Nr. 2(9 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Aus den Erinnerungen Wilhelms II.
Ein neues Kaiferbuch: Hinzpeters spartanisches Regiment. — Von morgens 6 bis abends 6. Die soziale Frage. — Die Reitstunde.
heute schon sind wir in der Lage, unseren Lesern Proben aus einem hochinteressanten Memoirenwerk mitzuteilen, das in Kürze bei K. F. Koehler in Leipzig erscheint. Unter dem Titel „Aus meinem Leben" veröffentlicht Wilhelm II. persönliche Eindrücke und Erinnerungen aus seiner Jugend. Eines der bemerkenswertesten Kapitel, mit dessen Abdruck wir heute unsere Veröffentlichungen beginnen, stellt der Abschnitt dar, der von der harten Schule des siebenjährigen Prinzen in der Hand seines Erziehers und Lehrers hinzpetcr berichtet.
Georg Hinzpeter war nicht ganz 39 Jahre alt, als er mein Erzieher wurde. Er war aus Bielefeld gebürtig und hatte das dortige Gymnasium besucht, an dem sein Vater Professor war. Nach dem Studium der Philosmchie und der klassischen Philologie, das cr^mit her Promotion zum Doktor der Philosophie abschloß, wurde er zunächst Lehrer am Gymnasium seiner Heimatstadt. Er übernahm in den fünfziger Jahren die Stelle eines Erziehers bei den beiden Prinzen zu Sayn-Wittgenstein-Berle- burg, dann bei dem Grafen Emil von Görtz-Schlitz, der mir später sehr nahegestanden hat. hier im Hause des Grasen Görtz lernte mein Vater den Pädagogen kennen, dessen Fähigkeiten ihm so gerühmt wurden, daß er ihn zur Erziehung für meinen Bruder Heinrich und mich zu gewinnen beschloß. Seinen Bemühungen blieb der Erfolg nicht versagt, und im September 1866 konnte hinzpeter sein Amt bei uns übernehmen, das er fast 13 Jahre lang innegehabt hat.
hinzpeter war ein kluger, wissenschaftlich streng durchgebildeter Mann mit tiefgründigem Wissen und vielseitigen Interessen, ein aufrechter, vornehmer Charakter, freilich in hohem Maße von Ehrgeiz erfüllt. Seine Pädagogik war ganz auf harte, nüchterne Pflichterfüllung und auf „Dienen" eingestellt: der Charakter muß durch stetes „Entsagen" gestählt werden, das Leben des Prinzen hat sich im Sinne „altpreußischer Einfachheit" zu gestalten, die rauhe Erziehung der Spartaner ist das Ideal. Kamen die Meiningenschen Vettern zu Besuch, so war es meine Pflicht, ihnen gastfreundlich Kuchen anzubieten — selbst aber durfte ich nichts nehmen: „Entsagen" war die Losung. Zum Frühstück gab es trockenes Brot — denn die schwarze Suppe der Spartaner war auch nicht frugaler gewesen. Lob spendete er nie — denn der kategorische Imperativ der Pflicht verlangte sein Recht an sich, was brauchte es da des anfeuernden oder anerkennenden Wortes? Ich entsinne mich, daß ich einmal zum Geburtstage meines Großvaters von Kassel aus nach Berlin gefahren, ober aus Arbeitseifer nicht zur Feier am Abend geblieben war. Als ich mich nach durchfahrener Nacht am andern Morgen bei hinzpeter, der noch im Bett lag, zurückmeldete, erhielt ich statt eines Wortes der Anerkennung lediglich die Anweisung, mich auf die erste Unterrichtsstunde vorzubereiten. Dieser streng durchgeführtc Grundsatz, nicht zu loben, war der Ausfluß eines pädagogischen Systems mit ganz bestimmter Zielsetzung: er ver- langte vom Schüler das Unmögliche, um ihn wenigstens den nächsten Grad der Vollkommenheit erreichen zu lassen. Da nun das gestellte (unmögliche) Ziel natürlich nie erreicht wurde, konnte logischcr- weise auch kein Lob als Zeichen der Zufriedenheit verabfolgt werden.
Man mag über die hinzpetersche Pädagogik denken wie man will — daß aber ein Unterricht, dem die Freude fehlt, von falschen psychologischen Voraussetzungen ausgeht, erscheint mir außer Zweifel. Denn freudlos wie das Wesen des pedantischen und herben Mannes mit der hageren dürren Figur und dem Pergamentgesicht, der im Kalvinismus groß geworden war, ebenso freudlos war feine Erziehungsmethode und freudlos die Jugendzeit, durch die mich die harte Hand des „spartanischen Idealisten" geführt hat.
Mein Arbeitspensum begann unter hinzpeters Leitung morgens um 6 Uhr im Sommer, um 7 Uhr im Wiyter. Es endete erst gegen 6 Uhr oder
7 Uhr des Abends, und es waren nur zwei Pausen eingelegt, die zu den Mahlzeiten und zu den körperlichen Uebungen benutzt wurden. Für einen Knaben von sieben Jahren war das gewiß eine recht erhebliche Anspannung.
Das Ziel, das hinzpeter sich für die Erziehung feines Zöglings gesteckt hatte, war die harmonische Ausbildung der Geisteskräfte vermittels der alt- klassischen Gymnasialbildung, die strenge „Gymnastik des Geistes", die Befähigung zur Lösung geistiger Aufgaben durch ständige Uebung, gewissenhaftes Streben nach Erkennen und Wissen und die Gewinnung einer historischen Weltanschauung, vor allem aber, wie gesagt, die Gewöhnung an Pflichterfüllung. Die Erlangung dieser Fähigkeiten durfte weder durch die Anforderungen der Repräsentation, die in Berlin einen Prinzen des Königlichen Hauses naturgemäß viel in Anspruch nahmen, noch durch die Erwerbung jener anderen Fähigkeiten beeinträchtigt werden, die ich mir aneignen mußte: Reiten, Schwimmen, Fechten, Tanzen, Uebung in der französischen upd englischen Sprache usw. Dies alles mußte nebenbei gelernt werden und durfte den großen Plan hinzpeters nicht stören.
Vortrefflich war nach meiner Meinung der Religionsunterricht meines Lehrers. Er, der selbst, wie gesagt, Kalvinist war, hat seinen Schüler nur mit Bibel und Gesangbuch aufwachsen lassen unter Zurückstellung aller konfessionellen und dogmatischen Fragen. Diese betrachtete er als „Erzeugnisse menschlichen Geistes", welche dazu angetan wären, die großen, klaren und einfachen Linien unseres christlichen Glaubens, wie sie der Herr gelehrt hat, zu „verpriestern" und das Gemüt eines Kindes zu verwirren. Für den künftigen Herrscher war das wohl das einzig richtige Prinzip der religiösen Erziehung.
Ein warmes Herz besaß hinzpeter für die soziale Frage, die damals noch so gut wie unbeachtet war. Es hing das zusammen mit seiner hohen Auffassung vom Christentum, das ihm in schönstem Sinne die Lehre von der werktätigen Nächstenliebe war. Zudem hatte er als Sohn der Roten Erde ausgiebig Gelegenheit gehabt, die Arbeiterfrage in der dortigen Industrie kennenzulernen. Jeden Mittwoch- nnd Samstagnachmittag, wenn schulfrei war, ging er mit meinem Bruder Heinrich und mir in Fabriken und Werkstätten, in eine Schmiede, eine Gießerei oder sonst einen Produktionsbetrieb, hier wurde uns alles gezeigt, was von Bedeutung war, und es waren dabei zwei Seiten, die hinzpeter pflegte: einmal mußten wir den Entstehungsprozeß kennen und verstehen, zum andern die soziale Frage erfassen lernen. Als bezeichnenden Zug für hinzpeters soziale Einstellung will ich erwähnen, daß wir nach jedesmaligem Besuch einer Werkstatt an den betreffenden Meister herantreten, den Hut abnehmen und in geziemenden Worten unseren Dank abstatten mußten. Wir gewannen Achtung vor der Leistung des Handarbeiters, sahen, unter welchen Bedingungen er seine Tätigkeit ausübte, wie ihn Gefahr und Tod umlauerten, wie die damals noch zwölfstündige Arbeitszeit mit ihrem kärglichen Lohn sein ganzes Leben auffraß und ihm keine Zeit ließ, Mensch unter Menschen zu fein. Daß hinzpeter, wie viele und auch Bismarck glaubten, mich gegen den großen Kanzler eingenommen und den unseligen Konflikt genährt hätte, entspricht in keiner Weise den Tatsachen. Freilich vertrat er Anschauungen von dem Wesen des Königtums, die sich mit einer übermächtigen Stellung des Kanzlers nicht vertrugen.
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In den ersten vier Jahren des Unterrichts durch hinzpeter trieb ich vornehmlich Latein, Rechnen, Geschichte und Erdkunde. Latein habe ich nicht ungern gelernt; das gute Gedächtnis, mit dem die Natur mich ausgestattet hat, erleichterte mir wesentlich die Aneignung dieser Sprache. Mein Lieblings- fach war von Jugend auf Geschichte, oder vielmehr zuerst die griechische Sagenwelt. Aus dieser Zeit schon stammt meine große Liebe zum klassischen Altertum, die sich später in archäologischen Nei-
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gungen offenbarte, und die mir bis auf den heutigen Tag geblieben ist. Daneben entwickelte sich schon in diesen Jahren für die deutsche Geschichte ein geradezu leidenschaftliches Interesse bei mir, das durch die Ereignisse des großen Jahres 1870 nur bestärkt werden konnte. Geringe Neigung und Veranlagung brachte ich hingegen den'Fächern Rechnen und Mathematik entgegen, meine Begabung war hierfür nur schwach entwickelt. Ich habe wohl gelernt, was gelernt werden mußte, aber ich bin über den Durchschnitt nicht hinausgekommen.
Andererseits aber besaß ich ein ausgesprochenes Talent für Sprachen, besonders Englisch und Französisch, die mit Rücksicht auf meine spätere Stellung in erster Linie gepflegt werden muhten.
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Hand in Hand mit meiner wissenschaftlichen ging meine körperliche Ausbildung.
Ein ausgesprochenes Hemmnis war es aber für mich, daß mein linker Arm infolge einer bei der Geburt entstandenen, anfangs über [ebenen Verletzung in der Entwicklung zurückgeblieben war und seine freie Beweglichkeit eingebüht hatte. Die ärztliche Wissenschaft der Zeit hatte wohl noch nicht jene modernen orthopädischen Mittel bereit, mit denen man heute einen solchen Zustand beheben würde. Jedenfalls wurde ich auf die verschiedensten Arten behandelt, die man jetzt wohl nur noch als laienhaft bezeichnen würde, und die das einzige Ergebnis hatten, daß ich in schmerzvollster Weise gequält wurde.
Das schwierigste vor allem aber war für mich reiten zu lernen. Bei diesem Änterricht habe ich schwere Stunden erlebt. Ich möchte statt eigener Worte die hierauf bezüglichen Ausführungen HiiHpeters selbst heysehen, in denen er sich Rechenschaft über seine Erziehung gibt: „Das Reiten, welches anfangs nur mit wirklichem Risiko und trotz tränenreichen Widerwillens mit besonderer Entschiedenheit aufgezwungen war, wurde eine mit Vorliebe und Erfolg geübte Fertigkeit. Das hierbei mit unsäglicher Selbstüberwindung beobachtete Verfahren war so chrakteristisch für die ganze Erziehungsweise, daß wir glauben, es ausführlicher erwähnen zu sollen. Der Prinz war 8V2 Jahre alt, und noch führte ein Lakai seinen Ponny am Zügel, weil seine körperliche Unsicherheit ihm selbst wie anderen unüberwindliche Angst einflobte. Solange diese aber bei ihm dauerte, war an Reitenlernen nicht zu denken; sie muhte um jeden Preis besiegt werden. Da weder Reillnecht noch Stallmeister dazu imstande waren, hob der Erzieher, seine inzwischen unbedingt gewordene moralische Autorität einsehend, den weinenden Prinzen auf fein Pferd ohne Bügel und erzwang die ilebung der verschiedenen Gangarten, taub gegen alles Bitten und Weinen, erbarmungslos den unaufhörlich herunterstürzenden Reiter wieder hinaufhebend, bis endlich nach wochenlanger Quälerei das nötige schwer zu erwerbende Gleichgewicht erlangt war. Diese Morgenübungen in den Seitenalleen des Parkes von Sanssouci waren ein Schrecken für jedermann, ein größerer für den Zwingenden als für den Gezwungenen. Aber nur ungewöhnliche Energie und Rücksichtslosigkeit konnten die ungewöhnliche, wenn auch natürliche Schwäche besiegen. Rachdem dies einmal geschehen und der Prinz durch Wecken der eigenen Kraft jedem anderen Knaben gleichgestellt war, konnte er dem Stallmeister übergeben werden zu weiterer schnell fortschreitender Ausbildung."
Der Erfolg hat Hinzpeters Methode recht gegeben. Aber bitter hart war der Unterricht, und mein Bruder Heinrich hat oft aufgeheult vor Schmerz, wenn er das Martyrium meiner Jugend mit ansehen mußte.
Spielplan ver Frankfurter Theater.
Opernhaus. Sonntag, 19. Sept.: Der Rosenkavalier. Ans. 61/2 Uhr. Montag, 20 : Othello, Ans. 7 Ähr. Dienstag, 21.: Die verkaufte Braut, Ans. Z1/2 Ähr. Mittwoch, 22.: Ariadne auf Raxos,
Sturm in Schmaledeck
Roman von Sophie Kloerss. Copyright 1926 by Aug. Scherl G. m. b. $)., Berlin. 25. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sie drängte ihn zurück, als er sie wieder an sich ziehen woHtc. Denn über das Feld heran kam jemand gegangen, und sie wollte nicht wieder überrascht werden. „Auf Wiedersehen, Olaf. Wenn nicht mehr in diesem Winter, dann zum Frühjahr. Dann kommst du wieder."
„Dann komme ich wieder. Darauf kannst du dich verlassen, süße Ilse.
Sie ging über das Feld, Olaf wandte sich zurück, die Landstraße zu erreichen, und traf auf den Jemand, der ebenfalls nun den Feldweg eingeschlagen hatte. Er ruckte zusammen. War das nicht der korrekte Hamburger? Das war fatal. Der hatte einen tüchtigen Schritt am Leibe und wollte wohl ebenso wie Ilse die überfrorene Schmale überschreiten; denn die Landstraße, die eine Brücke dicht vor der Stadt halle, machte einen Bogen. Und wenn er mit diesem Schritt noch drei Minuten so weiterging, war er neben Ilse. Dann konnte er sich einen deutlichen Vers machen.
Olaf blieb stehen und sah ihm nach. Sollte er mit langen Sprüngen hinterher eilen und ihn bitten--Teufel nein, das ging auch nicht. Das
machte erst etwas aus der Sache. Ein Ehrenmann schwieg auch ohnedem, und der Hamburger machte den Eindruck eines solchen. Nun war es auch schon zu spät, nun hatte die Dunkelheit das Mädchen und den Mann eingeschluckt. Olaf Hammersmid Machte sich auf den Rückweg nach Eichtal.
Heiß war ihm von den Küssen. Dies entzückende kleine Mädchen. Ach was! Mochten die Eltern reden, mochte Dänemark einen siebenjährigen Krieg mit den Herzogtümern beginnen, mochte die Mutter zehnmal eine Gräfin Schimmelmann zur künftigen Baronin Hammersmid ausgesucht haben--
er wollte seine Ilse, seine süße kleine Ilse. Bisher ,hatte er noch wenig Gelegenheit gehabt, seinen Willen durchzusetzen, der war ihm immer ohne Umstände gewährt worden, nun kam es einmal daraus an, nun wollte er zeigen, daß er ein Mann war. Und sehr begeistert von der eigenen Energie Pfiff er den tapferen Landsoldaten vor sich hin, bis
das Gutshaus mit hellen Fenstern aus dem Schneetreiben auftauchte.
Ilse hörte die Schritte, die hinter ihr herkamen, ging schneller, glitt und wäre fast gefallen, wenn nicht jemand hastig zuaesprungen märe. „Hallo", ein Arm legte sich um sie, sie zitterte ein bißchen, denn der linke Fuß war böse umgeknickt, aber mehr als der Schmerz ließ das Erschrecken sie beben. Thomas Raben! — Ausgerechnet der! — Es hätte nicht schlimmer sein können. Obgleich sie im gleichen Augenblick sich ganz sicher war, daß über seine Lippen nie ein verräterisches Wort kommen würde. Aber sie schämte sich vor chm. O, wie sie sich schämte!
Als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, daß sie sich in Dunkelheit und Schnee hier draußen im Felde begegneten, bot er ihr den Arm. „Das Tauen heute in der Mittagsstunde und das Frieren hinterher hat eine abscheuliche Glatte geschaffen. Ich wollte darum auch den Wagen aus Neukrug nicht annehmen, denn ohne geschärfte Eisen fallen die Pferde heute leicht. Lehnen Sie sich nur fest auf meinen Arm. Fräulein Rottmaun, ich gleite nicht so leicht. — Ja, wir waren heute zusammengekommen in Neukrug, die letzten Kontrakte aufzusetzen. Nun ist hier in der Gegend der Bau der Bahn gesichert, nun bin ich in Schmale- beck überflüssig geworden. Aber im Januar, zur goldenen Hochzit Ihrer Großeltern, da komme ich noch einmal wieder." Er redete ruhig und gewandt, sie hatte Zeit, sich zu fassen und das Herzklopfen zu überwinden.
Jetzt waren sie an der Schmale. Der Wind hatte den Schnee über das blaute Eis hingepustet, daß der Flußlauf sich wie ein dunkles Band aus all dem Weiß ringsum heraushob.
„Wollen wir einmal glitschen?" fragte Raben und lachte dazu. „Ich spüre ganz knabenhafte Gelüste."
„Dann will ich Sie darin nicht stören", und Ilse sauste leichthin auf der spiegelblanken Bahn. Raben folgte, sie glitten — immer ein Streckchen laufend und wieder rutschend, mit Windeseile über das Eis, wurden ganz vergnügt, lachten und machten erst nach einigen Minuten kehrt.
Da sahen sie am Doktorgarten den Schein einer Laterne, und Ilse sagte verstört: „Man sucht
mich. Es ist gewiß schon spät. Mein Gott — Vater kann so heftig werden."
„Wenn man solchen alten Beschützer bei sich hat wie mich, darf man sich schon einmal auf dem Eis verspäten. Morgen laufen wir zusammen Schlittschuh. Sollte Ihre Mutter nicht auch mitkom- men?" Sie sah dankbar zu ihm auf. Es war gerade noch so viel Licht im sinkenden Abend, daß er ihre dunklen Samtaugen leuchten sehen konnte.
„Ilse!" kam ein Ruf vom Garten her.
„Ja, Vater!" Ein letztes Gleiten, im Schein der Laterne stand Doktor Rottmann vor ihnen. Er hatte die Tochter am Kaffeetisch vermißt, hatte im Schnee ihre Spuren bis zum Fluh verfolgt und etwas sehr Unbehagliches war in ihm aufgestiegen. An Radens Seite aber hatte er sie nicht erwartet.
Der kam mit der heiteren Sicherheit des Mannes aus der großen Welt auf ihn zw „Sie sind natürlich sehr ärgerlich, Herr Doktor. Ich muß für Fräulein Ilse um Entschuldigung bitten, denn als ich sie hier auf dem Eise traf, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, auch einmal wie ein Junge die alten Künste zu üben. Dabei haben wir die Zeit versäumt. Wenn man lange draußen ist, gewöhnt sich das Auge an die Dunkelheit, daß man sie gar nicht so merkt. Morgen will Ihr Fräulein Tochter mir erlauben, sie beim Schlittschuhlauf zu begleiten."
Er ging, wie selbstverständlich, dabei neben dem Arzt her durch die stillen Gartenwege, und als sie an der Haustür standen, reichte er ihm die Hand. „Wollen Sie Ihrer Frau Gemahlin einen Gruß von mir sagen, ich kann leider nicht mit in das Haus kommen. Wie ich Fräulein Ilse schon erzählte, komme ich von Neuhaus herüber mit den letzten Kontrakten. Ich möchte jetzt gleich für ihre Absendung nach Hamburg sorgen.'' Ein letztes Ziehen des Hutes, da ging er hin über den Markt.
Rottmann sah zweifelnd auf die Tochter. Er hatte es im Gefühl, daß irgend etwas nicht ganz stimmte, doch sie ließ ihm keine Zeit zu langen Fragen, sondern lief hastig die Treppe zum eigenen Zimmer empor und kam erst wieder hinab, als er noch einmal ausgegangen war.
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Georg Grützmann hatte tapfer geholfen bei der I Armenbescherung, hatte Tannenbäume mit Lichtern
Samstag, 18. September 1926
Ans. 71/- il&r. Donnerstag, 23.: Der Opernball, Anf. 71/» 41hr. Freitag, 24.: Tanzabend, An- fang 8 Ähr. Samstag, 25.: Don Juan, An- 7 Uhr. Sonntag, 26.: Eine Rächt in Venedig, Ans. ZVa Ähr. — Schauspielhaus. Sonntag, 19. Sept.: Ribelungen 1. Seil, Ans. 7V? Ähr. Montag, 20.: Schluck und Jan, Ans. 8 Ähr. Dienstag, 21.: Ribelungen 1. Seil, 2lnf. 71 . Ähr. Mittwoch, 22.: Das Kettchen von Heilbronn. Anf. 8 Ähr. Donnerstag, 23.: Ribelungen 1. Seil, Anf. ZVr Ähr. Freitag, 24.: Ribelungen 1. Seil. Ans. 71/? Ähr. Samstag, 25.: Der Revisor. Anf. 8 Ähr. Sonntag, 26.: Orpheus in der Unterwelt, Ans. 8 Ähr.
Die Ausstellung in Gießen.
Die Gartenbau-Ausstellung geht ihrem Ende entgegen. In zwei Tagen wird ihre Schönheit verschwunden sein. Wer es noch nicht getan, benütze die kurze Frist zu einem Besuch der wissenschaftlich praktischen Ausstellung des
Universitäts-Versuchsgutes (Sieben.
Rechts sind die Tische bedeckt mit Weißkraut, Sorte Glückstädter, Braunschweiger, Dithmarscher, Rotkraut Mohrenkopf, Wirsing Eisenkopf und eine Anzahl anderer Gemüsearten. An sich nichts aufregendes. Wenn man aber weiß, daß diese Gemüse erst jetzt zu wachsen beginnen, so wird man staunen über die Erfolge neuzeitlicher Düngungsmethoden. Dies tritt besonders überzeugend hervor bei Gurken von 60 Zentimeter Länge, Oberkohlraben Wiener blauer von 14 Zentimeter Durchmesser und den Tomaten Lucculus und Johannis- feuer. Bei letzteren in bezug auf Frühreife. An der Rückwand finden mir eine Kartoffelsammlung von 74 Sorten, sowie die Sortimente der Hauptgetreidearten in Aehren und Körnern, darunter eine Neu- züchtung des Universitäts-Versuchsgutes als Gießener Wintergerste. Das Korn unserer Wintergerstensorten war bisher etwas leicht. Die Neuheit besitzt ein volles schweres Korn und stellt demnach einen wesentlichen Fortschritt dar. Eine zweite Neuzüchtung dieser Anstalt, die in der Praxis fich bewähren dürfte, ist eine sehr reichtragenüe, zweischotige Erbse, welche sich sehr leicht kocht. Die getrocknete links hängende Pflanze läßt Behang und Wuchs zur Genüge erkennen. Auf dieser Seite findet der Landwirt und Gemüsezüchter fast alle Wurzelgewächse, von denen dasselbe bezüglich Düngungsergebnis gilt, was schon bei Kohlgemüsen gesagt war.
De r Stand von D r. K i l b i n g e r auf der Empore ist nicht weniger lehrreich. Er führt uns in das Tätigkeitsgebiet der von ihm geleiteten Beratungsstelle für Landwirtschaft und Gartenbau. Durchleuchtete, nach dem Uvechrom-Verfahren her- gestellte Lichtbilder vergegenwärtigen Düngungsversuche in der Gärtnerei Carl B e cf e r an Blumen, Gemüse und einer Wiese. Ferner werden Getreidepflanzen aus Einzelsaatversuchen bei einer 2lus- faatmenge von 12 Pfund auf den Morgen gezeigt. Geerntet wurden au Gerste 23, von Hafer 24 Zentner vom Morgen an Körnerertrag. Dieses überraschende Ergebnis war nur bei Anwendung der Einzelkorn-Sämaschine in erstklassigem, untraut- freiem Boden und wiederholtem Behacken möglich. Auch ward die übliche Stickstoffmenge verstärkt. Eine Reihe weiterer Anbauversuche mit (Betreibe stammen aus Dünnsaaten mit 40 Pfund Saatgut pro Morgen. Es wird in Zukunft das Bestreben eines Landwirtes fein müssen, durch reichliche Düngung und dünne Saat die Erträge zu steigern. Die Nutzanwendung für den Gartenbau, der mit bestem Boden arbeitet, liegt auf der Hand. Gezeigt wirb weiterhin das Modell eines ßanningcr Feldbereg- ners. Neu ist die Form der Düsen, die nicht, wie bisher, eine kreisrunde, sondern quadratische Fläche beregnen. Durch diese Neuerung ist es leicht, trockne Stellen ober Uebergreifen der Kreisflächen und damit verbundene Doppelberegnung zu vermeiden. Die ausgestellten Bekämpfungsmittel gegen saugende und fressende Insekten, sowie Pilzkrankheiten sind in Verbindung gebracht mit dem dazu gehörenden Anschauungsmaterial über die Art und Lebensweise dieser Schmarotzer. Ein kleiner, von Dr. Kil- binger erfundener Apparat vereinfacht die Bodenuntersuchung auf Säuregehalt dem Praktiker in Landwirtschaft und Gartenbau, ein zweiter Apparat die Feststellung des Kalkgehalts im Boden. Das rechtzeitige Erkennen von Mängeln im Boden ist
versehen, hatte Teller mit braunen Kuchen gefüllt, hatte den alten Weibern ihre Tücher und Pcin- toffelp zusammengepackt, hatte sich von Frau Pastor Jessen ganz als Laufbursche benutzen lassen und hatte zu seinem eigenen Erstaunen Gefallen an der Sache gefunden. Man war ordentlich ein bißchen in Bewegung gekommen und hatte sich doch nicht anzustrengen brauchen mit geistreichen Reden und liebenswürdigen Komplimenten. Riek- chen verlangte so etwas nicht, die war ungeheuer bequem, man vergaß eigentlich ganz, daß sie eine junge Dame war. Und bann hatte Ilse ihm am Abend nach der Bescherung, als er die Lichter aus- blasen mußte, gesagt: „Nein, Georg, das hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut, daß Sie so tüchtig wären." Und für dieses Lob hätte er gleich noch einmal die ganze Plackerei auf sich genommen.
Er durfte sie und Riekchen nach Hause bringen, und wenn der Weg auch nur sehr kurz wyr — Ilse hatte solche Sehnsucht nach ein bißchen frischer Luft gehabt, denn in der Post war richtig Klein- leutemüff gewesen, und da waren sie noch fünfmal um den ganzen Marktplatz gegangen, ganz gemächlich, und Riekchen hatte erzählt von allerlei Vorbereitungen zur goldenen Hochzeit, und die beiden Mädchen hatten gefragt, ob er nicht der Bär sein wollte in ihrer Ausführung. Nämlich in Pastor Rottmanns Freierzeit war ein entsprungener Zigeuner- bär in Meldorf umgegangen, wo er damals Kandidat gewesen, und da hatte er seine Luise immer vom Abendgottesdienst heimbringen müssen, und wie gern hatte er das getan.
Dieser Bär sollte nach fünfzig Jahren wieder aufleben. Wollte Georg nicht so nett sein und in sein Fell kriechen?
Georg wollte alles, was man von ihm verlangte. Sein gutes Jungengesicht war ganz verklärt bei der Aussicht, als Fellträger zu Ilsens Füßen ruhen zu dürfen, denn Ilse — das verjüngte Ebenbild der Großmutter — mußte natürlich diese darstellen. — Sicher wollte er der Bär sein. Höchst natürlich wollte er brummen. Alles überhaupt könnte man von ihm verlangen. Er war im Begriff, fich zu bcu wunderbarsten Ritterdiensten zu verpflichten, da waren sie einmal wieder bei ihrer Rundfahrt vor dem Pastorat, und Helene Jessen sah aus der Tür, wo in aller Welt denn ihr Riekchen bliebe.
(Fortsetzung folgt.)


