, für ihn ist die Hauptsache, wer es macht. Er wird darum nichts dabei finden, wenn der bisherige Faden weiter gesponnen wird, ober — um mit dem Abg. v. Helmolt zu reden — wenn der Saustall ungemistet bleibt. Dringt eine Besserung der Wirtschaft auch eine Besserung der Finanzlage — eine Entwicklung, die wir alle erhoffen —, dann hat der Ordnungsblock das Vaterland gerettet. Solche Erwägungen sind nicht ungeschickt. Sie übersehen aber für ihre Hoffnungen auf den 5. Dezember nur eines: Es gibt auch noch Wähler, die nachdenken.
Ieitungsschau.
In einem von hohem Verantwortungsgefühl getragenen Aufsatz behandelt der deutschnationale Abgeordnete H. E. von Lindeiner-Wildau in der „Deutschen Allgem. Zeitung", die uns im Winter bevorstehenden politischen Ausgaben und kommt auch auf die großen wirtschaftlichen Zusammenschlüsse der letzten Monate zu sprechen, die er als ein Zeichen eines unbe- sieglichen nationalen Lebenswillens der deutschen Wirtschaft ansieht, um dann aber fort» zufahren: „Man wird aber auf der anderen Seite die ernsten Gefahren, die sich aus dieser Vertrustung für den lebendigen Organismus der deutschen Wirtschaft ergeben, nicht übersehen dürfen. Ich kann mich dem Eindruck nicht entziehen, daß die Klassengegensätze innerhalb des deutschen Wirtschaftslebens niemals diese an Gehässigkeit grenzende Schärfe angenommen hätten, wenn nicht eine so weitgehende Entpersönlichung des deutschen Hnternehrnertums eingetreten wäre. Der Arbeitgeber ist dadurch immer mehr aus dem Gesichts- und Ideenkreise des Arbeitnehmers geschwunden, und der deutsche Arbeiter steht, vielfach vielleicht unbewußt, unter dem Eindruck, seine Arbeitskraft und sein Arveitserträgnis einer ihm unbekannten Macht hinzugeben, die er als eine ihm feindliche zu betrachten gelehrt worden ist, oder bei der er mindestens jedes gegenseitige menschliche Verhältnis vermißt. Diese Entfremdung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und damit diese Zerreißung organischer Zusammenhänge wird zwei Klos durch die neuen internationalen Bindungen weitere Fortschritte machen. Hm so nötiger wird es schon aus ideellen Gründen für einen Staat, der es sich überhhaupt zur Aufgabe macht, regelnd und fördernd in das Wirtschaftsleben einzugreifen, dafür Sorge zu
weil man ihn beobachtet hatte, wie er auf einer belebten Straße ein Paket trug. Der Vorstand des Klubs erklärte ein solches Betragen mit der Würde eines Mitglieds für unvereinbar und meinte, der Mann hätte, wenn er schon ein Paket tragen müßte, sich zum mindesten einen Wagen nehmen sollen. Im „Knöpfe-Klub" finden nur Pagen der besten Hotels und Klubs Aufnahme. Ein merkwürdiger Klub ist der der Schornsteinfeger, der sich bezeichnend das „schmutzige Dutzend" nennt. Er ist nicht allein auf diesen Beruf beschränkt, sondern es werden Leute aufgenommen, die „täglich schmutzige Arbeit leisten". Der Raum, in dem man tagt, deutet dadurch, daß er keine Möbel enthält und recht vernachlässigt ist, schon auf das „Milieu" dieses Kreises hin. Der Klub der „Kochenden Damen" ist für die Elite der Küchenfeen reserviert: er tagt monatlich in den eleganten Wohnräumen eines Barons, der sich den größten Teil des Jahres auf Reisen befindet und daher seiner Köchin [eine Salons wohl ober übel überläßt: erörtert werden hier hauptsächlich „Mittel und Wege, um den Uebergriffen und Ungerechtigkeiten der Herrschaften zu begegnen".
Eine Drücke aus Affen
Reisende haben verschiedentlich davon erzählt, daß die überaus langschwänzigen Spinnenaffen Brasiliens aus ihren Körpern eine Kette bilden und sich von einem Daum aus so lange nach vorwärts schwingen, bis der letzte der Kette einen Zweig auf der gegenüberliegenden Seite eines Flusses erreicht: auf diese Weise sollen sie eine lebendige Drücke aus Affen bilden. Diese Erzählungen sind von den Raturkundigen stets ins Reich der Fabel verwiesen worden. Cs scheint aber kwch, als ob etwas Wahres daran ist und als ob von Affen jedenfalls eine solche Leistung versucht werden kann. Dafür spricht der Bericht des britischen Konsularbeamten I. R. Hindmarsh, den Londoner Blätter verösfent-
Dienstag, 23. November (926
tragen, daß die berechtigten Wüirsche und For- bentngen der Arbeitnehmer erfüllt und gesichert werden, um die verstärkte Gefährdung des inneren Friedens, die aus dieser Entwicklung droht, hintanzuhalien. Es güt nach meiner Heberzeugung weniger objektiven, als vielmehr subjektiven Gefahren entgegenzutreten. Die lebendige Arbeitskraft und die willige Arbeitsfreude ist nun einmal das wertvollste Gut einer nationalen Wirtschaft. Wirkliche Sozialpolitik treiben heißi. diese Güter nicht nur äußerlich durch Gesetzesparagraphen zu schützen, sondern innerlich im Herzen und Willen! aller im Produktionsprozeß Tätigen immer neu zu. erzeugen. Aus einer solchen Stimmung heraus wird bann auch die Arbeitnehmerschaft am ehesten bereit sein, ben Rolloenbigkeiten Rechnung zu tragen, die nun einmal der längst noch nicht abgeschlossene Daseinskampf der deutsche Wirtschaft allen in iHv Tätigen auferlegt. Der große Interessenausgleich zwischen ben berechtigten Forderungen der als Arbeitnehmer tätigen Staatsbürger und ben Abhängigketten unb Zwangsläufigkeiten der deutschen Wirtschaft üt ihrer Stellung im Rahmen der gesamten Welt» probuktion wirb nur burch verständnisvolles Entgegenkommen beider Teile gelöst werden können. Dazu ist vor allem, nötig, daß auch die Rechte des deutschen Arbeitnehmers ihre gesetzgeberische Sicherung erfahren. Es banbelt sich also bei der Verabschiedung des Gesetzes über die Arbeitszeit unb über die Schaffung von Arbeitsgerichtei', geradezu um Kent- fragen des Fortbestehens der deutschen Wirtschaft. Diese Fragen können in wirklich staatspolitischem Sinne niemals von einer Partei gelöst werden, die sich bewußt und programmattlch nur als Vertreterin der einen Seite ansieht unb ber anderen ben Kampf angesagt hat. Die Verantwortung der deutschen Gesetzgeber ist in materieller und ideeller Hinsicht ungeheuer. We.mi bei der Lösung dieser Fragen llassenkampferische Gesichtspunkte mitwirken, bann ade deutsche Wirtschaft unb vor allem innerer Friede."
In bet „Täglichen Rundschau" zieht der Fraktionsvorsitzende ber Deutschen Volks- Partei im preußischen Landtag, Regierungspräsident a. D. D. Dr. von Campe in einem „Verfassungstreue" überschriebenen Aussatz mit sehr ernsten Mahnungen gegen die Hnduld- sarnkeit zu Felde, die sich im politischen Leben gegen Andersdenkende breit macht. Er schreibt: „Den Schwärmern für Republik und Demokratie galt — und gilt auch heute noch — eigentlich nur der überzeugte Demokrat, der überzeugte Republikaner für verfassungstreu. Jeder andere ist zunächst einmal verdächtig. ^Iber sie selbst mußten schon so oft recht, recht viel Wasser in den Revolutionswein gießen. Sie sehen die loyale Daterlandsarbeit so mancher „Richtrepublikaner". Sie sehen, daß republika- nische Gesinnung nicht die notwendige Voraussetzung für Verfassungstreue ist. Sie sehen, daß Vaterlandsliebe, daß wtolz auf unsere große Vergangenheit in den Staat, auch in den Staat von heute hineintreibt. Sie sehen, daß in dieser Liebe,FN diesem Stolz, als einem gesunden Rähr- bodxn, Verfassungstreue ihre Wurzeln schlagen kann. Dieser Stolz braucht daher nichts Verdächtiges, nichts Gefährliches auch vom Standpunkte des neuen Staates zu sein. Ob wir uns hüben und drüben in solchen Gedankengängeg nicht finden könnten! Ein Voll kann nur bann seiner vaterländischen und persönlichen Arbeit mit Erfolg nachgehen, wenn es mit seiner Verfassung ins Gleichgewicht gekommen ist. Das schließt den Wunsch nach dieser oder jener Aenderung nicht aus. Aber die Grundlage muß stabil sein. Man darf sich nicht gegenseitig als Revolutionär und Reaitionär gegenüberfteben. Stolz auf eine große Geschichte sollte dem Revolutionär nicht ein Zeichen reaktionärer Gesinnung, sollte ihm selbst der stärkste Kraftquell für nationale Arbeit auch in dem neuen ganz anders gearteten Staate sein. Hnd monarchische Gesinnung darf nicht fernhalten vom Dienst an der Republik, darf den Monarchisten nicht zurückhalten, darf den republikanischen Staat nicht veranlassen, den Monarchisten zum Dienst am Staat nicht zuzulassen. Denn monarchische Gesinnung hemmt des vaterländischen Realpolitikers loyale Treue gegenüber einer republikanischen Verfassung nicht. Hindenburg ist ein leuchtendes klassisches Beispiel dafür. Aus solchen Gedankengängen konnte und sollte ber Streit um die Verfassung und die Verdächtigung der Verfassungstreue wegen nicht republikanischer
lichen. Mit drei englischen Sportsleuten zusammen beobachtete er einen merkwürdigen Vorfall an dem sehr ruhig fließenden Praro-Fluß in Siam. Reun „Iangur-Affen" kreuzten den Strom und kletterten auf einen weit vorstehenden starken Ast eines Teakbaumes. Auf der anderen Seite des Flusses, ihnen grade gegenüber, waren acht andere Affen, während drei weitere auf einem Zweig darüber sahen und zuschauten. Ein großer männlicher Affe stemmte seine Hinterfüße fest gegen Den Baum und umwickelte ihn mit seinem Schwanz: bann nahm er einen anderen Affen in seine Arme, dieser packle wieder einen Gefährten, und so bildeten sie rasch eine offene Kette, die hin- und herschwang. Hnterdessen hatten auch die Affen auf der anderen Seite sich in derselben Weise ineinander verklammert. Die Bewegungen der Tierketten gegeneinander wurden immer schneller, wobei sie durch die sich wiegenden Aeste noch einen stärkeren Schwung erhielten, und nach einem Dutzend Versuchen begegneten sie sich in der Mitte des Flusses, der 12 Fuß breit war, unb vereinigten sich. Sofort, als die lebendige Drücke hergestellt war, verliehen die drei anderen Tiere, die schwächlich und müde aussahen, ihren Platz unb liefen über die Körper ihrer Gefährten herüber. Hnglücklicherweise aber glitt der dritte, als er bereits beinahe auf der anderen Selle an gekommen war, aus unb rih im Fallen den hilfreichen Kameraden mit sich, auf dem er gerade stand. Sv stürzten alle Affen, mit Ausnahme der zwei glücklich hinübergekommenen und dreien von ber Kette ins Wasser, wurden fvrtgerissen und ertranken. Die Heberlebenden liefen schnatternd und heulend an dem Hfer entlang, wie wenn sie helfen wollten. Dald aber standen sie davon ab unb liefen in den Wald. An diesen glaubwürdig beobachteten Vorfall knüpfen sich manche intet» essaitte Fragen über die Hilfeleistung der Affe» schwächeren Genossen gegenüber und über Wanderungen dieser Tiere.


