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Nr. 114 Zweiter Blatt

Lehren aus dem Generalstreik.

Don Sir Robert Home, $U C. W. P., ehemaliger britischer Schatzkanzler.

Auswärtige Besucher Englands, die den Generalstreik milerlebten, haben durch ihn viel­leicht einige der besten Eigenschaften des eng­lischen Rav onalcharakters studieren können. Trotz der vielen Unannehmlichkeiten, die mit der Ein­stellung der normalen Transportmittel ver­bunden waren, pulsierte das Geschäftsleben wei­ter. Menschenkenner werden beobachtet haben, daß die meisten Personen in den Straßen auf ihren Gesichtern heilere Entschlossenheit zur Schau trugen. Da Eisenbahn und Omnibus fehl­ten, konnte man lange Schlangen von Radfahrern und ganze Karawanen von Fußgängern beob­achten, die aus den Dorstädten nach der City eilten. Jede Art von Derkehrsgelcgenheit war unterwegs und wer nur immer einen Platz in seinem Wagen hatte, bot ihn einem Fußgänger an. Diele elegante Privalautos zeigten ein Schild, auf welchem die Richtung verzeichnet war, dazu die Einladung:Falls wir noch einen freien Platz haben, hallen Sie uns an und steigen Sie ein!" 3a, di« Bedrohung der nationalen Freiheit durch den Generalstreik hat in der Tat die besten Charaktereigenschaften de- englischen Dolkes. seine heitere Lebensbeja­hung, 'feine Zähigkeit im Ueberwinden von Hindernissen und seine stete Hilfsbereitschaft zum Durchbruch gebracht.

Trotzdem jedermann überzeugt war. daß der Streik ein Unglück für da- gesamte Wirtschafts­leben f-e'tcue und vielen Industnez^eiei Riesen­verluste bringen mußte, zweifelte doch niemand an der Fähigkeit des englischen Volkes, die Ge­fahr abzuwenden. Man fühlte instinktiv, daß, wenn einmal das nationale Leben von dem Krankheitsstoff, der sich in dem Generalstreik auSdrückte. befreit sei, die Wirtschaft erneut auf- blühen müßte. Falls es irgendeines Ausdruckes dieser Zuversicht bedurft hätte, so war es der Gleichmut der Börse, deren tägliche Kurse be­wiesen, daß keinerlei Panikstimmung bestand, und daß die City sich weigerte, irgendwie eine nennenswerte Baifsestimmung auskommen zu lassen.

Der Standpunft der Bergleute in dem gan­zen Kampf ist einfach zu erklären. Obwohl eine Kommission, die die englische Bergbauindustrie seit einiger Zeit untersucht hatte, erklärte, daß die Bergwerke nur dann zu einer wirtschaftlichen Rentabilität gebracht werden könnten, falls eine sofortige Herabsetzung der Löhne ein geleitet würde, weigerten sich die Bergleute, diese Lohn- Herabsetzung anzuerkennen. Andererseits konnte die Industrie in den letzten 9 Monaten nur durch eine Staatsunterstützung aufrechterhalten werden, die die Regierung aber nicht weiter­zahlen will. Sie ungünstig die Verhältnisse des englischen Bergbaues liegen, mag durch zwei Tatsachen beleuchtet werden. Die Lohnkosten für die Gewinnung einer Tonne Kohle betragen in Großbritannien im Durchschnitt etwa u/5 d. in Deutschland dagegen nur 7/6 d. Die Kohlen­förderung per Arbeiter ist außerdem in Eng­land sehr viel geringer als vor dem Kriege, da die englischen Bergarbeiter es ablehnen, mehr als 7 Stunden am Tage zu arbeiten. So groß auch die Sympathie sein mag, die man für die noch immer streikenden Bergarbeiter hegt, und so sehr man auch die Rotwendigkeit einer Lohnherabsetzung in ihrem Interesse bedauern mag. so bleibt die Tatsache doch bestehen, daß eS keine andere Lösungsmöglichkeit gibt, falls man nicht die Mehrheit der Bergwerke schließen will.

Die wirtschaftliche Katastrophe des Bergbaus ist jedoch durch die Aktton des Gewerkschafts­rotes in eine politische Machtprobe ver­kehrt worden. Das Generalstreikmanifest ließ deutlich erkennen, daß man die wichtigsten Adern des nationalen LebenS unterbinden wollte, um die Regierung zu zwingen, sich den Wünschen des Gewerkschaftsrates zu fügen. Diese Aktton bedeutete natürlich einen eklatanten Verfas­sungsbruch und eine Anmaßung der Re­gierungsgewalt durch die Grohgewerkschaften. Ein ähnlicher Schritt könnte ja für jeden anderen Zweck unternommen werden, z. B. für die Her­beiführung von Reuwahlen, für die Soziali­sierung von Derkehrsunternehmen oder Industrie­betrieben oder für irgendeinen Teilabschnitt

Der Gießener Konzertwinter 1925/26.

Tritt di« Musik in unfern Lebenskreis ein, so will sie auch von uns ersaßt, ein Stück un­seres Ichs werden. Bewußt, teils unbewußt, arbeiten wir im Augenblick des Musikhörens mit, indem wir ihre Spannungswelt erleben. Aber dieses Erleben würde nur Augenblickswert, nur Augenblicksbedeutung umschließen, wenn wir dieses vorübergleitende Durchleben nicht mit an­deren persönlichen Erfahrungen, Kenntnissen, mit unserem Weltbilde in Verbindung setzen und uns so einen Gehalt der Musik zu eigen machen, der über das Augenblickserlebnis hinausgeht und für uns zu einem bleibenden Wert wird.

Dieser an sich bleibende Wert der Musik wird sich in unserer Persönlichkeit mit jedem Er­lebnis neu auswirlen. der Gesichtswinkel zu ihm wird sich stets ändern, soweit unser persönliches Weltbild eine Fortbildung oder auch eine Um« bildung erfährt.

In einem Zeitraum von Jahrzehnten wird man ganz anders urteilen, weil die Umwelt sich gewandelt hat und damit auch die gnmd- legenden Llrteilsprinzipien. Lind nut der wird der Musik in seinem Urteil gerecht werden, der nicht an einem feststehenden, früher gewonnenen Urteil um jeden Preis festhält, sondern seine Stellungnahme stets wieder neu aus dem Urteil herauswachsen läßt, was aber ebensowenig mit der Preisgabe früherer Werte gleichbedeutend zu sein braucht, als mit dem unentwegten Fest- halten einer früheren Einstellung.

Darin liegt zumeist der Reiz begründet, der beim Wiederhören alter bekannter Werke ersteht: andererseits ergibt sich aber auch die Forderung, sich mit den unserem Gegenwarts­weltbilde entsprechenden Werken auseinanderzu­setzen. Der veränderte Gesichtspunkt zum Alten hin, das Erfassen deS Reuen, beides erhält unser Aufnahmevermögen frisch und anpasfunas- fühig.

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen) Dienstag, 18. Mai 1926

eines sozialistischen oder kommunistischen Pro­gramms. Der GewerkschaftSrat wäre dann die Regierung und das Parlament wäre ein Po­panz. Kein Volk, daS feine Freiheit zu er­halten wünscht, würde sich eine solche Diktatur gefallen lassen.

Der Streit hat gezeigt, daß das englische Voll 'weniger als irgendein anderes Volk der Welt für eine solche Tyrannei zu haben ist. Wir find daher großzügig in unseren politischen Auf­fassungen und v.ele Fremde wundem sich, mit welcher Duldsamkeit wir es erlauben, daß in aller Oefsentlichkeit von Ausstand und Verrat gesprochen wird. Aber tief im Herzen jedes Engländers lebt ein unstillbarer Drang nach Freiheit und der feste Entschluß, diese Freiheit gegen alle Angriffe zu verteidigen. Der Aus- gang des Kampfes konnte aus diesem Grunde nicht zweifelhaft fein. Wenn Premierminister Baldwin bei der Bekanntgabe des Streikab­bruches erklärte, der Zusammenbruch bedeute einen Sieg des gesunden Menschenverstandes, so hat er damit nur der allgemeinen Meinung Aus­druck gegeben.

Run der Streik vorüber ist - das gelegent­liche Wiederaufflackem lokaler Teilstreiks kann nicht von langer Dauer sein werden wir ver­suchen. eine Atmosphäre des Friedens und des guten Willens zu schaffen. Die Mehrheit der Arbeiter war nicht mit ihrem Herzen bei dem Kampf. Das trat im Verlaufe des Streikes immer deutlicher hervor. Ich zweifle nicht daran, daß der verfehlte Generalstreik bei der großen Masse unseres Volkes keine Bitterkeit zurück- lassen wird, und daß wir unter reinlicheren Ver­hältnissen uns bemühen werden, unsere Wirt­schaft aufs neue der Gesundung entgegenzuführen.

Der Tod vom Balkan.

Von Dr. Paul Rohrbach.

Dasdreieinige Königreich" der Serben, Kroaten und Slowenen beruht auf der Erklärung der Rattonalversammlung von Kroatien vom 1. Dezember 1918 in Agram, wo, nach heftigen Kämpfen, schließlich eine Mehrheit für den unmittelbaren Zusammenschluß der Kro­aten und Slowenen mit dem Königreich Serbien zustande kam. Eine starke Minderheit war schon in Agram dafür gewesen, eine durch diela­teinisch-katholische" Kultur der früheren öster­reichischen und ungarischen Gebiete bedingt« Autonomie Kroatiens gegenüber dem griechisch- orchodoxon Balkanserbien festzuhalten. Die da­mals in der Rationalversammlung überstimmte Minderheit vertrat aber tatsächlich die Mehr­heit des kroatischen Volkes. Nachdem das dem Krocttentum widerwärttge Aufgehen in Groß- Serbien beschlossen war. wurde Stefan R a - di t sch der Wortführer der Autonomie und zugleich eines republikanischen Programms. Be­zeichnenderweise ist es weniger die zum Teil durch Aemter und Stellungen gewonnene kro­atische Intelligenz, als deren Vorkämpfer er auf­tritt, als vielmehr die katholischen kroatischen Bauern.

Diktator des groß! erblichen LInitarismus ist der alte P a s i t s ch. Durch die unter höchstem Druck durchgeführten Parlamentswahlen von 1925 wollte er die von Radttsch geführteRepu­blikanische Kroattsche Bauernpartei" zerschmet­tern. Das gelang nicht: sie kam mit 67 Abgeord­neten ins Parlament. Raditschs Schlagworte hießenBelgrader Llnitarismus" undSerbische Regierungsloriuption". Rach der Wahl erfolgte die bekannte Geheimverständigung, in der Radiftch sich zurbestehenden", d. h. monar­chischen Verfassung bekannte und selber sogar Minister wurde, im Herzen aber der kroatische Bauernführer blieb, der in die Regierung nur eingetreten war, um seinen Feind besser belauern zu können.

Der entscheidende Stoß, den er zu führen gedachte, sollte eine große Verhandlung im Par­lament über die Korruption der Liefe - rungs - und Provisionsgeschäfte fein, die Radomir Pafitsch, der Sohn des Alten, sich in tatsächlich phantastischem Umfang hatte AU Schulden kommen lassen. Raditsch fand in feinem Kampf einen Bundesgenossen in einem alten und hervorragenden Mitglied Der radikalen Partei in Serbien, dem gewesenen Präsidenten der Skuptschina und mehrmaligen Minister unter Pasilsch: Ljuba Iovanovitsch. Dieser hat ichvn vor zwei Jahren in einem von russischen

So hat es seine innere Begründung bei der Aufstellung eines Iahresplanes für das Musik­er leben einer Stadt, daß die verantwortlichen Stellen Altes und Reues berücksichtigen.

Der vergangene Konzertwinter steifte in Hin­sicht der Qualität der Leistungen einen Höhen- ©eg dar, der von Gipfel zu Gipfel führte und eine reiche Anzahl der verschiedensten Gattungen von Werken zum Wort kommen ließ. Daß auch die Orchestermusik in dem Gesamtrahmen an­gemessen vertreten war, ist um so mehr anzuer­kennen. als die finanziellen Opfer, die sich mit fold) einem Vorhaben verknüpfen, im allgemeinen für die Konzertvereine der mittleren Städte un­erschwinglich sind.

Das Meininger Orchester bot seinen hohen Traditionen Gemäßes: dem Andenken Max Re­gers die Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart: dazu 3.6. Dach (v^Dur-Suite) und Beethoven (Eroica). Das zweite Orchester­konzert (Nauheimer Kurorchester) gab Werken Geltung, die am Anfang der Entwicklung un­serer modernen Orchestermusik stehen, unter an­deren Haydn's Symphonie D-5)ur iLondoner), Beethovens Erste.

Es muß gerade auch an dieser Stelle be­tont werden, daß der leistungsfähige Klangkörper, der einst unter Hans Winderstein zu den reisen­den Orchestern von Ruf zählte, wieder den ge­eigneten Führer im großen Stile bekommt. Llnd waS als das Wichtigste gilt, daß dieses Or­chester. das augenblicklich in seiner Existenz be­droht erscheint, der Provinz Oberhessen erhaften bleibt, denn es hat hier eine Kulturmission, die allen zugute kommt, zu erfüllen. Das sollte von dem Vertreter der Gesamtheit, dem Staat, berücksichtigt werden.

Von größeren Choraufführungen mußte leider abgesehen werden, da Professor Traut- mann die Leitung noch nicht wieder über­nehmen konnte. Aber von dem regen Sanges­geist des Akadem. Vereins zeugte der Bach- Abend in der Passionszeit unter der interimisti­schen Leitung von Theodor Knodt: an der Orgel

Emigranten herausgegebenen SammelwerkDaS Blut des Slawentum»' die Enthüllung gemacht. Pasilsch. damals Ministerpräsident, und lein Mi­nister des Innern Stojan Protttsch seien drei Wowen vor der Ermordung des Erz­herzogs Franz Ferdinand, die auf An- Ittften von Mitgliedern des serbischen General­stabs erfolgte, über die Absicht und die Vor­bereitung genau informiert gewesen und Höllen auch ihren Ministerkollegen, zu denen Ljuba Iovanovitsch, wie gesagt, gehörte. Mit­teilung gemacht.

Nachdem diese sensationelle Verösfentlichung erfolgt war. eilte der englische Publizist W a t f? n. unter dem bekannten PseudonymScotus niator" jahrelang vorher ein Vorkämpfer der rumänischen und serbischen Wünche gegen Oesterreich-Ungarn. nach Belgrad und forderte Iovanovitsch in einem offenen Briefe auf. seine Mitteilung zu widerrufen. Iovanovitsch Iah sich aber dazu nicht veranlaßt, und auch Pafitsch dementierte nichts, ja er gab nicht einmal der offiziösen serbischen Presse den Austrag. Ab- schwächungen vorzunehmen, trotzdem mehrere mit Serbien befreundete Mächte Noten nach Belgrad richteten, die serbische Regierung möge sich zu den Mitteilungen Iovanovitschs äußern.

Jooanowitsch war seit dem Jahre 1903 der Prä­sident eines geheimen Komitees in Serbien, dessen Aufgabe dieillegale" P ropaganda gegen die Habsburgische Monarchie und gegen Monte­negro war. Später wurde dies Komitee aufgelöst und feine Funktionen gingen auf den Verein für die großserbische AgitationNarodna Odbrana" über, dem auch die Mörder Franz Ferdinands an­gehörten. Auch die Odbrana wurde formell aufge- löst, feierte jedoch kürzlich am 1. Dezember 1925 ihre Wiedergeburt, und hierbei hielt Jovanowitsch eine Festrede voll von Angriffen und Anspielungen gegen Pafitsch. Sein Schwiegersohn Stojadinowilsch war es auch, der zuerst den Pfeil der öffentlichen Anklage gegen Pafitsch junior abschloß. Offenbar ist es das Ziel Jooanowitfchs, die Erbschaft des mehr als Achtzigjährigen anzutreten. Wie dabei fein inne­res Verhältnis zu der kroatischen Autonomiebe­wegung ist, mag dahingestellt bleiben; jedenfalls ist er zur Zeit der tatsächliche Bundesgenosse Raditschs.

In diesem serbisch-kroatischen Parteikampf wer­den die Enthüllungen über den Mord von Sera- jewo als ein Hilfsmittel verwendet. Für den ge­schworenen Großserben freilich ist es kein Vorwurf, sondern ein Verdienst, zehn Millionen Tote und zwanzig Millionen Sieche, Verstümmelte und son­stige Opfer des Weltkrieges verursacht zu haben, nur damit dasdreieinige" Königreich gegründet würde. Nach außen hin machen diese Dinge aber doch einen gefährlichen Eindruck. Daher hat, nach­dem Pasilsch pro forma zurückgetreten mar und die Ministerpräsidenlschaft seiner Kreatur llzunowitsch überlassen hatte, einer feiner Ressortchefs in der BelgraderPolitika" einen Artikel geschrieben, in dem er zugab, die Regierung habe im letzten Augen­blick von dem Attentatsplan erfahren, jedoch so spät, daß sie ihn nicht mehr verhindern konnte, der eigentliche Anstifter aber sei der Ehef des Nachrichtendienstes im serbischen Generalstav, Oberst Dtmilrijewitsch, gewesen. Dieser habe sowohl den Plan entworfen als auch die Ausfüh­rung veranlaßt: er habe Oer Regierung nichts d..- von mdgeteilt und feiin geheimem verbrecheri­schen Einvernehmen mit der Wiener und Ber­liner Hofkamarilla" gewesen! Von dieser sei der Plan zur Ennordung Franz Ferdinands ausge­gangen, damit Oesterreich an Serbien den Krieg er­klären könne.

Daß d«r Chef der Nachrichtenabteilung im serbischen Generalstab der eigentliche Regisseur des Mordes war. ist inzwischen auch von anderer Seite bekannt gewordxn. Die Abschwächungen, die Pasiftch jetzt in bezug auf den Zeitpunkt vornehmen läßt, zu dem er von dem Plan er­fahren haben will, kommen spät genug und find belanglos. Was fein Beauftragter über dieBerliner und Wiener Hoftamarilla" schreibt, ist so verrückt und unverschämt, daß man keine Worte darüber zu verlieren braucht. Heber alle Zweifel deutlich wird aber jetzt, daß es die balkanische Mord- und Banditen- methvde des serbischen General­stabs und der verantwortlichen ser­bischen Politiker war, durch die der Weltkrieg heraufbeschworen wurde.Tod vom Balkan" das ist die äleberschrift, die über dies grauenvolle Kapitel der Weltgeschichte ge­

wirkte Hoforganist Hopf, Eisenach (Dach-Passa­caglia); Margarethe Strunt, Berlin (Sopran), Elisabeth Böhm. Berlin (Alt) hatten die Soli in den Bach-Kantaten übernommen. Das kom­mende Konzertjahr möge auch auf diesem Ge­biete wieder alle Hoffnungen und Wünsche sich verwirklichen lassen.

Don den Streichquartett-Abenden stand der des Amar-Quartetts umer dem Zeichen der Mo­derne: es galt, für Casellas jüngstes Werk (Concerto für Streichquartett) einzutreten, ein Unternehmen, das nicht ohne Widerstand gelang. Der gleiche Abend brachte noch ein Spätwerk Re- gers (Streichtrio op. 141b) und Mozarts Ls-Dur- Quartett.

Das Wendling-Quartett bot erlesene Gaben. Beethovens erregtes tt-Woll-Quartett. Schuberts V-Moll (Der Tod und das Mädchen"), Dvo­raks F-Dur: Kampf, Resignation, Lebensbeja­hung.

Ein dritter angekündigter Quartett-Abend des Busch-Quartetts mußte leider wegen Er­krankung von Adolf Busch ausfallen. Da er aber inzwischen seine Konzerttätigkeit wieder aus­genommen hat. führt ihn hoffentllch der nächste Winter nach Gießen.

Diel des Interessanten, namentlich solcher Werke, die abseits der Heeresstrahe der Kontzert- prvgramme liegen, gab der Abend für zwei Vio­linen von Melanie und Hans Michaells (Se­kundgeiger des Wendling-Quartetts). Durch Mit­wirken des hoffnungsvollen Rudolf Peters, der eigene Werke spielte, erhielt die Veranstaltung eine persönllche Rote.

3n Rudolf Hindemith vom Amar-Quartett lernten wir (im Konzert mit Eva Lihmann) einen für die Zukunft vielversprechenden Cellisten kennen.

Unter den Gesangskrüsten gebührt ohne Zweifel Grete Stückgold der Vorrang. Bei ihr der völlige Kontakt zwischen Wollen und Körmen. Werk und Persönlichkeit, ein seltenes Zusammen­treffen. Daß kurz darauf Eva IÄesius-Lihmann unter dem Hellen Schein der Vorgängerin mit

hört. Für Deutschland Hal man den Tod vom Balkan zumTod von Versailles" machen wollen. Jetzt, wo man die Zusammenhänge kennt, wird eS nicht mehr ein Todvon" sondern ein Tod für" Versailles werden.

Oberhessen.

Kirchengesangvereinsfest in Heuchelheim.

4 Heuchelheim, 17. Mai. Die evange­lischen Kirchengesangvereine deS Dekanats Gießen hielten am gestrigen Sonntag in unserer neu erbauten Turnhalle ihr I a h r e s f e st ab. Wegen des 250. Todestages Paul Gerhardts, gestorben am 7. Juni 1676, wurde die Feier als Paul-Gerhardt-Ge­dächtnisfeier auvgeftaltel. Sie lann als ein Höhepunkt im Leben unserer evangelischen Kirche bezeichnet werden. In großer Zahl waren die Teilnehmer erschienen. Um 1.15 Uhr füllte sich bereits die große Turnhalle, denn viele Fest­teilnehmer wollten der Hauptprobe bei­wohnen. Pünktlich um 1.45 Uhr begann der Festgo11esdienst. Der Posaunenchor Klein-Linden unter seinem Dirigenten Ger­mer eröffnete mit einem Vorspiel die Feier. Passende Schrift- und Gebetswor.e des Liturgen, des Ortsgeistlichen Pfarrer Dörr, gaben der Feier eine stimmungsvolle Umrahmung. Unter Leitung von Lehrer K n a b trug ein hiesiger Schülerchor den dreistimmigen Satz von Grell vor: .Herr, deine Güte reicht soweit". Drei wuchtige Massenchöre, bestehend aus etwa 400 Sängern und Sängerinnen, geleitet von Leh­rer Waldschmidt. Heuchelheim, fangen zur Verschönerung des Gottesdienstes alte Gottes­lieder Paul Gerhardts. In seiner Festpredigt, in der Pfarrer Müller, Gießen, über das Dibeiwort ans Psalm 68. Vers 5.Singet Gott, lobfinget seinem Rainen" sprach, brachte er rechte Feststimmung in die mehr als 1000 Zuhörer fassende Turnhalle. Rach kurzer Kafseepause, bei der viele der Gäste in Heuchelheimer Familien eingeladen waren, begann um 3.45 Uhr die Rachfeier. Rach dem Massenchor, dem Paul Gerhardtschen Lied.Geh aus mein He^z und suche Freud" überbrachte der Ortsgeistliche, Pfarrer Dorr, die Grüße der Kirchen- gemeinde Heuchelheim und sprach dem hiesigen Turnverein herzlichen Dank dafür aus. daß dieser seine Turnhalle den Kirchengesang­vereinen zur Verfügung gestellt hatte. Dekan Gußmann, Lollar, überbrachte die Grüße des Dekanats. Zwischendurch fangen die ein­zelnen Vereine ihre selbstgewählten Lieder, meist ein kirchliches und ein Volkslied. Die große Turnhalle hat eine wunderbare Akustik, so daß die Lieder ihre Wirkung auf die Zuhörer nicht verfehlten. Die Dorgetragenen Chöre zeugten von gründlicher Arbeit der Vereine und ihrer Diri­genten. In seinem Schlußwort überbrachte der Verttauensmann für die DekancttskirchenGesang­vereine. Pfarrer Staubach, Watzenborn- Steinberg, die Grüße des HauptdereinS und ferner Grüße des Superintendenten für Ober- hesien. Oberkirchenrat Wagner. Er sprach allen, die zum Gelingen des Festes beigetragen haben, herzlichen Dank aus. Um 6 Uhr war die erhebende Feier zu Ende.

Landkreis Gießen.

ck. H e u ch e l h e i m, 17. Mai. In recht merkwür­diger Weise geht die Verwaltting der B i e b e r t a l - bahn mit denjenigen Fahrgästen um, die in Gießen den Zug so knapp erreichen, daß ihnen das Lösen einer Fahrkarte am Schalter nicht mehr möglich ist. Erhebt sie doch in die- fern Falle einen ZuschlagoonSOPs., was z. B. nach Heuchelheim den Fahrpreis von 20 Pf. um 250 Prozent verteuert. Die Berechtigung dieser Maß­nahme ist um so weniger einzusehen, als die Schaff­ner sowieso mit Fahrkarten ausgerüstet sind und auf den meisten nicht besetzten Stationen den Verkauf der Karten im Zuge vornehmen. Angeblich beruft man sich bei dieser von Berlin diktierten Anord­nung auf das Beispiel der Staatsbahn. Der Vergleich mit der Staatsbahn dürfte aber doch in vieler Beziehung bei der Biebertalbahn stark hinken. Besonderen Unwillen erregt es bei den betroffenen Fahrgästen, daß diese sicherverkehrfordernde" Ein­richtung überhaupt nicht bekanntgemacht ist und sie ihre Unwissenheit teuer bezahlen müssen. Vielleicht tragen diese Zeilen dazu bei, daß maß-

ihrem Können erblassen mußte, ist erklärlich: mit Werken, die ihrer Persönlichkeit angemessen waren, war auch ihr der Erfolg sicher. Karl Hammes, Köln, ließ die Freude an einer von Natur aus schönen Stimme wach werden, aber auch anderer­seits bedauern, daß die Bühne dem Konzert- gesang berufen« Kräfte entzieht.

Die Klavierbegleitungen lagen am letzteren Abend wie auch bei Eva Lihmann in den wohl- bewährten Händen von Paul Meyer. Frankfurt, einem Begleiter, wie man ihn sich stets wünscht. Hans Altmann, Frankfurt, zeigte als Begleiter von Grete Stückgold, daß die letzten Jahre für ihn einen gehörigen Schritt vorwärts bedeuten.

Walter Gieseking eröffnete die Saison recht verheißungsvoll: als Klavierspieler der Mo­derne lleß er neues Licht über die Alt­meister des Klavierspiels (Dach, Scarlatti) er­strahlen: mit SchumannsKreisleriana" er­reichte er den Höhepunkt. Daß er mit seinem Eintreten für Skrjabins Sonate nicht den erhoff­ten Erfolg fand, beweist deutlich, daß auch di« stärkste Interpretation ein Werk, dem das liebet- zeitliche fehlt, nicht zu retten vermag.

Seinen Ausklang fand der Konzertwinter mit einem Gedenken für Max Reger (10jährige Wiederkehr des Todestages). Waren die Mei­ninger mit den Mozarl-Dariattonen, das Arnar- Quartett mit dem Streichtrio auf den Plan ge­treten. so bot ein Kirchenkonzert als einen Aus­schnitt aus seinem Orgelschaffen öle drei Choral­phantasien: ..Ein' feste Burg".Straf mich nicht in deinem Zorn".Wachet auf, ruft uns öle Stimme", für öle sich Aövls Wieder, Halle, mit starkem Erfolg einfetzte: Claere von ®cmta fang geistliche Lieder.

Ein erfolgreiches Iahrl Vielleicht hätte sich auch Gelegenheit geboten, Arnold Mendelssohn zu feinem 70. Geburtstage mit einigen seiner Werke zu berücksichtigen.

Der nächste Winter steht unter dem druck der 100jährigen Wiederkehr des Todes­tages von L. von Beethoven und Lßt fo vieles erhoffen.