Nr. 67 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Samstag, 20. Mürz 1926
Städtebau und der generelle Bebauungsplan.
Don Dr.-Ing. Ernst Hamm, Beigeordneter der Stadt Gießen.
' Allerorts wird z. Z. viel von Städtebau geredet, ohne daß der Nichtfachmann sich klar ist, was dieser 'Ausdruck eigentlich in sich schließt. Die folgenden Zeilen wollen, soweit es im Rahmen eines gedrängten Aufsatzes möglich ist, darüber kurz aufklären:
Unter Städtebau versteht man alle Aufgaben der Wirtschaft, des Verkehrs, der Hygiene, der Aesthetik, der kulturellen und sozialen Maßnahmen, soweit sie den Stadtorganismus über oder unter der Erde in irgendeiner Form beeinflussen.
Der Aufgabenbereich umfaßt dabei das bestehende und das zukünftige Stadtgebilde. Mit letzterem wollen wir uns heute beschäftigen. Die praktische Arbeit für die Zukunftsgestaltung einer Stadt gliedert sich zeitlich in 3 Hauptteile: 1. Den generellen Bebauungsplan; 2. die eigentlichen Auf- fchließungsarbeiten; 3. die Gestaltung der Einzel- heilen. Die Aufschließungsarbeiten und die Gestaltung der Einzelheiten sind auch dem Laien einigermaßen vertraute Begriffe, im Gegensatz zu den Arbeiten des generellen Bebauungsplanes, über die eine recht unklare Vorstellung herrscht. Da die Stadt Gießen vor der Aufgabe steht, einen generellen Bebauungsplan aufzusteslen, sollen die folgenden Zeilen der Beziehung zwischen Städtebau und ihm gewidmet sein.
Um eine Stadt zu einem Gebilde formen zu können, welches den Anforderungen entspricht, die oben unter dem Begriff Städtebau erläutert sind, bedarf es einer klaren Grundlage, eines bestimmten Zieles. Diese Grundlage zu schaffen, ist die Aufgabe des generellen Bebauungsplanes. Er bildet das Fundament für den Aufbau einer Stadt, er ist der Niederschlag einer großzügigen einheitlichen Vorstellung für die Entwicklung des gesamten Stadtgebietes. Der generelle. Bebauungsplan ist gewissermaßen der Feldzugsplan einer Stadt im Kampfe um ihr Dasein. Er besteht nicht nur aus gezeichneten Plänen, sondern auch aus sorgfältig durchgearbeiteten Denkschriften, welche die gesamte Entwicklungsrichtung einer Stadt erläutern und begründen sollen. Der generelle Bebauungsplan bildet den großen Rohmen, innerhalb dessen sich die Gestaltung der Stadt im einzelnen in naher oder ferner Zukunft abspielen wird. Das Wesentlichste an ihm ist, daß er der städttschen Zukunftsentwicklung auf wirtschaftlichem und baulichem Gebiet eine Willensrichtung gibt, die zunächst ein „Wunsch und noch kein Zwangsgebilde" darstellt, das sich in der Zukunft, noch von allerlei Kräften beeinflußt, verwirklichen soll. Erst im Nahmen des generellen Bebauungsplanes hat es einen Sinn, die Teilbebauungspläne zu bearbeiten, denn ohne diese Vorarbeit bedeuten Teilbebauungspläne in moderner städtebaulicher Auffassung ein unwirtschaftliche Zeitvergeudung. Der generelle Bebauungsplan darf also nicht verwechselt werden mit den gezeichneten Einzelplanen für die zukünftigen Erweiterungsgebiete der Stadt. Er ist vielmehr der Niederschlag der Verkehrs-, wirtlchafts- und wohnungstechnischen Grundlagen, ohne Die ein organischer Aufbau und eine einheitliche Entwicklung der Stadt unmöglich ist.
Da nun in Deutschland der Bebauungsplan amtlich, und zwar von der Stadt aufgestellt wird, so haben sich alle Fäden der Bearbeitung eines generellen Bebauungsplanes bei der Stadt zu vereinigen, denn die Leitung muß eine einheitliche fein. Vom Bearbeiter muß gefordert werden, daß er alle Gebiete des modernen Städtebaues, sowohl nach der technischen als auch nach der wirtschaftlichen Seite hin beherrscht und über eine raum- künstlerische Gestaltungskraft verfügt. Um den Städten solche Kräfte überweisen zu können, sind die Hochschulen dazu übergegangen, für den Städtebau besondere Lehrstühle zu errichten, welche die für den Städtebau nötigen Kenntnisse aus dem Fachgebiet des Ingenieurs, des Architekten, des Volkswirts usw. dem künftigen Städtebauer vermitteln.
Die Arbeiten für den generellen Bebauungsplan teilen sich in vier Haupt- gruppen:
1. Stahtaufnahme, 2. Entwurf für die zukünftige Gestaltung der Stadt, 3. Aufstellung einer Bauordnung, 4. Ausbau im Innern der Stadt.
Unter Stadtaufnahme versteht man das historische Studium der Stadt sowohl nach der bau-
lichen als nach der kulturellen, wirtschaftlichen und vcrkehrstecknijchen Seite. Von großer Bedeutung ist dabei Die Wirtschaftsgeschichte der Stadt und ihres gesamten Wirtschaftsgebietes. Denn es ist nötig darzustellen, wie sich Verkehr, Industrie, Handel und Gewerbe entwickelt haben, weil diese Erscheinungen, neben derjenigen der Kultur, einer Stadt ihr bestimmtes eigenartiges Gepräge geben, welches für die zukünftige Entwicklung berücksichtigt werden muß. Zur Stadtaufnahme sind die Aufzeichnungen der klimatischen, geologischen, topographischen und meteorologischen Verhältnisse zu rechnen, denn sie sind für die Straßenführung und Cledlungserschließung wesentlich. Aufgabe der Stadtaufnahme ist es auch, den vorhandenen Verkehr mit Rücksicht auf alle Verkehrsmittel genau zu untersuchen, um das zukünftige Hauptverkehrsnetz richtig planen zti können. Ferner ist die Bevölkerungsstatistik (auch nach Berufsklassen) zu verfolgen, um die allgemeine Wahrscheinlichkeitsberechnung für die Bevölkerungszunahme und damit die Größe der Wohngebiete in bestimmten Zeitabschnitten berechnen zu können. Die vorhandenen Grün- und Freiflächen, die Naturschönheiten und Naturmonumente (alte Bäume, schöne Alleen, Ausblicke auf landschaftliche Schönheiten), die dem künftigen Stadtbild erhalten bleiben sollen, sind aufzunehmen und zu erhalten. Der Grundbesitz, geteilt nach Staats-, Gemeinde-, Körperschafts- und Privateigentum, ist nach einheitlichem System in Plänen zu verzeichnen, da die Besitzoerhältnisse bei der Zukunftsgestaltung der Stadt eine große Rolle spielen können.
Hat man durch eine gründliche Stadtaufnahme in bezeichnetem Sinne festen Boden unter den Füßen, dann kann man erst an den Entwurf für die zukünftige Ausgestaltung der Stadt Herangehen. In erster Linie sind die gro ßen Derkehrsanlagen (Bahnen, schiffbare Flüsse, Kanäle, Ausfallstraßen) festzulegen und dann eine wohldurchdachte Siedelungsverteilung, —1>. h. getrennte Anlage von Wohn-, Industrie-, Gewerbe- und Handelsgebieten durchzuführen. Die Verkehrsanlagen sind an bestimmte topographische Veraus- setzungen gebunden. Durch die Verkehrsanlagen werden die Industrie-, Handels- und Gewerbege- biete. ihrerseits wieder festgelegt. Die Wohngebiete stehen dann zu diesen Gebieten in einer ganz bestimmten Beziehung, wobei Bodengestaltung und Grundwasserstand eine wichtige Rolle spielen. Die Wohngebiete selbst werden in Miethaus-, Landhaus- und Kleinwohnungsgebiete aufgeteilt. Im ganzen zukünftigen Stadtgebiet find ferner Grün- und Freiflächen zu planen, die teils der reibungslosen Abwicklung des Verkehrs, teils dem Schmuck, dem Sport oder der Erholung dienen müssen. Besonders markante Punkte hat man monumentalen Gebäuden (Verwaltungsgebäuden, Schulen, Kirchen usw.) oorzubehalten, wo sie künstlerisch als Akzente im Stadtbild wirken können.
Eine äußerst wichtige Arbeit des generellen Bebauungsplanes ist die Aufstellung der Bauordnung für alle Gebiete, die durch den generellen Bebauungsplan erfaßt werden; denn die Bauordnung muß den Behörden die gesetzliche Hand- habe aeben, ihre Stadterweiterungsabsichten nach der technischen, der hygienischen, der wirtschaftlichen und der künstlerischen Seite durchzusetzen. Es kann an dieser Stelle nicht näher darauf eingegangen werden, aber so viel sei gesagt, daß die Aufgabe, eine vernünftige Bauordnung zu schaffen, mit zu den schwierigsten gehört, weil es hier abzustufen gilt nach wirtschaftlicher Möglichkeit und nach Be- dürsnissen der verschiedenen Bevölkerungsschichten. Die Bauordnung muh auf die beste Hausform hin- arbeiten in engem Zusammenhang mit Geländeerschließung, Straßenbau und Siedelungsverteilung. So wenig sich im einzelnen der Hausgrund- riß von seinem AufriH trennen läßt, so wenig kann die Bauordnung ohne inneren Zusammenhang mit dem Stadtplan ausgestellt werden. Sie muß sich positiv einstellen und fordern, daß der Stadterweiterung eine aus den gegebenen wirtschaftlichen und technischen Bedingungen hervorgehende einheitliche und künstlerische Vorstellung zugrunde gelegt wird.
Es ist klar, daß ein derartiger Zukunftsplan, der mit ganz neuen Forderungen zu rechnen hat, auch das Stadtinnere berühren wird. Der Ausbau im Innern der Stadt muß deshalb aufmerksam überwacht werden, damit die vorhan-
Schweigende Schauspieler.
Sr Don Wolfgang Goetz.
Einen Geschäftsgang abzukürzen, trete ich Durch die Friedhofspforte, die ich schon manchmal öffnete, um meinem alten Freunde, dem Kammergerichtsrat E. T. QI. Hoffmann einen kleinen Besuch zu machen. Heute ist dazu keine Zeit. Aber da fesselt eine wunderschöne schmale Sandsteinphramide, über die sich ein Bahrtuch legt, wie nur trefflichstes Handwerk solche Kunst versteht. Och forsche, wem solch edles Monument gesetzt ward, und golden glänzen die Buchstaben einen vertrauten Damen entgegen: Theodor Döring. Es ist nun wirklich kein Wunder, auf einem Berliner Friedhof den Damen eines Mannes zu finden, der hier Triumphe feierte und starb. Aber ich bin erschüttert, so, als sähe ich plötzlich, zu unguter Stunde, den Damen eines Freundes unter den Toten. Warum das? Was ist mir Döring, dem zwölf Iahre schon vor meiner Geburt die sechs Bretter und zwei Brettchen die Welt bedeuteten? Aus Büchern und Seminaren die kleine Weisheit scharre ich zusammen, daß dieser Mann ben Mephisto spielte und den Dathan, den Franz Moor so gut wie den Falstaff. Er muh ein ganz bedeutender Künstler gewesen fein, sonst, belehrt mich meine Schulweisheit, hätten sie ihn auch nicht zu des großen Sehdelmann Dachfolger bestellt. Dieser vielgerühmte Mime ist mir noch weniger als Döring. Dichts weih ich von ihm, sein Duhm nur treibt dahin wie ein fremder Duft. Lind des Unbekannten Dame kettet mich enger an den Toten da unten unter dem Schnee, aus dem trübe Eseublätter sich verlangend ringen. Ich bin recht ratlos. Es ist kalt und einsam, nichts als Gräber und Schnee; freundlich und bekannt nur die goldenen Lettern: Theodor Döring. Och möchte mich selber auslachen, aber ich komme von dem Gedanken nicht los. daß ich mich erkenntlich erweisen müßte für des heiteren Mannes so stumme Gesellschaft. Och möchte ihm
Freundliches sagen, ein Wort des Beifalls vielleicht, dem er gewiß ein williges Ohr lieh, als er das Licht noch sah. Wie ein bettelarmer Hund stehe ich da und kann doch nichts dafür, daß er seine letzte und größte tragische Szene bereits 1873 spielte. Aber nichts weih ich von Theodor Döring. Alten freundlichen Damen lauschte ich wohl, die von ihm sagten; nur kamen sie nicht viel weiter, als daß sie ihn nannten, und dann schwiegen sie. Dur die guten Augen wissen zu erzählen. Was weiß denn unsereins für Worte zu machen, wenn sie einen nach Kainz fragen! (Ach, sie fangen schon an, uns zu bewundern, weil wir ihn noch sahen.)
Drüben die Llhr schlägt. Och muß weiter und stehle mich linkisch rasch davon.
Da ist noch ein Relief, das wieder ein Mimengesicht zeigt. Gustav Berndal steht darunter. War das wohl auch ein Schauspieler? Ganz gewiß, mich dünkt, ich hörte von ihm. Eine verwaschene Erinnerung fegt heran: ein Theaterzettel, jenes feste Papier mit den fettigen Buchstaben. Daraus stand: „Graf Dunois, Bastard von Orleans, Herr Berndal." Weih nicht, wo ich ihn sah; gab ihn mir jemand; wer war es, der ihn mir zeigte, oder hing er vielleicht in einem Schaufenster? Er hatte seine scharfen Brüche übers Kreuz, wie sich's gehört bei einem ordentlichen Theaterzettel, und war an den Seiten ein wenig ausgebessert. Das Datum habe ich vergessen. „Graf Dunois, Bastard von Orleans. .. Herr Berndal."
Inmitten der schlichten und stillen Steine, über die von den Mauern her die Wappen edler Familien von den Gruftpfosten starren, türmt sich ein häßliches Ungetüm auf, irgendein Marmorweib und wieder ein Relief. Och wende den Blick. Das Marmorweib hat eine Marmorlyra, es ist gewiß eine Muse gewesen. And nun weih ich auch, daß dort „Theodor Reich- mann" stand. Bariton, stellte meine Bildung fest, Schwermut, Hans Sachs, Kämpfe mit Mahler. Och hätte ihn sehr wohl noch hören können, den
bene Stadt mit der zukünftigen den Eindruck eines geschlossenen Ganzen erweckt. Denn im Gegensatz zum Städtebau des 19. Jahrhunderts, der die Entwicklung der Stadt dem Zufall überließ und dadurch meist ein chaotisches Gebilde schuf, ist man heute bestrebt, die Stadt einheitlich zu formen und einheitlich zu entwickeln auf Grund von Voraussetzungen, die auf wirtschaftlichem, hygienischem, kulturellem, sozialem, Verkehrs- und bautechnischem Gebiet liegen.
Das Geschilderte wird gezeigt haben, wie vielseitig eine moderne Stadtgestaltung aufzufassen ist nd wuieviele Berufszweige sie berührt. In ihr sammeln sich Afgaben des Ingenieurs, des Architekten, des Geometers, des Historikers, des Stati- stikers, des Verwaltungsbeamten und des Volkswirts. Der generelle Bebauungsplan erstrebt, diese Aufgaben unter einer gemeinsamen Willensrichtung zusammenzufassen, der zum Wohl der Allgemeinheit alle Sonderinteressen rücksichtslos untergeordnet werden müssen.
Die gesamte Tätigkeit, die im Wort „Städtebau" verkörpert wird, ist mit dem generellen Bebauungsplan, wie eingangs erwähnt, noch nicht abgeschlossen, denn mit ihm ist erst der Raum für die gesamte Entwicklung gegeben, innerhalb dessen dann die eigentliche GelänDeerschließung und die Einzelheiten gestaltet werden sollen. Mit der Arbeit des Städtebauers ist es aber allein nicht getan. Sie muß getragen werden von dem Verständnis der gesamten Bürgerschaft. Wenn diese Zeilen dazu führen, das Verständnis innerhalb der Bürgerschaft für den Städtebau zu vertiefen, so ist ihr Zweck erreicht, denn gerade die Stadt Gießen steht nach dieser Richtung vor großen Aufgaben.
Kirche und Schule.
Jahresversammlung der hessischen cvang. Dekanatserziehungsvercine.
i. Am Dienstag tagte in Frankfurt a. M. die diesjährige Hauptversammlung der Hess, evang. Dekanatserziehungsvereine unter der Leitung des Dekans i. D. Röschen. des Borsitzenden des Berbandes der evangelischen Crziehuirgsvereine und Erziehungsanstalten in Hessen.
Zuerst faiit) eine geschlossene Versammlung der Geschäftsführer der einzelnen Dekanats- erziehungsvereme statt, in der hauptsächlich Organisationsfragen besprochen wurden. Man war der Ansicht, daß die bewährte Organisation in Dekanatsvereinen sich weiterhin empfehle.
Dach dieser Tagung sand eine größere Versammlung statt, zu der auch die übrigen Interessenten der Erziehungsarbeit erschienen waren. So konnte der Vorsitzende die Vertreter des hessischen Ministeriums. Frau Regierungsrat Keller unb Regierungsrat Dr. Krebs, begrüßen, die — wie alljährlich — durch ihr Erscheinen ihre Anteilnahme an der Tätigkeit der Erziehungsvereine bekundetem Don Iugendrich- tem war Amtsgerichtsrat Gros-Gießen anwesend. Dazu waren die Leiter der Kreis- und Stadtjugendämter erschienen, mit denen die evangelischen Dekanatserziehungsvereme in jahrelanger Arbeitsverbrndung stehen. Dom Kreisamt Gießen war anwesend Regierungsrat Schmidt, das Gießener städt. Iugendamt war durch Beigeordneten Dr. Frey und Amtmann Keiher vertreten.
Der von dem Vorsitzenden vorgetragene Iahresbericht ergab auch für das letzte Berichtsjahr ein erfreuliches Wachsen der Vereinsarbeit. Die Zahl der betreuten Zöglinge ist auf über tausend gestiegen, von denen über die Hälfte in Oberhessen unter gebracht ist.
Den Höhepunkt der diesjährigen Hauptversammlung brachte das Referat Professor Dr. von Dühri ngers, des früheren Leiters des Landerziehungsheims „Steinmühle" über das Thema: „Arztund Erzieher bei Psycho- pathe n". Aus seiner reichen Erfahrung gab der Redner ein treffendes Bild dieser Schwer- erziehbaren, die mit dem 2eben „nicht fertig werden", und gute Winke für ihre Behandlung. Das gespannte Interesse der Hörer und die Zustim- mung zu den Ausführungen des Referenten zeigte, wie dankbar man für die durch den Vortrag gebotene Hilfe für dieses schwerste, aber auch wichtigste Stuck Der Erziehungsarbeit war.
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* Langsdorf, 19. März. Zu dem Bericht über die hiesige Dorfkirchenvor» st eh er tag ung ist noch ergänzend bzw. berichtigend hinzuzufügen: „Vortragende auf dem
Familienabend waren Pfarrer Mahr- Gießer und Pfarrer G ö ck e l«Hungen, die beide über die Bedeutung des Sonntags für die Gemeinde sprachen. Pfarrer Göckel erzählte aus seinen Kriegsersah- rungen über Sonntagsfeiern bei deutsch-evangelischen Gemeinden Südrußlands. Dem sehr anregenden Vortrag folgte noch eine Filmosto Lichtbilder- serie nach Gemälden Ludwig Richters. Am Haupttage stand ebenfalls das Thema der Sonntagsheiligung im Mittelpunkt der Verhandlungen. Die Gast- lichkeit (nicht Geistlichkeit, wie fälschlich zu lesen war. D. Red.) der Gemeinde hielt sich auf bemerkenswerter Höhe. Sie hätte sich noch mehr betätigen können, wenn nicht eine ganze Anzahl von Kirchenvorstehern trotz vorheriger Anmeldung ausgeblieben wäre, zur Enttäuschung für manche Familie, die auch gern einen Gast bewirtet hätte."
Kunst und Wissenschaft.
Gemäide-Verftcigernng in Frankfurt.
Bei Rudolf Bangel in Frankfurt kam die Privatsammlung Heinrich Doll unter den Hammer. Das Interesse an der Versteigerung ging vorwiegend von Privatsammlerkreisen aus. während der Kunsthandel sich auffallend zurück- hielt. Die Zuschlagspreise müssen mit Rücksicht auf die Gesamtwirtschaftslaqe als entschieden günstig bezeichnet werden. Den Rekordzuschlag erzielte ein Thoma, „Christi Predigt am See", mit 24 000 Mk. Weiter sind zu nennen ein Mädchenbildnis von Renoir (7000), „Die Göttertafel" von Slevogt (6300), eine Landschaft von C o n st a b l e (3500), der „Darr" von Thoma (3500), ein Luley (3400), eine Winterlandschaft von Courbet (3000) und ein Mäd- chenbildnis von Defregger (2000).
Aus aller Welt.
Gefängnis für Dr. Pudor.
Vor dem Staatsgerichtshofe zum Schuhe der Republik hatie sich der 60 Iahre alte Schriftsteller Dr. phil. Paul Adolf Friedrich Pudor aus Leipzig zu verantworten. Dem Angeklagten wird zur Last gelegt, in den Dummern 12 und 13 der Zeitschrift „Hakenkreuz" mehrere Artikel geschrieben zu haben, die zur Ermordung des Außenministers und zu Gewalttaten gegen Juden ausforderten. Gleichzeitig wurde in einem anderen Artikel Reichspräsident von Hindenburg aufs schwerste beleidigt und verleumdet. Pudor wurde wegen Vergehens gegen die Paragraphen 7 und 8 des Gesetzes zum Schuhe der Republik z u einem Iahr drei Monaten Gefängnis und 200 Mark Geldstrafe, sowie zur Tragung der Prozehkosten verurteilt.
Bon der Straßenbahn totgefahren.
In Kassel wurde die 78jährige Witwe Schwab von einem Wagen der Straßenbahn überfahren. Die alte Frau, deren Gehör- und Sehvermögen nur sehr minimal ist, hatte das Warnungssignal der Elektrischen nicht gehört und war geradewegs auf den Wagen zugelaufen. Sie stürzte nud erlitt einen Schädelbruch und starb auf dem Wege nach dem Krankenhause. Den Wagenführer soll nach der Feststellung mehrerer Augenzeugen keine Schuld an dem bedauerlichen Unglück treffen.
Dom Zuge überfahren.
Ein Bäckerfuhrwerk aus Buer wurde, als es auf dem Wege nach Katernberg die Gleise der Strecke Gelsenkirchen—Katernberg—Essen überfahren wollte, von einem heranbrau- senden v-Zug erfaßt und zertrümmert. Der Bäcker und seine Tochter wurden auf der Stelle getötet, die Ehefrau wurde schwer verletzt. Angeblich hat der Schrankenwärter infolge des herrschenden Debels das Hernannahen des Zuges nicht bemertt und die bereits geschlossenen Schranken nochstmals geöffnet. Der Bahnwärter hat einen Derverzu- sammenbruch erlitten und muhte ins Krankenhaus gebracht werden.
Grohseuer in Tokio.
London, 20.März. (WTB. Funkspruch.) Ge- ftern um 3 Uhr früh brach ein Feuer in S u g a n o,
Kopfschmerz Migräne Neuralgie Zahnschmerz
Jn Apotheken WKMW
Bewahrtes VorveugnngSnnttcl gegen Grippe.
großen Theodor, nur ein bischen Mühe hätte ich mir zu geben brauchen. Versäumt. Aber ich bin nicht so traurig wie drüben beim Döring, den ich nicht hätte sehen können. Das Denkmal ist so furchtbar häßlich. Es helft einen weg, bah ich der verklungenen Stimme nicht nach- trauere. Wissen die Leute, die Ehrenmale sehen wollen, denn wirklich nicht, welche Verantwortung sie aus sich laden? Wie sie mit aufgebausch- tem Schund so freundwillige Besucher scheuchen, eine Stimme überbrüllen, die vielleicht doch noch vernehmlich aus der Erde summte? Denn man muh nicht denken, daß es hier trotz sinkendem Tag und Winter und Hügeln und dem fernen Gewimmer des zielstrebigen Lebens da draußen befremdlich ist oder gar unheimlich. Man geht nur ein wenig langsamer und versteht noch weniger. warum sie schlechte Operetten schreiben und französische Schwänke aufführen. Sonst ist es nur ein wenig steif, aber voll jener müden Heiterkeit, wie in sehr vornehmen Gesellschaften, die man früher Assembleen nannte.
Dun habe ich mich verirrt. Die Gemeinden scheiden sich streng. Heber irgendein Erbbegräbnis aber hat die Forderung der Zeit ein Pfört- lein gebrochen. Es ist gut; wenngleich ich nicht weih, ob man nicht besser den Toten ihr Recht gelassen hätte als den völlig gleichgültigen Lebenden. Allein es ist gut so. denn ich habe mich verspätet, und ich laufe so schnell, tote die stillen Herrschaften rings es erlauben. Dort hinüber aber muh ich noch, wo pomphafte Kahlheit einen stolzen Damen nennen muh.
Iffland! Herrlich geschwungene Buchstaben — eine Fanfare. Ich gehe heran widerwillig, ja böse. Deine Stücke sind schlecht. Ein arger Poseur bist du wohl auch gewesen. Dem Kleist hast du das Leben verderben helfen, den Fleck — schon gut, du weiht ja. Ich habe einen Brief von dir. August Wilhelm, an die Madame Fleckin. drei Wochen vor des Gatten Tod: Aufatmen hört man dich, dah da einer geben muß, der dir die Krone rauben könnte. Ich stelle fest: Iffland. Ach nein, ich stelle gar nicht fest, im
tiefsten Grunde zieh ich den Hut tote vor einem fremdett König.
Es schlägt schon wieder drüben an der Kirche. 3d) irre nach dem Ausgang. Bei ganz alten Epitaphien komme ich vorbei. Dort ist eine tiefe tiefe Trauer, Dänie in Sandstein, bereits in' fchwermutsvollen Linien gefangen, der noch nicht geborene Vers:
Laß im düstern Reich, Mutter, mich nicht allein. Das kann Schadow gemetzt haben er brauchte sich zumindest nicht des Werks zu schämen. Klage ist das mit unendlich süßem Lächeln. ilnb der Glückliche, der hier schlafen
Fleck.
Fleck. Das ist wie ein Traum, der nachbebt unZ) einen grauen Tag füllen kann mit frohem Leuchten. Fleck. Einmal sein Bildnis sehen, und wir wissen: er war ein Dichter unter den firnen. Fleck. „Silberton" rühmen einfältige Worte seiner Stimme nach; das hört sich an wie ein Märchen, bei uns gibt es nur mehr Erz, <-5leck. Hundertzwanzig Iahre tot und doch geheimnisvoll, wie zu Erwartendes. Lind stünde dem Grabmal nicht, eine gefrorene Musik, wer weih, welch wackrer Seifensieder sich längst mit deinem Staube mischte.
Lind wieder schlägt's. Ich komme gewiß zu spat die leidige Lust am Theater hat mich wieder um den redlichen Mammon geprellt. Der Versuch, Verlorenes zu gewinnen, muh gemacht werden.
Mir entgegen durch die Pforte, die endlich erspähte, kommt freundlich ein Mann, nicht wie einer, den Schmerz um Verlorenes hertreibt. Er sieht mich verdutzt an. Die Frage gebe ich ihm zurück: was willst du hier zwischen Hügeln und Schnee? Willst du, wie ich, dich stolz kleiner Dankbarkeit rühmen? Wen sindest du in diesem schlichten Reichtum? Weißt du, dah ich dich beneiden könnte? Weih du, daß ich dein sehr guter Freund fein dürste? Dur, versteh mich recht, -ich muh jetzt wirklich weiter, Mann!


