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scheu Reichstagsfraktion von neuem die Forderung aufgestellt haben, daß die Rückwirkung des Gesetzes ausgedehnt wird, und zwar bis zum Jahre 1872. wo über Desitzverhältnifse der Hohenzvllern Gerichtsurielle ergangen waren. Die Deutsche Vollspariei und das Zentrwn lehnten diese Ausdehnung der Rückwirkung ob. Eine Be­sprechung der Vertreter der Regierungsparteien beim Reichskanzler, an der auch der preußische Finanzminister teilnehmen wird, soll über die Frage der Rückwirkungen Klarheit schaffen.

Wohnungsfragen im Preußischen Landtag.

Vertin, 21. April. (SU.) Der Preußische Landtag behandelte heute zunächst kleinere Vor­lagen.

In der Aussprache über die KapitelWoh- nunqs- und Siedlungswesen" wies dann Abg. Sonnenschein (Dn.) darauf hin, daß die Zusammenpserchung von Menschen und Familien in den Großstädten ein; Hausung von Verbrechen und sogar Morden zur Folge habe. Seine Partei verlange Auskunft darüber, was in bezug auf Verbilligung der Mieten in neu her­gestellten Wohnungen geschehen sei. Die Haus zins steu er müsse die Freilassung der kleinen Etgercheime und eine Entlastung der gewerblichen Räume bringen. Das private Baugewerbe müsse mehr herangezogen werden.

Abg. Dr. Spikernagel (D. Vp.) wies auf die Verschärfung des inneren Marktes bei dem Wohnungsbau hin und forderte die völlige Befreiung der Neubauten von der Steuer. Eine Wiederbelebung des Realkredites könne nur durch Aufhebung der Zwangswirtschaft erreicht werden.

Abg. H a e s e - Wiesbaden (Soz.): Die pri­vate Initiative allein könne das Wohnungs^errd nicht bessern. Auch in England fehlten heute 500 000 bis 800 000 Wohnungen. Der Begriff Saison muffe aus dem Baugewerbe fallen und die Baumoterialpreise müßten gesenkt werden. Sin Abbau der Avangswirtschast sei undenbar.

Abg. Bergmann lZtr.) verlangt, daß die öffentlichen Sparkassen und ähnliche Geldinsti­tute möglichst 40 Proz. ihres Einlagebestandes für den Wohnungsbau verwenden wollen und befürwortet die Aufnahme einer Ausland- anleihe für Wohnungszwecke. Die Ab­lehnung des Hausziirssteuergesehes habe die Woh- nungsneubautätigkeit schwer geschädigt. Abg. La­dendorff (Wirtsch. Vgg.) trat für Aufhebung der Zwangswirtschaft ein. Es sei unhaltbar, daß der Mieter in A l t w o h n u m e n w eit unter Friedenspreis wohnen bleibe. Der Redner fordert Aufhebung der Woh­nungsämter. Der Staat mühte auch eine Kon­trolle über die Verwendung der vielen Hundert Millionen ausüben, die die sogenannten gemein­nützigen Siedlungs- und Fürsorgegefellschaften von ihm erhallen. Dohlfahrtsmmister Hirt- siefer teilte dann mit. daß das Städte­baugesetz möglichst noch in diesem Sommer dem Staatsrat und dem Landtag vorgeleyt wer­den würde. Rienrand habe die begüterten Klassen gehindert, Wohnungen zu bauen. Tatsächlich feien denn, auch von ihnen 19 000 Wohnungen gebaut worden. Die Zwangswirtschaft habe sich als not­wendig erwiesen aus Grund der Wohnungsnot Ihre Aufhebung würde nur eine Steigerung der Mieten im Gefolge haben. Man könne aber die Lebenshaltung der breiten Massen nicht noch mehr verschlechtern, mir damit der Hausbesitz größere Mieten erlange.

Der Kongreß der christlichen Gewerlschasten.

Dortmund. 20. April. fSH.) Auf dem Kongreß der christlichen Gewerkschaften hielt Abg. D altrusch einen Vortrag überLage und Aufgabe der deutschen Wirtschaft". Baltrusch untersuchte die Ursachen des Riederganges der deutschen Wirtschaft und zeigte Wege und Mittel, wie wir aus der Wirtschaftskrise herauskom­men könnten. 3m einzelnen führte er aus, daß die christlichen Gewerkschaften gegen jede Zwangswirtschaft seien. Die große Zahl der Kartelle und Innungen trage durch zu hohe Preisfestsetzungen einen großen Teil der Schuld an der Versteifung der deutschen Wirt­schaft. Der Gesetzentwurf uzr Förderung des Preisabbaues müsse mit den vom Reichswirt- schaftsrat vorgeschlagenen Aenderungen endlich dem Reichstag vorgelegt werden. Die Ratio­nalisierung und Vervollkommnung der Betriebe und der Ausbau der Ver­kehrsmittel seien zu fordern. Der Zins­fuß müsse weiter gesenkt werden, ebenso die Frachttarife auf den Eisenbahnen. Banken und Sparkassen fönten ihre Zurückhaltung bei der Hergabe langfristiger Kredite aufgeben. Der Lohnabbau fei kein geeignetes Mittel, um aus der Krise herauszukommen. Von Arbeitgebern und Arbeitnehmern muffe der Weg ehrlicher Verständigung beschritten werden. Größere Lei­stungen seien nur dann aus der Arbeiterschaft herauszuholen. wenn sie mit ihrer Seele voll bei der Arbeit seien. Derbandsvorsitzender Fah­renbrach- Düsseldorf sprach als Korreferent überMitbestimmungsrecht und Mitbesitz der Ar­beiter an der Wirtschaft" und legte dem Kongreß eine Entschließung vor, in der die paritätische Zu­sammensetzung aller ösfentlic^rechtlichen Wirt- fchaftskammern sowie die baldige Errichtung von Vezirkswirtschastsräten und des endgültigen Reichswirtschaftsrates in organisch begründetem Aufbau gefordert wird. Reichspoftminister a. D. Giesberts führte u. a. aus, es müsse die wich­tigste Aufgabe der deutschen Politik sein, der Wirtschaft wieder die Stellung zurückzuerobern, die sie vor dem Kriege innegebabt habe, weil Deutschland mit dem Welthandel und der Welt­wirtschaft unlösbar verknüpft sei. Ein Wieder­aufstieg der Wirtschaft sei aber ohne Befruchtung aus der Arbeiterschaft heraus nicht denkbar. Die Fürsorge für das deutsche Volk müsse in den Vordergrund treten, späulative Elemente udn kapitalistische Profitversuche zurückgedrängt werden. Die dem Kongreß vorgelegten Leitsätze, Anträge und Entschli^ungen wurden mit un­wesentlichen Abänderunggen angenommen. Ein Antrag, der sich für die stärkere Bekämpfung des Alkoholmißbrauchs einsetzt, fand ein­stimmige Annahme.

Sturz der mecklenburgischen Regierung.

Schwerin. 21. April. (TU.) Die mecklen­burgische Regierung ist in der heutigen Sitzung des Landtages durch die Ablehnung eines Vertrauensvotum mit 37 gegen 23 Stim­men gestürzt worden. Für bas Vertrauensvotum

stimmten die Deutschnationalen und die Deutsche Dollspartei, dagegen die Kommunisten, die Demokraten, die Sozialdemokraten und die Bölli- schen. Rach einstündiger Vertagung der Sitzung erklärte der Ministerpräsident Freiherr von Brandenstein, daß das Staatsministerium seinen Rücktritt beschlossen habe. Die Deutsch­nationalen und Deutsche Volkspartei beantragten darauf die Auflösung des Landtages und Reuwahlen. Der Redner der Sozialdemo­kratie stimmt« diesem Antrag zu.

Benesch's Fragebogen.

Die Prager Regierung und der deutsch-russische Vertrag.

Berlin, 21. April. Die Blätter beschäfti­gen sich mit dem Fragebogen Beneschs über den bevorstehenden deutsch-russischen Vertrag. Der Reichsregierung ist ein solches Memorandum bis heute noch nicht zugegangen. Es liegen aber Rachrichten darüber vor. daß Venesch einen Fragebogen an d i e Mächte der En­tente gerichtet habe, anscheinend zu dem Zwecke, die Mächte zu veranlassen, von Deutschland Rechenschaft zu verlangen. Wie die Blätter betonen, müßte ein derartiger Schritt größtes Befremden Hervorrufen, zumal sich ein solches Memorandum nur auf einen fingierten Tatbestand aufbauen kann, da der wichtigste Punkt des zukünftigen deutsch-russi­schen Vertrages noch Gegenstand eifrigster Be­ratungen ist. Deutschland hat die Locarno­mächte über die Verhandlungen auf dem Laufen­den gehallen und damit bewiesen, daß es kein Doppelspiel treibt. Die Blätter sehen in dem Schritt Beneschs eine Einmischung in die deutsche Außenpolitik, ja den Versuch einer Kontrolle über die außenpolitischen Schritte Deutschlands. Sie betonen, daß sich Deutschland niemals das Recht werde nehmen lassen, Verträge abzufchließen.

Zu diesen Berliner Kommentaren schreibt die offiziösePrager Presse": Wenn die Ber­liner Presse aus dem tschechischen Schritt eine Verletzung der internationalen Gepflogenheiten konstruieren will und von einer Einmischung in innerdeutsche Verhältnisse spricht, so nehme sie zur Kenntnis, daß es sich um keine Einmischung in deutsche Verhältnisse han- dell. Die Tschecho-Slowakei hat ihren Stand­punkt als Antwort auf eine Anfrage bekannt- gegeben, wobei ausdrücklich betont wurde, daß eine neue Krise im Völkerbund hervor­gerufen werden würde, falls die Informationen auf Wahrheit beruhen sollten. Die Tschecho- Slowakei hat daher in dem Bestreben gehandelt, einer Krise vvrzubeugen und damit auch im In­teresse Deutschlands und den übrigen Staaten. Die Tschecho-Slowakei, die vor-allem als Rats­mitglied des Völkerbundes gehan­delt Jjat, vergaß auch nicht zu betonen, daß ein endgültiger Standpunkt erst nach Bekanntgabe des Textes des deutsch-russischen Vertrages ein­genommen werden forme.

Rücktritt des polnischen Kabinetts.

Warschau, 21. April. (Wolft.) Der Mi­nisterpräsident Graf Skrzynski gab die Er­klärung ab, daß er mit der gesamten Re­gierung zurückzutreten entschlossen sei. Um 1 Uhr überreichte er dem Präsidenten der Re­publik die Demission des Gefamtlabinetts. Der Präsident der Republik hat die Demission des Kabinetts Skrzynskis nicht an­genommen. Die bisherige Regierung bleibt somit im Amte. Der Beschluß des Präsidenten, daß der Ministerpräsident sich bemühen solle, die zusammengeschmolzene Koalition zu er­weitern. hat in den Kreisen der Linken giwtze Erregung hervorgerufen. Der Vizemarschall des Landtags, der sozialdemokratische Führer Da- hhnski erfiärte: Don einem neuen Eintritt der Sozialdemokraten in di« Regierung, wie der Präsident es angeblich wünsche, könne keine Rede sein. In ähnlichem Sinn« hat sich der Führer der Radikalen Bauernpartei, Wiswolenie. und der Sejmvizemarschall Ponjatowski ausgesprochen, der meint, die bisherigen Erfahrungen hätten seine Partei in der Ueoerzeugung bestärkt, daß ein Eintritt in irgendeine Koalition ein Ding der Unmöglichkeit sei.

Blutbad in Peking.

Schon ghai, 21. April. (Wolffs Der Pe­kinger Korrespondent, derRorth China Daily Rews" behauptet, daß die Anhänger der Kuo- min tschü np art ei vor der Räumung Pe­kings entsetzliche Racheakte begangen haben. Kurz vor ihrem Abmarsch ließen sie Führer und Mannschaften der militärischen Schutzwache des Kabinetts, die am 13. März die Studenten er­schossen hatte, ermorden. Sie führten die Wache vor denGelben Tempel" und schossen mit Maschinengewehren auf sie. Rur fünf von vierhundert seien mit dem Leben öavongekommen.

Aus aller Welt.

Einprähistorischer" Junb.

In R e u ft a b t a. d. Sy wurde vor einiger ZEit bei Kanaüsationsarbeiten ein Schien­beinknochen gefunden, der als Rest eines Ureinwohners des Spehergaues gedeutet wurde. Daraufhin setzte ein Streit um den Besitz dieses Knochens ein. Gemeinde und Eisenbahn der Knochen war auf bahneigenem Grunde gefunden stritten sich um ihn. Schließlich wurde der Knochen in einem Tresor einer Bank niedergelegt. Der Direktor des Pfälzi­schen historischen Museums in Sveyer, Dr. Spra- ter, hat nun den Knochen nochmals eingehend untersucht. Er kam zu dem Schluß, daß es sich um den Knochen eines Rindviehs handle. Unter diesen Umständen dürste das heiß umstrittene Objekt bald einen anderen Auf- bewahrungsplah finden.

Tobesscchrt mit dem Mokocrabe.

Auf der Chaussee StargardKlützow fuhr der Maschinenfabrikant Luther aus Dölig mit seinem Motorrade an einem ungeschützten Bahnübergang gegen den aus der Richtung Arnswalde einlaufenben Zug. Das Motorrad wurde zertrümmert. Luther selbst tödlich verletzt.

Schweres Autounglück.

In A a ch e n fuhr ein Kraftwagen mit großer Geschwindigkeit gegen ein Haus, wobei bfe Wand des Hauses stark beschädigt und ein Schau­fenster zertrümmert wurde. In dem Augenblick I

des Zusammenstoßes kam eine Frau mit ihrer Toch­ter an der Unglücksstelle vorbei. Das Mädchen wurde so gegen das Haus gedrückt, daß es nach wenigen Minuten starb. Die Frau kam mit leichteren Ver- letzungen davon.

Zu Tobe geschleift.

Dem 75jährigen Landwirt Knüttel aus Brei- teirbach bei Würzbrkrg gingen die Pferde mit einer Fuhre Dünger durch. Der alte Mann wurde u.agerannt und zu Tode geschleift. Dabei gingen gingen ihm die Räder des Wagens über Kopf und Leib und richteten den Körper gräßlich zu.

Schweres Unglück.

In Zeubelried (Unterfranlen) scheuten durch das Ailffliegen einer Schar Gänse die zwei Pferde einer Ackerwalze. Das Gefährt rannte in eine Groppe spielender Kinder, von denen eines ge­tötet und drei andere mehr oder weniger schwer verletzt wurden.

Durch eine Granate getötet.

In der Gege>ck> von A m i e ir s zündeten zwei Landstreicher ein Feuer an, um eine Mahlzeit zu bereiten. Infolge der Hitze explodierte efne daneben liegende Granate. Die beiden Leute wur­den auf der Stelle getötet.

Der Kiefernspanner in den pfälzischen Wölbungen.

Aus dem Dahner Tal wird berichtet, daß die dortigen Waldungen auf weite Strecken von dem Kiefernspanner heimgesucht werden. Der Groß­teil der angegriffenen Waldflächen sind Staats­und Gemeindewald.

Eine Telephonstatistik.

Auf der Erde kommt im allgemeinen auf neun­zig Menschen ein Telephon, in der Union schon auf zehn, in Deutschland immerhin schon auf dreißig, in England erst auf sünfundvierzig ein Telephon. In Kanada teilen sich dreizehn Men­schen in einen Apparat, in Frankreich sind es achtzig, in Japan einhundertdreiunddreißig, Schweben fünfzehn, in Australien oierund- zwanzig, in Dänemark fünfzehn, in Rußland sind es etwa achthundert. Auch in Jugoslawien muß man auf siebenhundert Vordermänner warten. Etwas besser stehl Polen mit sechshundert Mann da, und selbst das hochstehende Belgien hat ein­hundert Menschen auf ein Telephon. In Oester­reich kommen heute noch vierzig Leute auf einen Apoarat, während es in Ungarn über einhundert sino. Die schlechtesten Deraleichsziffern hat In­dien mit weit über eintausend Kopsen auf einen Apparat.

Hessischer Landtag.

Darmstadt, 21. April. Präsident Adelung eröffnet um 9.45 Uhr die Sitzung. Die Beratun­gen des Staatsvoranschlags für 1926 werden bei den Kapiteln 82 bis 88

Lanbwirtschaftskammer, landwirtschaftliches Antsrrichtswesen usw.

fortgesetzt. Präsident Adelung teilt mit, daß sich die Rednerliste stark vermehrt hat; er bittet die Redner, sich kurz zu fassen, damit noch in dieser Woche die Verhandlungen zu Ende geführt werden können.

Abg. Dr. Leuchtgens (Bbd.) häll dem Abg. Lux entgegen, daß es nicht darauf an- komme, welche Summen die Landwirtschaft er» häll, denn andere Berufe erhielten auch Zuwen­dungen, sondern, worauf eS ankommt, sei die viel zu hohe steuerlicheBelastungder Land­wirte und die stiefmütterliche Behandlung des Landes in Bezug auf die D e r ke h r s v e r h S l t- niffe usw. Andere Staaten mit größerer Er­fahrung des landwirtschaftlichen Unterrichts- Wesens, wie Preußen, hätten dieses den Land­wirtschaftskammern angegliedert. Es sei nicht zu leugnen, daß im landwirtschaftlichen Versuchs- Wesen viel Doppelarbeit geleistet wird, darum sei es notwendig, daß es in einer Hand ver­einigt wird. Die Landwirtschaftskammer, die aus praktischen Landwirten besteht, sei die ge­eignetste Stelle zur Leitung des Dersuchswesens. Jeder Berussverein müsse seine Angelegenheit selbst regeln; warum solle die Landwirtschafts- fammer nicht die Entscheidung über die Ausbil­dung des Rachwuchses haben?! Dasselbe sei auch für das Handwerk und die Industrie zu fordern. Der Ansicht des Abg. Lux, daß die Landwirtfchastskammer allein das Versuchs- und Unterrichtswesen zu bezahlen habe, sei nicht bei­zupflichten, sondern der Staat habe ein Teil der Kosten zu tragen. Entgegengesetzt der Behaup­tung des Abg. Lux wurden die Kosten sich unter der Verwaltung der Landwirtschaftskammer ver­billigen. Daß Landwirtschastslehrer besonders für Vorträge bezahlt werden, was der Abg. Lux be­mängelt, erkläre sich ganz einfach aus deren Stellung als Staatsbeamte. Würden sie der Landwirtschaftskammer unterstehen, so würden die Sondervergütungen, abgesehen von den Reise­kosten, wegsallen. Der Bauernbund wäre stets gegen das unbeschränkte Umlagerecht der Kammer gewesen, während Regierung und Linksparteien dafür waren. Die Landwirtschaftskammer sei un­politisch;^ wenn Abg. Lux in dieser Kammer wäre, würde er derselben Ansicht sein; er würde, wenn er in den Vorstand der Kammer gewählt werde, sicher bekennen: ich glaubte nicht, daß es so gerecht hergehe. Zu den kritisierten Beilagen der Zeitschrift der Landwirtschaftskammer be­merkt der Redner, daß andere Landwirtfchasts- fammern ebenfalls Beilagen zu lassen, in Preußen sogar mit Genehmigung des sozialdemokratischen Innenministers Severing.

Zur Umlageerhöhung

von 120 Proz. bemerkt Abg. Dr. Leuchtgens, daß die Landwirtschaftskammer nicht wie der Staat im letzten Jahre die Steuern erhöht hat, auch ihre Umlage erhöht habe. Der hsssisck)e Staat habe gegen die Vorkriegszeit seine Steuern verdreifacht. Die Frage der Umlagen sei auch noch nicht geklärt, es ei bekanntlich eine Vereinsachungskommisfion er­nannt worden. Der Bauernbund habe kaum füh­rende Persönlichkeiten in den Ausschüssen der Kam­mer. (Die Ausführungen des Redners werden fort­gesetzt von den sozialdemokratischen Abgeordneten unterbrochen, so daß der Präsident wiederholt um Ruhe bittet.)

Abg. Angermaier (Komm.) macht Ausfüh­rungen, als wäre die Landwirtschaftskammer nur ür dis Großbauern da. Mit dem von den Bauern erpreßten Gslde kaufe die Landwirtschaftskammer Luxusinstitute (der Redner meint die Haushattungs- chüle in Michelstadt).

Abg. Schott (D. Vp.) meint, es sei nicht zu verstehen, wie hier im Hause immer gegen die Laud- wirtschaftskarnrner vorgegangen werde; es dürfe nicht fein, daß so mit einer öffentlich rechtlichen Kör- , perschaft verfahren werde. Der Redner weist auf die I

großen Aufgaben hin, die die Landwirtschaft zu erfüllen hat, namentlich die Produktion zu fördern, damit die Einfuhr verringert werde. Seit 1918 habe keine Vermehrung der Beamten der Kammer statt- aefunden, sondern eine Verminderung. Es handle sich bei den Beamten der Landwirtschaftskammer um Spezialbeamte, die nicht so leicht zu haben seien; die Cinslufungsn wären mit Wissen der Regierung er­folgt. Der Redner spricht gegen eine Vermin­derung der Landwirtschaftsämter. In Rheinhessen müßte das Amt Sprendlingen einqehen, wenn der Antrag auf Aufhebung von 3 Landwirt- schoftsämtern in Hessen angenommen würde; es sei das sehr bedauerlich. Abg. Schott verlangt dann die Unterstellung der Landwirtschaftsämter unter die Landwirtschaftskammer. Er stellt and) verschiedene Behauptungen über die Höhe der Beiträge zur Landwirtschaftskammer richtig. Zum Schluß seiner Rede fordert der Redner die 2lbgeordneten auf, ni't- zuwirken, daß die Landwirtschaftskammer ihre große Aufgaben erfüllen kann.

Abg. Kindt (Dn.) spricht gegen den Abbau von Landwirtschaftsämtern; er bedauert es, daß der Bauernbund in dieser Frage nachaegeben * habe. Wahrscheinlich würden die drei Aemter da abgebaut, wo sie am notwendigsten sind. Wenn man die Kreise der Aemter vergrößere, um den Abbau wett zu machen, so erschwere man ihre Aufgabe.

Ministerialdirektor liebel

wendet sich gegen die Behauptung. daß die Re­gierung die Landwirtschaft als Snefkind behan­delt. Die Aufwendungen im Budget für die Land­wirtschaft seien seit 1918 sogar erhöht worden. Das republikanische Hessen tue mefrr für die Landwirtschaft als das monarchistische getan habe, lWiderspruch rechts, Zurufe: verlangt aber auch mehr Steuern!) Die Landwirtschaft sei nicht bloß Erwerbsquelle, sondern e z'n e Säule des Wirtschaftslebens, sie habe auch d i e nationale Ausgabe der Ernährung des Volkes und wäre einer der besten Ab­nehmer der Industrie, sie sei auch eine der ergiebigsten Steuerquellen, der Jung­brunnen für die Städte und für unsere Ration. Durch Zuschüsse vvm Reich und der Hessischen Regierung wäre die Rotlage der Landwirtschaft gemildert worden. Der Redner zählt dann die Kredite auf, die der Landwirtschaft in den letzten Jahren zugeführt worden sind, und schildert im einzelnen, wie die Reichswinzerkred'te gewährt werden sollen. Mit den Krediten allein fei aber der Landwirtschaft nicht geholfen, sondern es gehörten dazu auch cmdeve gesetzgeberisch» Maß­nahmen Die Forderung der Landwirtschaft sei eine Pflicht des Staate^; sei zu verhindern, daß Der Staat desinteressiert wird. Der Staat habe Einrichtungen getrof'en, um die Produktion zu fördern, das sei die Hauptsache. (Von meh­reren landwirtschaftlichen Abgeordneten wird dem Redner entgegensetz allen. daß eine Mehrproduk­tion ohne Rentabilität nicht zu erzielen ist, was der Redner bestreitet.) Es bedürfe nur einer Mehrproduktion von 1 7, um von der landwirt­schaftlichen Seite aus die passive Handelsbilanz zu beseitigen. Landwirtschaftsämter und Land- wirtschaftsschulen hätten sich bewährt, ebenso die landwirtschaftliche Versuchsstation; die Regierung fet nicht bereit, die von ihr geschaffenen Einrich­tungen der Landwirtschaftskammer zu überlasfen. Der Redner bittet, keines der Landwirtschaftß- am ter abzu bauen. Hessen würde mit feinen Ab- baumaßnah men in ganz Deutschland allein stehen. MinisteriawirekLor Uebel kritisiert abfällig

eine Eingabe bet Lanbwitkfchafkskamrner an bet» Canbtag, in bet sie bte Unterstellung bet. Canb- wittfchaftsämtet unter bie Lanbwirlschafts- kammer wüufchl.

Der Redner spricht von beleidigender Form der Eingabe und Äeberheblichkeit des Urteils der Kammer. Ein großer Teil der Aufgaben der Landwirtschaftskammer würden von den Lanb- wirtschaftsämtern geleistet, wie Feldversuche u-b Vorträge. In ganz Süddeutschland waren die Landwirtschaftsämter staatliche Einrichtungen; nicht alle Aemter wären in Preußen den Land­wirtschaftskammern angegliedert. Das Beispiel von Sachsen, wo erst vor einem Jahr die Aemter eingerichtet und der Kammer unterstellt wurden, ermuntere nicht zur Rachahmung. Der Redner umschreibt dann in eingehenden Darlegungen die Aufgaben der Landwirtschaftskammer und des Staates: die Landwirtschaftskammer sollte nur eine Berufsvertretung sein. Die Gefahr bestehe, daß die Landwirtschaftsämter und -Schulen in die Hände der politischen Parteien geraten könn­ten; auch die Beamten der Landwirtschaftsämter könnten in Abhängigkeit von politischen Par­teien gebracht werden.

Vizepräsident Ruß teilt dem Hause mit, daß ein Antrag Lux (Sly.) eingegangen ist, das Umlager echt der Landwirtschaftskammer zu beschränken.

Abg. Schaub (Soz.) äußert eine Reihe von Wünschen zur Riddarregulierung; er wendet sich gegen eine Interessenpolitik der Mühlen besitzet.

Abg. Weck ler (Ztr.) erklärt sich gegen die Uebertragung der landw. Versuchsstationen an eine andere Körperschaft, der Landwirtschafts- fammer. Seine Partei werde sich mit allen Mitteln einer Aenderung entgegen stellen. Die älteren Mitglieder des Bauernbundes wären von den jüngeren wegen ihres Antrages auf Aufhebung von 6 Landwirtschaftsämtem be­stürmt worden. Jetzt verschanze sich der Bauern­bund hinter den Antrag der Koalitionsparteien. Als der Redner von der Bauernpolitik des Zen­trums spricht, kommt es zu lebhaften Ausein­andersetzungen mit den Abgeordneten des Bauernbundes. Wenn landw. Schulen abgebaut würden, so müßten dieSchulenimDvgels- berg erhalten bleiben. Die Unterstellung der Landwirtschaftsämter und -Schulen unter die Landwirtschaftskammer werde das Zentrum unter keinen Umständen mitmachen. Die Kosten der Feldbereiniaung sollten gestundet toerbert Der Rsdner verlangt nachdrücklich

bie Ttibbaregulierung.

Ilbenstadt habe 2000 Mark Entschädigung erhalten, was viel zu wenig sei. Die Fohlen- zucht müsse gefordert werden, die Regierung solle der Hengsthaltung ein wachsames Auge widmen. Die Landwiktschaftskainmer sei keine polltische Organisation, aber sie sei auf dem Wege es zu werden. Die Landwirtschaftskammer nehme in ihr Programm der landw. Woche auch die Ankündigungen des Hess. Landbundes auf. Zwi- chen dem Redner und den bauernbündl. Abge­ordneten entspinnt sich zum Schluß eine Aus­einandersetzung. Abg. Weckler erUärt, der Hess. Bauernverein wäre eine Wirtschaftsorganisation und der Bauernbund eine politische Organisation. Die Gegner weisen darauf hin, daß der Bauern­verein Dem Zentrum angehört.

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