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Gießener Anzeiger (Oeneral-Anzeiger fgr Oherhesfen)

Samstag, 23. Oktober 1926

Ur. 249 Drittes Blatt

Die geschmackvolle Maßkleidung

Nachdruck verboten.

23. Fortsetzung.

den Gießener Interessen zuwiverlaufen. Soviel uns bekannt ist, steht auch die Post dem Reichs­bahnvorschlag ablehnend gegenüber. Ebenso steht fest, daß in maßgebenden Kreisen des Kleebach- tales keine Neigung vorhanden ist. der Reichs­bahn zu folgen. Rur Großen-Linden allein leistet der Reichsbahndirektion Frankfurt Gefolgschaft, was man ja verstehen kann. Im ganzen gesehen, steht ^Die Interestente'.rschaft der Kraftpostlmie auf dem Standpunkt, daß dieser Betrieb in der bisherigen We se weiterzuführen ist. Damit sollte sich auch die Reichsbahndirektion Frankfurt zu­frieden geben: sie sollte es fertigbringen, auch mal zusehen zu lönnen. daß der andere große Reichsbetrieb eine wirtschaftlich an­nehmbare Dache in der Hand hat. Denn Vie Reichsbahn muh ja doch nicht alles nur für sich haben!

üble äußere Anblick dieser städtischen Umgebung^- zoncn ein deutliches Zeugnis ablegt.

Hier tritt nun neuerdings stark der Gedanke auf, diese Gebiete durch ein großzügiges, planmäßiges Vorgehen zu sogenannten städtlschen Kultur- a ü r t e l n , auch Grüngiirtel genannt, auszuge- ktalten. Der Vorkämvfer dieser Gedanken ist seit

Das große Würfelspiel

(Martina Vilemar.)

Roman von Franz Laoer Kappus.

Aussehen: sehr gut!" Lily verbesserte sich.Der Gefamteindruck nämlich: sehr gut. Vielleicht ist er etwas schmaler geworden, aber sonst: tadellos. Zu tadellos, beinahe, Martina."

Was bedeutet das: Zu tadellos? Du sollst nicht in Rätseln sprechen, Lily." Hastig fügte sie hinzu: Weiter!" .

Und was sagt er? Es sei noch etliches in Schwebe. Das war alles, was ich aus ihm heraus- bekommen konnte. Bis heute weiß ich nicht, was er damit gemeint hat."

Geschäfte wahrscheinlich." Ungläubig sann Mar­tina den zwei Worten nach. Was für Geschäfte konnten das sein? Zögernd fragte sie:Hat er Geld? Don etwas mußte er doch leben, seit Schwarzkopf verhaftet war?"

Lily sprach rasch:Geld scheint er zu haben. Selbst hot er das betont Es soll eine bestimmte runde Summe werden, die er mitbringen will. Zwei ober drei Fabre sollt ihr davon leben können. Das ist doch hübsch, Martina? Denke nur: zwei oder drei Jahre ohne Sorgen das ist eine lange Zeit. Zehnmal kann er in der Zeit eine Stellung finden. Und du brauchst nicht mehr in dos dumme Bureau."

Eine Weile sah Martina still vor sich hin. Dann sprang sie auf und sagte:Das mit der gewissen runden Summe das weiß ich längst. Oft genug hat er mir das geschrieben. Aber das andere: Warum ver­heimlichst du mir das andere, Lily?" Mit beiden Händen rüttelte sie die Schwester:Du sollst mich nicht schonen! Ich sehe es dir an: du weißt genau, womit Benno Geld verdient! Warum sagst du mir nicht, was du weißt?"

Mein liebe, liebes Kind!" Lily schlang den Arm um Martina. Feucht schimmerten ihre Augen. Wenn ich dir das ersparen könnte!" Sie preßte die Schwester an sich und streichelte ihre Wange.Diel zu gut bist du für dieses Leben, viel zu gläubig, viel zu rein. Es geht ja so toll zu draußen in der Welt: Herrgott was hat die neue Zeit aus den Men­schen gemacht!"

Mit einem Schrei riß sich Martina los.

Du sollst sprechen, Lily!" Ausgespreizt waren ihre zehn Finger.

Komm, setze dich hierher. So. Und jetzt gib mir die Hand. Ganz still mußt du bleiben." Lily verhielt für einen Moment den Atem. Dann sagte sie sonder­bar flatternd:Also: Herr Benno von Kreuth ist maitre de danse. Das scheint fein neuer Beruf zu fein."

Maitre de danse?" Martina wußte mit dem Wort nichts anzufangen.Tanzlehrer, Tanzmeister?" fragte sie mit großen Augen.

Ja", nickte Lily.Auch eine Errungenschaft unserer Zeit."

Und damit kann man so viel Geld verdienen?"

Warum nicht?" Aus einmal spielte Lily eine Rolle. Ohne daß sie es wußte, bekam ihr Anttis einen kalten, überlegenen Ausdruck.Warum nicht? wiederholte sie mit wissenden Filmblicken.So ein maitre de danse wird unter Umständen gut bezahlt. Fünfzehn bis fünfundzwanzig Franken pro Abend sind der Durchschnitt in der Schweiz. 9n Interlaken ober Davos kann er es auch auf dreißig Franken bringen. Dazu kommen dann natürlich die Trink- gelber. Je nichtiger, je beliebter einer ist, um so mehr machen die Trinkgelder aus." Lily lächelte mondän.Es ist wie überall."

,Lch verstehe trotzdem nicht", sagte Martina, zu Tode getroffen.

Du mußt wißen," erklärte Lily,ohne maitre de danse kommt heute kein besserer Betrieb aus. Jeder Kursaal, jede Tanzbar, jeder Tearoom halt einen ober mehrere solchen jungen Leute. Die Da­men wollen ja tanzen, nicht immer sind genug Herren zur Verfügung. Außerdem ist jeden Augenblick em neuer Tanz da. Und man muß dock auf dem laufen- Öen bleiben. Da ist der maitre de danse wirklich em Bedürfnis. Er weiß in allen komplizierten Schritten und Figuren Bescheid, benimmt sich gut, ist glanzend angezogen, kurz: er füllt seinen Platz aus. 3m übrigen" Jäh brach Lily ab. Plötzlich wurde chr bewußt, zu wem sie redete.

Mit verzerrtem Gesicht saß Martina da.

Wer gibt die Trinkgelder?" fragte Martina leise, obwohl sie wußte, welche Antwort folgen würde.

Die Damen selbstverständlich."

inoffiziellen Gelegenheiten wird der Smoking ge­tragen.

Bei den Ueberklcidungsstücken zeigt der dunkle Winterpaletot in seiner Form wenig Veränderung im Vergleich mit der Mode der letzten Jahre. Der Günstling der Mode wird auch in diesem Herbst und Winter der Ulster fein. Man wird ihn in allen Varia- tionen tragen. An weniger falten Tagen wird zum Adendanzug der Frackschlüpfer getragen, mit weiten Armlöchern und feibengebedten Revers. Den Frack- Havelock sieht man seltener, ebenso das Abendcape. Am praktischsten ist ein Abendmantel, der sich sowohl zum Frack, wie zum Smoking eignet und der die Form eines anliegenden, rückwärts glatt verlaufen­den Paletots hat. Zum Abenddreß wirkt im Winter vornehm der Abendpelz mit dem Sealotterkragen in Schalform und dem Jnnenfutter aus Sealbisam. Für den allgemeinen Gebrauch scheinen sehr zweck­mäßig und praktisch die neuen Ulsterpelze, die in der kalten Jahreszeit den Dienst des Straßenulsters übernehmen.

Mannigfaltig sind trotz aller Einfachheit die Arien, Formen und Stoffe, die sich dem Herrn für feine Garderobe im Herbst und Winter präsentieren. Aus ihnen das auszuwählen, was der individuellen Eigenart, dem Geschmack, dem Wirkungs. und Ge­sellschaftskreis jedes einzelnen Rechnung trägt, ist das Geheimnis der persönlichen Modekunst. Gern wird der Herr, der auf gute Kleidung Wert legt, hierbei den Rat des geübten Fachmannes, des Maßfchnei- ders, heranziehen, der gemäß feiner Einstellung auf individuelle Arbeitsleistung ja auch berufen ist, der Persönlichk^t in der Kleidung beredten Ausdruck zu verlechen.

XVlll.

,Hch wundere mich, daß du so etwas ernstlich erwägen kannst, Bernhard Carsten. Ich wundere mich grenzenlos. Wie bist du nur auf die Idee ge­kommen?" Julie staunte mit weiten Augen.

Carsten schritt auf* und ab.Alles liegt auf derselben Linie. Reiner Tisch muß gemacht werden. Auch das gehört dazu." Er blieb stehen und ließ die Finger um die silbergetriebene Schale spielen, darin dunkle, große Weintrauben wie rundgeschlisfene Türkisen leuchteten.Warum willst du dich von deinem Manne nicht scheiden lassen? Warum sollen wir nachher nicht heiraten? Die Gründe bist du mir immer noch schuldig." Er hob den Kopf.Nun?"

Sonst bist du weniger kurzsichtig, Bernhard Carsten/ Julie umspannte das schmale ff nie.Gro­tesk so etwas. Denke dich in meine Loge: Fast drei- undzwanzia Jahre lebe ich mit Ernst, zwei er­wachsene Töchter sind da, Großmutter könnte ich fein, und muß jetzt aus einmal wie auf Kommando: scheiben, heiraten! Muß id£ dir das noch weiter aus« malen? Ich meine, es genügt"

Das sind die Gründe?" fragte Carsten bedächtig. Er glaubte, tiefer zu sehen.

Was sonst?" Das Lächeln Julies lockte.

Aber der harte Zug in Carstens Antlitz blieb.

Vielleicht denkst du: Aus dem Regen in die Traufe. Vielleicht schreckt dich alles, was um mich geschieht. Die Leute toben ja förmlich. Morgen spricht der Stadtverordnete Priebe. Uebermorgen ein anderer. Jeden Tag fliegt mir ein neuer Akt auf den Tisch. In alles steckt die Baupolizei ihre Rase."

Reichsbahn und Rrastpostiinie GietzenRleebachtal.

Die Reichsbahndirektion Frankfurt ist in den letzten Tagen mit einem recht merkwürdigen Vor- schlag herausgekommen. Sie regt in einem Schrec­ken an die Oberpostdi.el-ion Darmstadt ecne-L, e c- lung der Kraftp 0 stlinie Gleß e n Kleebachtal an; eine Linie soll nach ihrer Ansicht von Gießen über Klein-Linden, Lützel­linden nach Groß-Rcchtenbach ge^en, dte andere von Großen-Linden über Hörnöhecm, Hochelheim nach Niederkleen führen. Zur Begründung u):c5 Vorschlages spricht die Reichsbahndirektion von ungenügender Berücksichtigung der Reichsbahn­interessen, ferner gibt sie an, auch die Bevölke­rung des Kleebachtales könne durch den letz.gen Fahrplan n-cht befried gt werde:,, ^e sucht dann ihren Vorschlag mit verschiedenen Mitteln schmackhaft zu machen, und sie bezeichnet ihn recht kühn alsim allgemeinen Interesse der Beteilig- ten" liegend.

Wer gewohnt ist, den Dingen auf den Grund »u sehen, wird nicht im Zweifel darüber fein, daß Die Reichsbahndirektion in dem Schreiben an die Oberpostdirektion doch allzu stark pro domo spricht. Cs ist natürlich ihr gutes Recht, ja, ihre Pflicht, mit Eifer für die Reichsbahn- interesfen einzutreten, aber sie darf dabei die Dinge doch nicht derart hinstellen. wie fie es in ihrem Schreiben tut. Zunächst ist zu dem Vorschlag der Reichsbahndirckt on zu ben,erken, daß vor der Inbetriebnahme dieser Krastpost- linie sämtliche Anschluhgerneinden mit Aus­schluß von Großen-Linden, das an der Dahn liegt und infolgedessen nicht interessiert war, weshalb es ja auch keinerlei Garantie-Verpflichtung für die Kraftpvst-Verbindung emging ausreichend Gelegenheit halten, sich über die Gestaltung des Fahrplanes zu äußern. Diese Wünsch« sind rich­tunggebend gewesen bei der Fahrplanausstellung, und soweit später Aenderungen oorgenonunen worden sind gaben praktische Erfahrungen h:er- zu den Anlaß. Die Reichsbahndirektion Frank­furt darf schon glauben, daß man dieallge­meinen Interessen der D?teiligten", d. h. der an der Kraftpvst liegenden Gemeinden von Gie­ße n aus besser erkennen und berücksichtigen kann, als von Frankfurt aus. Weiter sei der Reichsbahndirektion gesagt, daß doch nicht alle Fahrten der Kraftpostlmie nur Eisenbahnanschluß­zwecken in Gießen dienen müssen, daß vielmehr der größere Teil der Fahrten der Bevölkerung einem Zwecke dient, der in der Stadt Gie­ßen zu suchen ist. Wir wollen nicht annehmen, daß die Reichsbahndirektion der Bevölkerung des Kleebachtales und der Stadt Gießen Schwierigkeiten bereiten will. Um so merk­würdiger berührt aber ihr Vorschlag, bei dem das Außerachtlassen der berechtigten Interessen bet Krastpost-Tlnschluß- gemeinden doch grundlegend ist. Die Kraft- pvstlinie in ihrer heutigen Ausgestaltung rentiert, 0. h. fie ist lebensfähig und infolgedessen auch in ihrem Fortbestehen gesichert. Wenn man sie noch dem Vorschläge der Reichsbahndirektion in zwei getrennte Linien teilen würde, durch di« der Derkehrszusammenhang eines wirtschaftlich ge­schlossenen Bezirks gelockert oder gar zerrissen werden müßte, so würde das Fundament des Kraftpostbetriebes stark erschüttert, unter Umstän­den fo stark, daß der ganze Bau zusammen- brechen würde. Es ist Tatsache, daß die Stadt Gießen kein Interesse daran hat, weiterhin 50 Prozent der gesamten Garantiesumme für diese Kraftpostlinie zu tragen, wenn durch deren Fnhr- plangestaltung die Möglichkeit einer Ablen­kung des Verkehrs von Gießen nach Frankfurt geboten wird. Ob die Reichsbahndirek­tion oder die Gemeinde Großen-Linden, die in dieser Frage zusammenstehen, bisher aber von einer Garantieleistung für die Kraft Po st nichts merken ließen, wohl bereit wären, den eventuellen Ausfall der Gießener Garantiesumme auf sich zu übernehmen? Wir glauben diese Frage schon heute verneinen zu können. Jedoch möchte die Reichsbahn einen betriebswirtschaftlich für die ganze Kraftpostlinie sehr wertvollen Teil aus dem Gesamtgebäude zurausreichenden Be­rücksichtigung unserer Reichsbahnbelange" heraus- lösen, wahrend fie anscheinend gar nichts dabei

findet, die jetzt gebotene Möglichkeit des Kraft­postverkehrs der Kleebachtalorte unter­einander zu zerreißen und ferner den von der großen Mehrheit der Bevölkerung ge­wünschten, möglich st einfach gestalteten Verkehr mit dem Wirtschaftsknotenpunkt G.eßen zu komplizieren und zu erschweren. An einer älmgestaltung des Krastpostbetr'.ebs^ nach den Wünschen der Reichsbahndirektion können die Klcebachtal-Gemeinden kein Interesse haben, denn die Auswirkung dieses Planes würde der großen Mehrheit der dortigen Bevölkerung nur Verkehrsnachteile bringen, jedoch alles Risiko auch ferner in vollem Umfange allein den Gemeinden überlassen.

Seitens der Stadt Gießen wird der Vor­schlag der Reichsbahndirrktion Frankfurt abge­lehnt: Gießen hat, wie gesagt, keinen An., Pläne zu begünstigen, die in ihrer Auswirkung

Das Maßschneibercigewerbe in Gießen I kündigt in unserem heutigen Anzeigenteil | eine Werbewoche an. Man bittet uns aus diesem Anlaß, den nachstehenden Detrach-

nadenwegen und - st raßen, zahlreiche einge- fhcute Wohnungen, die Verkehrsanlagen und endlich und nicht zuletzt die für einen intensiven fffeinboben- betrieb unentbehrlichen Einrichtungen für die plan­mäßige Versorgung mit Wasser und Dungstosssn: in letzter Beziehung will Migae die bisherige ftnb- tische A b f a H w i r t s ch a ft gründlich um- gestaltet und in den Dienst der Bodenkultur die­ser Grüngürtel gestellt wissen.

Sicher haben ja die natürliche Entwicklung und die Maßregeln unserer Städte bisher schon viel in der Richtung dieser Ziele getan, aber so richtig be- mußt, planmäßig, großzügig und nachdrücklich sind diese Dinge bisher im allgemeinen doch noch nicht in Angriff genommen worden. Dafür wären eine ganze Reihe ineinandergreifender Maßregeln großen Stiles erforderlich, die aus dem eben Dargelegten zum gro­ßen Teil heroorgehen. Besonders aufmerksam ge­macht sei hier noch darauf, daß sich für die Verwirk­lichung dieser Gedanken auch eine umfassende städtische Bodenpolitik unb bie Gründung besonderer Organisationen, sogenannter Gartentür- sorge-Gesellschaften, notwendig machen roirbc, die dem intensiven Kleingarten- und ffleinbobenddrleb überhaupt in jeder Weise ocganisawrisch, technisch, finanziell usw. Hilfe leisten sollen.

Gewiß ist diesen Miggeschen Ideen unb Vor­schlägen gegenüber nüchternste Prüfung höchst not- menbig und angebracht: vieles wird std) wohl bet objektiver Kritik als undurchführbar und vieles an» dere als nur sehr langsam und allmählich zu er­reichen Herausstellen. Im aroßen und ganzen wirb man aber doch die Idee dieser städtischen Kultur­gürtel billigen und ihre Verwirklichung anstrebcn müssen. Sie liegt nicht nur im allgemeinen Zugr dcr Zeit, sondern auch bas kommende preußische Städte- baugesetz wird die Städte auf solche Dahnen drängen. Außerdem ist aber auch der Gedanke sehr der Er­wägung wert, ob nicht durch derartige Maßnahmen, unmittelbar oder mittelbar, eine erhebliche Milde­rung der städtischen Arbeits- unb Erwerbslosigkeit herbeigeführt werden könnte.

Aufwertung der durch die Hypothek gesichert nperfönlichenzorderungen

Bon Juftizinfpektor Schröder, Butzbach.

Einen von einem bekannten Rechtclehrer her- rührenden Ausspruch über die Stellung des Dritt­schuldners in der Zwangsvollstreckung kann man unbedenklich auf das Auswertungsgesetz anwenden und umformen:Der bedauernswerteste Mensch im Aufwertungsverfahren ist der Gläubiger!"

Mit der Anmeldung seines Anspruchs auf Auf­wertung hat er, wie ich in meinem Aufsatz über seine Mitwirkung bei der Eintragung im Grund­buch ausführte (Gieß. Anz. Nr. 208 vom 6. Sep­tember 1926), noch lange nicht seine Schuldigkeit getan. Diese Darlegungen bezogen sich indessen nur auf die Aufwertung des dinglichen Rechts, d. h.

tungen Raum zu geben: Die Dame.

Schon feit langem war die Mode nicht fo indi­viduell eingestellt, wie dicjeii Herbst. Die besten Kenner und Fachleute streiten; jeder schwört auf eine andere Linie, und jeder wird wohl auch recht behal­ten, denn der jeweilige Charakter der Trägerin spricht das letzte Wort. Der kluge Fachmann, der Schneider, die Schneiderin weih auch diesen Herbst zu raten, was für jede Figur das richtige ist. Das Kostüm mit kurzer Jacke, wozu eine gute fachmän-

' c Verarbeitung unerläßlich ist, wird die schlanke 12.nie weiter betonen. Es wird im Rücken etwas blusig, um der Linie etwas Weiches, Frauenhaftes zu geben, von vorn bleibt die kurze Jacke in Herren- faffon als klassische Modeform. Der Mantel für den Vormittag wird seine gerade Linie vorn wieder an­nehmen, während er für den Nachmittag und Abend eine blusige Weite, sehr oft mit gepufften Aermeln, annimmt.

Da das Material zu den verschiedenen Formen auch ganz verschieden sein muß, ist jeder Dame Ge­legenheit geboten, ihren eigenen Wünschen, ihrem Charakter Ausdruck zu verleihen. Für den Nach- mittag und Abend werden weiche, fallende Stoffe, wie Chiffon, Crepe, Georgette und reinseidener Velourchifson das Ideal für die weiten blusigen For­men sein, lieber diese spinnweben-dünnen Gewän­der, die für den Nachmittag Tn dunklen Tönen, besonders in Blau, Schwarz, Enzian unb Burgun­der bevorzugt werden, wird ein Mantel mit dem Pelz nach innen, dessen Kanten und Kragen von demselben Material sind, das schönste fein; für das weniger gefüllte Portemonnaie wird es nur zu einer Verbrämung nach außen langen. Für den Abend werden helle und leuchtende Farben, sowie Jett und Straß sich mit Brokat den Rang ablaufen.

Für die kluge Frau wird die Kunst, gut ange­zogen zu sein, darin bestehen, der jeweiligen herr­schenden Mode etwas Persönliches zu geben. Die kluge Frau weih, daß der gute Stofs, die gute Ver­arbeitung dazu unerläßlich sind; sie weiß, daß eine geschickte Hand dem einfachen Kleide eine besondere Note zu geben versteht; sie weiß das Geheimnis einer erstklassigen Arbeit zu schätzen, weil es die ©e- währ für ein individuelles, geschmackvolles und gut­sitzendes Kleidungsstück bietet

Der Herr.

Einfach, ruhig und vornehm ist die Devise der neuen Moderichtung. Der Salkoanzug schließt für gewöhnlich einreihig auf drei Knöpfe, aber auch Der zweireihige Sakko findet zur Zeit wieder viele An­hänger und wird besonders im Winter bevorzugt. Die allzu salopp anmutende Taillenlosigkeit hat einer leichten Schweifung, einer diskreten Betonung der Figur Platz gemacht. Für Besuche und offizielle An­lässe während des Tages ist der auf einen Knopf gearbeitete schwarze Rockanzug (Cutaway) sehr be­liebt. Bei Westen, die aus dem gleichen Stoff- material wie der Rock bestehen, ist im Ausschnitt bie weihe Kante ber Unterweste zu sehen. Das Bein- kkeib wirb in ben bekannten grauen Streifenmustern bazu getragen. An bie Seite bcs Rockanzuges tritt

g ü r t e l n , auch Grüngürtel genannt, auszuge­stalten. Der Vorkämpfer dieser Gedanken ist leit langem der bekannte Gartenarchitekt und Letter der Eiedlerschule Worpswede, Leberecht M 1 g g e. Was soll der ffulturgürkl oder Grüngürtel enthal­ten? Er steht bei Migge unter dem beherr­schenden Gedanken, daß diese stadtnahen Gebiete vor allem ber gegebene Bereich für bie Versorgung der Städte mit den heimischen Bodenerzeugmsjen, für die gartenmäßige Betätigung und die Erholung dcr städtischen Bevölkerung bilden. Mit anderen Worten diese Kulturgürtel sollen eines der wich­tigsten, wenn nicht das wichtigste Betätigungsfeld für bie große Binnen! olonisation sein, in der Migge einen großen Teil unserer Zukunft erblickt, und die allerdings, wie man zuaeben müssen wird, eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit ist. Der Kulturgürtel soll vor allem ausgedehnte Dauerkleingartengebiete für bie städttft" e Bevölkerung, die aber in moderner intensiver Weise zu bewirtschaften wären, aufnehmen, ferner zahl- reidje Erwerbsgärtnereieu, landwirtschaftliche Klent- fieblungen und auch die direkt städtische Land- und Forstwirtschaft, außerdem die in Anlehnung an die Kleingärten zu schaffenden modernen Volks- parks, die Sport- unb Spielplätze, bie Friedhöfe, ein Syfte in von P r 0 m e

Städtische Kulturgürtei.

Don Dr. ff. v. Mang 0 Idt.

Jedem einsichtigen Beobachter ber Verhältnisse wirb sich bie Tatsache aufdrängen, baß bas unsere großen unb mittleren Städte näher umgebende u n - bebaute Land, etwa bis zur Grenze der städti­schen Derkehrszone, unter mannigfachen besonderen Bedingungen steht. Wenn es auch nur zum kleinen Teile dazu berufen sein wird, in absehbarer Zu­kunft bebaut zu werden, so hat es doch die Aufgabe, einer dringenden Bedürfnisbefriedigung der städti­schen Bevölkerung zu dienen: Ais Erholungs­gebiet, als Dersorgungsgebiet, als Auf- nahmeftelle für zahlreiche notwendige technische und sonstige Anlagen u. bgl. m. Da sich so auf diesem Gebiet eine Menge verschiedener, oft einander wider­strebender Zwecke kreuzen, so bedarf es hier auch einer besonders stark eingreifenden und planvollen Ordnung. Ferner drängt der hohe, teils offen vor­handene, teils wenigstens als möglich zuzugebende wirtschaftliche Wert dieses Bodens zu ganz besonders intensiver Bodenkultur. Es braucht nicht befonbers bewiesen zu werben, baß ber tatsächliche Zustanb die­ser Gebiete den Erfordernissen vielfach nur in recht geringem Grade entspricht, wofür schon der oft so

Das Maßschneidereigewerbe in Gießen I fast gleichberechtigt ber kombinierte Anzug, bestehenb 1 aus einem Marengosakko unb einem grauen, ge­

streiften Beinkleib, bas burchschnitllich etwas Heller ist als beim Cutaway. Ms Abendanzug, besonders bei größeren Veranstaltungen, hat der Frack wie einstmals die Führung. Im intimen Kreise und bei

Carsten beschrieb eine weite Geste.Kein ange­nehmes Leben wäre bas, wie?"

Julie sprang auf. In beide Hände nahm sie sein Gesicht.

Du meinst das doch nicht im Ernst, Bernhard Carsten?" Ihre Stimme zitterte.

Man muß auf alle möglichen Gedanken kom­men", sprach Carsten unsicher.Vielleicht hättest du nicht einmal so unrecht. Im Augenblick ist die Lage ja wirklich nicht rosig. Immer knapper wird das Geld, die Außenstände kommen nur schwer herein. Und was das Bauen kostet" Carsten murmelte Zahlen. Plötzlich trat er einen Schritt zurück.Ich habe ein neues Angebot auf bie Villa." Sein Blick kreiste um bie weite, kostbare Pracht.Ein viel gün­stigeres Angebot als bas erstemal. Mit allem, wie es ba liegt unb steht: ein schönes Vermögen. Wir könnten es brauchen."

Tu, wie bu willst", sagte Julie erblassend.

Nein! rief es in ihr. Dem Manne durste man fein Schicksal nicht verketten. Der ging einen Weg, auf dem sie ihm nicht folgen wollte. Ihr Bedarf an bürgerlicher Enge war gedeckt. Dazu brauchte man sich nicht scheiden zu lassen. Dasselbe hatte man zu Hause.

Carsten kam näher.

Vielleicht sollten wir das Opfer doch bringen?" sprach er leise. Seine Augen forschten in Julies Mie­nen. Ungewöhnlich lange blickte er sie an. War das Martinas Mutter? Warum suchte er die Züge der Tochter in ihrem Antlitz? Was würde Martina anU worten, wenn sie jetzt da säße? Was wollten diese bohrenden, törichten Fragen überhaupt?"

Es ist dein Haus, Bernhard Carsten", lächelte Julie. Sie wandte sich ab und schaute durch das hohe Fenster. Gleichmütig hoben und senkten sich draußen die Aeste der Föhren. Eine halbentblätterte Ranke schaukelte gegen die Scheiben. Graues Gewölk hing über den Wipfeln. Dämmerung sank.

Julie fröstelte.

So werde ich Doktor Morell fragen", sprach Carsten in die Stille.

Doktor Morell? Du willst wieder nach Kassel fahren?" Befremdet schüttelte Julie den Kopf.

Doch Carsten sagte:Seit heute ist Morell hier." Da wird er Besseres zu tun haben."

(Fortsetzung folgt.)

Natürlich die Damen."

Das Zimmer kreiste um Martina. Wieder fühlte sie sich umschlungen. Zärtliche Worte klangen an ihrem Ohr. Eine braune Hand strich ihr bas Haar aus ber Stirn, boa ihren Kopf zurück, faßte ihr Kinn. Ganz nahe standen zwei bunkle Augen. Ein warmer Atem flüsterte:Auch barüber kann man hinwegkommen! Auch bamit muß man fertig ©er­ben! So ober so. Schon immer habe ich es dir ge­sagt, Martina: Das Leben ist ja so gemein. Du hast keine Ahnung, wie gemein das Leben ist!"

Minuten ober Stunben vergingen. Dann löste sich etwas tief in der Brust. Endlich konnte Mar- tina weinen.