Nr. 115 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Mittwoch, 19. Mai 1926
Der Kampf um die polnische Wehrmacht.
Von unserem militärpolitischen Korrespondenten. . Die erste Amtshandlung der neuen polnischen, inzwischen zurückgetretenen Regierung Witos war die Beschlagnahme des Kurjer Poranny, in dem der höchste polnische Offizier und ehemalige Staatschef, Marschall Pilsudski, die Regierung der Korruption und der groben Vernachlässigung der militärischen Interessen beschuldigte. Diese Maßnahme hat einen Militäraufstand heroorgerufen, dessen Folgen sich noch nicht übersehen lassen: sie wirft ein grelles Licht auf den Kampf, der seit Jahren in Polen um die Wehrmacht und innerhalb der Offizierlorps sich abspielt.
Der Marschall Pilsudski hat seit seiner Verabschiedung im Jahre 1922 aufgehört, seinen Willen auf die Ausgestaltung der polnischen Wehrmacht mit allen Mitteln geltend zu machen. Er hat da- durch die Kluft, die in der polnischen Wehrmacht seit ihrer Gründung zwischen den Gruppen der Fachoffiziere und der Legionäre bestand, noch erweitert, die Gegensätze auf das politische^ Gebiet hinübergespielt und erheblich verschärft: das ganze letzte Jahr hindurch ereignete sich innerhalb des polnischen Offizierkorps ein Skandal nach dem andern: zahlreiche Deputationen brachten unter Führung von Generalen dem Marschall Huldigungen dar, als er gegen die Negierung und den im Amt befindlichen Kriegsminister, ihren höchsten Vorgesetzten, einen Pressefeldzug eröffnete. Bei einer feierlichen Gelegenheit wurden ihm auf seinem Landgut (Er» gebenheitsbesuche von Hunderten höherer Offiziere und Soldaten abgeftattct, bei denen regierungsfeindliche Ansprachen gehalten wurden. In Wilna wurde eine Kaserne ohne Genehmigung der Vorgesetzten von ihren Insassen in Pilsudskikasernc um» benannt.
3m November 1925 zwang er durch seinen mach» tigen Einfluß den Staatspräsidenten zur Verabschiedung eines persönlichen Feindes von ihm, des Generals Sikorski, und setzte es durch, daß zu dessen Nachfolger im Kriegsministerium ein ihm nahestehender General, Zeligowski, ernannt wurde. Und jetzt wiederholt sich dieses Schauspiel. Der Marschall verurteilt die ohne sein Einverständnis erfolgte Ernennung des neuen Kriegsministers und verlangt, daß das Kriegsministerium nur von Sachverständigen besetzt und nicht für Politiker freigegcbcn wird. Und in den Straßen von Warschau verteilen seine Anhänger zur Revolution aufhetzende Flugblätter mit dem Wortlaut: „Wir lassen das Heer nicht ver» schachern, wir lassen Polen nicht ausstehlen, es lebe der Oberbefehlshaber, Marschall Pilsudski!" Hatte der Marschall noch gestern erklärt, er werde nicht eher zur Armee zurückkehren, als bis er die in ihr herrschende Korruption bekämpft habe, so ist er heute doch an der Spitze der ihm ergebenen Truppen in Warschau eingerückt.
Vor aller Welt werden durch diese Vorgänge endlich die Zustände im polnischen Wehrwesen auf» gedeckt, die den Sejm seit Monaten beschäftigten, und die die Regierungspresse seit Jahren zu verschleiern sucht.
Polen hat bei einer Einwohnerzahl von 27 Millionen ein Heer von 300 000 Mann, also nahezu dreimal soviel Soldaten unter Waffen als das zweieinhalbmal so große Deutschland. Daneben besteht eine „Flotte", die allerdings diesen Namen kaum verdient, denn sie besteht aus einigen Torpedo» und Kanonenbooten, die bis jetzt ohne Nach- weis ihrer Daseinsberechtigung mit einem selbst für einen reichen Staat ungeheuer hohen Personal- und Geldaufwand im Danziger Hasen den für den Handeln unentbehrlichen Platz versperrt. — Das Heer besteht der Friedensgliederung nach aus dem Sricgsminifteriuin, 5 Armeeinspektionen, 10 Generalkommandos zu 3 Divisionen, 3 Kavallerieinspek- lionen mit 10 Kaoallcriebrigaden. 6 Fliegerregimen- iern, 2 Eisenbahnregimentern. 2 Fern sprech- und 3 Funkerregiment, mehreren Tankbataillonen, Flak- cibteilungen und Gaskompagnien. Dazu tritt das fog. Grenzschutzkorps zu 20 Bataillonen und 20 Öskadrons. Jede Infanteriedivision besteht aus drei Infanterie- und einem Feldartillerie-Regiment. Jedes Generalkommandos verfügt über ein Regiment schützen zu Pferde, ein Regiment schwerer Artillerie, ein Pionierregiment, einen Kraftfahr- und eine «Sanitätsabteilung.
Die Ausrüstung des Heeres mit Waffen war mitsprechend seiner ursprünglichen Zusammensetzung r.us österreichisch-ungarischen, russischen und rein polnischen Kriegstruppen und seiner mit geraubtem ■freeresgut erfolgten Ausstattung überaus mannig
faltig: deutsche, französische und österreichische Gewehre waren bei allen Qnfanterietruppcnteilen nebeneinander anzutreffen, russische Kanonen und österreichische Haubitzen bildeten die Bewassnling der Feldartillerie. Die Instandhaltung, Munitio nierung, Ausbildung und der Nachschub waren bei diesem Durcheinander naturgemäß außerordentlich erschwert und durch gewaltige Lieferungen aus Frankreich und Versorgung aus der eigenen allerdings noch nicht recht leistungsfähigen Kriegs- industrie allmählich die Bewaffnung vereinheitlicht worden.
Die Vorgänge, die sich dabei abgespielt heben, bilden den ersten Angrifsspunkt Pilsudskis. Seit Mo naten ist die Presse des Marschalls bemüht, die Skandale aufzudecken. Rach der Lodzer Rcpublika sind neben um fangreichen Veruntreuungen der Eisenbahnverwaltung auch 150 Mill. Zloty beim Kriegsministerium „verschwunden". Dort ist ferner die Rede von einer Fabrik „Arma", die keine einzige brauchbare Waffe lieferte und trotzdem 600 000 Zloty Vorschuß aus dem Staatsschatz erhielt. Ein militärischer Prüfungsausschuß mußte bei einem anscheinend vom Parlament geforderten Besuch in her Gasmaskenfabrik Protekt bei Radom 100 000 (Gasmasken im Werte von 2 000 000 Zloty als unbrauchbar bezeichnen. Ohne Widerspruch zu finden, kann die Gazeta Codzienna unter andrem erklären: Bekanntlich bezieht Polen alles Kriegsmaterial aus Frankreich, wo ein großer Konzern, an dessen Spitze Loucheur steht, sich die Aufgabe gestellt hat, wertloses Heeresgut an Polen zu verkaufen. Der Referent des Sejm-Ausschusfes für den Heeresyaus- halt steht dieser Gesellschaft nahe. Er verkauft uns in Gemeinschaft mit seinen Pariser Freunden für Hunderte von Millionen alte ausrangierte Waffen, die dann gegen riesige Summen von unserer Rüstungsindustrie umgearbeitet werden. Ungeheure Geldsummen oehen dafür wieder drauf und Hunderte einheimischer Betrüger verdienen dadurch neue Millionen. — Daß bei der Heeresverwaltung wahrhaft polnische Zustände bestehen, dafür ist der beste Beweis die Tatsache, daß schon im Jahre 1924 das Kriegsministerium unter dem Druck des Parlaments nicht weniger als 11 Untersuchungskommissionen einsetzte, um den Mißbräuchen der Verwaltung auf die Svur zu kommen. Ein Abgeordneter konnte bei der Beratung des Militäretats behaupten, man könne das Heeresbudget ruhig um die Hälfte vermindern, ohne dem Heere etwas zu entziehen, wenn nur den Unterschleifen und Diebstählen einmal ein Ende gemacht wäre!
Man sollte eigentlich annehmen, daß bei solchen Zuständen im Heer der Sejm die Mehrausgaben aufs äußerste beschneiden würde: aber davon ist keine Rede. Obwohl die Finanzlage Polens seit Jahren katastrophal ist, — 1,5 Milliarden Zloty Einnahmen stehen bekanntlich schon 2 Jahre lang zwei Milliarden Ausgaben gegenüber — betragen die Heeresausgaben 1922 25,8, 1923 bis 1925 33 Proz. der Gesamtausgaben. Dabei sind erhebliche Aufwendungen, die Polen für rein strategische Bahnbauten, also zu ausschließlich militärischen Zwecken, in den Grenzgebieten durch englische und französische Firmen durchführen läßt, gar nicht eingerechnet. Unter diesen Umständen hat es wenig Bedeutung, daß der Heereshaushalt iji diesem Jahr mit knapper Mehrheit um 150 Millionen Zlotn im Zusammenhang mit her Verringerung der Gesamtstaatsausgaben um 500 Millionen Zloty gekürzt wurde. Nicht ohne Einfluß auf diese Ausgabendrosfelung wird das Ausbleiben von 100, nach anderen Nachrichten von 200 Millionen Frank sein, die Polen noch von Frankreich aus einem Rüstungskredit zu erhalten hatte und auf die es angeblich selbst verzichtete.
Bezeichnenderweise werden die Ersparnisse in den Heeresausgaben nicht erzielt durch Verkürzung der Dienstzeit oder grundsätzliche Verminderung der Friedensstärke, sondern durch vorübergehende Verringerung des Rekrutenkontingents 1926 um 40 000 Mann, durch Vereinfachungen in der Verwaltung, Wegfall von Inspektionsreisen, durch Einschränkung des Pferdeetats und durch Verzicht auf (Einberufung von Reservisten. Auch denkt die Regierung nicht daran, Kosten zu sparen durch die Befreiuung. der Oberschlesier von der militärischen Dienstpflicht, die diesen bekanntlich für 8 Jahre feierlich versprochen war: eine Zusage, die trotz schärfstem Protest der oberschlesischen Presse gebrochen wurde.
Selbst dieser wahrhaft geringfügigen Verkleinerung der Wehrmacht tritt Pilsudski mit seinen Anhängern entgegen; er wirft der gestürzten Regierung Vernachlässigung der vaterländischen und militärischen Belange vor und bekennt sich als ein Feind jeder Aenderung, solange nicht sein eigener Plan für die Umorganisation des Heeres zur Ver-
wirllichung reif ist. Seine Gedanken wurden im 3anuar dieses Jahres von dem General Zeli- gvwsli im Sejmausjchuß für Heeresangelegenhcitcn oargeiegt; er führte aus: Schon feit Jahren tonne -polen trotz Anlegung des strengsten Maßstabes an die Mililortauglichkeil bei weitem nicht alle Tauglichen einstellen, b.i der Rah nen des Heeres tafür du klein sei. 70 000 Re.ruten jedes 3; hrganges tön» T'-all einer Mobilmachung ein Heer von Unansacbil- deten har, mit dem nichts anzufangen fei. Abhilfe tonne nur eine Verkürzung der Dienstzeit bringen, deren Voran Mizuno wieder eine größere Anzahl van Berufsosnzieren und -untere;fixieren sei. Dazu i I 3u lagen, das^ in Polen auf Offizier und Unter« Offizier n ir 1 Soldaten 1
wie cs günstiger für die Ausbildung cor nicht ge- dacht werden kann. Allerdings sitzt die große Bsehr- heil der polnischen Offiziere auf den Vure- aus; der wahre Grund zu dieser lieber» füllung der Bureaus liegt darin, daß die polnische Armee sich in besonders gründlicher Weise wit umfangreichen militärischen und wirtschaftlichen Mobilmachungsvorarbeiten befaßt, die nach ftanzö- sischcm Musler mit größter Sorgfalt und unter Berücksichtigung aller Krieaserfahrungen durchgesührt werden. — Als eine weiters Vorbedingung für die Verkürzung der Dienstzeit führte Zeligowski die Vermehrung der Uebungsplätze an. (Ein Soldat mit einjähriger Dienstzeit müsse mindestens ein halbes Jahr im Gelände ausgebildet werden. Als letzte Vorbedingung verlangte'der General eine gründliche militärische Vorbereitung der Jugend. Diese ist schon überall eingeführt. Jeder Regimentskommandeur leitet die Jugendousbildung in feinem Rekruiie- rungsbezirk. Ihm unterstehen dazu ein Stabsoffizier und mehrere jüngere Jnstruktionsoffiziere: in enger Zusammenarbeit mit den Verwaltungsbehörden und den Schulen wird die Jugend im Schießen und Geländedienst ausgebildet.
Es liegt auf der Hand, daß das polnische Heer nach Durchführung dieses Planes eine größere Schlagfertigkeit und innere Kraft besitzen wird als bisher. Bleibt in dem jetzt ausgebrochenen Kampf um die Staatsgewalt der Marschall Pilsudski Sieger, dann wird die polnische Wehrmacht — daran ist ebenfalls kein Zweifel — trat; der trostlosen Finanzlage keine Verminderung, sondern eine wesentliche Verstärkung erfahren. Die Pilsudski treue Presie malt fortgesetzt in krassesten Farben die deutsche Gefahr: sie berechnet, daß die Aussichten Polens, einen Krieg gegen Deutschland siegreich zu bestehen, von Jahr zu Jahr steigen, da die noch im Weltkrieg mit der Waffe ausgebildeten starken deutschen Jahrgänge allmählich das wehrfähige Alter überschreiten. Im Zusammenhang damit wird eine systematische Deutschenhetze mit dem Ziel der Eroberung Ostpreußens, Danzigs und Westoberschlesiens getrieben.
Mag nun die Militärreoolte enden wie sie will, eines steht fest: die polnische Wehrmacht besitzt trotz der disziplingefährdenden Offizierkrise und der offenbaren Korruption der Verwaltung durch ihre zahlenmäßige und materielle Stärke einen erheblichen Kampfwert und bildet gegenüber der ungeschützten deutschen Ostgrenze eine dauernde ernsthafte Gefährdung des europäischen Friedens.
Oderhesfen.
Tagung hessischer Richter in Bad-Nauheim.
Dad-Rauheirn, 18. Mai. (WSR.) Am Samstag fand im hiesigen Kurhause die Vertret e r v e r s a m m l u n g der hessischen Richtervereinigung statt. An der Versammlung. der auch der hessische Innen- und Iustizrninister von Brentano beiwohnte, beteiligten sich etwa 50 Vertreter aus ganz Hessen. Am Sonntag weilte auch der hessische Finanz- mmister Henrich hier, der sich augenblicklich in Dad Salzhausen zur Erholung aufhält.
Landkreis Gießen.
ß. Leihgestern, 18. Mai. Das in der Bahnhofstraße gelegene An wesen der Brauerei Ihring-Melchior in Lich wurde von Karl Brück käuflich erworben, der sein Eisenwaren- und Hauswirtschafts-Geschäft hierher verlegt. — Dem Vernehmen nach beabsichtigt die Po st Verwaltung das Amendsche Besitztum am Bahnhof Grohen-Linden zu erwerben und die Agenturen Grohen-Linden und Leihgestern hierher zu verlegen.
s Steinbach. 18. Mai. Die Ortsgruppen des Lahnhöhe nbundcs galcn lich am Sonr.tagnachr. i ag .m Saale des ..Einhorns" ein Stelldia ein. -oic!c Orteeinirosncr waren erschiene : und laulchlen den im Einze - um» Ge- sa ntspi ! vorge'.rageven Stücken Großen Beifall sanden di- .nusikalifchc i Darbietungen der ' gen der Tr< c- C±ü(crgrupic. Di? Ungunst und Reiskirchen vom Äontn en abgehalten.
!—! Saubringen. 18. Ma Am 6. Sunt hält der Lumdatalsan gerb und sein ö u n d e s w e r t u n g s l i n g e v. hier ab. D r- bimbcn mit diesem feiert her . 0' c s a n g v e r c i it Sau b ein gen" fein 53jährigcs Stiftm'.g^ est. Annähernd 20 Verein? d?r benachbarten Gemeinden haben ihre Beteiligung zugesagt.
!—! Aus dem L u m data l. 18. Mai. Die verspäteten Rachtsröste der vergangenen Woche haben, wie man jetzt feststellen kann, einen Teil der Avfelblüten in unserem Tage fast vollständig vernichtet. 3n den Gärten find die zurzeit in Blüte stehenden Johannisbeeren und die Stachelbeeren, die sehr schön angefetzt hatten und eine reiche Grntc versprachen. dem Frost zum Opfer gefallen und fallen jetzt welk von den Büschen. Bohnen und Frühkartoffeln lassen ebenfalls ihre erfrorenen Blätter hängen.
Kreis Friedberg.
sf. Sriebbcrg, 18. Mai. Im Saale des Hotel Trapp sand gestern die feierliche Heberte idjung der Gesellenbriefe an 64 Prüflinge seitens des Bezirksausschusses für die Ortsgewerbevereine und Innungen statt. Der Vorsitzende des Ausschusses, Stadtverordneter Heß. begrüßte die zahlreich Erschienenen. besonders die Vertreter der Regierung, der Stadt und die sonstigen Ehrengäste. (Er konnte die erfreuliche Mitteilung machen, daß sämtliche 64 Prüflinge ihr Gramen bestanden haben, und betonte in einer weiteren Ansprache, daß zwar die praktischen Arbeiten im Durchschnitte gut ausgefallen sind, daß aber die theoretischen Leistungen noch sehr viel zu wünschen übrig liehen und daß man gezwungen wäre, in Zukunft in dieser Beziehung höhere Anforderungen zu stellen. Ramens des Kreisamtes richteten Regierungsrat Dr. Matze r, namens der Stadt Friedberg Beigeordneter Dr. Leuchtgens und namens der Gewerbeschule Gewerbelehrer Gerlach warme Worte an die Bestandenen: alle Redner betonten in ihren Ansprachen den hohen Wert des Handwerks und daß man immer mehr zu der .Ueberxeugung komme, daß die Handarbeit sowohl neben der geistigen Ausbildung und auch besonders neben der maschinellen Arbeit immer ihren Rang behaupten werde. Rach Austeilung der Gesellenbriefe an die jungen Gesellen ergriff der Syndikus der Handwerkskammer, Dr. Reif, das Wort: er wies in seinem Schlußworte darauf hin, welch hohen Rang in früheren Jahrhunderten das deutsche Handwerk eingenommen hätte, als noch wirkliche Meister und Künstler an der Spitze gestanden hätten, und gab der Üleberzeugung Ausdruck. daß das Handwerk sich in dem Kampfe zwischen Technik und Handarbeit auch heute noch durchsetzen tonne.
K Rosbach v. d.H., 18. Mai. Wenn von der Bergstraße und anderen bekannten Kirschengebieten von einem beispiellosen Kirschenjahr berichtet wird, so kann von unserem Orte, dessen berühmter Kirschberg die größte oberhes» sische Kirschenkultur ist, nur von einer guten Mittelernte die Rede sein. Die Ernte verspricht besser zu werden als im Vorjahre, ist aber keine Rekordernte. Das gilt auch von den Kirschenanlagen des benachbarten Ortes O ck st a d t, die sich ebenfalls durch vorzügliche Lage am Taunusrand auszeichnen. Am meisten versprechen die Frühroten und Hängroten, weniger gut fallen die späten Falterkirschen aus, die in erster Linie für Einmachzwecke in Frage kommen. Mit der „Frühen am Markt" erhoffte man für Pfingsten die erste Ernte. Die schlechte Witterung der letzten Tage hat aber gegen den Wunsch der Kirschbaumbesiher einen späteren Termin festgesetzt.
Kreis Büdingen.
nr Ridda, 18. Mai. Wohl im Hinblick auf das bevorstehende Gauturnfest sind die hiesigen Weißbinder über und über beschäftigt. Eine ganze Anzahl von Häu-
Pech.
Don A. P. Tschecho w.*)
Jljä Ssergejewitsch Peplow und seine Frau Kleopatra Petrowna standen an der Tür und hsrchten mit gespanntester Reugierde. Hinter der 2ür. im kleinen Salon, sollte nämlich eine Liebeserklärung vor sich gehen, und zwar zwischen ihrer *od)ter Rataschenka und dem Kreisschullehrer Stschupkin.
„Er beißt an!“ flüsterte Peplow. vor Unge» duld zitternd und sich die Hände reibend. „Also auf, Petrowna! Sobald er nur anfängt von Gefühlen zu reden, nimmst du das Heiligenbild c-sn der Wand uyd wir gehen hin und geben ihnen unfern Segen ... Wir überrumpeln sie einfach ... Haben wir sie einmal mit dem Heiligenbild gesegnet, so ist die Sache unauflösbar... Sr kann dann nicht mehr zurück, selbst wenn er fih ans Gericht wendet."
Hinter der Türe aber wurde folgendes ge- Ihcvchen:
„So hören Sie doch auf," sagte Stschupkin u-nb strich sich an seinen tarierten Beinkleidern «in Zündhölzchen an. „Ich hab' Ihnen wirklich gar keine Briefe geschrieben!"
.,3a, ja, reden Sie nur! Als ob mir Ihre Handschrift nicht bekannt wäre," sagte das junge Mdchen geziert lachend und sich unablässig im Spiegel betrachtend. „Ich hab' sie sofort erkannt! älitd wir merkwürdig Sie sind! Ein Lehrer der Kalligraphie und schreibt solche Krähenfüße! Wie fernen Sie andern das Schönschreiben beibringen, hxnn Sie selbst eine schlechte Schrift haben?"
„Hm!... Das will noch gar nichts heißen.
•) Wir entnehmen die kleine Skizze einem üralidj erschienenen neuen Bändchen der „Ro- oellenbücherei fürs deutsche Haus", das unter test Titel „Komisches und Tragikomisches" eine Auswahl der besten Humoresken des beliebten nrlfischen Schriftstellers gibt. Verlag Quelle & Meyer in Leipzig.
Sn der Kalligraphiestunde kommt es nicht so sehr auf die Handschrift an, wie darauf, daß die Schüler nicht so übermütig werden. Einem gibt man eins mit dem Lineal an den Kopf, den andern läßt man knien... Was heißt überhaupt Handschrift! Leeres Geschwätz! Nekrassow war ein Dichter, und man schämt sich geradezu, wenn man seine Schrift ansieht. Seinen gesammelten Werken liegt ja eine Rachbildung von seiner Handschrift bei."
„Das war Rekrössow, und dies sind Sie..." (Seufzer), „einen Schriftsteller würde ich mit Vergnügen heiraten. Er würde mir immer Gedichte zum Andenken schreiben!"
„Gedichte kann ich Ihnen auch schreiben, wenn Eie's wünschen."
„Worüber könnten Sie wohl schreiben?"
„Heber die Liebe ... über andere Gefühle ... über Ihre Augen.. Sie werden ganz hingerissen, wenn Sie's lesen; Tränen werden Ihnen kommen!... Wenn ich Ihnen nun so ein recht poetisches Gedicht schreibe, werden Sie mir dann erlauben, Ihr Händchen zu küssen?"
„Das ist noch was Rechtes! Das können Sie auch gleich haben."
Stschupkin sprang auf und beugte sich über bad rundliche, nach Cierseife duftende Händchen.
„Himm das Bild herunter!" sagte der alte Peplow hastig, seine Frau mit dem Ellenbogen stoßend. Er war vor Aufregung ganz blaß geworden und knöpfte sich eilig den Rock zu. „Komm! Was stehst du noch lange T*
And ohne eine Sekunde Zeit zu verlieren, riß Peplow die Tür zum Salon auf.
„Kinder..stammelte er mit bebender Stimme, die Arme emporhebend. „Der Herrgott segne euch, meine Kinder... Werdet glücklich, seid fruchtbar:... mehret euch ..
„ilnb.. . und meinen Segen habt ihr auch...“ Hel, vor Glück weinend, die bereits mit dem Heiligenbild herzugeeilte Mama ein. Werdet glücklich, meine teuren Kinder! Ach," — hier wandte sie sich an Stschupkin — „Sie berauben mich meines einzigen Kleinods! So lieben Sie
denn meine Tochter, tragen Sie sie auf Händen...“
Stschupkin sperrte vor Erstaunen und Schreck den Mund auf. Der Ansturm der Eltern kam so unverhofft und wurde so kühn geführt, daß er nicht ein einziges Wort hervorzubringen vermochte.
„Reingefallen! Umgarnt!“ dachte er nur, starr vor Entsetzen. „Run sitzt du drin, Bruder! Kommst nicht wieder heraus!" ilnö demütig, als ob er sagen wollte: Rehmt mich hin, ich bin besiegt! neigte er seinen Kopf.
„Ich fe—c—egne euch.. " wiederholte der Papa und weinte auch. „Ratäschenka, mein liebes Töchterchen ... stell' dich neben ihm hin ... Petrowna, gib das Heiligenbild her...!"
Sm nächsten Moment aber versiegten plötzlich feine Tränen. Aerger verzerrte sein Gesicht und böse rief er seiner Frau zu:
„Du dummes Schaf! Was hast du nur für CEtnö im Kops! Soll das ein Heiligenbild fein?“
»Ach, du mein li—ieber Herrgott!"
Was war geschehen?
Zaghaft richtete der Lehrer den Kopf in die Höhe und sah ... daß er gerettet war. Die Mutter hatte in der Eile und Aufregung anstatt des Heiligenbildes das Porträt des Schriftstellers Lashetschnikow von der Wand gerissen.
Der alte Peplow und seine Gemahlin Kleopatra Petrowna standen nun. das Porträt in den Händen, mit verblüfft-verlegenen Gesichtern ba unb wußten nicht, was sie beginnen oder sagen sollten.
Der Lehrer aber machte sich ihre Verwirrung zunutze und lief davon.
Die Wölfe der Flüsse.
Man nennt bisweilen den Hecht den „Tiger der Flüsse“, und diese Bezeichnung hat ihre Berechtigung, wenn man die Wildheit und Grausamkeit beobachtet, mit denen diese Raubfische die schwächeren Bewohner der Hnterwasserwelt
angreifen und zerreißen. Aber mit größerem Rttht könnte man die Aale die Wölfe der Flüsse nennen, denn sie sind viel gefräßiger als die Hechte und ihrer Deute gegenüber no<b viel hartnäckiger und erbarmungsloser. Die Aale fressen tatsächlich alles, Fische. Fleisch, Insekten, und nichts entgeht ihrer Gefräßigkeit, von der Spinne bis zum toten Hund. Unablässig machen sie auf alle Fischarten Jagd, verschlingen ihren Laich und stöbern die Jungfische in ihren Verstecken unter Steinen unb Gräsern auf. Die größte Aehnlichkeit mit dem Wolf erhält der Aal aber dadurch, daß er der einzige Fisch der mitteleuropäischen Gewässer ist der seine Deute in Rudeln jagt. Zwar geht der Aal auch — ebenso wie der Wolf — einzeln auf Raub aus, aber wenn das Opfer für den einzelnen Aal zu stark ist, dann verbinden sich mehrere Tiere zum gemeinsamen Angriff. Ein anschauliches Bild von diesen Raubzügen der „Fluß- wölfe" entwirft ein englischer Zoologe. „In einigen Flüssen werden die Lachse von einer Krankheit ergriffen,“ schreibt er. „die sich in schwammigen Flecken auf dem Körper äußern. Der kranke Fisch ist natürlich nicht so stark wie der gesunde, und die Aale haben es bald heraus, daß diese Lachse ihnen nicht so lange Widerstand leisten können. Die Rachricht davon verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Gewässer. Zuerst nähern sich 2 oder 3 Aale dem Lachs von hinten und beißen ihn in die Flossen. Der größere Fische schüttelt die Angreifer ab, aber sofort folgen ihm die Aale, indem sie ihre Rasen wie Wölfe gebrauchen, die einer Fährte nachspüren. Allmählich wächst die Zahl der Angreifer immer mehr. Ein ganzes Rudel von Aalen umgibt den kranken Lachs: sie treiben ihn vom tiefen Wasser nach den seichteren Ufern und werden immer kühner: sie geben dem unglücklichen Opfer nicht einen Augenblick Ruhe, beißen ihn immer heftiger, bis er schließlich den unzähligen Wunden erliegt und sich das Aalrudel gierig auf den toten Körper stürzen


