Nr. M Erstes Statt
176. Jahrgang
Montag, 17. md 1926
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Das Kabinett Marx.
Tr. Marx übernimmt das Reichs- kanzleramt. — Äctnc Aenderung der
Ministerliste. — Dr. Bell Justizmiuifter
Berlin, 15. Mai. (MTB.) Reichspräsident von Hindenburg empfing den Reichswehrminisler Dr. Gehler zuL Berichterstattung über seine Fühlung- nähme mit Oberbürgermeister Dr. Adenauer und seine^aiifchlichende Besprechung mit den Mitgliedern dcr geschästssührenden Reichsregierung. 3m Lause des Abends richtete der Reichspräsident an den Reichsjustizminister Dr. Marx folgendes Schreiben:
„Sehr verehrter Herr Reichsjustizministeri Ans den Berichten, die der von mir mit der Klärung der politischen Lage betraute Reichswehrminisler Dr. Gchler mir erstattet hat. habe id) ersehen müssen, dah eine Aenderung der parteipolitischen Verhältnisse und der Zusammensehung entweder überhaupt nicht oder nur nach langwierigen, im (Erfolge zweifelhaften Verhandlungen erreicht werden könnte. (Eine so lange Regierungskrise verträgt aber die gegenwärtige Lage des Reiches nicht. Es erscheint mir daher Mr llebertvinbung der gegebenen Schwierigkeiten und zur Lösung der vor uns liegenden Ausgaben notwendig, dah die bisherige Reichsregierung ihre Tätigkeit unter neuer Führung sorlselzl, und id) bitte Sie daher, Herr Reichssustiz- minisler, als ältestes Mitglied der Reichsregierung und als Vertreter der größten in ihr enthaltenen Partei, das Amt des Reichskanzlers zu übernehmen.
Mit der Versicherung meiner ausgezeichneten Hochachtung Ihr ergebener
gez.: u. Hindenburg.
Am Sonntag fanden zwischen den Vertretern des Zentrums und der Deutschen volkspar- t e i Besprechungen statt, die zu folgendem Ergebnis führten:
1. Die bestehende Regierungskrise muh unverzüglich gelöst werden. Deshalb sind beide Parteien bereit, In ein Minderheitskabinett einzutreten.
2. Es besteht Mebereinftimmung, dah die auhen- unb innerpolikifche Lage mit möglichster Beschleunigung die Schaffung einer Regierung fordert, die sich auf eine Mehrheit des Reichstags stützt.
3. Für die Mehrheiisbildung können nur Parteien in Frage kommen, die die Rechtsgültigkeit bestehender internationaler Abmachungen anerkennen und für die Fortführung der bisherigen Außenpolitik cinfreten.
Ilm 6 Ahr abends trat die Fraktion des Zentrums zusammen. Di? Fraktion nahm einen eingehenden Bericht über den Verlauf der Besprechungen mit den Vertretern der Deutschen Bolfspartei entgegen. Die Zentrumsfraktion beschloß bann, den bisherigen Reichsjustizminister Dr. Marx zu bitten, das Reichskanzleramt z u übernehmen. Dr. Marx begab sich daraus zum Reichspräsidenten und wurde von ihm beauftragt, als Reichskanzler das Kabinett in feiner bisherigen Zusammensetzung zu führen. Das neue Kabinett Marx wird bis auf "eine Ausnahme dem Kabinett Luther «mtfprechen. Die einzige 'Aenderung ist der Eintritt des Abg. Bell als Reichsjustizminister und Minister für die besetzten Gebiete. Die der „Montag" meldet, werde der neue Reichskanzler Marx den Vorsitz in der Zentrumsparkei und in der Reichstagsfraktion des Zentrums bis auf weiteres beibehalte n. Es fei damit zu rechnen, dah sich das Kabinett noch im Laufe des heutigen Tages konstituiert und möglicherweise am Mittwoch die Erklärung der Reichsregierung vor dem Reichstag abgeben wird. '?** z
Dr. Luthers Abschied von Berlin.
Der ehemalige- Reichskanzler Dr. Luther hat am Samstag um 3 llfjr nachmittags Berlin i in Flugzeug verlassen, um sich an seinen früheren Wirkungskreis nach Essen zurückzubegeben. Zu seiner Verabschiedung hatten sich auf dem Tempelhofer Flugfeld Reichswehr Minister Dr. Geftler sowie die Reichsminister Dr .Külz und Dr. Reinhold eingefunden.
Dr. Neumann an Iustizrat Clatz.
Lübeck, 15. Mai. (WTD.) Die „Lübecli- schen Anzeigen" veröffentlichen den bisher nicht auffindbaren Antwortbrief des Lübecker Bürgermeisters Dr. Reumann an Iustizrat Elaß auf dessen vom Amtlichen Preußischen Pressedienst mitgeieilten Anerbieten im Zusammenhang mit den angeblichen rechtsradikalen Diktaturpläüen. Das aus Karlsbad vom 25. April 1926 datierte Schreiben lautet:
„Lieber Freund! Herzlichen Dank für Ihre freundlichen Zeilen vorn 25. ds. Mts., die ich sogleich beantworten muh, weil ich fürchte, dah Sie sonst das süaviter in modo meines ersten Briefes mißverstehen. Ich möchte also bitten, meine zurückhaltenden Aeuherungen nicht irgendwie nach der politischen Seite deuten zu wollen. Inzwischen habe ich erfahren, daß ich jetzt mit meiner kleinen Aufgabe fast mehl: zu tun habe, als mir lieb ist und hier liegt doch d'ie nächste Pflicht. Herzlichst Fhr Fhnen stets getrxüer Reuiffdün."
Rach einer Meldung des ..Mdmag-Morgen" liegt für die heute stattsinhenöe Sitzung der Lübecker Bürgerschaft ein Mißtrauensan- trag der sozialdemokratischen Fraktion gegen Hr Reummm vor. Die Demokraten, bei Ifettn Me TntsMiö.ung liege, hattest einstimmig beschlossen, b' aru r gu stimmen.
Marschall Pilsudskis Sieg.
Abdankung des Staatspräsidenten. - Demission des Kabinetts Witos. - Ein neues Ministerium der Linken. - Ruhe in Warschau.
Warschau, 16. Mai. (Wolfs.) Die Revolution in Polen hat vorläufig mit einem vollen Sieg des Marschalls Pilsudlli geendet. Am Freitag mittag fanden schwerste Kämpfe in der nächsten Umgebung des Belvederepalast es, dem Sitz des Staatspräsidenten, statt. 3m Ujaz - dowstipark an der Erlöferkirche, im Kriegsmini- steriumgarten des Sejm, und an der Fähnrichsschule wurde mit Handgranaten, Artillerie und Maschinengewehren gekämpft. Um 4 Uhr begann die allgemeine Beschießung des Belvedere -Palais, um 5 Uhr hat sich die Besatzung ergeben, um 5.30 Uhr raste ein Auto mit vier Ossizieren zum Stadtkommando und überbrachte Pilsudsti die vom Belvedere- Palais niedergeholte Präsidentenflagge.
Heber die weitere Entwicklung gab Sejm-Marschall Rataj den Vertretern der Presse eine genaue Schilderung. Er erklärte: „Am Freitag, dem 14 d. M., überbrachte mir Prälat Tokarzewski und Major Mazanek ein Schreiben des Präsidenten der Republik folgenden Inhaltes:
An den Sejm-Marschall Rataj. — Ich bitte Sie, nach meinem Aufenthaltsort Wilanow zu kommen und die Erklärung dort entgegenzu- nehmcn, dah ich in Gegenwart des kabinettes, und, um dem Blutvergießen ein Ende zu machen, mein Amt als Staatspräsident niederzulegen wünsche. Ich bitte den sofortigen Waffen st instand zu veranlassen. Der Präsident der Republik.
gez.: Wojciechowski.
Gegengezeichnet: Witos."
3n Anbetracht des letzten Satzes dieses Schreiben, die Bitte um sofortigen Waffenstillstand, habe ich mich sogleich an Marschall Pilsudski gewandt, der mir zusagte, entsprechende Maßnahmen alsbald treffen zu wollen. Um 12 Uhr nachts begab ich mich nach Wilanow, wo mir das folgende Schreiben überreicht wurde.
„Au den Sejm-Rlarfchau Rataj. — In Anbetracht der gegenwärtigen Lage, die es mir unmöglich macht, das Amt des Präsidenten der Republik, gemäß dem von mir abgelegten Eid auszuüben, trete ich somit von meinem Posten zurück und übertrage die Befugnisse des Präsidenten gemäß Artikel 40 der Verfassung auf dem Sejm-Marschall Rataj.
gez.: Wojciechowski."
Gleichzeitig erhielt ich vom Ministerpräsidenten Witos ein Schreiben, in dem dieser die G e s a m V- b e m i f f i o n des Kabinetts erklärte. Ich habe dann auf Grund des erwähnten Artikels 40 der Verfassung vertretungsweise das Amt des Präsidenten derRepublik übernommen und als solcher die Demission des Kabinettes Witos angenommen. Mit der Neubildung der Regierung habe ich bann, nach einer Besprechung mit Marschall Pilsudski, die Samstag vormittag 9 Uhr ftattfanb, den Abg. Bartel beauftragt. Der mir von Bartel oorgeschlagenen Ministerliste habe ich meine Genehmigung erteilt.
Bas neue Kabinett Bartel.
Der vom Sejmmarschall Rataj mit der Bildung des Kabinetts beauftragte Abgeordnete Bartel gehört dem sog. „Arbeitsklub" an, einer neuen Partei, die sich von der Wyewolenie- t artet abgespalten hat. 3hre Führer sind der ehemalige Ministerpräsident a. D. Tugutt und der ehemalige Minister Prof. Bartel. DiePartei kämpft für die Rechte der kleinen Landwirte, fordert die vollständige Durchführung der Bodenreform, ist gegen den Kommunismus und tritt für die vo11ständig nationale Selbstverwaltung der Minderheiten ein. 3n der auswärtigen Politik vertritt sie die Politik der internationalen Pacifizierung. 3m neuen Kabinett übernimmt das Heeresmini- fterium Marschall Pilsudski. Mit der Leitung des Ministeriums des 3nnern wurde der ehemalige Gesandte in Rom, Zaleski, betraut.
Ministerpräsident Bartel ertlärte. Pressevertretern gegenüber: Meine Regierung ist berufen, die geschaffene Lage zu liquidieren. Sie wird bis zu der in nächster Zeit stattfindenden R e u - Wahl des Präsidenten der Republik durch die Rationalversammlung im Amt bleiben. Meine Regierung wird unbedingt a u f dem Boden der Verfassung stehen. Der neue Leiter des Ministeriums für auswärtige Angelegenheiten, August S a l e z k i. erklärte Pressevertretern, daß die Außenpolitik der polnischen Republik sich in keiner Beziehung
ändern werde. Die Grundlinie dieser Polttik bleibe die Wahrung dss Friedens und ter Zusammenarbeit mit den Staaten, die sich nach wahrhafter Befriedung der internationalen Beziehungen sehnen.
Eine Proklamation der neuen Regierung.
Warschau, 17. Mai (WTB.- Funkspruch.) Die neue Regierung erklärte in einer Proklamation, daß sie ihre Machtbefugnisse in die Hände eines von der Ratio,ralversammluim gewählten Präsidenten der Republik zurücklegen werde. Eine Anstrengung der gesamten Ration set notwendig, um eine Wiederholung der tragischen Ereignisse der letzten Tage ein für allemal unmöglich zu machen. Die Regierung werde sich einsehen für eine nützliche Wiedergeburt der Ration, für Beachtung der Gesetze, für soziale Billigkeit und für die Ausrottung der alten Sucht der einzelnen und der Parteien.
Die Wiederherstellung der Ordnung.
Prag, 16. Mai. (WB.) Rach Meldungen aus Warschau herrscht im ganzen Lande vollkommene Ruhe und Ordnung. Die Lage faml als liquidiert angesehen werden. Das Militär ist in feine Garnisonen zurückgekehrt. Auch die Mehrzahl der Arbeiter ist zur Arbeit zurück- gekehrt. Der Eisenbahnverkehr wird heute in vollem Umfang wieder ausgenommen werden. Die Telephonverbindung mit dem Aus lande ist noch nicht wiederhergestellt. Aus Posen wird gemeldet, daß dort gestern faschistische De - monstationen veranstaltet wurden. Senatsmarschall Trompcz h ns ki reifte nach Posen ab, um in dem Pilsudski feindlichen Westpolen zu vermitteln und den Abzug der bei Zyrardow aufgestellten Posener Regimenter zu veranlassen. Es bestätigt sich die Meldung, daß die polnischen Sozialistischen Parteien keine Bereitwilligkeit zu einem gemeinsamen Dorgehen mit den Kommunisten zeigen und daß die Bildung einer Räteregierung ober einer Regierung, in die Soziawemvkraten und Kommunisten gemeinsam eintreten würden, ausgeschlossen ist. Die „Warszawianka" gibt die Gesamtzahl der Opfer der Kämpfe in Warschau mit 205 Toten und 966 Verwundeten an. Diese Liste ist noch nicht vollständig. Der Kommandant der Stabt Warschau hat bekanntgegeben, daß bas Leichenbegängnis für bie Gefallenen am 17. Mai unter militärischen Ehren stattfinden wirb. Sämtliche Mitgli^>er ber früheren Regierung Witos sinb gestern in Freiheit gefetzt worden.
Die fremden Gesandschasten.
Warschau, 16. Mai. (WB.) Die fremden Gesandtschaften -in Warschau, welche sich zum größten Teil in dem Stadtteil befinden, wo zwei Tage hindurch, schwere Kämpfe getobt haben, haben sich durch Hissen ihrer Nationalfarben geschützt. Am ersten Kampftage wurde irrtümlicherweise das Gebäude der französischen Gesandtschaft durch eine Truppenabteilung besetzt, jedoch nach Feststellung des Irrtums sofort wieder geräumt. Die sowjetrussischc G c - s a n d t s ch a f t hatte keine Fahne gehißt, sondern Fenster und Eingänge verbarrikadiert.
Der Bericht eines Augenzeugen.
„Ein niederschmetternder Eindruck".
Berlin, 17. Mai. (TU.) Ein in Berlin eingetroffener Augenzeuge ber schweren Kämpfe, die sich in den Hauptstraßen Warschaus abgespielt haben, gibt darüber folgende Schilderung: Rach dem, was ich seit Ueberschreiten der deutschen Grenze in deutschen Zeitungen gelesen habe, ist hier noch keineswegs genügend bekannt geworden, bah bie in ben Hauptstraßen Warschaus sich abf bi elend en Kämpfe sehr viel blutiger verlaufen find, als man nach den Berichten annehmen mußte. Mehrere Tage lang hörte der Kanonenbonner überhaupt nicht auf und infolge der Unmöglichkeit, bie als Schußlinie benutzten Straßen zu betreten, war
in vielen Häusern schon Hungersnot eingetreten, als die Kämpfe als vorläufig, beendet anzusehen waren.Selbst in dem Gesandschasts- viertel sind einzelne Getzäude während mehrerer Tage schwerster Bedrohung ausgesetzt gewesen, so
daß das gesamte Gesandtschaftsperjonal mehrerer diplomatischer Vertretungen viele Tage laug faktisch in den Gesanbtschaftsgcbäudcn ßiu gesperrt war. Die dänische und die e n g l i f d) e G e - I a n d 11 ci) a f t haben durch Granat- und Gewehr- schüsse sehr erheblich gelitten. Auch die Flaggen der beiden Gesandtschaften sind durch Schüsse beschädigt worden.
In biplomalifdjcn Kreisen Warschaus hol dcr Putsch selbst do, wo große Poienfrenndlichkeit herrscht, einen niederschmetternden Eindruck gemacht und der polen dadurch entstehende Prestigeverlust wird sich, abgesehen van den hohen wirtschaftlichen Schäden, sobald nicht wieder ausgleichen lassen.
In diesen Kreisen erzählt man übrigens interessante Einzelheiten über bie hin- und hergehenden Verhandlungen in ben ersten Putschtagen. So wirb u. a. berichtet, daß sich General Sikorski nur Deshalb mit seinen Truppen nicht nach Warschau in Bewegung gesetzt habe, weil er selbst seiner nächsten Unterführer nicht sicher sein konnte und befürchten mußte, baß diese im entscheidenden Augenblick z u Pilsudski übergehen würden. Der außerordentliche Sturz des Zloty ist <n Warschau bisher noch nicht völlig zur Geltung gekommen. Man sieht aber auch in ben Kreisen, die den neuen Machthabern nahe stehen, wirtschaftlich außerordentlich trübe, zumal ja kein Zweifel darüber bestehen kann, baß bie abgelebte Regierung wesentlich näher an ben allgemeinen Geld- und Wirtschaftsquellen saß als bie breite Masse der jetzt ans Ruder gekommenen Machtgruppe. Parlamentarisch wirb sich die Lage nicht ohne weiteres klären lassen.
Die Leute um pilsudski können in beiden Kammern des gegenwärtigen Parlamente aus keinen Fall mit einer Mehrheit rechnen
Es wirb also irgendwelcher verfassungswidriger Mittel bedürfen, wenn die Pilsudski-Gnippe am Ruder bleiben will. Man rechnet ziemlich allgemein mit einer raschen Auflösung bes jetzigen Parlaments, will aber nicht glauben, bah bie Wahlen für eine neue Rational-- Versammlung schon sehr bald stattfinden. Jeden- falls werden Pilsudski und seine Leute vorher eine völlige Klärung der Verhältnisse, insbesondere in ben Randgebieten Polens, herbeizuführen versuchen, um ihre dort sehr viel schwächere Anhängerschaft vor Reuwahlen entsprechend zu stärken. 3n Warschau war man auch in Kreisen der jetzigen Regierung über die Zustände in ben früher preußischen Gebieten völlig unorientiert und aab sich übertriebenen Hoffnungen auf eine zahlreiche Anhängerschaft in Westpolen hin.
Oie Lage in Vstoberschlefien.
Ka11owih, 17. Mai. (Täl.) Der polnische Bürgerkrieg hat die gespannte politische und toirt- schaftliche Lage Polnisch-Oberschlesiens wesentlich verschärft. Die Angehörigen der Insurgenten or g a ni sat i one n hatten ihre Gestellungsorders erhalten und waren zum Teil schon nach Krakau verladen, um zu Gunsten der ab’ gedankten Regierung Witos einzugreifen. Rach der deutschen Grenze zu waren größere Polizeiaufgebote dirigiert worden. Das Telephonvrrbot zwischen Deutsch- und Polnisch-OberscUesien ist bis zur Stunde noch nicht aufgehoben worden.
Rach dem Rücktritt der Regierung und des Staatspräsidenten ist die Lage merllich ruhiger geworden. 3n Königshütte fanden in ben Straßen bebenkliche Ansammlungen von Arbeitslosen unb Arbeitern statt, die teilweise ihren Lohn nicht ausgezahlt erhalten hatten. Die Polizei zerstreute rechtzeitig bie Ansammlungen. Die Melbung über bie Einstellung bes Kampfes wirkte beruhigenb. Wegen ber Lebensmittelversorgung fanden in ber Wojewob- schaft mit ben Gewerkschaften unb Berufsorganisationen Besprechungen statt. Die Kaufleute haben ihre Preise wesentlich erhöht unb bie Ware zurückgehalten, ba teilweise Angstkäufe ein» setzten. Die Bahnhöfe sind infolge ber Der» kehrsunterbrechung vollständig verstopft. Die Kohlenversendung nach dem Ausland erlitt Unterbrechungen, so daß sich einzelne Gruben gezwungen sahen, die weitere Förderung für einige Tage cinzustellen. Die schlesischen Truppenteile sind teilweise in ihre Garnisonen zurückgekehrt.
Vie Genfer Stuöienfommiffion.
Eine Erklärung ber deutschen Delegierten.
Genf, 15. Mai. (WTB.) Vor dein Prüfungs- ausschuß gab heute Botschafter o. Hösch eine längere Gfflärung zu den Vorschlägen von Lord Cecil ab. Die beiden wesentlichen Ideen des Vorschlages von Ceeil, nämlich die Einführung eines Tarniis und die Einschränkung der Wieberwählbar- kett schienen ihm auf guter Grundlage zu stehen. Hösch gab seine grundsätzliche Zustimmung zu den Vorschlägen Cecils, fügte aber hinzu, daß die Ver- jammlung bei der ausnahmstveisen sofortigen Wie-
derwahl in keiner Weise behindert werden dürfe. Hinsichtlich der nichtständigen Ratssitze erklärte der deutsche Vertreter, daß die Argumente, die zur Erhöhung der nichtständigen Ratssitze auf 9 geltend gemacht würden, ihn nicht ganz überzeugen könnten, er wolle aber trotzdem den Argumenten zustimmen, die von dem Vertreter Italiens oorge- bracht worden seien und in denen eine möglich st weitgehende Einschränkung bei der Vermehrung ber nicht st ändigen Rats - sitze angestrebt wird. Angesichts der starken Strömung für eine Vermehrung ber nichtständigen Rats- sitze richte er daher an den Ausschuß das Ersuchen, bie PermHrung möglichst niedrig zu hatten. Er sei aber bereit, wenn eine Einigung in dieser
Frage zustande komme, sich im Interesse der Ein- ftimmigEeit einem entsprechenden Vorschläge anzuschließen. Der Anspruch auf 3 nichtständige Rats- sitze für Südamerika finde bei ihm, unb, wie er glaube, auch in ganz Deutschland, lebhafte Sympathien.
Lord Robert Cecil versicherte in einer kurzen Erwiderung dem deutschen Vertreter, baß bie Äör- Handlungen im Falle einer Wahl vollständig frei seien und daß eine langjährige Erfahrung Öjm gezeigt habe, daß jeder Versuch einer Einflußnahme auf die Wahl in der Völkerbundsv-rsammlung zu einem diametral entgegengesetzten Ersvlg geführt habe. Hoesch teilt hierauf mit, daß ihn diese Erklärung Lord Cecils befriedige. M s-Htä sprach M


