Nr. 40 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Mittwoch. 17. Februar 1926
Aus Natur und Technik.
Die Bändigung der Höchstipannung.
Don Max Fischer.
Ms ich noch auf der Schule war — das ist allerdings schon einige Jahrzehnte her — wurden uns in der Physikstunde beim Kapitel Elektrizität eigentlich nur die Erscheinungen gezeigt, die bei der durch Reibung und mit sogenannten Elektrisiermaschinen erzeugten Elektrizität eintreten, das heißt die Erscheinungen bei außerordentlich hoher Spannung der Elektrizität. Mancher wird sich vielleicht noch daran erinnern, wie leicht sich diese Art der Elektrizität durch Ausstrahlung, namentlich an Spitzen und Kanten, in die umgebende Luft verflüchtigt, und wie sie auf beträchtliche Entfernungen zwischen Kugeln oder Spitzen mit gewaltigen Fun- teil überspringt. Im Leben aber hatten wir es dann nie mit diesem etwas unruhigen und gewalttätigen Burschen zu tun, sondern mit seiner sanften und gefügigen jüngeren Schwester, der Niederspannung, bei der der Strom schon durch eine ganz schwache Isolierung auf seinem Wege in den Drähten erhalten werden kann. Für unsere Klingelleitungen genügt dazu schon eine oder eine doppelte, etwas gewachste Baumwollumspinnung, und die Teile der Klingel und der Druckknöpfe sind auf Holz aufgesetzt. Bei unserem Lichtstrom verwenden wir schon Porzellan als Isolator und umpressen die Drähte unter ihrer Umspinnung mit Gummi, aber für diese Jsoliermittel genügen bei einer Spannung von 110 oder 220 Volt auch noch ganz geringe Abmesiungen.
Anders wurde die Sache schon, als man begann, die Elektrizität über große Entfernungen fortzuleiten: zur Vermeidung zu großer Verluste oder zur Ersparung am Leitungsquerschnitt war man genötigt, Hobe Spannungen anzuwenden, die Elek- trizttät gewissermaßen unter hohen Druck zu setzen. So stieg die Spannung mit der Leitungslänge dauernd und ist jetzt für die großen Fernleitungen, wie z. B. zur Verbindung der großen Wasser- und Dampfkraftwerke Bayerns unter sich und mit den Werken Sachsens, Württembergs und Badens im allgemeinen bei 100 000 bis 110 000 Volt angelangt. Das ist eine Spannung, die sick im wesentlichen noch mit den bisherigen Mitteln beherrschen läßt — nur die Zahl der zu Hängeketten zusammengeschlossenen, die Hochspannungsleitungen tragenden Isolatoren, und diese Isolatoren selbst sind dabei größer geworden.
Heute genügt aber die Spannung von rund 100 000 Volt nicht mehr, weil die Entfernungen, auf die man die Elektrizität leiten muß, und ebenso die zu übertragenden Eleklrizitätsmengen dauernd im Wachsen begriffen sind. Es müssen z. B. auch entferntere Werke miteinander verbunden werden, um sich im Notfall aushelfen zu können, da eine Unterbrechung der Stromlieferung durch Ausfall eines Werkes sofort ausgeglichen werden muß, wenn nicht schwerer wirtschaftlicher Schaden entstehen soll. Es wird beispielsweise notwendig, die Dampfkraftwerke des Rheinlandes und Mitteldeutschlands mit den Wasserkraftwerken der Alpenflüsse zu verbinden, So kommt man zu Spannungen von 200 000 Volt und plant neuerdings sogar Leitungen, in denen eine Spannung von 380 000 Volt herrschen soll. Die Bersuche in den in Frage kommenden Werken erstrecken sich aber schon auf Spannungen bis zu einer Million Volt.
Die Bändigung solcher Energien erfordert ganz besondere Bauweisen. So hat beispielsweise das Werk Hermsdorf der Hermsdorf-Schomburg-Jsola- toren-G. m. b. H. den Bergmann-Elektrizitätswerken eine Oelschalterdurchführung für 200 000 Volt geliefert, die wir unseren Lesern im Bild 1 vorführen. Sie hat eine Höhe von rund 2i Meter und ein Gewicht von 7 Zentner. Die Herstellung so großer Isolatoren erfordert eine bedeutende Erfahrung, da man bei den ohnedies riesenhaften Gewichten und Abmessungen mit möglichst geringem Stoffaufwand eine möglichst große elektrische und mechanische Festigkeit erzielen muß. Es ist sehr schwierig, so große Körper so durchzubrennen, daß sie völlig frei von Poren und inneren Spannungen sind, zumal ihre Herstellung auch dadurch außerordent
lich erschwert wird, daß das Porzellan beim Brennen sehr stark schwindet.
Aber nicht nur die Isolation an allen Stütz- und Aufhängepunkten ist bei so hohen Spannungen mit Schwierigkeiten verknüpft: auch an den Leitungen selbst strahlt die Elektrizität — wie die uns aus der Schule vertrauten Reibungselekttizität — nach allen Richtungen aus und geht so verloren, wenn die Leitungen nicht dick genug sind. Man nennt dies Glimm- und Koronaverluste. Sie sind so zu erklären: Wenn die Elektronen unter so hohen Druck gesetzt werden, so suchen sie sich gegenseitig wegzudrängen, sie drücken gegeneinander. Dabei können sie aus einer Ebene nicht leicht herausgedrückt werden, sobald aber eine Fläche stark gekrümmt ist oder gar
Bild 1
Bild 2
Kanten ober Spitzen hat, drücken sich die Elektronen hinaus. Wir wollen einen ganz einfachen Versuch machen, der uns dies erklärt: Wir führen die beiden ausgestreckten Zeigefinger unserer beiden Hände gegeneinander und drücken sie mit ihren Spitzen aufeinander. Solange die beiden Zeigefinger eine gerade Linie bilden, ist ihr Bestreben, aus dieser Linie auszuweichen, nur gering. Bilden die Finger aber z. B. einen rechten Winkel, so fühlt man, wie die Fingerspitzen nach außen hin abgedrängt werden.
So kommt es nun, daß sich die unter der Oberfläche dünner Leitungen liegenden Elektronen infolge der starken Krümmung dieser Oberfläche aus der Leitung hinausdrücken, was unter einer Glimmerfcheinung geschieht: Die Elektrizität bildet einen bläulichen Mantel um die Leitung, den man Krone, Korona, nennt. Dieser Koronabildung kann man nur dadurch abhelfen, daß man die Oberfläche weniger stark krümmt, daß man also die Leitung dick macht. Macht man sie aber so dick, so kostet sie erstens selbst sehr viel Geld, zweitens aber kosten auch alle Stützpunkte mehr, denn sie müssen, um das schwere Gewicht so dicker Leitungen tragen zu können, ebenfalls viel stärker werden. Nun sind aber solche großen Querschnitte, wie man sie zur Beseitigung der Koranabildung anwenden müßte, für die Fortleitung der Elektrizität gar nicht notwendig. Man ist deshalb auf den Gedanken gekommen, röhrenförmige Leitungen zu verwenden, die nicht so viel Küpfer oder Aluminium verschlingen und bei wenig gekrümmter Oberfläche leicht sind. Natürlich kann man starre Röhren als Freileitungen nicht verwenden, man muß dazu hohle Leitungsseile anfertigen. Zu diesem Zweck hat man die das Seil bildenden Drähte auf ein Wendelband aus Blech aufgewickelt: ein Wendelband, das seinen Namen von der Wendeltreppe hat, sieht etwa aus
Die Erforschung der Meere.
Rachbem während der Kriegszett die Meeresforschung, weil die Ozeane Kriegsgebiet waren, jahrelang geruht hat, sind in den letzten Jahren von verschiedenen Ländern Expeditionen ausgerüstet worden, um die unterbrochene Forschungs- arbeit von neuem wieder aufzunehmen. Alle diese Expeditionen haben nicht nur einen rein wissenschaftlichen Zweck, sondern auch praktische Aufgaben zu erfüllen, da sich immer mehr die Rot- wendigkeit ergibt, die ungeheuren Reichtümer der Meere (deren Flache zwei Drittel der Erde bedeckt) der menschlichen Wirtschaft nutzbar zu machen.
Gs ist erfreulich, feststellen zu können, daß auch auf diesem Gebiet wissenschaftlicher Betätigung Deutschland in vorderster Reihe steht. Es sei nur an die Gazelle-Expedition der deutschen Marine (1874), an die atlantische Plankton-Expedition der preußischen Akademie der Wissenschaften, an die Valdivia-Expedition, an die deutsche Sübpolar-Expedition und an die deutsche antarktische Expedition, die im Jahre 1911 unternommen wurde, erinnert. Zur Zeit ist das deutsche Dermessungs- und Forschungsschiff „Meteor" unterwegs, um, mit einem Stab deutscher Wissenschaftler an Bord, im südlichen Atlantischen Ozean Tiefenmessungen vorzunehmen und wtrömungs- forschungen durchzuführen. Leider ist, wie vielleicht erinnerlich, der Führer dieser Expedition, der geniale Ozeanograph Alfred Merz, der Leiter des Berliner Instituts für Meereskunde, im August v. Js. in Buenos Aires, wo er erkrankt zurückblieb, gestorben. Die bisher vorliegenden kurzen Berichte lassen erfreulicherweise ertennen, daß die Arbeiten im Geist und nach dem Pro-! aramm des Verblichenen fortgesetzt werden und bereits bedeutungsvolle Ergebnisse gezeitigt haben.
In diesem Zusammenhang muh auch an die mehrwöchige Fahrt erinnert werden, die am 28. August v. Js. der Reichsforschungsdampfer „Poseidon" auf Veranlassung der deutschen wiffen- schaftlichen Kommission für Meeresforschung nach dem Heringsfanggebiet in der nördlick^n 'Nordsee an der schottischen Küste unternahm, um über daS Leben der Heringe ^Untersuchungen anzustel
len und praktische Fangversuche zu veranstaltcnu Wie wichtig bieje wissenschaftliche Aufklärungsarbeit ist, lehrt die Tatsache, daß die Heringe, die bekanntlich zwischen den Laichzeiten periodische Wanderungen machen, zuweilen ihre gewohnten Wanderstrahen verlassen, so dah die Fischereigesellschaften infolge geringer Fang ergeb- nisse erhebliche Verluste erleiden. Die volkswirtschaftliche Bedeutung des Fischfanges wird ohne weiteres klar, wenn hier erwähnt wird, dah z. B. im Monat September v. I. auf dem Fischmarkt in Hamburg-Altona rund 16 Millionen Pfund Seefische im Wert von drei Millionen Mark verkauft tourten. Rach einer internationalen Statistik wurden im Jahre 1910 von Deutschland, Holland, Grohbritannieu, den skandinavischen Ländern, Belgien, Frankreich und Finnland rund 1200 Millionen Kilogramm Heringe gefangen, die einem Wert von etwa 350 Millionen Mark entsprachen. Hierbei muh noch erwähnt werten, dah ter Bedarf an diesem Ruhfisch in Deutschland so groß ist, dah unsere eigene Fischerei ihn nicht zu decken vermag und ganz erhebliche Mengen eingeführt werden müssen.
Der Fischreichtum unserer Meere ist unerschöpflich. So hat z. B. die Shackleton-Expedition in den Gewässern des Südpolarkreises Fischgründe festgestellt, die so reich sind, dah man die Angeln nicht einmal mit Köder zu versehen braucht. Rationellere Fangmethoden und planmäßiger Ausbau der Seefischerei sind Zukunsts- aufgaben. zu denen die Entwickelung in absehbarer Zeit mit zwingender Rotwendigkeit drängt. Der Tlmstand, dah die Hilfsquellen der bewohnten Landoberflache erschöpfbar sind, treibt den Menschen dazu, nicht nur die animalischen, sondern auch die pflanzlichen Hilfsquellen der Ozeane aufzusuchen und sich dienstbar zu machen. Der Führer der Hartmannschen Tiefsee-Expedition, die im Herbst v. I. im Mittelmeer weilte, hat (wie hierbei erwähnt sei) auf die Tatsache aufmerksam gemacht, daß nach Angaben der Geologen die Minerolreichtümer der Meere bedeutend größer seien als die des Landes und daß u. a. an manchen Meeresstellen ölhaltige Lager festgestellt wurden. Die unerforschten Hilssquel.en der Ozeane müssen, so hat Hartmann weiter erklärt, ganz ungeheuer fein, jedoch könnten sie
wie ein Rettich, den man schraubenförmig ausgeschnitten und lang gezogen hat. Da aber die Zugfestigkeit solcher 'Leitungsseile zu wünschen übrig ließ, hat die Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft neuerbings ein solches Leitungsseil (Bilb 2) entwickelt unb bereits fabrikationsfähig hergestellt, bei dem das Wenbelbanb 2 um ein der inneren Säule bei einer Wenbeltreppe entsprechendes Kernseil 1 herumgewickelt ist unb die Deckdrähte 3 trägt. Unter Verwendung verschieden breiter Wendelbänder läßt sich so jeder Leitungsdurchmesser bei großer Festigkeit Herstellen.
Aus diesen beiden Beispielen ist zu ersehen, wie die Jsolations- und die Leitungstechnik zur Bändigung von Spannungen zusammenwirken, deren Beherrschung noch vor wenigen Jahren unmöglich erschien. So ist auch die Hoffnung nicht unbegründet, daß durch planmäßige Weiterarbeit die Bezwingung noch höherer Spannungen — sagen wir von einer Million Volt — gelingen wird. Freilich stehen dem noch große Schwierigkeiten entgegen; ist doch schon der Spannungsabfall in der Erde in der Nahe eines Mastes, den eine Leitung mit einer Spannung von 400 000 Volt berührt, so steil, daß im Umkreis von 50 Meter zwischen den Füßen eines auf den Mast zuschreitenden Menschen ein tödlicher Spannungsunterschied herrscht, so daß man also beim Auftreten dieses Fehlers bei der bloßen Annäherung an eine Leitung, allein durch das Gehen auf der mit Elektrizität verseuchten Erde, erschlagen werden kann. Aber wie wir die Gefahren bei den jetzigen Hochspannungen gemeistert haben, so werden wir fidjer auch der Höchstspannungen Herr werden.
Die Stadt der Zukunft.
Von Dr. Helmut T h 0 m a s i u s.
Die Stadt der Zukunft bietet der Phantasie gegenwärtig reidje Anregung. Wie wird sie aus- sehen, wie wird man in hundert ober zweihundert Jahren wohnen, welches Bild werden die Straßen, welches wird der Verkehr ba bieten? Romanschrift-- fteUer, die diese Stadt zu beschreiben, Maler, die sie malen, Filmregisseure, die sie aufzubauen haben, machen fidj die Sache leicht: Dem Fluge der Gedanken sind ja keinerlei Grenzen gesetzt, und Anregungen, wie es werden könnte, gibt die Technik von heute gerade genug. So entstehen denn in Romanen, auf Bildern unb in Form von Kulissenbauten Städte ganz merkwürdiger Art: Daß die Häuser bis zum Himmel emporragen, ist selbstverständlich. Nicht minder selbstverständlich ist es, daß ihre Dächer flach sind, so baß Luftschiffe und Flugzeuge bequem darauf landen können. Das ganze Luftmeer ist bedeckt von solchen Luftschiffen und Flugzeugen. Die Straßen aber bestehen aus übereinanderliegenden Fahrbahnen — der Zahl dieser Fahrbahnen sind keine Grenzen gesetzt — auf den Autos und elektrische Züge in ungezählter Menge hin und hersausen. Schriftsteller, Maler, Regisseure — das Bild, das sie von der Stadt der Zukunft geben, ist fast stets das gleiche.
Entspricht es der bereinigen Wirklichkeit? Der Techniker, der biefen Problemen dock) am nächsten steht, hat sich dazu bisher eigentlich noch gar nickt geäußert. Das ist leicht begreiflich, kann er doch nicht die Phantasie spielen lassen. Er muß von realen Gesichtspunkten, er muß von Grundlagen ausgehen, deren Beurteilung ziemliche Schwierigkeiten darbietet. Erst in jüngster Zeit hat man sich auch auf Seiten der Techniker eingehender mit dieser Frage beschäftigt, gibt es doch eine ganze Anzahl von großen Städten, bei deren Ausbau auf die künftige Entwicklung, unb zwar in weit voraussehenber Weife, Rücksicht genommen werben muß.
Zunächst einmal ist man sich in technischen Kreisen überhaupt noch nicht darüber klar, ob die Entwicklung der Großstädte in die Breite oder in die Höhe gehen soll. Siedlungen ober Wolkenkratzer, Gartenstadt ober Turmstadt? Das Jbeal wäre freilid) die Sieblung. Es gibt aber vorerst fein Verkehrsmittel, das imstande wäre, Millionen von Bewohnern innerhalb der kurzen Zeitspanne vor Beginn unb nach Beenbigung der Ar- beitszeit rasch genug an bie Arbeitsstätten ober von diesen hinaus in die Siedlungen zu bringen. Jn-
nur unter Anwendung besonders scharfsinniger Methoden erschlossen werden. In dieser Hinsicht erwartet die Tiefseeforschung ein gewaltiges Arbeitsfeld. Die besondere Aufgabe ter Hartmannschen Tieffee-Expedition war die Erforschung einer unterseeischen Ruinenstadt im Golf von Reapel. In dieser versunkenen Stadt vermutet man das alle Paläopolis, eine einstige griechische Riederlassung, die etwa 300 Jahre v. Ehr. von den Römern belagert wurde und durch Botenveränderungen des Küstengebietes allmählich in den Fluten verschwand. Es gelang in ter Tat, mit besonders konstruierten Tiefseeapparaten photographische Aufnahmen ter unterseeischen Ruinenstadt zu machen und auf diese Weise die Grundmauern der zerstörten Gebäude und die Grundrisse gewaltiger Bauwerke einwandfrei festzustellen.
Als größte Expedttion für Meeresforschung, die jemals auf die Reise ging, darf wohl diejenige des amerikanischen Biologen Prof. William Beebe angefprochen werden, die im vorigen Jahr mit dem besonders dafür ausgerüsteten Schiff „Arcturus" das Sargassomeer (zwischen den Kanarischen und Westindischen Inseln) im Atlantischen Ozean durchforschte. In die ein Meer schwimmt eine Llnmasse von Seetang, die an Fläche etwa 400 000 Quadratkilometer einnimmt und Seegräser aufweist, die stärker sind als dis dicksten Bäume, während ihre Länge etwa 400 Fuß beträgt: ein gewaltiger Llrwald der Tiefste voll dunkler Geheimnisse. Die Beebe-Sxvedition entdeckte u. a. an ter Stelle, wo der mexikanische und der Südäquatorstrom sich treffen, unübersehbare Fischkolonien und stellte nicht weniger als vierzig Fischarten fest. Prof. Beebe weist in seinem Bericht auf eine besonders merkwürdige Tatsache hin: er erzählt, daß ter Rordatlantische Ozean, ter sechs Wochen lang befahren wurde, „in bezug auf Tiesstetiere geradezu einer Wüste glich, während es im Stillen Ozean von seltenen Tieren wimmelte". Dieses Fischparadies ist jedoch, wie Becbe erwähnt, begrenzt. Denn schon einige Meter vom Rand der beiden vorhin genannten Meeresströmung.: entfernt sind Lebewesen kaum noch anzutreffen. „Wie gebannt bleiben die Billoner. Tier», im Kreise ter ütrome." Die verschiedenen Tieffee-Expeditionen haben
folge der Fortschritte der Hygiene vermehrt sich die Bevölkerung aller großen Städte sehr rafd). Der Zuzug vom flachen Lande vergrößert diese Vermehrung. Man mußte also in Neuyork, London, Berlin, Paris unb noch in einer Reihe weiterer Städte mit einem Siedlungsgürtel von 40 bis 50 Kilometer Breite rechnen. Dann erst liegt inmitten dieses Gürtels die eigentliche Arbeitsstabt, die „City", deren Durchmesser vielleicht auf gleichfalls 40 Kilometer veranschlagt werden muß. Es kommen also Entfernungen bis zu 80 Kilometer in Betrad)t. Dazu Mcnschenmassen, bie den Arbeitsstätten zuströmen unb bie bereits in zwanzig Jahren mit vier bis fünf Millionen zu veranschlagen sein dürften. Wo ist das Verkehrsmittel, bas sie in annehmbarer Zeit bewältigen kann? Das Flugzeug wäre vielleicht schnell genug. Aber wo sollen die Hunderttausendc ober Millionen von Flugzeugen inmitten ber Stadt landen, die in kurzer Zeit von allen Seiten her ein* treffen würden?
Der Kreis der Siedlungen wird also so lange ein beschränkter bleiben, bis bie Frage der Beförderung gelöst ist. Daraus ergibt sich ohne weiteres, daß man den im Innern der Städte zur Verfügung stehenden Raum besser ausnutzen, daß man in noch ausgedehnterem Maße als bisher zum Bau von Wolkenkratzern übergehen muß. Die Stadt der Zukunft dürfte also in ihrem Kern Turmstadt, außen herum in beschränktem Umkreis Gartenstadt werden.
Aber auch das Problem der Turmstadt schließt mancherlei Schwierigkeiten in sich. Man kann nicht einfach Häuser beliebig hoch gegen den Himmel zu bauen. Das geht in Neuyork, wo ber Untergrund aus Felsgestein besteht. Berlin hingegen ist auf Schwemmsand gegründet, breite Grundwasserströme fließen unter seinen Gebäuden dahin. Man weiß heute noch nicht, ob dies ein guter ober ein schlechter Baugrund für Wolkenkratzer ist. Die Meinungen her Bautechniker sind geteilt. So können also erst der Versuch und bie Erfahrung lehren, wie hoch man bauen kann. Versuch und Erfahrung müssen auch darüber Aufschluß geben, wie bie Fundamente in biefem Untergrunb aus Schwemmsand durchgebilbet sein müssen. Wird ber Pfahlrost, ber schon eine ganze Anzahl von Berliner Gebciuben trägt, auch für den Wolkenkratzer genügen? In anderen Städten liegen die Verhältnisse wieder anders, ist der Grund, auf dem sich ber Wolkenkratzer erheben soll, roieberum ein anderer. So ergibt sich schon hier eine Fülle von Fragen, die es erklärlich macht, warum, ber Techniker bisher geschwiegen hat. Er kann nicht die Phantasie walten lassen. Für ihn sind bie Gesetze ber physikalischen Mechanik, sind insbefonbere die der Statik ausschlaggebend.
Nehmen wir nun den Fall an, es wäre — sei es durch bie natürliche Beschaffenheit des Untergrundes ober infolge technischer Maßnahmen — möglich, allüberall ba Wolkenkratzer zu errichten, wo die Notwendigkeit dazu zwingt. Dann tauchen wieder neue Fragen auf, von denen insbesondere einer schwerwiegende Bedeutung zukommt: Sie ist kürzlich von Seiten amerikanischer Techniker am Beispiel des Neuyorker Wolkenkratzerviertels erörtert worden unb hat berechtigtes Aussehen erregt. Es kann der Fall Vorkommen, baß plötzlich eine Panik ausbrldjt, fei es infolge eines Feuers, eines Erbbebens ober irgenbeines sonstigen Ereignisses, und daß sich nun die Wolkenkratzer auf einmal entleeren. Die Berechnungen ergeben, daß heute schon die Straßen nicht mehr imstande wären, die Menschenmassen aufzunehmen, bie bann aus ben jetzt vorhandenen Gebäuden entftrömen würden. Dort, wo diese Rie- sengebäilbe am dichtesten aneinanberstehen, würden die Straßen sechs Meter hoch von Menschen bedeckt sein. Da man die Durchscknittsgröße eines Menschen auf 1,6 Meter hoch anneyrnen kann, so würben also vier Stockwerke von Menschenleibern sich überein- anber auftürmen müssen, um nur ben lebenben Inhalt ber Wolkenkratzer aufzunehmen. Der Zustanb, ber sich bei einer plötzlichen Entleerung ergeben würde, ist also nicht auszubenken. Er entzieht sich jeder Berechnung unb Beschreibung, wenn bie Zahl biefer Gebäube unb wenn ihre Höhe noch weiter wachsen. Es kommt hinzu, baß bie Straßen burch die hohen Mauern verfinstert werden; in den unteren Stockwerken kann man vielfach nur bei Licht arbeiten, daß die natürliche Ventilation der Straße
übereinstimmend festgestellt, haft in den tiefen Gründen ter Ozeane feine Ricsentiere anzutreffen sind, wohl aber hat man eine Unmenge von Tieren von ganz fremdartiger Form entdeckt, und zwar Tiere, die in ihrer Art den seltsamen Lebensbedingungen ter Tiefe (z. B. gewaltiger Wasserdruck, niedrige Temperatur, vollständige Dunkelheit) sich so angepaht haben, daß ihnen ein Aufsteigen zur Wasseroberfläche gänzlich unmöglich ist. Der Meeresboden selbst ist von den Kalk- und Kieselschalen abgestorbener Einzeller überdeckt und wie ein unaufhaltsamer, ewig rieselnder Regen lagern sich immer neue Kalk- maffen ab und füllen die Duchten unb Täler ter dunklen Tiefe: ben unendlichen Friedhof ter Meere.
Genaue Messungen und Vergleiche haben übrigens die größte Meerestiefe östlich ter Philippinen mit 9780 Meter festgestellt. Auch in den Ozeanen gibt es Gebirge, steile Riffe und ausgedehnte Talebenen. Die Seebeben, von denen zuweilen gemeldet wird und in großen Flut* bergen sich erkennen lassen, die ganze Küstengebiete überspülen, zeigen weiter, daß in jenen Tiefen auch Vulkane lauern, die gewaltige Katastrophen Hervorrufen können. Eine derartige Katastrophe hat sich z. D. am 23. Mai vor. 38. im Golf von Biscaya, unweit der nordspani- schen Küste, abgespielt, also an jenem Tage, als in Japan und in Rordfrankreich Erdbeben stattfanden. Eine riesige Flutwelle stieg plötzlich aus ter Tiefe empor und spätere Messungen ergaben, daß an Stellen, die vorher 5000 Meter Tiefe zeigten, nur noch 100—150 Meter festgestellt wurden. Erst längere Betrachtungen werten zeigen, ob die Veränderungen im Golf von Biscaya eine vorübergehende Erscheinung oder ob sie von Dauer sind.
Welch unendliches Gefühl, am Meeresstrand von dem brausenden Orgelton des Ozeans sich umfluten zu lassen, ter das Geheimnis seiner Tiefen überklingt und im Rhythmus ewiger Bewegung das Tlrlied des Lebens verkündet. Was dort unten an Rätseln und Wundern webt, der Mensch sucht es zu ergründen, um zu erkennen, in welche Formen die Lebenskräfte in den dunklen Abgründen des Meeres gebannt sind. W.


