Die Krummhölzer.
Roman aus den bayerischen Bergen
Don Michael Wagner.
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Sie holte ein wenig Atem und setzte dann ihr Selbstgespräch wieder fort:
„Wahrhaftig — gar keinen Rat weiß ich mir! Net vorn und net hinten! — Ach ja! — Und den alten Herrn Professor ausquartieren wegen dem Bankmenfchen und feinem Geld? — Sündhaft wär' fowas, wenn wir's net gar fo gut brauchen könnten!" Paufe. Jetzt erst fiel ihr ouf, daß Marianne zu der ganzen, sie so tief bewegenden Angelegenheit noch kein Sterbenswörtchen geäußert. Es machte die Frau Rontaler etwas nervös, sich in diesem Dilemma sich selbst überlassen zu sehen.
„Und du sagst überhaupt nichts, Mariann! Läßt mir alten Frau das ganze Kopfzerbrechen über —"
Den schönen Kopf mit dem vollen Blondhaar lief über die zarte Arbeit gesenkt, sah Marianne n Sinnen versunken. Es schien, als yörte sie die Mutter gar nicht.
„Was meinst denn nachher du, was ich tun soll?" fragte die Mutter noch einmal. Marianne antwortete nicht sogleich. ,La, also —drängte ungeduldig die Mutter weiter.
„Schau, Mutter, deswegen bin ich ja' zuvor so in die Gedanken kommen, weil ich über allerhand nachgedacht, was mit diesen Dingen zusammen- hängt! Deine Pension würde wohl für dich allein ausreichen — für zwei aber ist sie bei dieser Teue- rung entschieden zu wenig."
„Was hat setzt meine Pension mit dem Zimmer- vermieten zu tun?"
Marianne lächelte über den resoluten Einwurf. Unbeirrbar führte sie den angefangenen Gedanken weiter aus:
„Und von diesem Standpunkt aus, Mutter, sollte man eiaentlich doch nicht lange überlegen und zugreifen'/'
„Aber Kind! — Das ist ja alles recht und gut — aber der alte Herr Professor!"
„Da niuß eben ein Ausweg gefunden werden!" sagte der blonde Schelm schmunzelnd.
.Darum frag ich dich doch!"
Jetzt lachte Marianne aerobe heraus. Unbekümmert um das vorwurfsvolle Gesicht der Mutter.
„Da lachst, du, pfui!"
„Verzeih, Mutter! Ader dafür mache ich dir auch einen hoffentlich recht brauchbaren Vorschlag Du sagst dem Runkelberg zu unb ben Professor behältst bu auch! Die Sache ist sehr einfach: wir machen nämlich auch mein Zimmer frei, und ich ziehe zu bir! Dann ist bie Sache erlebigt!"
Gerabezu fjerausforbemb triumphierend klang bas. —
Die Mutter wiegte bebächtig ben Kops hin und her. Ihre Stimme klang merklich trübe, als sie nun einwars:
„Ich kcmn's nicht glauben, Mariann, daß bir fo leicht ums Herz ist, wie bu tust!"
Da schob sich eine kurze Stille ins Gespräch der beiben. Ohne zu antworten, stützte Marianne ben Kopf in die Hand und blickte gedankenverloren durch das Fenster an ihrer Seite in die Berg- winlerlandschaft hinaus.
„Gel ja, Mariann!" wiederholte die Mutter.
Marianne aber rührte sich nicht. Wie gebannt starrte sie zum Fenster hinaus. Dann stand sie auf — und plötzlich schnellte sie herum:
„Mutter — es kommt jemand!"
Die verwitwete Frau Hauptlehrer erschrak bis in ihr liefinnerftes —: dieser Ausdruck im Gesicht ihrer Tochter — das Blitzen in den Augen, der halboffene Mund, die geröteten Wangen — völlig angst wurde ihr . . . Sie wollte fragen, aber —
„Ich komme gleich wieder, Mutter — geh du ihnen entgegen!" rief Marianne, aus dem Ammer eilend.
Die Frau Rontaler saß darauf erst ein Weilchen vollkommen unbeweglich, gleich Lots Weib, und starrte auf die Tür, durch welche Marianne so plötzlich abgegangen war. Dann aber kam Leben in sie, und mit ein paar Schritten war sie am Fenster.
„Ah!" entfuhr es ihr unwillkürlich.
Auf der schmalen Wegspur, die sich von einer baumumbuschten Dillengruope über ein ausgedehn- tes Schneeseld zu der sanften Höhe schlängelte, die dar Rontalersche Häuschen trug, kamen zwei
Männer geschri.ren. Der eine war groß und breitschulterig uno hatte einen schweren, bedächtig-gc- messenen fflang, der andere, schier ebenso groß, doch nicht so breilbruftig, hinkte auf einem Peine und stützte sich schwer auf feinen Stock. Troy der Entfernung erkannten bie alten Augen der Frau Hauptlehrer sogleich die beiden, und ihr Mutter- herz schlug einen fröhlichen Generalmarsch: die Uradjer, der Vater und Zeno! Da gab es nur eines: bie kamen, um zu freien!
Das pumpte ihr Beweglichkeit in bi« alten Glieder. Rasch ben Wollschal umgeschlagen und hin- aus zur Tür.
„Mariann! Zieh die weiße Spitzenschürze an unb richt' bann gleich zum Kaffee an!"
Bimbim! machte die Hausglocke.
Nun folgte eine unschuldige kleine Empfangskomödie, wie sie unter hundert ähnlichen Besuchen bei neunzig aufgeführt wird.
„3a! — Ja! — Ja, was ist denn das! Der Uracher und der Zeno! Eine solche Ueberraschung!"
„Grüß Gott, Frau Hauptlehrer!" sagten bie beiden Vksucher, eintretend, fast zugleich, und zwei Hände streckten sich der Hausmutter entgegen, eine klobige, von harter Arbeit zerschundete, und eine leichtere, feinere. Beide schüttelte sie mit großer Herrlichkeit.
Dann geleitete Frau Rontaler ihre Gäste in die warme, freundliche Wohnstube.
„Ah, da is schön freundlich herin und bacherl- roarm!" sagte der Uracher und rieb sich wohlig die Hände.
„Eine solche Ueberraschung, ich bin noch ganz weg!" hob die Frau Hauptlehrer wieder an, unb schaute mit strahlenbem Gesicht von einem zum andern.
„Ha, ha, ha!" lachte dröhnend der Uracher las. Dann nach dem üblichen Hin unb Her, wie es gehe und stehe, gesundheitlich und im Hauswesen, ließ es dem Zeno keine Ruhe mehr:
„Wo steckt denn eigentlich bie Mariann, Frau Hauptlehrer? — Jst's vielleicht gar —"
„Jeß', die Mariann! Gel, da hält' ich vor lauter Ueberraschung bald vergessen —" entschuldigte sich die Mutter. Sie war aber schon an der Tür.
„Mariann! Mariann!"
„Ja, Mutter!" antwortete bie Stimme ber Tochter. „Was ist'»?"
„Komm g'schwind unb schau, wer ba ist!" ...
Dann trat sie «in: groß, voll erblüht in ihrer blonden Schönheit — em herrliche», lebensfrische», junges Weid.
Wie auf Kommando erhoben sich die zwei Uracher. Und die Blicke der Frau Hauptlehrer gingen voll mütterlichen Stolze» von ihrem schönen Kinde zu ben beiben Männern, als wollte sie sagen: Schaut sie euch nur an — ist sie nicht mehr wert, als euer ganzer Krummholzerhof?"
Obwohl vorbereitet — einen Augenblick stand Marianne doch in echter Verwirrung. Sie faßt« sich aber rasch unb trat auf Uracher zu:
„Grüß Euch Gott, Uracheroater! Wie mich ba» freut!"
Hei, da ging dem Alten das Gesicht auseinander! Dann kam der Zeno an die Reihe. Eine Sorte, entzückende Röte überhauchte ihr schönes Gesicht, als sie ihm den Willkomm bot. Ihre Augen aber sagten mehr.
Zeno hotte am allerliebsten bie Geliebte in bie Arme geschlossen und sie nach Herzenslust abgc« busselt, statt ihr des langen und breiten zu be- richten, wie es ihm gehe. Er mußte sich wohl oder übel damit bescheiden, die warme, kleine Hand so lange in der seinen zu halten unb bedeutungsvoll zu drücken, bis sie ihm saust entzogen wurde.
„Ich bitt' um Entschuldigung — geC Mutter, ich richt’ gleich zum Kaffee an!"
„Ist recht, Kind!" Ein Blick voll Stolz unb Liebe aus den Mutteraugen folgte bet Hinaus- eilenden.
Wenn Zeno nicht schon eigens deswegen herge- kommen wäre, um sich Mariannens Jawort zu holen, heute hätte er sie gefreit, unb wenn bie Welt in Scheichen gegangen wäre. Der stille, ruhige Mann brannte lichterloh.
Vorderhanb mußte er sich aber noch gebulben. Der Vater war dabei, und bei dem ging’s schön bedächtig, eins noch dem andern. Da gab es erst so mancherlei durchzureden, ehe man so quafi wie von selber auf das rechte Gleis kam. Zu machen war dagegen nichts. Da mtißte man eben grad soviel Geduld als ungeduldige Liebe haben . . .
(Fortsetzung folgt.)
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Hess. Bürgermeisterei Odenhausen.
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