Ausgabe 
19.4.1926
 
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von Jarno , I ~wiy~

Nr. 90 Sroeifes Blatt

Außenpolitische Umschau.

Don Pros. Dr. Otto Hoetzsch, M. d. R.

Die Staatsmänner Europas, die nach der Ostfr- (taufe die Geschäfte wieder ausnahmen, können darin ebenfalls einig fein, daß der Sommer in her Außenpolitik alles andere als einfach und ruhig per- ausen wird. Je mehr man sich von dem Genfer Schluß-Bankerott entfernt, um so deutlicher wird, velche Krise im Völkerbund dieser Ausgang auf» zerührt hat, und wie ratlos man in Genf, in Con­lon, in Paris, und wo man sich sonst für den Bölkerbund interessiert, dem weiteren gegenüber, loht. In und nach Gens hat die Leitung des Völ­kerbundes man muß einen so allgemeinen Aus- irutf nehmen, denn man kann gar nicht sagen, wer -igentlid) die Politik des Völkerbundes im ganzen »nacht und bestimmt eine erstaunliche Zersah­en h e i t, Programm- und Regielosigkeit, ja ein» ach Unfähigkeit bewiesen. Das gilt für die Jorbereitung auf Genf. Das gilt für das Verhalten gegenüber Nordamerika und dessen Ablehnung einer Genfer Einladung zur Erörterung )er amerikanischen Vorbehalte in Sachen des Haager Gerichtshofes! Das gilt für das Verhalten gegen­über Rußland es ist nicht gelungen, dessen Konflikt mit der Schweiz auszugleichen, Rußland »leibt den Völkerbundskonferenzen des Sommers, nenigftens nach der augenblicklichen Lage. fern. Das »ilt für das Verhalten in der für den Völkerbund zentralen Frage: Erweiterung ober Umgestaltung les Dölke-rbundsrates?

Wenn bem fo ist, so liegt bas nicht nur an den beteiligten Personen. Das liegt in ber Sache selbst: «ine eigene aktive Politik kann ber Dölkerbunb überhaupt nicht machen. Das Reelle, das Entschei- tenbe, bas Aktive bleiben bie Beziehungen ber Mächte, ber Mächtegruppen unter- und zueinander. Das Reelle ist bas System ber Bünbnis-, ber Schieds- unb Sicherheitsverträge. Der Locarnopakt 6at sich, von Gens zunächst einmal gelöst, behauptet. Der neue polnisch-rumänische Vertrag vom März, Der ben alten von 1921 erneuert, aber zugleich ver- enbert, ist, wie bie in Locarno geschlossenen Oft» Verträge Frankreichs bem Völkerbunb (Art. 10 unll 16)abaptiert, also abgeschwächt, bem Locarno- system angenähert, aber trog der Anpassung an den Völkerbund ein selbständiger Vertrag. In der Klei­nen Entente und auf dem Balkan arbeitet der Schiedsgerichts- und Sicherheitsgedanke weiter, frei­lich noch weit vom Ergebnis. Graf Skrznnfki hat foeben in Prag und Wien weitere Verbindungen Fiergcftellt, wie das Benefch in dem Vertrag mit der Tschechoslowakei gelungen ist usw.

Der Völkerbund und fein Rat soll über alledem ja Dach unb Krönung, gewissermaßen politi» I cf) e s(S l e a r i n g" ».() a u s" sein, von bem bis­her Kraft, einen eigenen Willen durchzusetzen eigent- fid) nur ausging, wenn eine bestimmte Mächte­gruppe ihren Willen burchsetzte (Oberschlesien!). Denn auch der .Korfufall oder der letzte griechisch- bulgarische Konflikt waren doch noch keine impo- fönten Betätigungen eines Eigenwillens und eigener Kraft dieserGesellschaft der Nationen". In ihr aber rumort und gärt nun die ganze Unklarheit der Or­ganisation, die ebenso an irgend etwas anderem Hütte ausbrechen können als am Eintritt Deutsch, lanbs. Die Oligarchie der Großmächte und die De- rrofratie der kleineren und kleinsten Mitgliedsstaaten rümpfen miteinander, erschüttern das Gefüge des Bundes, drohen, ihn lahmzulegen, vielleicht zu sprengen das ift ber Sinn bes Kampfes um ben Bölkerbunbsrat!

Damit soll sich vom 10. Mai an eine Stu bi en- r ommf ff Ion beschäftigen: die 10 Mächte des Rates unb die vier dazu gewählten, Argentinien, O"f)ina, Deutschland, die Schweiz, darunter also ein

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-üchtmitglied des Bundes. Auch nur allgemeine Linien eines Arbeitsprogramms dieser Kommission sind nicht zu erkennen, sichernd; noch gar nicht vor­handen. Um sie geht, soweit Europa in Frage steht, Die Hauptarbeit der großen Politik in den nächsten Kochen, vermutlich Monaten. Werden Abrüstungs- itnb Wirtschaftskonferenz dahinter ganz zurück- stehen? Wird bie Kommission im Mai, ber Rat im Juni eine Losung finben, bie für bie Bundesver­sammlung im September brauchbar ist? Wird,die Versammlung im September vor derselben Schwie­rigkeit und Krise stehen, wie im März? Die Aeuße- mngen Vanderveldes imVorwärts" (4. April) zeigten, wie man in Dölkerbundskreifen auf sehr negative Ausgänge gefaßt ist.

In Deutschland soll man diese Situation lehr ruhig unb ausschließlich nach unserem eigensten Interesse beurteilen unb banach bie nötigen Ent­schlüsse fassen. Die Einlabung an Deutschland, an der Studienkommission sich zu betätigen, ist er­gangen. Wie die Dinge nun einmal gelaufen sind, hat Deutschland sie grundsätzlich nicht ablehnen fonnen. Aber es wird noch klarstellen müssen, wie diese selber gedacht ist (beratend? beschließend?), wie - ---------------------------

Die Körperschulung schwächlicher Kinder.

Don Dr. Otto Wiese,

Ein armes Volk muß sich auch in den akuten Fragen der Volksgesundheit, fo bedauerlich es ist, zwangsläufig Befchränkungen auferlegen. Daher sollten in erster Linie die Wege gebahnt werden, bie, ohne große Mittel zu erfordern, dennoch zu einem erstrebenswerten Ziele führen.

Ein sehr wunder Punkt In unseren sozialhygie- mfdjen Maßnahmen ist die Fürsorge für unsere Schwächlinge, d. h. Kinder, die, ohne organisch krank yi sein, durch ihren körperlichen Zustand einen wenig erfreulichen Anblick bieten. Für unsere kör­perlich normale Jugend brauchen wir uns keine so zwße Sorgen zu machen: ihr sind die Leibesübungen i» Herzenssache geworden, daß die gewaltig ange­schwellte Begeisterung für Körperschulung in Licht unb Luft unb Sonne alle Zögernden mit sich fort- reiften wird! Was aber geschieht für unsere Sor­genkinder? Die Schwächlinge oder aber das ebensowenig erfreuliche Gegenteil die aufgeschwemm- t<n,dicken" Kinder? Auch heute noch ist dasdicke Rinb" das Schönheitsideal mancher Mutter und manchen Vaters! Sie sehen nicht, daß ihr Kind sich zu einem leistungsunfähigen Fettling entwickelt, faul unb träge wird unb alle Aussichten auf eine ge­ringere Widerstandskraft und ein beschwerdenreiches Ulter" erwirbt.Nicht Zucht zur Mast, sondern Zucht zur Leistung" muft die Losung fein. Fort von der Kilogrammpsychose, die schon fo manchen Körper verdorben hat. Die Beobachtung im täglichen Leben sollte uns schon zur Genüge darüber belehrt haben, wer widerstandsfähiger ist, der übermäßig dicke Körper oder ter normale!

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhefsen)

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eigentlid) feine Rolle in ber Kommission gebodH ist, wie weit ihr Arbeitskreis gezogen fein soll (nur Rats- enpeiterung ober auch Geschäftsordnungsfragen Einstimmigkeit?!) ufro. Es wirb weiter bie absolute Freiheit seines Handelns und feiner Entschlüße zu betonen unb festzustellen haben, wobei sich wieder zeigt, wie schädlich es war und sein kann, daß Deutschland jein Aufnahmegesuch nicht formell zu- rückgenomme.i hat. Unb es muß nun ernstlich Vor- bebingungen unb Vorbehalte bereinigen, bie schon vor Locarno unb in Gern hätten vollstänbig in Ord­nung gebracht fein müssen. Wir denken natürlich an die Militärkontrolle ui.b alles in diesen ganzen Zusammenhang Gehöriges und oft Erörtertes.

Blicken wir für die Verhandlungen um den Däl- terbunbsrat unb bie ganze darin beschlossene Politik, auf die andere Seite, so liegen da die hauptsäch lichsten problematischen Momente in der fran» zösischen und in der italienischen Politik. Das Ministerium Briand hat Hwar am 5. April das ganze Finanzprojelt mit großen Mehrheiten votiert erhalten. Aber das ist weder die Sanierung der französischen Finanzen, noch die Lösung einer schwelenden innerpolitischen Krise. Die Außenpolitik Frankreichs ruht auf der Entschlossenheit des Kar- tells der Linken (300 gegen 180 Stimmen roh ge­sprochen) eben in dieser Außenpolitik vom 11. Mai 1924, unb sie hängt persönlich ausschließlich an Briand. Beides sind starke Faktoren. Aber sind sie unerschütterlich und unerschüttert? Innenpolitisch

ziehen ihre Furchen durch bas Meer, bas untere 'Ahnen ..mare nostrum nannten, unb das verschie­dene unb ferne ßänber bespült, alle aber mit dem unvergänglichen Gepräge Roms! Dieses Gefolge eskortiert denDuce" des neuen Italiens, bas ohne Prahlerei, aber mit dem aus feinem guten Recht flammenben Willen feinen Platz in dieser schlecht verteilten Welt fordert".

Kein Staat tonnte lebhafter wünschen, baß Ita­lien diesen Platz finde, als bas Deutsche Reich van 1914, kann das aufrichtiger und jetzt noch stärker daran interessiert wünschen als das Deutsche Reich von heute. Wer nach der Begründung dafür ver- langt, der studiere den Meinungsaustausch zwischen Bismarck und Crispi! Aber wir wollen nicht, alte Wunden aufreißend, fo nahe es läge, des Kriegs- entschluffes Italiens nach der anderen Seite hin. in dieser Beleuchtung gedenken. Hat die italienische große Politik zwischen dem läge von Viktoria De- neto unb Mussolinis jetziger Ausfahrt Willen und Schöpferkraft zu positivem Erfolg für sich selbst irgendwie bewiesen?

Mit dieser romantischen Tripolisfahrt werden weder die Frage der Kolonialmandate, noch die von langer, Tunis oder Marokko, noch die der Levante unb des nahen Orients irgendwie so angepaßt, daß realpolitisch etwas herauskommen könnte. Soll denn Zweck unb Erfolg lebiglich esin, ähnlich wie die Fühler ber letzten Wochen aus Rom gegen bie ein­gebildete Gefahr des deutsch-österreichischen Anschlus­

Das lachende Haus

bsüteli sich der Roman von (Sophie Kioers, nni dessen Abdruck im Gießener Anzeiger gegen E,-de dieser Woche begonnen wird.

' Besteller sürMai erhallen die Nummern bis Ende April kostenlos ins Haus geliefert.

sind sie es sicher nicht! Das Ministerium laviert, machte die Finanzgejetze mit bürgerlichen Stim­men, mit der Mitte und rechts, und andererseits unterstützten Radikale, d. h. bürgerliche, die Wahl von zwei Kommunisten in einer Nachwahl in Paris! Das sind pichen einer unruhigen, unausgeglichenen, ja gespannten inneren Lage. Ob es im Laufe des Sommers weiter nad; rechts geht und ob, was für uns in Europa das Wichtigste ist, das auch auf die Außenpolitik zurückschlägt, davon wird auch ab­hängen, wie die Völkerbundsfrage im Sommer weiterläuft. Heute spricht noch alles dafür, daß die außenpolitische Linie Herriot-Painlevö-Driand auch weiter bei allen Veränderungen im Innern ein­gehalten werden wird. Aber man wird gut tun, sich vor Ueberraschungen auch aus Frankreich nicht allzu sicher zu fühlen.

Noch mehr gilt das für I t a l i c n. Was ist heute Italiens Völkerbundspolitik? Was will Italiens Außenpolitik heute überhaupt? Im Südosten hat sich allerlei Bemerkenswertes vollzogen: Sturz bes Ka­binetts Bratianu am 27. März nach vier Jahren ber Herrschaft unb ber Mißerfolge unb Ersaß burch ein zweites Kabinett Averescu mit sehr unbestimmten Aussichten Wahl bes griechischen Diktators Pangalos am 4. April zum Präsibenten Rück­tritt bes Kabinetts Baschitsch am 4. April unb bie Neudilbung, die aber die letztes Jahr erreichte ser­bisch-kroatische Versöhnung unb Zusammenarbeit nicht bebroht unb auflöst. Europapolitisch regt eine solche Auszählung vornehmlich immer wieder die Frage an, wie es eigentlich mit der großen Politik Italiens steht.

Kraft und Schwung, mit denen Mussolini, ein wahnsinniges unb Derabfdjeuungsmürbiges Attentat überminbenb, am 9. seine große Fahrt nach Tripolis antrat, sind schlechthin imposant. Und daß Italien so seine Flagge zeigt, fein Recht auf Kolonialbesitz betont, ist wahrhaftig sein gutes Recht, ein Staat mit dieser Dolkskraft, diesem Bevölkerungsüberschuß, der jetzt zumeist im Lande bleibend den faszistischen Staat lebensvoll durchblutet, dieser wirtschaftlichen Entwicklung namentlich im Norden und in ber Mitte! Ader wir finb zu nüchtern, um uns unter einer Begleitmusik wie dieser (die Sätze sind demTeuere" entnommen) realpolitisch für jetzt und morgen etwas denken zu können. Danach soll diese Reise feinbie Einleitung ber italienischen Kolonial geschichte, bie ganz unb gar in ber Zukunft liegt. 15 Kriegsschiffe

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Unb nun bie sogenanntenschwachen Kinder", bas große Heer berkonstitutionell Minder- roertigen, bie lang aufgeschossenen, schmalen Schwächlinge", Kinder, denen meist eine Tuber­kulose angehängt wird, wo keine ist, die zahlreichen Kinder mit sogenanntenschwachen Herzen", was geschieht unb geschah mit ihnen? Wir geben ihnen Steine statt Brot. Anstatt sie nach sorgfältigster ärzllicher Auswahl in eine befonbere Leistungs­schulung zu nehmen, w erben sie burch Attestege­kräftigt", vom Turnen befreit unb ängstlich vor jeber körperlichen Betätigunggehütet". Allenfalls sucht man ihre Freude an Körperschulung zu wecken durch das zuschauende Herumstehenlassen in frostigen unb staubigen Turnhallen, burch bas Halten ber Springschnur unb andere schöne Dinge mehr! Die unerbittliche Folge? Die armen Geschöpfe ver- kümmerten noch mehr. Statt sich zuer- holen", wurden sie immer elender! Das ewige Schonungsgetue ihrer Umgebung machte schwere Neuropathen aus ihnen, züchtete zukünftige Renten- und Genesungsheimkandidaten mit chro­nischer Unzufriedenheit und Wehleidigkeit groß und enthielt diesen armen Produktenwohlüberlegter Erziehungskunst" die größte Kostbarkeit des Le­bens vor.

Seit Jahren weife ich auf diese Mißstände hin, bisher mit recht geringem Erfolg. Es kann unb barf aber so nicht weitergehen! Wenn ich aus warmem Herzen gegen biese Mißstände zu Felde ziehe, so tue ich es, well mir langjährige Arbeit bie Erfahrung, die UeberAeugung, das Recht und die Pflicht gegeben hat, den ginget in die offene Wunde zu legen.

Sechsjährige Arbeit hat mir eindrucksvoll ge­zeigt, wie unendlich viel wir gerade denSchwäch­lingen" unter unseren Kindern mit sorgsam aus» j gewählten Leibesübungen in Luft und Licht unb «onne bei entblößtem Körper geben können. Wie | wir leistungsfähige Menschenkinder mit Frohsinn

ses, wenn Deutschland glücklich im Völkerbund sein und die Frage der kolonialen Mandate zur Erörte­rung tönernen sollte, |id; mit einem italienischen Dor- anspruch gewissermaßen querzulegen?

Gerade wer fühlt, wie sich heute burd; bie all­gemeinen Sätze. Verbindungen, Unwahrheiten unb Phrasen bes Völkerbundes ein neues europäisches Staatensystem wieder burdjarbeitet, ber be­bauen es hoppelt, daß auch bas saszistische Italien, bie britte Großmacht Europas, aus der Allgemein­heit und Rhetorik begeisternder geschichtlicher An­sprüche nicht bie einfache unb große Linie des außenpolitischen Wollens findet, in der die ihm Au- kommenden unb ebenso für Europas Gleichgewicht erwünschten Erfolge allein liegen würben!

Die ArbettszetLirage als internationale Frage.

Don Wilhelm Fecht.

Tatsache und Ergebnis ber Londoner Ar­beitszeitkonferenz sind in Deutschland eigentüm» licherweise ohne große Kommentare hingenom- men worden. Auch im Arbeitgcberlager wurden bisher große Erörterungen darüber nicht geinacht. Man hat zwar in der deutschen Oeffentlichleit über die Ergebnisse der Konferenz berichtet, aber damit war meistens die Frage erledigt. Aun mag zugegeben sein, daß die Vorgänge in Genf mit Recht stärkste Aufmerksamkeit erforderten und infolgedessen die gleichzeitigen Vorgänge in Lon­don zurücltraten. Aber auch das rechtfertigt diese Zurückhaltung nicht ganz. Denn schließlich han­delte es sich hierbei ebenfalls um internationale Verhandlungen, die sehr große wirtschaftliche Dindungen zur Folge haben konnten und außer­dem durch bie Teilnahme der Arbeitsministrr mehrerer europäischer Staaten ein völliges Ro- vui i in ber internationalen Sozialpolitik dar­stellten.

Internationale Sozialpolitik kann ohne Zwei­fel sozialpolitische Fortschritte zeitigen, gegebenen­falls sogar allein rechtfertigen. Sie wird aber immer ihr Ende an nationalen Notwendigkeiten finden müssen. Dabei ist fast nichts so zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern auf sozialem Gebiet umstritten, wie eben das Arbeitszeitpro- blem. 3a man kann ruhig sagen, fast auf keinem

unb Selbstvertrauen aus körperlichen Kümmer­lingen, aus seelisch vereinsamten unb unfrohen Ge­schöpfen machen können. So werben wir auch ge­rade bei diesen Jugendlichen den sonst bald keimen- den Neigungen zu den Schattenseiten des Lebens am wirksamsten entgegentreten können. Die un­geheuren Kosten unserer sozialen Fürsorge werden sich bet allgemeiner Durchführung der Leistungs­erziehung der Schwächlinge wesentlich verringern lassen, die teure Versendung in Genesungsheime wird auf unbedingt notwendige Fälle erheblich ein­geschränkt werden können. Meine Forderung, die Schwächlinge in den Schulen aus den verschiedenen Klassen in einerHellturngruppe" zusammenzu- fasfen, ist leicht zu erfüllen! Auch heute! Die Kosten sind gering, fast null, bei gutem Willen die Durch­führung wohl überall möglich: was in einer kleinen, armen Kreisstadt geht, muß sich auch anderweitig durchführen lassen. Wird der Schularzt und die Leh­rerschaft, in Sonderheit die Turnlehrer, in richtiger Weise für den Gedanken interessiert, so werden nennenswerte Schwierigkeiten nicht entgegenstehen: vielleicht wird sogar dasSchwächlingsturnen" mit besserem Erfolg an die Stelle des vielbesprochenen orthopädischen" Turnens in den Schulen treten können. Für jede Schulklasse eine Sondergruppe zu schaffen, ist nicht nötig! Altersunterschiede spielen nach meiner Erfahrung keine Rolle. Die Zahl der Hellturngruppen" richtet sich nach der derSchwäch- linge". Das Geräteturnen fällt zweckmäßig bei diesen Gruppen aus. Soweit wie möglich, sind die Hebun­gen in der Badehose, bei Mädchen im Luftanzug im Freien vorzunehmen. Ein besonderesSy­stem" zu bevorzugen, ist nicht nötig, empfiehlt sich auch nicht. Jede Hebung muft aber in ihrem Endziel physiologisch durchdacht sein. Je einfacher, desto besser!

Nochmals betont werden muft, um Schäden zu vermeiden, sorgfältigste Auswahl der Linder und

Montag, (9. April 1926

sozialpolitischem Gebiet, vielleicht abgesehen von der Lohnfrage, platzen die Interessengegensätze so ungehemmt auseinander wie bei der Arbeitszeit.

Seit London ist die Arbeitszeit nicht nur ein Problem nationaler, sondern auch ein solches internationaler Polin! Sie tritt dadurch neben der Handeisvertragspolitik zu den außenpoliti­schen Problemen der Gegenwart. Urner diesem Gesicht-punkt bat auch dieKo nisch: Zeitung" die Arbeitszritfrage kürzlich in einem beachtens­werten Leitartikel behandelt. C.e führte aus, das Arbeitsproblem fei seit London ein Ver­handlungsobjekt von Staat zu S aat. Darin sieht sie einen Sieg sozialistisa er Auffa jung, der durch den Versailler Friedcnsvertrag und d e Völker- bundsorganüa.ion ermöglicht v.v b?. Es sei ein geschickter Schachzug der VerbandS:: ach.e re ccn, den Versailler Vertrag mit einigen Trop en sozialen Oels zu falben, weil dadurch der So­zialismus weitgehend zum Verbündeten ber Ver- bandsmächte und des Völkerbundes gestempelt wurde. Wenn es sich auch nur um eine große Geste handelt, die Geste lei geschickt und groß­zügig. Mit dieser Politik versuchten die Ver- bandsmächte, die öffentliche Meinung der We t zu beeinflußen, die Zeitströtnungen aus unützen und die aufstrebenden demokcati cyen Mafien mit ihrer Ideologie zu verpilichten. Der So iaiiömus seinerseits habe diese .Karte wieder voll au5- gespielt, denn heute teilten weite Kreise in a;'.en Industrieländern die Auffassung, daß rückständige Arbeilszeitregelungen zum Degriss des Dum­pings gehören. Cs mache den Eindruck, als ob Deutschland auch auf diesem Gebiet von einer Einkreisungspolitik bedroht sei, die trotz seiner hervorragenden sozialen Leistungen zu erner Iso­lierung führen müßten, in dem Augenblick, wo Deutschland dem Arbeitszeickon;ern der anderen Staaten nicht beitrete. Wie solle Deutschsand sich dazu verhallen? Die eine deutsche Aulfas, -:g, von gesundem Mißtrauen gereift, lehnt den Internationalismus ab und sieht in der Arbeits­zeit einen ausschlaggebenden Produkkion-fa.' or, der nicht einmal national-schema isch geregelt ü. er­den kann. Diese Aufsas ung wäre die Grundlage einer gesunden Arbeitszeitpolilik, nur habe sie einen z u engen Gesichtskreis denn sie berücksichtige nicht das politische und psychologische weltpolitische M 0 - ment. Hierbei handele es sich um dasselbe Problem wie vor dem Kriege auf der Haager Friedenskonferenz, wo Deutschland zu einseing, ehrlich und nüchtern bi? großen inlemationaicn Schlag'rorte nicht benutz.e und insolgede sen mit einer starken nachhaüi en Belastung in der West­meinung nach Hause ging.

Aus die'en Darlegungen ergibt sich, daß bas Arbeitszeiiproblem heute lein rein sozialpoii i- sches, sondern zu einer politischen ,;ra'.e von in.emotionaler Bedeutung geworden ist.

Bevor wir aber auf diese Darlegung selbst eingehen, sei unsere eigene Auffassung zum Ar­beitszeitproblem kurz dargetan. Die Lösung der Arbeitszeitfrage durch den schematischen Acht­stundentag im Sinne sozialdemokratischer Agi­tation suchen zu wollen, ist sozialpolitischer Aln- sinn. Eben solcher ilnfüm, wie wenn man die Lohnfrage unter dem Gesichtspunkt lösen wollte, alle Arbeitnehmer müßten gleiche Bezahlung er­halten, weil die Magenfrage für alle Mensöien gleich ist. Wir stehen also dem Arbeilszeil- problem nicht auf dem Standpunkt falsch ver­standener ideologischer Einstellung gegenüber. Trotzdein halten wir die Ausführungen derKöl­nischen Zeitung" für beachtenswert. Die Er­örterung darüber ist wünschenswert, ob sich beim Arbeitszeitproblem nicht die Aotwendigkeit einer ähnlichen Behandlung ergibt, wie sie teilweise beim Völkerbundsproblem erforderlich ist. Auch dort halten wir die ideologische Idee der Vo^er- verbrüderung für Unfinn, wählen aber die v'c« teiligung am Völkerbund als kleineres Hebel, weil wir bei diesem Schachergeschäst politisier Interessen dabei sein wollen.

Genau so können außenpolikisd-e Gesichts­punkte bei der Behandlung des Arbeitszeit- Problems nicht außer Acht gelassen werden. Aber selbst dann ist das nicht nebensächlich, ob die in London getroffenen Abmachungen bei einer et­waigen Ratifikation eine Regelung darstellen, die wirtschaftlich in Kauf genommen werden kann. Auch eine solche Ratifikation würde ohne Zweifel gewisse Hnannehmlichkeiten bringen. Das soll und darf nickt verschwiegen werden, andererseits werden die Ausführungsbeskimmungen der Lon­doner Regelung aud) deutschen Wünschen gerecht, insbesondere solange unsere Sonderbela­stung durch das Dawesgutachten be­steht. Heberhaupt hängt der Dawesplan mit der praktischen Durchführung des- Londoner Ab­kommens eng zusammen. Erst eine für Deutsch­land annehmbare Revision des Dawes-

fad)Derfiänöine Ucbcrmoajung des Unterrichts durch den Arzt. Die Zusammenarbeit eines Arztes mit Körpergefühl" und Kenntnis der Leibesübungen mit einem Turnlehrer, der sich mit warmem Herzen dieser Sonderausgabe widmet, muft zu einem er­folgreichen Endergebnis führen. Pflicht der Schule aber ift es, hier den Weg zu ebnen: hat f:e doch gerade vieles wieder gut zu machen, um d:s körperliche Entwicklungsziel unserer Kinder zu fer- dern, die unnatürliche Wachstumskurve wieder in eine natürliche zu verwandeln, die durch den Schul­betrieb hochgezüchtete Konkurrenz des Gehirns zum übrigen Körper wieder in ein normales Verhältnis zu bringen und die zahlreichen Schulschäden (z. B, die Sitzschäden, den flachen Rundrücken der Schul­kinder usw.) wieder auszugleichen. Auch die sog. höheren" Sd-ulen haben noch manches gut zu machen, gerade bei hinen liegt noch vieles im Argen, das Idealbild des klassischenGymnasion" finden wir in ihnen kaum wieder. Mit unendlichen Massen von Wissensstoff beladen, gehen unsere jungen «Renschen vielfach als körperliche Kümmerlinge hinaus, statt als aufrechte, kraftvolle Persönlichkeiten unver- braucht dem Leben gegenüberzutreten. Zweckmäßig betriebene Leibesübungen mindern die Gefahren des Reifealtcrs auf ein Geringes herab! Was nutzt uns all unser Wissen, wenn wir an Leib und Seele widerstandslos als Schwächlinge und Neurastheniker auf den Kampfplatz des Lebens treten!

Durch zielbewußte Gymnastik können wir auch aus Schwächlingen kräftige, leistungsfähige und brauchbare Menschen machen, den Körper stählen und Krankheiten vermeiden, dem Würgengel der Tuberkulose wirksamer entgegentreten. Drum gebt unseren Kindern, und gerade den körperlich Schwa­chen unter ihnen, eine sinngemäße Körperschulung in Luft und Licht und Sonne, zum Wohl chres Körpers, zum Hell chrer Seele!