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Nr. 274 Lrfter Blatt

176. Jahrgang

Dienstag, 25. November 1926

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Giehener Anzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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Dr Friedr Wilh Lange. Derantwortlich für Dohtih Dr Fr Wilh. Lange, für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein: für den An­zeigenteil i. Dertr. H. Deck, sämtlich in Giehen.

Der britische Staatenbund.

Das britische Weltreich hat sich eine neue Form gegeben. Bon nun an haben wir es nicht mehr mit London als dem Mittelpunkt eines gewaltigen von England regierten Ko­lonialreiches zu tun, sondern mit einem Bund einander gleichgestellter Staaten, der nach außen durch den Träger berStrone und dessen unmittelbare persönliche Vertreter re­präsentiert wird. Ulan wird als Deutscher mit ftarlem Reid erfüllt, wenn man sieht, mit wel­cher Folgerichtigkeit und Selbstverständlichkeit die ®ngläni>er und ihre Ableger in den Kolonien in wirklich staatsmänni'chem Deist zur richtigen Stunde den Erfordernissen einer neuen Zeit Rech­nung tragen und dabei peinlichst bemüht sind, alte Formen zu wahren und die Tra­dition hochzuhalten. Langsam, aber stetig ist im Laufe der Geschichte die ursprünglich autokratische Macht der Krone auSgehöhlt, ihr Glanz nach außen ungetrübt erhalten worden. Wenn sich ein Träger der Krone als Mensch und Staatsmann über den Durchschnitt erhob, ver- niochte er sich im Politischen Leben Englands vollkommen bura).,ufeijen und seine Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. War das nicht der Fall, *o wurde die Regierung von Männern geführt, die bei allen menschlichen Fehlem und Schwä­chen eifrig daraus bedacht waren, das Ansehen bet Krone hin nach außen nicht zu schädigen. Diese Ersahrungssähe. die Lehre von der Ein­schätzung auch des politischen Wertes der 11 e - berliefetung sollten sich unsere unentwegten Demokraten, die ja so gerne in England das Htbilb ihrer Ideale erblicken, recht gründlich zu ßemüte führen.

Daß sich die verschiedenen Dominions bereits seit langem innerpolitisch fast vollständiger S e l b- ftänbtgleit erfreuten und nun auch nach äußerer Anerkennung dieses Verhältnisses streb­ten, ist wiederholt geschildert worden. Daß der Weltkrieg auch in bezug auf die Struktur des bisherigen britischen Weltreiches und auf die Führung der auswärtigen Politik von weit­reichendem Einfluß sein würde, war jedem klar, berjkß ein wenig um die Entwicklung der staats« recMichen Verhältnisse Englands und seiner Kolonien gekümmert hat. Vielleicht erinnert man sich auch daran, daß sich England im Beginn des Weltkrieges die militärische Unter ftüfoung verschiedener Dominions durch die Zusicherung sicherte, diese künftig mehr als früher an der Leitung der auswärtigen Politik zu beteili­gen. Das wurde in die Wege geleitet durch die Einrichtung der Reichskonferenzen, die bisher nicht durchweg in vollster Harmonie ver­laufen sind. Run aber haben sich auf der dies­jährigen Reichskonferenz in London die englische Regierung und die Vertreter der Dominions in aller Stille, aber in eingehenden Beratungen auf eine völlige Reuordnung der Dinge aeeinigt. In einer gemeinsamen Erklärung wird der Oeffentlichkeit von den gefaßten Beschlüssen Kenntnis gegeben. Es ist wiederum ungemein charakteristisch für den Grundzug des englischen Lebens, daß man sich nicht auf einen Vertrag oder eine Reihe von Verträgen oder gar eine neue Verfassung sestgelegt, sondern in der Er­klärung einfach fest gestellt hat, es habe sich bereits eine neue neue Ordnung entwickelt. Die englische Verfassung, von der so oft und so viel die Rede ist, besteht bekanntlich überhaucht nicht. Wichtiger als ein Stück Papier erscheint dem Engländer das, was er unter Präzedenz versteht, mit anderen Worten: die Anerkennung eines festgelegten Grundsatzes und die Hochhai- tung der Tradition.

Also auch jetzt wieder bildet die Grundlage die verabredete gemeinsame Erllärung von Ver­tretern der englischen Regierung und der Do­minions. Diese bUocn zusammen in Zukunft einen Staa t enbun d, der aber wiederum ganz verschieden ist etwa von dem amerikanischen und dem früheren deutschen Bundesstaat. Gemeinsame Interessen, gemeinsame Abstammung, gemeinsame Sprache, gemeinsames Recht und gleiche Kultur- Höhe sind die Bindemittel, die die Glieder des neuen Reiches, nach englischer Auffassung und mit Recht, fester zusammenkitten, als etwa ein gemeinsames Parlament ober sonstige Einrich­tungen. Den Mittelpuntt bildet, wie bereits er­wähnt. der König, der in den einzelnen Do­minions durch einen Vertreter seiner Person Damit dem Volk unmittelbar näher gebracht wird. Freilich wird damit der jeweilige Statthalter ober Generalgouverneur auch des letzten Restes politischer Tätigkeit entkleidet und ebenso zum Dekorationsstück gemacht, wie es der englische König überhaupt ist. Der politische Verkehr zwischen den Dominions und England wird direkt von Kabinett zu Kabinett geführt und es ist wohl möglich, daß der nächste Schritt in. der Entwicklung der sein wird, den ständigen Vertretern der Dominions in einer Art von Reichskabinett Sitz und Stimme zu geben. Bis dahin werden die Dertteter der Dominions ungefähr als Botschafter behandelt, während sie selbst untereinander und bei anderen Mächten nach ihrem Belieben diplomatische und Kon'ular- vcrtreter unterhalten werden. Verträge abschlie- hen usw.

Wenn man will, ist das äußere 'Band, das in Zukunft die Glieder d.eses neuen Staatenbundes zusammenhält, ein äußerst loses. Aber gerade durch die dem Engländer angeborene unverwüst­liche Reigung zum Konservatismus dürfte sich der Bund als sehr viel stärker erweisen, als manche anscheinend viel festere Gebilde. In

DieDaily Mail" stellt zunächst fest, daß der Bericht deutlich die völlige Gleichberech­tigung der Dominions mit Großbritannien nie­derlege. Er bringe jedoch keine Aenderung der wesentlichen Bedingungen, da die Dominions seit Jahren von Großbritannien praktisch unab­hängig und in ihrem Status gleichgeblieben seien.

Die liberalen Blätter sind im allgemeinen befrie­digt, legen sich jedoch Zurückhaltung auf.Daily Chronicle sagt, der höchst intereffante Bericht der Kommission zeige deutlicher als alles bisher veröffentlichte, daß das britische Reich bereits seine Konstitution habe, die durch den jahrelangen Gebrauch stillschweigend sanktioniert worden leü Sir Austen Chamberlain könne als bri- tischer Außenminister Kanada oder Australien nicht zu irgendwelchen Verantwortlichkeiten verpflichten. Er könne es aber andererseits wiederum, falls die Dominions ihn dazu bevollmächtigten. DieDaily News" befürchten, daß der Bericht ausländische Beobachter zu der Auffassung verleiten könnte, daß diese Konferenz eine vitale Schwäche in der Struk­tur des britischen Reiches und ein neues Stadium in dem Prozeß der Auslösung bedeute. Indessen seien in dem Bericht sicherlich keine Anzeichen eines drohenden Verfalles wahrzuneh­men. Es sei der angemessene und bedeutsame Aus­druck einer progressiven Zivilisation, die sich ihrer Pflichten in hohem Grade bewußt fei. SB e ft m i n ft e Y Gazette" sagt,

das britische Reich lebe weiter mit der Krone als Symbol der Einheit.

Die neuen Bestimmungen setzten die Domi­nions in die Lage, dem Mutterlande in der Frage der Locarnoverträge zu gratulieren, be­deuteten also einen Schritt in der Richtung auf die Stabilisation in Europa, ohne ihnen selbst irgendwelche Verpflichtungen auszuerlegen. Der soziallstischeDaily Herold" nennt den Bericht des Komitees ein Meisterstück der Ausflüchte. Das Komitee habe hochllingende Phrasen>roschen, den Wegfall von fünf Wor­ten und die Einfügung eines Kommas in den königlichen Titel empfohlen, habe jedoch mit größter Geschicklichkeit jedes wirkliche Problem umgangen, das sich aus den gegenwärtigen Be­ziehungen zwischen6c. Majestät Regierung in Großbritannien" undSeiner Majestät Regie­rungen in anderen Teilen der Welt" ergebe. (Der Titel des englischen Königs lautet jetzt: Georg V. durch Gottes Gnade König von Groß­britannien, Iüand und den überseeischen Do­minions, Verteidiger des Glaubens, Kaiser von Indien.)

der auswärttgen Politik wird sicherlich für die nächste Zeil der englische Einfluß noch über- wiegen, schon aus geographischen Gründen. Aber bei der großen Behutsamkeit, von der sich die englische Regierung in der Haltung den Domi­nions gegenüber hat lenken lassen, darf man auch -erwarten, daß sie entscheidende Schritte nicht tun wird, ohne sich der Zustimmung der anderen Gliedstaaten versichert zu haben. Ob sich daraus im Lause der Jahrzehnte eine Verschiebung des Machtzentrums innerhalb des britjdjen Welt­reichs entwickeln wird, vermag niemand voraus­zusehen.

Vie englische presse.

London. 22. Rov. ($11.) Der Bericht über die Ergebnisse der Reichstvnferenz und das künftige Verhältnis der Dominions zum Mutter­lande wird in der heutigen Morgenpresse aus­führlich behandelt. Die tonfern.Time s" stellten mit Befriedigung, wenn auch mit einiger Zurück­haltung den günstigen Verlauf der Konferenz fest. Ihr Ausgang werde von ihren Tellnehmem zweifellos als ein ungewöhnlicher, man könne fast sagen, unerwarteter Erfolg betrach­tet. Die Konferenz habe llug daran getan, dis Aufgabe abzulehnen, eine Konstitution für das britische Reich niederzulegen. Sie habe statt dessen ein autoritatives Bild des britischen Reiches ge­schaffen, wie es in Wirklichkeit sei. Der ebenfalls konserv.Daily Telegraph" spricht die Hoss- nung aus, daß die Einzelheiten der in dem Bericht erwähnten wichtigen Fragen sobald wie möglich durchgesührt werden würden. Die hoch- konservativeM orningpost" ist sowohl mit ihrem Lob als auch mit ihrer Kritik recht zurück­haltend. Sie meint, keine formale Einheit werde genügen, die einzelnen Telle des brittschen Rei­ches zusammenzuhalten, solange es keine Ein­heit des Gefühls uiid der Interessen gäbe. Das britische Weltreich sei vorwiegend ein Bund zur gemeinsamen Verteidi­gung. Das sei eine Realität, für die die eng­lischen Staatsmänner arbeiten sollten. DerDaily Expreß" meint, daß der geschickt und taktvoll aufgebaute Bericht offenbar im wesentlichen dazu bestimmt gewesen sei, der Stellung des Generals H e r t z o g Rechnung zu tragen. England werde die negativen (Srgebniifc der britischen Reichs- kvnserenz begrüßen, well es über die paradoxe Wahrhell im klaren sei, daß

je loser das Schiff des brttifchen Reiches fei, die einzelnen Teile um fo sicherer zusammen- gehalten werden könnten.

Sonlteiii fcröetl WWMMlM SesAmUM.

Eine Pariser Erklärung.

P a r i i , 23. Rov. (TU.) Der3ntranfigeant" brachte am Montag angeblich aus autorisierter Quelle einen Artikel, betiteltDie reine Wahr­heit über die Kontrolle der deutschen Rüstun­gen". Danach strebt man deutscherseits die Ab­schaffung der interalliierten Milllärkontrolle an, um gleichzeitig die Durchs üh rung desIn- vestigationsrechtes des Völkerbun­des in Deutschland unmöglich zu ma­chen. Das Blatt betont dabei, daß französischer­seits -eine ständige Kontrolle der Rheinlande nach dem Abzug der Besatzungs- truppen vorgesehen sei, und daß Briand und Paul - Dvncourt diese Auffassung entschieden ver­teidigten. Der sehr lebhafte Widerstand im Döl- kerbundsrat habe aber verhindert, daß der Vor­schlag der vorbereitenden Kommission bisher einer zweckmäßigen Diskussion unterzogen werden konnte.. Hier sei das Problem st ecken ge­blieben.

Deutschland habe ebenso klar vor Locarno in Paris wissen lassen, es werde unter garkeinen Vorwänden zulassen. daß eine ständige Kontrolle, die im Versailler Vertrag nicht sestgelegt sei, auch nur zur Diskussion vorgelegt werde. 2Han müsse daher daraus bedacht fein, nicht die permanente Kontrolle im Rhein­lande mit dem Jnoestigationsrecht auf dem gefamfen deutschen Gebiet, das im Sinne des Art. 213 des Versailler Vertrages aus- geübt werde, zu verwechseln. Dessen Durch­führungsreglement habe der Völkerbundsrat seiner­zeit mit Stimmeneinheit beschlossen. Dieses Reglement bestimme alle Einzelheiten. An der Spitze dieser Kontrollorganisation befinde sich General Desticker. Das Dokument könne nur wieder mit Stimmeneinheit des Rates abgeändert werden. Das sei die Auffassung, von der die französische Regierung nicht abweichen dürfe. Gegen diese laufe nun Deutsch­land Sturm. Es wolle eine Investigation ohne die Anwesenheit eines deutschen Verbindungsoffiziers nicht zulassen und damit die unangesagte Kon­trolle des Völkerbundes verhindern. Darum müsse man von Deutschland, bevor die Abberufung der interalliierten Kontrollkommission stattfinde, die Unterzeichnung einer Verpflichtung verlangen, sich der Investigation, wie sie der Völker­bund ausgearbeitet habe, zu unterwerfen.

Bon französischer zuständiger Seite bemerkt man zu diesem Artikel desIntransigeant", daß

der liebergang der Abrüstungskontrolle auf den Völkerbund in der von dem Blatt vor- geschlagenen Weise geregelt werden müsse. Erneut betont man. daß niemals die Ab­sicht der französischen Regierung gewesen sei, eine permanente Kontrolle des Völkerbundes zu ver­langen. Die' Organisation des Investigations­rechtes und die Tätigkeit der mit der Durchfüh­rung beauftragten Kommission bilde das Pro­blem, das sich gegenwärtig darbiete und dessen Lösung bedingt sei durch die politischen Verhält­nisse zwischen Deutschland und Frankreich.

England wünscht beschleunigteErledigung

London, 23. Rov. (TU.) 3n politischen Kreisen Londons wird die Rachricht bestätigt, daß sich Chamberlain aller Wahrscheinlichkeit nach zu der am«. Dezember in Gens statt­findenden Tagung des Völlerbundsrates begeben wird. Das wird auch für den Fall zutreffen, daß Briand und ©trefemann nicht an

Sagung tellnehmen füllten. Die genauen Richtlinien der englischen Delegation stehen zwar im Augenblick noch nicht fest, lassen sich aber in .großen Linien wie folgt umschreiben: Eng­land wünscht die ganze Abrüstungs» frage sobald als möglich erledigt zu sehen. Indessen wird in politischen Kreisen auf die Schwierigkeiten, auf die man in dieser Frage in Frankreich stößt, hingewiesen, so daß die englische Diplomatie in Paris keine leichte Ausgabe haben werde. Auf englische Vorstellungen in Paris sei immer wieder die Liste der unerfüllbaren Forderun­gen vorgezeigt worden.

Unabhängig davon laufe nach englischer Auf­fassung die Frage der k ü n f t i g c n K o n t r o 11 e der deutschen Abrüstung. Der bereits vor 18 Monaten fertiggestellte Plan für die Dölkerbundskontrolle sei deutscherseits in diesen und jenen Punkten beanstandet worden, worauf man Berlin habe wissen lassen, daß alle diese Einwande auf der am 6. Dezember stattsindenden Ratstagung vorgebracht werden könnten. Gleich­zellig wird auf die französische Furcht hinge- wie^en, daß eine Zwischenzeit entstehen könnte^ falls die interalliierte Kontrollkommission aufgelöst werde, bevor man sich über den Plan der Dölverbundskontrolle geeinigt habe. Rach eng­lischem Plan werde es sich um feine ständige Kommission mit einem bestimmten Vorsitzen­den handeln, sondern im wesentlichen um die Auf­stellung einer Liste von Sachverständigen, die von Fall zu Fall für die Untersuchung I

bestimmter, von irgendeiner Seite aufgeworfener Einwände ernannt werden sollen.

Frankreichs Heer.

Don unserem Pariser W. 8.-Korrespondenten.

Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß das französische Budget für 1927 eine Friedensheeresstärke von rund 702 002 Wann vorsieht, a Jo genau siebenmal soviel a I s Deutschland, während aber natüc ich trotzdem Deutschland von Frankreich stets als der ..mili­tärische" Staat verschrien wird. Rach dem Heeres« budget für 1927 wird die französische Armee 1927 eine Mannschaftsstärke von 31 028 Offi­zieren, 647 438 Mann und 157 320 Pferden auf- weisen. Hinzu kommen noch 49 000 Offiziere und Mannschaften in den Kolonien. In Frank­reich selbst stehen 440 000 Mann, am Rhein 60 000 Mann. Für Marokko sind vorgesehen 2819 Offiziere, 82 795 Mann, 31 438 Zugtiere. Die militärischen Ausgaben für Marokko werden auf 680 Millionen veranschlagt. Das Protektorat beteiligt sich an diesen Ausgaben mit 41 Millio­nen gegen 26 Millionen im Jahre 1926. Indo­china ist für militärische Zwecke mit 33 Mill.o- nen belastet, Französisch -Westafrika mit 8 Millionen und Madagaskar mit 2,5 Mil­lionen. Die Levante-Armee besteht aus 648 Offizieren, 15 087 Mann und 5609 Zug­tieren für deren Unterhalt 187,5 Millionen er­forderlich sind. In Algerien und Tunis stehen 2646 Offiziere, 77 329 Mann und 19 473 Zugtiere.

Frankreich, Italien und Deutschland.

Von unserem Pariser W.-S.-Äorrefponbenten.

Paris, 22. Noo.

Die bekanntlich C a i l l a u x und dem Links- karlell nahestehendeEre Nouvelle" beschäftigt sich mit der Stellung, die Frankreich gegenüber dem ita­lienischen Faszismus in außenpolitischer Hinsicht ein« nehmen soll und schreibt, man dürfe sich über die praktischen Ergebnisse einer Verhandlung mit Musso- lini keiner Illusion hingeben. Gewiß habe das ita­lienische Kabinett sich gegen den Anschluß Oesterreichs an Deutschland ausge- prochen, aber wenn in dieser Frage die sranzüsi- chen und die italienischen Interessen sich decken, so olge daraus nicht, daß sich Frankreich, was seine ;anze außenpolitische Aktton anbetreffe, von den aszistischen Bestrebungen ins Schlepptau nehmen lassen dürfe. Welchen Preis werde Mussolini von Frankreich verlangen, um dieses bei seiner Opposi­tion gegen einen möglichen Anschluß Oesterreichs an Deutschland zu unterstützen? Die berühmte These vom lateinischen Block sei eine literarische These und politisch nicht aufrechtzuerhalten. Frank­reich möge den Westblock errichten, natürlich mit Italien, aber auch mit Deutschland, selbst wenn Frankreich dann mit ihm gegen seinen ehe- Berlin, nicht in Rom müsse Frankreich das Schicksal seiner Ententen suchen. Der Faszismus sei nur ein provisorisch-glückliches Abenteuer. Früher ober später werde Italien sich Deutschland zu nähern suchen gemäß der Tradition Ca­vours und Crispis. Was werde denn geschehen, wenn Frankreich bann mit ih mgegen seinen ehe­maligen Feinb im Bunbe stehen werde? Das Pro­blem der deutsch-französischen Zusammenarbeit habe den V o r r a n g vor allen anderen. Italien könne in Paris und in Berlin eine ablehnende Haltung ein» nehmen und Nein sagen, aber es könne, auch wenn es faszistisch ist, nicht Paris und Berlin, wenn diese endgültig geeinigt seien, ein Nein entgegensetzen.

Die französisch-italienische Spannung.

Französische Licherheitsmatznahmcn im Grenzgebiet.

Paris, 23. Rov. (121.) lieber die französisch- italienischen Verhandlungen wirb an gut unterrich­teter Stelle erklärt, daß eine leichte Entspan­nung zwar eingetreten wäre, daß aber die politische Lage nach wie vor als ziemlich keikel zu betrachten sei. wie verlautet, besteht nach beiden Richtungen eine sehr scharfe lelegrammzen- s u r, und man hat ben Eindruck, daß von fran­zösischer Seite bereits zur Durchführung gewisser Sicherheitsmaßnahmen im italieni­schen Grenzgebiet geschritten wird, die man besonders in der rechtsstehenden preffe verlangt. So weist dieLiberi e, die sich bisher immer sehr warm für eine französisch-italienische Verständigung cinfeßte, darauf hin, daß sich die großen italienische,'» Garnisonen mir 100 Kilometer von der französischen Grenze befänden, und daß der Zwischenraum immer mehr mit Militär belegt und mit Verteidigungsanlagen und Eisenbahnlinien ausge­rüstet würde, während auf der französischen Seite nicht genügend Truppen vorhanden feien. Die großen französischen Garnisonen lägen 200 Kilo­meter von der Grenze entfernt. Einem italienischen Einfall könnte R i; z a kaum Widerstal'.d leisten und eine kleine italienische Armee wäre in der Lage, Rizza emzunehmen. Korsika könne überhaupt k e i- nen Widerstand leisten und könne von ein paar hundert Legionären mühelos beseht werden. Frank­reich müsse klug genug sein, um Italien von dem versuch, in das französischebeschützte Gebiet ein- znfallen, abzuhalten.

Die Folgen der Frankenhausse.

Paris, 22. Rov. (TU.) Die Franken- Hausse, die mit der Rückw an derung be­deutender Kapitalien aus dem AuS-