Die tolle Herzogin.
Roman von Ernst Klein.
Copyright by Earl Duncker, Verlag, Berlin.
21. Fortsetzung Nachdruck verboten.
Sie ging einige Schritte auf und ab, diesen Gedanken in sich prüfend und formend. Mit angstvollen Augen hing Grace an jeder ihrer Bewegungen.
„Vielleicht geht es", sagte Gloria dann. „Auf jeden Fall must es versucht werden, denn der Vater must unter allen Umständen von jeder Sorge befreit werden, von jeder Sorge! Sowohl wegen des Dokumentes, wie deinetwegen!"
In Grace sprang sofort die Freude empor. Was die ältere Schwester kaum zu hoffen wagte, sah sie schon als getan. Sah sich schon befreit von der furchtbaren Last. Von der Qual, die sie selbst sich auferlegt hatte. Aber noch galt es, eine große Gefahr zu überwinden. Las Valdas hatte ihr versprochen, ihr die Briefe am Abend zurückzugeben. Wie sollte sie es wagen, sie sich zu holen?
Doch freier und fließender sprach sie jetzt zu Gloria.
„Als wir gestern abend von dem Ausflug zurück- kamen, trat mir in der Halle sein Chauffeur entgegen und sagte mir, sein Herr liege zu Bett und bäte mich, ihn für einen Moment zu besuchen. Schüttle nicht den Kopf, Gloria! — Ich habe nichts dabei gefunden, mich nach dem Befinden eines tranken Gastes unseres Hauses zu erkundigen. Ich ging -also hinauf ganz offen, ohne jede Geheimnistuerei. Warum auch nicht?--Er lag im Bett,
aber ich sah sofort, daß er anders war wie sonst. Er sagte mir kurz und bündig, was er von mir wollte. Den Vertrag müßte er haben, den der Vater gestern nachmittag mit den srernden Herren abgeschlossen hat. Seine ganze Karriere, seine ganze Zukunft hinge davon ab, und er setzte hinzu, er erwarte von meiner Liebe, daß ich ihm dazu verhelfe --l"
„Was? — Von deiner Liebe?"
Wie Peitschenhiebe kamen diese Worte aus Gloria. Munde, und wie unter Peitschenhieben wand sich Grace unter ihnen.
Id) habe dir ja gesagt — es war nur ein Spiel, eine Spielerei. Ich schwöre dir, nie habe ich daran gedacht —"
„Weiter, Gcace! Wenn du überhaupt an etwas gedacht hättest, säßen wir jetzt nicht hier! Die Gedankenlosigkeit ist die größte Sünde, die ein Mensch auf sich laden kann. Dein ganzes Leben war bisher Gedankenlosigkeit, — ich hoffe, du wirst nun umlernen."
Grace nickte. „Ja, idj werde umlernen. Ich habe schon umgelernt, Gloria. Aber jetzt, dieses eine Mal, laß mich nicht im Stich! Höre an! Ich traute meinen Ohren nicht, er wurde dringlich und brutal beinahe, ich habe ihm ins Gesicht gelacht. Und da — da--
da sagte er mir, es würde den Anwalt meines Mannes wohl interessieren, die Briefe zu lesen, die ich ihm geschrieben hätte. Sie lägen sein säuberlich versiegelt in seinem Schreibtische in London. Gloria, — wer hätte je geglaubt, daß ein Mann unserer Kreise solcher Schurkerei fähig wäre?!"
„Es scheint, daß dem doch so ist!" sagte Gloria trocken.
„Id) habe mid; vor ihm auf die Knie geworfen, und id) habe mich vor ihm gedemütigt! Ich weist nicht, wie sehr id; mich gedemütigt habe! Ich bot ihm meine Perlen, meinen Schmuck — da hat er nur gelacht, das Dokument wollte er — nichts als das Dokument! Ich hätte cs dennoch nicht getan, wenn er mir nicht gesagt hätte, er wollte cs nur lesen, es für sich abschreiben, weiter nichts. '2(m Morgen könnte id) es zurück haben. Dafür werde er mir heute abend die Briefe zurückstellen. Und er hat sein Wort gehalten. Id) selbst habe cs mir bei ihm geholt — leider zu spät, denn id) kam nicht mehr rechtzeitig in die Bibliothek. — — Das ist alles, Gloria."
Gloria antwortete nicht, sie überlegte. Wenn man schnell zupackte, könnte das Unglück verhütet werden! Las Valdas dürfte auf keinen Fall nad) London zurückfahren. Zunächst aber müßte das Papier, dos ihr in den Händen brannte, in die Bibliothek zurückgebracht werden--
„Komm!" sagte sie zu Grace.
„Was willst du?"
„Ick) werde mit Las Valdas reden. Komm!"
Lord Burnham saß mit Graham noch in der Bibliothek, als seine beiden Töchter vom Park her eintraten. Er hatte sich noch immer zu keinem Entschlüsse durchringen können. Wußte nod) immer nicht, was er tun sollte — dem alten Manne ging
es ebenso um die Ehre seines Hauses, wie um den schweren, geschäftlichen Verlust, der ihn durch den Diebstahl bedrohte.
So trafen ihn Gloria und Grace. Jetzt hatte er nicht einmal die Kraft, sich vor ihnen zu verstellen. Er sagte ihnen, was geschehen war. Zeigte, wie er am Morgen den geöffneten Schrank vorgestinden. Hielt ihnen das gelbe Kuvert hin--
Gloria lachte. Lachte so, daß er beinahe zornig wurde. Graham riß erstaunt die Augen auf. Grace, die sich nicht so in der Gewalt hatte, wie ihre Schwester, zitterte am ganzen Leibe und hielt sich wohlweislid) hinter Gloria. Die aber warf dem Vater die Arme um den Hals.
„Aber, Papa, ich wette, du und Graham, ihr seht nur Gespenster. Schau dir diesen Haufen Papiere an, die hier auf dem Schreibtische liegen. Ich bin überzeugt, ihr habt dann nod) nicht nachgesucht. Männer können ja überhaupt nicht suchen. Die müssen gleich alles finden."
Lord Burnham wollte sich frei machen, doch Gloria hielt ihn fest.
„Ich sage dir ja, mein Kind," rief er, „ich selbst habe das Kuvert in Gegenwart von sieben Herren in dos Kuvert gesteckt. Habe dieses Kuvert in den Schrank gelegt und ihn versperrt. Du wirft mir dock) zugeben, daß ich weiß, wie man mit diesem Schrank umgeht."
Graham nickte kräftigste Bestätigung. Doch Gloria ließ sich nicht beirren. In ihrem Innern war alles wund und weh. Doch tapfer kämpfte sie den Kampf zu Ende, um des Vaters willen —
„Du siehst doch, daß der Schrank nicht geschlossen war. Bis jetzt gibt es nur zwei Menschen, an deren Unfehlbarkeit ich glaube. Der eine ist der Papst, der andere Tante Pamela — von deiner Unfehlbarkeit, mein geliebter Papa, bin id) bei allem Respekt nicht so durchdrungen. Wenn du vor Gott, deinen Herrn, gestellt wirst, kannst du auf deiner Seele Ewigkeit schwören, daß du das Papier, das dir heute fehlt, auch wirklich in das Kuvert gesteckt hast?"
Scherxhast klang diese Frage. Ihre schönen blauen Augen lachten den Vater an. und doch hätte sie meinen mögen in diesem Augenblick.
Lord Burnham wurde unsicher. Mein Gott — es konnte immerhin möglich sein. Er hoffte es ja so gern, wäre ja so glücklich gewesen, hätte er sich
tatsächlich geirrt. Nachdenklich rieb er sich das Kinn und warf zögernde Blicke auf den getreuen Graham. Der neigte den kahlen «chädel, zog die Achseln hoch — und als Gloria auch ihn anlachte und anfunkelte, begann er ebenfalls zu zweifeln. Hof- fen--das wagte er noch nicht.
„Mylord," meinte er, „möglich ist alles. Es ging gestern etwas wild und überhastet zu. Und in diesen Papieren haben wir wirklich noch nicht nachgesehen."
Schon war Gloria über dem Stoß Akten. Grace begann Mut zu fassen, schloß sich ihr an und während nod) Lord Burnham und Graham halb zwei- seld, halb belustigt ihnen zusahen, gelang es Gloria, durch Grace gedeckt, das unselige Vapier just in das Aktenbündel zu schieben, das obenauf lag. Es trug die Aufschrift:
„Sachalin."
Mn teilte sie das ganze Bündel in vier Teile, gab jedem der Anwesenden einen — dem Vater schob sie gleich den rid)tigen hin. Er selbst sollte die Freude haben---
„Und nun wollen wir einmal systematisch suchen!"
Lord Burnham griff nach seinem Anteil, schlug das erste Aktenfaszikel auf — zwischen dem zweiten und dritten Blatt lag das Papier.
„Graham, Graham," stammelte er, „ich bin wirklich schon alt und Sie sind noch älter! Da — da haben Sie es! Aber Gott allein weiß, wie es da hineinkommt. Ich selbst habe doch---"
Fassungsloses Kopsschütteln bildete den Rest dieses Satzes. Mit fasiungslosem Kopfschütteln begleitete Graham die Worte seines Chefs.
Gloria aber küßte in ihrer hellen Freude den Vater auf Mund und Augen und Wangen. Grace, mit klopfendem Herzen, kam schmeichelnd von der anderen Seite heran. So überwanden sie seine letzten Zweifel.
„Uff," atmete er, „Graham, das war wirklich ein Schrecken um nichts! Aber jetzt wollen wir das Papier doch richtig einschließen!"
Gloria und Grace zogen sich zurück.
Als fid) die Bibliothekstür hinter ihnen ge- schlosien, griff Gloria hastig nach einer der Säulen, die sie schmückten. Alle Farbe wich aus ihren Wangen — sie wankte.
(Fortsetzung folgt.)
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