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Hx. 139 Zweites Blatt

Rund um den stürzenden Franken.

Don unserem K-Korrespondenten.

Der Franken hat ein langes Siechtum hinter fid). Non einem Schwächeanfall im vorigen Jahr hat er sich nicht mehr erholt, doch schien er sich wenigstens in der gebeugten Stellung halten zu wollen. Nun ist in diesem regnerischen Frühjahr die hinfallende Krankheit zum zweitenmal ausgetreten. Die französische Währung ist augenblicklich gegen­über ihrem Stand im Dezemoer um 30 Prozent ent­wertet, und der Kräfteoerfall macht täglich weitere Fortschritte. Mit Staunen beobachtet der Fremde dieses Schauspiel. Alle Welt in Frankreich spricht von der Währungskrise, die politischen Leute wie die unpolitischen erklären energisch, daß es so nicht weitergehen dürfe, die Regierung, die Parlamen­tarier, die Presse reden täglich von der Valuta, kün- digen Schritte, Maßnahmen, Eingriffe an, beschul- broen dies und verdächtigen jenes, versichern, daß alles geschehe, um den Franken zu sanieren, und beteuern in tönenden Worten, die ihnen immer zur Verfügung stehen, daß nichts in der materiellen Loge Frankreichs diese Attacke auf die Währung rechtfertige. Dennoch fällt der Franken! Und mit Recht. Denn außer einigem belanglosen Flickwerk wird zu seiner Stützung nichts getan, es wird ge­schwätzt und heroisch herumgefuchtelt, die Inflation geleugnet, obwohl sie andauert, und die gute Ord­nung bes Staatshaushaltes gelobt, obwohl die Decke an allen Ecken zu kurz ist.

Erstaunlich bleibt, wie Regierung, Parlamen­tarier, Presse und alle Faktoren der öffentlichen Meinung ein Theater aufführen und sich in der Er­zeugung wertloser Sanierungspläne überbieten, die im Grunde nur ein klingendes Schlagwort ent­halten. Das zugkräftigste Schlagwort Hot Herr Vriond, der Meister der Rede, gefunden: Er sprach von derSchlacht um den Franken", und alles plappert nun mit Begeisterung das Wort von der Schlacht nach. Man kann es überall abwandeln hören mit allen militärischen Attributen, die zu einer Schlacht gehören. Da ist von finanzieller Taktik und Strategie die Rede, von Front und Durchbruch, und daß eine moderne Schlacht nicht an einem Tage ge- wonnen werden könne. An solchen militärischen Spielereien scheint der französische Spießbürger trotz vier Fahren Weltkrieg noch Gefallen zu finden. Ein anderes beliebtes Sanierungsmittel ist das Einsetzen von Komitees. Vor vierzehn Tagen ist ein Komitee von Finanzleuten zur Ausarbeitung eines Sanie­rungsplans eingesetzt worden. Ein paar Tage ver­zeichneten die Zeitungen jubilierend jede Sitzung dieses Komitees, dann wurde es, da nichts heraus­kam, langweilig. Nun wurde ein kleines Regierungs- fomitee von vier Ministern gegründet. Wieder gro­ßer Pressejubel, Sitzungen von Mittag bis Mitter­nacht, Ergebnis null. Das Neueste ist ein Komitee von Parlamentariern zur Sanierung der Währung; schade um die Zeit. Erschreckend naiv sind ober stellen sich die Zeitungen, von den großen Boule­vardblättern bis zur ernsten Wirtschaftspresse. Kaum ein nebenbei hingeworfenes Wort über die wirk­lichen Ursachen der Frankenkrise. Dafür spaltenlange Fsuerphrasen über den Firlefanz, der als Sanie­rungsmittel ausgegeben wird. Kaum war das Mi­nisterkomitee für die Sanierung gegründet und das Schlagwort von der Sparsamkeit in Staat und Oeffentlichkeit, Einschränkung des Imports und des Konsums ausgegeben, als die Presse auch schon Räubergeschichten zu erzählen wußte. Eine Fasten­zeit sei angebrochen, Brot- und Fleischkarten würden eingesiihrt werden, oder zumindest sollten die Bäcker einen Tag in der Woche nicht backen, der Bürger müsse den Gürtel enger schnallen, man solle weniger Zucker,unb Kaffee verbrauchen, damit die Einfuhr vermindert werden könne, mit Petroleum, Baumwolle und Kohle müsse gespart werden, damit weniger fremde Devisen benötigt werden. Mit flam­mender Begeisterung wurde dos Volk zu Opfern für die Rettung des Franken aufgerufen, und alle Welt kam sich frei diesen Spielereien großartig vor. Aus dem großen Fasten ist zwar vorläufig nichts geworden, aber die Regierung erfüllt den Wunsch der Oeffentlichkeit, Entbehrungen auferlegt zu er­halten, und verfügt, daß die Bäcker nicht mehr dos traditionell blütenweiße Brot aus reinem Weizen Herstellen dürfen, sondern zehn Prozent gröberes Mehl beimischen müssen. Die Bäcker werden dieses Gebot oermullich nicht beachten, wenn sie es aber tun sollten, so wird dem Franken damit kaum ge­holfen sein. Aber alles freut sich, daß etwas zur Rettung des Franken geschehen ist.

So streuen sich Regierung, Presse und Bevölke­rung gegenseitig Sand in die Augen, und wenn

(Ein Genie im porzellanreich.

Von Dr. Augusta von O e r tz e n.

Die letzte festgeschlossene Kultur, die wir in Europa hatten, war die Welt des Rokoko. Anmut, Heiterkeit, Galanterie der Ausdruck einer verhal­tenen, innerlichen Kraft. Diese Welt war noch ein Organismus, gesund und stark. Unter der glitzern­den Oberfläche Weisheit und Tiefe.

Die Künste florierten, und in einzelnen Genies manifestierte sich der Geist der Epoche: Mozart, Watteau, Cuvilliers, Kändler, Bustelli . . . Galantes Spiel in Menuett und Gavotte, in Schäferromantik, in Architektur und Gartenkunst, in Porzellankabi- netien und Miniatursammlungen. In ollen diesen Hellen, süßen, pretiösen Dingen steckt die Grazie des feinen, reservierten Temperamentes, die Schelmerei einer theatralisch, zierlich gespannten Leidenschaft.

Am sublimsten erscheint der Geist des Rokoko im kleinen, feinen Porzellanreich, hier spielt die Ko- mödie en miniature; die Zerbrechlichkeit, die Glätte des Materials entspricht der spielerischen Leichtig­keit des Rokokokaoaliers, der neckischen Schönen im zierlich gerafften Reifrock.

Niemals wieder hat die Porzellankunst eine solche Höhe erreicht, wie im 18. Jahrhundert. Wie aus einem Geifterreich herabgeflogen, schwirrten die zier­lichen Püppchen über die Weltbuhne.

Die Fabriken wuchsen wie Pilze aus der Erde, jeder kleine Duodezfürst mußte seine eigene Manu­faktur haben. Diele von ihnen /eben nur noch in Porzellonbüchern und Lexiken, und nur ganz ver­einzelt taucht eine Figur auf, die der Kenner beglückt unter seineseltenen" Stücke einreiht.

Unter der Kette der tüchtigen Meister, um die sich die fürstlichen Inhaber der Porzellanfabriken risien, blitzen ein paar Helle Sterne auf: da ist der welt­berühmte Kändler, der in Meißen die viel­begehrten Liebesgruppen schuf, Conrad Sind in Frankenthal, Peter Melchior in Höchst, aber sie alle überstrahlt das wirkliche Genie der Porzellan­kunst: Franz Anton Bustelli, der im Spät­herbst des Jahres 1754 in die kurfürstlich-bayerische Manufaktur in Nymphenburg eintrat, ein Mo-

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhessen)

Donnerstag, 17. Juni 1926

irgendwo die wahren Urfadjen der Frankencntwer- tu na genannt werden, bäumt sich Poris und Frank­reich gegen die Verleumder auf. Mit heftigsten Aus­drücken wird die Londoner City und die Wallsneel bedacht, weil dort die Meinung vertreten wird, daß die finanzielle Situation eines Landes mit achtzig Milliarden zum großen Teil unkonjolidierter Schul­den zweifelhaft sei, daß die Aktivität des französi- schen Budaers künstlich hergestellt sei, und daß vor allem die Inflation andauere. Die schwebenden An­leihen des Staates bei der Bank von Frankreich hören nicht auf. Schon Loucheur hatte feierlich ge­schworen, daß die Notenpresse stillgelegt sei, und hat, als die Staatskassen leer waren, Vorschüsse bei der Bonk von Frankreich ausgenommen. Pöret ist diesem Beispiel gefolgt. Auf dem internationalen Geldmarkt nützt es aber wenig, gekränkt zu tun. Die Börsen von London und Neuyork lassen sich weder von den Schein-Sanierungsplänen der Pariser Regie- rung, noch von der beleidigten Miene der Pariser Presse rühren und mögen vom Franken nichts wissen, solange ungedeckte Notenzettel gedruckt werden.

Die Frankeninflation ist keine innere Angelegen beit Frankreichs mehr. Da nirgends der ernste Wille zu sehen ist, Den wirklichen Ursachen der Krise an den Leib zu rücken, die Notenpresse stillzulegen, die

Finanzen in Ordnung zu bringen, die Schulden zu konsolidieren und zu amortisieren, do man von dem neuen großen Sanierungsplan, der am 20. Juni der Kammer vorgclegt werden soll, leider wieder keine wirkliche Hilfe, sondern nur unzureichende Mätzchen erwarten darf, ist nicht abzusehen, wie der Franken vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt werden soll. Das geht aber schon Europa, ja die gan,jc Welt an. Hier ist wahrhaftig nichts weniger als Schaden­freude darüber am Platz, daß nun auch Frankreich, das durch seine törichte Nachkriegspolitik einen gro­ßen Teil Schuld an den verheerenden Wöhrungs- wirren Deutschlands trägt, die Wirkungen einer zer­rütteten Währung am eigenen Leibe zu spüren be­kommt. Denn Frankreich würde nicht allein leiden, ganz Europa, das doch im ersten Genesungsstadium ist, müßte von der Vernichtung des Franken in Mit­leidenschaft gezogen werden. Schon heute spürt man das Dumping der französischen Industrie auf allen Märkten. Die ganze Wirtschaft Europas würde von neuem Fieber geschüttelt werden, wenn der Franken zusammenbräche. So trägt heute das französische Kabinett, ob unter Briand oder irgendeinem andern, nicht nur seinem Lande, sondern ganz Europa gegen­über die Verantwortung für den sträflichen Leicht­sinn, mit dem es die Währung Frankreichs oer- fallen läßt.

Die Mission Lord Haldanes in Berlin. '

Das Jahr 1912 ist in der europäischen Politik der Vorkriegszeit von gar nicht zu überschätzender Be­deutung. Brachte es doch von den durch den Tripoliskrieg und den Zug des Balkanbundes gegen Konstantinopel ausgelösten Balkanwirren ganz ab» gesehen den letzten großen Versuch, den politischen und maritimen Gegensatz zwischen England und Deutschland zu überbrücken, und mit dem Scheitern desselben die endgültige entscheidende Bindung der britischen Politik an die Seite des russischen und französischen Ententegenossen. Nicht umsonst nehmen die Erörterungen über die Mission Lord Haldanes nach Berlin in den Memoiren der Vorkriegsdiplo­maten einen so beträchtlichen Raum ein.

Der in Kürze bei der Deutschen Verlagsgesell­schaft für Politik und Geschichte in Berlin'erschei­nende 31. Band der Großen Aktenpublikation des Auswärtigen Amtes wirft auf die Ursachen der Haldane-Mission und die Gründe ihres Scheiterns neues Licht. Im Herbst 1911 mußten sich die eng­lischen Staatsmänner darüber Rechenschaft geben, daß ihre Politik des engen Zusammengehens mit Frankreich ihr Land in der zweiten Marokkokrise im Sommer 1911 bis hart an den Rand eines gro­ßen europäischen Krieges geführt hatte. Anderer­seits war durch die Haltung Englands im deutschen Volke eine solche Erbitterung entstanden, daß mit beträchtlichen deutschen Marineneubauten, also einer weiteren Steigerung der beiderseitigen Rüstungs­kosten gerechnet werden mußte. Nimmt man hinzu, daß eben damals, wie wir aus den veröffentlichten russischen Dokumenten wissen, eine sehr ernste Krise mit Rußland wegen des ungestümen Vorgehens der russischen Politik in Persien entstanden war, so kann es wohl begreislid) erscheinen, daß selbst einem so eifrigen Ententefreund wie Sir E. Grey der Ge- oanke kam, die Spannung in den deutsch-englischen Beziehungen zu mildern. Der deutsche Botschafter in London Gras Metternick erkannte schon früh, daß ein sehr wichtiger psychologischer Moment heran- gekommen war, und äußerte sich darüber in einem Privatbrief an den Reichskanzler folgendermaßen:

Graf von Metternich an den Reichskanzler von Vethmann Hollweg.

Privatbrief. Abschrift.

London, den 19. November 1911.

Was die Weisheit der Männer verschweigt, plau­dert häufig der Mund der Weiber aus. Besonders in England, wo die Frauen stark ausgeprägte politische Wesen sind. In meinen Gesprächen mit Grey und auch mit Asquith habe ich es natürlich vermieden,

*) Diese Darstellung ist entnommen der Samm­lung:Die Große Politik der euro­päischen Kabinette 187 1 1914." Samm­lung der Diplomatischen Akten der Auswärtigen Amtes. Im Auftrage des Auswärtigen Amtes her­ausgegeben von Johannes Lepsius (f), Albrecht Mendelssohn Bartholdy, Friedrich Thimme. 5. Reihe. Zweite Abteilung:W eltpolitische Kompli­kationen". Band 3033 (5 Teile). Im Verlage der Deutschen Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin W. 8.

delleur, gebürtig aus dem heute vielgenannten Locarno.

Bustelli trägt in fid) jenen zarten, beweglichen Geist, der dem Wesen des Porzellan verwandt ist. Niemals vorher oder nachher sind Figuren geschaffen worden, die in einer so präzisierten Pose den Rhyth­mus des Tanzens wiederspiegeln, wie seine grazilen Kolombinen, vor denen sich bewundernde Pierrots verneigen. Fast immer gehören zwei Figuren psychisch schwingend zusammen, eine Welle läuft von dem hochfrisierten Kopfe der Dame zu dem gesenkten Dreispitz des galanten Kavaliers.

Diele Pärchen (heute leider durch die Ver- gänglicykeit des Materials, teils durd; verschiedene Standorte, im Nationalmuseum und in der Resi­denz in München auseinander gerissen) bildeten einst eine Dekoration der kurfürstlichen Festtafel; es gab farbige und weiße Garnituren, je nach Laune wur­den sie mit porzellanener Architektur umstellt ober mit lebenden Blumenranken umsponnen. Im Glanze hundertfacher Kerzen lächelten die kühlen Porzellan­damen zu den lebenden Galans herüber und reizten sie zum Vergleich mit den gepuderten und geschmink­ten Schönen an ihrer Seite, prickelndes, quirlendes Spiel ... Welt des Rokoko.

Und weiter übertrug Bustelli das Getändel und Geplänkel derGesellschaft" in sein schimmerndes, !heißendes Material.Der gestörte Schläfer", der ich unmutig räkelt, das «Liebespaar in der Ruine", erstürmische Galan", das sind alles Szenen, dem wirklichen Leben abgelauscht.

Von prickelnder Ausdruckskraft dieSerie der Chinesen", in lange Gewänder gehüllt. Deren scharf­kantige Fallen jede Bewegung der Körper wider­spiegeln, repräsentieren sie denBezopften" in der Vollendung! Das aufChinoiserien" eingestellte Jahrhundert konnte nicht genug aus dem Leben dieses rätselvollen Völkchens erfahren, und so wur­den in der Porzellankunst olle Lebensfunktionen der Chinesen dargestellt.

Das Werk Bustellis ist ein Reflex des vielfarbigen Daseins des Rokokomenschen, alle'Passionen dieser unersättlichen Lebenskünstler finden im schimmern­den Porzellan ihr Echo.

un letzlgen Augenblicke die Flottenfragc zu be­rühren, obwohl sie gerade jetzt hier alles andere überragt.

Mrs. Asquith, die sehr klug und indiskret, aber politisch eine Freundin von uns ist sie ist in Dresden erzogen worden, sagte mir noch gestern in ihrem Hause, daß unser Verhältnis zu England ganz davon abhänge, ob wir eine Flottenvermeh­rung oornähmen oder nicht. Derselbe Gedanke tritt mir von den verschiedensten Seiten entgegen, und ich habe nicht den leisesten Zweifel, daß er die Situation beherrscht. Wir stehen, wie ich vorgestern zu Grey sagte, at the partinß of the roads, am Scheidewege: für England, daß es nicht nochmals in einer wichtigen internationalen Frage uns drohend in den Weg tritt; für Deutschland, daß cs nicht den Rahmen des Flottengesetzes überschreitet. Dabei ist gleichgültig, ob wir schneller bauen, ob wir mdjr .bauen, ober beides zugleich.

Die Wirkung wird dieselbe sein. Der Weg der Aussöhnung mit England ist dann definitiv verlassen, und alles, was wir sonst tun mögen, nur von taktischem Wert. Grey, obwohl er ebenso wie ich diesen heiklen Punkt wohlweislich zu berühren vermied, weiß ganz genau, ebenso wie alle anderen hiesigen leitenden Persönlichkeiten, wo für Deutsch­land der Scheideweg beginnt, und sie wissen auch nach den Erfahrungen dieses Sommers, wo er für England liegt. Mißtrauische Naturen mögen nun sagen, daß der in England nach der überstandenen Krise hervortretende Wunsch nach einer Besserung des Verhältnisses zu Deutschland lediglich ein Ma­növer ist, um die gutmütigen Deutschen davon ab­zuhalten, auf neüe Flottenpläne zu sinnen. Der Wunsch, daß wir hiervon absehen, tritt unstreitig sehr stark und allgemein in England hervor. Die Be­fürchtung, daß es doch geschehe, liegt nahe in An- betracht der erbitterten und selbst kriegerischen Stim­mung, die sich bei uns in Presse und Reichstag kund- gibt. Die Tridfeder aber für den Wunsch nach Aussöhnung mit uns liegt viel tiefer und beruht auf der Erkenntnis der kürzlich überstandenen Kriegs­gefahr und dem mehr ober weniger bewußten Drange, einer ähnlichen Lage für die Zukunft vor- zubeugen. (gez.) P. Metternich.

Bekanntlich führte das englische Bedürfnis, das Terrain für eine eventuelle vertragliche Annäherung an Deutschland zu sondieren, Anfang Februar 1912 zur Entsendung des britischen Kriegsministers Lord Haldane nach Berlin. Die dort eingeleiteten Ver­handlungen schienen zunächst zu den besten Hoff­nungen zu berechtigen. Aber bald zeigten sich sehr ernste Schwierigkeiten. Von englischer Seite ver­langte man ein Aufgeben der geplanten deutschen Flottennovelle, bei deren Fortbestehen und den da­durch bedingten neuen Lasten man die neue Freund­schaft vor Dem Volk uno Parlament nicht würde rechtfertigen können. In Berlin wiederum wollte man sich zu diesem Opfer nur entschließen, wenn England sich zu einem festen politischen Abkommen bereit erklären würde, das die Teilnahme des Jnsel- reichs an einem französisch-russischen Kriege gegen Deutschland ausschloß. Zu einem festen Neutralitäts­versprechen aber war Grey nicht zu bewegen, da

Den ganzen Olymp läßt Bustelli als putzige, rundliche Putten auf die Erde hinabsteigen, der viel­fältige Hofstaat eines vornehmen Haushalts trippelt in kokettem Tänzelschritt an uns vorüber, da er­scheint der Lakai und das Kammerzöfchen, die Apfelfrau und der Käsmann, die Eiergretl, der Fischer und der Landbote; und der Modehund des 18. Jahrhunderts, der fette Mops, springt bellend unter das bunte Völkchen.

Von unerhörtem Raffinement ijt die Farbgebung des Künstlers; vor lichtblonder Colombine in schmel­zend-grünem Kleide kniet der liebevolle Pierrot, brennend rot leuchtet sein Rock, Symbol für die Glut seiner Gefühle. Der faule Schläfer aber, der sich so schlaftrunken räkelt, trägt ein fattes Brandrot.

Sublimierung des Geschmacks, Ertrakt einer Epoche, wie nur das Genie ihn zu geben vermag. _ Neun Jahre, bis zu feinem Tode am 16. April 1763, blieb Bustelli in Nymphenburg, eine Treue, die bei den Porzellankünstlern nicht üblich war. Mei­stens unsteten Gemüts, dem Trünke und anderen Lastern ergeben, verschwanden sie oft plötzlich von Der Stätte ihrer Wirksamkeit und tauchten, verlockt von den Versprechungen neidischer dürften, an irgendeinem Hofe wieder auf, von wo Der Arm des Gesetzes sie nicht zurückholen konnte. So gab oft Der Geist verschiedener Meister den Fabriken ihr Gepräge, und nur Nymphenburg und Meißen ge­nießen Den Vorzug, Spiegel eines genialen Künstlers zu sein.

Was Kändler für Meißen war, das bedeutet Bustelli für Nympyenburg, den Stil!

Frankfurter Theater.

Qlrnolt Bronnens .Ostpolzug" gelangte in der Jeßnerschen Jnszegierung mit Fritz Kort­ner als Gast auf der Schausprelha us - bühne zur Aufführung. Anfänglich mutete das Ganze wie ein dramatisches Experiment an. aber nur anfänglich! Schon nach der zwetten ©jene, es sind ihrer neun, vergißt man, daß das Spiel nur auf eine einzige handelnde Person gestellt ist. denn die Handlung ist prall angefüllt mit dramatischem Stoff und Entladungen. Hier zeigt

dasselbe das Ende oder mindestens eine starke Ab­schwächung der von ihm geschaffenen Mächtegruppie­rung bedeutet hätte. Die Beilegung der persischen Difierenzen und französischen Einwirkungen taten das Ihre, um den Leiter der englischen Politik in seinem intransigenten Standpunkt zu bestärken. So scheiterten die so hoffnungsvoll begonnenen An­näherungsversuche; der deutsch-englische Gegensatz blieb weiter die letzten Endes entscheidende lat- fache der europäischen Politik. Und mit der weiteren Verfestigung der Tripclentcnte, wie sie in dem be­rühmten Grey Cambonschen Briefwechsel vom No­vember 1912 ihren Ausdruck fand, wurden die Aus­sichten zunichte, aus dem Mechanismus der Bünd­nissysteme einen Ausweg zu jinden, der das Ver­hängnis von 1914 hätte verhindern können.

Die beiden folgenden, dem deutschen Altenwerk entnommenen Schriftstücke lassen aufs deutlichste die beiden Punkte heraustreten, an denen die Annähe­rungsbemühungen zunichte wurden: Flottennovelle und Neutralitätsabkommen.

Graf von Metternich an den Reichskanzler von Bethmann Hollweg Ausfertigung Ar. 174.

London, den 22. Febr. 1912.

Sir Edward Grey ersuchte mich gestern brief­lich um eine Zusammenkunft für heute früh 10 Uhr in feiner Privatwohnung, um mit ihnr und Lord Haldane die zwischen den beiberfeitiga! Regierungen schwebenden Verhandlungen zu be­sprechen.

Die Besprechung hat zur festgesetzten Zeit stattgefunden. Lord Haldane war der Wortführer, und der Auswärtige Minister bestätigte mir und kondensierte von Zeit zu Zeit, was der andere vorbrachte.

Die von Lord Haldane aus Berlin zurück­gebrachten Vorschläge hätten dem Ministerrat Dotgelegen. Dieser wünsche dringend, daß es zu einer Einigung komme. Bei weiterer Durch­beratung und Feststellung der einzelnen Punktet würden zwar noch manche Schwierigkeiten zwi- scheir beiden Regierungen zu überwinden sein. Er zweifle aber nicht, daß sich die kleineren Schwierigkeiten, die sich im Laufe der Verhand­lungen ergeben würden, mit gutem Willen auf beiden Seiten überwinden liehen.

Die Haupt» und einzige wirlliche Schwierig­keit. zu einem Abkommen zu gelangen, liege aber nach Ansicht des Kabinetts in folgendem: Der von Lord Haldane mitgebrachte Entwurf zur Flottennovelle fei von der hiesigen Admiralität auf die technischen Seiten hin und in feinem Ver­hältnis zum Flottengesetz geprüft worden. Diese Prüfung hätte ergeben, daß die Novelle eine ganz bedeutende Erweiterung des Flottengesehes darstÄlle. Insbesondere fei auch eine Derartige Verstärkung an Mannschaften vorgesehen, daß sie über das Bedürfnis der Bemannung eines dritten Geschwaders hinausgehe und darauf Hin­weise, daß auch noch weitere Reuformationen, wahrscheinlich an Destrohers, gebildet werden sollten. Cs läge ihm nun fern, an unseren Ab­sichten eine Kritik üben zu wollen, ilnfere Novelle würde aber eine ganz bedeutende Mehrbelastung des englischen Marinebudgets zur notwendigen Folge haben, und das englische Kabinett suhle, bah es ihm kaum möglich sein werde, ein Ab­kommen von weittragender Bedeutung abzuschlie» ßen und zu verteidigen welches dazu bestimmt sei, eine neue und bessere Aera der deutsch- englischen Beziehungen einzuleiten, wenn zu gleicher Zeit eine Erhöhung der beiderseitigen! maritimen Rüstungen stattfinde. Wäre es aber möglich, über diese Schwierigkeit hinwegzulom- men, fo sei er überzeugt, daß ein befriedigendes Abkommen zustande käme.

Sir Edward Grey bestätigte die Worte seines Kollegen und fügte hinzu, er hoffe auf jeden Fall, auch wenn kein Abkommen erzielt würde, bah der Besuch Lord Haldanes in Berlin und ber freie und offene Gedankenaustausch, den dieser dort gehabt habe, die Grundlage bilden werde auch für ferneren offenen und vertrauens- vollenDerkehr zwischen den beiden Regierungen.

Ich erwiderte, zunächst auf die Frage der Flvttennovelle eingehend, daß die Schlüsse, zu benen die hiesige Admiralität gelangt sei, nicht mit meinen Informationen übereinstimmten. Die beabsichtigte Personalvermehrung sei nicht ein­mal genügenb, um das dritte aktive Geschwader zu bemannen, so bah aus der Reserveflotte ein Teil der Mannschaften auf das dritte Geschwader genommen werden mühte. Die Anzahl der zu bauenden Torpedoboote fei weder im Flotten-

sich Bronnen als wirllicher, schöpferischer Dichter, der die »Idee" zu dramatisieren weih, anders als in derKatalaunischen Schlacht" ober im Batermorb". Alexander heißt der Held des Werkes, es ist ein Mensch, erfüllt vom Dualis­mus der Seele, denn er birgt gleichzeitig in sich bie Seele jenes großen Mazedoniers und die des modernen Abenteurers. 327 v. Ehr. zog ein Alexander, benannt der Große, nach Indien; 1926 n. Ehr. zieht ein Alexander unserer Zeit zum Mount-Everest, dem Ostpol! Cs ist das Schau­spiel der ewigen Parallele, welches Bronnen ge- schaffen hat. Seine Formulierung gipfelt in dem Schlußsatz Alexanders, in der letzten Szene Triumph der Möglichkeiten", vom Gipfel des Mourtt-Cverest aus gesprochen:Wünsche wer­den Jahrtausende alt, aber wir kommen ber Ewigkeit immer näher!" Diese jahrtausenbalten Wünsche rinnen gleichsam von Blut zu Blut, und bei irgendeinem unserer Tage brechen sie aus dem UnterbetDuhtfem empor und nehmen Besitz von ferner Seele und von feinem Leben. Jede neue Szene übernimmt bie letzten Worte der vorangegangenen zum Anfangssah und baut von da aus weiter, gleich wie die Menschheit die letzte Tat derer, die vorher waren, zu neuem Aufbau verwendet. DieserOstpolzug" ist der ewige, nimmer aufhörende Sehnsuchtszug der Seele, Zweck und Logik hinter sich lassend, einzig und allein letzte Geheimnisse zu enthüllen. In der SzeneSieg von Kabul" ist die eigentliche Zwecklosigkeit solchen Strebens prachtvoll einfach mit den Worten Alexanders erhellt:Denken Sie sich, welches Gefühl es für mich ist, wenn ich aus der Höhe von 9000 Meter Ansichtspostkarten schreibe!" Fritz Kortner, der die Doppel­rolle bei der Berliner Uraufführung des Werkes kreierte, erfüllt die beiden Alexander, die ja nur die EinheitMensch" bedeuten, mit stärkster In­tensität. Er ist die Verkörperung des dichte­rischen Gedankens, und sein Spiel hat unnach­ahmlich echt empfundene ilebergänge. Der Wider­hall bei dem Publikum kam. soweit es das Wollen des Dichters und des Künstlers verstand, in dankbarem Beifall zum Ausdruck. L. W.