Ausgabe 
16.11.1926
 
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Nr. 269 viertes Blatt

Die Finanz!

Von Rechtsanwalt Eduard IN.

Die gesamte Beweisführung des Finanzminislcrs gipfelt in der Behauptung, daß der Finanzminister jm Spätherbst 1925 den übrigen Ministerien eine Denkschrift über weitgehende Sparmaßnahmen un­terbreitet hat und daß die späteren Beschlüsse der Äoalitionsparteien im wesentlichen auf den v'nanz- Minister und sein Sparprogramm zurückzufuhren seien. Das ist eine objektiv unrichtige Darstellung, Die aus das ungenügende Gedächtnis des hessischen Volkes rechnet. Jene Dergleichsziffern insbesondere über die Entwicklung der Ausgaben des hejsiichen Staates für feine Volksschulen wurden auf Antrag der Oppositionsparteien zum ersten Male tm Spätjahre 1925 dem damaligen «echscrausschuh des Landtags vorgelegt. Eie waren bis dahin, wie man aus den Verhandlungen des Ausschusses ent­nehmen mußte, in dieser Schärfe weder dem Finanzminister noch der Schulverwaltting bekannt Wären sie dem Finanzminister und der Schulver­waltung bekannt gewesen, so gäbe es überhaupt keinen Grund zur Entschuldigung sur Die Tatsache daß der Finanzminister gleichwohl im Herbst 1925 einen Staalsvoranschlag ausgestellt hat mit einem Defizit von nahezu 10 Millionen Mark, in dem jene Lasten ohne jede Minderung strichlos eingestellt waren. Wenn der Finanzminister damals jene Zif­fern gekannt hätte, so wäre es für ihn eine mora­lische Unmöglichkeit gewesen, gleichwohl von dem Landtag die Bewilligung der Gesamtausgaben von 126 Millionen Mark ohne jeden Strick zu fordern. Wir erinnern uns weiter, wie damals die Oppo­sitionsparteien und das Zentrum mehr oder minder scharf die Forderung von A b st r i ch e n an dem Voranschlag insbesondere für die Volksschulen er­hoben. Wir erinnern uns an die Protestkundgebun­gen des Hessischen Landeslehreroereins, und wir er­innern uns insbesondere daran, daß in der Etat­beratung des hessischen Landtags der Abg. B l a n ck namens des Zentrums die Erklärung adgob.

Wir erklären aber heute schon nachdrücklichst, daß unsere Zustimmung zu den einzelnen Ka­piteln nur unter dem Vorbehalt gegeben wird, daß uns der Herr Finanzminister einen gangbaren Weg zur Deckung des Defizits vor- fchlägt. Ist ihm das nicht möglich, bann behalten wir uns von feiten der Zentrumsfraktion weitere Maßnahmen vor, denn.die Gesundung der hessi­schen Finanzen erscheint uns zur Zeit doch das wichtigste.

Erst unter diesem, einem Ultimatum gleichkom- wenden Drucke des Zentrums bequemten sich die Linksparteien und der Finanzminister dazu, auf dem von der Opposition und dem Zentrum gemeinschast- lich gewiesenen Wege der Abdrosselung der Staats ausgaben einige Schritte vorwärts zu tun. Also: Nicht einer Initiative des Finanzministers, nicht dem freiwilligen Entschluß der Linksparteien, sondern dem Drangen der Oppositionsparteien und der ulti- mativen Haltung des Zentrums erst war es zu dan­ken. wenn damals im allerletzten Augenblicke Ab- ftrid)c an den Staatsausgaben durchgeführt wurden.

Des weiteren stützt sich der Finanzminister auf ein geheimnisvolles Sparprogramm, das er im Spätherbst 1925 den Ministerien zugestellt habe. Zunächst verweile man einen Augenblick bei dem immerhin ungewöhnlichen Bilde eines Finanz­ministers, der im Landtag einen Staatsvoranschlag mit nahezu 10 Millionen Defizit und ohne jeden Abstrich der Ausgaben vorlegt, für die­sen Staatsvoranschlag mit seinen Forderungen als sachlich unumgänglich notwendige Positionen sicht, gleichzeitig aber eine geheime Denkschrift den Mi­nisterien zustellt, in der er den Wegfall einer Reihe dieser Staatsausgaben als möglich und notwendig vertritt! Die Opposition hat vergeblich versucht, Einzelheiten oder wenigstens die Grundzüge dieses Sparprogramms des Finanzministers auf porla- mentarischem Wege zu erfahren. Der Finanzminister hüllt sich gegenüber allen derartigen Anfragen in Schweigen. Lediglich aus dem Lande kommen neuer­dings in sich steigernder Zahl Alarmnachrichten, tue die ersten Ausstrahlungen dieses angeblichen Spar­programms zu sein scheinen. Der Abbau ein« zelner Amtsgerichte, der Abbau e i n.- zelner Kreisämter und ähnlicher kleiner lo­kaler Behörden wird in Aussicht genommen. Wenn das etwa der Kern des Sparprogramms sein soll, so ist die Haltung der Devölkemng hierzu wirklich begreiflich. Denn was beim Wegfall einzelner Amts­gerichte oder Kreisämter, deren Beamte dann a n» derwärts beschäftigt werden müssen, und deren Gebäude nicht in ollen Fällen ohne weiteres zu verwerten sind, im günstigsten Fall gespart wer­den kann, steht in gar keinem Verhältnis zu der Beunruhigung und Benachteiligung weitester Volks- kreife. Wenn um der Ersparnisse weniger lausend Mark willen, Tausende von hessischen Staatsbürgern künftighin bei Erledigung ihrer Geschäfte am Amts­gericht oder Kreisomt dos Doppelte an Zeit aufzu- wendcn haben wie früher, so ist das eine Span Politik, deren Weisheit uns allerdings verschlossen bleibt. Das Sparprogramm des Finanzministers wird wohl, darf man annehmen, fich hoffentlich nicht auf derartige Dinge beschränken. Mit pinem Pro­gramm ist es im übrigen nicht getan. Es kommt auch darauf an, daß es fachlich und wirtschaftlich gesund und wirksam ist. Und es kommt vor ollen Dingen darauf an, daß hinter dem ganzen die Energie eines Mannes steht, der entschlossen ist, seine Autorität und sein Amt rücksichtslos für die Gesundung der Staatsfinanzen einzu fetzen!

IV.

Leider muß man fast die Frage stellen, ob es nicht schon zu spät ist, dem ernstester Gefahr zu- rollenden Rade der finanziellen Entwicklung in Hessen in die Speichen zu sollen. Denn was der hessische Finanzminister in ferner Denkschrift über den gegenwärtigen Stand der Staatsfinanzen mit­te ilt, übertrifft olle Gerüchte und Vorstellungen von dem bevorstehenden Defizit des hessischen Staats­haushaltes. Aus den amtlichen Erklärungen des hessischen Finanzministers, ergibt sich folgendes:

*) Vgl. den ersten und zweiten Teil des Aufsatzes in Nr. 268 desGießener Anz." vom 15. No­vember 1926.

Gießener Anzeiger

age Hessens.

D i n g e l d e y, M. d. L.*).

Dos Rechnungsergebnis des Jahres 1 9 2 5 schloß mit einem Defizit von 15 M i l - Honen Mark ab. Rein ooranschlagsmäßig wurde durch die Beschlüße der Koalitionsporteien das Defizit für das Jahr 19 2 6 von 9,1 Millionen Mark auf 8,5 Millionen Mark herabgedrückt. Aus den Dorjahren 1923 und 1924 stehen noch 10,5 Millwnen Mark Rücklagen aus den zuviel erhobenen Steuern zur Verfügung. Verwendet man diese 10,5 Millionen Mark zur Deckung des fachlichen und rechnungs­mäßigen Fehlbetrags von 1925 und 1926 und den Rest von 1,2 Millionen Mark auf die Deckung der Erhöhung des Wohnungsgeldzuschusses der hessi- chen Beamtenschaft auf die Höhe des Zuschußes für die Reichsbeamten (eine Maßnahme, die die hessische Regierung inzwischen durchgeführt hat), so ist die aus den oteuern erzielte Rücklage inzwischen restlos verbraucht. Wir gehen also dem Rechnungsjahr 1927 ohne jede Rücklage entgegen. Der. Finanz- Minister muß initteilen, daß im Iahrel926'a Hein ü r d i e Erwerbslosenunter st ützung über den Staatsvoranschlog hinaus eine Summe von etwa 12 Millionen Mark zu verausgaben sind. Den Ausfall an Reichssteueranteilen, von dem im einzel­nen noch zu sprechen sein wird, beziffert er für 1926 auf 6 Millionen Mark, für 1927 kommt zu diesem Betrog noch hinzu eine Summe von 4 Mil­lionen Mark, die als erhöhter Betrag für den Woh nungsbau einzustellen ist, ein Betrag von rund einer Milliop Mark, der sich aus der vor kurzem durch- geführten Ermäßigung der Hauszinssteuer als SleucrausfaU, errechnet. Danach ft eilt s i ch die Berechnung des Defizits für 1 9 2 7 wie folgt:

Durch Rücklagen nicht gedeckter Fehl­

betrag wie 1926 7 800 000 2Nk.

Erwerbslofenbeihilfe 12 000 000 2Hf.

SteuerausfaU an Reichssleuern 6 000 000 Rlk. Steuerausfall bei der Hauszins-

ffeuer ' 1 000 000 RN.

Mehr für Wohnungsbau 4 000 000 Mk.

30 800 000 IHf.

"Nach den bisherigen Feststellungen also haben wir für 1927 mit einem ungedeckten Defizit, dem keinerlei Rücklagen mehr gegenüberstehen, von mindestens rund 31 Millionen Mark zu rech­nen. Bei der bisherigen Tendenz der Vermehrung der inneren Ausgaben des Staatshaushalts in den letzten Jahren ist aber leider anzunehmen, daß nicht einmal diese ungeheuerliche Summe das volle Ausmaß des Fehlbetrags im künftigen Staatshaus­halt ausdrückt. Es ist wohl nicht übertrieben, wenn ich oben diese Entwicklung unserer Staatsfinanzen als katastrophal bezeichnet habe.

V.

In dieser fürchterlichen Lage des hessischen Staates weiß nun der Finanzminister keinen an­deren Ausweg mehr, als die Forderung der Reichshilfe, und es ist leider richtig: aus eignen Kräften kann Hessen auch bei einfchneiden- sten Maßnahmen die gewaltige Summe dieses Fehlbetrages nicht decken. Dabei wollen wir uns daran erinnern, daß es nicht hatte zu einem Fehlbetrag von derartigen Dimensionen kommen dürfen, wenn die hessische Regierung recht­zeitig und mit mutigem Entschluß alle sach­lich irgendwie vertretbaren Vereinfachungsmög- lichkeiten ousgenuht hätte. Der Finanzminister wendet breiten Raum auf für den Rachweis, daß der Steuerausfall an Reichssteueranteilen genau so wie die fürchterliche Belastung mit der (Sr- werbslosenfürsorge Umstände seien, die nichi Hessen, sondern das Reich ausschließlich zu ver­treten habe. Er sucht nachzuweisen, daß infolge der Besetzung nahezu der Hälfte, und zwar des wertvollsten Gebietes Hessens, diese Erscheinun­gen des Rückganges der steuerlichen Leistungs­fähigkeit und der Vermehrung der Erwerbs­losigkeit in Hessen ganz besonders scharfe Formen angenommen hätten. Es ist richtig, daß aus diesem Gründe die Hilfe des Reiches unter allen Umständen gefordert werden mußte. Es ist auch richtig, daß in diesen Punkten der Rhein- und Ruhrkampf mit allen seinen Folgeerscheinungen seine besonders vernichtenden Spuren im hessi­schen Wirtschaftsleben hinterlassen hat. Es ist aber selbstverständlich ebenso richtig, daß diese Erkenntnis nicht erstunvermittelt" im Jahre 1926 geboren werden konnte, son­dern für den, der die Struktur der hessischen Bevölkerung und Wirtschaft kennt, von Anbe­ginn des Kampfes um die Rheinlande an beachtet werden mußte. Wir wissen doch, daß mit die größten industriellen Werke Hessens im besetzten Gebiete liegen. Wir wissen, daß das besetzte Gebiet Hessens und das sogenannte Randgebiet zum großen Teile von der industriellen Arbeiter- bevölkerung bewohnt wird, die ihre Arbeit von den größeren industriellen Werk n von Mainz, Mannheim, Ludwigshafen, Frank urt a. M. und Höchst fanden. Daß infolgedessen die allge­meine Erwerbslosigkeit infolge der beson­deren Struktur Hessens auf hessischem Gebiete besondere Schärfe annehmen mußte, verstand sich von selbst. Das sind aber nicht ..unvermittelt" eintretende, sondern voraussehbare Tüt- sachen. Katastrophal ist, daß der hessische Finanz­minister diesen Tatsachen in der wehrlosen Hal­tung des Mohammedaners vor seinem Kismet gegenübersteht, anstatt daß er schon vor Jahr und Tag mit eignen Kräften, aus eignem frei­willigen Entschluß an dieser Sachlage zu mildern suchte, was irgendwie zu mildern ist.

Wenn ich also auch, wie ausgeführt, die An­sprüche des hessischen Staates an das Reich grundsätzlich für berechtigt halte und unterstütze, so ist doch die Situation, in der die hessischen Unterhändler heute dem Reich gegenüberstehen, die denkbar ungünstigste und verhängnisvollste für die Zukunft Hessens. Auch das ist wiederum ausschließlich aus die Passivität der hes­sischen Regierung zurückzuleiten. Das Reich hat von seinem Standpunkt aus begreif­licherweise eine Bewilligung der hessischen For­derungen nur unter der Bedingung zugesagt,

-Anzeiger für Vberhefsen)

daß sich Hessen der genauen Rachprüfung seines Staatshaushaltes durch den Reichssparkommissar unterwirft. Das bedeutet naturgemäß praktisch gesprochen: Hessen wird die erbetenen Zuschüsse nur dann erhalten, wenn es zum gegebenen Tage sich verpflichtet, diejenigen Maßnahmen in seinem Staatshaushalte durch- zuführen, die ihm vom Reichssparkom- m i s s a»r a u f e r l e g t werden. Da aber infolge der hessischen Finanzpolitik die Dinge so weit in Hessen getrieben sind, daß ohne die Zu- chüsse des Reiches der Haushalt nicht mehr ausgeglichen werden kann, bedeutet dos die Unterwerfung des hessischen Staa­te« unter d i e Bedingungen, die ihm vom Reiche etwa demnächst diktiert werden.

Man hat sich in den Kreisen der Links­parteien und des Finanzministers getoalhg dar­über aufgeregt, daß dieser Sachverhalt in der Oefsentlichkeit als ,.G e s ch ä s t s a u s s i ch 1" be­zeichnet wurde. Run. es dürfte schwer sein, andere Ausdrücke zu finden, die diesen für das Land Hessen demütigenden Sachverhalt in kla­rerer Form zum Ausdruck bringen. Wie ganz anders wäre die Situation des Landes Hessen gegenüber dem Reiche, wenn es heute von sich sagen könnte, daß feine Regierung freiwillig, aus eigener Erkenntnis alles irgendwie Erdenk­liche getan habe, um die gewaltig vermehrten Staatsausgaben für die innere Verwaltung ab­zudrosseln. Run wird es dahin kommen, daß der m solchen Fragen genügend geschulte Blick des Reichssparkommisfars sehr schnell die wunden Stellen im hessischen Staatshaushalte ausspüren wird, bei denen die Operation einsehen soll. Daß dies aber dann ohne besonderes Interesse an den hessischen Eigentümlichkeiten aus rein zentralen Gesichtspunkten des Reiches heraus und unter Umständen brutaler geschehen wird, was im anderen Falle verständig und allmäh­lich, unter Berücksichtigung unserer hessischen Eigentümlichkeiten wir selbst hätten durchfüh­ren können, bedarf keiner weiteren 'Beweis- führung.

Man weiß. daß der Retchsstnanz - Minister, wiederum von seinem Standpunkte aus begreiflicherweise, die Rot einzelner Länder im Sinne der Entwicklung zum Cinheitsstaate auszunüyen wünscht. Wenn man einmal als Reichsminister die Entwicklung zum Einheits­staate erstrebt, sie aus wirtschaftlichen und finanziellen Gesichtspunlteu für wünschenswert hält, so liegt der Gedanke ungeheuer nahe, die Rot einzelner Länder, ihre Bitte um Reichs­hilfe als Anlaß zur Aufhebung der Selbstän­digkeit jener Länder zu benutzen.

Rach unserer Lieberzeugung würde diese Ent­wicklung dem Reichsgedanken nicht nützen. Ein Einheitsstaat und eine Entwicklung zum Einheits­gedanken. die sich lediglich aus die Konkurs­masse einzelner durch Jnflationswirtschaft um ihre Unabhängigkeit gekommener Länder gründe«, trägt den Keim der Zersetzung in sich. Daß unser hessisches Land in einer solchen Entwicklung selbst beim besten Willen Berliner Stellen wesentliche kulturelle Eigentümlichkeiten und (Errungen» schasten bald radikal verlieren würde, unterliegt für mich feinem Zweifel. Eine Reichsver­waltung Hessens würde weder das Bor- handensein zweier hessischer Hochschulen in Gie­ßen und Darmstadt (während gleichzeitig die Universitäten in Marburg und Frankfurt existie­ren), noch ei.: Landestheater in Darmstadt noch das weit ausgebaute staatliche Schulwesen, noch viele andere Dinge weiterführen, die wir in Hessen wenigstens grundsätzlich nicht missen wol­len. Darum liegt es im Interesse des hessischen Volkes nicht, wenn jetzt von der Partei des Finanzministers in diesem Augenblicke, in dem an sich aus finanziellen Gründen die Selb- ständigleit Hessens nicht ungefähr­det erscheint, die ''Parole des Einheitsstaates c.u5gegcbcn wird. Ohne jedes Verständnis, müs­sen wir aber den Gedanlengängen eines einzel- staallichen Finanzministers gegenüberstehen, der in solcher Lage glaubt, die ihm anvertrauten Interessen seines Landes durch die Parole des Einheitsstaates fördern zu können.

Der Einheitsstaat mag eine gute oder eine schlechte Sache fein; nicht gefördert, sondern ge­fährdet wird das Gute in dieser Idee jeden­falls dadurch, daß ein kleiner Staat im Kanrpf um seine finanzielle Selbständigkeit glaubt, der Schrittmacher des Einheitsstaates zu fein. Das Echo, das der hesfifchc Finanzminister für seine Gedanken in der Zentrumspresse und insbeson­dere in der bayerischen Presse fand, zeigt, wie wenig er dem Gedanken des Einheitsstaates ge­nutzt hat, und wie sehr er das Ansehen des hessischen Staates mit solchen Ideen geschmälert hat.

48. Iahresfest des Oberhessischen Vereins für Innere Mission.

hr. Der Oberhessische Verein für Innere Mis­sion feierte am Sonntag und Montag in Gießen sein Iahresfest im 48. Geschäftsjahr. Den Auf­takt und zugleich den Mittelpunkt der Ver­anstaltung bildete der Festgottesdienst in der Stadtkirche mit Geh. Konsistorialrat Pro­fessor D. Bornhäuser- Marburg als Fest­prediger Daß die Gottesdienste bei sämtlichen Veranstaltungen religiösen und kirchlichen Cha­rakters nicht eine Zugabe bedeuten, sondern der Mittel- und Ausgangspunkt alles Wirkens und aller Freude, das bewies die sehr zu Herzen sprechende Fest predigt, die sich an das Schriftwort Cv. Matthäi 9,38 anschloh und von der Grundidee Wichrrns ausging, daß Innere Mission nicht allein Dienst an Schwachen und Kranken, sondern viel mehr und größeres be­deute, nämlich,daß das heilersüklte Volk das Heil bringe dem heillosen Volk." Die lebendigen Glieder unserer Kirche müssen miteintreten in den Kampf mit unseren und für unsere Brüder und Schwestern, für die das, was un8 das Heiligste ist, nichts mehr bedeutet. Wir sollen werbende Kräfte sein für des Heilands Evangelium; wenn wir eine bekennende Gemeinde sind, dann werden die Fahnen 3efu wieder Vorwärtsschreiten. Wir brauchen Führer im Kampf um die heiligsten

Dienstag, sb. November 1926

Güter und müssen uns diese von dem ..Herrn her Ernte" erbitten. Eine Gemeinde, die im Glauben steht, wird durch das Gebet fclbft ge­segnet. Treue, Liebe. Geduld. Glaube. Hoff­nung, das find die Dinge, die wir «wiudKn. was daraus werde, ist in Gottes Hand gelegt, wir haben nur unsere Pflicht zu tun. Vkit die­sem gewaltigen Gewissensappell schloß die Pre­digt ab. Der Gottesdienst war bereichert mit zwei Chören, die der Evangelische Kir­chengesangverein vortrug, der auch bet der Abendveranstaltung seine Mitwirkung nicht ver'ag! batte.

An dem G e m e i n d e a de n d in der Jo- hanneskirche sprach Kirchenrat Troinmers- Hausen- Frankfurt a. M. Seine Ausführun­gen über die Frage.Hat das Evangelium bei uns in Deutschland noch eine Zukunft?' waren getragen von einem großrn Optimismus, der iber alleS Dunkel der Gegenwart hinweg dock) das große Licht sieht, daS den göttlichen Weg erhellt. Heute setzt ein Fragen und Suchen nach neuen Zielen ein, und Huer muß die Kirche Helsen, sie steht nicht am Ende, sondern am Anfang ihrer Ausgabe. Die Entscheidung der Zukunst liegt in der evangelischen Familie beschlossen, hier liegen die Keimzellen neuen Werdens. Wir müssen wieder zurückkehren zu den Quellen dcv Glaubens und des Evangeliums, brauchen rechte, wahrhafte Christen. ES sieht keineswegs nach Untergang aus, sondern nach Aufstieg.

Die Jahresversammlung sand am Mon­tag im Zohannessaal statt, und stand unter der Tei­lung des Vorsitzenden, Oberstudienrats Professor Dr. Weimar- Gießen, der nach Schrisklejung und We bei den Jahresbericht erstattete, zunächst des seit heriaen Vorsitzenden, llniversitätsprofessors D. E. W. Mayer- Gießen, gedachte, der krankheitshalber sein Amt niederlegen mußte, ferner des früheren langjährigen Leiters des Vereins, Kirchenrats D. Schlosser, und dann über die verschiedenen An­stalten und Einrichtungen des Vereins referierte; die Herberge zur Heimat, das Eleonoren-Hospiz, das Elisabethhaus (Kinderbeilanstalt) zu BiH-Nau- heim, den Ausjchuß für Volksmijsion u. a. Die Rech- nungsablage erstattete Kirchenrat Strack- Gießen; für seine treue Amtsführung ward dem Rechner Dank und Entlastung zuteil. Sodann ergriff der Direktor des Hessischen Landesvereins für Innere Mission, Psarrer D r e v e s - Darmstadt, das Wort zu seinem Thema:Die volksmissionarischen und so­zialen Ausgaben der Inneren Mission in der Rot un­seres Volkes". Von den Wirtschaftssragen weg muß heute endlich unser Blick wieder hingelenkt werden zu den seelischen Röten unseres Volkes. Wichern ruft zur Mityilfe auf:Suchen die Proletarier nicht mehr die Kirche, so muß die Kirche anfangen, sie zu suchen und nicht eher rasten, bis sie mit dem heil­bringenden Worte sie gefunden hat; als Volkskircke hat sie dahin zu wirken, daß kein Glied der Kirche sei, dos nicht das lautere Wort Gottes in rechter Weise hörte." Sind wir überhaupt noch Kirche? Stehen wir noch im Glauben? Das sind die bren nenbften Fragen, erst dann kommt das Wie, wie sollen wir die Senbuna ausrichten? Zuerst sind zur Ausübung dieser Ausgabe die Diener des geist­lichen Amts berufen, aber auch die Laien, die im Vollsinn des WortsGeistliche" find, und ebenso die Frauen. Sie haben alle die erste Aufgabe der Evangelisation, das Evangelium hineinzutragen in alle Schichten unseres Volkes, Stand sali aus Stand wirken. Aber nicht daraus allein beschränkt sich die vvlks missionarische Arbeit der Inneren Mission, sondern sie umfaßt noch eine Unzahl an­derer Gebiete: Kolportage, Buch- und Pressearbeit, Wander- und Volksbibliotheken, Lichtbild-, Kino und Filmwesen, Flugblattverteilung gegen die Sel­ten usw., überall muß das Schlechte durch das Bes fere überwunden werden. Die sozialen Aufgaben der Inneren Mission sind hinreichend gekennzeichnet in der großen Denkschrift Wicherns pon 1849. der Wohlfahrtspflege muß die Kirche dem Si.ial helfen, vor allem aber gilt es, soziale G c s i - n u n q zu pflegen in allen Ständen unseres Volkes. Das ist aber tlur denen möglich, die aus einem Ucbungsjeld christlicher Betätigung kommen, soziale Gesinnung kommt nur zustande durch innere Be wegung, diese aber hat zur Voraussetzung, das Er- lel-nis auf dem Feld christlicher Liebestätigkeit. Auch für Hessen brauchen wir solch ein. Uebungsseld der Inneren Mission. Wohnungsnot, Wanderer und Auswanderernot, Strafentlassenen- und Gefängnis­fürsorge, Gefährdete und Gefallene, verwahrloste Jugend, Pflegekindwesen überall muß die Mission der Tat erfolgen und alles um unserer Kirche willen.

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