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Nr. 272 Drittes Blatt

Grünanlagen in den Städten.

lieber diele bedeutsame stadl bauliche Frage, die auch für Gießen bei der Aufstellung des neuen Generalbe - bauungsplans betontere Wichtigkeit haben wird, äußert sich Stadtbaurat Paul Wolf (Dresden) in der Zeitschrift Der- lehr und Dädec" der Aeichszentvale für Deutsche Begehrs Werbung in sehr inter­essanter Wei e. Die Darlegungen Wol s, der ein namhaster Fachmann auf dem Ge- biete des Städtebaues ist, herbienen ernste Beachtung

Die stürmische Entwicklung der deutschen Städte zwischen Reichsgründung und Weltkrieg führte zu einem verhängnisvollen Anwach en von Stadtgebilden, deren Fehler in techm'cher, g<> fundheitlicher und künstlerischer Hinsicht uns noch auf lange hinaus vor eine Hülle schwerwiegender Probleme stellen. 3n gesundheitlicher Hinsicht ist es neben dem Zusammenballen grober Men- kchenmassen in engen und dumpfen Wohnungen, Baublöcken und Wohnvierteln in erster Linie der Mangel an grünen Freiflächen! in genügendem Umfange, der zu den schweren Schädigungen geführt hat, die aus der Statistik der Städte mit erschreckender Deutlichkeit zu uns sprechen.

Wenn die Städtebauer heute damit beschäftigt sind, durch Bebauungsplan-Maßnahmen dafür zu sorgen, daß in der Zukunft, soweit noch möglich, in den bereits bebauten Stadtteilen die Fehler der vergangenen Jahrzehnte zu einem Teile wieder erträglich gestaltet 'werden und in den neuen Stadterweiterungsgebieten die künf­tige Bebauung sich in technischer, gesundheit­licher und künstlerischer Hinsicht in neuen, besseren Dahnen vollzieht, so spielen habet die Fragen der öffentlichen Grünflächen eine ganz besondere Rolle.

Ein heutiger Bebauungsplan hat fünf ver­schiedene Arten von grünen Freiflächen zu um- terscheiden: Crholungsparkanlagen, Spiel- und Sportplätze, Stodtwalder, als Daueranlagen sestzusetzende Kleingärten und verbindende Grün­streifen, die alle die'e verschiedenen Arten von Grünflächen unter sich, mit den einzelnen Wohn- unb 3nbuftriequartieren und mit der Peripherie der Städte verbinden. Alle diese verschiedenen Arten von Grünflächen müssen schließlich den gesamten Organismus einer Stadt als zusammen­hängendes Retz, wie die Adern den mensch­lichen Körper, durchdringen. Ihre Funktion ist eine doppelte: Einmal sollen diese Grünflächen Lungen bilden für die Städte, zum anderem liegt ihr Wert darin, dah der Mensch sich in ihnen bewegt, dah er nach der körper­lichen und geistigen Arbeit seines Berufes in ihnen einen Ausgleich findet. 3n solchen Städ­ten wird bann letzten Endes ein neues, gesundes und starkes Geschlecht heranwachsen, das anders, besser geartet sein wird, als der heutige Städter. Es ist bezeichnend, dah dasjenige Land, in wel­chem die Zusammenballung von Menschenmassen am meisten vorgeschritten ist, nämlich die Ber­einigten Staaten von Rvrdamerika heute riesenhafte Summen ausgibt zur Schaffung eines ausgedehnten Rehes von öffentlichen Grün­flächen aller Art, besonders In den Grohstädten. Die Statistik der amerikanischen Städte lehrt aber auch, dah in Stadtteilen, In denen die meisten öffentlichen Grünflächen vorhanden sind, nicht allein die S t e r b l i ch k e i ts z ilf f e r am ge­ringsten ist sondern dah tzprt auch die Zahl der K r i m t n a l f ä l l e ein geringstes Mah dar- stcllt. Ganz von selbst wird schliehlich aber auch die Entwicklung dahingehen, dah die Städte, welche eine zielbewuhte Grünflächenpolittk er­folgreich durchführen, im Laufe der Zeit die stärkste Anziehungskraft auf den Fremden­verkehr nudfbe। werden Schon v:r dem Kriege konnte man die Beobachtung machen, dah die- jertigen Städte, die sich eines besonders glücklichen Besitzes von Parkanlagen erfreuten, den Frem­denverkehr des 3n- und Auslandes am stärksten angezogen haben. Dah auch für die Bade­orte das Vorhandensein möglichst ausgedehnter öffentlicher Grünflächen von ausschlaggebender Bedeutung ist, ist so selbstverständlich, dah man darüber eigentlich nicht viel Worte zu >vev- lieren brauchte, wenn nicht die bedauerliche Tat­

Samstag, 20. November 1926

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

fache zu verzeichnen wäre, dah es Städte gibt, die, um eines augenblicklichen Dorteils willen, ernst­haft daran gehen wollen, vorhandene öffentliche Grünflächen zu opfern.

Erholungspartanlagen sind in den Städten in erster Linie im Innern von Wohnvierteln anzulegen, ent, ernt vom Staub und Lärm der Derkehrsstrahen, in den Badeorten vor allem in unmittelbarer Verbin­dung mit den Badeanlagen. Städte, die in der glüLichen Lage sich befinden, historische Garten­schöpsungen in ihrem Innern bis auf unsere Zeit sich überliefert zu haben, dürfen die Mittel nicht scheuen, diese Anlagen auch dauernd so zu unter­halten, dah sowohl ihre eigenen Einwohner als auch die Fremden, die die Stadt besuchen, sich mit Macht hingezogen fühlen zu diesen über­lebenden Zeugen vergangener Jahrhunderte. Sind solche Parkanlagen aber entstanden in einer Zeit I des Tiefstandes unserer Stadtbaukunst, sind sie | unzweckmäßig und auch in künstlerischer Hin­sicht nicht befriedigend angelegt, so sollte man nicht säumen, durch berufene Künstler und Fach­männer unter schonendster Erhaltung des vor­handenen Baumbestandes, diese öffentlichen Gartenanlagen einer Umgestaltung zu unterziehen, die meist leine allzu hohen Kosten verursacht, als Rotstand^arbeit mit Mitteln der produktiven Erwerbslosensürsorge geeignet ist und in den meisten Fällen eine überraschend gute Wirkung ergeben wird. In Städten mit Frem­denverkehr sollte man in Zukunft auch weit mehr als seither darauf sehen, dah Hotels und Pensionen nicht nur in der Rähe der Bahn­höfe, sondern auch in unmittelbarer Verbindung mit öffentlichen Parkanlagen entstehen. Sowohl bei der Schaffung hon Erholungsparkanlagen als auch von öffentlichen Spiel- und Sportplätzen einer Stadt ist auf eine plan­mäßige Dezentralisation Bedacht zu neh- me|L Oeffentliche Spiel- und Sportplätze können auch im Rahmen größerer Erholungsplanlagen zu zweckmäßigen und in künstlerischer Hinsicht wirkungsvollen Lösungen führen, oder sie können als selbständige Gebilde in organischer, städte­baulicher Verbindung mit Wohnvierteln angelegt, oder in Verbindung mit öffentlichen Gebäuden, insbesondere Schulen, als einheitliche Dominanten geschaffen werden.

Stadtwälder werden heute im Bereiche der Städte nur in ganz seltenen Fällen neu angelegt werden können. Um so mehr aber erwächst den Städten die Pflicht, innerhalb ihres Weichbildes, oder im unmittelbaren Anschluß an dasselbe vorhandene Wälder mit allen Mitteln zu erhalten oder zweckmäßig auszugestalten und da, wo diese Wälder noch in privatem Besitz sich blinden, in die öffentliche Hand zu bringen. Unter allen Umständen aber muß es vermieden werden, daß Erholungsparkanlagen oder Stadt­wälder heute einer Bebauung zum Opfer fallen, wenn irgendwie für eine notwendige Bebauung anderweitig Platz vorhanden ist. Bieten die landesgeseylichen Bestimmungen schon eine Hand­habe, um zu verhindern, daß private Grün- bestände von besonderer Bedeutung einer Be­bauung zum Opfer fallen, so muh es um so mehr Ehrenpflicht jeder Gemeindeverwaltung fein, das kostbare Gut einer öffentlichen Grünfläche dauernd zu sichern und auf spätere Geschlechter weiter­zuvererben.

Die Frage der Dauer- und Klein­gärten soll im Rahmen dieser Ausführungen nur kurz gestreift werden. Die Kleingartendewe- gung hat in Deutschland nach dem Kriege außer­ordentlich an Boden gewonnen, ihr hoher Wert in gesundheitlicher und ethischer Beziehung ist in Deutschland leider erst spät erkannt worden. Wie bei uns die Spiel- und Sportplätze meist auf provisorischem, für Bauland bestimmten Gelände angelegt worden sind und mit fortschreitender Be­bauung immer weiter nach der Peripherie der Städte verlegt wurden, so auch die Kleingarten­anlagen. Die Anwirtschaftlichkeit eines solchen Vorgehens und der Arnstand, daß dann die Spiel- unb Sportplätze, tote die Kleingärten, immer weiter von den zugehörigen Wohnungen entfernt werden, führte nach dem Kriege zu dem Be­streben, diese Anlagen auf dauernd von der Be­bauung frei zu haltendem Gelände anzulegen. And wie immer mehr es gelingt, Spiel- und Sport­plätze als künstlerisch wirkungsvolle Grünanlagen

zu gestalten, so wird es auch in Zukunft gelingen, zusammenhängend: ®aucrl.cingart;nanlag:n zu Gebilden zu machen, die sich als charakteristische Grünflächen, in Verbindung gebracht mit zusam­menhängenden Promenadenstrahen. dem Gesamt- Organismus der Wohn- und Siedlungsgebiete reizvoll einfügen.

Alle diese öffentlichen Grünanlagen erhalten aber erst bann ihren vollen Wert, wenn sie unter sich und mit den einzelnen Stadtteilen, vor allem aber mit den Wäldern und Auen und den Wan- derzielen an der Peripher, c der Städte durch ver­bindende Grünstreifen in Zusammen­hang gebracht werden. Diese verbinden­den Grünstreifen können wenn es an Platz und Geldmitteln fehlt als einfache Prome­naden angelegt, ober sie können als breitere, mit ErholungsParks und Spielplätzen durchsetzte An­lagen auögebilbet werden.

Ein idealer Stadtplan müßte eigent­lich solche Promenaden und verbindende Grün­streifen enthalten, die ausgeh mb von ben Der- kehrszentren, insbesondere den Bahnhöfen nach den einzelnen Geschäfts-, Wohn- und Industrie­vierteln führen, die in den einzelnen Stadtteilen vorhandenen öffentlichen Grünanlagen verbinden und toeiterteilen nach ben landschaftlich charak­teristischen, als Ausflugsziele besonders besuchten Punkten in der Umgebung des Ortes.

Schon Aristoteles hat gefordert, daß die Städte so gebaut fein müffen, daß die Menschen sich darin nicht nur sicher, sondern auch glücklich fühlen können. Zu diesem Glück aber gehört nicht zuletzt die ständige Berührung .mit der Mutter Erde, mit der ewig neues Leben spendenden Ra- tur. DerAntäus"-Gedanke erscheint für uns Deutsche heute angesichts der Auswirkungen des Weltkrieges auf die Gesundheit und die sittliche Kraft unseres Volkes in ganz besonderem Lichte. Die Ausgabe der Stadtverwaltungen vor allem wird es sein, durch eine zielbewuhte ©rün- slächenpolitik dafür fo sorgen, daß die ver­lorengegangene Derbindung des Städters mit der Ratur in Zukunft wiederhergestellt wird und daß -auch unsere Städte wieder werden: zweck­mäßig, gesund und schön.

Oderhefsen.

Landkreis Gictzen.

tz> Alten-Duseck, 19. Rov. Die Zi- garren-undTabakfabrirenH. Kling- s p o r G. m. b. H. - G i e h e n haben hier eine Z i - garrenfabrif eröffnet, bie zunächst mit einer beschränkten Anzahl Arbeiter Im Be­trieb ist.

: Beuern, 19. Rov. Der Gemeinbe- r a t beschäftigte sich in seiner jüngsten Sitzung u. a. mit dem Plan bet Pflanzung einer Kirschenplan-tage. Die Gemeinde besitzt ein Grundstück auf dem Steinerberg. Da sich diese Lage für Kirschen eignet, und dieses Obst hier seither kaum gezogen wurde, will die Gemeinde durch Pflanzung von etwa 60 bis 80 Bäumen nun ben Anfang machen. Es sollen in biesem Herbst noch 25 Däumchen gepflanzt toerben, der Rest im nächsten Frühjahr. Die Daumlöcher sollen gesprengt werden, damit der felsige Untergrunb gelodert und ben Wurzeln Ausdehnungsmöglich­keit gegeben wird. Die Frage der Schaffung eines Sportplatzes hat ihre Erledigung noch nicht gefunden. Die hierzu ursprünglich be­stimmten Pfarrwiefen in der TAnselbach liegen etwas feucht, so daß dort die ^ Ausübung des Sportes nur in den wenigen trockenen Sommer­wochen erfolgen könnte. Ein weiterer Vorschlag, einige Privatwiesen am Krebswalb anzukaufen übrigens ein schattiger, von drei Seiten mit Wald umstandener Platz konnte ebenfalls wegen feuchter Lage keinen rechten Anklang fin­den. Schließlich wurde von dem Besitzer einer Wiese (Mönchwiese) vorgeschlagen, den Platz hier anzulegen, und zwar durch Anlauf von zwei bis drei Stücken Landes. Da dies ein sehr schöner und ebener, allerdings auch teurer Boden ist, soll der Angelegenheit demnächst nähergetreten werden. Am kommenden Montag sollen die Holzfällerarbeiten im hiesigen Gemeinde­wald beginnen. Dis jetzt haben sich 38 Mann hierzu gemeldet.

* Lang-Göns, 19. Rov. Vom 29. Rov. ab hält Missionsmspektor Pfarrer Held- Wies­

baden in hiesiger Gemeinde Evangelisation durch bie ganze Woche. 3m vergangenen Winter hat er in Butzbach bereits mit großem Erfolg gesprochen.

t Treis a. d. Lda., 19. Rov. In der hte- sigen Kirche hielt eine Beauftragte dec Ludan- Ptonier-RIission, Frl. F a r a d s ch. Wies­baden, die im nächsten Jahre als Missionarin nach R u b i e n gehen will, um dort unter ben Mohammedanern zu wirken, einen Mission-- D o r t r a g und bat darin um Mithilfe an der Missionsarbeit.

o Oberbessingen, 19. Nov. In unserer Gegend tieibt gegenwärtig der Unfug der s o g. Kettend riese mit dein angeblichen Gebet aus Jerusalem üppige Bluten. Leider findet dieser U n sinn noch immer zahlreiche Leute, di« ihn willig mitmachen. Wer vernünftig ist. wirft diese blöden Briefe in den Papierkarb. oder in den Ofen, und gibt sich nicht dazri her, Albernheiten noch weiter zu verbreiten. Denn aus der Zeit des finsteren Aberglauben« sind wir ja nun doch heraus.

:/: Inheiden, 19. Nov. Zur Zeit wird hier mit dem Bau einer Ortskanalisation begon­nen, die sich je länger je mehr als ein dringendes Bedürfnis erwies. Deshalb alaubte die Gemeinde­verwaltung, obwohl sich der Kostenanschlag der An­lage auj rund 35 000 Mark beläuft, den Pion nicht mehr länger zurückstellen zu dürfen. Die Ausfüh­rung liegt in den Händen der Unternehmer ® n b n von hier und Becker zu Hungen. Das Rohr- material liefert die Firma Kock in Hungon. Der Bau der Kanalisierung wird den hiesigen jorolc einer größeren Anzahl auswärtiger Erwerbslosen den Winter über Beschäftigung gewähren. Während vor dem Kriege gerade in unserer Gegend für die Aus­führung ähnlicher Projekte wie Wasserleitungen und dergleichen die Arbeitskräfte oft von weither geholt werden mußten, herrscht jetzt infolge Rückganges der Braunkohlenförderung in den benachbarten Gruben Ueberanyebol an Arbeitskräften. Dies hat bereits dazu geführt, daß sich der Gemeinderat in einer Sitzung mit der Angelegenheit zu beschäftigen hatte, um zu entscheiden, von welcher der umliegen­den Ortschaften noch Arbeitslose zugelassen werden sollen.

:: Atphe , 19. Rov. Mit Beginn des Win­terhalbjahrs ist hier auch ber Kochunter- richt in ber Mäbchenfvrtbildungs- schule eingerichtet worben. An bem Anterricht nehmen auch bie Schülerinnen ber Rachbarge- meinbe Trais-Horloff teil. Außer den Pflichtschülerinnen haben sich noch fünf Mädchen zur freiwilligen Teilnahme gemelb.t. Die Küchen­einrichtung würbe in bem Schulfaale unterge­bracht, ber infolge Abbaus ber zweiten Schul­stelle freigeworben ist. Zu ben sachlichen Kosten der Einrichtung trägt auch bie Gemeinde Trais« Horloff bei. Der Unterricht wird von Fräuleia Becker aus Ridda erteilt, die auch in LangS» dorf und Dettenhausen den Hauswirtschafts­unterricht leitet. Dieser Tage verliehen bie meisten polnischen landwirtschaft­lichen S,aisonar beiter und -ardeiterinneir bas hiesige Hofgut, um ben Winter in ihrer Heimat zu verbringen. Rur Drei blieben zurück. Infolgedessen beschäfttgt das Hofgut seit einigen Tagen eine Anzahl hiesiger Erwerbsloser mit landwirtschaftlichen Herbst arbeiten.

Kreis Friedberg.

sf. Friedberg, 19. Nov. Heute nachmittag wurde in der großen Reitballe der Berakaserne die 3 0. Iubiläums-Geflügelausstellung, verbunden mit der Kreisausstellung des Landwirt­schaftsausschusses, eröffnet. Die Ausstellung, auf die wir noch kurz zurückkommen werden, ist überaus reichlich und mit vorzüglichem Material beschickt: über 1000 Tiere ber verschiedenen Geflügelarten sind in den verschiedensten Arten vertreten. Der Bor­sitzende des hiesigen Geflügelzuchtvereins, Kaufmann Horn, begrüßte in seiner Ansprache die Vertreter der Regierung, ber Landwirtschaftskammer, ber Stabt usw. uni) bemerkte weiter, baß noch nie hier eine Ausstellung in nur annähernd gleichem Um­fange ftattgefunben habe. Im Namen des Kreis- amtes eröffnete sodann Regierungsrat Dr. Grein bie Ausstellung. Im Namen ber Lanbwirtfchafts- kammer sprach ber Vorsitzenbe für Oberhessen, Oeko- nomierat Breibenbach, Dorheim, im Namen ber Stabt Friedberg Stadtverordneter Koch, im Namen des Hessischen Geflügelzuchtvereins dessen

Das große Würfelspiel.

(Markina Dilemar.)

Roman von Franz laoer Kappus.

46 Fortsetzung. ' Nachdruck verboten

Wie hast du Martina fennengelemt?" Alles wogte wieder durcheinander. Ungeheuerlich war der Gedanke, Martina aus seinem Leden zu streichen. Die da sollte an ihre Stelle treten: unfaßbar schien es plötzlich. Wer war diese Frau, was wog ihr Dasein, in welchen Bezirken war sie daheim? Ewig schillerte sie in hundert Farben, keinen Grund hatte sie unter den Füßen. Tausend Fragen drängten auf einmal. Veraessen war, was Kreuth vordem mitten wollte. Erschrocken starrte er bie Sabukowa an.Unb nun was soll nun werden?" Der feierliche Russe mit dem Einglas wurde lebendig. Und der andere," stammelte Kreuch,ber andere, ber immer an d'ir hängt?"

Hochmütig schoben sich die Brauen der Sabu­kowa in die Stirne.

Du wirst doch fertig werden mit ihm?"

Wer ist ber Mensch?" fragte Kreuth, auf ein­mal schäumenb vor Zorn.Endlich muß ich wissen, wer ber Mensch ist!" Sonderbar, ging es ihm durch ben Kops, setzt hat sie mich wieder, jetzt ist nur sie da. Arme Martina, arme Heilige: wo bist du, wie siehst du aus? Aber seine Stimme drohte:Nun? Willst du mir endlich sagen, welche Bewandtnis es mit bem Menschen hat?"

Du," hauchte die Sabukowa,wie ich bich liebe!" Verzückt blickten ihre Augen auf Kreuch. Weiß unb starr war ihr Antlitz Schwingend stiegen die Worte aus ihrer Kehle, als sie brennend flüsterte: Unb wenn ich verlange, baß bu ihm wirklich an bie Gurgel springst? Wenn ich darauf bestehe, daß du ihn falt machst, kalt und tot?"

Ich tue e^ Maria. Ich tue es."

Beide Hände schlug die Sabukowa vor das Ge- sicht.

Sait unb tot", wiederholte sie erschauernd.

Heute, motzen wann immer du willst, Maria!"

Die Sabukowa lehnte an einem Baumstamm. Langsam sanken ihre Arme herab. Irrend strichen ihre Blicke umher.

Du Weib! schrie es in Kreuth. Eine einzige Frau gab es auf Erden. Torkelnd schwankte er auf sie zu.

Nicht" flehte die Sabukowa, die Hande vor­gestreckt. Wie im Traume sprach sie bann:Unb wenn er kalt unb tot ist: anbere werben kommen. Andere werden nach mir züngeln: mit Blicken, mit Watten, mit Gelb, mit Schmuck, mit Villen unb Schlössern am Meer. Mit allen wirst bu fertig werden?"

Mit allen, Maria. Mit allen."

Du, der Chauffeur?" lächelte die Sabukowa verloren.

,Lch, ber Chauffeur."

Die Sabukowa tat einen langen, langen Atem­zug. Wie ein Raubtier schüttelte sie den Körper, wie ein gefangenes Raubtier im Käfig.Gut/ Einen Augenblick noch ftanb sie besinnungslos. Dann flogen ihre Arme im Kreis herum.Es ist Zeit, daß wir heimfahren."

Eine Minute später braufte -bas Auto gegen Berlin.

XXXIV.

Sonne! Sonne! Sonne!

Ganz versunken ftanb Martina auf bem Bal­kon. Ein Leuchten unb Funkeln war es den Kur- fürftenbamm hinauf unb hinab. Starker Regen mußte spät am Morgen niedergegangen {ein. In kleinen, blendenden Tümpeln fpiegelte jid) das Laub ber Bäume ober ein winziges Stück Himmel. Dun­kelgrün unb schwer hingen bie Blätter an ihren Aesten. Aber schon richtete sie sich wieder auf. schon brei­teten sie sich ber Wärme entgegen. Da unb dort gligette ein letzter voller Tropfen. Stille Menschen saßen nachdenklich auf ben Bänken ber Alleen. Viele Sefunben lagen bie Fahrbämme wie ausgeftorben, bis der nächste Kraftomnibus heranpolterte unb mit leerem Derbeck vorüberzog Immer neue Wellen würzigen Erbgeruches stiegen auf und standen schwer in ber sonnendurchwirkten Luft. Fern riefen bie Glocken ber Gedächtniskirche zur Andacht.

Martina wandte sich in das Zimmer.

Die Mutter unb Lily sahen beim Frühstückstisch. Ihr erregtes Gespräch verstummte. Doch alles an

ihnen verriet freubige Stimmung. Die Armspan­gen Frau Julies flirrten an bas Porzellan. In ihrem weinroten Seidenpyjama lächette Lily ber Schwester zu.

Was gibt es benn?" fragte Martina.

Die Mutter nickte vielsagend.Eine lieber- raschung."

Unb was für eine Ueberraschung!" Kurz warf Lily ben Kopf nach rückwärts.Nun rate mal, Schwesterchen", trällerte sie in bie Lust.

Mama fährt mit nach Amerifa?" fragte Mar­tina leise.

Da seh einer!"

Lily sprang auf die Schwester zu und fußte sie überschwänglich.Ganz allein bleibst bu ba, mein Püppchen! Wie wirb benn bas sein, wenn bu so allein bist? Ja, Mama fährt mit nach Amerifa!" Sie faßte Martina beim Kinn.Wirst bu bich sehnen nach uns? Denke doch: Jahre können ver­gehen, bis wir einanber wiebersehen. Furchtbar ist bas eigentlich. Unb boch: ich mühte sterben, wenn das alles auf einmal nicht mehr wäre/ Lily rundete große, traurige Filmaugen.Wahrhaftig sterben, Martina."

Man stirbt nicht fo rasch, Lily."

Doch, doch." Einen Moment blickte Lilo die Schwester teilnahmsvoll an. Langsam ftreidjelte sie ihre Wange.Endlich in Ordnung, deine Ge­schichte?"

So gut wie in Ordnung", lächelte Martina.

Gott sei Dank." Lily schaute zur Decke, höchste Eisenbahn." Dann drehte sie sich herum und lief der Mutter in bie anderen Zimmer nach.

Ein großer Ausverkauf war beschlossen worden. So schnell wie möglich sollte alles losgeschlagen werden. Am liebsten hätte Julie bie ganze einge­richtete Wohnung in Bausch unb Bogen abge­geben. Aber bamit hatte es seinen Haken. Niemanb verfügte über genügenb Bargelb. Leute, bie im eigenen Automobil vorgefahren waren, hüstelten irritiert, wenn sie die fünfstellige Ziffer hotten. So blieb nichts übrig, als alle die Möbel, Teppiche, Lüster, Bilder und die hundert Kleinigkeiten so an den Mann zu bringen. Bis auf Martinas Zimmer mußte alles fort. Irgendwo würde Martina schon unterschlupfen. Dafür bekam sie auch ein paar

hübsche blaue Lappey in die Hand, wenn das Ge­schäft abgewickelt war. Ueberbies verblieb ihr ja der Erlös für die Wohnung. Leicht konnte sie mehrere tausend Mark Abstandsgeld erzielen, wenn sie es halbwegs geschickt anstellte.

Frau Julie war nicht engherzig.

Es wurde ein fröhlicher Ausverkauf. Kaum war bie Annonce erschienen, meldeten sich auch schon Re- fleftanten.Bitte." Jedesmal wies Julie mit der­selben Geste durch die Räume. Lächelnd sah sie $u, wie die Leute von einem Ding zum anderen trip­pelten. Ein paar Händler steckten die Köpfe zusam­men. Magere ober verduchtete Finger glitten prü­fend über die Furniere der Möbel. Frauenhände griffen reibend nach Tischdecken und Vorhängen. Kurzsichtige Augen bohrten sich in Bilder. Auf und zu klirrten die Türen der Vittmen.

Lächelnd blickte Lily auf bie Scheine in ihrer Hand hinab.Was ist bas schon", flüsterte sie der Mutter zu.Kaum ein paar Monate Amerika, wenn man alles in allem nimmt.

Julie spannte bie Schultern. War das ein Sin­ken und Klingen in ihr, ein Jubel, ein Glück! Was konnte das Leben noch bieten? Weit offen lag die Weit wieder. So juna fühlte man sich aufs neue. Alle Wege führten in Den Himmel.

Indessen schritt Martina in ihrem Zimmer auf und nieder.

Die Sonne, dachte sie, wo steckt benn bie Sonne? Frei unb froh war ihr noch vor einer Stunbe ums Herz gewesen. Alles ftanb ja felsenfest. Man durfte nicht wankelmütig werden. Heute war der Tag, an dem man Benno schreiben mußte. Durch nichts dürfte man sich davon abbringen lassen. Bis ins letzte war alles erwogen und durchdacht. Keine Ge­meinsamkeit gab es mehr zwischen ihr und Benno. Immer seltener begegnete man einander, immer scheuer sickerten die Worte, immer leerer wurden die Abschiedsphrasen. Bedurfte es noch der Probe, von ber die Sabukowa gesprochen hatte? Der Probe be» durfte es wirklich nicht. Eine kluge Frau war diese Sabukowa trotz allem. Sie kannte die Menschen und kannte Benno. Unb wenn man auch nicht gerne an sie dachte: vielleicht war es gut, daß sie ben Weg Bennos gekreuzt haft?.

Wieber ging Martina hin unb her.

iForttetzung folgt.)