Ur. 165 Zweites Blatt
Samstag, ir. Juli 1926
Lietzener Anzeiger (Seneral-Anzeiger für Oberhessen)
Aegypten ist. und Italien erhält das Recht, mit einer Eisenbahn durch die Osthälfte von Abessynien hindurch seine Kolonien Erythraea und Somaliland miteinander zu verbinden. Kenan im gleichen Stil haben sich England und Ruhland 1907 über das unabhängige Persien geeinigt. Kenan im gleichen Stil einigten sich England und Italien 1911, als letzteres den Tripolis- Krieg gegen die Türkei vorn Zaune brach. Frankreich sieht sich benachteiligt. Es versuchte Widerspruch, aber ist rasch zurückgezuckt. Es ist eben gehemmt und gefesselt und die letzte Karte bleibt, dah Abessinien, in einer Unabhängigkeit bedroht, im September in Kens die ganze Sache mit sraiuösischer Unterstützung aus das Tapet bringe. Aber auch da ist man schon bereit. dieser Beschwerde will man entgegenhalten, dah Abbessinien verbotenen Handel mit Waffen und Sklaven treibe. Die englische Politik aber manövrierte unglaublich geschickt: Die Türken schreckten sie mit Mussolinis Orientplan und so gewannen sie die Zustimmung der Türkec zum Abkommen von Mossul, Italien wiederum wird für seine Haltung zum Mossul- abkommen mit dieser abessynischen Abmachung entschädigt?
Das Abkommen zwischen Caillaux und Chur» chill, das Frankreichs Schulden an England endgültig regeln soll, nachdem vor einem Jahr der erste Anlauf gescheitert ist, ist sicherlich in mancher Beziehung für Frankreich günstig, namentlich in der Hauptsache, in der Summe und den Zinsen selbst, worin auch England, wie das Nordamerika tut, einen Rachlah gewährt hat. Damit dürfte denn auch das englisch-amerikanische Schuldenverhältnis in eine neue Phase treten, insofern damit der Grundsatz der bekannten Bal- four-Note aufgegeben wird, dah England nur so viel von seinen Schuldnern fordere, als es selbst an Amerika zu zahlen verpflichtet sei. Aber das wesentlichste hat Caillaux nicht erreicht, oder es liegt noch in weitem Felde.
Ersteres bezieht sich auf den französischen Wunsch, dah Frankreichs Zahlungen unmittelbar in Zusammenhang, in Abhängigkeit von Frankreichs Einnahmen aus dem Dawesplan gebracht werden mühten. Das lehnt Rordamerika reael- mäßig ab. Das hat auch England abgelehnt. Das allgemeine Versprechen einer Prüfung der französischen Verpflichtungen, wenn Deutschland in Verzug gerate, ist dafür kein Ersah. Andere Spezialpunkte, wie das französische Golddepot bei der Dank von England lassen wir beiseite. Die Hauptsache ist ja doch nicht das Abkommen selbst, sondern das Abkommen als Voraussetzung für Dalutakredite und für ein Zusammenarbeiten der Zentralbanken, mit denen der Frank. bann gehalten werden soll.
Auf letzterem, auf der Aussicht und Hoffnung auf Anslandkredite ruht Caillaux' ganzer Finanzplan, der in dem sogenannten Sachverständigen!) ericht ausführlich dargelegt tst. Dieser Bericht ist sehr sorgfälttg, s^hr offen. Er reiht den letzten Schleier von dem bodenlosen und unverantwortlichen Finanzschwindel, in dem sich Frankreich sieben Jahre selbst betrogen hat. Er gibt die Hoffnung auf, dah der „boche" alles bezahlen werde, und stellt die Finanzreform auf die Rotwendigkeit eigener französischer Opfer ab. Vieles in der Krittk und in den posittven Vorschlägen kommt uns außer- ordentlich bekannt vor. Alles das haben wir seinerzeit auch in Deutschland gehört und versucht. Aber sucht man nach den Mitteln, mit benen diese Reform durchgeführt werden soll, so sind das: Eine Amortrsationskasse für die schwebende Schuld, Steuern, eine Liebergangsinflation, und -AuslaNdanleihekredite der Dank von Frankreich und andere Kredite.
Von einem Entschluh, die Krisis im Wesen zu fassen und. so schwer es ist, zu überwinden, wie wir es 1923 getan haben, ist noch gar feine Rede. Auch das Ermächtigungsgesetz, das Caillaux jetzt anstrebt und das er längst
nicht in dem von ihm gewünschten Mähe erhielt, auch das läßt in keiner Weite Möglichkeiten offen, wie sie vom Reichsfinanzministerium Luther dann in der dritten Steuernotverordnung ergriffen tourben. Herve sagt ganz ergeben unb erschrocken von dem Sachverständigenplan, bah das eine „Roßkur" sei, mit der die Sanierung erlauft wurde Was Deutschland 1923 machte, war eine Rohkur, hat unzählige Existenzen vernichtet, aber Deutschland gerettet. Was Frankreich hier anstrebt, ist ein Versuch, den Pelz zu waschen, ohne ihn nah zu machen.
Caillaux hat den Zusammenhang zwischen Auslandkrediten, die natürlich für Frankreich ebenso notwendig sind, wie sie für uns damals notwendig waren, unb Schuldenanerkennung absichtlich im Unflaten gelassen. Die Mehrheit der Kammer ist ja heute noch gegen bas Abkommen von Washington, in dem die französischen Schulden an Amerika anerkannt worden sind. Wan reitet noch darauf herum, daß Frankreich ja mit seinem Blute längst bezahlt habe und dah es, wenn es schon Gelb bezahlen müsse, nur eben das aus Deutschland bekommene weitergeben dürfe. Solange man darin verharrt, kommt man nicht weiter! Gröhe Kredite aus England unb Amerika sinb für Frankreich an bic .Anerkennung seiner Schulden in förmlichen Abkommen gegenüber diesen Staaten gebunden
Wenn man will, kann man das als den Dawe^plan für Frankreich bezeichnen. Die drei Finanzgewaltigen, Strong, Rorman und Gilbert, die sich eben an der Riviera getroffen haben, sind sich darüber ganz einig: Anerkennung der Schulden, bann Hilfe zur Sanierung. Sowohl England wie Amerika sind bereit, Frankreich zur Sanierung zu Helsen. Aber der Weg dazu führt nur durch das Tor der Anerkennung dieser Schuldenabkommen, wobei ja Frankreich wieder sieht, daß es materiell auf erheblichen Rachlah rechnen kann, wenn es formell sich dieser Anerkennung unterwirft. Und wenn die Finanzgewaltigen der Welt auf dieser formellen Anerkennung bestehen, so wissen sie sehr genau, was sie damit wollen.
Diesen Zusammenhang kennt und begreift natürlich auch Taillaux. Aber noch ist er nicht stark genug, seine Kammer zu dieser Erkenntnis zu bringen. Trotz Sachverständigenbericht und Vertrauensvotum und ttotz seines Abkommens von London unb auch ttotz der unzweifelhaft sehr großen Fähigkeit von Caillaux halten wir die Aussichten auf baldige Sanierung des französischen Franken nicht für groß, Unb das ist sehr unerfreulich für Frankreich, aber auch für Europa und für Deutschland. Denn außer Schiebern und Spekulanten kann in Europa niemand ein Interesse daran haben, daß der heutige französische Wirrwarr noch lange weitergeht, der ein wesentliches Hindernis auf dem Wege zum europäischen Wiederaufbau ist!
Der 7. Nassauische Bauernlag.
* Herborn, 16. Juli. Die Vorbereitungen zu dem 7. Rass attischen Dauern tag vom 17. bis 20. Juli in unserer Stadt sind abgeschlossen; sie verbürgen den Besuchern einen befriedigenden Verlaus der Veranstaltung. Am Samstag wird unter Mitwirkung zahlreicher hiesiger Vereine ein Begrüßung-abend stattfinden. Sonntag bormittag werden die Maschinen- und Imker-Ausstellung, sowie die Geflügelschau ihre Pforten öffnen. Anschließend wird in der Festhalle die V e r - treterDerffammlung der Dezirksbauern- schaft für den Regierungsbezirk Wiesbaden und für den Kreis Wetzlar ftattfinben. Hier werden die Präsidenten des Reichslandbundes, Graf Kalkreuth und Reichstagsabgeordneter Hepp sprechen. Sonntag nachmittag sindet Volksfest statt, verbunden mit einer Festspielaus- f ü 5 r u n g. Am Montagnachmittag wird ein Festzug mit nahezu 50 Wagen und Gruppen
den Zuschauern einen reizvollen Anblick bietens besonders wird der historische Teil des Zuges die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Für den Dienstag sind Ausstellungendes Pferdezuchlverbanbes, des Wcsterwälder und Vogelsberger Züchttrvereins und des Ziegenzuchtverbandes vorgesehen. Diese Ausstellungen werden erstklassige Tiere in großer Zahl aufweisen. Der Besuch sämtlicher Darbietungen ist zu empfehlen.
Mehmarkt ober Mehhof in Gießen?
Zu unserem Artikel unter dieser Ueberschrift in 'Jlr. 159 vom 10. Juli wird uns von dem Siadtt. Balzer geschrieben.
„Die Ausführungen des Artikelschreibers berühren ein sehr wichtiges Gebiet im Wirtschaftsleben der Stadt Gießen. Der V i e h m a r k t, früher der bedeutendste für Oberhessen und Umgebung, liegt nun schon lange still, während die Märkte in Wetzlar unb Kirchhain abgehalten werden. Es müssen daher alle Hebel angesetzt werden, daß diese Märkte wieder stattfinden, soll Gießen nicht seine Bedeutung als Zentralpunkt ganz verlieren. Dies liegt sowohl im Interesse der Stadt selbst, als auch des Handels und der hiesigen @e schäftsleule, die die Steuerträger sind und durch den Ausfall der Märkte schwer geschädigt sind.
An einen Viehhof ist in den nächsten Jahren nicht zu denken. Die Kosten sind hierfür vorläufig nicht aufzubringen, auch dürfte die Platzfrage erst nach Ausführung der Lahnkanalisation und unter Berücksichtigung der weiteren Entwicklung der Stadt in der Zukunft gelöst werden können. Ein b ringe n b e 5 Bedürfnis liegt zudem nicht vor. Wie die früheren Märkte bewiesen haben, sind Stallungen reichlich vorhanden, ba bei ben hiesigen Stallbesitzern zirka 1000 bis 1200 Stück Bi eh eingestellt werben können, bazu kommen die Stallungen der Umgegend, Wieseck, Heuchelheim usw. Es liegt also kein Grund vor, andere Unterstellungsräume zu schaffen, die zudem große Kosten verur- fachen werben. Es geht boch nicht an, einen Ausnahmefall als Regel anzusehen. Was die Frage der Maul- unb Klauenseuche anbetrifft, so bürste beim Unterstellen bcs Viehes in ben einzelnen Gehöften die Gefahr der Weiteroerbreitung der Seuche erheblich geringer fein als bei einem Viehhof. Deshalb Viehmarkt und keinen Viehhof."
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Der Einsender sagt mit Recht, daß es sich biet., um ein sehr wichtiges Gebiet unseres heimischen: Wirtschaftslebens handelt. Deshalb muß diese Frage auch mit der größten Gründlichkeit geprüft werden. Oberster Gesichtspunkt muß dabei fein, daß bei aller Würdigung des Einzd- interesses — das ja für den Einsender selbst hier nicht vorliegt — doch das wichtigere Interesse der Bürg er gesamt he it den Vorrang besitzt. Von dieser Grundlage aus möchten wir zu den Ausführungen des Einsenders einige Anmerkungen machen.
Zunächst ist es nicht zutreffend, toenn der Einsender behauptet, daß „bic Märkte in Wehlär unb Kirchhain abgehalten werben." Diese Märkte sind wegen der Maul- und Klauenseuche seit einiger Zeit ebenso verboten wie die Gießener Märkte. Unsere Rachbarstabte haben also in dieser Hinsicht nichts vor uns voraus. Daß alles getan werben muß, um bic Markte toieber stattfinden zu lassen, wird von allen verantwortungsbewußten Stellen als selbstverständlich angesehen. Die Freigabe der Märkte seitens der Dekerinär- poltzei ist jedoch abhängig von der völligen Beseitigung der Seuche. Zu den „Steuerträgern“ zählen wir neben dem Handel und der Geschäftswelt auch noch das große Heer der Angestellten, Beamten und Arbeiter, sowie bic Angehörigen der freien Berufe, die durch ihre
Außenpolitische Umschau.
Von Professor Dr. Otto H o e h s ch, M. d. R.
Am 12. Juli unterzeichneten Caillaux und Churchill das neue englisch-französisch c Schuldenabkommen. Am 13. wurde zwischen Briand unb Primo bc Rivera das spanisch-französische Marokkoabkommen vollzogen. Bedeuten beide Abschnitte wirklich einschneidende Erfolge für Frankreich und Sicherung des Kabinettes Briand-Caillaux?
Das Marokkoabkommen ändert an den bestehenden Marokkoverträgen nichts. Beide Staaten haben in ihrem Rahmen die Reuvrdnung allein für sich getroffen, die Grenzen zwischen den beiden Zonen, der spanischen unb französischen, angelegt. die Küstenüberwachung und was sonst zur Aufrechterhaltung der Ordnung unt) des Friedens notwendig ist. Das Abkommen bedeutet für Spanien, daß es nun seine Zone auch toirf- sich im ganzen besetzen und verwalten muh und sich nicht mehr auf die Küste beschränken fonn. lieber Abd e t Krims Schicksal ist insofern entschieden, atö er nach Madagaskar ober einer in der Rähe gelegenen Insel deportiert werden soll.
Bei der Unterzeichnung sprach Briand die Hoffnung aus, daß dies Abkommen das erste in einer Reihe von Vorträgen zwischen beiben Staaten zur Festigung der Freundschaft zwischen beiden -innen sein möge. Das war keine selbstverständliche Redensart. Denn Spanien erkennt die Gunst der Lage jetzt gar wohl unb sieht nicht ein, warum es sich unbebingt an die französische Politik fesseln lassen soll. Es hat bestimmte Wünsche in bezug aus Tanger und in bezug auf den Völkerbundsrat. Sein Königspaar war in Paris, aber bann auch in London, unb in London hat König Alfons mit den englischen Staatsmännern über diese Frage gesprochen und so die Sang erfrage mit der Völker bundsfrage verkoppelt. Er deickt sich das wohl Io. daß Spanien gegen das Versprechen, im September ganz neutral und still zu fein und die Völkerbundstagung glatt vorüberziehen zu lassen, Entgegenkommen in bezug auf die nordafrikanischen Wünsche erhäll. Gleichzeitig hat Italien plötzlich das Tangerstatut, das es bisher noch nicht ratifiziert hatte, anerkannt, dafür aber die Frage Tunis gegenüber England unb Frankreich zur Diskussion gestellt.
Das neue spanisch-französische Abkommen also gewiß ist ein Erfolg, insofern es das politische Siegel auf die glücklich zu Ende gebrachte militärische Unternehmung gegen Abd cl Krim drückt, eine Unternehmung, die ja ganz vornehmlich durch Frankreich so ausgelaufen ist. Aber das Unternehmen hat sich damit politisch ungemein verbreitert: Marokko, Syrien, Tanger, Tunis, Dölkerbundsrat und Abessynien. Immer mehr zeigt sich eben, dah eine neue Aus- einanders e hu n g um Rordaf rika und das westliche Mittalmeer heraufzieht. In dieser . t .Frankreich durch seine inneren Verhältnisse gefesselt und isoliert, zur Defensive gezwungen, unb, wie man bemerken kann, sogar Spanien löst sich etwas von ihm.
Ihm gegenüber stehen England, das eine erstaunlich egoistische und geschictte Politik macht und Italien, das seine bekannten Kolonialwünsche vorwörtsbringen will. Dabei dreht es sich um Abessynien, bekanntlich einen unabhängigen Staat, bet seit 1923 im Völkerbund ist unb alle aus bieser Zugehörigkeit ssiehenden Sicherheiten doch haben müßte. Im Vertrag zwischen England, Frankreich und Italien von 1906 ist auch Abes- syniens Unabhängigkeit ausdrücklich anerkannt worden. Seit 1919 aber verhandeln England unb Italien, wie ein englisches Weihbuch gut zeigt, über, auf beutsch gesagt, eine Teilung dieses Landes in Interessensphären. Das haben sie soeben abgeschlossen, inbem England den Tana-See erhält, der als Quellgebiet des Blauen RilS von größter Bedeutung für den Sudan und
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zu müssen. — Die so schon begonnene Reise hat eine höchst unliebsame Unterbrechung erfahren. Aber »glücklicherweise dauert die Seekrankheit meist nur ein paar Stunden, höchstens ein paar Tage, dann können sich die Reifenden wiederum ungestört dem Genuß der Meerfahrt hingeben.
Welches sind nun die Ursachen der See- krantzeit, die ihren Ramen zu Unrecht trägt? Sie ist nämlich gar keine Krankheit im eigentlichen Sinne des Wortes: sondern nur ein Mangel an Gewöhnung, der glücklicherweise von der überwiegenden Mehrzahl der Menschen nach kurzer Zeit ausgeglichen wird. Denn die Gewöhnung an die seekrankhettauslösenden Schaukelbewegungen des Schisses tritt meist schon nach Stunden oder nach Tagen ein. Allerdings gibt es eine gewisse Zahl von Menschen, die von vornherein gegen die Schiffsbewegungen unempfindlich sind: und andererseits wiederum Personen, die überempfindlich sind unb bleiben, bei denen sich also die Gewöhnung nur schwer und bann noch höchst unvollkommen einstellt. Schließlich reicht ja auch die übliche Gewöhnung der normalen Menschen bei hvchgehender See in vielen Fällen nicht aus. So berichtet die Historie, dah die berühmten Seehelden Tegethoff und Relson angeblich niemals die Seekrankheit völlig verloren haben.
Wie der Wiener Privatdozent Dr. Abels in einer medizinischen Fachzeitschrift ausführte, treffen die ungewohnten Schaukelbewegungen des Schiffes den Gleichgewichtsapparat im inneren Ohr, die die Empfindungsnerven der Haut, die im Innern des Körpers gelegenen Nervenappa- rate, die Lage und Stellungsempfinden vermitteln, und schließlich auch den Sehapparät. Das Ausmaß und die Zusammensetzung der Reise ist zu Beginn der Seefahrt derart ungewohnt, daß bic Rerven hierauf eben in anormaler Weise reagieren. Die Erscheinungen beim Stampfen und Schlingern des Schiffes gehören übrigens in das gleiche Gebiet wie die Störungen auf der Eisenbahn, im Flugzeug, im Karussell usw. Erst wenn der nervöse Apparat des Körpers gelernt hat. sich den neuartigen Reizen anzupassen, wird
lustig flattern. Sie fühlen sich beide unendlich wohl: eine breite Sperre legt das unendliche Meer zwischen das junge Paar und die „lieben Verwandten". Auf einmal bemerkt „sie" ein sonderbares Unbehagen, das aber schnell wieder vergeht: auch „er“ fröstelt ein wenig: bald sehen bei ihr die unangenehmen Gefühle — diesmal stärker — wieder ein: die Unterhaltung stockt: bei beiden treten Schwindel und Kopfdruck auf; sie gehen — untergehakt — auf die Windseite: doch hier wird der Zustand noch ärger. Gin Steward stellt mitschisss Stühle hin, auf denen sie sich mit müden und schweren Beinen niederlassen: der jungen Frau treten die Tränen in die sonst so glück- sttahlenden Augen: er — blassen Gesichts — versucht, sie mit mühsam abgequälten Worten zu trösten. Jedes trinkt einen Kognak, er noch einen zwecken. Doch die Sache wird schlimmer: auf und ab schwenkt der Horizont. Der Gong läutet zum Esten; keines von beiden richtet sich auf, um in den Speisesaal hinabzufteigen; immer heftiger wird das Schwindelgefühl, Arme und Beine werden kühl; kalter Schweiß bedeckt die Stirn, im Magen wühlt es. Mit der letzten Kraft erheben sie sich, — da kommt auch schon der Steward mit den bekannten Spucknäpfen: mit Mühe gelangen sie bis auf die Treppe, die zu den Kabinen führt. Sßgeruch bringt in die Rase — da gibts kein Halten mehr, im Munde zieht sich der Speichel zusammen, im Magen wirb es kalt, der Puls wild Hein und beschleunigt — beide opfern ben Meeresgöttern, ganz gleich, wohin es geht. — Eine kurze Pause ber Erholung, in der sie mühsam mit fremder Unterstützung die Kabinen erreichen, um sich erschöpft auf die Betten zu toetfen. Rur nicht an Essen denken, nur nichts von Esten hören, nur nicht Esten riechen müssen! Jedoch bic U ebelkeck seht von neuem ein: eine Opferung folgt der anderen: immer weniger Speisen, immer mehr Galle unb bitterer Schleim, manchmal auch Dlutspuren Völlige Gleichgultig- feit hat die kurz zuvor lebensfrohen Menschen befallen. Rur ein Gedanke beherrscht sie jetzt: Land. Land! lieber den Tod in den Wellen, als noch weiterhin ben entsetzlichen Zustand erdulden
Die Seekrankheit schwtnben. Besonders in Mitleidenschaft gezogen ist noch das Brechzentruni; wie denn überhaupt die Rerven des Magen- unb Darmkanals, die schon durch bas Durch - schütteln in einen Erregungszustand versetzt find, stark angegriffen werben. Daher rührt bic "alte Mattosenregel, sich bei drohender Seekrankheit ben Leibgurt enger zu schnüren, um die Hin'- unb Herbewegungen ber Dauchorgan? zu mil<* bern. Natürlich soll ber Scereisende den Magen nicht überladen, mit Alkohol und Nikotin muh er vorsichtig sein, sie am besten ganz vermeiden. Aber selbst in schwereren Fällen ist bte Aufnahme kleiner Mengen flüssiger Speisen sehr erwünscht, um bas lästige Leerbrechen zu verhüten. — Auch die jeweilige Kö tV Perstellung ist von größtem Einfluß auf die Entstehung unb ben ßtärtegrab ber Seekrankheit. Wird ber Körper horizontal, zumal in frischer Luft, gelagert, so wird auch die Seettankhelt er-, ttäglich werden, besonders wenn das Sehorgan durch Schließen ber Augen ausgeschaltel wirb. Andererseits werben die Erscheinungen der Seekrankheit durch aufrechte, komplizierte Körpern Haltung lebhaft gesteigert.
Bei gesunden Menschen hinterläßt bte Seekrankheit für gewöhnlich keine nachteiligen Folgen. Die hie und ba beobachtete Abmagerung infolge länger bauember Nahrungsverweigerung auf hoher See wird durch den nachher aeftei- gerten Appetit zu Lande schnell ausgeMhen, Dagegen wttkt Die Seekrankheit auf Personen mit schwerer Arterienverkalkung, mit Nierenleiden unb ernsten Herzfehlern höchst nachteillg ein. Bei vorgeschrittener £ungentuberMofc können durch das Würgen und Brechen schwere Blutungen ausgelöst werden: bei Entzündungen im Darm kann es zu Durchbrüchen in die Bauchhöhle kommen. Für den gesunden erholungssuc^nden Menschen jedoch wirb die Meer fahrt — ttotz der ersten unangenehmen Stunden ober Tage, sofern Neptun nicht allzu bösartig ist — stete ein wunderbares Erlebnis, eine Quelle der Erfrischung und Erquickung fein. /
Das Rätsel ber Seekrankheit.
Von Dr. E. Mosbacher.
Dck Ferienzeit ist gekommen, und wieder wird eS zahlreiche Menschen geben, die auf einer Seereise Skholung und Ausspannung von der Tretmühle der Arbeit suchen. Wo sollten auch wohl die aufgeregten Nerven ihre Ruhe, Seele und Geist ihr gestörtes Gleichgewicht eher wiederfinden als unter dem tiefblauen Meereshimmel, im strahlenden Glanze der goldenen Meeressonne, umgeben von der unendlich wecken Einsamkeit und Stelle der See.
..Also mir,“ sagte Herr Piesecke am Stammtisch. „können Sie versprechen, was Sie wollen. Mich kriegt keine Macht der Erde wieder auf ein Dampfschiff, das übers Meer fährt. Einmal habe ich es versucht: daran werde ich mein Lebtag denken: seekrank war ich, seekrank von der ersten Stunde bis zum letzten Tage, obwohl mir der Kapitän jeden Morgen — mehr oder weniger, meist mehr — spöttisch versicherte, der Zustand würde sich bald geben, das wäre nur die ersten Tage. Jawoll, bei mir waren es die ersten, die mittleren und die letzten Tage. Und selbst als ich glücklich wieder an Land war, habe ich die ersten Rächte über mir immer ein Gefühl gehabt, als führe ich auf hoher See. Lassen Sie mich mit Neptun und seinen Trabanten in Ruhe.“ Solche Naturen gibt es, die derart überempfindlich sind: und sie haben recht, wenn sie das Meer meiden. Aber der Durchschnittsmensch dürfte bessere Erfahrungen machen, obwohl keiner beschwören kann, daß er stets gegen Seekrankheit gefeit ist. Selbst der wetterfeste Seemann kann in die Lage kommen, angesichts eines Sturmes im Golf von Biscaha den Göttern des Meeres Opfer barbringen zu müssen.
Begleiten wir mm für ein Weilchen em frisch gebackenes junges Ehepaar auf feiner ersten oee= reife. Den neuen Krimstecher vor ben Augen, lucht ber junge Ehemann eifrig den Horizont ab- eine frische Brise läßt ben bubikopfschuhenden Schleier ber neben ihm steheirden jungen Frau


