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Nr. HO Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheßen)

Zreitag, 18. Juni 1926

England und dieügyptifchen Wahlen Don unserem Orientkorrespondenten.

Kairo, im 3uni 1926.

Der Ausgang der Wahlen brachte keine Lleberraschungen: eine starke Majorität der Par­tei Saad Zaglul, welche von 214 Sitzen des neuen Parlaments 166 Mandate eroberte. Die beiden anderen zum nationalen Kartell gehörigen Parteien, die Liberalen und die Rationalisten, erzielten 29, beziehungsweise 6 Mandate. Das Kartell wird also mit 201 Vertretern ins neue Haus «inziehen. Demgegenüber stehen nur 6 Abgeordnete der bisherigen Regierungspartei und 7 sogenannte Unabhängige. Eine vernichten­dere Niederlage konnte die Regierung Siwar Paschas, welche einundeinhalb Jahre am Ruder war, nicht erleiden.

Der Wahlkampf spielte sich mehr hinter den Kulissen ab, ohne öffentlich eine typisch orien­talische Erscheinung besonders bemerkbar zu werden. Seilens der Kartellisten werden den Organen der bisherigen Regierung illegale Wahl- beeinslussung und allerlei Durchstechereien vor­geworfen. Dinge, die, wie man sagt, auch wo anders Vorkommen sollen. Dagegen sind die Kartellisten in ihrer Art zu kämpfen auch nicht immer rlegant gewesen. So ließ das Parieiblatt der Zaglulisten die Kandidaten der Regierungs­partei Revue passieren und bediente sich dabei folgender entzückender Stilblüten-Da ist Siwer Pascha (der Ministerpräsident), diese Masse sich wälzenden Fleisches, dieses schlaffe und indolente Geschöpf, welches, plötzlich heroische Instinkte fühlend, es für nötig hielt, sich mit den Flüchen von 14 Millionen Seelen zu belasten. Da ist Ismail Sibky Pascha, alt und verrunzelt, der noch in seinen letzten Zuckungen nach einem dem Fremdling geweihten Leben jenem dienstbar sein will. Da ist Helmh Issa Pascha lDer- kehrsminister), ebenso dumm wie häßlich, dessen Schlechtigkeit jede Konkurrenz schlägt. Helmy Issa, der Intrigant, Reidling und Giftspritzende, der eine persönliche Rache im Vernichten einer Ration befriedigen will, die er verraten hat. Da ist Ali Mäher Pascha, der Unterrichtsminister mit der unreinen Seele und dem scheuen Vllck, der rachsüchtige brudermörderische Kain (der Bruder und Vorgänger Ali Mähers als Unterrichts­minister war in den letzten antienglischen Der- schwörerprozeß verwickelt), welcher für einen roten Sammtfauteuil die Seinen verkaufte. Da ist Mo­hamed Tewfik Rifaat Pascha, das Richts, das um jeden Preis etwas werden will. Da ist Gene­ral Musa Fuad Pascha mit dem widerlichen und klebrigen Gesicht, der sich für einen Soldaten hält. Da ist Sulfikar Pascha, der Oberhofmeister des König, mit dem vernagelten Kopf, den man aus Rom kommen ließ, um diese Truppe von Hampelmännern vollständig zu machen." usw.

Die tatsächlichen StärkevetyLltnisse der Par­teien sind aus oem Wahlresultat nur mit einer gewissen Reserve zu beurteilen. So sind z. D. die sogenannten Rationalisten, die keineswegs im landläufigen Sinn »nationale", sondern radikal panislamitische Tendenzen verfolgen und als die extremste der hiesigen antienglifchen Parteien anzusprochen sind, in Wirtlichkeit weit stärker, als es nach ihrer Mandatzahl den Anschein hat. Denn ein sehr bedeutender Teil der Partei Zag- luls sind Rationalisten, oder richtiger panislami­tisch Orientierte, welche nur des persönlichen Ansehens Saad Zagluls wegen, und weit sie von der unbesiegbaren Zähigkeit des alten Dolks- sührers im gegenwärtigen Augenblick am meisten im Kampf gegen die englische Okkupationsmacht erhoffen, mit diesen gehen. Die »Vollspartei" Zagluls ist die eigentliche nationale Partei, da sie, auf nationaler Grundlage basierend, sowohl die Rechte der moslimitischen Fellachen, wie der christlichen Kopten, beidesRachkommen der allen Aeghpter", ohne konfessionelle Unterschiede zu machen, verteidigen will. Befragt man denman in the street über diesen Programmpunkt, so sagt er lächelnd, das sei natürlich Unsinn und mehr für dieAußenstehenden" bestimmt, der wichtigste Programmpunkt der Vollspartei sei Hoch Zaglul Paschal", was andererseits wieder gleichbedeutend sei mitRaus mit England!". Kurz und bündig. Die Liberale Partei, welche Wer ausgezeichnete Köpfe verfügt und das wohl­habendste Bürgertum vertritt, verdankt dagegen ihre verhältnismäßig große Zahl an Parlaments­sitzen vornehmlich dem Wahlpakt mll den Zag- lulisten, denen sie ihrer Köpfe und ihrer mate­riellen Mittel wegen notwendig ist. Don den Unionisten, der bisherigen Regierungspartei, kann man dagegen sagen, daß sie, toerm sie nicht gerade am Ruder wären, wahrscheinlich nicht einmal sechs Mandate erhallen hätten. Ihre gegen englische Aspirationen recht weitgehende Rachgiebigkeit macht sie ziemlich unbeliebt.

Die Folgen des Wahlausganges dürften, wie die Dinge heute liegen, ernste Verwick­lungen unD Konflikte mit der englischen Okku­pationsmacht sein. Die Wahlniederlage der Re­gierung müßte in jedem anderen konstitutionell regierten Lande zur Demission des Kabinetts und einer Reubildung der Regierung durch die siegreichen Parteien führen. Richt so hier, wo die feierlich anerkannte Souveränllät und Unabhängigkeit des Landes die englische Okku­pationsmacht keineswegs hindert, bei jeder passend erscheinenden Gelegenheit rücksichtslos in die inneren Angelegenheiten des Landes einzugrei­sen. England verlangt für sein Einverständnis der Regierungsübernahme durch Saad Zaglul oder durch einen anderen Exponenten der kartellierten Parteien, welcher, auch wenn er der liberalen Partei angehören würde, von Zaglul abhängig und als dessen Mandatar anzusehen wäre den feierlichen Verzicht auf die Ver­folgung des wesenllichen Teiles der Zaglulistischen Programme. Dazu gehören unter anderem die faktische Teilnahme Aegyptens an Verwaltung und militärischer Besetzung des de Jure ein Mondeminium darstellenden Sudans, sowie die Ent,ernung der englischen Truppen aus Aegyp­ten (mit eventueller Ausnahme der Kanalzone). In welchem Maße diese Fragen die Weltmacht- stellung Englands berühren, darüber kann man verschiedener Meinung sein. Aber man sollle glauben, daß, wenn ein Mitglied der weniger intransigenten Liberalen formell die neue Re­gierung bildete, man diese gegenwärtig schein­bar unlösbaren Fragen sozusagen einverständ­lichaufs Eis" legen, und sich mit derzeit näher liegenden, rein innerpolitischen Problemen beschäftigen könnte. Aber gerade hier steht man vor neuen, durch Englands direktes Eingreifen verursachten Schwierigkeiten, und gerade hier erscheint eine weitere Rachgiebigkeit Zagluls aus- geschlossen, wlll er nicht den Ast absägen, auf dem er sitzt, und nach einem ruhmreichen Leben als vergötterter Dolksführer rühmlos abschnei­den was sein Ehrgeiz nimmer zulassen würde. Dem Mann aus dem Volke erscheint die Be­tonung der ägyptischen Autorität gegenüber dem aufgedrungenen, verhaßten englischen Beamten­tum, womöglich dessen völlige Entfernung, weit wichtiger, als der ferne Sudan und mindestens ebenso wichtig wie die Entfernung der englischen Truppen. Zaglul war in dieser Hinsicht schon recht weit gegangen und wlll noch viel weiter gehen. Der englische Oberkommissär Lord Lloyd dagegen hielt den Abbau des englischen Beamtentums, insbesondere im Innenministerium, das heißt Sicherheitsdepartement, beziehungs­weise Polizeiverwaltung, für geradezu gefähr­lich für die britische Herrschaft am Ril. Aegyp­ten hat heute keine Machtmittel, seine Aspira­tionen durchzusehen, vor allem keine nennens­werte Armee, nichts als den Ausbruch seiner Volksleidenschaft, kurz gesagt, die Revolution. Eine rein ägyptische Polizei und politische Ver­waltung würde eine solche Revolution be­stimmt nicht zu verhindern suchen, man kann ruhig sagen im Gegenteil! Das weiß und fürchtet England. Das hätte es aber voraus­sehen müssen. Man kann nicht einem Lande die widerrechtlich entrissene Unabhängigkeit wie­dergeben und ihm gleichzeitig nochmals nehmen. Richt einmal England kann dieses Kunststück fertig kriegen. Das ist der Fluch der bösen Tat (der Okkupation Aegyptens), daß sie fortzeugend Böses muß gebären. Für Aegypten handelt es sich darum, ob es auf die Möglichkeit einer wohl- organisierten Revolution hoffen darf. Das ist eigenllich des Pudels Kern.

Rach langwierigen Verhandlungen, während welcher sich England veranlaßt sah, eine Flotten- demonstration einzuleiten, und englische Flug­zeuge unermüdlich über der ägyptischen Haupt­stadt Demonstrationsflüge veranstalteten, kam ein Koalitionsministerium unter dem Vorsitz des Liberalen Adli Pascha Ieghen zustande. Das neue Ministerium seht sich jedoch sonst vor­züglich aus Zaglulisten zusammen. Im übrigen haben die Zaglulisten gegenüber den Engländern keine wefenlliche Bindungen eingegangen. Man könnte also von einem Erfolg Zagluls sprechen. Daraus folgt, daß die Parlamentsseffion, welche man eben im Begriffe ist, zu eröffnen, wahr­scheinlich leidenschaflliche Ausbrüche antiengli­scher Stimmung bringen wird. Diese Stimmung wird zunächst auch innerhalb der Verwaltung des Landes in der Haltung gegenüber den eng­lischen Beamten zum Ausdruck kommen. Die Reibungsflächen zwischen der parlamentarischen Majorität und der englischen Okkupationsmacht sind so groß, der aufgehäufte Zündstoff so be­deutend, daß man hier recht ernsten Zellen entgegengehen dürfte hoffentlich nicht so blu­tigen, wie die des roten Jahres 1919 waren.

Um die Herabsetzung der Besatzungsstärken.

Don unserem Pariser W. 8.-Korrespondenten.

Paris, im Juni 1926.

Mehrere Zeitungen hatten berichtet, deutscher­seits sei in Paris eine neue Demarche über die Frage der Herabsetzung der 'Besatzung in der 2. und 3. Zone erfolgt. Rach unseren Informationen an zuständiger Sielle sind diese Rachrichten nicht zutteffend. Der hiesige deutsche Botschafter hat zu wiederholten Malen in lebhaften Besprechungen sowohl mit dem Ministerpräsidenten Briand als auch mit dem Direktor des Auswärtigen Amtes Berthelot immer wieder diese Frage mrgeschnit- ten, ohne daß hierbei nennenswerte Erfolge er­zielt wurden.

Die Franzosen behaupten einerseits, daß sie selbst ihre Truppenzahl ja verringert hätten. Auf die Verringerung der englischen und belgi­schen Truppen hätten sie keinerlei Einfluß. Sie selbst könnten aber unmöglich noch mehr Truppen aus dem besetzten Gebiete herausziehen, denn nach den übereinstimmenden Urteilen ihrer Gene­rale wäre dies ausgeschlossen, sowohl aus tech­nischen Gründen, wie auch aus Gründen der Sicherheit. (!) Es wird also trotz der gegenteiligen Versprechungen hier vorläufig alles beim alten bleiben. Das ist um so bemerkenswerter, als Briand früher wiederholt darauf hingewiesen hat, er müsse auch auf die Stimmung im Lande Rücksicht nehmen, und Frankreich sei aufgebracht über dengefährlichen" deutsch-russischen Vertrag.

Run hat aber Briand in seiner Senatsrede neulich selbst darauf hingewiesen, daß der Ber­liner Vertrag nach seiner Auffassung keinerlei Gefahr für Frankreich darstelle. Mithin entfällt also diese Stimmungsmache, mit der die fran­zösische Regierung so gerne zu operieren pflegte. Derttscherfeits muß mehr denn je verlangt wer­den, daß die Alliierten ihr einmal gegebenes Wort in der Besatzungsfrage auch halten, und es müssen Mittel und Wege gefunden werden, dieses ganz selbstverständliche Ziel so rasch wie möglich zu erreichen.

Denn bei all diesen Verhandlungen um die Besahungsstärken muß man von den früheren Versprechen der Alliierten ausgehen, daß erstens die Besahungsstärken baldmöglichst soweit herab­gesetzt werden sollten, daß fie etwa der deutschen Besatzung in der Vorkriegszeit entsprächen, und daß zweitens nach Räumung der 1. Zone die 2. und 3. Zone nicht stärker belegt werden sollten als zuvor. Beide Versprechen, die zu wieder­holten Malen und in feierlicher Form der deut­schen Regierung oder ihren Vertretern gemacht wurden, sind bisher nicht erfüllt worden.

Allerdings muß zugegeben werden, daß die Franzosen in dieser Frage wenigstens ihren guten Willen bekundet haben. Die Desahungs- lasten sind in erster Linie vermehrt worden durch die En^änder, die die allergrößten An­forderungen an die neu von ihnen besetzten Ge­biete hinsichtlich Bereitstellung von Quartieren usw. gestellt haben. Auch die Belgier könnten bei einigermaßen gutem Willen die Zahl ihrer De- sahungstruppen noch ganz erheblich einschränken.

Was die Haltung der Engländer in dieser Frage anbetrifft, so können wir auf Grund be­sonderer Informattonen von sehr gut unter­richteter Selle Mitteilen, daß in Berlin in diesen Tagen deswegen eine eingehende Aussprache zwischen dem dortigen englischen Geschäftsträger und dem Reichsaußenminister Dr. Stresemann stattgefunden hat. Der englische Geschäftsträger in Berlin protestterte wegen der kürzlich statt­gehabten Illumination des Riederwalddenkmals. Es wurde ihm mit Recht bedeutet, daß dieser Vorgang keinerlei Grund zu irgendeinem Pro­teste der englischen Regierung wäre. Im Auf­trage des englischen Außenministers Chamber­lein selbst erklärte der englische Geschäftsträger dann weiter, daß die englische Regierung die Aufrechterhaltung der Rheinlandbesahung mit dem Abschluß der Locarno-Verträge für nicht mehr zu vereinbaren hielt, daß aber dahin­gehende Verhandlungen mit den übrigen Alliier­ten bisher noch zu keinerlei greifbarem Er­gebnis geführt hätten.

Die Bedeutung dieser amtlichen englischen Aeußerung liegt auf der Hand.

Fraickreich möchte um dies auch an dieser Stelle noch einmal zu unterstreichen aus der Frage der Herabsetzung seiner Desatzungstruppen vornehmlich ein Geschäft machen. Es liegen die allerbestimmtesten Informationen darüber vor. Frankreich wlll in der Besatzungsfragemit sich reden" lassen, wenn Deutschland einwilligt, einen Teil der Industrie- und Eisenbahnobligattonen aus dem Dawes-Plan zugunsten Frankreichs zu mobilisieren. Man spricht in Pariser amtlichen und maßgebenden, finanziellen Kreisen zunächst

von einem Abschnitt von 200 Millionen Gold­mark. Alles deutet darauf hin, daß über diese Frage tatsächlich verhandelt worden ist und noch verhandelt wird. Die Reisen der amerikanischen Bankiers nach London usw. stehen mit dielen Plänen im engsten Zusammenhang.

Wie well sie sich verwirklichen lassen werden, dürfte schon die nächste Zukunft lehren.

Deutscher Geist in Oesterreich.

Von Prof. Raimund Friedr. Kain dl, Graz.

Es war im Frühjahr 1848, da dichtete der Oesterreicher Anastasius Grün (Gras Auersperg) auf der Reise nach Frankfurt die herrliche Strophe:

Jauchze, du Herze von Oesterreich, Jauchze mit freudigem Schrei: Heil dir, mein deutsches Vaterland, Einigung mächtig und frei.

Brüder, wir Bolen aus Oesterreich Grüßen euch traulich mit Sang, Schlagt ihr mit freudigem Handschlag ein, Hat es den rechten Klang.

Grün brachte damit die Gefühle tausender Deutschösterreicher zum Ausdruck. Denn cs ist nur ein Märchen, daß das nationale Leben in Oester- reich damals erstarrt war und die Deutschen da­selbst fein Verständnis für die Freiheit und Einheit Deutschlands hatten. Man weiß nun leider gar zu wenig darüber.

Auch in Oesterreich gab es 1820 Burschenschaften, so in Wien, Prag und Graz. Der junge Baue r n- selb, später ein bekannter Wiener Dichter, schrieb 1820 in sein Tagebuch:Unlängst um Mitternacht ein Gedicht gemacht: An das tausendjährige Deutsch­land." 20 yaf)-? später ist Bauernfeld einer der eifrigsten Kämpfer für die Freiheit, gegen die Zen­sur. 3m Jahre 1844 brachte er sein SchauspielOer deutsche Krieger" auf die Wiener Bühne. Woche für Woche wurde dieses vor ausoerkauften Häusern gespielt. Es ist ein Hochgesang auf Deutschlands Einheit und Größe. Es heißt hier:

Doch wähnet nicht, es bringt euch Glück und Segen! Deutschland zerteilen heißt zwar Deutschland schwächen,

Doch Deutschland schwächen, heißt euch selber schwächen,

Der Sitte Bollwerk stürzen und der Kraft, Die Schutzwehr gen den Andrang der Barbaren. Mit Deutschland sinkt der zeugende Gedanke, Der Geist, der schäftende, die Kunst, das Wissen, Das Herz der Welt Europa sinkt mit Deutsch­land.

Und als 1848/49 die Schaffung des eigentlichen Deutschlands auf die bekannten Schwierigkeiten stieß, dichtete Bauernfeld:

Ob ein einig Deutschland wird? 3a, wer kennt der Dinge Lauf! Aber tausend 3ahre schon Warten wir darauf.

Ein Mitkämpfer Dauernfeld mar während dieser ganzen Zeit auch Anastasius Grün. Er trat 1831 in seinenSpaziergängen eines Wiener Poeten" nachdrücklich gegen alle Rückständigkeit und für den Fortschritt ein. Man anerkennt ihn geradezu als den Gründer der neuen politischen Lyrik Deutschlands. Zugleich ist er ein Herold deutscher Einheit.

Hierher gehört auch der Trinkspruch des volks­tümlichen Erzherzogs 3ohann. Er weilte 1842 als Gast des Königs Friedrich Wilhelms IV. auf Schloß Brühl am Rhein. Auf die Ansprache des preußischen Königs antwortet er unter anderem: Vereint haben wir damals den großen Freiheits­kampf bestanden. Solange Preußen und Oester­reich, solckkge das übrige Deutschland, soweit die deutsche Zunge klingt, einig sind, werden wir un erschütterlich dasteheu wie die Felsen unserer Berge." Es ist derselbe Erzherzog, der 1848 Reichs­oerweser wurde.

Ebenso haben Oesterreichs politische und volks­wirtschaftliche Schriftsteller für das große Deutsch­land schon vor 1848 volles Verständnis. Der Deutschböhme Franz S ch u s e l k s a tritt in verschie­denen Schriften für die Zusammengehörigkeit Oesterreichs und Deutschlands ein. Er fuhrt aus: Oesterreich als solches, als deutsches Oesterreich, steht und fällt mit Deutschland: es ist nur solange Weltmacht, als es eine deutsche Macht ist: der deutsche Geist macht es stark . . . Aber gleich wie Oesterreich seine Macht nur dann dauernd erhalten und in angestammter Würde entwickeln kann, wenn es in Deutschland wurzelt, so ist auch für Deutsch­lands nationale Entwicklung Oesterreichs Einigung oder Trennung eine Lebensfrage von entschiedender Wichtigkeit." Mo ring ruft in seinenSybilli- schen Büchern aus Oesterreich", in denen er auch für die wirtschaftliche Einheit eintritt aus (1846): Denkt euch dieses herrliche Ländergebiet, von der deutschen Donau durchströmt, wie dorthin statt nach Amerika die Flut deutscher Auswanderung sich er­goß, wie dort Ackerbau und Viehzucht blühen, wie dort Gewerbe und Handel türkische Faulheit und

Der Adler von Lille.

Von Else Arnheim.

Am 18. Juni sind zehn Jahre darüber hin- gegangen, daß einer unserer berühmtesten Flie- gervftiziere, Oberleuttrcmt Immelmann, bei den Kämpfen Im Westen den Tod fand. Er starb als ein Unbesiegter, denn Augenzeugen, die den letzten Kampf Irnrnelrnanns mit mehreren eng­lischen und französischen Doppeldeckern in den Lüften beobachten komllen, berichten, daß von einem Abschuß des Follers, den Immelmann lentte, nicht die Rede sein kann. Durch welchen tragischen Zufall die Heine Maschine zum Ab­sturz kam, ob irgendein Maschinenteil versagte, das bleibt ein Geheimnis derer, die man nicht mehr befragen kann.

Rach dem ilrteU seiner Kameraden zeichnete sich Immelmann durch eine unerschütterliche Ruhe aus. Er schien eiserne Rerveir zu haben, und diese eisernen Rerven machten ihn kühn und zielbewuht. Hatte er einen Gegner vor sich, dann schaute er weder seitwärts noch rückwärts, dann gab es nur eine Parole: Vorwärts und drauf!

DenAdler von Lille" nannten ihn Fran­zosen und Engländer, denn seine Kampfweise glich in der Tat durch die Art der Luftjagd einem Adler oder Habicht. So stieg er vor dem Kampf meist zu großer Höhe auf, um das Kampffeld besser übersehen zu können. Stand er dann steil über dem Gegner, stürzte er plötzlich auf den Ueberraschten wie ein Raubvogel hinab und machte ihn fast im Augenbttck unschädlich. Ost nahm er auf diese Weise den Kampf mit

mehreren Gegnern zu gleicher Zeit auf, die durch den plötzlichen Steilabflug der irrigen Meinung waren, der Fokker sei getroffen und stürze ab.

Es gab Kampftage für Immelmann, an denen er sechs Gegner zur Strecke brachte und dadurch zum Schrecken der Feinde wurde. Diese großen Erfolge beruhten wohl in erster Lutte auf der Fähigkell Immelmanns, alle Möglich- kelleu geistesgegenwärtig und kühl zu berechnen und nach ihnen seine Kampfweise einzurichten. Aitsfichtslose Unternehmungen begann er nicht, da er sicher zwischen Kühnheit und Tollkühnheit zu unterscheiden verstand und das ihm anver­traute Flugzeug niemals in unnötige Gefahr brachte.

Wie es dennoch geschah, daß Immelmann sein Schicksal ereilte, darüber berichtete damals ein Augenzeuge folgendes:

Ich trete aus meinem Quartier und sehe über mir in mehreren tausend Metern Höhe fünf Fluazeuge, von denen ich sofort zwei Fok­ker und drei englische und französische Doppel- decker erkenne, in heißem Kampf. Die Foller, winzig und schnell wie eine Schwalbe im Ver­gleich zu den großen, behäbigen, aber sicher dahinstreichenden Doppeldeckern. Plötzlich Bewe­gung da oben. Die Fokker haben die Doppel­decker jetzt eingeholt und sausen mll erschreckender Geschwindigkeit auf die Doppeldecker los, da­zwischen ein wahnsinniges Geknatter aus fünf Maschinengewehren.

Jetzt haben die Fokker den Feind erreicht, reißen sich aber wieder los, und 'stürmen sich mit neuer Kraft auf die verwirrt durcheinander- kreisenden Doppeldecker. Jetzt hat sich auch der eine Fokker einen Gegner ausgesucht. Er läßt

ihn nicht mehr los, verfolgt ihn, der Große versucht tiefer zu kommen vergebens: höher vergebens, der Fokker hat ihn gefaßt, ist bald über, bald unter ihm vorn und hinten, unmöglich zu entkommen! Da ein plötz­liches Schwanken des Großen, er geht tiefer er ist getroffen!

Ich beobachte scharf, und so entgeht mir nicht, daß auch derFokker" ganz eigenartige, tau­melnde Bewegungen macht, sich wie ein zu Tode getroffenes Tier kerzengerade aufrichtet, wie er anfängt zu flattern und ganz allmählich tiefer kommt, erst langsam, dann immer schnellerder Schwanz trennt sich von den Tragflächen und fällt nach unten, eine der Tragflächen flattert hinterdrein, und mit unheimlich pfeifendem Ge­räusch und dumpfem Aufschlag stürzt der Appa­rat, sich mehrere Male überschlagend, aus 2000 Meter Höhe zur Erde.

Ich laufe, so schnell mich meine Füße tragen, der Unfallstelle zu. Der Motor hatte stch ttes in die Erde gegraben und lag mit dem unte­ren Teil nach oben, den Führer unter sich be­grabend.

Mit vieler Mühe drehten wir den Motor um. Mehrere Offiziere erscheinen und beaufsichtigen die Durchsuchung des Toten. Wer mag es sein, Engländer, Franzose oder Deutscher? Jeder ergeht sich in Vermutungen, niemanD weiß Be­stimmtes.

Endlich hat man dem Toten den Lederrock geöffnet und findet als erstes denPour : Mörite! Immelmann? Dölcke? Irgend jemand sprach es, wie ein Lauffeuer ging es weiter, und plötzlich entftanb eine beängstigende Stille.

Dann fand man das E. K., und dann kam die traurige Gewißheit, das Monogramm in der Wäsche M. I. »Unser armer Immel­mann!" sprach ein anwesender höherer Offizier, und wir sprachen es traurig nach.

Goethe und die beiden Studenten

Anekdote, aus alten Quellen mitgeteilt von Franz Lächler.

Als auf dem Hoftheater zu Weimar Goethes Ratürliche Tochter" zum ersten Qltale gegeben wurde, traf es sich, daß zwei Jenenser Studenten neben die Loge des gleichfalls anwesenden Dich­ters zu sthen kamen.

Rachdem ein paar Szenen ohne jeden Erfolg gespielt worden waren, fragte der eine der Stu­denten den andern: »Du, von wem ist das Stück?" Ei, von Bulpius! lautete die Antwort.

Goethe, der bas hörte, und Den es ärgerte, mit seinem späteren Schwager, Der ein Haupt - Vertreter Des Räuberromans war, verwechselt zu werben, beugte sich aus Der Loge unD sagte: Sie irren sich meine Herren, es ist von Goethe.

Pahl nahm wieder einer Der Studenten das Wort, ..das glaub' ich nickt!

Mein Herr", fuhr der Dichter ziemlich pikiert fort,ich muß das besser wissen, Denn ich selbst bin Goethe."

Auf diese Erklärung folgte ein andauerndes Sttllschweigen, und das Spiel -"hm seinen Fort­gang, doch wurde das Der! bclamMch sehr lau ausgenommen.

Als nun der Vorhang fiel, trat Der eine Student nahe zu Goethe heran, klopfte ihm ver­traulich auf Die Schulter und sagte: ..Sie, ich glaube, das Stück ist doch von VülPftrSl