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Anekdoten und Schwänke

Gesammelt von Hilarius Jocosus.

Drei Derwische verabredeten einst eine Reise miteinander und traten daher an einen Schiffs­eigner heran, der von Syrien nach Cypern segeln wollte, und baten ihn um Platz auf seinem Schiffe. Der hatte nichts dagegen, verlangte je­doch, daß ihm jeder Derwisch einen Golddinar zahlen solle.

Da sagte der älteste der Derwische zu ihm: Rein! wir können dir unmöglich Geld dafür geben."Lind warum nicht?" fragte der Schiffsherr.Dieweil wir heilige Männer und gewisser göttlicher Gaben teilhaftig sind!" Darauf der Schiffsherr:So Iaht doch hören, was solches für göttliche Gaben sind!"Run, ich bin imstande, einen Gegenstand in der Ent­fernung einer Jahresreise zu erkennen", sagte der älteste der Derwische.Ich aber," rief der zweite Derwisch,kann ebensoweit hören, wie unser Bruder sieht!" Da fragte der Schisfsherr den dritten Derwisch:Lind du, welche göttliche Gabe besitzest du denn?" -O Herr," antwortete der.ich bin ein Llngläubiger". --Du ein Ungläubiger?" sprach der Schiffs­herr darwider,packe dich, ich führe ein Schiff, das dem Sultan gehört, und darf wahrlich keinen Ungläubigen an Bord nehmen. Deine Gefährten sollen mit mir fahren, doch du muht zurwck- bleiben. Versetzten die beiden anderen Der­wische hieraus:O Herr, wir bitten um Ver­gebung, ober ohne unseren Bruder können wir unmöglich reisen: wir müssen mitsammen fahren oder ober alle drei hierbleiben!"Wenn es sich so verhält," sagte der Schiffsherr,will ich in Anbetracht der göttlichen Gaben, deren ihr teilhaftig seid, den Unglauben eures Bruders übersehen und euch alle drei aufnehmen!"

Die drei Derwische schifften sich nun ein; dem Fahrzeug wehte ein günstiger Wind. Als sie einmal mit dem Schiffsherrn auf Deck sahen, sprach der älteste von ihnen:Siehe da, die Tochter des Sultans von Indien sitzt am Fenster ihres Palastes und hält eine Stickerei in der Hand!"Pest über deine Augen!" ries der zwerte Derwisch darwider,die Radel ist ihrer Hand in diesem Augenblick entglitten, und ich höre, wie sie auf den Boden fällt! Sprach der dritte Derwisch zum Schiffseigner:O Herr, soll ich nun kein Ungläubiger fein? Ant­wortete der:Komm mit mir in meine Koje, ich will mich fortan mit dir zum Unglauben bekennen!"

Einmal ging der Hodscha Rasr eddin spa­zieren: ein junger Zigeuner lief ihm nach und bettelte, er solle ihm etwas schenken. Dem

Hodscha, der die Zigeuner haßte, fiel es nicht ein, sich umzudrehen, geschweige denn ihm etwas zu geben. Plötzlich schrie der Zigeuner aus vollem Halse:Schenk mir etwas, Herr, sonst werde ich etwas tun, was ich noch nie getan habe!" Rasr eddin drehte sich um, warf ihm einen Para zu und fragte ihn. was er zu tun beabsichtigt hätte. Darauf antwortete der Zi­geuner:Ja, Herr, hättest du mir nichts geschenkt, so hätte ich arbeiten muffen, und das habe ich noch nie getan.

Pritschenpeter lebte als lustiger Rat bei Friedrich IV., Kurfürsten von der Pfalz, und war ein witziger Kopf. Der Kurfürst war einst unwillig auf ihn und sagte:Peter, du muht mir den Hof räumen.Ich bin es zufrie­den," antwortete Peter,aber Iaht mich mit der Silberkammer anfangen. Als ihn einer fragte, warum die Rarren keine Weiber hätten, oder, wenn sie welche hätten, sie doch keine Kinder bekämen, erwiderte er:Rein, weiht du das nicht? Die Welt ist so voll Rarren, daß keine mehr nötig sind."

Als Friedrich Taubmann, Professor der Poesie zu Wittenberg, wegen seines Witzes und Temperaments nicht mir bei Kollegen und Stu­denten sondern auch am kursächsischen Hofe sehr beliebt, einst einen Höfling bei der Hand fahte, sagte dieser zu ihm:Sie haben gar grobe Hande, die sich zum Dreschen schicken würden." Ja, ja, erwiderte Taubmann,ich habe den Flegel schon in der Hand."

Heinrich IV. hatte einst eine Dame, die grün gekleidet war, bei sich. Der Minister Sully wollte zu ihm gehen, er erfuhr aber, was drin­nen vorging, daher stellte er sich in einer ge­wissen Entfernung auf und wartete auf den Kö­nig. Endlich schlich sich die Dame fort und pas­sierte den Ort, wo Sully stand. Dieser lieh sich nicht merken, daß er sie sah, und da der König gleich darauf hcrauskcm und niemand hier vermutete, fragte er ganz verwirrt:Run, Sully, was machst du?"Ich bin Euer Ma­jestät untertänigster Diener," antwortete dieser: aber, um den König, der noch erhitzt oussah, eins zu versehen, sagte er:Es scheint, als wenn die Gesundheit Euer Majestät einigen Anstoh er­litten habe."Ja," entgegnete der König,ich habe diesen ganzen Morgen das Fieber gehabt." Ich weih es," antwortete Sulch lächelnd,ich habe es eben Vorbeigehen sehen, es sah ganz grün aus." Da sagte der König:Es ist doch nicht möglich, dich zu betrügen, du hast gar zu Helle Augen!"

In einem seiner reizenden Briese aus Win­dischleuba erzählt Dörris Freiherr von Münch­hausen, wie das kleinste Töchterchen einer kinder­reichen Familie ein Kirchenlied nach seinem kind­lichen Verständnis umgewandelt habe, indem es sang:

Will Satan mich verschlingen, So laß die Englein singen: Dies Kind soll unser letztes (unverletzet) fein!

Ein Dijou ist der folgende, von Karl Federn erzählte Schwank: Dor manchem Jahrzehnt, als die nachbarlichen Beziehungen noch freundliche waren, da war ein rheinischer Pfarrer im Beruf hinübergereist ins französische Land. Llntveit von Dijon hatte ihn ein Amtsbruder bei sich ausge­nommen und bewirtet, und da der eine nicht deutsch, der andere nicht französisch konnte, so führten sie üjre Gespräche im besten Latein der Kirche. Der französische Pfarrer hatte seinem Gast eine Flasche heimischen Burgunders vorge­setzt und ihn mit Blicken und Worten um fein Urteil gefragt. Der sagte schmeckend:Vinus est bonus! Der Gastgeber schüttelte leicht den Kopf: mehr lieh seine Höflichkeit nicht zu, und als die Flasche leer war, wurde eine neue ge­bracht. Der Deutsche versuchte:Vinum est bonus!" sagte er. Eine Welle später öffneten sie die dritte Flasche. Da verklärten sich die Augen des rheinischen Pfarrers und freudig lachend sagte er:Vinum est bonum!"Die mihi, care confrater, begann nun der andere,cur dixisti prius falsam terminationem?" (Sage mir, lieber Amtsbruder, warum hast du denn vordem die Endungen falsch ausgesprochen?") und der Deutsche erwiderte:Confrater carissime, quäle vinum, tale latinum!" (Teuerster Amtsbruder, wie der Wein, so das Latein!")

Uraufführung in Bad Salzschlirf.

Das Kurtheater Bad Salzschlirf, das schon so viele erfolgreiche Lustspiele und Schwänke zur Uraufführung gebracht hat, stellte in diesem Jahre das reizende dreiaktige LustspielDie Flucht ins G 1 ück der Bremer Autoren Willy Schmalfeldt und Christel Hilker heraus. Direktor Hugershoff, der langjährige Leiter der reizenden Sommerbühne, hatte mit sicherem Blick die in diesem Stück legenden starken Publi­kumswirkungen erkannt. Das Stück arbeitet nicht mit den Mitteln platter Witze und pikanter Zoten, sondern es schöpft seinen feinen Humor aus einem graziösen, nie ermüdenden, wohl- gefeilten Diawg, der die Zuschauer in ununter­brochene Heiterkeit und fröhliche Stimmung ver­seht. Das Milteu wechselt zwischen dem steifen, gemessenen Leben am kleinen Fürstenhofe von Hohenstein-Lindenau, tro die frische, natürliche

Nr. 166 Zweites Blatt

Das neue Spanien.

Cinc Unterredung mit Graf Romanones, ehern, königl. spanischem Ministerpräsidenten.

Der große Gegenspieler des Diktators Primo de Rivera, Gras Romanones, entfaltet gegenwärtig denkbar größte Aktivität. In diesem Augenblick, wo allerorts Teilbewegungen gegen die Diktatur in Spanien aufflackern, sind die Augen des ganzen Landes mehr als je auf die Persönlichkeit des früheren Ministerpräsidenten gerichtet. Die von ihm geführte liberale Partei bat die einflußreichsten Persönlichkeiten des polt- tischen Spaniens in ihren Reihen. Er selbst ist nicht nur eine der stärksten geistigen Persönlich­keiten Spaniens, sondern auch der reichste Mann des Landes. Unter dem frischen Eindruck einer Unterredung mit Primo de Rivera begab ich mich zu Graf Romanones, der zu allen meinen Fragen in freimütigster Form Stellung nahm.

Die Situation in Spanien ist äußerst ernst. Spanien seufzt unter dem Druck einer Diktatur, bie sich verewigen will und nicht einmal die vorn ganzen Volk verehrte Monarchie respektiert. Ich sehe diese Dinge folgendermaßen an: Ich empöre mich gegen die Diktatur in meiner Eigenschaft als Bürger, der das Leid der ganzen Ration mit- empfindet und als treuer Royalist von unerschüt­terlicher Anhänglichkeit. Ich mache kein Hehl daraus, daß ich in ganz kurzer Zeit Spaniens Rückkehr^zu einem konstitutionellen Regime vor­aussehe. Gewiß, der General glaubt die Armee hinter sich zu haben, aber er mag sich täuschen. Ich glaube Anzeichen zu sehen, daß die politische Ueberspannung unseres Heeres abzuklingen be­ginnt. Riemais wird sich die Armee dazu her­geben, dauernd im Gegensatz zu Empfindungen der ganzen 'Bevölkerung das Land unter diesem unerträglichen Druck zu halten."

Aus meine Frage, wie er sich zu der Erklä­rung General Primo de Riveras stelle, daß der öffentlichen Meinung nur ein sehr geringer Ein­fluß auf die Politik der Regierung einzuräumen sei, äußerte sich Graf Roman-nes wie folgt:

Ein Diktator hat natürlich Ansichten, die mit unseren Grundsätzen von der Landeshoheit als Quelle aller Macht in starkem Gegensatz stehen. Es ist eine vollkommen überspannte Idee, daß die öffentliche Meinung nicht vorherrschen darf, und ich habe diese Auffassung auch noch niemals bei einem Völkerrechtslehrer gefunden. Ein vortreffliches Beispiel gibt uns England während des Generalstreiks. Trotz des Ernstes der Situation tagte das Parlament weiter, und die Verfassung blieb respektiert. Dies beweist, daß ein Land nicht durch Diktatur, sondern nur in Zusammenarbeit mit der öffent­lichen Meinung und durch das allgemeine Wahlrecht regiert werden kann. Eine Ration, die unter Dlltatorenherrschast leidet, gesteht dadurch ihre eigene Schwäche und politische Unreife ein. Eine Diktatur kann sich auch nur in der Zeit der höchsten Krise entwickeln, aber sie ist immer nur eine vorübergehende Regierungsform.

Ich sehe die Zukunft folgendermaßen: Wir müssen uns die öefrren aus den Ereignissen seit dem Staatsstreich vom September 1923 zunutze machen, denn ohne wesentliche Abände­rungen der Verfassung wäre eine Herr­schaft der Liberalen in Spanien unmöglich. Das allgemeine Stimmrecht muh beibehalten werden. Das Parlament darf nicht nur rein politisch ein­gestellt sein, es muß auch über die Wirt­schaftslage des Landes klar und offen Be­richt geben. Politische Parteien an Stelle per­sönlicher Gruppen müssen zum Ausdrucksmittel für große nationale Bewegungen werden. Das Versagen der von General Primo de Rivera ge­gründeten Party os Patriotic Union zeigt uns, daß augenblicklich leine Regierung und fein Poli-

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Montag, 19. Juli 1926

tifer eine Partei schäften können, die lebens­fähig ist.

Ich halle es für durchaus notwendig, die Zahl der Abgeordneten auf die Hälfte, also un­gefähr 200, herabzusetzen. Diese 200 müßten so reichlich bezahlt werden, daß sie ihre ganze Zeit dem Staatsdienst zur Verfügung stellen könnten. Sie würden auf 8 bis 10 Jahre gewählt und eine Wiederwahl wäre unmöglich, mit Ausnahme von 20 Abgeordneten (also einem Zehntel des ge­samten Parlaments). Für diese 20 Abgeordneten, die also das fortdauernde Element zwischen der alten und neuen Regierung bilden, würden natür­lich die besten und eifrigsten im Parlament ge­wählt werden. Bei einer Auflösung des Reichs­tags vor Ablauf der festgesetzten Zeit würde eine Volksabstimmung gefordert, und das Staatsober­haupt hätte das Recht, jederzeit ein Plebiszit einzufordern. Außerdem halte ich es für not­wendig, daß dem Parlament eine Finanzkom­mission beigeordnet wird. Diese Kommission würde sehr hoch bezahlt werden und dem Parla­ment in allen finanztechnischen Fragen Führer fein.

Zum Schluß lenkte ich das Gespräch auf den EintrittDeutschlands in den Völker­bund. Hierzu führte Graf Romanones aus:

(Sine endgültige Klärung über den Weg, den Spanien nach Genf einschlagen sollte, ist noch nicht möglich. Der Völkerbund befindet sich in einer schweren Krisis. Locarno war ein schwerer Schlag für ihn. Dor Locarno war er das Vorrecht der Siegerftaaten. Der Eintritt Deutschlands in den Völkerbund bringt ein neues Clement in seine Maschinerie. Spanien ist unzweifelhaft z u einem ftänbigen Völkerbundsih be­rechtigt. und cs liegt im eigenen Interesse des Völkerbundes, ihm diesen zu gewähren. Spa­nien ist zwar keine Großmacht, aber es ist auch keine Zweite-Klasse-Macht. Seine Stellung ist eine ganz besondere, wie Sir Austen Chamberlain zugegeben hat, denn es ist die erste Macht nach den Großstaaten. Formelle Verspre­chungen Sir Ailstens im Rainen seiner Regierung ließen uns auf einen ständigen Sih hoffen, und mit Bitterkeit empfinde ich den plötzlichen Wechsel in der Haltung der briti­schen Regierung. Aber noch schmerzlicher ist für mich die Haltung der spanischen Länder Amerikas, die nicht die geringste Anhänglich­keit an ihr Mutterland gezeigt haben. Trotzdem ist jetzt noch nicht die Zeit da, eine unversöhn­liche ober drohende Haltung anzunehmen, da dies dem spanischen Interesse abträgliche Folgen haben könnte."

Rumänische Vergeltung.

Don unserem G. S. L.-Balkanberichterstatter.

Sofia, Mitte Juli 1926.

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.)

Nachdem die neuen rumänischen Politiker sich eine Zeitlang Mühe gegeben hatten, die Beziehun­gen zu dem bulgarischen^ Nachbarn erträglich zu ge­stalten, haben sie in den letzten Tagen an der Grenze mit dem derzeit schwächsten aller Balkanstaaten blutige Zusammenstöße provoziert.'Ihre Mühe um eine gute Nachbarschaft war also nur eine Irrefüh­rung, zum mindesten aber entsprang sie nicht den Prinzipien einer neuen, wahrhaft freundschaftlichen Politik. Obwohl die Bulgaren, wie gesagt, das heute militärisch schwächste Balkanvolk sind, lag den Ru­mänen doch daran, sie nicht im Kreise ihrer Gegner zu sehen.

Ihre Isolierung war den Rumänen mit der Zeit schon auf die Nerven gefallen. Im Norden drohte die bess arabische Frage jeden Tag größere Schwierigkeiten hervorzurufen und im Südwester, hatten die Jugoslawen ihre Unzufriedenheit mit

dem neuen polnisch-rumänischen Mili­tärbündnis zum Ausdruck gebracht. Und in der Tat, die Unzufriedenheit hat ihre Gründe. Die Ru­mänen halten sich auf Grund des Vertrages ver­pflichtet, zugunsten der Polen einzugreifen, wenn diese eines Tages mit den Russen in Konflikt geraten sollten. Gute Kenner der rumänischen Außenpolitik behaupten noch weiter, daß Rumänien sich den Polen gegenüber zu den gleichen militäri­schen Hilfsmaßnahmen verpflichtet hätte für den Fall eines polnisch- d e u t f a) c n Konfliktes. Aber die Rumänen sehnen sich aus lediglich egoistisch- wirtschaftlichen Gründen nach einer Verbesserung der Beziehungen zu Deutschland, und so erklärt sich auch leicht ihre neuerliche Mitteilung, sie ständen mit den Polen über ihre Kriegspflichten im Konflikts- falle mit Deutschland in scharfen Auseinandersetzun­gen. Während die Polen auf einer Präzisierung die­ser Pflichten beständen, wollten sie, die Rumänen, die politische Lage nicht unnötig durch neue Bür­den komplizieren. Fein ausgedacht! Der Vertrag selbst sagt bekanntlich etwas ganz anderes!

Sollte Rumänien auf Grund feines Militär­bündnisses zugunsten der Polen in einen Krieg ver­wickelt werden oder in einen ernsten diplomatischen Streit, so, sagen die Jugoslawen, würden die Un­gern die Gelegenheit benützen, um sich die ihnen genommenen Gebiete von Rumänien, von der Tschechoslowakei und von Jugoslawien wiederzu­holen. 2(uf diese Weise entstände ein neuer Krieg, der den Jugoslawen besonders deshalb unangenehm wäre, weil sie den italienischen Feind vor den Toren stehen sehen. So waren denn die Rumänen völlig in der Isolierung.

Nachdem sich aber die Hoffnungen auf die ita­lienische Unterstützung, namentlich auf die italienische Vermittlung auch in der Bessarabienfrage gesteigert hoben, halten die Rumänen es für notwendig, sich öffentlich rein zu waschen und wieder einmal e i n bulgarisches Exempel zu statuieren.

Die Pseudofreundschast zu den Bulgaren war auf der rumänischen Seite so weit gegangen, daß die Leute um Averescu mit den bulgarischen, türkischen und deutschen Minderheiten in der ehemals bulgari- schen Dobrudscha einen Wahlakt abschlossen. Die­ser Pakt war, wie sich das nicht anders denken ließ, von großen Versprechungen begleitet, die nun, nach­dem die Wahl wirklich mit Hilfe der Minderheiten im ganzen Lande gelungen war, hätten erfüllt wer­den müssen. Daran hat die Averescu-Regierung aber augenscheinlich niemals ernsthaft gedacht. Die For­derung der Minderheiten in der Dobrudscha nach Erfüllung der Versprechungen mußte ihr folglich auch insofern zur unrechten Zeit kommen, als den Bulgaren vom Völkerbund eine Flüchtlings- anleihe gestattet wurde, und zwar ohne die un­mittelbare Kontrolle der Kleinen Entente, wie ge­rade die Rumänen verlangt hatten und auch jetzt noch verlangen. Hinzu kam, daß man den Jugo­slawen, die sich inzwischen mit dem bulgarischen 'Außenminister in Verbindung gesetzt und ihn zu sich nach Belgrad eingeladen hatten, zeigen wollte, auch die Rumänen würden wieder von bulgarischen Ko- mitadschis beunruhigt. Was wäre, nach der rumäni­schen Kalkulation, also natürlicher, als eine Auf­frischung der durch die Polen- und Jtalienfrage ge­störten Beziehungen zu Belgrad! Außerdem wissen die Rumänen genau, daß die Jugoslawen derzeit noch nicht geneigt sind, die Kleine Entente in die Brüche gehen zu lassen, weil sie in ihr ein geeignetes Hilfs- mittel zum Widerstand gegen die italienische Balkan- unb Mitteleuropa-Expansion erblicken. Ferner braucht im 'Augenblick weniger denn je ein Zugreifen Rußlands in der Bessarabienfrage befürchtet zu werden.

Die Chancen waren und sind den Rumänen folglich günstig, und sie haben die erste und beste Gelegenheit benutzt, um den Bulgaren die für sie schon lange bereit gehalteneLektion" zu erteilen. Daß die Schuld nicht auf Seiten der Bulgaren liegt,

mag schon allein daraus zu ersehen sein, daß die Bulgaren sofort eine Demarche in Rumänien unter­nahmen und den plausiblen Vorschlag machten, eine gemischte b u l g a r i s ch - r u in ä n is ch e Unter­such u n g s k o in m i s s i o n mit dem Sitz in Bu­karest (!) zu bilden. Aber die Rumänen fürchteten die Wahrheit---.

Don besonders pifajitcm Interesse bei allen diesen Vorgängen ist das Mißlingen eines auf An raten des Foreign Office und der anglikanischen Kirche von der rumänischen orthodoxen Kirche unternommenen Versuches, die bulgarische Kirche mit der griechischen auszusöhnen, die beide schon seit Jahrzehnten in Fehde liegen. Da die Schuld an der Fehde die griechische Kirche trägt, sehen Die Bulgaren auch heute noch keinen Anlaß, zu Kreuze zu kriechen, sondern verlangen, daß die griechische Kirche auf ihren überheblichen Stand­punkt verzichtet und nicht fordert, daß die Bulgaren gewissermaßen um Verzeihung bitten. Einer loyalen Beilegung des Konfliktes sind die Bulgaren aber nicht abgeneigt. 2ffif diese Weise hat sich die Aus­söhnung der beiden Gegner hingezögert und ist im Augenblick überhaupt nicht aktuell. Die Vermittler- rolle der Rumänen, die im Auftrage Englands gern ein politisches Schäfchen geschoren hätten, hat also Schiffbruch erlitten, und so haben die Rumänen einen Grund mehr, die aufrichtig und auch zwangs- läufig friedliebenden Bulgarenzu züchtigen", in der Annahme, ihr Netz sei so fein gesponnen, daß es nicht an das Licht der Sonnen kommen könne.

Pariser Brief.

Von unserem p.-Korrespondenten.

Der Brief unseres Pariser Korresponden­ten wurde am Samstag geschrieben, bevor der Sturz des Kabinetts bekannt war. D.R. Die abgelaufene Woche stand unter dem Zeichen des Nationalfestes. Der Sultan von Marokko hielt sich in Paris auf und war bei der Militärparade am Nationalfest der Angelpunkt, um den sich alles drehte. Die französische Regierung wollte der Welt ein sichtbares Zeichen dafür geben, daß sie ihre Politik in Marokko in vollem Einverständnis mit dem berufenen Vertreter der islamischen Welt durch­führt, und die spanische Regierung hat sich, vielleicht nicht ganz freiwillig, aber immerhin doch dazu be­reit erklärt, dem Bilde ein weiteres Relief zu geben. Allerdings sind einige Schatten auf dieses Bild ge­fallen. Der spanische Ministerpräsident Primo de Rivera war gezwungen, etwas im Hintergrund zu bleiben, da bei seinem Einzug in Paris Kundgebun- gen veranstaltet wurden gegen das Regime, das er personifiziert. Man würde die Lage falsch beurteilen, wenn man annähme, daß es nur kommunistische und sozialistische Kreise gewesen sind, die beim Gin- xug Primas in etwas lärmender Weise ihren Ab­scheu gegen die Beseitigung des konstitutionellen Re­gimes in Spanien zum Ausdruck gebracht haben. 'Auch bürgerlich-radikale Kreise haben sich an den Demonstrationen beteiligt, was allerdings einiger­maßen begreiflich erscheint, da der spanische Libe­ralismus aus Tradition franzosenfreundlich ist. Be­sondere Nachwirkungen dürften die Shmbgebungen nicht haben, und es ist auch nicht anzunehmen, daß die Verhandlungen, die in den letzten Tagen in Paris geführt wurden, über den Rahmen der Fragen hinausgegangen sind, die sich auf den Abschluß des marokkanischen Feldzuges be- ziehen.

Allerdings wird der spanische Ministerpräsident Gelegenheit genommen haben, mit Briand auch über die Frage der Erweiterung des Völkerbundsrates zu sprechen, und wenn man einem Interviewer Glauben schenken darf, soll Primo erklärt haben, Spanien werde im Monat September in Genf aus dievolle Unterstützung der französischen Delegier­ten" rechnen können, wenn wiederum das Verlangen

Prinzessin Julia-Stesani die höfischen Fesseln immer wieder zu sprengen versucht, und dem fröhlichen, ungebundenen Treiben des lustigen Studentenlebens auf dem Grenzschloß Ebersburg in Hohenstein-Gernshausen, wo der Erbprinz Kart Walther unerkannt seine Studienzeit verlebt und, ohne daß beide ahnen, wer sie in Wirklich­keit sind, in der kleinen Prinzessin Steffi, bie durch einen besonderen Zufall unter bürgerlichem Ramen dorthin gerät, seine Lebensgefährtin findet. Gewisse Stimmungsmomente vonAlt- Heidelberg" tauchen in diesem Stück auf, das aber jede Sentimentalität meidet und den Stoff in rein luftspielmäßiger Form und in moderner Auf­fassung behandelt. Die Handlung ist mit Gewandt- heit und geschickter Routine wirkungsvoll gefiebert, so daß sic sich auch über den zweiten Akt hinaus noch im dritten 2Ift ununterbrochen steigert. Direktor Hugershoff hatte das neue Werk, von dem man er­warten darf, daß es rasch seinen Weg über die deut­schen Lustspielbühnen finden wird, in liebevoller Einstudierung und in prächtiger dekorativer Aus­stattung herausgebracht. Die besonderen Möglich­keiten einer Kurtheaterbühne, für die fommerabenb- liehen Gartenszenen bie lampiongeschmückte Szenerie des natürlichen Kurparks als Vertiefung der Bühne heranzuziehen, schuf bezaubernde Bühnenwirkungen und einen selten stimmungsvollen Rahmen. In der Hauptrolle als liebreizende Prinzessin Steffi trug Eva Bra11 vom Stadttheater Magdeburg einen großen, herzlichen Erfolg davon, als Erbprinz Karl Walther fand Hans Rath mann den rechten Ton zwischen jugendlicher Frische und warmer Herzlich­keit. In der wichtigen Rolle des Dr. Haßberg, des Begleiters der jungen Prinzessin, schuf Günther GüntHermann vom Bremer Schauspielhaus als Gast eine urkomische, köstliche, stürmisch belachte Type und wurde mit Beifall geradezu überschüttet. Den Fürsten von Hohenstein-Lindenau gab, gleich­falls als Gast, Karl v. M a i x b o r f mit würde- voller und humorburchtränkter Eindringlichkeit. Einen prächtigen Diplomaten stellte Ernst Hart- mann vom Stadttheater Mainz auf bie Bühne, einen amüsanten Wirt der Studentenkneipe spielte Georg B i e r b a ch. In den übrigen Rollen waren die Damen Helene Riechers, Lotte und Tapa Reinecken, Margit Wolbrecht und Lilly Fahr, sowie- die Herren Max von de Gracht, Friedrich Christian Böhme und Ernst Ludwig Franken beschäftigt, die alle mit Begeisterung an der Arbeit waren, um dem neuen Lustspielschlager zu einem vollen Urauffüh­rungserfolg zu verhelfen. Die geschmackvollen neuen Dekorationen sind dem begabten künstlerischen Bei. rat des Theaters. Jan Niels, zu danken; die Bühnenmusik wurde von Kapellmeister Eberhard M a u b a ch verständnisvoll eingerichtet. Nach dem zweiten und dritten Akt nahm der Beifall des cws- oerkauften Hauses stürmische Formen an, fo daß Autoren und Spielleiter immer und immer wieder an der Rampe erscheinen mußten. .z.