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nr. \T Erstes Blatt

176. Zahrgang

Donnerstag, 2\. Zanuar 1926

sietzener Anzeiger

General-Anzeiger für Gberheffen

vnikf Md Verlag: vrühl'fche Univerfitätr-Buch- und Lteindruckerei R. Lange in Gießen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.

Erscheint täglich,außer Sonntags und Feiertags.

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Chefredakteur.

Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr. H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein; für den An­zeigenteil Hans Züstcl, sämtlich in Gießen.

Das neue Reichskabmett.

Die Regierungserklärung auf Dienstag verschoben.

Die Besatzungsstärke.

Vor einer Zusammenkunft Chamberlains mit Briand.

Paris, 20. San. (WTB.) Der Londoner Berichterstatter der Havasagentur spricht in einem längeren Telegramm über die vermutlich erst zu Beginn des Februar stattfindende Zu­sammenkunft zwischen Chamberlain und Briand, die in Paris anläßlich der Rückkehr des englischen Staatssekretärs erfolgen soll. Drei Fragen seien es, die zu besprechen seien: Die Ausführung der Entwaff» nungsbestincmungen durch Deutsch­land und die Lage, die geschaffen werden muffe in dem Augenblick, in dem die Kon­trolle der interalliierten Militärkontrollkom- miffion aufhöre und a u j den Völkerbund übergehe, und schließlich die Frage der Kon­tingente der alliierten Truppen für die besetzten Gebiete.

Was die erste Frage anlange, so scheine es nach in London cingetrofsenen Vachrichten, daß die Haltung der deutschen Behörden den Eindruck erwecke, als wünschten sie gewisse über­nommene Verpflichtungen in Frage zu stellen. Die alliierten Vertreter, einschließlich der bel­gischen und italienischen, wollten nicht zulassen, daß die Polizeistreitlräste im Deutschen Reiche fo verteilt würden, daß sie wirksame Deckungs­truppen für die westliche und östliche Grenze seien. Das sei ein Hauptpunkt, über den ver­handelt werden müsse. Die Kontrollkommission werde Berlin nicht verlassen können, solange der deutsche Widerstand sich zeige, und es scheine, daß der Aufenthalt sich schließlich deshalb ver­längere. weil Deutschland keine Eile zeige, die Verpflichtungen in die Praxis uinju» fetzen, über die die Sachverständigen und das Militärkomitee von Versailles in dieser Frage in Paris grundsätzlich übereingekommen seien.

Lieber die zweite Frage, den

Aebergang der Kontrolle auf den Völkerbund, habe bereits ein Meinungsaustausch zwischen den Alliierten stattgefunden. 1924 habe der Völker­bund bereits ein System aus gearbeitet, gegen das Deutschland allerdings protestiert habe. Das Reich habe zwar Artikel 213 des Versailler Vertrages angenommen, aber damals sei vvn einer Zulassung Deutschlands zum Völkerbund noch nicht die Rede gewesen, und dieser Artikel enthalte ein System, bas aus Deutschland anwend­bar sei, ohne daß es Mitglied des Völkerbundes sei. Die alliierten "Regierungen würden also diese Frage, über die sie sich in London und Paris unterhalten hätten, zu regeln haben. Was schließ­lich die dritte Frage anlange, so erwähnt Havas den Protest des deutschen Botschaf­ters in London Sthamer und schreibt, vor dem 15. Rovember seien tatsächlich in der zweiten und dritten Zone nur 65 000 Mann gewesen. Wenn man sich also strikte an die These halten wolle, köirne es sich

um eine Herabsetzung von nur 10 000 Mann handeln. Außerdem fei noch zu erwähnen, daß die Alliierten hinsichtlich der Zahl der Bc° fahungstruppen durch keinen Vertrag ge­bunden seien, und daß sie sie erhöhen oder herabsetzen tonnten. Deshalb sei es möglich, daß man die deutschen Einwände in Betracht ziehe. Aber das sei nur eine einfache Voraussetzung, denn man könne weder in London noch in Paris zugeben, daß es wichtig fei, dieser Frage eine sehr baldige Lösung zu geben. Die französische, englische und belgische Regierung hätten sich endgültig über die Verteilung von 7 5 0 0 0 Mann geeinigt. Für den Augen­blick bleibe man darauf bestehen. Llebrigens sei es sehr wahrscheinlich, daß man erst die "Rück­kehr Chamberlains abwarten werde, um diese Frage zugleich mit den zwei anderen Fragen frühestens Anfang Februar, also in etwa 14 2 a- gen, zu behandeln.

Hierzu erfährt die Telegraphen-Tlnion von unterrichteter Seite folgendes: Die Be­hauptung, daß die Desahungssmächte sich endgül­tig über die 75 000 Mann geeinigt hätten, trifft nicht zu, zumal der Havasvertreter selbst erklärt, daß diese Frage erst noch auf der Durchreise Chamberlains zwischen dem englischen Außen­minister und Briand besprochen wird. Ein Be­schluß der Botschafterkonferenz liegt bis jetzt nicht vor und es ist noch nicht einmal sicher, ob überhaupt die Rachricht über die Entschließung des Unterausschusses zutrifft. Auch £>ic Verhandlungen, die durch die Vor­stellungen cingeleitet sind, die die deutschen Ver­treter in den drei Hauptstädten in der stärksten Form erhoben haben, sind rwch nicht abgeschlossen.

Bisher ist die Zusage gegeben worden, daß am 1. April eine Herabsetzung um 5000 Mann eintritt, und daß das Kontingent der ver­heirateten Unteroffiziere von - auf 1 ; herabgesetzt wird. Die deutsche Regierung gibt sich aber mit dieser Zusage nicht zu­frieden.

Wenn Havas behauptet, Deutschlaird habe in der zweiten und dritten Zone im Frieden selbst 65 000 Mann unterhalten, so wird im Gegensatz zum Versailler Vertrag das Saargebiet mit eingerechnet, ein Versuch, den sich die Reichsregierung nichtgefallenlassen wird. Zu der Behauptung von Havas, daß die Alliier­ten sich nicht vertraglich zur Herabsetzung der Besatzung verpflichtet hätten, ist darauf hinzu- toeifen, daß in der von Herrn Briand unter­zeichneten "Rote der Botschafterkonfe- renz vom 16. November 1925 ausdrücklich ver­sprochen worden ist, daßdie Stärke der De-

Die sechswöchige Regierungskrise ist endlich dank der energischen Initiative des Reichs­kanzlers Dr. Luther, vor allem aber auch durch den warmen und überzeugenden Appell des Reichspräsidenten von Hinden­burg ßunmehr beendet. Seit den Oktobertagen drückte mit täglich wachsender Schwere der Alp ungewisser Entscheidung über die neue Zu­sammensetzung der Reichsregierung, mit einem Aufatmen der Befreiung wird die deutsche^ Ge­samtheit die gewonnene Gewißheit begrüßen. Reichspräsident von Hindenbur g hat sich in jeder einzelnen Phase der Krise mit einer beispiellosen Peinlichkeit an die Vorschriften der Reichsverfassung gehalten und alle nur sich irgendwie ergebenden Möglichkeiten des Parla­mentarismus bis zur Beendigung der Krise aus- zufchöpfen versucht. Er ist bis zu dem Augenblick in den Hintergrund getreten, als durch das Wiederauftauchen neuer parteilicher und persön­licher Gegensätze die Kabinettskrise zu einer Staatskrise sich auszuwachsen drohte. Sein vaterländischer Appell in der entscheidenden Stunde stellte einen notwendigen und staats­männischen Schritt dar, der zur Wahrung der bereits gefährdeten Staatsautorität getan werden mußte. Ein Versagen der Vertreter der Reichs­tagsfraktionen in diesem Augenblick hätte zugleich bewiesen, daß die gegenwärtige Art des parla­mentarischen Regimes in Deutschland unhaltbar geworden ist. Es spricht für die verantwortungs­volle Objektivität des demokratischen Partei­führers Koch, daß er zunächst mit der Erklä­rung, an seiner Person dürfe die Regierungs­bildung nicht scheitern, die Bahn für die weiteren Verhandlungen frei gab und alsdann bei der schwankenden Haltung der Demokraten mit dem Gewicht seiner Stimme den Ausschlag für das Zustandekymmen des neuen Kabinetts herbei­geführt hat.

Es ist vielleicht in dieser Stunde, in der die neue Regierung ihre Arbeit aufnimmt, ange­bracht, eine Erörterung der Frage über die Schuld der einzelnen Beteiligten an der unge­heuerlichen Verschleppung der Regienmgskrise zurüetzustellen. Gilt es doch vor allem die seit Oktober aufgerührten Leidenschaften wieder zu beruhigen, den parteipolitischen Kampf einiger­maßen zu entgiften und über das Trennende neue Drücken zu einer fruchtbaren Gemein­schaftsarbeit zu schlagen. Manches Unheil muß durch einmütiges Handeln wieder gut gemacht werden. Rur fo vermögen die neuen verant­wortlichen Leiter der Regierung zufammen mit den maßgebenden Ministern, die aus dem frü­heren Kabinett übernommen sind, die für die Lösung schwerster Aufgaben notwendige Kraft aufzubringen. Gewiß war in der Zwischenzeit auch auf dem Gebiet der auswärtigen Politik fein eigentlicher Stillstand eingetreten, aber in­folge der bestehenden Unsichwheit über die Zu­kunft des neuen Reichskurses sowie durch das Ucberwiegen der inneren Schwierigkeiten und Interefsenkämpfe mangelte d r Behauptung des deutschen Standpunkts gegenüber unteren Geg­nern die genügende Festigkeit, fehlte auch andererseits das notwendige Mitgehen und Mit- vcrstehen für die großen deutschen Belange un­serer im Zeichen des Interregnums flehenden Volksgesamtheit.

Auf den wichtigsten Plätzen des neuen Kabi­netts stehen die beiden Männer der vorigen Re­gierung, die in den Tagen von Locarno die Führung der Pakt-Politik entschlossen in die Hand nahmen und gewillt waren, als Bürgen für die zielbewuhte Auswertung dieser neuen Entwicklung einzutreten. Es besteht allgemein Uebereinstimmung darüber, wie sie auch in den Erklärungen der verschiedenen Parteien in der Aussprache des Auswärtigen Ausschusses her- vorgetreten ist, daßLocarno" nur einen Anfang" dar stellen darf, und daß der weiteren Linienführung nur das eine Ziel gesetzt werden darf, die mit der Pakt-Politik begründete Hoffnung unseres Volkes nach einer Erleich­terung feiner aus der Versailler Zwangsfesse- lung sich ergebenden unerträglichen Lage zu er­füllen. "Beide Männer, der Reichskanzler Dr. Luther sowie der Außenminister Dr. S t r e s e- mann, haben durch ihre bisherige Zusammen­arbeit den Willen bekundet, die Politik der näch­sten deutschen Zukunft in dieser Richtung auszu­gestalten. Sie werden die Zustimmung weitester Kreise der deutschen Volksgesamtheit und ihrer überwiegenden Mehrheit gewiß sein fönnen, wenn sie auf diesen: Boden die neue Regierung auf- bauen. Gleichzeitig wissen auch die maßgebenden Persönlichkeiten auf der Gegenseite, daß sie Staatsmännern gegenüberstehen, die ohne Ab­

satzungstruppen erheblich herabgesetzt werden soll". Auf diesen in feierlicher Form ge­gebenen Versprechungen fußen die von der Reichs­regierung cingeleiteten Verhandlungen. Es wird damit gerechnet, daß sie in den nächsten Tagen noch stärker in Fluß kommen, da der französische und englische Botschafter wieder in Berlin ein­getroffen sind. Lord d'Abernon allerdings ist tm Augenblick noch durch eine leichte Erkrankung verhindert. Daß diese Frage im Auswärtigen Amt augenblicklich besonders eindringlich behan­delt wird, geht daraus hervor, daß der Reichs­kommissar für die besetzten Gebiete, Baron Langwerthvon Simmern, heute und mor­gen zu Besprechungen in "Berlin weilt. Die Desahungsfrage wird auch in der Regie­rungserklärung, die der Kanzler am

irren von der eingeschlagenen Grundrichtung mit ihrer Persönlichkeit die ehrliche, aber auch ent­schlossene Durchführung des Verständigungspro­gramms garantieren. Gerade in diesen Tagen dürfte das Eintreten der Reichsregierung für die Interessen des besetzten Gebietes, wie sie im Auswärtigen Ausschuß gegen die unfaire Verlängerung der Besatzung und in dem in London überreichten Protest gegen die übermäßige Stärke der Be­satz ungsarmee zum Ausdruck gelangte, den Eindruck im Gegenlager hinterlassen haben, daß jeder Beeinträchtigung Deutschlands mit ent­schiedener Abwehr begegnet wird und daß un­sachliche Methoden der Gegenkontrahenten auch jetzt noch den Eintritt Deutschlands in den Völker­bund in Frage stellen können.

Die Auswahl der Persönlichkeiten, die dem neuen Reichskabinett angehören, dürfte letzten Endes, selbst bei so mancher Kritik, die man gegenüber der bisherigen Einstellung des einen oder des anderen Regierungsmitgliedes geltend machen könnte, doch seine Arbeitsfähigkeit ge­währleisten. Zur grundsätzlichen Opposition er­geben sich jedenfalls für die außenstehenden Par­teien keine hinreichend sachlichen Gründe. Die Mittellinie für die innere Politik, insbesondere auch die realen Anforderungen der Wirtschafts­politik muß unter allen Umständen eingehalten werden. Von dieser Voraussetzung dürste auch die Regierungserklärung ausgehen, deren Inhalt man ja erst am nächsten Dienstag kennen lernen wird.

Die Ernennung Dr. Luthers.

Berlin, 20. Jan. (Wolff.) Amtlich. Der Herr Reichspräsident hat den Reichs­kanzler Dr. Luther in feinem Amte neu be­tätigt und auf feinen Vorschlag die Reichsmini- tcrien in der schon gestern mitgeteilten weise be- elzt. Mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Reichsminlsters für Ernährung und Landwirtschaft ist vorläufig Reichskanzler Dr. Luther beauftragt worden. Dem bisherigen Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft Grafen Kan hat der Herr Reichspräsi­dent anläfjlid) seines Ausscheidens aus der Reichs­regierung in einem Schreiben im Kamen des Reichs herzlichen Dank und aufrichtige Anerken­nung für die großen Dienste ausgesprochen, die Graf Kanih in seiner Tätigkeit als Minister dem Vaterlande geleistet hat. Er könne mit dem Bewußt­sein aus dem Amte scheiden, daß fein wirken für die Landwirtschaft wie für das ganze deutsche Volk von Ruhen und Vorteil gewesen sei. wie das Berliner Tageblatt" erfährt, soll die Absicht be­stehen. dem Zenlrumsabgeordnelen Dr. p e r H - f i u 5 den poften des Reichsernährungsminisiers anzubieten. Dr. perlitius ist Landwirtschaftslehrer in Schlesien und war im Sommer v. 3. der Vor­sitzende des handelspolitischen Ausschusses, in dem die Zollvorlage beraten wurde. Rach anderen Quel­len soll Dr. perlitius abgelehnt haben und das Zentrum nunmehr beabsichtigen, den Relchstagsabg. Blum (Krefeld), der praktischer Landwirt ist, für den poften des Ernährungsministers in Vorschlag zu bringen.

Das neue Reichskabinett wird zu seiner ersten Sitzung erst am Donnerstagabend zusammenireien, da Amanzminisler Dr. Rein­hold am Donnerstag noch im Sächsischen Landtag den Etat vertreten will und auch noch einiger Tage für die Uebetgabe der Amtsgeschäfte bedarf. Der Aeltesienrat des Reichstags hat verein­bart, daß die Entgegennahme der Pro­grammerklärung der neuen Regierung auf die Tagesordnung der Plenarsitzung vom Biens- t a g nächster Woche gesetzt werden soll. 3n den Tagen bis dahin soll die dritte Lesung des Reichs­haushaltsplanes für 1925 erledigt werden. 3m Reichstag haben die Fraktionen, die nicht zur Koalition der Mitte gehören, zu dem neuen Kabinett noch keine Stellung genommen. Es hat aber bereits ein Meinungsaustausch ftattgefunden, aus dem hervorzugehen scheint, daß die Beutfd)- nationalen und auch die Sozialdemo­kraten, foroie die wirtschaftliche Ver­einigung nicht von vornherein dem neuen Ka­binett grundsätzliche Opposition machen werden. Biese Parteien werden erst die Regierungseiklci- rung abwarten und dann ihre Stellung feft- legen. Am Bienstag soll nur die Erklärung Dr. Lu­thers angenommen werden. Darauf wird sich dcr Reichstag vertagen, um den Fraktionen Gelegen­heit zu geben, sich mit der Regierungserklärung zu beschäftigen. Die Kommunisten und völ­kischen stehen natürlich dem Kabinett Luther ab­lehnend gegenüber.

Dienstag im Reichstag Vorträgen wird, eine er­hebliche Rolle spielen, um die Alliierten darauf aufmerffam zu machen, daß Deutschland auf die Einhaltung der Versprechungen den größten Rachdruck legt.

Der Zollschimmel im Saargebiet.

Eine Frau aus dem Saargebiet hatte in Zweibrücken vor einigen Tagen zu Geschenk- zwecken drei Puppen im Werte von 80 Pfennig eingekauft. Bei der Zollkontrolle in Einöd ver­langten die Saarzöllner von ihr einen Ein­fuhrzoll von 60 Franken gleich 10 Mark. Rach deutschen Zollgebühren wären etwa 15 Pfennig als Zoll zu enttichten gewesen. Die Frau verzichtete unter diesen Umständen auf die Mitnahme der Puppen.

Gegen die llriegsschuidiuge.

($ine Erklärung britischer (Geistesarbeiter.

Berlin, 20. Ian. (TU.) Die englische poli­tische MonatsschriftForeign Affairs" vrröfscnt- licht in ihrer Ianuarnummer unter d r Ueber- schrift:Eine britische Mahnung an das Gewissen" folgeni. :n von Professor Gil­bert Murray in Oxford eingesandten Brief:

Tief bewegt von der von über hundert her­vorragenden französischen Männern und Frauen unterzeichneten Kundgebung, die am Q. Iwni 1925 in der L'Ere Rouvellr veröffentlicht tourbe. er­klären wir, die unterzeichneten britischen Bür­ger, unser herzliches Einverständnis mit dem Vorschlag,

den Vertrag von Versailles In zwei Punkten zu ändern:

1. Artikel 231 schreibt den Urfprung des Krieges einfach demAngriff Deutschlands und seiner Verbündeten"' zu. Ohne hier eine Ansicht über die Politik der früheren Kaiserlich- Deutschen Regierung auszusprechen oder irgend eine früher von uns ausgesprochene Ansicht zu widerrufen, halten wir es für einen unge­eigneten und gefährlichen Präze­denzfall, daß die Sieger in einem Kriege auf solche Weise über die Besiegten ein Urteil fällen. Wenn solch ein Urteil irgendwelche gesetzliche oder sittliche Geltung haben soll, so müßte es nach sorgfälttger Untersuchung aller Beweis- grüirde von einem unparteiischen Ge­richtshof verkündet werden.

2. In den Artikeln 227 und 230, welchr-Ber- gehen gegenInternationale Sitte und dir Heiligkeit der Verträge" oder dieVerletzung von Kriegsrecht und Kriegsbrauch" betreffen, wird bestimmt, daß Deutsche, die sich solcher Verbrechen schuldig gemacht haben, von Ge­richtshöfen verhört und abgeurteilt werden, die von ihren Feinden einge­setzt sind: aber es ist keine Desttmmung ge­troffen, sei es für die Schaffung eines unab­hängigen Gerichtshofes, fei es für die Unter­suchung und Bestrafung von nichtdeutfchen Verbrechern. Die Ungerechtigkett, die darin liegt, ist unbestreitbar.

Wir betrachten diese Artikel, die einem be­fugten Volk unter den furchtbarsten Dro­hungen auferlegt wurden, als den Ausdruck einer Geistesverfasfung bei den alliierten und assoziierten Mächten, die jetzt zum größten Teil überwunden ist. Wir glauben, daß sie offenbar unrecht sind und ein ernstes Hindernis für internationale Verständigung bilden.

Deshalb richten wir das dringende Ersuchen ait die betreffenden Regierungen, diese Artikel ent­weder unverzüglich zu ändern, oder, wenn eine Aenderung des Vertrages sich als ein zu langes und umständliches Verfahren erweisen sollte, gesonderte Erklärungen zu er­lassen, daß sie diese Artikel nicht mehr beachten wollen."..

Der Brief ist unterzeichnet von über ,0 Man­nern und Frauen, die im öffentlichen Leben Großbritanniens, in Kirche, Wissenschaft. Litera­tur und Kunst eine Rolle spielen, u. a. von Pro- . fefsor Raymond Beazley, Crnold Dennet, Mar­garet Dondfield, H. R. Brailsford, Lady Court- ney of Penwith, G. Lowes Dickinson, Ioan Mary Fry, G. P. Gooch, Herausgeber der Akten- publikatton des britischen Auswärtigen Amtes. Professor C. H. Herford, Sir Charles Hob- house, W. R. Inge, Iohn Maynard Keynes, Bertrand Russell, G. Bernhard Shaw, H. G. Wells, Israel Zangwill, Bischof Charles Gore sowie von den Bischöfen von Birmingham und Manchester.

Dor der Räumung Bonns.

Bonn, 20. Ian. (Wolff.) Wie aus Köln gemeldet wird, scheint die Räumung Bonns und der umliegenden Orte durch die Franzosen unmittelbar bevorzustehen. In Bonn selbst wird mit der Rückgabe der beschlagnahmten öffentlichen Gebäude noch in dieser Woche ge­rechnet. Die Kasernen sind bis auf die Abwick- lungsstellen geräumt Beuel, das mit 83 fran­zösischen Familien und ungefähr 80 Mann Tank- truppen belegt war, ist seit gestern von der Be­satzung vollständig geräumt. Godesberg, wo von den in der vorigen Woche abgezogenen fran­zösischen Truppen ein Aufräumungskommando zurückgelassen worden war, ist nun ebenfalls von den Franzosen vollständig geräumt. In Sieg - bürg wird heute nachmittag 5 Uhr die fran­zösische Flagge in Anwesenheit einer Kavallerie­abteilung aus Bonn vom Kommandeurgebäude niedergeholt. Die Truphen des HO. Infanterie­regiments verlassen die Stadt heute abend sechs Uhr und werden unmittelbar nach Frankreich be­fördert. Rach dem Abzug des 110. Infanterieregi­ments wird ein Kommando von einem Offizier und vierzig Jägern einquartiert werden. Auch Troisdorf ist von den Franzosen bis auf eine Familie geräumt word:n, die aber ebenfalls bald nach Frankreich zurückkehreii wird.

Die Pariser Presse zum neuen Kabinett Luther.

Paris, 20. Ian. <WTB.) Die Abendpresse beurteilt das neue Kabinett Luther wie folgt: DerT e rn ps" schreibt: Das neue Kabinett bietet wenig Garantien für eine klare, bestimmte, neue deutsche Politik. Man muß befürchte-n, daß inner- politisch ein Abrücken nach rechts immer deutlicher wird. Der Mißerfolg bei der Bildung der Großen Koalition und die Bildung des Kabinetts Luther unter den gegenwärtigen Umständen enthält