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Dienstag, 19. Gttober (926

Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhchen)

llr. 245 Zweites Blatt

Verband für kulturelle Zusammenarbeit.

Don Emile Dorel, Paris,

Mitglied des Institut de France.

Anläßlich des 3. Kongresses des mter- nationa'enDerbandes für kulturelle 3u* sammenarbeit", der in Wien Dom 17. ms 23. Oktober tagt, veröffentlichen toir den interessanten ^itrag des bedeutenden fran­zösischen Gelehrten und Politikers, der als einer der ersten sür die Destreoungen des Derbandes eingetreten ist.

Wenn es wahr ist, daß der Völkerbund die Gesellschaft der Nationen nur durch die m ihm vertretenen Nationen existiert, so lopt fity leicht begreifen, daß im gegenwartrgen Zustand Europas und der Welt eine stabile Organisation auf übernationalem oder internationalem Gebiet nur errichtet werden kann, wenn sie von fest­gefügten nationalen Organisationen ausgeht. Dieser Aufgabe hat sich derVerband für kultu­relle Zusammenarbeit" gewidmet, dessen Grün­dung wir den edlen Bestrebungen des Prinzen Karl Anton Rohans verdanken.

Die Geschichte lehrt, daß große politische und soziale Bewegungen nur von Dauer sind, wenn geistige Bewegungen ihnen vor- angehen: den Philosophen deS 18. Jahrhunderts verdankt es die französische Devolution, daß sie für Frankreich und Europa eine neue politische Ordnung herausführen könn e. Desgleichen müssen für die Tatsache, daß der Sozialismus einen so erheblichen Platz in der modernen Politik ein­nimmt, seine Theoretiker, wie Ppoudhon und Karl Marx '-verantwortlich gemacht werden. Auch die politische Einigung Deutschlands und Italiens im 19. Jahrhundert wurde durch die Bildung ihrer geistigen Einheit eingeleitet.

So wird es gewiß auch in Zukunft sein, und wenn man hoffen kann, den anarchischen und kriegerischen Zustand Europas eines Tages durch eine stabile, auf föderativen Prinzipien ruhende politische Ordnung erseht zu sehen, so ist diese Umwälzung nur dann möglich, wenn d i e gei­stige Einigung Europas zuvor voll­zogen ist.

Die Schwierigkeiten einer solchen geistigen Einigung sind sehr groß und dürfen nicht ver­heimlicht werden. Selbst wenn man alles beiseite läßt, was durch die Verschiedenheit der Sprachen und der politischen Anschauungen bedingt ist, so bleiben auch auf rein geistigem Gebiet sehr große Divergenzen zwischen den Geistern bestehen. Hm zur Versöhnung zu gelangen, gilt es also, drei Arten von Schwierigkeiten zu über­winden: einerseits die Streitfragen zwischen den Nationen, ande er'eits die zwischen den poli­tischen Parteien innerhalb einer Nation, und schließlich diejenigen Streitfragen, die zwi­schen den ve-schiedenen, fast entgegengesetzter gei­st i g e r Spezialarbeit e-gelten Menschen stehen, wie Künstlern, Forschern, Historikern, Philosophen und Schriftstellern.

Es ist das Verdienst des Prinzen Karl Anton Rohan, daß er vor diesen anscheinend unüberwindlichen Schwierigkeiten nicht halt ge­macht, sondern vor nun bald vier Jahren seine Mission in den verschiedenen Ländern begonnen hat. Es gelang ihm, Menschen verschiedener Nationalitäten, politischer Richtungen und geisti­ger Berufe davon zu überzeugen, daß es eine höhere Ebene gebe, auf der sie sich treffen und den Versuch machen könnten, sich zu verstehen. Dieses Streben zu wechselseitigem Verstehen hat für jeden, der es unternimmt, größten Wert und kann ihm nur zuträglich sein: wir a..? sind nur zu sehr geneigt, uns in den Sonderangelegen- heilen unseres Landes, unserer politischen Partei oder unseres geistiaen Tätigkeitsfeldes abzuschlie- hen. Alles was uns verstattet, da herauszu- kommen und Fenster nach draußen auf* zustoßen, trägt zur Erweiterung unseres Geisteshorizontes bei. Nur durch gemeinsame Bestrebungen dieser Art wird man zur Schaffung eines wahrhaft europäischen Geistes kommen.

DerVerband für kulturelle Zusammenarbeit" verfolgt keinerle i politische Ziele, schon seine Zusammensetzung untersagt ihm alles politische Handeln, da dieses, gleich welcher Art

und Richtung notwendigermaßen zu seiner so­fortigen Auflösung führen müßte. Er wird daher nur gelegentlich und unter besonderen Umständen zu internationalen Organi a.ior.cn politischer Ten­denz in Beziehung treten können, dagegen hat er die Absicht, seine Tätigkeit an die gleichgerichteten geistigen Organrationen an uschliehen, die mehr begrenzte Ziele im Auge haben.

DerVerband für kulturelle Zusammen­arbeit" hat vermittels eines höchst einfach und unstarr eingerichteten Generalsekretariats dau­ernde Beziehungen zwischen seinen nationalen Cinzelgruppen ermöglicht. So ist es ihm ge­lungen, zunächst einmal zahlreichere und engere Beziehungen zwischen den europäischen Geist es- menschen herzustellen, d. h. zumindest unter denen von ihnen, deren geistige Wachheit die durch die nationalen Grenzen geatzten Schranken über­windet.

Dies ist in großen Linien das Programm, das der Verband sich vorgezeichnet hat, und die bisherigen Ergebnisse zeigen in erfreulichem Maße, daß dieser groß angelegte Versuch zur rechten Stunde kommt. Deshalb muß jeder, der eine gedeihliche und friedliche Entwicklung Eu­ropas und der ganzen Welt berbeiwünscht, auf den Erfolg dieses Werkes, an dem Gründer und Mitglieder unausgesetzt arbeiten, die größten Hoffnungen sehen.

Ein Experiment.

Deutsche in der tschechoslowakischen Regierung.

Don unserem K-Berichterstatter.

Prag, 17. Oktober 1926.

Knapp vor dem Zusammentritt des Parla­ments ist es in Prag zu einem Regierungswechsel gekommen. Das Beamtenkabinett, das während der Zeit der inneren Streitigkeiten unter den tschechischen Parteien und der vielen uner­quicklichen Scnsationsaffaren die Geschäfte des Staates geführt hatte, ist von einer neuen Regierung a b g e l ö st worden, in der der Führer der tschechischen Agrarier, SchwehIa, zum drittenmal das Präs dium inne hat. Dr. Benesch, der augenblicklich in Frankreich auf längeren Urlaub weilt, hat das Außenministe­rium behalten trotz der vielen Widerstände, die sich gegen ihn geltend gemacht haben. Auch drei weitere Beamte sind im Ministerium verblieben, die übrigen Stellen sind parlamentarisch beseht. Unter den parlamentarischen Ministern erscheinen zum erstenmal seit dem Bestand der Tschecho­slowakei zwei deutsche Abgeordnete, der deutsche Agrar er Professor Spina als Minister für öffentliche Arbe ten und der deutsche christlich- soziale Professor Mahr-Harting als Iustiz- minister.

Die Bildung der ersten naticMal gemischten tschechisch-deutschen Regierung ist ein bemerkens­wertes Ereignis, eine neue Etappe in der Ge­schichte der Sudetenländer, wo feit Jahrhunderten Tschechen und Deutsche einen wechfelvollen Kamps um den politischen Einfluß führen. Dem Außen­stehenden, der nichts mehr als statistische Zu­sammenstellungen über die Bevölkerung der Tschechoslowakei kennt, mag es wie eine Selbst­verständlichkeit erscheinen, daß in einem national so bunt gemischten Staate wie der Tschecho­slowakei auch die Regierung national gemischt sei. Wo Deutsche, Ungarn, Slowaken, Ruthenen und Polen f a st die Hälfte der Staatsbevölkerung bilden, erscheint es doch natürlich, daß wenigstens zwei Deutsche in der Regierung sitzen und die dreieinhalb Millionen Deutsche nicht bloß die Pflichten und Lasten der Staatsbürger tragen, sondern auch Anteil an der Macht haben und sich bei der Leitung des 'Staates zur Geltung bringen. Dennoch hat es sieben Jahre gebraucht, bevor diese Selbstverständlichkeit versucht wurde und die Umstände, unter denen die erste tschechisch- deutsche Regierung ihr Amt antritt, sind so un­sicher, daß die Beständigkeit des neuen Systems höchst fragwürdig ist. Bisher sind dre Deutschen als Staatsbürger zweiten Grades be­handelt worden. Im tschechischen Lager war der nationale Gedanke Trumpf, der den neugegründe­ten Staat als einen tschechischen National­

staat betrachtete und daraus den Grundsatz ab­leitete, daß bloß die tschechische Nation zur Herrschaft und zur Ausübung der Regierung berufen sei. Sieben Jahre hatte der nationale Gedanke die Kraft, alle tschechischen Parteien. Bürgerliche und Sozialisten, Freisinnige und Klerikale, zu einer festen Koalition zusammen- zuhalten und die übrigen Nationalitäten, vor allem die Deutschen, zu einer fruchtlosen Oppo­sition zu zwingen.

Nun endlich haben wirtschaftliche Gegensätze die längst morsch gewordene tschechische Koalition gesprengt. Trotz der tie en Verstimmung zwischen den tschechischen Bürgerlichen und Sozialisten wäre es aber wohl noch immer nicht zum völligen (e_ ail ter tschechische i Koali ion ge.ommen, wenn nicht die deutschen Aktivisten sich völlig vor­behaltlos zur Mitwirkung bei der Mehrheits­bildung bereit erklärt hätten. Ohne feste Ver­einbarungen über eine Besserung der nationalen Verhältnisse, ohne vorangegangenen Pakt, ohne einen Ausgleich von Volk zu Volk nehmen die deutschen Aktivisten die Mitverantwortung sür die Leitung der Staatsgeschäste auf sich. Denn trotz der Verlegenhe t, in der sich die tschechischen Bürgerlichen befanden, weigerten sie sich ent= ch eden, anläßlich des Eintritts deutscher Parteien in die Regierung irgendwelche Verpflichtungen zu einer Be'serstellung der Subetendeutscken in nationaler Hinsicht einzugehen. Hnd täglich pre­digt die Presse der tschechischen Regierungspar­teien der Bevölkerung, daß den Deutschen kei­nerlei nationale Konzessionen ge­währt worden seien und auch nicht gewährt werden würden. Die Deutschen seien aus wirt­schaftlichen Gründen in die Regierung gekommen, um einen Bürgerblock zu ermöglichen und bürger­liche Politik zu treiben. 3n nationaler Beziehung ändere sich nichts.

Leider sind diese Beteuerungen nicht bloß tak­tische Schachzüge, um dem vielfach noch äußerst chauvinistischen tschechischen Bürgertum die neu­artige Erscheinung einer tschechisch-deutschen Re­gierung schmackhaft zu machen und der Opposition das wirksame Schlagwort vomnationalen Ver­rat" zu nehmen. Vielmehr liegen tatsächlich keine oder nur höchst kümmerliche Verabredungen über die weitere Behandlung nationaler Fragen vor. Die deutschen Parteien sind bloß auf die Hoff­nung angewiesen, daß d'e Tschechen ihnen nicht zumuten werden, bei ener Regierung mitzuwirken, die das Sudetendeutschtum derart malträtiert, wie es die Kabinette der früheren tschechischen Koalition getan haben. Das ist die Dasis der deutschen Beteiligung an der Regierung, sie ist wahrhaftig schmal genug.

Man muß nicht von vornherein jede Möglich­keit eines nationalen Erfolges bestreiten, aber sonderlich günstig sind die Voraussetzungen nicht. Vor allem sind die Tschechen in weit günstigerer Position. Der tschechisch-nationale Charakter des Staates ist in der Verfassung fest gelegt, e'ne Hn- zahl von Vesten sorgt dafür, daß das tschechische Element überall im staatlichen Leben besser- gestellt ist. Die Dodenenteignung hat das deutsche Si'dlungsgeb'et mit zahllosen tschechischen Kolonisten durchsetzt. Während deutsche Scbu - len z u Tausenden gesperrt worden sind, hat man überall in deutschen Städten und Dörfern tschechische Schulen emger'chtet und füllt sie mit deutschen Kindern. Aus der Beamtenschaft des Staates sind b:e Deutschen bis auf winzige Reste entfernt worden. Das deutsch? Wiri­sch a f t s l e b e n ist auf verschebenste Art tschechi­scher Kontrolle unterworfen worden. Der ganze Avvarat der Staatsverwaltung ist darauf geschult, mit und ohne gesetzliche Grundlage das Sudetendeutschtum auf kulturellem und wirtschaft­lichem Gebiet zu schädigen und zurückzudränaen. Ist es denkbar, haß diese eingelaufene Maschine durch den Eintritt zweier deutscher Minister in b:e Regier' ng zum Stillstand gebracht wird? Ganz zu schweigen von der Sisyphusarbeit, die dazu geboren würde, auch nur einen kleinen Teil der Schäden gutzumachen, die dem Hudctenbeutsch- tum zuqefügt worden sind. Da die Tschechen keine bindenden Verpflichtungen zu einer Wiedergutmachung einaeaangen sind, bleiben ihre deutschen Regierungskolleaen ganz auf den guten Willen der bisherigen Gegner an­gewiesen. Das ist beglich wenig angesichts eines

wichtigen Schrittes, wie es die Hebernahme der Verantwortlichkeit für den Staat durch d.e deut­schen Aktivisten ist.

In der deutschen Bevölkerung wird die n ue Wendung keineswegs mit übergro ,cm O st in: Is­mus ausgenommen. Die St mmung ist nach wie vor gedrückt unb skeptisch. Man erwar.et zunächst bestenfalls eine Mäßigung der -l-l:£-*)"- ierungsbestrebungen und der nat.cnalen falrerung der deutschen Bevölkerung. Fce.l.a) ist es undenkbar, daß es auf die Dauer bloß bauet sein Dewcnben haben bürste. Dazu ist der Prc s, bcn bie beut scheu Aktivisten heute zahlen, zu hoch. Denn auch bie Tschechen müssen es zu würbigen wissen, welchen außerordent ichen Wert für sie bie Beteiligung deutscher Part.ien an der Regierung hat. um wieviel gefestigter die Tschechoslowakei in bcn Augen der Welt da steht. Die Deutschen konnten allenfalls voraussc'.'ungs- los in die Regierung gehen, um mit diesem letzten Schritt ihren guten Willen zu poß.iver, ftaat&aufbanenbcr Tätigkeit zu bewe gen. Ai er sie könnten kaum in der Reg erring bl::b n we m die Gegenseite das Vertra ien nicht rechtfcrllgt und nicht alsbald an d e Herstellung bet vollen nationalen Gleichberechtigt! nn a er Völker bcs Staates schreitet. Bis dahin bleibt das neue System ein Exver'.ment.

Von den Schlachtviehmärk-en.

An bcn Schlachlviehmärlten der d: i ,cn Woche war die Marltlage namentlich für Rini er. aber auch für Schafe ungünstiger als in der V. r- wcche. Für Kälber bagegen war der Marktver­kauf allgemein recht gut, unb auch Schwrins verzeichneten im Vergleich zur Vorwoche t.ilwciss bes eres Geschäft. Die Aul tri ebszif fern hi.lten sich in den gewohnten Grenzen. Die Preise neig­ten für Kälber im Einklang mit der günstigen: Marktlage naturgemäß zur Festig eit. verbrich- neten aber auch bei ben übrigen Gattungen unter Schwankungen nur verhältnismäßig selten grö­ßere Abschläge.

Auf ben nachstehenden Märkten wurden sür 1 Pfund Lebendgewicht in Pfennig notiert:

Rinder

Kälber

Schate

öcbweine

Berlin

20-55

52-98

25-57

70-81

Bremen

25-54

40-95

28-55

60-80

Breslau

20-60

53 82

30-53

71-85

Chemnitz

23-61

70-90

40-56

72-85

Dortmund

25-60

65-105

35-52

74-85

Dresden

24-63

70-93

30-62

72-84

Düsseldorf

24-60

55-95

65-84

Elberfeld

25-58

60-95

72-85

Essen

30-61

60-12d

25-50

72-84

Frankfurt M.

20- 59

66-90

25-45

65-84

Hamburg

15-55

38-95

25 - 56

16 81

Hannover

20-60

40-100

28-55

70-82

Husum

15-55

38-48

Karlsruhe

20-58

7580

78-84

Kassel

21-60

60-77

71-87

Kiel

17-49

21-82

24-52

49-77

Köln

20-60

60-115

35-46

70-85

Leipzig

25-57

48-88

28-59

70-83

Magdeburg

22-60

36-85

30-50

72-82

Mannheim

14-60

54-84

33-45

64-82

München

20-60

70-88

68-86

Stettin

10-56

35-99

15-50

72-85

Stuttgart

14-60

61-83

58-82

Zwickau

20-56

50-85

,30-56

68-81

Rundfunk-Programm

deS frankfurter Senders.

(Aus der.Radio-Umschau".)

Mittwoch. 20. Oktober.

3.30 bis 4 Uhr: Die Stunde der Jugend. 4.30 bis 5.45 Uhr: Konzert des Haüsorchefters: Lortzing. 5.45 bis 6.05 Uhr: Die Bücherstunde. 6.30 bis 7 Uhr: Albert Lortzing", Vortrag von Adolf Stahl. 7 bis 7.30 Uhr:Ausland, Deutschtum und deutsche Kul­tur", Vortrag des preußischen Staatsministers a. D. Dr. Otto Boelitz. 7.30 bis 8 Uhr: Die Schachftunde. 8 bis 8.15 Uhr: Eine Viertelstunde Naturkunde (Senckenberg-Viertelstunde) unter Leitung von Prost Dreoermann VortragDas Leben II. 8.15 Uhr: Heiterer Abend.

Fünfte Schulmusikwoche.

Der letzte Tag der Schulmusikwoche war der religiösen Musik gewidmet. Geheimer Konsistorial- rat D. gLoring (Darmstadt) sprach über »Die Bestrebungen zur Vereinheitlichung des Choral­gesanges in Deutschland" und führte dazu etwa aus: Wenn von Deutschen aller Stämme ein Choral gesungen werden soll, so kommt man mit der Wahl in Verlegenheit. Schon bei den Texten hapert es meist nach dem ersten Vers und bei ben Melodien schon nach dem ersten Takt. Jede Landeskirche, und in Preußen jede Provinz, hat ihre eigenen Choräle. 1882 gab es noch 75 verschiedene Choralbücher, jetzt sind es immer noch 39. In der Provinz Sachsen zählte man vor kurzem 75 verschiedene Gesangbücher Ein großer Teil der deutschen Choräle stimmt überein, oder die Abweichungen in Text und Melodie sind ge­ringfügig. Es gibt aber auch viele Choräle mit beträchtlichen Abweichungen. Besonders schmerz­lich empfunden wurde die Zersplitterung im Weltkrieg, z. B. bei Lazarettgottesdiensten: aber auch im Stieben ist sie ein unerträglicher Miß­stand. Frankfurt, Offenbach unb Hanau haben verschiebene Choralmelobien unb Texte: für zu­gezogene Gemeitzdemitglieder ist biefer Zustanb sehr unangenehm In der hessischen Exklave Wimpfen kreuzen sich württembergische, badische unb hessische Einflüsse. In der Choralliteratur spiegelt sich bie deutsche Zerrissenheit wider. Einheitliche Ausgaben von Chorälen sind des­halb anzustreben: eine Vereinheitlichung könnte erreicht werden, wenn ein Grundstock von etwa 30 Liedern, die in Text unb Weise überetnftim» men, geschaffen wird, gewissermaßen als eiserner Bestand. Die Verschiedenheiten ergaben sich aus ber Art des Gesanges: man fang ursprünglich nicht aus Büchern, sondern frei, bann entstanden Sammlungen, zumeist als buchhändletische Unter­nehmungen. Die Melodie hat oftmals dem Zeit­geschmack gehuldigt. Die Kirchenkonferenz in Eisenach strebte eine Vereinheitlichung durch Zurückgehen auf die ursprüngliche Form der Choräle an. Auch in Hessen wurde nach diesen Beschlüssen die Neugestaltung vorgenommen. Noch heute sind jedoch Unterschiede in Stadt unb Lanb vorhanden. Durch Mehrheitsbeschlüsse läßt sich

eine solche Frage nicht _ entscheiden, sondern es sind nur Kompromißlösungen möglich. Die Jugend ist für bas Alte unb Echte ber Choräle empfänglich geworben: bie Qlelteren halten aber am Hergebrachten fest. 3m Jahre 1915 wurde vom Evangelischen K rchenausschuß ein deutsches evangelisches Kirchengesangouch herausgegeben. Es sind darin 110 Lieder einheitlich bearbeitet; in neun Fällen konnte man sich nicht einigen, unb so wurde eine doppelte Form gewählt. Der Redner bezeichnete bann näher bie in diesem Jahre im Auftrage einer Kommission im Druck erschienene Choralsammlung unb forderte die Pfarrer, Lehrer und Organisten auf, für den Ge­danken ber Einheitlichkeit zu werben.

Geheimrat D. Julius Smend (Münster) machte in ber Einleitung zu seinem Vortrag Der deutsche Choral, ein vornehmes Dildungs- ünb Kulturelement" daraus aufmerksam, daß das Kirchenlied ursprünglich nur vom Chor gelungen wurde. Der Schatz an Chorälen unb Kirchen­liedern ist außerordentlich groß; über 9000 wur­den von Zahn gesammelt, doch ist vieles davon nicht mehr lebendiger Besitz. Die Reformation blieb in bezug auf die bildenden Künste im Ruck- stand, aber ün der Poesie unb in ber Musik hat sich die Kraft dieser religiösen Bewegung ge­sammelt. Das Verständnis des Chorals ist not­wendig für das geistige Erfassen ber größeren Kunstwerke im Reich ber Töne. Der Rebner ging nach diesen Bemerkungen naher auf Die Entstehungs- unb Entwickelungsgeschichte be8 Chorals ein; er zeigte dessen enge Verwandtschaft mit ber religiösen Dichtung. Der Choral ist eine ber treuesten Wiberspiegelungen bes Deutschen, des germanischen Geistes; er ist ein kraftvoller Ausdruck deutscher Gemütsart, ©eelenticfe unb Frömmigkeit. Wenn auch bie Choräle zum Dell Neste altchristlicher Weisen sinb, so entstammt doch der größte Teil von ihnen einer spateren Zett dem Reformationszeitalter. Oftmals ist der Rhythmus im Lauf der Zeil erstarrt; man er­strebt daher jetzt seine Neubelebung. Viele Botts­liedmelodien sinb ben Chorälen zugrunbe ge­legt worben, auch würben Melodien von katho­lischen Chorälen übernommen. Die Bedeutung des Chorals als Erziehungsmittel hatte schon Friedrich der Große erkannt, unb er räumte ihm in bem Landesschulreglement eine bevor­

zugte Stellung ein. Noch heute kann der Choral eine Sch uh wehr bilden gegen das Triviale unb Sentimentale der niedrigen Musik; er kann Mark in die Knochen bringen unb Stahl ins Blut. Er bereichert bas persönliche Leben, bas Gemüt unb stärkt bas Gemeinschaftsgefühl, das Gefühl nationaler, kirchlicher uyb religiöser Zusammen­gehörigkeit. Daß bie Choräle bas Verstänbnis für größere Kunstformen erschließen, bewies ber Redner an Beispielen ber Musik Hänbels. Bcu^, Schumanns, Regers unb Amolb Men­delssohns durch bie näheren Hinweise auf An­klänge an Choräle.

Prof. E. 3. Mü11er (Köln) behanbelte bas ThemaDie religiös-e Musik in ber Volksschule, mit besonderer Berücksichtigung ber katholischen Jugenderziehung". Der Redner schilderte die religiöse Not ber Katholiken, bie aus bem mate­rialistischen Zug ber Gegenwart zu erklären fiel Das religiöse Lieb könne nur aus religiösem Empfinden erwachsen. 3n Schule und Kunst müsse dieKonfessionalität betont werben, sie führe zu. einer Toleranz. 3m Musikunterricht sei auch die religiöse Musik au pflegen. Religion in Verbindung mit Kunst sei befähigt, einen neuen Humanismus ins Leben zu rufen. Die Frage der Vereinheitlichung der Gesangbücher sei im Katholizismus noch bren­nender; es müßten wertlose Lieder durch ältere, wertvollere und volksmäßigere ersetzt werden. Ge­rade die Jugend wolle die alten schönen Lieder wie­der beleben. Der Redner trat ein für kirchenmusikali- sche Feiern. Es gehe ein frischer Zug durch die katho­lische Kirchenmusik, der sich u. a. in einer starken Dynamik gegenüber der Mechanik im Gesang äußere. Alle religiöse Musik müsse ein Symbol des Religiösen sein.

Prof. K e st en beraer-Berlin gab in einer Ansprache einen Rückblick über die Tagung und schloß dann die Schulmusikwoche.

Mufik und bildende Kunst in Darmstadt.

Die Stäbtische AkabemiefürTon- kunst beging biefer Tage mit einer afabemtfa^n Feier im stäbtischen Saalbau bie Feier chr^ 75jährigen Bestehens. Sie begann mit

einem Festgesang" für gemischten Chor von Gluck, ben bie Darmstäbter Mabtigalvereinigung unter Leitung von Ptivatbo^nt Dr. Friedrich Noack bot. 3m Mittelpunkte ber Feier stand eine Ansprache von Bürgermeister Mueller, ber barin bie Geschichte ber Anstalt schilderte, bie als eine ber ersten Anstalten i'jrer Art in deutschen Mittelstädten von Prof. Philipp Schmitt, bem Vater des gegenwärtigen Leiters. Musikdirektor Wilhelm Schmitt, ins Leben gerufen wurde. Es folgten Begrüßungsansprachen von Vertretern des Lanbesbildungsamtes. der Stabt unb zahlreichen Vereinigungen zur Pllege ber Musik. Die schöne Feier fand mit dem Vor­trag von Beethovens Egmont-Ouvertüre durch ben ber stäbtischen Akabemie angeglieberten 3nstrumentalverein unb bas Orchester ber Aka­demie unter Leitung von Musikdirektor Schmitt ihren Abschluß.

Am Sonntag wurde in Gegenwart eines sehr zahlreichen Publikums, worunter Vertreter ber Regierung und ber Stadt Darmstadt waren, in ber Kunsthalle eine Ausstellung ber Darmstäbter Sezession eröffnet. 3m Auftrage ber Sezession sprach ber Bildhauer Habicht über bas Unternehmen und erinnerte an die früheren Ausstellungen dieser im 3cfire 1918 gegründeten Künstlerdereinigung. Ihre Mit­glieder umfassen Künstler, die in Westdeutschland wohnen ober aus Westdeutschland stammen. D.e gegenwärtige Ausstellung bietet in rund 200 Gemälden, Plastiken usw. einen wesentlichen Bei­trag zu ber Kenntnis des gegenwärtigen Strebens ber Darmstäbter Künstler. Das Bild ist in'o'em nicht fest Umrissen, als auch viele auswärtige Künstler ber Sezession ausgestellt haben. Von hessischen Künstlern sinb zu nennen bie Maler Karl Gunschmann. Otto Wachsmuth ro» wie bie DilbHauer Antes unb Well Habi ch t. Namentlich ist es Gunschmann, ber große Fortschritte in seiner Kunst gemacht hat; er hat mehrere Akte ausgestellt, bie unter bem Gesichts- bunlt berneuen Sachlichkeit" aufzufallen sinb. Unter ben Arbeiten bes Bildhauers Habicht ist besonders bemerkenswert eine Porträtbüste des Finanzministers Henrich. E. B.