leidet, so daß auch im Freien hygienische Nachteile entstehen.
Es ist also durchaus noch nicht sicher, daß die Stadt der Zukunft so aussehen wird, wie es sich die Phantasie des Romanschriftstellers vorstellt. Aber auch der Techniker ist jetzt auf Grund eingehender Beschäftigung mit diesem Problem dazu gelangt, sich ein Bild von der Stadt in hundert Jahren zu machen. Der Wolkenkratzer bleibt — und er muß auch bleiben. Denn wo sollte man saust die so bc- trächtlich angewachsene Bevölkerung unterbringen, wo sollte sie arbeiten und wohnen'? Seine Höhe richtet sich nach den örtlichen Verhältnissen, insbesondere nach der Art des Untergrundes, nach den Fortschritten der Dautechnik, nach der Bevölkerungs- zahl. Aber dieser Wolkenkratzer hat keinen quadratischen Grundriß mehr. Er ist rund. Er gleicht also einem jener riesigen Gasbehälter, wie wir sie heute an Gasanstalten sehen. Oie runde Form gewährt den Borteil, daß man für jedes Stockwerk eine besondere Anrampung vorsehen kann, die an ganz anderer Stelle auf der Erde endet, als die Anram- pungen anderer Stockwerke. Damit ist die Möglichkeit gegeben, im Falle der Panik jedes Stockwerk Jür sich zu entleeren und die Insassen des Riesengebäudes derart in weiterem Umkreise zu verteilen, daß von einem Gedränge und einer Lebensgefahr zu Füßen des Gebäudes keine Rede mehr sein kann. Die Anrampungen aber haben die Form von Straßen, so daß inan auch mit dem Auto ins Innere des Hanfes hineinfahren kann. Es liegen nach Bedarf auch mehrere Fahrbahnen übereinander, so daß Wagenverkehr und Fußgänger voneinander getrennt sind. Besondere Einrichtiingen im Innern lösen auch die Fragen der Unterbringung der gewaltigen Mengen von Kraftwagen, die während bestimmter Tageszeiten hier zusaminenströmen. Diese Eiirrichtungen bestehen in Paternosteraufzügen, deren Plattformen je einen Kraftwagen aufzunehmen vermögen. Es entsteht so eine bewegliche Garage, die die Form eines hohen schmalen Schachtes hat. Hier steht ein Wagen über dem anderen. Jeder Wagen kann einzeln dadurch zum sofortigen Gebrauch bereit gestellt werden, daß man die Plattform durch Bewegung des Aufzugs in jenes Stockwerk bringt, wo man das Auto benötigt. Wie man aber die Luftschiffe und Flugzeuge in der Stadt der Zukunft unterbringen wird, darüber zerbrechen sich die Techniker voii heute noch nicht den .Kopf. Sie überlassen die Lösung dieser Frage zunächst noch weiterhin der Phantasie moderner Phantasten.
Erich von Falkenhayn.
Bon L. Drees, Major a. D.
Am 8. April 1922 schloß zu Lindstedt bei Potsdam nach längerem qualvollen Leiden ein Mann die Augen, der vor einem Jahrzehnt an maßgeblichster Stelle gestanden und auf Grund seiner Tätig- keii berufen mar, nachhaltig in den schweren Existenzkampf, den Deutschland zu führen hatte, ein- zu^reifen. Dieser Mann war der General der Infanterie Erich von Falkenhayn, seinerzeit Chef des Großen Generalstabes der Armee. Die Berhältnisie brachten cs mit sich, daß Falkenhann, obgleich er längere Zeit und zum Teil mit unbestreitbarem Erfolge die Führung der deutschen Heere geleitet, schließlich sehr bald in weiteren Kreisen der Bevölkerung völlig der Vergessenheit anheimgefallen und in den Kreisen, die ihm an sich näher standen, nur selten die Würdigung gefunden, die ihm seiner Tätigkeit nach wohl zukommen dürfte.
Jetzt hat sich ein namhafter Militärschriftsteller, der als Bezwinger der Feste Maubeuge rühmlichst bekannte General der Infanterie von Z w e h l, der Aufgabe unterzogen, nach eingehendem Stu- dium eines reichen Quellenmaterials die ganze Tätigkeit der zweiten Obersten Heeresleitung, die ja durch die Persönlichkeit Falkenhayns verkörpert wird, so wie die spätere Tätigkeit des Generals als Heer führer in einer Abhandlung festzuhalten*).
In der Einleitung sagt der Verfasser, was ihn bewogen, sich dieser mühevollen Arbeit zu unterziehen Nachdem er zunächst erwähnt, daß bei der augenblicklichen Zeitströmung noch immer breite Schichten, auch der Gebildeten von den Männern, die im Kriege Taten vollbracht, nichts wissen wollen, schreibt er wie folgt: „So gewiß, wie auf die Nacht der Morgen folgt, so sicher ist, daß die Zeit kommen wird, in der nicht nur deutsche Männer und Frauen, sondern die ganze Welt begierig das
*) „Erich von Falkenhayn, General der Infanterie, eine biographische Skizze" im Verlag von E. S. Mittler & Sohn, Berlin. (70)
Leben und die Tätigkeit unserer Führer erforschen wird." Ich glaube, man wird dem General bei seiner Auffassung durchaus beipflichten können. Es ist ihm entschieden zu danken, daß er mit seiner Arbeit einen weiteren wertvollen Baustein zum lückenlosen Aufbau dieser für Deutschland zwar so schicksalsschweren, andererseits aber doch so ruhmreichen Geschichtsepoche geliefert hat. Vorweg sei bemerkt, daß das Buch, das sich naturgemäß vielfach mit Einzelheiten beschäftigen mußte, anderenfalls ist eine Biographie schlechterdings nicht zu schreiben, keineswegs eine völlig einseitige Tendenzschrift dar- stellt.
Der Verfasser, der es sich zwar zur Aufgabe gemacht, die Tätigkeit Falkenhayns zu würdigen, vermeidet es keineswegs, auch an vielen Stellen feiner durchaus abwegigen Auffassung von derjenigen Falkenhanns, Ausdruck zu geben. Andererseits, und darin liegt ja aber gerade der Wert der Studie, versucht der Verfasser sich und den Leser auch in diesen Fällen in die Gedankengänge Falkenhayns hineinzuführen.
Als ganz besonders interessant dürften diejenigen Kapitel anzusprechen sein, die die erste Phase des Krieges, den Eintritt Deutschlands in den Krieg und die Vorgänge bis kurz nach der Marne- Schlacht behandeln.
Bekanntlich gab man sich bei uns in leitenden Kreisen ja leider allzu lange der Hoffnung hin, daß der vom Feindbund langfristig vorbereitete Krieg sich werde vermeiden lassen, die verantwortlichen militärischen Stellen, Chef des Generalstabs und Kriegsminister hatten daher in den kritischen Tagen besonders schweren Stand. Moltke, bei seinem gesundheitlich erschütterten Zustand scheint diesen Aufregungen nicht mehr ganz gewachsen gewesen zu sein. Jetzt finden wir in der vorliegenden Studie eine Tagebuchaufzeichnung Falkenhayns, datiert uom 10. August 1914;
„Lynker glaubt Veranlassung zu haben, mich 311 fragen, 0 b ich beim Versagen Moltkes seine Funktionen übernehmen würde. Ich kann natürlich nur mit Ja antworten."
Diese Bemerkung löst allerdings, und das mit Recht, krasses Erstaunen aus, wie konnte ein Feldzug glückverheißend eingeleitet werden, wenn b e - reitsvorLeginnderFeindseligkeiten das Vertrauen in den Leiter der Operationen erschüttert war. Die Folgen zeigten sich alsbald mit Ausgang der Marne-Schlacht und als dann Falkenhayn mit der Nachfolge des seelisch gänzlich zusammengcbrochcnen Moltke betraut wurde, war die ganze Lage für die Mittel- mächte, im Hinblick auf ihre außerordentliche zahlenmäßige wie materielle Unterlegenheit, bereits derart verfahren, daß Falkenhayn allerdings nicht mehr in der Lage war, die Situation einem glücklichen Ende zuzuführen. Wohl ober bringen die Blätter den m. E. diirchaus gelungenen Beweis dafür, daß Falkenhayn es vermochte, trotz der enormen Schwierigkeiten, denen er sich gegenüber sah, die Lage vorerst wiederherzustellen. Durch die Ereignisse der Marne-Schlacht war ihm jedenfalls unter dem Eindruck der ganzen Vorgänge die Uebergeugung erwachsen, daß nie und nimmer ein irgendwie für Deutschland günstig gearteter Frieden zu erringen sei, wenn wir nicht Herr des westlichen Gegners geworden. An dieser Ueberzeugung hat Falkenhayn während der ganzen Zeit, in der er die Geschäfte als Stabschef führte, unentwegt festgehalten. Hieraus ergaben sich bekanntlich mancherlei Reibungen mit Ober-Ost, der Leitung Hindenburg-Ludcndorff, die im Jahre 1916 an Stelle Falkenhayns die leitenden Geschäfte übernahmen. Das Jahr 1915 sieht die deutschen Heere mancherlei Erfolge unter Falken- hayns oberster Leitung erringen. Die große Durch- bruchsschlacht im Osten bei Gorlice-Tarnow und im Herbst die siegreiche Abwehr gegenüber dem Massenansturm Joffres in der Champagne. Gerade die letztgenannte Schlacht, bei der das Geschick auf des Messers Schneide stand, beeinbrudte Falkenhayn abermals ganz wesen.lich in dem bereits erwähnten Sinne betr. des westlichen Gegners. Neben diese Erfolge trat noch die Niederwerfung Serbiens. Man geht wohl nicht fehl in der Behauptung, daß allein diese militärischen Begebenheiten — und wer wollte dem leitenden Chef des Generalstabes dabei seinen reichen Anteil absprechen — unter anderen Verhältnissen genügt hätten, dem Leiter der Operationen unsterblichen Ruhm zu erringen. Die Wogen der sich überstürzenden späteren Ereignisse Haven die Erinnerung an die unbestreitbare Anteilnahme Falkenhayns an diesen Vorgängen z. Z. fast gänzlich hinweggespült.
Im Jahre 1917 hingegen erlitt das von Falkenhayn ganz persönlich in Szene gesetzte Unternehmen gegen Verdun allerdings Schiffbruch. Zwehl versteht es in sehr anschaulicher Weise sich aber auch hier mit den Gedankengängen, die Falkenhayn beherrscht, auseinanderzusetzen. Als dann im Sommer 1916 die große Somme-Schlacht die Deutschen im Westen in arge Bedrängnis brachte, erfüllte sich das Geschick Falkenhayns. Er mußte von seinem Posten zurück- treten, um denselben, und das ist wohl keine umstrittene Frage, auf allgemeines Verlangen von Volk und Heer an die beiden Männer abzutreten, die in gemeinsamer glücklicher Arbeit bisher an der Ostfront dem deutschen Volke unsterbliche Siege errungen.
Falkenhayn hat diesen Rücktritt indessen nie verschmerzen können. Das geht klar aus all seinen Auf- Zeichnungen, in diesem Buche hervor. Doch treu und mannhaft tat er weiter seine Pflicht und es ward ihm vergönnt, noch unvergänglichen Lorbeer als Führer der 9. Armee im rumänischen Feldzug zu ernten.
Seine spätere Tätigkeit in der Türkei indessen brachte ihm keinen Erfolg, was erklärlich mar, da die Verhältnisse hier wohl von vornherein so ziemlich aussichtslos waren. Nach Rückkehr aus Palästina war er dann noch in Rußland tätig, stand ledoch nicht mehr in Berührung mit den kriegerischen Ereignissen des Jahres 1918. Falkenhayn brachte den Keim des Todes aus dem Felde nach Hause und erlag ihm im Jahre 1922, kaum 60jährig.
Sicherlich wird das Werk Zwehls manche Polemik auslösen, denn die Ansichten über Wert und Bedeutung Falkenhayns sind recht umstritten und wenig gefestigt. Gerade deshalb aber und weil Falkenhayn nicht mehr unter den Lebenden weilt, will ihn der Autor vor dem Geschick bewahren, der Vergessenheit anheimzufallen oder als unterwertet in der späteren Geschichte fortzuleben Das Buch schließt mit den Worten: „Ein uneingeschränktes Loblied konnten und wollten die Blätter nicht auf Falkenhayn anstimmen. Wenn sie dazu beigetragen, ihm den gebührenden ehrenvollen Platz in der Geschichte des preußischen-dcutschen Heeres, des deutschen Vaterlandes zu sichern, ihn unter die Besten einzureihen, haben sie ihren Zweck erfüllt."
Das Ergebnis der Konferenz von Temesvar.
Als Ergebnis der Konferenz der K l e i n e n E n - tente ist die vorläufige Nichtanerkennung Sowjetrußlands durch Rumänien, Jugoslawien und die Tschechoslowakei und die Vertagung der Verhandlungen über einen Balkanbund anzusehen. Zwar wird dies nicht in einem amtlichen Kommunique festaestellt, erscheint jedoch absolut sicher. Hinter den Kulissen haben sich ziemlich scharfe Kampfe abgespielt, denn man war in vielen Punkten durchaus nicht einig, besonders nicht über die Anerkennung Sowjetrußlands. Während die Tschechoslowakei und Jugoslawien einer Anerkennung Sowjetrußlands nicht abgeneigt waren, bot der rumänische Außenminister alles auf, um die beiden anderen Staaten von diesem Schritt abzuhalten. Herr Benesch ist anscheinend nur sehr ungern den Wünschen Rumäniens nachgekommen, denn er hatte sich der Sowjetregierung gegenüber schon zu weit festgelegt. Der plötzliche Umfall Beneschs hat daher in Sowjetkreisen die allergrößte Ueberraschung und Enttäuschung heroorgerufen. Nach Meldungen aus Temesvar fajcint der tschechoslowakische Außenminister die Verhandlungen mit Rußland über die Anerkennung abgebrochen zu haben, was jedoch wieder von russischer Seite zunächst bestritten, von Herrn Benesch ebenfalls weder zugegeben, noch abgeleugnet wurde. Nach den letzten Nachrichten scheint die rumänische Auffassung jedoch einen völligen Sieg davongetragen zu hoben. Es ist Herrn Benesch und Herrn Nintschitsch natürlich nicht sehr wohl bei dieser Politik im Schlepptau Rumäniens, denn die beiden Staaten können kein Interesse daran haben, in einer dauernden Spannung mit Rußland zu bleiben, nur um für Rumänien seinen bessarabischen Besitz zu verteidigen Duca hat beiden Ländern zu beweisen versucht, daß sic eigentlich gar keine Interessen in Sowjetrußland hätten und daher auch Sowjetrußland nicht anzuerkennen brauchten. Ein Zusammenhalten der Kleinen Entente sei wichtiger, als die Anerkennung der Sowjetregierung. Der Sinn der Konferenz von Temesvar war ja auch lediglich, nach außen hin zu zeigen, daß die Kleine Entente noch einigermaßen Zusammenhalte, nachdem man allgemein von schweren Gegensätzen zwischen den
beteiligten Staaten zu berichten wußte. Gerade die Sowjetregierung war bestrebt, die Sache so darzu stellen, als wenn die Tschechoslowakei und Jugoslawien keine Lust mehr hätten, die anlirussische Politik Rumäniens weiter mitzumachen.
Das zweite Ergebnis der Konferenz besteht darin, daß man vorläufig keine Verhandlungen über einen Balkanpakt mit Griechenland, Bulgarien und Ungarn führen wird. Man hat sich scheinbar davvon überzeugt, daß noch immer sehr erhebliche Gegensätze zwischen den einzelnen Balkanstaaten bestehen, die zunächst nicht überbrückt werden können. Nintschitsch soll zum Ausdruck gebracht haben, daß eine Verständigung mit Griechenland vorläufig nicht möglich ist, was die Voraussetzung für einen Balkanpakt darstellt. Auch der rumänisch- bulgarische Gegensatz und die bulgarisch-griechische Spannung stehen vorläufig einer baldigen Verständigung über einen Balkanpakt entgegen. Vorläufig ist nur eine gewisse Annäherung zwischen Jugoslawien und Bulgarien möglich, denn beide Staaten stehen in scharfem Gegensatz zu Griechenland wegen der mazedonischen Grenzgebiete. Auch ein gewisser französisch-englischer Gegensatz macht sich bei der Frage des Balkanpaktes geltend, denn die Kleine Entente steht unter Frankreichs Schutz, während Griechenland von England unterstützt-müH. Die Kon,- ferenz von Temesvar hat daher keineswegs die Politik auf dem Balkan für die nächste Zeit festgelegt ober wesentlich geklärt, ebensowenig hat sie in der Anerkennung Sowjetrußlands das letzte Wort gesprochen.
Oberhessen.
Landkreis Gießen.
s. Trohe, 16. Febr. Am Sonntagabend veranstaltete der hiesige Mandolinenverein (Ortsgruppe des Lahnhöhenbundes) im „Burgkeller" ein wohlgelungenes Konzert, das auch von auswärts gut besucht wär. Unter Troher Orchester war durch 8 Bundesfreunde aus dem nahen Wieseck verstärkt. Seine Darbietungen fanden lebhaften Beifall. Eine Verlosung, bei der jedes Los gewann, da die 80 z. T. sehr wertvollen Preise von der Einwohnerschaft gestiftet worden waren, und eine Reihe harmloser Scherze veranlaßten eine gemütliche Stimmung.
: Beuern. 16. ftebr. Am Samstag hielt der in letzter Zeit wieder zu neuem Leden erwachte hiesige Kriegerverein seine Generalversammlung ab. Der erste Vorsitzende, Ludwig Stein 11.. eröffnete mit herzlichen Degrühungsworten die Versammlung unb erstattete wegen Verhinderung des Rechners den Rechnungsbericht. Die Vorstandswahl hatte folgendes Ergebnis: 1. Vorsihe'cder Ludwig Stein II., 2. Vorsitzender: Philipp Lepper, Schriftführer: Ludwig Wilhelm Arnold, Rechner: 3o= Hannes Sommerlad V., Beisitzer: Wilhelm Fuhr, Polizeidiener Hahn und Konrad Stein IV. Der seitherige Harne des Vereins wurde umgeändert in „Krieger- und Schützenverein Beuern". Der Verein hat in den letzten Tagen etliche neue Mitglieder ausgenommen und zählt jetzt 44 Mitglieder. — Der hiesige Evangelische Kirchengesangverein, der .rund 160 Mitglieder zählt, hatte für den Sonntag abend seine Mitglieder und deren Familien in den Saal des Holländischen Hofes zu einer Familienfeier eingeladen. Ein etwas überreiches Programm gelangte zur Aufführung. Die Chöre deS Vereins, geleitet von seinem Dirigenten, Lehrer Rau, fanden großen Beifall. Pfarrer Wagner, der erste Vorsitzende des Vereins, teilte in seiner Ansprache mit, daß alle Gründer des Vereins und solche passiven Mitglieder, die dem Verein länger als 35 Jahr? angehören, zu Ehrenmitgliedern ernannt werden. Die Zugend des Vereins spielte einige Theaterstück- chen, unter anderen die heiteren oberhessischen Dorfbilder von Lehrer D 0 n a 11, die gut wieder- gegeben wurden. Den musikalischen Teil des Abends bestritt das Orchester des Vereins. — 3n zwei Gehöften unseres Dorfes wurde die Maul - und Klauenseuche sestgestellt. Die Sperre ist angeordnet. Ein Schweinehändler, der gerade zur Zeit der Bekanntmachung durch die Ortsschelle mit einem Transport Ferkel in unserem Dorfe weilte, mußte sämtliche Tiere hier absehen.
t Treis a. d. Lda., 16. Febr. Der hiesige Evang. Kirchengesangverein feierte am Sonntag unter großer Beteiligung der Gemeinde sein 25jähr. Bestehen. Vormittags sand Festgottesdienst in der Kirche statt, bei dem der Ortsgeistliche ■ ■rin ITT- I IM Illi« II. im III I—I IBIL.I UMIII I ■WHIMMlln I Miuuam
Sein oder Nichtsein.
(Ein Kriminalroman von der Wasserkante.
Von Moritz Schäfer
23. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Ach, Ella, ich ertrag' es nicht länger! Wo ist mein Mann? Warum kommt er nicht?"
„Nur ruhig, nur ruhig, Töchting, er kommt schon! Und Sie sprechen sich aus mit ihm, und die Wolken gehen vorüber und die Sonne scheint wieder. Es'ist ja nichts, gar nichts ift's — die Leute muß man reden lassen!"
„Ella — gute, treue Seele — Sie wollen mir Mut machen! Aber Sie glauben ja selbst nicht, was Sie da reden!"
„Doch, Frau Andrea, ich glaube, daß alles gut wird! Ich fühl' das. Da Drinnen fühl' ich das, und ich weiß, die innere Stimme, die täuscht mich nicht! Und dann — sehen Sie— in kenn' doch meinen Herrn! Der tonn'» nicht so von sich geben, was in ihm steckt. Aber ich weiß es, Frau Andrea — ich weiß, daß er gut ist und stark. Unser Herr Thomas, ja, der kann hitzig sein und unwirsch und zerfahren. Aber der Kern ist von Gold. Er ist treu, Frau Andrea, gerecht und das, was sie ja wohl 'n Ehrenmann nennen. Den kann der Wind anblafen, so viel er will, der stürzt nicht. Der steht fest wie'n Eichbaum."
In die Augen der Geängstigten trat weicher Glanz. „Der steht wie ein Eichbaum!" Das war das rechte Wort, an dem sich ihr Hoffen wieder aus- richten konnte. Ja, die gute Alte halte recht: Thomas konnte launisch sein, nervös und unwirsch, aver er war ein Ehrenmann! Ein Eichbaum war er, der seine Wurzeln in gutes Erdreich schlug. Der allen Stürmen trotzen würde, weil er seine Lebenskraft aus dem Rechte jag! Sollte die Herrin kleinlicher fein als die Dienerin? Sollte sie zweifeln, wo die Magd ihren starken Glauben einsetzte? Sollte sie ihren Gatten weniger kennen als dies einfache Weib?
Impulsiv reichte Andrea der Alten die Hand und schüttelte mit herzlichem Druck die knochige Rechte.
„Dank, Ella," sagte sie, und die feste Zuversicht sprach aus ihrer Stimme, .Sie haben mir viel gegeben, mehr als Sie ahnen. Ich bin in Ihrer Schuld für diese Viertelstunde . . .
Es wurde 3, es wurde 4 Uhr, und Lorenzen kam nicht zurück. Gegen 5 endlich klingelte er bei Andrea an.
„Hier Thomas. Hast vergeblich auf mich gewartet, Kind — o, das tut mir leid. Aber Ich kann nicht abkommen, vor Abend kaum. Ich bin jetzt bei Volkenhagen in Bramom. Alter, lieber Geschäftsfreund von mir. Wir haben wichtige Besprechungen. Ob ich Aerger hatte? Aber nein, Kind! Das ist vorüber! Später erzähl' ich Dir alles. Jetzt geht es famos! Mit Volkenhagen mach' ich Front gegen ein paar Rebellen! Was sagst du? Aufregungen? Na, wenn schon! Das bringt das Blut durcheinander. Ich werde sonst zu fest. Jetzt gibt's eine frische, fröhliche Hatz! Sorg dich nicht, Schatz, ich bin nicht der Gejagte, die Rollen sind getauscht! Also vergnügt sein, Kind! Ich freu’ mich aufs Wiedersehen! In Berlin alles in Ordnung? Das freut mich. Und hör' mal, du, falls ich nicht zurückkomme heute Abend — keine Angst! Morgen sprechen wir dann gemütlich über alles!"
Andrea hängte den Hörer ein. Wie Blei lag's ihr wieder in den Gliedern. Diese forcierte Lustigkeit war nicht ihres Monney Art. Das war ein krampfhafter Versuch, sie hinwegzutäuschen über den Ernst der Lage. Nun, sie würde ja hören, was Mühlfeld sagte. Mühlfeld! Ja, sie würde wohl nach Warnemünde fahren, um ihn zu sprechen. Sie mußte Gewißheit hoben, wie es mit ihrem Mann stand. Wohl ein Dugendmal hatte sie geschwankt, ob sie ihr Wort hatten oder das Stelldichein ignorieren solle. Es widerstrebte ihr von ganzer Seele, mit dem Menschen, vor dem sie ein instinktives Mißtrauen warnte, auf eine Weise zusammenzutreffen, die immerhin zu schiefen Deutungen Anlaß geben konnte. Aber schließlich vertraute sie doch auf Mühl- elds Ehrenwort. Auch daß die Zusammenkunft im icheren Frieden von Hinriks Tuskiilum ftattfinben vllie, erfüllte sie mit einem Gefühl der Sicherheit. Ausschlaggebend aber war der bange Zweifel, ob denn in Wahrheit für Lorenzen nichts Ernstliches zu befürchten stehe. Diesen Zweifel konnte ihr der Gatte heute nicht von Angesicht zu Angesicht lösen — fein telephonischer Anruf Ijatte ihn eher verstärkt.
XIX.
Mühlfeld, der tonangebende Beau mit der tadellosen Bügelfalte in den modischen Beinkleidern, der berauschenden Halsbinde und dem expressionistische,! Stil seiner Frisur, der schöne Fedor mit dem gut-
geschnittenen Cut und dem weiten Gewissen war nicht immer der „arbiter elegantiarum“ gewesen.
Er flamte aus einem dunklen Nest in Pommern, aß in seiner Jugend mehr Rüben als Hammelbraten und verbrachte die Flegeljahre, da weder der Vater Flickschuster, noch die Gemeinde mit ihm fertig wurden, in einer Fürsorgeanstalt. Hier, wo ihm die christliche Nächstenliebe mit dem Haselstock gepredigt wurde, lernte er frühzeitig jene Elemente kennen, die seinem ferneren Lebensweg Ziel und Richtung gaben. Zwar, es muß zu feiner Ehre gesagt wer- werden', daß er stets einen Abscheu halte vor dem plumpen und rohen Laster, das mit Ballonmütze und Dietrich die Erfolgleiler zu erklettern sucht. Dafür zogen ihn die in feinem Fürsorgemilieu zu er- sreulicher Entfaltung emporblühenden stillen Talente um so intensiver an, die mit einer gewissen Eleganz den männerzierenden Nepp üben und pflegen. Die Gruppe, um die sich der Jünger scharte, hatte stets die besten Konduilen, war fromm, arbeitsam und glänzte durch Reinlichkeit. Dafür iah ihr der gestrenge Hausvater manches durch die Finger, und wenn gleichwohl der Haselstock auch bei diesem Elitekorps nicht ganz außer Hebung trat, so geschah dies mehr der Tradition gemäß als aus er- zieherischen Gründen. Die Gruppe la wurde, ihres Wohlverhallens wegen, früher als die übrigen Zöglinge aus dem engen Pförtlein, das in die Welt hinaussührte, aus die Menschheit losgelassen. Sie flieg bann draußen auch rasch. Der eine landete in Berlin in der Mulackslraße, wo er stark pomadisiert und nach Moschus duftend einem zweifelhaften Gewerbe nachging: ein anderer wurde Spezialist im Roßtäuschen und Doping der Pferde. An biefen erinnerte sich Febor zuweilen, wenn es — wie bei der famosen „Marly" — einen Toloblufs zu inszenieren gab. Ein dritter — ja, dem ging’? freilich nicht ganz nach Wunsch, Dcr wurde, als er, nach vielversprechendem Anfang allzu kühn gemacht, einen Waggon Mehl verschob, feftgenommen und zu einer Million Geldstrafe verurteilt. Nur seine guten Kon- duften und das glänzende Zeugnis feines ehemaligen Hausvaters retteten ihn vor dem Kittchen. Aber da er die Million von feinen Ersparnissen nicht whlen konnte, hätte er gleichwohl die Eventual- ftrafc hinter schwedischen Gardinen abbüßen müssen, wenn nicht eia „ungenannt fein wollender Wohltäterwie c" in öffentlichen Danksagungen und Jahresberichten gemeinnütziger Anstatten so schön
zu heißen pflegt, für den zerknirschten reuigen Sünder eingesprungen wäre. Unter diesem edlen Unbekannten, der ein verirrtes Schäflein auf den rechten Weg zurückzuführen in rechter Humanität beflissen war, verbarg sich — nur dem Begnadeten sichtbar — Herr Fedor Mühlfeld. Das wob ein starkes Band zwischen beiden, und die Dankbarkeit des Mannes, der im Schieben fortan feinen Meister stellte, kannte keine Grenzen. Der schöne Fedor hate es von seinen Freunden am weitesten gebracht, er konnte sich's ohne Entbehrungen leisten, einen alten, lieben Kum pan aus der Patsche zu retten. Ein angeborenes Talent, zu ernten ohne zu säen, ermöglichte es dem jungen Manne, schon frühzeitig die Tätigkeit der Lilie nachzuahmen, die bekanntlich darin besteht, zu blühen und schön zu sein und für das übrige den lieben Gott sorgen zu lassen. Fedor wußte, daß er von der Natur — trotz des Flickschustervaters — begünstigt war, und er pflegte das, was ihm die Fee der Anmut in die Wiege gelegt hatte. Er wucherte mit feiner Schönheit, wie andere mit ihren geschäftlichen Talenten wuchern, und bald geschah es, daß die Weiber „auf ihn flogen". Einen normalen Beruf schmähte Fedor Mühlfeld. Wozu sich anstrengen, wenn einem gebratene Tauben in den Mund fliegen? Gewiß, er mußte anfänglich ein bißchen arbeiten, doch eigentlich nur, um die Zeit angenehm tot zu schlagen und nebenbei Verbindungen anzu- fnüpfen. Mephistos Wort: „Besonders lern’ die Weiber führen" war ihm oberster Grundsatz, von dessen Befolgung ihm Wohl und Wehe des Individuums abhängig schien. Dem Studium der Frauenpsyche gatt seine Passion und ihm allein verdankte er feine Erfolge. Er hatte Frauen, die seine Schulden bezahlten und Frauen, die sich für ihn ruinierten. Eine russische Großfürstin, die ihre Zechen vor den Bolschewisten in Sicherheit gebracht hatte, war schließlich die Favoritin, die mit Eifersucht darüber wachte, daß der schöne Fedor keinen an deren Göttinnen huldigte. Natürlich tat er das doch, und zwar ausgiebig, aber doch mit weit mehr Diskretion als früher. So daß der dekadenten Sonja die Illusion gewahrt blieb. Sie erzeigte sich dankbar und als sie sich, durch Kokain und Morphium bis auf den Grund verwüstet, in Abbazzia mit Belladonna ver- chstete, erwies sich, daß sie nicht nur ihre entwerteten Rubel, sondern auch ihre bei einer dänischen Bank hinterlegte Edelvaluta dem heißgeliebte.'. Freund vermacht hatte. (Forljeytmg folgt.)


