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Das große Würfelspiel.
Martina Bilcmar.)
Roman von Franz I a d e r Kappus.
17. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Und jetzt? .
Mit ihrem Allas aus der Schulzeit in der Hand, versuchte Martina sich zu orientieren. Eine -ote Zickzacklinie kam heraus, als sie die Orte verland, in denen Benno sich zuletzt befunden hatte. Jnb was er trieb? Nie drückte er sich deutlich aus. Einmal war in seinen Briefen von einem Engländer die Rede, der deutsch lernen wollte. Einmal meldeten zwei Zeilen, daß er das Golfspiel fd)on wie -in Meister beherrsche. Wieder einmal wollte er mit »mein Balkankrösus nach Biarritz reisen Vierzehn Tage später kam eine Karte aus Lugano. Mit keiner Silbe war der Balkankrösus erwähnt. Dafür hieß es: „Was ich treibe? Ich mache Geld. Ohne -ine bestimmte Summe, die ich mir in den Kopf resetzl habe, komme ich nicht zuruck Du weißt >a, Siebes: Ohne Geld — keine Musik.
Leise lächelte Martina vor sich hm.
Die letzten Monate hatten sie Geduld gelehrt. Ran mußte weiter warten. Im Grunde war .-s ja gar nicht so schlimm, immerfort zu warten. Man gewöhnte sich auch daran. Der Tag würde schon kommen. Es konnte ja nicht anders lein, als daß der Tag einmal kam. Man durfte ihn nur nicht rufen, nicht herbeisehnen, Nicht herbei- zwingen wollen. Alles brauchte feine Zeit zur Reife.
Immer verschwommener wurden Bennos Züge.
Wie sieht er eigentlich aus? fragte sich Man- lina, als sie mit den Eltern auf der Terrasse des Regina saß. Fragend hob sich ihr Blick von dem weißen Tischtuch, darauf die kleine Lampe mit dem roten Schirm stand. Wie sieht er aus? Niemand gab Antwort. Mit halboffenen Lippen schaute die Mutter aus die vielen Menschen hinab. Das schlen- derte> plauderte, lachte und kaufte Blumen an der Ecke. Jeder der Männer hatte einen anderen Gang, sine andere Haltung. Und doch erinnerte keiner an Benno. Und gar seine Stimme — wie mochte seine Stimme wohl klingen?
„Wie meinst du?" Ernst Wilemar sah von seinem Notizbuch auf. Angestrengt hatte er gerechnet.
„Nichts, Papa."
Eine Arbeitswoche folgte, eine zweite, eine dritte.
Wieder einmal war es Sonnabend, zwei Uhr. Rad an Rad reihten sich die Autos in der inneren Stadt. Scharen von Angestellten quollen ans den grauen Häusern der Geschäftsoiertel. Freier waren die Bewegungen all der Männer, Frauen und Mädchen. Sehnsüchtig weiteten sich die Lungen. Scherzworte flogen hin und her. In allen Mienen stand cs yeschrieben: Weck End'.
Martina mußte an Heddenhausen denken.
Da hielt er vor ihr, den Hut in der Hand.
„Einen Unglücklichen haben Sie vor sich, Fräulein Wilemar."
„So schlimm wird es nicht fein, Herr Heddenhausen."
„Doch, doch. Morgen ist ja Sonntag."
Sie mußte lachen.
„Fahren Sie irgendwohin iys Grüne. Es kommt Ihnen doch nicht darauf ah. Dis in die Sächsische Schweiz können Sie mit Ihrem Auto. Spielend."
„.Nicht bas Richtige."
„Warum nicht bas Richtige, Herr Hedben- hausen?"
„Der Chauffeur muß seinen freien Tag haben. Unb Montag gibt es eine scharfe Konferenz. Der Verein Deutscher Gummireifen-Fabrikanten geht gegen -mich los." Mißmutig verzog Heddenhausen bas Gesicht. „Ulkig, was?" Mit kurzen Schritten ging er neben Martina.
„Sie haben boch bestimmt viele Freunbe, viele Bekannte —," sagte Martina.
„Auch nicht das Richtige."
„Da weiß ich wirklich nicht, was das Richtige wäre."
Heddenhausen blieb stehen. „Ader ich weiß es, Fräulein Wilemar." Mit ichiefgestelltem Kops erklärte er: „Nur gehören leider zwei dazu: ich unb - Sie."
„Oh —" Martina war überrascht. „Das wirb nicht zu machen sein, Herr Heddenhausen!"
Heddenhausen wurde ernst.
„Passen Sie auf, Fräulein WUemar. Ich habe mir etwas ausgedacht, etwas ganz Harmloses — etwas so Harmloses, baß cs fast verrückt ist. Darf ich es sagen?"
„Bille, Herr Heddenhausen."
„Wir spielen Fremde?"
„Was spielen wir?" fragte Martina beunruhigt.
„Fremde. Um drei Uhr steigen wir Unter den Linden ein, um sechs wieder aus. Dazwischen liegt bas Spiel. Sie kennen doch Cooks Rundfahrten?"
Martina lächelte: „Eine Idee ist das —“ Sie schüttelte den Kopi.
Ganz ausgefallen, was? Aber andererseits: unschuldig wie nur etwas! Die drei langweiligsten Stunden sind damit totgeschlagen. Und um sechs geht jeder wieder seiner Wege. Das heißt —"
Warum nicht? dachte Martina. Wäre das ein Verbrechen? Heddenhausen hatte Humor. Und Humor tat ihr not. „Wenn um sechs jeder bestimmt seiner Wege geht und Sie keinen Versuch machen, mich zurückzuhalten: gerne. Ich freue mich sogar darauf."
„Bravo!" rief Heddenhausen.
Tags darauf kam er im Reiseanzug angerückt. „Wenn schon, denn schon," lachte er. Man nahm in der letzten Reihe des knallroten Gesellschoftsautos Platz. Die Schleier der maaeren Engländerinnen wehten. In drei Sprachen schnarrte der Führer seine Erläuterungen herunter. Dor jeder Sehenswürdigkeit klappten die Taschenkodaks auf. Auch Heddenhausen photographierte. Die Siegessäule auf dem Königsplatz nahm er sogar zweimal auf. Nach allen Richtungen flog fein Feldstecher. Vollendet spielte er seine Rolle. Martina konnte bas Lachen kaum verbeißen.
Als ber Wagen vor dem Charlottenburger Mausoleum hielt, schlug Hebbenhausen vor, sitzen zu bleiben. Martina war einverstanden. Umsonst lud ber Führer zur Besichtigung ein. Alles sei im Preise der Rundfahrt ja einbegriffen. Heddenhausen streikte. „Nee, Jutester, bot war jcnuch!" Verblüfft wandte sich der Mann den anderen Gästen zu. Fast alle waren ausgestiegen.
Heddenhausen lehnte sich auf seinem Sitz zurück. „Schluß mit Jubel. Abschminken. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan." Ernst blickte er Martina an. „Sonst habe ich wenig Talent zum Clown. Ader Ihnen zuliebe könnte ich mein Leben lang dummen August spielen."
„Mir zuliebe, Herr Heddenhausen?"
„Damir Sie lachen. Noch tausendmal hübscher sind Sie, wenn Sie lachen. Fräulein Wilemar.'
Die Rückfahrt verlief ziemlich einjjlbig. Rur der Führer redete wie ein Wasserfall, «elfen zündeten seine eingestreuten Witze.
„Sie denken wohl an Ihre morgige Sonic- renz?" fragte Martina, als man über den Schinkel- platz fuhr.
„Leider Gottes," bestätigte Heddenhausen. Und er erzählte, daß auf dem Gummimarkt wichtige Dinge vorgingen. Die bisherigen Preise waren nicht mehr zu halten. Tag um Tag verteuerte Jid) das Rohmaterial. „Jetzt will der große Henry jorb sich selber helfen. Aknr er wird sich irren. Bevor seine Plantagen in Liberia ertragfähig werden, haben wir in Deutschland den synthetischen Kautschuk. Dann sind meine Fabriken obenauf."
Fabriken? überlegte Martina. Bisher wußte sie nur von der „Kautschukindustrie" in Hannover. Dem Manne war es wirklid) nicht anzufehen, daß er mehrere Fabriken besaß. Ein Gedanke zuckte ihr durch den Kopf: Benno! Vielleicht konnte .Sebbenhausen später einmal etwas für Benno tun. Eine Leichtigkeit mußte cs für ihn fein, Benno irgendwo unterzubringen. Martina wollte die Möglichkeit im Auge behalten.
„Wichtigkeiten", lächelte Hcdbenl>ausen. ,Was der Gummimarkt Sie schon interessiert."
„Warum nicht —" Sinnend blickte Martina vor sich hin.
Heddenhausen faltete sein Antlitz bekümmert.
„Da haben wir sie wieder, die Schwermut." Unb er forschte in ihren Augen. „Wie lange werben Sie jetzt wieder nicht lachen, Fräulein Wilemar?" fragte er beim Auesteigen. Er fah nach der Uhr nm Handgelenk. „Punkt sechs. Ein Mann, ein Wort. Ich rede keine Silbe. Jeder geht seiner Wege. Aber nett wäre es boch, wenn Sie mir einmal Ihre Geschichte erzählten."
Erschrocken zog Martina ihre Hand aus ber seinen.
„Meine Geschichte?"
„Ihre Geschichte."
Einen Moment stanb Martina regungslos. Dann lächelte sie mühsam.
„Vielleicht erzähle ich Ihnen einmal meine Geschichte, Herr Heddenhausen."
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