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Kr. 195 Zweites Blatt Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Donnerstag, {9. August 1926

Vie Deutsche Photographische Ausstellung in Frankfurt am Main.

Don Dipl.-2ng. Mangold

Die noch biS 1. September geöffnete Deutsche Photographische Ausstellung zu Frankfurt a. M. gibt der Oefsentlichleit nach vielMriger Pause einen interessanten Heberblid über die Leistun­gen und Fortschritte der deutschen Lichtbildnerci nach dem Kriege. Die Entwicklung von Chemie und Technik zeigt sich nicht nur an manchem neuen Apparat, sondern auch in der Herstellung der Platten und Filme (besonders für die Farbenphotographie), sondern auch in der Re- probuktionstechnik.

Die Deschickung der Ausstellung durch die ge­werbliche und Amateurphotographie. durch die photographischen Lehranstalten und photowissen- schaftlichen Institute sowie nicht zuletzt durch dre in Frage kommenden Industriezweige war so gut. daß ein weitaus größerer. Raum als vorgesehen in Anspruch genommen werden muhte. Fast das ganzeHaus der Moden" auf dem Frankfurter Messe- und Ausstellungsgelände ist von der Ausstellung belegt. Sie bietet nicht nur dem Fach- und Amateurphotographen sowie dem Repvaduktionstechniker, sondern auch dem Laien außerordentlich viel des Interessanten.

In dem linken Teil des Erdgeschosses im Haus der Moden ist in erster Linie die ein­schlägige Industrie einschließlich dec Reproduk­tionstechnik untergebracht Gleich nach unserem Eintritt in die Halle treffen wir auf die Stände der IG. Facbenindustrie A.-G. ..Agfa" Berlin SO. 36, deren Stände äuherst inter­essant und lehrreich aufgebaut sind. In der Mitte sehen wir ein Modell ihres Hauptwerkes in Wolfen bei Dessau, das bei 474 000 Quadrat­meter Bodenfläche 80 Chemiker und Ingenieure. 150 weitere Angestellte und rund 4000 Arbeiter beschäftigt. Der Betrieb verschlingt täglich 500 Tonnen Kohle und 10 000 Kubikmeter Wasser. Don hier aus gehen dann die bekannten Agfa- Erzeugnisse in die ganze Welt. An einem der Stände werden wir anschaulich über die Roh­materialien dec Filmherstellung unterrichtet. Der Film erfreut sich heute bekanntlich mit Recht auf Grund seiner Dorzüge (u. a. unzerbrechlich, leichtes Gewicht, lichthofsrei) gegenüber der Platte steigen­der Beliebtheit in Amatcurkreisen. Gegenüber sind neu hergestellte Rollfilmapparate in ver­schiedener Gröhe ausgestellt. Ratürlich gibt die Agfa auch eine interessante Llebersicht über alle von ihr hergestellten Platten, Papiere, Ent­wickler. Blihlichtartikel und sonstiges Zubehör, wobei das Gaslichtpapier Lupcx. das Dckyer- Bromid-Kontrast und Celloidin sowie Autoidin- Papier neue Erzeugnisse sind. Bei der Platten- saminlung ist besonders auf die Agfa-Farben­platte hinzuweisen, die prächtige Bilder in allen Farben liefert. Vielen Lesern wird wohl be­kannt sein, daß die Anwendung der Bromsilber­gelatine gegenüber dem bisherigen nassen Ver­fahren oder dem Arbeiten mit Kollodium Emul­sionen in vielen Fällen erhebliche Vorteile auf- weist. Bei gleicher Qualität der damit erzeugten Halbton-, Stich- und Raster-Olegative sowie Dia­positive leistet die auf Glas oder Film ver­gossene Brom'ilb.rgelatine in quantitativer Hin­sicht bedeutend mehr. Dazu kommt noch das bequeme und saubere Arbeiten, die stetige Be­reitschaft für den Gebrauch und die leichte Retouchierbarkeit der Schichtseite. In einer be­sonderen. der Reproduktionstechnik gewidmeten Koje wird de... Besucher der Tiefdruck, der Farbenlichtdruck und der Filmlichtdruck eingehend und anschaulich erläutert. Besonderes Interesse erweckt die Gruppe ..wissenschaftliche Photo­graphie". Reben äußerst scharfen astronomischen Aufnahmen von Mond und Sonne (hergestellt durch Direktor Dr. Archenhold auf der Treptow­sternwarte) sind es besonders die farbigen Photo­graphien aus dem Gebiete der Medizin und Röntgenaufnahmen, die den Besucher fesseln. Diese medizinischen Aufnahmen sind ein hervor­ragendes Hilfsmittel zur Erkennung der Krank­heiten und Heranbildung des ärztlichen Rach­wuchses. Ein Teil der Aufnahmen sind auch Mikrogramme.

Don den für Amateur- und Derufskreise be­stimmten photographischen Apparate sind wohl alle bekannteren Typen auf der Ausstellung zu slnden. Bei vielen ist manche gute und brauch­bare Verbesserung festzustellen. Ganz besonders ist jedoch auf die Lcica-Kamera der Optischen W e rle Ern st Leih in Wehlar hinzu­weisen. Man darf diese neue Kamera mit Recht als eine Revolution in der Photographie be­zeichnen. Sie schafft billige Regative durch Der- wendung von Kinonormalsilmen. Ein Dutzend Leica-Aufnahmen sind billiger als eine Auf­nahme 10 mal 15 Zentimeter. Die volle Kassette faßt 36 Filme und kann bei Tageslicht gegen eine neue ausgewechselt werden. Der auto­matische Filmtransport beim Aufzug des Ver­schlusses gewährleistet schnellste Aufnahmebereit- ichaft und schließt jede Doppelbelichtung aus. Der Apparat besitzt einen Deckrulloverschluh für Zeit- und Momentausnahmen bis 1/500 Sekunde. Ein Leig-Anastigmat-Clmar-F:3,5-Objettw erzielt schärfste Regative von höchster Vergrößerungs- Möglichkeit, wobei es durch die feinkörnige Emul­sion des Kinofilmes unterstützt wird. Durch die kurze Brennweite des Aufnahmeobjektes ist eine cffbtme Tiefenschärfe möglich. Die Vergrößerung von diesen kleinen Bildern zeigt eine über­raschend augenwahre Perspektive und natürliche Proportionen. Das haarscharfe Einstellen ge­schieht mittels des Lertz-Rahdistanzmessers. Die mit diesem kleinen, vorzüglichen und im Verhält­nis zu seiner Leistung nicht allzu teueren (Preis 275 Mk.) Apparat aufgenommenen Bilder kön­nen entweder im Leica-Dergrößerungsapparat in Bilder von der Gröhe 6 mal 9 bis 18 mal 24 Zentimeter verwandelt oder im Leica-Pto- jektionsapparat als Diapositive an die Wand projiziert werden. Mit Recht darf man die Leica-Kamera als die Kamera der Zukunft be­zeichnen. Sie ist universell für Atelier, Heim-, Landschafts-, Industrie- oder Sportaufnahme. In der Möglichkeit der vielen und billigen kleinen Aufnahmen liegt der große Vorteil, daß man fid) nachher in Muhe die zur Dergröherung ge­eigneten Bilder auswählen kann. Die Kleinheit des Apparates und sein geringes Gewicht er­lauben, ihn stets bei sich zu führen. Auch für den im Betrieb und auf der Baustelle tätigen In­genieur dürfte er sehr geeignet sein.

Eine sinngemäße Ergänzung zu der kleinen Leica-Kamera sind das Klein-Epidiaskop und der Klein-Projektionsapparat. Die bisher vereinzelt in einigen Schulen usw. stehenden Epidiaskope haben aus dem Grunde keine weitere Verbrei­tung gefunden, weil ihre Anschaffung zu erheb­liche Mittel erfordert Hier gebührt Leitz das außerordentliche Verdienst, in fernem Klein- EPidi askop einen Apparat herausgebracht zu haben, der nicht nur von einem Schulzimmer ins andere zu befördern ist und an jede Licht­leitung angeschlofsen werden kann, sondern auch nur 450 Mk. kostet, so daß feine Anschaffung Wohl jeder Schule oder jedem Verein möglich sein wird. Mit Hilfe dieses Klein-Epidiaskopes können nicht nur die Bilder der Leica-Kamera Projiziert, sondern auch jede Duchseite und jede Zeichnung oder einzelnes Bild kann unter den Apparat geschoben und an die Wand geworfen werden. Die Llmstellung des Apparates vom Epi- zum Diaskop ist mit wenigen einfachen Handgriffen zu machen. Wir möchten nicht ver­fehlen, die besondere Aufmerksamkeit der Lehrer und sonstiger Vortragenden auf dieses Klein- Epidiaskop zu lenken.

Don einer Frankfurter Firina (Haake & Albers) wird ein modernes photographisches Musteratelier vorgeführt, bei dem u. a. die künstliche Beleuchtung beachtenswert ist. Es ist kein Zufall, dah diese immer mehr im Atelier statt der natürlichen verwendet wird, weil sie gegenüber dem Glashaufe eine ganze Reihe wich­tiger Dorteile hat. Wir weisen nur auf die stets gleichmäßige, in jeder gewünschten Stärke unabhängig von der Witterung und Tageszeit zur Verfügung stehende elektrische Belichtung

puy Wir finden auf der Aufstellung an ver­schiedenen Stellen Firmen mit den für diese Zwecke in Betracht kommenden Speziallampen vertreten. Dasselbe gilt auch sür öie Dunkel- Jammer und für die Dergröherung. wo die schnell ausschaltbare, in jeder Farbe und Stärke vorhandene elektrische Lichtquelle eine wesentliche Verbesserung bedeutet. Durch die Entwicklung mrr Technik hat sich überhaupt gerade in der Einrichtung der Dunkelkammern und Photo- Laboratorien eine vollständige Aenderung voll- zogen. Als Beispiel möge nur der von Heinz Behrens in Hamburg 5 ausgestellte Ko­pierapparatDeregraph" D.R.P. genannt wer-

Kinematischer Aufnahmeapparat für Operationen nach Dr. v. Rothe.

den, der aus der Rotwendigkeit entstanden ist, im photographischen Gewerbe Einrichtungen schaffen, die ein zeitgemäßes rationelles Ar­beiten ermöglichen. Mit ihm läßt sich schnell, sauber und sicher arbeiten, trotz wechselnder For­mate und Delichtungszeiten, dabei ist er für Platten und Filme gleich praktisch und für jede Stromart passend. Reu und durchaus eigenartig ist an ihm ein Delichtungsregler, der sich zwischen einer Diertelsekunde und 1 Minute verstellen laßt. Er ist mit der Anpreßplatte des Llpparates fest verbunden und regelt die Belichtungszeit ganz automatisch. Das ungemein ermüdende und unsichere Abzählen oder auf die älhr-sehen wird hier durch eine Dorrichtung übernommen, zu deren Betätigung kein besonderer Handgriff er­forderlich ist. Mit Recht ist besonderer Wert auf eine schnelle, exakte und solide Einstellung der Bildformate und auf das Verstellen der weißen Ränder gelegt worden. Das Anlegen des Pa­piers auf das Regativ in stets gleicher Weise ohne sich beim Drucken zu verschieben, ist prak­tisch durchgeführt.

An kleinen nützlichen Ergänzungen für den Amateur sehen wir dasIoret"-Futteral als Dtativ-Derlängever, die Sueda-Leuchtplatte für Llmninographie und Raßkopierfolien (Photo- Vertrieb Eberhard Goldammer in granff urta. OK). DasIoret". Futteral dient nicht nur dazu, um die Kamera in die gewünschte Höhenlage bei zu kurzem Stativ zu bringen,

Rachdruck verboten.

(widern die Kamera läßt sich, da sie in gewöhn­licher Weise mit beim Stativ auf das Futteral geschraubt wird, nach jeder Richtung drehen unb zu Panorama ufnahmen durch einfache Drehung des Deckels verwenden. Auch der Photsclip (Georg Rahn u. Cs. Frankfurt a. M.) feheint uns ein sehr praktischer Fernauslöser für den Verschluß der Llpparates zu fein. <iu feiner Auslösung keine lange Schnur nötig. Auch als Zeitauslöser kann er "Verwendung fin­den. Sehr beachtenswert dürfte auch für die Verwendung als Blitzlicht das Boehmsche Maq- nefiumfolienband lB o e h in - W e r t e A - G Berlin S 42) fein, das sich durch sehr Hobe Aktinität gegenüber dem alten Magnefiurnband auszeichnet.

3m Hinteren Teil der Halle I befindet sich die Reproduktionstechnik, die außer­ordentlich interessant audgeitellt hat Wir sehen, wie die Strichätzung, die Offfetdruckrepcodultion und die Autotypie entsteht. Des weiteren ist ein Druckereibetrieb für Offset- und Illustralions- drnck in Tätigkeit zu sehen, wobei auch der Tief­druck nicht nur erläutert, sondern auch praktisch vocgeführt wird. Die Fe r n b i l'd ü be r t c a- gung nach Pros Korn wird nicht nur ein- gefcenb erklärt, sondern auch praktisch durch Uebertragung von Bildern nach Frankfurt ge­zeigt.

In der gegenüberliegenden Halle II, wo auch noch das ganze Obergeschoß belegt werden mußte, nimmt die Ausstellung der gewerblichen und Amateurphotographie dcn größten Teil des Raumes ein. Rund 250 berufsmäßige Photo­graphen aus ganz Deutschland und auch au6 Oesterreich zeigen, daß heute die Photographie lein gewöhnliches Handwerk mehr, sondern eine hoch entwickelte künstlerische Tätigkeit ist. Es ist für den Befuchec ein Genuß, die Tausende von Ausnahmen, die sich über alle Gebiete ver­teilen, zu durchwandern. Die Vergröße­rungen nach kleinen Bildern nehmen einen weiten Raum ein. Ein Monumentalbild Hin­denburgs dürfte auf den Besucher einen großen Eindruck machen. Die sehr große Anzahl von Farbenphotogrammen zeigt, daß auch auf diesem Gebiete heute schon große Erfolge erzielt sind.

Hier finden wir auch beachtenswerte Ver­fahren zur Herstellung farbiger Ausnahmen und ihrer Kopien. Wir nennen das Vobachsche Patent (Vobachs Meister-Atelier für Farben-Photographie, Berlin SW) zur Herstellung farbiger Kopien, die auf Papier kopierfähig sind. Es handelt sich hier um einen wichtigen technischen Fortschritts denn bisher hat nur das durchsichttge, farbige Glasbild einen befriedigenden Grad der Vollkommenheit erreicht, während die ^Übertragung von den Glasplatten auf Papier ein ungelöstes Problem blieb. Deshalb konnte auch die Farbenphvtographie nicht populär werden. Eine völlige Wendung ist erst mit der Erfindung der kopierfähigen Farben- Photographie eingetreten, denn nun ist der Weg frei zur völligen Ausnutzung der Farben- photoacaphie auf allen Gebieten. Das Vobach­sche Aufnahmeverfahren beruht auf der Basis der Dreifarbenphotographie, während das Vobachsche Kopierversahren ganz neue Wege einschlägt. Cs wird ein Schiebeschlitten und ein Sah Filter gebraucht, während eine besondere Spezialkamera nicht nötig ist. Mit Hilfe dieser Elemente können dann nach dem Patent von Vobach wie bei der einfarbigen Photographie beliebig viele farbige Kopien hergestellt werden. Ein anderes Verfahren der Farbenphotographie ist das Ios-Pe-Versah- ren (Ios-Pe-Facbenphoto G. m. b. H., Hamburg 1), das seine Vervollkommnung zwei absolut neuartigen Erfindungen verdankt. Es be­nutzt eine Aufnahmekamera, die gestattet, mit einem Delich tungsprozeh durch ein Objektiv gleichzeitig die für Dreifarbenphotographie be­nötigten drei Teilaufnahmen herzu stellen. Licht­stärke des Objekttvs und Empfindlichkeit der Platten sind so gesteigert, daß es trotz eingebauten

Sturm in Schmalebeck

Roman von Sophie Kloerss.

Copyright 1926 by Aug. Scherl G. m. b. $)., Berlin.

Sie saßen aif den Prellsteinen vor der Einfahrt zur Post, Aenne und Brigitte Rottmann.

Aenne mit den silberblonden Zöpfen und Sri» grtte mit den fuchsroten. Neben Aenne lehnte der braune Hans, uer Doktorsjunae mit dem Murillo» fopf, der seinen beiden Schwestern nicht eine Spur ähnlich sah, aber genau so ungezogen war wie sie.

Sie warteten alle drei auf die Postkutsche von Kiel, mit der kam Jlsebill, die große Schwester, die immer lachende Augen und ein frohes Wort für das Kleeblatt hatte.

Aber die Pos'.'utsche kam unb kam nicht.

Das gehörte zu ihren berechtigten Eigentümlich­keiten. Ich bitte Sie, wann in aller Welt gab es eine Post, die zur gegebenen Zeit eintraf? Man lebte noch in jmen Jahren, wo jedermann Zeit hatte, unb Ruhe Oie erste Bürgerpflicht war.

Vor ber Post dehnte sich der große Marktplatz, dreimal zu groß für den kleinen Ort. Schmalebeck zählte im Jahre 1842 genau dreitausendsicbenhun- bertneununbneun, ig Einwohner, denn der braune Hans, der das ajte Hundert voll machte, kam um eine halbe Stunde zu fpät Nun waren fünf Jahre hingegangen, unb man bürste hoffen, nicht allzu fern mehr von viertausend zu sein. Für den Fall im Herbst war i feder Zählung sollte ein großes Fest gefeiert wei jen, unb ber Flecken würbe ben Ramen einer Stobt erhalten.

Drüben über bem fanbigen, ungepflasterten Platz lagen bie Häuser des Doktors und des Pre­digers, unb bie hohen Linben vor ihren Türen wölbten gewaltiae Kronen in bie flimmernbe Som» merluft Bienen jummen war in ben Kronen, leises huschen ging immer einmal burch bie ßaubmaffen, Dust unb Kühle strömten von ihnen aus.

tfrau Doktor Rottmann sah hinüber zur Post.

lh^ Drei hackten vor ber Einfahrt, scharrten tfüfeen im Sanbe, warfen bie Hühner mit ®rbbrorfen, gäh> en unb langweilten sich augen­scheinlich sehr. W. ren aber nicht zu veranlassen ge­wesen, im Hause zu warten, bis Christian Pedersen mit Horngeschmetter fein Nahen ankündigte.

Neben ber Post, einem alten, breiten Fachwerk­hause, lehnte ein vierfenstriges Häuschen, nüchtern, baufällig, mit kleinen Fensterscheiben, so recht das Haus der kleinen Landstadt. Rechts von dec Haus» tür ein Schild: Johannes Rübesam, Tischler. Links ein ganz bescheidenes zweites: Angeline Eggers, Haubennäherin.

Aus der Haustür, bie beim Deffnen einen kleinen aufgeregten Schrillton vernehmen ließ, kam ein schlaksiger, blasser Junge von sechzehn bis siebzehn Jahren, ließ bie mageren Schultern hängen, sah unter semmelblonden Haarsträhnen blinzelnd in ben blenbenben Tag unb erkannte bas Trio vor ber Post. Man konnte nicht sagen, baß feine Züge sich bei biefem Anblick erhellten, obgleich bie Doktors» fmber wirklich nicht übel waren. Aenne so fein unb schlank in ihrer lichten Slonbheit, Brigitte so kinb- lich weiß unb rot mit strahlenden Veilchenaugen, bie sieghaft bie Stupsnase überglänzten, unb Hans Hans mar, wie gesagt: Murillo. Aber ber lange Schlas sah mit unsicheren Blicken hin zu ihnen, unb schon erhoben sie ihre Stimmen im Choc und riefen ihn an:Fiete Eggers! Fiete Eggers! Wir haben heut' keine Arbeitsstunde. Etsch. Äsebill kommt."

Darüber werde ich er ft eure Mutter fragen", sagte Fiele und wandte sich mit langen Schritten hinein in die Sandwüste des Marktes. Er hob die tfüfje ungeschickt, immer, als bemühe er sich, auf ben Zehenspitzen zu gehen, wie er es auf Befehl ber Mutter tat, wenn er in ben feinen Häusern über gebohnerte Fußböben stolzierte mit seinen plumpen Schuhen, unb hinter ihm her roanberten bie Blicke ber drei Geschwister, unb bie liebliche zlenne stimmte halblaur an:Fiete Eggers! Fiete Eggers gebt auf Eiern!"

»Gehl auf Eiern", echote Hans.

Fiete! Fiete Eggers geht auf Eiern!" schallte Brigittens Trompetenstimme schmetternd los.

Man hörte es über den ganzen großen Platz.

Fiete fuhr zusammen, als stieße chn von hinten ein Messer in den Rücken. Mst Gewalt hielt er sich davon ab, herumzufahren und die Peiniger anzu- fchreien. Wenn das nicht die Sache verschlimmert ®enn f*e dann nicht so herzlos gejucht hatten! Wenn er dann nicht in feiner hilflosen Wut ins Schluchzen geraten wäre! Man mußte

schweigend dulden. Wieder schrillte die Türglocke bei Tischler Rübesam.

Aus dem Hause kam eine kleine, dürre Frau in buntkariertem Umschlagetuch, einen Kapotthut, mit sehr vielen verblaßten Blumen geschmückt, auf dem fahlblonden Scheitel.

Ihr siechten Kinder! Oh, was seid ihr ein­mal für stimme Kinder! So ein netten guten Jung so argem. Soll man gar nicht glauben, daß o ne netten Eltern so ne bösen Kinder haben."

Sie ging hart an ihnen vorüber. Brigitte gab eben Aenne einen kleinen Rippenstoß, die Straf» rede zu würzen. Aenne war nicht vorbereitet, verlor die Balance und fiel vom Eckstein, sich die Knie derb auf den Pflastersteinen ber Einfahrt stoßenb. tote schrie auf. Mabame Eggers roanbte sich um. ..«üh, das ist die gerechte Strafe Gottes", sagte sie äußerst befriedigt, und die vielen Blumen auf dec Kapotte wippten dazu.Meck dir das, mein Kind."

Dumme Ziege", murrte Aenne und rieb sich die schmerzenden Gliedmaßen.

Hat sich mit ihrem Fiete, als wär' es ein Prinz."

Daum," fefunberte Brigitte,ich lege ihm in ber nächsten Arbeitsstunbe Reißstifte auf den Stuhl."

Hans sah der kleinen Frau still nach, nur seine 2lugen leuchteten.Die gerechte Strafe Gottes", murmelte er vor sich hin. Ein feines Wort. Wert, bem Sprachschatz einoerleibt zu werben. Gegen bie großen Schwestern von neu unb zehn Jahren hatte er keine anbere Waffe als Worte.

Schnebbereng beng, beug, schnebdereng beug, "e,n9;. - öie hatten für eine Weile gar nicht an Christian Pebersen und die Postkutsche gedacht, ganz überraschend flog das Signal in ihre letzten Reden hinein.

Postmeister Lobes kam aus dem Hause, Mudder Lobes steckte den Kopf aus dem Oaftftubenfenfter, Zu sehen, ob mehr als ein Wagen unerwartete Gäste ankündigten, der Hausknecht stellte sich unter das Tor.

Jlsebill! Jlsebill" schrien die Rottmannskinder und furzten dem Wagen entgegen und neben ihm her- »Jlsebill, wir haben junge Karnickel. Du, Jkse- bill, Mutter hat Hühnerpastete gemacht."

Senne, das sollst du doch nicht verraten."

Jlsebill, ich hab' alle dreiundoierzig Marmeln." Man verstand nichts mehr, die Post rummelte über die Holpersteine und hielt.

Aus dein Fenster hatte ein süßes Mädchengesicht gelacht, zwei Hände in hellgrauen Lederhandschuhen hatten ben Kinbern zugewinkt. Als kaum die Pferde ben letzten Tritt getan hatten, flog bie Kutschentüc auf, und Ilse Rottmann, bas Nieberschlagen ber Ireppe nicht abmartenb, ftanb mit einem Schwung auf bem Pflaster.

Wie bie Wölfe fielen sie über sie her. Drückten sie, küßten sie, hingen sich an ihren Hals, an bie Arme, juchzten unb rebeten alle drei zugleich.

- Gören, chr würgt mich. Ja, Hannes, mein Gepäck rüber in unser Haus." Sie strahlte ben Hausknecht mit ihren braunen Augen an, baß bem der Mund breit wurde vor Vergnügen.Wieder­sehen, Pedersen, in sechs Wochen "fahre ich mit ihm nach Heide. Na, nun kommt."

Frau Doktor Rottmann stand schon unter ihren Linden und streckte der Tochter die Arme entgegen. .Endlich, mein Siebes. Wie wir uns sehnten nach dir. Ganz alt unb welk bin ich geworden von dec Trennung."

So siehtt du aus, Marn. Wie das schön ist, wieder zu Hause zu sein. Wo ist Vater?"

Zu ftrogs. Krog hat wieder die bösen Füße. Aber ich denk', er kommt bald. Krogs holten ihn mit dem Jagdwagen." Den Arm um bie Stieftochter gelegt, ging sie mit ihr auf die große, hallende Diele, wo es immer nach Möschen unb Potpourri roch. Das kam von ben Leinenschränken rechts und links ber jiaustür, bie voll waren von selbstgesponnenen schätzen, Urmüttererbteil unb Aussteuergut ber temmenben Generationen Man lebte solide und wohlhabend im Rottmannhause.

Hans hatte die andere Seite ber Schwester er- unö behauptete sie energisch gegen Aenne unb Gitta. Als es aber durch bie Stubentür ging, gelang es Aenne, ihn abzubrängen unb auf seinen Platz zu gelangen. Gitta zerrte sie ärgerlich an den Zöpfen, Aenne bockte unb feilte nach hinten aus, beibe stolperten unb fielen vornüber auf ben Fuß­boden.

Triumphierend schrie ber KleineDas war die gerechte Strafe Gottes!"

(Fortsetzung folgt.) y