Nr. 244 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
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Montag, 18. Gttober 1926
Völkerbund und nationale Minderheiten.
Von Dr. Fritz Mittelmann, M. d. R.
Zu einer Zeit, als man in Deutschland noch ziemlich allgemein dem DöVerbünde und lernen Einrichtungen durchaus ablehnend gegenüberstand, legten bereits die deutschen Minderhettcn in immer dringlicherer Form dar, welchen entscheidenden Wert sie von ihrem Standpunkte aus auf Sie Mitwirkung Deutschlands in dem Bunde von Gens legten. Der Gedance, her fi'f bei ihren Vorstellungen leitete war ofscnsichtlich der, das) Deutschland nach Aufnahme in den Völkerbund und als Ratsrnttglred m der Lage sein würde, sich in viel ihrer Interessen anzunehmen als dies ohne Mitwirkung Deutschlands in dieser Körperschaft der Fall sein könnte.
Nachdem Deutschland nunmehr Mitglied des Völkerbundes geworden ist und Sitz und Stimme im Rate desselben innehat. tritt naturgemäß die Minderheitenfrage in den Vordergrund des politischen Interesses. Diese Frage ist für die Heraufführung und die Sicherung eines wahren Völker- friedens die wichtigste, die es im politischen Leben der Gegenwart in Europa überhaupt gibt, und an ihrer gedeihlichen Lösung mitzuarbeiten, sollte Pflicht aller in Frage kommenden Nationen sein. Gibt es dvch in dem Europa, wie es nach dem Weltkriege geworden ist, nicht weniger ai8 40 Millionen Angehörige von Minderheiten, das heißt also erheblich mehr als es im Iahre 1914 der Fall war. An diesen Minderheiten ist D e u t s ch l a n d mit rund ■ 10 Millionen seiner Stammesgenossen beteiligt, selbstverständlich ohne die Deutschen in Oesterreich?- da diese ja keine Minderheit darstellen, sondern vielmehr die absolute Mehrheit in ihrem Staate bilden.
Wie stellt sich nun der Völkerbund zu diesen nationalen Minderheiten? Die Satzung des Völkerbundes enthält keinerlei Bestimmung über diese Materie, im Gegensatz zu dem ursprünglichen Entwurf Wilsons, der weitgehende Rechte in dieser Hinsicht vorsah. Unter Ziffer VI der ergänzenden Abmachungen zum ursprünglichen Entwurf der Bundessahung des Völkerbundes, wie er der amerikanischen Kommission am 10. Ianuar 1919 vorgelegt wurde, hieß es wörtlich: „Der Völkerbund soll alle neuen Staaten veranlassen, sich zu verpflichten, daß sie allen Minderheiten der Nation und der Rasse innerhalb ihrer verschiedenen Iurisdiktionen genau die gleiche Behandlung und Sicherheit sowohl gesetzlich wie praktisch angedeihen lassen, die der Mehrheit der Nation und der Rasse ihres Volkes gewährt wird: dies ist die Vorbedingung ihrer Anerkennung als unabhängige oder autonome Staaten." Dieser oder ein ähnlicher Passus fehlt bezeichnenderweise in dem zum Beschluß erhobenen endgültigen Statut des Völkerbundes. Wohl aber befinden sich im Versailler Fri e den s v ert r a g, und zwar in den Artikeln 86 und 93. Bestimmungen, die die Verpflichtung Polens sowie der Tschechoslowakei zum Abschluß von Minderheits- schuhverträgen festlegen. Der am 28. Iuni 1919 in Versailles zwischen den Vereinigten Staaten, England. Frankreich, Italien. Iap-an und Polen abgeschlossene Vertrag stellt den ersten nach dem Weltkriege errichteten Minderheitenschuhvertrag, dar. der unter die Garantie des Döllerbundes gestellt wurde. Dieser Vertrag, nach dessen Muster auch derjenige rnit.der T s ch e ch 0 - 1 5owakei sowie einer ganzen Reihe von anderen Staaten abgeschlossen wurde, ist gewissermaßen der Mustervertrag für den gellenden internationalen Minderheitenschutz durch den Völker- bund und verdient als solcher entsprechend gewürdigt zu werden.
Der materielle Inhalt dieses Vertrages wird den berechtigten Ansprüchen der in Polen lebenden nationalen Minderheiten vollauf gerecht insbesondere auch der deutschen Minderheit der in Artikel 9 ganz besondere, nur für sie bestimmte Rechte hinsichtlich des öffentlichen Unterrichtes eingeräumt werden. Der grundlegende Artikel des ganzen Vertrages ist der Artiiel 2, der folgendermaßen lautet: „Die polnische Regierung verpflichtet sich, allen Einwohnern ohne Unterschied der Geburt, der Ratio- nalität, der Sprache, der Rasse und der Religion vollen Schuh ihres Lebens und ihrer Freiheit zu bewilligen. Alle Einwohner Polens haben
Line 5tunde mit R. M. Rilke.
„Einer Annäherung gegenüber ist er der zurück- h'altendfte und schwierigste Mensch, den es geben kann. Wer wenn es Ihnen nur ein wenig gelungen ist, diese Mischung von Schüchternheit und äußerster Höflichkeit, mit der er sein inneres Leben wie mit einer Schutzhülle umgibt, zu durchdringen, so werden Sie in ihm den ungewöhnlichsten und köstlichsten Plauderer entdecken, einen Menschen, der sich auf der Grenze zwischen dem Wirklichen und dem Geträumten befindet. .
Mit diesen Worten leitete Maurice Sch, der llebersetzer Rilkes, die Schilderung der Begegnung ein, die zwischen dem Dichter und dem Chefredakteur der so rasch berühmt gewordenen „Nou- velles littsraires", Frädärik L e f ö v r e, vor einem Jahre in einem stillen und abgelegenen Restaurant des Montmartre stattfand, über die dieser aber erst jetzt einen Bericht in seiner Zeitschrift veröffentlicht. Es find darin zahlreiche Bemerkungen des Dichters über sich und sein Schaffen wiedergegeben, die auch für die intimsten Kenner seines Wesens und Dichtens neu find, so daß ein Auszug aus diesen Gesprächen den Freunden des Dichters willkommen fein wird.
Mit fünfundzwanzig Jahren lernt Rilke Russisch und übersetzt, einfach zur Hebung, einen Roman von D 0 st 0 jewski, der ihn begeistert hat, eine lieber« setzung, die übrigens Manuskript geblieben ist. Dann lernt er während einiger Aufenthalte in Dänemark, Norwegen, Italien und Spanien die Sprache dieser Länder, macht sich mit ihren Literaturen vertraut und überträgt Werke, die ihn anziehen: Gedichte von Jens Peter Jacobsen, Sonette von Michelangelo und aus dem Portugiesischen die Briese der Nonne Marianna Alcoforado.
„Seltsame Tatsache," sagt Rilke, „ich habe in wenigen Monaten Englisch gelernt, nur zu dem Zweck, um Browning im Original zu lesen, aber der Geist dieser Sprache erschien mir dann so sonderbar, daß, nachdem einmal meine Neugierde befriedigt war, ich sie in weniger als sechs Monaten so vollständig vergessen habe, daß ich heute
das R^cht der freien öffentlichen wie privaten Ausübung jedes Glaubens, jeder Religion oder Glaubenslehre, deren Ausübung nicht mit der öffentlichen Ordnung und den guten Sitten unvereinbar ist."
Wenn diese Bestimmungen, die durch eine ganze Reihe von weiteren Artikeln interpretiert und noch ergänzt werden, seitens Polen wirklich eingehalten würden, dann hätten die deutschen Stammesbrüder, die aus Grund des Versailler Friedensvertrages jenseits der Grenzen leben müssen, keine Veranlassung zu Klagen irgendwelcher Art. Obwohl der Vertrag unter der Garantie des Völlerbundes steht, sind seine Bestimmungen indes nicht gehalten worden, und zwar ohne daß der Völkerbund, beziehungsweise der Döllerbundsrat. deswegen eingeschrit- ten wäre. Das Recht dazu hätte er gehabt, und zwar auf Grund von Artikel 12 dieses polnischen Minderheitenschuhvertrages, in dem Polen ausdrücklich einwilligt, „daß jedes Mitglied des Rates des Völkerbundes das Recht hat, die Aufmerksamkeit des Rates auf jede Uefcertretung oder jede Gefahr einer -Uebcrtretung irgendeiner dieser Verpflichtungen zu lenken, und daß der Rat in der Weise Vorgehen und solche Anweisungen erteilen könne, wie sie den Llmständen entsprechend und wirksam erscheinen."
Wenn der Dölkerbundsrat an den Beschwerden und Klagen der deutschen Minderhellen in Polen achtlos borübcrgegaugeii ist, so lag dies ganz einfach an dem ^Imstande, daß durch das Nichworhandensein Deutschlands im Völkerbunde kein Ratsmitglied da war, das als geborener Anwalt der Minderheiten ihre Sache im Völlerbundsrate verfochten hätte. In dieserHin- sicht ist durch Deutschlands Eintritt in den Völler- bund Wandel geschaffen worden. Bereits die erste Ratstagung, an der Deutschland teilnahm, hat den Beweis erbracht, daß sehr wohl etwas bei geschickter Vertretung erreicht werden kann. Sowohl tn die Memelländer wie in der Danziger Frage hat der deutsche Außen- Minister erfolgreich eingegriffen und eine günstige Lösung herbeigeführt. In der Anleihefrage des Freistaates Danzig trat dies ganz offensichtlich zutage: ohne Dr. Stresemanns Auftreten wären die Dinge für Danzig höchst ungünstig gelaufen, denn das Finanzkomitee hatte seine Vorschläge bereite entgegen den Anträgen des Freistaates Danzig formuliert.
Angesichts dieses klaren Sachverhaltes ist es unverständlich, wenn immer wieder der Versuch gemacht wird, in bezug auf die deutschen Minderheiten die Mitgliedschaft Deutschlands tm Völkerbunde und Völkerbundsrat als völlig belanglos hrnzustellen. Zur Erhärtung dieser Ansicht stützt man sich dabei auf den bekannten Ratsbeschluß vorn 10. Iuni 1925. in dem hinsichtlich des Verfahrens in Minderheitssachen allerdings höchst unbequeme Bestimmungen aufgestellt wurden. Diese besagen, daß dem aus drei Ratsmitgliedern zu bildenden ..M inderheiten- komitee" kein Ratsmitglied angehören darf, das der in Frage stehenden Minderheit angehört oder „der Vertreter eines Nachbarstaates des Staates ist, in dem die Mehrheit der Bevölle- rung vom ethnischen Standpunkt aus demselben Volk angehört wie die Personen, welche der besagten Minderhell zugehören".
Dieser Beschluß aus dem vorigen Iahre, dem man deutlich die Spitze gegen das damals noch nicht zum Völkerbunde gehörende Deutschland anmerkt, ist freilich nicht angenehm, aber der vorhin erwähnte Artikel 12 des mit Polen geschlossenen Minder- heitenschutz^ "träges wahrt trotzdem Deutschland bedeutende chte. die es bereit und gewillt ist, im Intercs e seiner Stammesbrüder jenseits der Grenze doll auszunühen. Im übrigen ist der erwähnte Ratsbefchluß selbstverständlich abänderbar, und er wird abgeändert werden, wenn die Minderheitenfrage in Europa in befriedigender Weise gelost werden soll. Daß Deutschland seinerseits gewillt ist, in bezug auf die Behandlung der nationalen Minderheiten in feinem eigenen Lande mit gutem Beispiel voranzugehen, beweist wohl am deutlichsten das Vorhandensein von Artikel 113 in der Reichsverfassung, auf Grund dessen die fremdsprachlichen Volkstelle des Reiches im Gebrauch ihrer Muttersprache tm Unterricht, in der Verwaltung und in der Rechtspflege nicht beeinträchtigt werden dürfen. Diese Bestimmung kam seinerzeit in die Verfassung, obwohl Deutschland seinerseits weder
einen Minderhellenschutzvertraa unterzeichnet noch eine Deklaration in dieser Beziehung erlassen hat. Trotzdem die Zahl der Angehörigen der wirklichen völkischen Minderheiten in Deutschland verschwindend gering ist — haben sie doch trotz des freiesten Wahlrechtes nicht einen einzigen Abgeordneten im deutschen Reichstage—. wird ernstlich daran gearbeitet, den völkischen Minderheiten durch Gewährung der kulturellen Autonomie die freieste Möglichkeit zur Entsallung ihres Vollstums zu schassen. In diesem Sinne haben sich wiederholt deutsche Regierungsstellen, insbesondere auch der Außenminister Dr. Strcscmann. ausgesprochen. Auch auf der Konferenz der Interparlamentarischen Union im Herbst vorigen Iahres habe ich als Sprecher der deutschen Delegation zur Frage des Minderheitenrechtes diesen Standpunkt vertreten. Er ist für ein großes, selbstbewußtes Volk auch der einzig mögliche, denn nur er allein wird auf die Dauer erträgliche und gedeihliche Verhältnisse schaffen.
Aufgabe des Völkerbundes wird es sein, im Sinne des ursprünglichen Wilsonschen Entwurfes der Völkerbundsatzung ein allgemein gültig es M i n d c r h e i t e n re ch t zu schaffen, das rechtsverbindlich für alle dem Völkerbunde an- geschlossenen Staaten fein muß. An der Schaffung eines solchen mitzuarbeiten, ist eine der vornehmsten Aufgaben, die Deutschland aus seiner Mitgliedschaft im Völkerbünde erwächst. Wenn dabei von Anfang an scharf unterschieden wird zwischen Slaatszugehörigkeit und Volkszugehörigkeit. dann ist bei gutem Willen aller Beteiligten diese große Aufgabe in befriedigender Weise zu lösen.
Der Kurs des Kabinetts Pilsudski.
Von unserem -8—Berichterstatter.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)
„Pilsudski hat vielerlei in seiner Laufbahn gewagt, manches mit Glück. Sein jüngstes Risiko aber übersteigt die früheren. Zum,mindesten aus dem Gesichtspunkt seines eigenen bisherigen Verhaltens betrachtet. Zum erstenmal nämlich will er — regieren. Ob das gut abgeht?"
Diese Bemerkung eines Warschauer Chroni- queurs hat manches für sich. So sonderbar es klingen mag — tatsächlich hatte Pilsudski, dieser durch ein Iahrzehnt unausgesetzt in die Geschichte Polens bald konspirativ, bald legitim, mal politisch, mal militärisch eingreifende Mann, er. den man das Schicksal Polens nannte, bisher noch nie eine Regierung geleitet. Dieser unzweideutigsten Verantwortung und Besähigungs- probe war er absichtlich immer wieder aungeteilten. Wie oft hatte man dem abseits Stehenden, der mit Groll und Tadel die Vorgänge des öffentlichen Lebens verfolgte, zur Zeit der Präsidentschaft Wojciechowski angeboten, als Ministerpräsident es „selbst besser zu machen". Dazu hatte der Marschall jedoch niemals Lust. Ein nie Rhodas, hie salta! behagte ihm nicht. Und wie wars nach dem Staatsstreich? Auch jetzt lehnte Pilsudski es ab, als Staatspräsident sowohl wie als Chef der Regierung die unzweideutige Verantwortung für die große Linie der Staatsentwicklung oder für die politischen Tagesgeschäfte zu übernehmen, und schob lieber „seine Leute" vor für den Staatspräsidentenposten — Moscicki, für das Ministerpräsidium — Bartel.
Daß hinter diesen „Wandschirm-Präsidenten" dennoch tatsächlich Pilsudski stand, daß ohne ihn leine entscheidenden Beschlüsse gefaßt werden konnten, wußte desungeachtet natürlich jedermann. Und das um so mehr, als Pilsudski ja andererseits auch nicht mäßig war. Indern er sich selber das Kriegsministerium vorbehielt und außerdem noch das Generalinspektorat der Armee speziell nach seinen politisch-militärischen Absichten für sich organisierte, behielt er das ausschlaggebende Instrument der Macht fest in der Hand.
Diese Rollenverteilung war, wie insbesondere die letzte Sommersession des Parlaments zu erkennen gab, für längere Zell geplant. Die Regierung Bartel, die damals frisch und fest im Sattel saß, erftritt sich Sondervollmachten weitgreisender Art, die bis zur Konstituierung der nächsten neugewählten Sejms befristet wurden. Man erwartete chren Ablauf nicht früher als nach dem natürlichen Erlöschen der gegenwärtigen Kammermandate plus Auslösungs- und Wahlperiode, d. h. zum Februar 1928.
Inzwischen sind die Dmge aber weniger glatt gelaufen. Voraussetzung dieses ganzen Planes tear nämlich, daß die Kammern jene ..Bastardierung" mitmachten, welche das Pilsud- skiregime für sie erfunden hatte: einen parlamentarisch maskierten Antiparlamentarismus. eine in die fadenscheinig gewordene Verfassung notdürftig verkleidete Diktatur. Zunächst ging». Die nicht eben viel Bürgerstolz vor Diltatorenthronen zeigenden Volksboten ließen sich zunächst tm Mai von Pilsudski abkanzeln, wählten den Präsidenten, den er zu wählen befahl, und bewilligten im Iuli die Ermächtigungen für die Regierung Bartel.
Auf diese Weise regierte es sich natürlich am angenehmsten. Es geschah, was das Mai- tegime vorschrieb, das Parlament aber, zwar leise murrend, aber letzthin immer gehorsam, teilte durch seine Zustimmung die Verantwortung. Eine wahre „chambrc introuvablc". So braven Leuten zahlte man natürlich mit Vergnügen an jedem Monatsersten ihre Diäten, _ bei deren Abholung übrigens auch die unversöhnlichsten Frondeure niemals sehltcn, und von Kammerauflösung und ähnlichen Unerfreulichleiten war nicht im entferntesten die Rede. Ein Idvll! Und nun ist es jüngst doch gestört worden.
Diese letzten Vorgänge sind ja ausreichend erinnerlich. Es war überflüssiger Eigensinn, zwei Minister, M 10 d 5 i a n 0 w s k i und Sujkote- s k i, deren das unterste zu ober ft kehrende nepotistische Personalpolitik ihre Ministerien desorganisierte und denen der Sejm, in einer Aufwallung toiebergefunbenen Selbstgefühls, baS Mißtrauen votierte, sofort noch einmal zu erkennen. Die Regierungspresse tat ein übriges an Dummheit, indem sie erklärte, solche Lumpen, wie sic im Sejm säßen, ließen sichs ja doch gefallen. Man brauche nur mit der Auflösung zu drohen: aus Furcht für ihre Diäten täten sie alles.
Es war tlar, daß, wenn inan derartiges öffentlich sagte, selbst die servilsten Volksboten jetzt nicht mehr zurückweichen konnten. Der Sejm blieb, wie man weiß, bei seinem früheren Votum: das „Wandschirm-Kabinett" Bartel trat nun in corpore zurück, und Pilsudski zog dennoch vor, die Kammern nicht auflösen zu lassen. Statt dessen fand sich der Ausweg, daß erstens die Session geschlossen und damit eine alsbaldige nochmalige Begegnung zwischen Regierung und Parlameill vermieden wurde: zweitens aber bildete Pilsudski nunmehr selber ein neues Kabinett.
Dabei hat er freilich das Prinzip, andere Persönlichkeiten vorzuschieben, auch jetzt nicht ganz fallen gelassen. Der bisherige Regierungschef Bartel wurde nunmehr als Stellvertreter des Ministerpräsidenten in die neue Regierung hin- übergenommen, und wie sich zeigt, soll er auch fernerhin die laufenden Regierungsgeschäfte führen. Insbesondere auf den unmittelbaren Verkehr mit dem Parlament will sich Pilsudski nicht einlassen. Wer diese Fragen ruhen ja ohnehin vorläufig bis Ende Oktober. Anfang Rovember, zu welchem Zeitpunkt eine neue Tagung zur Beratung des Haushaltes für 1927 zusammentritt.
Immerhin ist eine Tatsache dennoch geändert. Die gegentoärtige Regierung trägt nun mal den Ramen des Marschalls, imb ihr Tun und Lassen, ihre Erfolge ober Mißerfolge werden von der öffentlichen Meinung nun unmittelbarer als bisher dem Inhaber der tatsächlichen Gewalt zu- geschrieben.
Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit zunächst auf eine außenpolitische Frage. War fie doch an ihrem Teil zur Begründung, warum die letzte Kabinettskrise so und nicht anders gelöst wurde, herangezogen worden. Es handelt sich um den russisch-litauischen Vertrag. Die Bildung eines Kabinetts Pilsudski, unmittelbar nachdem die Wilnaklausel jenes Vertrages veröffentlicht worden war, wirkte im Auslande ja geradezu als Demonstration dagegen. Sie war es auch gewiß zum Dell, und zwar zugleich nicht ohne innerpolitischen Grund: man lenkte die innere Spaimung ab durch die Hervorhebung der äußeren Gefahr. Aber andererseits ist nun dadurch eine andere Spannung im Innern geschaffen: die Spannung der Erwartung, daß in jener heiklen Oftfrage auch etwas geschehe, was sich Polen ins Haben buchen ließe. Dies zu erreichen aber wird weniger leicht fern. Und zwar aus folgendem Grunde. Riemand läßt sich weiß
auch nicht ein Sterbenswörtchen mehr davon verstehe." Er ist tief davon überzeugt, daß jede Sprache ihre eigentümlichen Grundzüge und Ausdrucks- gefetze hat, die sie einem schriftstellerischen Temperament je nachdem angenehm, feindselig oder aleich- gültig machen. Eines Tages beklagte er sich Andre Gide gegenüber, daß es für das Wort „paume" kein gleichwertiges in der deutschen Sprache gebe, die wohl ein Wort besäße, um den Rücken einer Hand, aber keines, um das Innere derselben zu bezeichnen. „Ach," rief Rilke aus, „das, was Sie meinen, ist der Rücken der Hand, diese Oberfläche ohne Interesse, ohne Persönlichkeit, ohne Sinnlichkeit, ohne Sanftheit, diese Oberfläche, die so im Gegensatz steht zu der marinen, zärtlichen, sanften Innenfläche, worin das ganze Mysterium eines Menschen erzählt wird." Aber es war nicht das Wort „paume“, das Rilke zu der Entsä)eidung veranlaßt hat, in französischer Sprache zu dichten, es war das Wort „verger“.
„Ein Anger, bepflanzt mit Obstbäumen, genau: weder Garten noch Wiese, oder vielmehr beides zugleich: die Bäume, der Gesang der Bienen, der süße Duft der Wiesenblumen, die Frische des Grases alles dies ausgedrückt durch ein leichtes, zugespitztes und doch kräftiges Wort, wie ein Gedicht von Francis Jammes," rief Rilke aus, „wie sollte ich nicht versucht haben, in dieser Sprache zu dichten?" Und so setzte er das Wort natürlicherweise auf ein kleines Heft französischer Verse, die er eines Tages dem großen französischen Dichter Paul Balsry anvertraute: dieser übergab sie dem Verleger Gallimard, der sie vor kurzem veröffentlichte.
„Rußland," so antwortete RUke auf die Feststellung, daß man aus den „Aufzeichnungen des Dialte Laurids Bringe" seine Liebe für dieses Land vermuten müsse, „Rußland habe ich im Jahre 1900 entdeckt, und ich gestehe, daß dieses das wichtigste Ereignis meines Lebens war. Meine Ankunft in Moskau hat in mir ein unauslöschliches Gedenken zurückgelassen. Die Menschen lebten da wahrhaft m dieser Abgeschlossenheit des Wesens, in der jeder eine besonoere Welt in sich trägt. Jeder formte sich, allein mit sich selbst. Und während der denkwür
digen Nächte in Moskau hat sich mir eine neue Welt, eine andere Menschheit erschlossen, von da an begann alles für mich von neuem. Tolstoi habe ich in Jasnaja Poljana besucht. Wir waren gegen Ende des Morgens auf seinem Gute angekommen, und zur Stunde des Dejeuners hatte man uns in einen Salon geführt, als wir in einem benachbarten Zimmer eine heftige Stimme, Türenschlagen und mit Füßen stampfen hörten. Man hätte sich im Mittelpunkt eines kleinen Dramas glauben können, aber dieses Drama war nur das Dejeuner, und es wiederholte sich täglich. Die Tür wurde heftig geöffnet, und Tolstoi erschien. „Nein, ich will nicht frühstücken", rief er aus, indem er mit dem Fuße stampfte und wie in einem Kampfe mit bösen Geistern um sich schlug: gegen uns gewendet, die er zum ersten Male sah, schrie er, großartig in seiner Naivität, seinem Zorn, seiner Gewalt und seiner Ungeduld: „Wählen Sie: mit mir im Walde, in den Feldern spazierengehen, oder hier frühstücken wie Einfältige an einer Tafel mit Karaffen und Tellern!" Natürlich zogen wir, anstatt von Tellern zu frühstücken, den Spaziergang und den Wald mit Tolstoi vor."
Auf die Frage, ob er in Rußland begonnen habe, die „Aufzeichnungen des Matte Laurids Brigge" zu schreiben, antwortete der Dichter: „Nein, viel später in Rom, und ich muß hinzufügen, wahrhaft unfreiwillig. Meine Werke drängen sich mir auf, und ich werde ihrer nicht Herr. Sie müssen reifen, und ich weiß selbst nicht, wann ich eines Tages gezwungen fein werde, sie nieder- zuschreiben. Es geschieht, daß ich Fragmente von Versen notiere, deren wahren Sinn ich erst lange nachher entdecke, und so yabe ich viele Jahre mit der Abfassung einiger meiner Duineser Elegien zugebracht, auf dieselbe Weise, wie ich andere Gedichte geschrieben habe, z. B. die dreißig Seiten des Cornels Christoph Rilke, die ich, ohne auch nur ein einziges Wort durchzustreichen, in der Begeisterung einer Nacht niedergeschrieben habe. Ich war damals weit entfernt davon zu ahnen, daß ich eines Tages das Tagebuch eines jungen, in Paris lebenden Dänen schreiben würde. Es begann in
Rom in sehr unvermuteter Weise. Ich bewohnte ein kleines Künstleratelier in einem Park inmitten von Bäumen, und eines Tages begann ich Gespräche zwischen einem jungen Mädchen und einem jungen Mann niederzuschreiben, deren imaginäre Gesichter in mir umgingen. Nun, es geschah, daß der junge Mann sich anschickte, mit dem jungen Mädchen von einem dänischen Dichter zu sprechen, den er gut gekannt habe, einem gewissen Matte, der sehr jung in Paris gestorben war. Das junge Mädchen interessierte sich außerordentlich für ihn und wollte mehr von chm wissen. Auf diese Weise kam der junge Mann dazu, ihr zu gestehen, daß er von diesem Freunde gewisse Papiere besäße, die ihm nach dessen Tode übergeben worden seien, die er aber niemals gelesen habe. Das junge Mädchen bat, man möchte sie ihr zeigen. Einige Tage lang glückte es dem jungen Menschen, sie hinzuhatten, aber bald mußte ich mein Versprechen einlösen. Indem ich alles unterbrach, eilte ich damals nach Paris, wo ich die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge nieder- zuschrciben begann. Ich kann Ihnen noch sagen, daß ich beim Schreiben oft an den jungen norwegischen Dichter Sigbjörn Obstfelder gedacht habe."
Im Verlaufe des Gesprächs, das ihm Gelegenheit gibt, auch seiner Beziehungen zu Rodin eingehend zu gedenken, erzählt Rilke noch die folgende reizende Anekdote: „Frau Rodin war sehr eifersüchtig, und ich habe die Erinnerung an einen daraus entstandenen Zwischenfall bewahrt. Eines Tages war Rodin frühzeitig weggegangen, ohne zu sagen, wohin, das Gesicht ganz erfüllt von einer fröhlichen Ungeduld. Unruhig beschloß Frau Rodin, ihm zu folgen. Am Bahnhof Saint-Lazare stieg der Bildhauer in den Zug, auf der dritten Station flieg er aus, immer aus der Nähe gefolgt von feiner beunruhigten Gattin, verließ er den Bahnhof, durcheilte einige Straßen mit dem sicheren Gange eines Mannes, der genau weiß, wohin er geht. Endlich ist er angekommen. Inmitten eines Platzes erhebt er die Augen. Rodin hatte ein Rendez-vous mit der Kathedrale von Chartres!"


