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Beamten-Dersammlung.
Die Ortsgruppe Diehen des Deutschen Beamtenbundes hatte für Donnerstag abend zu einer Beamten-Versammlung eingeladen.
Der Borsitzende der Ortsgruppe, Rektor Loos, sprach in etwa zloeistündiger Rede über die Einigung der deutschen Beamtenschaft, und gack damit zugleich einen Bericht über den 5. Bundestag, der vom 7. bis 9 Oktober in Berlin stattfand. Der Referent sagte u. a.: Die Ansicht, der man oft in Deamtenkreisen begegnet, der Deamtenbund sei überflüssig, ist falsch. In einer Zeit, too überall in der Welt sich diejenigen zusammenschliehen^ die gleiche Interessen verfolgen, kann auch für die Beamten das Heil nur im Zusammenschluß liegen. Die deutsche Beamtenschaft hat in den letzten 3af)rcn deshalb so wenig Erfolge errungen. Werl sie so stark zersplittert war. In der Revolutionszeit war eS gelungen, die gesamte ‘-B23n}toy(£ait im Deutschen Beamtenbund zusammenzuschlieyen. Meser Zusammenschluß dauerte aber nicht lange, verschiedene Organisationen bröckelten bald ttne- der ab, zuletzt bestanden fünf verschiedcNr Verbände Dieser Zustand lähmte die Stosskraft der Beamtenschaft: deshalb beschlossen die Fuh- .er des deutschen Deamtenbundes, mit den übrigen Organisationen Einigungsverhandlungen zu pflegen. Zunächst verbandelte man mit dem Allgemeinen deut'chen Deamtenbund. Diese Verhandlungen scheiterten, weil der Allgemeine Deutsche Deamtenbund sich weigerte, seine sogenannten gemischten Organisationen, das sind Verbände, in denen neben 'Beamten auch Angestellte und Arbeiter sich befinden, auszulösen. Da der Deutsche Deamtenbund aus prinzipiellen Gründen auf dem Doden der reinen De- amtenorganisation steht und stehen bleiben will, war eine Einigung mit dem Allgemeinen Deutschen Deamtenbund nicht möglich. Zustande gekommen ist die Einigung mit dem bisher dem christlich »nationalen Deutschen Gewerkschafts-' bund angeschlossenen Gesamtverband deutscher Deamtenaewerlschasien. Es ist zu hoffen, daß auch mit den beiden übrigen Organisationen. dem Gewerkschaftsring und dem Reichsbund höherer 'Beamter, in nicht zu ferner Zeit eine Einigung erfolgt. Der Deutsche Beamtenbund umfaßt letzt nach dem Zusammenschluh der beiden größten Beamtenorganisationen rund 1,1 Millionen Mitglieder. Er stellt also eine gewaltige Macht dar, mit der alle öffentlichen Instanzen werden rechnen müssen. Dies zeigte sich schon auf dem Bundestag in Berlin in der Act, wie die dort vertretenen Behörden und die Presse den erfolgten Zusammenschluh aufnahmen. Der Redner verbreitete sich bann über die wichtigst;n Ausgaben des Deutschen Dramtenbundes. Dieser hat darüber zu wachen, dah der Beamtenabbau, der offiziell als beenbet erklärt worden ist, nicht auf ilmtoegen doch noch weitergeführt wird. Gleiche Wachsamkeit ist notwendig gegenüber einer gewissen Methode der Verlängerung des Desol- dungssperrgesetzes. Der Deutsche Deamtenbund verlangt alsbaldige Vorlage eines Gesetzes über das Deamtenrecht. Er erwartet, dah dieses Gesetz besonders klare Bestimmungen über die De- amtenvertretung enthält. 'Bei Gesetzen, die die Beamtenschaft angehen, verlangt sie ein Mit- beratungsrecht und wünscht ein Verfahren, ähnlich dem, wie es bei der Beratung der Reichs- i-7knftftraferbnimg zur Zeit geübt wird. Bei der demnächst einsetzenden Verwallungsrefvrm fordert der Deutsche Beamtenbund das Recht, mitiliberalen. Auch die Fragen der Wirtschaftspolitik erfordern die grösste Aufmerksamkeit der De- a.ntenvertretung. Hier gilt es vor allem, den häufigen Vorwürfen, die aus Kreisen der Wirtschaft den Beamten gegenüber erhoben werden, entgegenzutreten. Der Deutsche Beamienbmü) fordert im endgültigen Reichswirtschaftsrat anstatt des vorgesehenen einen Vertreters eine Zahl oon Vertretern, die der Zahl und Bedeutung der Beamtenschaft entspricht. In der Siedlungs- Politik ist zu fordern, dah die gesamte Sondersteuer zum Wohnungsbau zu verwenden ist, Bezüglich der Besoldung hosst der Deutsche Beam- tenbuni) auf möglichst baldige Vorlage einer gerechten, sozial aufgebauten Besoldungsordnung, die insbesondere den schwere Rot leidenden Beamten der unteren Gruppen Hilfe bringt. Der Deutsche Deamtenbund fordert die Errichtung von Deamtenhochschulen, die es den Beamten ermöglichen, sich die geeignete Ausbildung für die vielseitigen Aufgaben, die ihnen heute gestellt sind, zu verschaffen. Zum Schluh wünschte der Redner, dah dec äußeren Einigung in der Beamtenschaft auch die innere folgen möge. Er forderte von den Beamten mehr Standesbewuht- sein und stärkeres Solidaritätsgefühl.
In der Aussprache vertrat Herr Hans- mann den Standpunkt des Allgemeinen Beamtenbundes. Postassistent Rorth verbreitete sich nochmals über die Gründe, die die Verhandlungen mit dem Allgemeinen deutschen Beamtenbund scheitern ließen, imd gab noch verschiedene Anregungen, wie man das Ansehen und _ die Stoßkraft der Deamtenorganisation erhöhen könne.
Gies;euer Wochenmarttpreise.
Es kosteten auf dem heutigen Wochenmarkt das Pfund Butter 150 bis 180 Pfennig, Matte 35, Käse (10 Stück) 60 bis 150. Wirsing 6 bis 10, Weißkraut 4 bis 6, Rotkraut 8 bis 10, gelbe Rüben 8 bis 10, rote Rüben 8 bis 12, Spinat 15 bis 20, Hnlerkohlrabi 5 bis 10, Grünkohl 20, Rosenkohl 40 bis 45, Feldsalat 100. Tomaten 30 bis 35, Zwiebeln 8 bis 10, Meerrettich 35 bis 100, Schwarzwurze n 45 bis 50, Kürbis 8, Kartoffeln 5, Falläp'el 10, Aepfel 12 bis 30, Dirnen 10 bis 15, Rüsse 60, junge Hahnen 100 bis 110, Suppenhühner 100 bis 110, Gänse 80 bis 100: das Stück: Gier 15 bis 17, Blumenkohl 30 bis 150. Salat 10, Endivien 10 bis 20, Oberkohlrabi 5 bis 10, Öauä) 5 bis 10, Rettich 10 bis 20, Sellerie 20 bis 50 Pfennig.
Bornotizen.
— Tageskalender für Samstag. Deutscher Ostbund: 8 Uhr, „Hindenburg", Versammlung. — Freiwillige Gall'sche Feuerwehr: 8 Uhr, Turnhalle Oswaldsgarten, 71. Stiftungsfest. — Turnverein 1846: 8.30 Ute, „Postkeller", ordentliche Jahreshauptversammlung. — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren". — Palast-Lichtspiele: „Verkaufte Mädchen". — Astoria-Lichtspiele: „Der Teufel von Rio Grande".
— Tageskalender für Sonntag. Etadttheater: 7 Ahr, „Das aoldne Kalb" (Ende 9.15 Ahr). — Völkerkundliche Ausstellung der Baseler Mission in den Räumen deS früheren Hotels Groß Herzog: 11 bis 12 Ahr vorm., 2 biS
7 Ahr nachm. — Volkshochschule: 8 Ahr, Großer Hörsaal der Aniversität, Eröffnungsfeier mit Vortrag. — Gesangverein „Heiterkeit": 4 Ahr, Reue Aula der Aniversität, Konzert. — Lichtspieltheater wie Samstag.
— Aus dem Stadttheaterbureau Wird uns geschrieben: Der Schwank „Das goldene Kalb" von Mathern und Schwartz, der im Sommer wahre Heiterkeitsstürme erregt hat, wird am kommenden Sonntag mit Herrn Goll in der Hauptrolle wiederholt: an den andern Abonnementsabenden wird das Werk nicht gebracht, worauf ausdrücklich hingewiesen sei. — Am Mittwoch, 27. Oktober, wird zum erstenmal „Der alte Texto r", Eharakterkomödie von Hans Geisow, gegeben. Das Werk ist zum ersten Male vor zwei Jahren am Frankfurter Schauspielhause zu Goethes 175. Geburtstag mit schönem Erfolg gegeben worden. Es bringt Bilder aus dem Leben der Eltern und Do.eitern Goethes, und jedermann, der sich für Goethe interessiert — und welcher Gebildete täte das nicht — findet Vertrautes und Interessantes, da viele Züge „Dichtung und Wahrheit" entnommen sind. Die hiesige Aufführung dürfte auch im Lokalkolorit weitgehenden Ansprüchen genügen, da ein geborener Frankfurter, Herr Karl Volck, die Spielleitung inne hat.
— Der Konzertoerein schreibt uns zur Ergänzung der bereits erfolgten Ankündigungen und Vorbesprechungen folgendes: Der Leitung des Konzertoereins ist es gelungen — als Preis langjähriger, bisher indessen vergeblicher Bemühungen — ein Uebereinkommen mit dem Snmphonie- Orchesier in Frankfurt herbelzuführen, auf Grund dessen im bevorstehenden Winter drei große Orchesterkonzerte in das Programm ausgenommen werden, das baburch eine wesentliche Bereicherung unb Vielseitigkeit erfährt. Das Symphonie-Orchester steht in Gießen, wie auch anderswo, unter Leitung des bekannten Chor- und Orchesterdirigenten Dr. Stefan Temesva ry aus Frankfurt a. M. Das erste Konzert wird am Donnerstag, 11. November, abends, im Stadttheater stattfinden und als Hauptwerk eine große Brucknersche Symphonie bringen, und zwar die bisher in Gießen noch nicht gehörte vierte (die sogenannte romantische), die als eins der schönsten Werke dieses großen Meisters gilt. Als Solistin wird an diesem Abend die ausgezeichnete Altistin aus Berlin Eva Liebenberg mitwirken und eine Reihe Händelscher Arien mit Begleitung des Orchesters singen. Die folgenden zwei Symphonie- Konzerte sowie ein weiteres geistliches Chor- Konzert, in welchem zum Gedächtnis unseres verstorbenen unvergeßlichen Prof. Trautmann Brahms Deutsches Pequiem zur Aufführung formt, werden ebenfalls von Dr. Temesvary, dem derzeitigen Leiter der Konzerte der Offenbacher Konzert-Gesellschaft, dirigiert. Sein künstlerischer Ruf als früherer Kapellmeister am Stuttgarter Landestheater, wie auch als Leiter des Cäcilien-Bereins in Frankfurt und das von den Montags-Konzerten in Frankfurt rühmlich bekannte Symvhonie-Orchefter bürgen für ein gutes Gelingen. Auf diese Weise wird dem vielfach geäußerten Verlangen nach Orchester-Konzerten entsprochen und unseren Musikfreunden Gelegenheit geboten, durch ein ständiges, gut eingespieltes und homogenes großes Orchester (nicht ein ad hoc zusammengestelltes) die Meisterwerke der Orchestermusik, sowohl klassischer wie moderner, unter erprobter, kongenialer Führung zu hören.
•* Die völkerkundliche Ausstellung der Basler Mission im früheren „Hotel Groß Herzog" erfreut sich fortgesetzt eines außerordentlich guten Zuspruchs. Die Besucherzahl beträgt bis jetzt nahezu 3000. Von allen Seiten wird die große Reichhaltigkeit der Ausstellung anerkannt. Ein Besuch dürfte sich besonders am Samstagnachmittag und am Sonntag empfehlen, da für diese Zeit keine Schülerbesuche vorgesehen sind.
** Gewerbe- unb Maschinenbauchule Gießen. Als Abschluß des Sommer- emesters fand an der hiesigen Maschinenbauschule liefet Tage die Schlußprüfung unter dem Vorsitz des staatlichen Prüfungskommisjars, Regierungsbaurats Zwilling, und in Anwesenheit des Vertreters des Ländesamtes für bas Bildungswefen in Darmstadt, des Vertreters der Stadt Gießen und der Vertreter von Industrie und Handwerk statt. Zur Prüfung hatten sich 39 Schüler gemeldet, von denen 6 mit „gut" bestanden, 31 mit „bestanden" und zwei „nicht bestanden" abschlossen. Das neue Semester beginnt am 1. November mit einer sehr großen Schülerzahk, so daß wieder außerhalb der Anstalt verschiedene Säle gemietet werden mußten.
** Schuhmacherfachschule Gießen. Eine sehenswerte Ausstellung der Prüfungsarbeiten der Schuhmacherfachschule, Abteilung der Gewerbe- und Maschinenbauschule, ist in dem Schuhgeschäft Berg, Mäusburg, hergerichtet. Die Arbeiten der Schüler zeigen sehr gute Leistungen und sind zum großen Teil mit der Note „sehr gut" bewertet worden.
—d. Städtische Grundstücksverpach- tu n g. Zu der gestrigen letzten Grundstücksverpachtung der Stadt Gießen waren viele Interessenten erschienen. Es wurden gute Preise erzielt. 3m Durchschnitt kosteten je 100 Quadratmeter Grabstücke im Eisenfeld-Wetzlarer Weg 2 bis 2,50 Mk., auf der Insel beim Elektrizitätswerk 2,50 bis 3 Mk. Die Grabgärten zwischen der Lahn und dem Wißmarer Weg kamen auf 6 bis 8 Mk. Pacht je 100 Quadratmeter.
•* Wem gehört das Oelgemälde? Der Polizeibericht meldet: Bei einer auswärtigen Behörde ist ein Oelgemälde sichrrgestellt worden, das anscheinend gewaltsam aus seinem Rahmen entfernt wurde. Das Gemälde stellt die 14 Rothelfer dar. Es stammt aus dem 17. Jahrhundert und trägt angeblich das Signum: „I. C. Beckers". Das Motiv ist ein religiöses: man sieht eine Gruppe von Heiligen, darunter die Madonna und Hubertus, den Schutzpatron der Jagd, in grüner Uniform mit Hirsch. Das Bild soll vermutlich in der Gegend von Gießen gestohlen worden fein. Personen, die insbesondere darüber, wo ein solches Bild gestohlen wurde, Angaben zu diesem Vorgang machen können, werden er- sucht, der Kriminalpolizei Gießen alsbald Mittellungen zukommen zu lassen.
•• Fe st genommen wurde heute vormtttag in der Herberge eine wegen schweren Diebstahls steckbrieflich gesuchte Person.
** Personalien. Ernannt wurden der Lehrer Lubw. Schmandt zu Helpershain-zum Lehrer an der Volksschule zu Köbdingen, Kreis Schotten: ber Lehrer Karl Stieler zu Oder-Sorg zum Lehrer an der Volksschule zu Flensungen, Kreis Alsfeld: der Lehrer Hermann Hofmann zu Reibertenrod zum Lehrer an der Volksschule zu Eifa, Kreis Alsfeld: der Dersorgungsanwarter Johann Georg Högel aus Laubach vom L Oktober 1926
ab Aum Amtsgehilfen bei dem Hessischen Landertheater; die Vermessungspraktikanten Georg Kolb beim Derrnesiungsamt zu Büdingen und Heinrich Lang beim Vermessungsamt zu Nidda mit Wirkung vom 1. Oktober 1926 ab zu Vennessungssekre- tären; ber Amtsgehilfe an ber Realschule und dem Prorealgymasium in Laubach Valentin Erbes zum Amtsgehilfen an ber Aufbauschule in Alzey mit Wirkung vom 1. November 1926 ab
Aufgehobene Kreis st raßen- sperre. Nach Vollendung ber Reparaturarbeiten hat bas Kreisamt Gießen bie Sperrung ber Kreisstraße Gießen—Krofborf wieder aufgehoben.
k. Deutschnationaler Handlungs- gehilfen-Derband. D.e Ortsgruppe Dießen des D. H. D. begann am Donnerstagabend hn Saalbau Sauer die für das Winterhalbjahr 1926/27 vorgesehene Vortragsreihe mit einem Vortrag des Ingenieurs E r t e l (Gießen) über das Thema: „QI u f Zickzackwegen durch Rußland". Der Vortragende gab zunächst einen kurzen Ueberblick über Sitten unb Gebräuche in Rußland, insbesondere über die russische Dollspshche. Er wies besonders darauf hin, daß die Schilderungen über die Verhältnisse In Rußland in sehr vielen Fällen nicht den Tatsachen entsprechen. Wer sich ein Bild über die Verhältnisse in Rußland machen wolle, müsse mit der breiten Masse des russischen Volles Fühlung nehmen, müsse die russische Volksseele erfassen. Redner schilderte dann eingehend die Eindrücke während seines 13jährigen Aufenthaltes in Rußland, insbesondere während feiner 7jährigen Internierung in Sibirien, wohin er nach Ausbruch des Krieges als Zivilinternierter mit Schwerverbrechern gebracht wurde. Völlig abgeschlossen von der Welt haben dort viele unserer deutschen Brüder jahrelang ohne irgendwelche geistige Ablenkung gelebt. Für den Vortragenden brachte der Ausbruch der Revolution in Rußland insofern eine Besserung, als seine Heranziehung zur Pflichtarbeit erfolgte, die ihn in angesehene Steifung brachte und ihm gleichzeitig die Möglichkell gab, in unmittelbarer Rähe der Leitung der Revolution zu kommen. Der Redner erläuterte dann weiter die derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnisse und wies durch statistisches Material nach, daß Produktion und Umsatz gegenüber der Zeit vor dem Kriege ganz enorm gesunken sind. Das Wirtschaftsleben liege in Rußland furchtbar darnieder, so daß selbst bei den Führern des Bolschewismus teilweise wieder die Auffassung Platz greife, daß nur eine Rückkehr zur kapitalistischen Wirtschaftsform Besserung der wirtschaftlichen Verhältnisse bringen könne. Sich an die Jugend wendend, warnte der Redner vor allzu großen Hoffnungen bei einer Auswanderung nach Amerika vielleicht biete Rußland in den nächsten Jahren wieder die Möglichkeit für den jungen Kaufmann, dort vorwärts zu kommen. Von einem militärischen Bündnis Deutschlands mit Rußland dürfe keine Rede sein, da die derzeitige „Rote Armee" in Rußland alle derartigen Hoffnungen zuschanden mache insbesondere aber für einen Kampf gegen reguläre Truppen unbrauchbar sei. Der Redner ist der Auffassung, daß wir hilfesuchend weder nach Osten noch nach Westen schauen dürfen, sondern uns selbst helfen müssen. Dies könnten wir nur, wenn wir auf uns selbst vertrauen und einig seien. Im Anschluß an die interessanten, oft mit Humor gewürzten Ausführungen des Vortragenden wurde eine größere Anzahl von dem Redner selbst aufgenommener Lichtbilder über Land und Leute, Sitten und Gebräuche aus den verschiedensten Teilen Rußlands gezeigt, die ebenso wie der Vortrag von den zahlreich Erschienenen sehr beifällig aufgenommen wurden.
Der Kampf um die Amtsgerichte.
Eine Entschließung dec Industrie, und Handels, kanimer Friedberg.
Die Industrie- und Handelskammer Friedberg für die Krebse Friedberg, Büdingen und Schottert hat zu der Frage der Zusammenlegung der Amtsgerichte Friedberg unb Bad-Rauhe i m in ihrer Vollversammlung am Donnerstag wie folgt Stellung genommen:
Die Industrie- und Handelskammer hat aus verbürgten Zeitungsnachrichten und durch Mitteilung amtlicher Stellen erfahren, daß das Hess. Ministerium der Justiz beabsichtigt, aus Ersparnisgründen das eine von den be-ben 3Imtß- gerichten Friedberg und Dad-Rauheim eingehen zu lassen und das Gebiet des aufgelösten Amtsgerichts demjenigen des verbliebenen anzugliedern.
Wenn auch die Kammer nicht besonders über ihre Ansicht gehört toorbcit ist, so halt sie es doch für ihre Pflicht und ihr Recht, zu dem Vorhaben der Regierung Stellung zu nehmen. Die Kammer erhebt gegen die beabsichtigte Neuerung die allerernstesten Bedenken und ersucht das zuständige Ministerium, es bet dem bestehenden Zustand zu belassen. Rach Ansicht der Kammer verlangen sowohl d'e eigenartigen, durch dm Weltverkehr e'ner Kurstadt bedingten Verhältnisse von Brd-Rauheim. als auch die zentrale Lage der Kreisstadt Friedberg, daß an beiden Plätzen d'e seit über 50 Jahren bestehenden Amtsgerichte erhalten bleiben. Sie kann aber auch in der Verschmelzung der Amtsgerichte keine nachweisbare Ersparung erblicken, da es als eine Unmöglichkeit erscheint, daß knmch die Zusammenlegung der Gerichte die Arbesismenge verringert wird, und daß dadurch eine Personalverminderung erz'elt werden kann. Wäre b:?5 aber wirklich der Fall, dann würde die Einsparung in der Verwaltung weit überwogen durch d'e dem in beiden Städten ansässigen Verkehrsgewerbe zugefügte Schä 6 i- gu n q und durch die Mehrkosten, d'e den Parteien und Zeugen durch Zeitaufwand und größere Snt- fermmg vom Wohnort verursacht Werdern
Unter allen llmständen nach aber die Kammer Widerspruch dagegen erheben, daß den in Frage kommenden Städten angesvnnen wird, geldliche Opfer zugunsten des Landes zu bringen und das Verbleiben der Amtsgerichte an ihrem derzeitigen Ort durch das Anerbieten von Zuwendungen an den Staat zu erkaufen. Die Kammer ist der Mcimrng. daß die Aufgaben des Landes auf dem Gebiete der Justizverwaltung in keiner Weise von den Gemeinden, auch nickt in finanzieller Hins'cht, übernommen werden können.
Einspruch der Friedberger StabfoerwaIfang.
WSA. Friedberg, 22. Oft. Wie vir erfahren, hat nunmehr auch die hiesige Stadt-
Verwaltung in einem längeren Schreiben an das hessische Ministerium der Justiz Einspruch gegen die geplante Aushebung bc8 Amt s ge richt es In Friedberg erhoben.
Buntes Allerlei.
Drollige Verwechslung.
Denn jemand, wie es auch Goethe zu- wellen beliebte, unter angenommenem Romen reift, so wird und darf es selbst eine Berühmtheit nicht wundem und verdrießen, unerkannt zu bleiben; im Gegenteil, es ergeben sich häufig aus solcher Pseudvnymität die launigsten Situationen. Einst hatte, so wird erzählt, R e i ch a r d t. bet Komponist, zu August Lafontaine, dem berühmten Moderoman'chr'.ftsteller. die beide in Halle wohnten, gesagt, daß er in einigen Tagen ihm einen Kaufmann auS Hamburg zuführen werde, und wirklich kam er auch mit einem Fremden zu ihm, den er ihm mit einigen Worten vvrstellte. die er nicht verstand und für das Gewöhnllche nahm. Man ging in den Garten. Den Fremden interessierte die lange Baumallee. Er blieb am Ende des Ganges stehen, betrachtete lange die Aussicht und äußerte dann, eine so imposante Masse von großartigen Gebäuden. wie sich hier auf einen Blick darstelle, nie. selbst in Italien nicht, gesehen zu haben. Das Gespräch lenkte sich davon auf Kunst und Altertum, und Safoniaine hörte mit Erstaunen, wie kenntnis- und geistreich dieser Kaufmann war, an welchem fein Interesse von Minute zu Minute wuchs. Es war ganz gegen seine Sitte, jemand um seinen Barnen zu fragen, diesmal aber sagte er beim Abschied: „Mein Herr, Sie haben mir ein so großes Interesse eingefwßt, daß ich nicht unterlassen kann, Sie um Ihren Barnen zu bitten." — „M ein Barne i ft Goethe", war die Antwort. — „Mein Himmel," sagte Reichardt, „ich Habs Ihnen ja beim Eintreten gesagt." — „Das wollen Sie gesagt haben? Einen Kaufmann aus Hamburg haben Sie mir angekündigt, und beim Eintreten haben Sie nichts gesagt, sondern nur etwas gemurmelt. Wenn Eie künftig Goethe ankündigen so sprechen Sie deutlich. Herr! Sie brauchen bloß seinen Barnen zu nennen. Aber", so wendete er sich zu Goethe, „im Grunde ist mir das Mißverständnis recht lieb; denn hätte ich Ihren Barnen gewußt, so hätte ich gleich nichts anderes von Ihnen erwartet, als waS ich gehört habe." Schnell eilte er nun aber zu seiner Frau: „Geschwind, Fielchen, Goethe!" Die gute Frau aber sah nichts weiter als — was mancher Kritiker auch nur gesehen hat — feinen Zopf. Es ist auch vorge- kommen, dah man scherzhafter Weise einen anderen für Goethe auSgab, wie im April des Jahres 1775 als Klopstock den Einfall hatte, den ihn begleitenden Bote dem Superintendenten Kaiser in Gimbeck als Goethe vorzustellen, als der er mit sehr vielem Respekt empfangen ward. „Selbst durch G.mbeck, wo man gar nicht liest." so schrieb Bole an Merck, „lief die Baco- richt. daß Goethe da sei, wie ein Lauffeuer." Die Entwickelung machte nachher allen viel Spaß.
Daß Goethe aber noch im Jahre 1818 auf Grund einer Ramensähnlichkett mit einem anderen verwechselt wurde, ist eine Begebenheit von solcher Komik, dah man ihrer gern mit Schmunzeln wieder gedenkt. Am 5. Mai 1824 unterhielt sich Goethe mit Eckermann über die Aussprache des B und P, D und T, G und K, wobei die ergötzlichsten Erfahrungen zum besten gegeben wurden, die beide an Weimarer SHauspie.ern zu machen Gelegenheit hatten. 3m Anschluß daran erzählte Goethe die drollige Verwechslung. deren Gegenstand er selbst gewesen war: „Als ich vor einigen Jahren mich einige Zeit in Jena aufhielt und im Gasthof „Zur Tanne" logierte, ließ sich eines Morgens ein Studiosus der Theologie bei mir melden. Bach- t-em er sich eine Weile ganz hübsch mit mir unterhalten, rückte er beim Abschiede gegen mich mit einem Anliegen ganz eigener Art hervor. Er bal mich nämlich, ihm doch am nächsten Sonntag zu erläutern statt meiner predigen z u dürfen. Ich merkte sogleich, woher der Wind ivehte, und daß der bo'fnungsvolle Jüngling einer von denen sei. die das D und K verwechseln. Ich erwiderte ihm also mit aller Freundlichkeit, ;ah ich ihm in dieser Angelegenhett zwar persönlich nicht helfen könne, daß er ater sicher seinen Zweck erreichen würde, wenn et die Güte haben wolle, sich an den Herrn Archidiakonus K o e t h e zu toenben (ter zugleich Professor der Theologie an der älniversität war). F. A. H.
Kirchliche NachvichLen.
Evangelische Gemeinden.
Eonnlag. den 24. Oktober. 21. n. Trinitatis.
Gießen. Stadtkirche. 9'/,: Missionar Lauk 11: Kinderkirche f. d. Malthäusg. Missionar Lauk 6: Missionar Schweikhart. - IohanneSkirche. 9'/,: Missionar Keller. 11: .ßinderkircbe für die Lukasg. Missionar Keller. 6:Missionar Schlaudrass. — Kirchberg. IO; Erntedankfest. Kollekte. 11: heil. Abendmahl f. d alten Leute von Stauen berg, Daub- ringen. Ruttershausen. Bachmitt. 1'/.: Mainzlar: heil. Abendmahl für die allen Eemeindeglieder. Kollekte. — Ltch. 9‘ 3 Stistsdechant Lenz. - Kin- dergottesdienst fällt aus — 2 Stittsdechant Lenz (Einführung der Konsirmanden). — Wiefeck. Erntedankfest. 9'/,; Opfer lür die Gießener Zuflucht für gefährdete und gefallene Frauen und Mädchen. 10'/.: Kinderlircke. — Matzenbvrn-Garbenteich. Watzenborn - Strinberg: 9 Beichte, anschl. Gottesdienst unb heil. Abendmahl der jung. Verheirateten. (Kollekte). Sarbenteich: 1.
Kaiholische Gemeinden.
Gießen. Samstag, 23. Oktober. 4’/, u. 7 Beichte. Sonntag, 24. Oktober. 22. Sonntag nach Pfingsten. 6'/, Beichte, 7 Messe, Kom. d. Frauen, 8 Kom., 9 Hochamt mit Predigt, 11 Messe mit Predigt, 5‘/. Christen! u. Andacht. An den Werktagen ist abends 8 Rosenkranzandacht mit Segern — Grünberg. 9'/, Messe mit Predigt. — Hungen. 9'/, Hochamt mit Predigt. - Lich. 7'/, Messe mit Predigt.
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