Nr. 191 Erstes Blatt
176. Jahrgang
Dienstag, 17. August 1926
Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Die (Eroberung von Tripolis durch Italien und die Gefährdung des europäischen Zriedens im Jahre 19U Don Dr. Gustav 2t o Io ff, o. o. Professor der
Geschichte an der Universität Gießen.
Die vor kurzem erschienene neue Dänderreihe der Po rkrieg satten (Die Große Politik der europäischen Kabinette 1871 bis 1914. Bd. 30 bis 33) näfjert sich immer mehr dem eigentlichen Ursprung des großen Krieges; die neuen Bände oehaick)eln fast ausschließlich orientalische 2lnge- «egenheiten, auS denen ja der Weltkrieg erwachsen ist.
Als der marokkanische Streit durch das Kompromiß zwischen Deutschland und Frankreich im Rovember 1911 abgeschlossen wurde, war bereits ein neuer internationaler Konflikt im Gange, der aber in feinen Wirkungen weit verderblicher war als der marokkanische. So sehr dieser die diplomatische Welt und die öffentliche Meinung Deutschlands, Frankreichs und Englands einige Wochen in Unruhe verseht hatte, er berührte letzten Endes doch nur zwei Mächte und hatte für die allgemeinen Verhältnisse keine Bedeutung mehr, als sie sich verständigt hatten. Der neue Konflikt brachte dagegen das ver- wickeltste Problem der allgemeinen Politik, die Balkanfrage, in Bewegung, und seitdem schwebte Europa unter beständiger Kriegsgefahr. Es war die Wegnahme von Tripolis durch die Italiener im Oktober 1911, die diesen Anstoß gegeben hat.
Seit langer Zeit schon hatte Italien den Blick auf dies Außenwerk der Türkei gerichtet. Da es bei feiner steigenden Bevölkerung ein Ex» pansionsgebiet brauchte, hatte es zunächst an die Erwerbung von Tunis gedacht; als ihm Frankreich in der Okkupation dieses Landes zuvorkam (1881), führte das zur tiefen Entfremdung zwischen beiden Völkern und trieb Italien zum Bündnis mit den Mittelmächten, allmählich fand sich ein Ausgleich: Frankreich erklärte sich berett, den -Italienern Tripolis als Ersah für Tunis zu überlassen, falls Italien dafür den Franzosen in Marokko freie Hand lasse (1900). England gab zwei Jahre später ein ähnliches Versprechen in der Hoffnung, Italien ganz mit Frankreich zu versöhnen und es aus der Verbindung mit Deutschland und Oesterreich zu lösen. In der Tat, je mehr in den folgenden Jahren England und Frankreich zusammenwirkten, desto * *PcPr näherte sich ihnen Italien, um seinen ^ripolitanischen Lohn zu erhalten: gegen den Willen dieser beiden Mächte, deren Seemacht im Mittelmeer dominierte, hätte es ja nie an diese Erwerbung denken können. In allen Marokkokrisen, namentlich in der Konferenz von Alge- firas (1906), die dies Reich Frankreich auszuliefern begann, hat Italien daher an der Seite der Westmächte gegen seinen deutschen Bundes- genossen gestanden.
Seitdem betrachtete Italien sich bereits als Erben der türkischen Provinz. Die Regierung suchte dort allerlei wirtschaftliche Unternehmungen zu begründen und zu verhindern, daß die Pforte etwa Unternehmer anderer Rationen vor Italienern begünstigte, was begreiflicherweise zu zahlreichen Reibungen mit den türkischen Behörden führte. Regierung und össentliche Meinung in Italien wurden dadurch immer gereizter und begehrlicher, und man suchte bald nach einem günstigen Moment, um die ersehnte Eroberung burchzusührcn. Den Anlaß gab die zweite große Marokkotti'is zwischen Deutschland und Frankreich im Jahre 1911.
ES ist oft behauptet und namentlich von Gegnern der deutschen Bolüik systematisch verbreitet worden, daß die Sendung des „Panthc,.' nach Agadir (l.Iuli 1911) in Rom den Ent- fchluß zum Zugreisen in Tripolis hervorgerufen und so den An st ost zur Erschütterung des türkischen Besitzstandes mi ihren übern Folgm hervor- gerufen habe Indessen diese Auffassung ist gruichsaffch. Richt das deutsche Vorgehen in Marokko, sondern das französische Hal Italien zum Angriff auf Marokko getrieben. Wie die Akten zeigen, und Giolitti, der t>edeutendste italienische Staatsmann vor dem Kriege, in feinen Denkwürdigkeiten ausdrücklich hervorhebt, fürchtete man in Rom, daß Frankreich, sobald es sich in Marokko eingenistet habe, seine Versprechen über Tripolis vergessen und von Tunis aus die Hand auch hieraus legen werde: Frankreich, sagte Tittvni, der italienische Botschafter in Paris versteht es ja meisterhaft, Verträge zu umgehen' Gewiß eine scharfe Kritik der französischen Loyalität und eine Rechtfertigung der deutschen Politik. Die infolge dieser eigentümlichen Ver- tragspolitik Frankreichs in Marokko scharfe Sai- ftn hatte aufziehen muffen. Da nun Anfang September 1911 ein Kompromiß zwilchen Frankreich und Deutschland, das voraussichtlich Marokko zum französischen Vasallen machte, zu erwarten war. so schien Eile geboten. Ein Vorwand war schnell gefunden: ans angeblichen iln- gerechtigkeiten und Gewalttaten türkischer Behörden gegen italienische Ansiedler und Unter- nehmet lieft sich ein Ultimatum und eine Kriegserklärung konstruieren, der die militärische Expedition auf dem Fuße folgte (Anfang Oktober 1911). Die türkische Regierung, viel zu schwach zur See. um Widerstand zu leisten, mußte cs bei Protesten bewenden lassen und setzte ihre Hoffnung darauf, daß die Bevölkerung, unterstützt von einigen Tausend Mann regulärer Truppen, den Italienern die Besitznahme nach Kräften'erschweren werde.
Da die Pforte das Land kaum beherrschte und nur wenig Einkünfte daraus gezogen hatte, i so war ihr unmittelbarer Machtverlust gering, I
Europäische Wirtschastssorgen.
Weltkohlenbilanz.
Es gab während des Krieges Leute im Lager der Entente genug, die von einem Krieg nach dem Kriege sprachen und dabei an eine wirtschaftliche Zerschmetterung der Mittelmächte dachten. Diese Elemente befanden sich zudem noch in einflußreichen Stellungen, so daß es ihnen möglich wurde, den Friedensvertrag von Versailles zum Ausgangspunkt dieses Wirtschaftskrieges zu machen. Er hat fomn auch in den Rachkriegsjahren mit aller Heftig- keit getobt und will selbst heute nach acht Jahren noch nicht abflauen. So wie es im Rovember 1918 keine militärischen Sieger gab, Sieger, die wirklich diese Bezeichnung für sich in Anspruch nehmen konnten, so stellt sich auch jetzt immer mehr heraus, daß der angezettelte Wirtschaftskrieg, die gewaltsame Verdrängung unbequemer Konkurrenten und deren Erniedrigung zu tributpflichtigen Hörigen, allmählich zu einer ungeheu- ren Rieder läge der gesamten euro- ^if^cn Wirtschaft gegenüber der außereuropäischen. namentlich der amerikanischen geworden ist, die die wirtschaftliche Kurzsichtigkeit der Väter des Versailler 2krtraged und deren flctoaltfame Reuordnung der wirtschaftlichen Verhältnisse Europas benutzt hat, um Schritt für Schritt vorwärts zu bringen und Europas wirtschaftliche Vorherrschaft zu brechen.
Wir brauchen hier nicht weiter darüber zu sprechen, wie stark die europäischen Staaten in die Abhängigkeit Amerikas durch den Krieg, mehr aber noch durch ihre verfehlte Politik in der Rach kriegszeit geraten sind; toir brauchen auch nicht aufzuführen, welche enormen^ wirtschaftlichen Schäden der „Friedensvertrag" angerichtet hat, denen gegenüber die des Krieges verschwindend klein geworden sind. 2Tber eine Bilanz wollen wir auf einem sehr wichtigen Wirtschaftsgebiet ziehen, das als Fundament der Weltproduktion anzusehen ist, nämlich der Kohlenwirtschaft unter besonderer Berücksichtigung der europäischen Erzeugung. Ein paar Zei^ len schon genügen vollauf, um zu zeigen, wohin uns und wohin der Krieg die anderen gebracht hat. ilnter „uns" sind nicht wir Deutsche im engeren Sinne .sondern wir Europäer zu verstehen. Die gesamte Steinkohlenförderung der Well weist gegenüber 1913 im Jahre 1925 einen Rückgang um 30 3 Millionen Tonnen auf. Aber die Europas allein zeigt einen Ausfall von 67,8 Millionen Tonnen Dieser Ausfall geht ausschließlich zu Lasten der europäischen Erzeuger, da die auftereuropäischen durch stärkere Förderung das Defizit um 30 Millionen verringert haben. Amerika erhöhte seine Erzeugung um 9 5 Millionen Tonnen, Asien um 15 Millionen. Afrika um 8,2 Millionen und die übrigen überseeischen Länder um 3,5 Millionen Tonnen Der Ausfall geht also ausschließlich auf das sich zerfleischende Europa, während die außereuropäischen Staaten aus unserem durch den Versailler Friedensvertrag geschaffenen und bis heute aufrecht erhaltenen Zustand wirtschaftlichen Irrsinns den Ruhen ziehen
Man könnte darauf Hinweisen, daß die bessere Ausnutzung der Wasserkräfte und die Konkurrenz des Heizöls die europäische Kohlenförderung zurückgeworfen haben. Das trifft schon deswegen nicht zu, weil gerade Amerika wohl bisher den stärksten Gebrauch von diesen Kraftquellen gemacht hat. trotzdem aber seine För
derung, und damit natürlich auch seinen Absatz erheblich steigern konnte. 2tber greifen wir nur zum Friedensvertrag, der dem einen fast die gesamten Eisen- und Stahlerzeugnisse zuschanzte, sie dem andern nahm, neue Wirtschaftsgebilde und neue Zollschranken in Europa schuf, große Staaten, die als Verbraucher in Betracht kommen, mit unerhörten Kriegstributen belastete, bis aufs Blut aussaugte uyb damit aus dem Kreis der Konsumenten so gut wie ganz ausgeschaltet hat. 1913 erzeugte Europa 46,1, 1925 nur noch 36,5 Millionen Tonnen Eisen. Die Roh- stahlerzeugung ging von 42,1 auf 40,9 Mill. Tonnen zurück. Hier liegt der Schlüssel für den verminderten Kohlenverbrauch. Dagegen hat Amerika seine Eisenproduktivn um 5 unj^feine Rohstahlerzeugung um 15 Millionen Wimen heben können. Daneben bleiben die Bestrebungen aller außereuropäischen Staaten, sich von der europäischen Produktion lvszulösen, zu beachten, was ebenfalls zur Minderförderung an Kohle beigetragen hat.
Schließlich bleiben aber noch andere Dummheiten ohne Zahl, für die die Väter des 23er» failler_ Friedensvertrages verantwortlich zeichnen. für die aber die heutigen Lenker der europäischen Geschicke eine noch größere Verantwortung tragen, weil sie die Mißstände nicht beseitigen, obwohl sie sie längst klar erkannt haben. Greifen wir nur einmal die deutschen Kohlenzwangslieferungen heraus. Kostenlos mußte Deutschland 14,5 Millionen Tonnen Kohle und Koks dorthin liefern, wo vordem englische Kohle den Markt beherrschte. England dagegen zeigt für 1925 gegenüber dem letzten Kriegsjahr ein Aussuhrminus von 27,3 Millionen. Wit den geschenkten deutschen Kohlen hat Frankreich seine Eisenerzeugung ver- siebenfacht und kann dazu noch mit Hilfe seiner geschwächten Währung so billig verkaufen, daß es alle anderen europäischen Staaten weit hinter sich läßt. Die Engländer wiederum waren so dumm, zum Mittel der Subventionen zu greifen, um ihre Kohle in die alten Absatzgebiete hinein- zudrücken. Das ist ihnen so gut wie gar nicht gelungen, sie haben dafür Millionen und Aber- Millionen verschleudert und alle europäischen Eisen- und Stahlproduzenten mit billigster englischer Kohle beliefert, während die englischen Erzeuger die teueren Inlandspreise bezahlen muhten, somit also gegenüber der mit billigeren Brennstoffen arbeitenden ausländischen Konkurrenz ins Hintertreffen gerieten. Das wäre nicht nötig gewesen, wenn England schon längst für eine Beseitigung der ungesunden Erscheinung der Kohlenzwangslieferungen gesorgt hätte. Tiber solange der alte Zustand bleibt, wird sich weder die europäische Kohlenbilanz verbessern, noch die Versklavung des gesamten Europas durch das immer mächtiger werdende Amerika verhindern lassen.
Der Eifenpakt.
Schwierigkeiten in den Pariser Verhandlungen.
Paris, 16. Aug. (Wolff.') Belgische Blätter wollen bereits von einem Abbruch der Verhandlungen zwischen den deutschen, französischen, belgischen und luxemburgischen Industriellen über den Abschluß eines Eisenpakts wissen. Wie aus authentischer Quelle verlautet, bestehen tatsächlich Schwierigkeiten, die auf die Forderungen
der französischen und besonders der belgischen Vertreter nach Hinaussehung der ihnen zugewiesenen Kontingente zurückzuführen sind. Diese Kontingente sollen nach französischen Angaben bei den letzten Verhandlungen für Deutschland auf 43 Proz., für Frankreich aus 37 Proz. und Hir Belgien auf 12 Proz. festgesetzt worden sein, während die restlichen 8 Pro-. Polen, derTschecho- slowakei und Oesterreich Vorbehalten seien. In Frankreich hoffe man jedoch, noch im Lause des Septembers zu einer Einigung zu gelangen. D.e Widerstände Belgiens seien wohl ernst. matt» brauche allerdings nicht von einem Abbruch der Verhandlungen zu sprechen. Wie sranzösifcher- sefts verlautet, sollen bereits morgen die Verhandlungen wieder aufgenommen werden. Jedenfalls steht fest, daß zwischen den deutschen und luxemburgischen 23ertrctem eine restlose Verständigung erzielt worden ist.
Rußlandunddie-eutscheJnduslrie
Die Erschließung des Dongebicts.
E s f en, 16. Aug. (WB.) Der von einem Aufenthalt in Rußland zurückgekehrte Syndikus Dr. Rechlin äußerte sich über die Zus arnrnena r- beit von Don- und Ruhrgebiet und führte aus, daß der Don-Kohlen-Trust feit einem 3ahr etwa in starke Beziehungen zur deutschen Industrie, besonders der rheinisch-westfälischen Industrie zwecks Ausbau seiner Kohlenanlagen getreten sei und eine zweckentsprechende möglichst reibungslose Zusammenarbeit wünsche. Eine Zusammenarbeit sei deshalb möglich, weil daS Kohlenvorkommen in beiden Gebieten sich sehr ähnele, so daß für das Dongebiet dieselben Maschinen und- Abbau- methoden in Frage kämen. Die deutsche Industrie könne deshalb den Ausschluß des Don- geoietes bewerkstelligen. Die Verhältnisse im Dongebiet können durchaus als geordnet bezeichnet werden. Das Streben nach Zusammenarbeit mit dem hiesigen Bezirk habe bereits positive Ergebnisse gezeitigt. Es seien Abschlüsse getätigt auf Schachtanlagen, eine Koksanlage, die dazu gehörenden Rebenprodukteanlagen. ein weiterer Koksofen und eine Anlage zur Rebenproduktegewinnung. Daneben hätten verfchiedene Firmen Bestellungen erhalten auf große Maschinen und auf Detriebseinrichtungen unter Tage.
Der britische Bergarbeiterstreik
London. 16. Aug. (TU.) Die Ergebnisse der heute begonnenen Konferenz der Bergarbeiterdelegierten wurden in einem in später Abendstunde herausgegebenen Kommunique dahin zusammengesaßt. daß die Vermittlungsaktion der Bischöfe mit einer Mehrheit von rund 35 000 (Stimmen a b g e I e f; n t worden sei. Diese Ablehnung sowie die vielen aus den Berichten sich ergebenden Einzelfraqen waren Gegenstand der sehr ausgiebigen Diskussion, die 41/« Stunden dauerte. Beschlüsse wurden noch nicht gefaßt. Die Verhandlungen wurden auf morgen vertagt. Die Zahl der Bergarbeiter, die Die Arbeit wieder aufnehmen, steigt täglich. Rach den letzten Rachrichten arbeit . n in Lanarkshire 5583 Bergarbeiter, in Warwickihire 5880. in Camiock 5191 und in den mittleren Kohlendistrikten 3500. Heute haben alle Arbiter der drei Zechen in Shropshire. 1680 an der Zahl, die Arbeit wieder ausgenommen,
aber die mittelbare Wirkung formte unübersehbar fein. Wenn Italien, um den Widerstand des Sultans gegen die Abtretung des Landes zu brechen, das türttiche Gebiet in Europa, etwa in Albanien oder im Aegäischen Meere, angriff, dann war zu erwarten, daß auch die Balkan- floaten das türkische Reich überfielen, um ihm Mazedonien, womöglich Konstantinopel zu entreißen. Daß solche Wünsche in Serbien und Bulgarien lebten und daß beide über ein Bündnis verhandelten, war ein öffentliches Geheimnis. Es war ausgeschlossen, daß Oesterreich und Rußland einen solchen Umsturz der Machtverhält- nisse am Balkan ruhig geschehen ließen: bei jeder Erschütterung der orientalischen Dinge war daher der europäische Friede in Gefahr. Wem also an der Sicherung des europäischen Friedens lag, mußte danach streben, den Frieden zwilchen Italien und der Pforte möglichst bald wiederl.erzu- stellen. Es ist bezeichnend, wie die Großmächte sich zu dieser Aufgabe verhalten haben.
Deuischland und Oesterreich waren bestrebt, sobald sie Italiens Aktionslust bemerkten, den Krieg zu verhüten, dadurch, daß sie einerseits in Rom auf die Gefahren, die mit der Aufrollung orientalischer Fragen verbunden waren, hin- wiesen, andererseits in Konstantinopel darauf Drängten, die italienischen Beschwerden abzu» ltecken. um den Italienern jeden Vorwand zum Kriege zu nehmen. Als diese Vermittln ngs- versuche gescheitert waren, bemühten sie sich, den Krieg zu lokalisieren; sie suchten eine Form ju finden, die dem Expansionsbedürsnis der Italiener unter möglichster Schonung des türki- h^eri Selbstgefühls genügte: die Italiener sollten Tripolis, das der Sultan nun einmal nicht zu verteidigen verniochte, okkupieren, aber getoiffe Souveranitätsrechte des Sultans sollten gewahrt o.ewen. Als Italien diesen Ausweg ablehnte, schlugen sie eine Geldrnt'chädigung für die Pforte vor, wozu die römische Regierung schon eher geneigt war.
Anders stand England. Sein Botschafter in Konstantinopel vertrat, wie der deutsche Botschafter Frhr. v. Marschall durch seine Gewährsmänner erfuhr, den Gedanken, daß die Pforte jede Rachgiebig'eit ablehne und den Heiligen Krieg erklären solle, ja er empfahl Boykott der italienischen Waren und Ausweisung der Tausende von Italienern, die im türkischen Machtbereich ansässig waren. Wenn die türkische Regierung diesen Ratschlägen folgte, war der Krieg ins Unabsehbare verlängert. Es ist selbstverständlich, daß die englische Regierung die Folgen, die sich hieran knüpfen konnten, überschaut hat. Ueber ihre Politik in diesem Augenblick ist noch nicht das letzte Wort zu sprechen, da uns die englischen Akten fehlen und Lord Grey, der Leiter der auswärtigen Politik, in seinen kürzlich erschienenen Denkwürdigkeiten fein Wort über diese Angelegenheit sagt. Die Vermutung drängt sich aber auf, daß Grey in der Tat den Türken im Gegensatz zu Deutschland und Oesterreich jede Rachgiebigkeit widerraten hat, um sie an England heranzuziehen und dann eine Scheinkonzession bei Italien, auf dessen Regierung ja England großen Einfluß hatte, durchzusehen. So konnte England schließlich den Frieden zustande bringen, sich fottmbl Italien wie die Türkei verpflichten und die Mittelmächte ausschalten. Wenn so England, wie es den Anschein hat, eine Politik trieb, die auch die Möglichkeit einer gefährlichen Zuspitzung &er allgemeinen Lage nicht scheute, so suchte Rußland die Bedrängnis der Pforte auf anderem CIBegc zum eignen Vorteil auszunutzen. Die Petersburger Regierung stellte, während die Vermittlungsaktion der Mittelmächte noch im Fluß toar, plötzlich das Ansinnen an die Pforte, den russischen Kriegsschiffen freie Durchfahrt durch öie Dardanellen und den Bosporus zu gestatte:'., während die Meerengen den anderen Mächten nach wie vor verschlossen bleiben sollten. Es war ein Vorschlag, dessen Durchführung die Russen zu Herren Konstantinopels gemacht hätte. Es ist
begreiflich, daß die türkische Regierung in große Erregimg geriet und auf allen Seiten H.lse luchte. Aber der Augenblick war für diesen Vorstoß schlecht gewählt. Denn England, das ja die Türkei unter feinen Einfluß bringen und sie ganz von Deutschland lösen wollte, konnte einen solchen Antrag in Konstantinopel nicht unterstützen. und Frankreich ging in dieser Frage mit England. Rußland mußte daher feinen Plan Der- tagen; Deutschland und Oesterreich kamen gar nicht in die Lage, dagegen Stellung nehmen zu müssen, was die allgemeinen Verhältnisse ohne Zweifel aufs neue gespannt hätte.
Man ersieht hieraus, wie verschieden die Großmächte die italienisch-türkische Verwicklung betrachteten, Deutschlands und Ocst-wreichs Bemühungen, eine schleunige einheitliche Friedensaktion zustande zu bringen, mußten daher vergebens fein. Der Krieg zog sich bis zum Herbst 1912 hin. Italien besetzte einige Inseln im Aegäischen Meere und bestürmte sogar, wenn auch umsonst, die Dardanellen. Das. was man in Berlin und Wien besorgt hatte, trat ein: die Balkanstaaten schöpften aus der Rotlage der Türkei den Entschluß, zum Angriff Überzüge'^en und stellten Europa damit vor ganz neue Schwierigkeiten.
Spanien verlangt Tanger.
Paris, 16. August. (TU.) wie aus Madrid gemeldet wird, hat General Primo de Rivera gestern erklärt, Spanien verlange die Einbeziehung Tangers in seine matoffa- nildje Protektionszone. Denn die .Forderung zurückgewiefen werde, so müsse es sich überlegen, ob es weiter viele Millionen Peseten jährlich dafür bezahlen solle, daß Tanger ein internationales Fentrum für Verschwörungen und für die Daffen- unlerslühung der Aufständischen bleibe. Tanger würde in den Händen der Spanier nach Ansicht JJrimo de Riveras eine Garantie für den Weltfrieden bedenken.


