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Nr. 69 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Dienstag, 25. März (926
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Oberfchlefiens Martyrium.
jur fünften Iviederkehr der Volksabstimmung in Oberschlesien, März 1921.
Unoergehliche Tage waren es vor nunmehr fünf Jahren, als in endlosen Zügen tausende Kinder zur Mutter Heimat fuhren, um ihr in Zeiten größter Not beizustehen. Endlos war der Jubel in den deutschen Landen, als die Abstimmungszüge durchs Land eilten und Haus-, ja turmhoch gingen die Wellen der Begeisterung, als das Ziel erreicht mar und Ellern und Geschwister, Verwandte und Bekannte, oft nach vielen Jahrzehnten ein Wiedersehen feierten. Bisher waren ähnliche Stunden im Leben eines Volkes noch nicht verzeichnet gewesen, wie sie die Tage der Abstimmung dem oberschlesischen Volke brachten. Noch nie im Zeitgeschehen waren die Glieder eines Volkes in solcher Anzahl beieinander gewesen, mit einem so hohen, heiligen Ziel wie in den Spätmärztagen des Jahres 1921. Und darum hatte auch die Heimat gerüstet zu festlichem Empfang. Zwar war der Fahnen- und Girlandenschmuck an den Häusern und in den Straßen verboten, aber dafür war es um so festlicher und feierlicher in den Häusern und in den Wohnungen. Große schwarzweißrote Flaggen vom obersten Stock bis ins, Erdgeschoß wallend In schönstem frischen Grün schmückten die Treppenflure, Willkommens-Sprüche und Schilder, Gruße und Bilder von Fahnen umrahmt, von Grünem umrankt, waren so zahlreich und so sinnig angebracht, wie sie wohl sonst nirgends wieder zu sehen fein werden. Aber auch die Herzen der Deutschen schlugen höher und fester in stolzer Siegeszuversicht. Es durfte ja nicht anders kommen, Oberschlesien war deutsch und mußte deutsch bleiben, trotz aller Schikanen der Polen, trotzdem sie Furcht und Bangen und Zweifel hineintrugen in die Herzen der Heimgekehrten. So war der Abstimmungstag herangekommen. Reichspräsident Ebert richtete noch einmal aufmunternde Worte an die Oberschlesier. „Die Stunde der Entscheidung ist gekommen! Von euch wird es abhängen, ob Ober- schlesien, durch Jahrhunderte mit Deutschland vereinigt, in Jahrhunderten mit Deutschland groß geworden, sich auch in Zukunft in Blüte und Wohlstand weiterentwickeln kann usw.", und weiter heißt es in der Kundgebung: „Voll Stolz und Zuversicht blickt das ganze deutsche Volk an eurem Schicksalstage auf euch!" Reichstagspräsident L ö b e rief ihnen zu: „Oberschlesier! Der Tag ist gekommen, der über euch, euere Kinder, euere Zukunft entscheidet! Seid treu der deutschen Heimat, wahrt das Land eurer Väter, gebt euren Kindern die Hoffnung auf ein besseres Geschick!" — Trübe brach der Morgen an. Dem Sonnenschein der letzten Tage, der auf die Begeisterung nicht ohne Einfluß geblieben war, folgte graues Wetter. Schwer hingen die Wolken herab. Durch die Straßen zog Militär, bewegten sich langsam Panzerautomobile. — Es war stille geworden, die nächsten Stunden sollten die Tot folgen lassen. — Schon gegen Abend sickerten einzelne Ergebnisse durch: der Montag aber brachte das Gesamtergebnis. Ban Oppeln aus erging 4.30 Uhr morgens der Funkspruch nach Nauen W. T. B. Transozean:
„Große Ueberiegenheit deutscher Stimmen. Annähernd 700 000 deutsche gegen 460 000 polnische Stimmen. Einige noch fehlende Ergebnisse können an dem Stimmenverhältnis nichts ändern." „Die deutsche Sache in Oberschlesien hat einen entscheidenden Sieg errungen", stellte der "Reichspräsident in seiner Kundgebung fest. Selbst Lloyd George, der englische Minifter- pläsident erklärte, „er müßte anerkennen, daß der deutsche Sieg ein sehr großer sei, und daß er ihn in gleicher Stärke und mit diesem numerischen Ueber- gewicht nicht erwartet habe".
Aber so ohne Kampf und Blut sollte der Sieg nicht errungen sein. Bereits am Abstimmungstags drang in die Städte die Kunde von unerhörtem polnischen Wahlterror. Die Ueberfälle auf die Abstimmler waren so zahlreich und so brutal, daß das Gespenst des A u f st a n d e s eine rechte Freude über den Sieg nicht aufkommen ließ. Haarsträubende Dinge wurden erzählt und unter Eid zu Protokoll gegeben. In Scharen strömten von allen Seiten die Flüchtlinge in die Städte, um sich vor dem Wüten der polnischen Terroristen in Schutz zu bringen. Ueberall sammetten sich die Vertriebenen und
Gießener Konzertverein.
Mit dem Beginn des Generalbaßzeitalters hatte der Bau der Violine einen Höhepunkt erreicht, der schlechthin nicht wieder überboten werden konnte. Während alle Instrumente seit ihrer Formung doch stets wieder durch irgendwelche Verbesserungen in ihrer klanglichen Ausnützung gesteigert werden tonnten (a. B. das Klavier), ist die Violine bei der Form stehen geblieben, die ihr die Holzbildhauerkunst der Renaissancezeit gab.
Dieser neuen Klangquelle nahm man sich besonders an, und bald konnte eine große Zahl von Virtuosen dieses Instrument (die Deutschen waren durchaus führend) eine reiche Literatur schaffen. Da die Violine (als Streichinstrument) für das seelenvollste der Instrumente angesehen werden kann, so mußte sie auch stets eine berufene Künderin für jeden Zeitstil werden.
Die Literatur für zwei Violinen mit oder ohne Begleitung ist zu den Zeiten kurz nach der Neuschaffung des Instruments am stärksten gewesen, weil gerade die Polyphonie des Barock das Nebeneinander zweier gleichwertiger selbständiger Stimmen suchte. Die spätere Weiterentwicklung der Musik nach der harmonischen Seite mußte die beiden Instrumente in ihrer klanglichen Entfaltung mehr einander nachordnen. Nur da, wo es auf eine gleichwertige Behandlung ankam, mußte man entweder auf die polyphone Art zurückgreisen oder das Thema zerlegt auf beide verteilen (Viotti, Mozart). Je weiter der Gegenwart zu, um so weniger schafft man für die öffentliche Kunstausübung geeignete Literatur, da bei dem Streben nach Klangbereicherung eine Vereinigung von zwei Violinen meist nur noch für unterrichtliche Zwecke ausgenützt wird.
Bei einem Konzert, das wie das letzte ausschließlich von zwei Soloviolinen bestritten wird, bietet sich gerade durch die fehlende Reichhaltigkeit der Konzertliteratur der neueren Zeit und das typische Zeitgepräge der älteren Werke ein interessanter Längsschnitt durch die verschiedenen stilistischen Zeitalter und ein überaus lehrreicher Einblick In die Ausnützung der Klangmittel dieser beiden Instrumente.
Bei Händel (Sonate k-Dur) und Bach (Kon- zeri-D-Moll) die polyphone Durcharbeitung: die Anforderungen an den Ton für die Gewinnung der plastischen Linie: die im einzelnen Sah festgehaltene und durchgeführte einheitliche Grund
Vergewaltigten. Oft waren sie nur mit dem Notwendigsten bekleidet oder führten ein Bruchteil ihrer Habe mit sich. Hastende Frauen trugen Kinder aus dem Arm, die sich eng an ihren Hals anschmiegten. Weinende Mutter führten an der Hand ihre Lieblinge, für sie Obdach suchend. In später Abendstunde trotteten Kinder durch die Straßen und suchten Vater und Muter. In einer Ortschaft überfielen 200 bis 250 Banditen 4 Polizeibeamte. Es entspann sich ein furchtbarer, aber kurzer Kampf. Die Angreifer, dis mit Handgranaten, Gewehren, Pistolen usw. gut versehen waren, verloren einen Toten. Die vier Beamten wurden mit Kolben, Messer, Totschlägern niedergemetzelt.
So mußten Tausende Arbeitsstätte und Wohnung im Stich lassen, um das Leben zu retten. Obdachlos irrten Frauen und Kinder umher. In Telegrammen an die Behörden, in Funksprüchen an alle Welt wandten sich die zu Tode Gequälten, gehetzten Menschen. „Brüder der Welt! Wir sind wehrlos und unbeschützt, wehrlos und schutzlos. Wir wenden uns an euch, wirkt auf Völker und Regierungen ein, daß dem grausamen Terror endlich ein Ende wird! Ruhe und. Frieden wollen wir! Helft, helft, helft!" — „Ist denn niemand da, der uns beschützt?" — Das war der Aufschrei der Gequälten. Und es war niemand da, der helfen könnte, denn die Interalliierte Kommission sah und hörte nichts, w^il sie nichts sehen und hören wollte. Der Berichterstatter der Pariser „Havas-Agentur", der sich die Verhältnisse selbst ansehen wollte, sagte mit eigenen Worten: „Hier ist jetzt die Hölle los!"
So begann eine Zeit furchtbarer Pein, die wohl zu Ende ging, aber im Mai und Juni desselben Jahres im dritten polnischen Aufstand noch e i n - m a I fürchterlicher und grausamer wieder auflebte. Der Schaden an Gut und Blut ist unbeschreiblich. Die heute noch nicht einmal aufzählbaren Morde und Gewalttätigkeiten sind in der Geschichte aller Kulturländer ohne Beispiel. Die Verstümmelungen vieler Opfer sind geradezu bestialischer Art.
Unsagbar ist das Leid der Oberschlesier, das nur der einigermaßen verstehen kann, der an den Kämpfen teilnahm. Und auch heute, nach fünf Jahren, ist noch nicht Ruhe und Frieden eingekehrt. Brach liegt der Handel, Hütten und Werke stehen still, in die Gruben wird nicht eingefahren. Das blühende Land wird zur Einöde und verarmt und — noch immer streckt der Pole seinen Arm nach dem übrigen Schlesien aus. Gerade in letzter Zeit trägt er neue Unruhe ins Land, verfolgt die im abgetrennten Gebiet Verbliebenen, die in Treue Ausharenden, die geblieben sind, damit dem Lande der deutsche Charakter gewahrt bleibe, bis es wieder einmal deutsch wird, und mit dem oberschlesischen Dichter Robert Kurpian rufen sie allen Deutschen zu:
Laßt uns nicht fallen und sinken, Ihr Brüder in Nord und West! Wir standen in schlimmen Tagen Zu euch in Treue fest.
Doch wehen die Banner, die alten;
Breitet die Arme aus;
-okg oder Tod! Wir bleiben
Deutsch übers Grab hinaus! K.
Der mitteleuropäische Block.
Die Locarno-Politik, hat unverkennbar zu einer diplotnatischen Neuorientierung des ganzen Mitteleuropa die ersten Ansätze gegeben, die sich gerade in jüngster Zeit durch eifrige Ministerreisen ausgewirkt haben. Der jugoslawische Außenminister ist über Rom nach Genf gefahren, hat sich nachher in P a r i s aufgehalten und kehrt jetzt auch wohl erst auf Umwegen nach Belgrad zurück. Herr B e - n e s ch hat endlich seine Visitenkarte in Wien abgegeben, wozu er seit zwei Jahren angeblich keine Gelegenheit fand und Herr Mussolini entwickelt eine fieberhafte Geschäftigkeit, die ihre Spitze zunächst gegen Deutschland kehrt. Das kann eigentlich nicht überraschen. Die italienische Regierung wollte die Locarnoverträge benutzen, um von Deutschland eine Garantie der Brenner- grenze zu erhalten, die zu geben wir nicht imstande waren, schon weil er sich damit an die falsche Adresse gewandt hatte. Er hat daraufhin seine Haltung gegen Deutschland geändert und sich plötzlich mit großer Schärfe gegen den Anschluß Oesterreichs ausgesprochen, weil er fürchtete,
einstellung. Biotti steht bereits in einer neuen Zeit: der Ton wird schmiegsamer, zierlicher, eleganter, modulationsfähiger: noch mehr aber zeigt sich bei Mozart das Herauswachsen im Werden des einzelnen Satzes, das Fortschreiten, Emporsteigen, das Entladen in der Kadenz. Unö wiederum die Moderne bei H. Zilcher; ein Stil, der doch fest das Orchestrale in der „Melancholie" berührt, der durch' das Harmonische die Stimmung charakterisiert: in, der Tanzkaprize eine Ausnützung technischer Reize, fast an das Impressionistische heranreichend.
Lind daß man so verhältnismäßig selten im Konzertsaal den Werken für zwei Violinen begegnet, liegt nicht zum mindesten an den Künstlern. Gerade diese Art von Literatur fordert ein sehr intensives Einstellen auf einander, ein geenseitiges Verstehen, von Grund auf ein gegenseitiges Mitgehen. Denn hier ist fein klangliches .Unterorbnen schon durch die Verschiedenheit der Instrumente möglich: hier muh das Gleiche mit Gleichem verschmolzen und doch ein selbständiges Individuum bleiben. Lind der Wechsel der Stile im Verlaufe des Programms verlangt starkes, bewußtes, inneres geistiges Miterleben und Lim- ftellen, eine Schwierigkeit, der nicht jeder gewachsen ist.
Und nun zu unseren Künstlern. Da blieb kein Wunsch offen, eine ideale geistige Bereinigung. Melanie Michaelis mit einem für eine Dame ungemein großen, voluminösen, leuchtenden Ton, modulationsfähig bis zur feinsten Klangnüance; jedem Stil eine warme persönliche Note gebend. Hans Michaelis, als Sekundgeiger des Wendlingquartetts in Gießen kein Fremder mehr, stets ein stilsicherer Künstler von feinstem Empfinden, mit starkem Impuls: vielleicht hätte in den polyphonen Sätzen zur Wahrung des klanglichen Gleichgewichts der beiden Stimmen sein Ton noch größer sein können, aber es schien an dem besonders weich intonierenden Instrument zu liegen.
Da erschloß sich die Welt Handels klar und stark vor uns. Da wurde Bachs Doppelkonzert mit seinen zuckenden Ecksätzen, ihrem Dahinstürmen und Ueberbranden des polyphonen Meeres, mit seinen ekstatischen Klangreizen, mit seinem Klangschwelgen im Larghetto, zum größten Erlebnis. In Diottts „Serenada", diese Grazie, dieses Reiz- und Geistvolle, das aus dieser Musik herausklang: und dann bei Mozart, diese Kantilene, dieses pulsierende Energieleben in den Passagen und die Klangstekge-
daß ein Deutschland, das unmittelbar bis an den Brenner heranreicht, eine ganz andere Anziehungs- kraft auf die Deutschen in Südtirol ausüben könnte, als das kleinere Oesterreich.
Indessen für die ganze Einstellung Mussolinis und die Zwangsläufigkeit der italienischen Politik kann dieser Stoß gegen Deutschland dach immer nur eine Extratour fein, die aus vorübergehender Verärgerung geboren wurde. Wir wissen, das; Mussolini an sich bereit war, den Deutschen Südtirols eine bescheidene Kultur-Autonomie zuzugestehen, uni) daß er davon nur abgebracht worden ist, weil der übertriebene Nationalismus der Faszislen ihn zu patriotischen Kiindgebungen zwang. Früher oder später wird er sich ganz von selbst überlegen, daß er auf diesem Wege nicht weiter kommt. Denn Italien hat nach Norden hin feine nationalen Ziele restlos verwirklicht. Im Osten hat es sich mit den Jugoslawen abgefunden. Die „imerlösten Gebiete" in der Schweiz, also der Kanton Tessin reizte zwar die Begehrlichkeit, aber der Kaufpreis, der dafür zu zahlen wäre, ist international zu hoch, als daß sich das Geschäft in absehbarer Zeit lohnen könnte. Italien muß also, wenn es sein nationales Programm restlos erfüllen will, schon sein Gesicht g e g e n W e st e n kehren: denn Frankreich sitzt immer noch in Savoyen, in Nizza, in Korsika und auf Tunis, das die Italiener gewissermaßen als historische Kolonie für sich in Anspruch nehmen. Es war also nur folgerichtig, daß nach dem Abschluß des Krieges zunächst Italien eine antifranzösische Politik einschlug, die es zweifellos auch wieder aufnehmen wird. Deshalb wohl die Zusammenkunft zwischen Mussolini und Chamberlain in Rapallo. Italien kann die R ü ck e n d e ck u n g E n g l a n d s nicht entbehren, weil es sich mit seinen offenen Küsten einem Angriff der größten Flotte der Welt nicht aussetzen darf. Es ist aber auch klug genug gewesen, die vorherrschende Stellung Englands im Mittelmeer anzuerkennen. Früher ober später wird daher trotz des Brenners Mussolinis die Unterhöhlung der französischen Stellung im Mittelineer wieder aufnehmen.
Daran darf man sich nicht irre machen lassen, trotz der diplomatischen Geschäftigkeit. die zunächst alle Fäden zu verwirren scheint. Mag sein, daß Mussolini den serbischen Außenminister dazu bewegen löoUte. sich ebenfalls gegen den Anschluß auszuspre- djen. Damit dürfte er sich aber einen Korb geholt haben, denn schließlich ist Jugoslawien daran interessiert, eine unmittelbare Grenze mit Deutschland zu haben. Die Interessen der Serben liegen zudem vorläufig ausschließlich auf dem Balkan. Für sie liegt deshalb keinerlei Veranlassung vor, sich mit Deutschland unnötig anzulegen. Aus demselben Grunde ist aber auch das Interesse Jugoslawiens an der Kleinen Entente stark abgeflaut, so stark, daß Herr Benesch sich in letzter Zeit sehr vereinsamt gefühlt hat und deshalb auf dem Umwege über Wien wenigstens außenpolitisch mit seiner antideutschen Politik Abbau machte und zumal, nachdem sein jüngster Vorstoß gegen Ungarn wegen der Frankenfälschungen mißlungen ist.
Ungarn ist militärisch die verwundbarste Stelle der Tscheche!, weil ein Vormarsch ungarischer Truppen die Tscheche! von der Slowakei absprechen kann. Weder Jugoslawien noch Rumänien legen augenblicklich Wert darauf, mit den Ungarn sich zu verbünden: die Jugoslawier nickst, weil sie nach Süden sehen, die Rumänen nicht, weil ihre Aufmerksamkeit ausschließlich auf Bessarabien gerichtet ist, wo sie mit der Möglichkeit eines russischen Vorstoßes rechnen müssen und bann kann ihnen ein unsicheres Ungarn im Rücken mehr als unbequem werben. Die Lebensnotwendigkeiten der Kleinen Entente, die nach Abschluß des Krieges den engeren Zusammenschluß natürlich machten, sind eben seither weit auseinandergegangen. Sie haben dazu geführt, daß die Kleine Entente heute ebenso sehr im Zerfallen ist, wie die große Schwester, ber sie ihren Namen entlehnten. Neue Konstellationen bereiten sich vor, wohl kaum in ber Form, wie sie Frankreich haben möchte, in der Gestaltung eines mitteleuropäischen Blocks, ber gegen Deutschland gerichtet ist. Wenn es einmal zu einer Stabilisierung kommen sollte, wirb im Gegenteil ge- rabe Deutschland der gegebene Mittelpunkt dieses Bündnisgebildes fein. Damit hat es freilich noch gute Wege. Aber die jüngsten Ereignisse haben doch gezeigt, wie rasch die Zeit für uns arbeitet. Um so
rung in der Kadenz. Die herbe Welt Silchers und die Klangreize in der Tanzkaprize. Das war ein einzigartiger seltener Genuß! Beide gleich meisterhaft, technisch und in der Gestaltung! Ein so gesundes, lebensvolles, bejahendes, urwüchsiges Musizieren!
Lind doch, des Interessanten bot das Konzert noch mehr: Rudolf Peters als Komponist. Dieser junge Künstler hat schon seit einer Reihe von Jahren die Augen seiner Mitwelt auf sich gezogen. Lind das mit Recht. Peters ist keiner von jenen Radikalen, die eben (mit einigen Aus- nahnren) für unsere Ohren so ungewöhnlich schreiben, weil sie es in ihrer für sich überzeugten Genialität verschmähen, sich jenes grundsolide Können anzueignen, das von jeher die Grundlage jeder Kunstproduktion war und auch in aller Zukunst bleiben wird; denn sein, leider schon 1917 verstorbener Vater (Musikdirektor in Gelsenkirchen) hat das Verdienst, seine musikalische Entwicklung äußerst sorgfältig überwacht und in sehr geregelte Bahnen geleitet zu haben. — Roch stürmt es und gärt es in dem jungen Menschen; noch sucht er nach der rechten Form, sich zu äußern. Gerade die Rhapsodie als freie Form vermochte sein inneres Dränge): zu erschließen. Roch reicht die Gestaltungskraft nicht völlig hin, all das im Innern zu meistern; denni er hat viel zu sagen. Lind sehr viel Gutes ist von ihm für die Zukunft zu erhoffen, das zeigten Präludium und Fuge in ^-Moll. Die Formen der Alten beherrscht er und, was noch mehr gilt, er vermag sie auch schon mit persönlichem Inhalt zu erfüllen. Das Sichi-Sammeln im Präludium; dann das rein diatonische Thema der Fuge (in unserer chromatischen Zeit); das gab dem Werk Struktur, innere Festtgkeit und Kraft. Fast schien die Fuge nach der zweiten Durchführung roman- ttsch erklingen zu wollen; doch nur als Ruhe für die Sammlung der Kraft, und steil türmte sich die Schlußdurchführung auf. — Als Beglückter war er voll jugendlichem Drängen und legte hier wie in den beiden Solostücken mit seinem soliden pianistischen Können Zeugnis ab, wie Technik und Gestalten auf einem grundmusikalischen Boden erwachsen.
Mir die Reihe der Winterveranstaltungen des Konzertvereins ein recht würdiger Abschluß, dem nur ein noch stärkerer Besuch zu wünschen gewesen wäre, um der Künstler willen und ihres so gnmdechten, freudigen Musizierens. -in-
notwendiger ist es, daß Dcutschland den Bewegun« gen, bie sich hier abzuzeichnen beginnen, die gefpann- teste Aufmerksamkeit zuwenbet.
Die Sowjetrepublik der Wolgadeutschem.
Berlin, 2*'. März. (Wolff.) Die Pressestelle der Bvlfchvft der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken hatte Vertreter der Presse anläßlich ber Anwesenheit des Vorsitzenden des Zentralexekutivkomi- tees der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen, Schwab, und des Volkskommissars für Unterricht derselben Republik, Schönfeld, eingeladen, um sie über die Verhältnisse in dieser Republik auszuklären. Der Vorsitzende des Zentralexeiutivlomitees führte in feinem Referat u. a. aus: Erst nach der Oltoberrevolution wurden die Deutschen an der Wolga nach 160- jähriger Unterdrückungfrei und erhielten i h r c w g e n e s Staatswesen, das der Sowjet, Union angeglicbert ist. Selbstverständlich war es in der kurzen Zeit, vor allem, da das Land van schweren Mißernten heimgesucht wurde, nicht möglich, die Wirtschaftslage des Landes vollkommen zu sanieren. Doch mit Unterstützung der Sowjetunion, die ber Wolgadeutschen Republik einen Kredit von acht Millionen Rubel bewilligte, gelang es, die Wirtschaft aufzubguen und ihre Erträgnisse zu einem hohen Prozentsatz zu steigern. So steht heute die Wolgadeutsche Sowjetrepublik, vor allem wirtschaftlich, höher als viele andere Teile der Sowjetunion. Schwab ging dann auf die Grundzüge der Verfassung der Wolgadeutschen Republik ein und schloß: Ich bin der Meinung, daß die Wolgadeutsche Republik virtschasttiche, wie kuliurelle Beziehungen zu Deutschland, dem Land, aus dem seinerzeit unsere Vorfahren ausgewandert sind, nötig hat, und daß diese auch zu erreichen sind, was nicht unwesentlich f:in könnte für die Beziehungen zu Deutschland und der Sowjetunion.
Der Volkskommissar für Llnterricht. Schönfeld, ging dann des näheren auf die kulturelle Verbindung mit Deutschland ein und schilderte Maßnahmen, die in der Wolgadeutschen Republik ergriffen würden, um das 30prozentige A n - alphabetentum zu beseitigen und deutsche Schulen im ganzen Lande zu errichtcn. Man hofft, bis 1930 die allgemeine Schulpflicht eingeführt zu haben. Auch Schönfeld schloß mit dem Hinweis auf die Rotwendigkeit der Erweiterung und des systematischen Ausbans der Beziehungen der Wolgadeutschen Republik zum Deutschen Reich.
Parlamentarisches aus Hessen.
Die volksparteiliche Fraktion beantragt, die Regierung zu ersuchen: Die Gemeinden leisten zu den persönlichen Kosten der Volksschulen einen Zuschuß in doppelter Höhe der Beträge, die die einzelnen Gemeinden im Rechnungsjahr 1913 für diesen Zweck tatsächlich aufgewandt hatten. Ersparnisse, die durch Klassenzusammenlegungen gegenüber dem Stand vom 1. Januar 1926 erzielt werden, kommen Staat und Gemeinde in dem Verhältnis zugute, indem sie zu den persönlichen Dolksfchulkosten beitragen. Der Staat verzichtet auf die Erhebung der Realsteuern zugunsten der Gemeinden.
Die Zentrumsabgeordnete Frau Hattemer ftefit folgende Anfrage: Schon öfter sind dem Landtage die Wünsche der Altpensionäre d. h. derjenigen Beamten, die vor Inkrafttreten des Besoldungsgesetzes pensioniert worden waren, auf Gleich st ellungmit den Reupensionären besonders auch um Einreihung in die Beförderungsstellen der Desoldungsordnung unterbreitet worden. Die Regierung hat stets zugegeben, daß hier eine Llngerechtigkeit vor- liege, und daß sie gerne eine Aenderung eintreten ließe, daß aber daS Besoldungs- sperrgesetz sie daran hindere. Ich frage an:
1. Ist der Regierung bekannt, daß in Bähe rn die Altpensionäre anders wie bei uns und trotz des angeblichen Widerspruchs mit dem Sperrgeseh in ihren Bezügen mit den Reu-
Menschenkunde.
Die Kenntnis des menschlichen Körpers sollte Gemeingut aller Menschen sein, und doch herrscht gerade über dieses größte Kunstwerk der Ratur noch die größte Llnkenntnis in weitesten Kreisen. Der Deutsche Lehrerverein für Raturkunde hat das Verdienst, eine ausgezeichnete „Menschenkunde" für weitere Kreise herausgegeben zu haben; der erste Band, welcher den Dau, die Anatomie des menschlichen Körpers behandelt und von Prof. F. W. Müller geschrieben ist, ist schon vor mehreren Jahren erschienen; nun folgt die erste Hälfte des zweiten Bandes über die Verrichtungen, die Physiologie des Menschen aus der Feder des Rektors unserer Landes- Llniversität, Herrn Professor Dr. med. et sc. nat. K. Bücke r*). Die erste Hälfte dieses Bandes enthält die Allgemeine Physiologie und die Physiologie des Stoffwechsels; die zweite, in Bälde erscheinende Hälfte wird die Muskel-, Rerven- und Sinnesphysiologie behandeln.
In der äußeren Anlage unterscheidet sich das Buch B ü r k e r s insofern von ben übrigen Physiologie-Büchern, als in ihm den allgemeinen Problemen des Lebens ein breiterer Raum gewidmet ist, als es auch die wichtigsten Experimente schildert und so zugleich als Praktikum der Physiologie verwendet werden kann, und als es Hin» weise von den normalen Verrichtungen des menschlichen Körpers auf krankhafte Erscheinungen bringt. Etwas ganz Reuartiges für ein Physiologie-Buch sind endlich die zahlreichen nach mikroskopischen Präparaten meisterhaft gefertigten Bilder auf 16 farbigen Tafeln, die von der Künstlerhand M. H. Bülbergers stammen.
Aufgabe der Physiologie ist es, „die Lebens- erfcheinungen auf bekannte physikalische und chemische Gesetze zurückzuführen, das heißt, sie im naturwissenschaftlichen Sinne zu erklären". Für die moderne Physiologie gibt es also keine besondere „Lebenskraft", sondern nach den gleichen „ewigen, ehernen, großen Gesehen", nach denen auch die übrige belebte oder unbelebte Welt gelenkt wird, müssen auch wir Menschen „unseres
*) Dr. med. et sc. nat. K. Bürker, Die Lebensvorgänge des menschlichen Körpers. „Menschenkunde". Bd. IL Erste Hälfte mit 16 farbigen Tafeln. K. G. Lutz' Verlag (E. Eckstein u. Stahle), Stuttgart. 1926. VIII und 152 Sekten.


