Nr. 243 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
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Samstag, 16. Moder 1926
Städtische Vcmprobleme m Gießen.
Wer Die bauliche Entwickelung unserer Stadt in den letzten Jahren überblickt, wird seststellen muffen, daß wir trotz der Abte und Hemmungen Dieser Zeit recht beachtenswert varangekommen sind. Die Wohnungsbautätigteit wurde von der Stadt tatkräftig gefördert: in den letzten drei Jahren (1921 bis 1923) sind insgesamt 194 Wohnungen von der Stadr gebaut b;w. unter maßgeblicher städtischer Mitwirkung als Vauge- nofienfchafts- oder Privatoau finanziert und erstellt wcrien. Wenn dadurch die Wohnungsnot auch nicht behoben wurde, so steht doch fest, das) dieses Liebel durch die Aktivität der Stadt eine Linderung erfahren hat. Als größere Aufgaben wurden im vorigen Jahre der Dau der Dolks- Halle und in diesem Sommer der Lim- und Anbau der Bezirksschule an der W e st - anlage bewältigt. Ein reiches Maß von Arbeit brachten weiter die Daulanderschlie- ß u n g bei der Schönen Aussicht, die Straßenneubauten im Schiffenbergertal und die Straßenerneuerungen in den verschiedensten Stadtteilen, über die wir heute im lokalen Teil im einzelnen berichten. In all diesen Werken treten Arbeitsleistungen unseres Stadtbauamtes zutage, die nur Der richtig einzuschätzen vermag, der die Verhältnisse des Bauamtes, namentlich hinsichtlich seiner Personalstärke kennt, und der ferner berücksichtigt, daß neben den hier als Stichprobeü aufgezählten Schöpfungen noch eine gewaltige Fülle anderer, rein verwaltungsmäßiger Arbeiten einhergeht.
So anerkennenswert diese Leistungen unserer Stadtverwaltung und des Stadtbauamtes sind, so verfehlt wäre es aber, wenn man sie als Großtaten ansehen würde. Abgesehen von dem Volkshallebau und vielleicht noch von dem Dezirks- schulbau bewegen sich alle Werke auf selbstverständlichem Durchschnittsniveau. Diese Feststellung soll gegen niemand ein Vorwurf sein. Die bisherigen Verhältnisse der ^Nachkriegszeit gestatteten eben nicht, baulich Großes zu vollbringen, oder auch nur soweit vorzuöereiten, daß man mit Der Lösung Der überragendsten Hauptpunkte in naher Zeit rechnen könnte. Rur die im Prinzip beschlossenen Schulhausbauten (das neue Volksschulhaus in den Eichgärten und das Fortbildungsschulgebäude in der Credner- ftraße) bilden hier neben der Volkshalle und der Dezirksschule eine Ausnahme, Deren besondere Dringlichkeit allerdings durch einen zum Teil jahrzehntelangen Mangel unverkennbar unterstrichen wurde.
Betrachten wir uns die großen baulichen Fragen unserer Stadt, so richtet sich unser Dlick zuerst auf Den G ene r al - Bebauungsplan. Schon seit einer Reihe von Jahren gewünscht, Dann gefordert, schließlich dringlich gefordert, gehört er noch heute — und wer weiß wie lange noch! — zu den großen Fehlposten in unserer kommunalen Rüstkammer. Das ist sehr bedauerlich, beim von seiner Gestaltung hängt natürlich die dringend notwendige gesamte Reuordnung unserer Grundstückspolit k. die städtebauliche Zuk'instsbestimmung im weitesten Ausmaß und in vielseitigster Form, Die Einordnung Der Dienst- barmachung unserer Wasserkräfte in die moderne städtebauliche Planung usw. ab. Eine weitere sehr große Angelegenheit in unserem Stadtbauprogramm Der Zukunft sind Die Lahnkanalisierung und die Schaffung eines Lahn- kraftwerkes für die Elektrizitätsversorgung unserer Stadt und des wirtschaftlichen Hinterlandes. In Verbindung mit diesen beiden Aufgaben stehen zwei bedeutsame (21 ebenfragen mit zur Entscheidung an: die Frage, ob wir einen Lahnhafen schaffen sollen, oder ob das dem Labnkanalverein zu überlassen wäre und welcher Geländeteil unserer Lahngemarkung dafür zu bestimmen ist, ferner die Frage, welcher Geländeblock — . ob das Heuchelheimer Feld oder Die Gemarkung nach Krofdorf zu — als I n d u st r i e - land in die Kalkulation einzustellen ist. Das große Arbeitsbcschaffungsprogramm Der Reichsregierung bietet Die Möglichkeit, diesen ganzen Lahnfragenkomplex unter Llmständen schneller aufzurollen, als mancher Mitbürger heute denkt, zumal doch ohne weiteres anzunehmen ist, Daß auch Der Lahnkanalverein angesichts Der jetzigen Gunst der Verhältnisse Schritte zur restlosen Verwirklichung seines Lahn- kanalisierungsprogramms unternommen hat. Im übrigen werden diese Vermutung und ferner unsere Ansicht. daß die Lahnprojekte, Die heute noch etwas in Der Ferne zu stehen s ch e i n en , sehr rasch wichtigste Gegenwartsfragen werden können, durch die gestrige Rachricht aus dem Preußischen Landtag bestätigt. W r glauben uns nicht zu täuschen in der Annahme, daß die Reichsregierung und der Freistaat Hessen der Schiffbarmachung der Lahn bis Gießen wohlwollend gegenüberstehen werden, beim dadurch würde ein Gebiet mit recht bedeutsamen wirtschaftlichen Gütern in aussichtsreichster Weise zum Ruhen Der deutschen Ges amtwirt schäft und zum Vorteil Der engeren Heimat an Die großen Wasserstraßen angeschlossen werden. Im Zusammenhang mit Der Lahnkanalisation wäre wohl auch an der Frage Der Wieseck-Regulie- rung nicht vorbeizukommen, und damit würde die Aufgabe zu lösen sein, das Gelände im Wiesecktal zwischen der Ostanlage/Moltkestraße und dem Philosophenwald in neuer Zweckbestimmung zu bearbeiten. Von außerordentlicher, ja in hohem Maße zukunftsbestimmender Wichtigkeit ist ferner die Eisenbahnfrage. Diese ist eines der heikelsten Kapitel unserer Kommunalpolitik. Es wird niemand bestreiten, daß Die gegenwärtige Streckenführung Der oberhessischen Bahnen für Die bauliche und verkehrstechnische Entwickelung unseres südlichen Stadtbezirks immer unerträglicher w.rd. Die Wohnungsbautätigkeit un südlichen Stadtviertel schreitet kräftig vorwärts, aber das städtische Hauptverkehrsmittel, die Straßenbahn, kann der Ausschließung dieses Gebietes nicht in Der erforderlichen Weise dienlich gemacht werden, weil die Bahnkörper der vberhessischen Strecken im Wege sind. Vielleicht könnte der Bahnkörper Da. wo er noch ö’e Gleise beider Strecken trägt (Ludwigstraße) gehoben oder aber eine geeignete Straße an der Kreuzung mit der Bahn gesenkt werden, um der Straßenbahn Durchlaß nach Süden zu verschaffen. Jedoch wären alle diese Maßnahmen nur Rotbehelfe und keine Dauerlösung. Eine endgültige Lösung Der schlimmen Zustände kann nur durch die weite
Hinausverlegung der oberhessischen Bahnstrecken aus dem Weichbild der Stadt erreicht werden. Die Lösung dieses ungemein bedeutsamen Problems wird natürlich schon in der Vorbereitung eine Fülle von Arbeit bringen, außerdem wird sie nicht ohne beträchtliche Opfer der Bürgerschaft zu erzielen sein. Jedoch wäre Dabei zu beachten, Daß Lebens- notwendigkeiten unter Llmständen auch mit fühlbaren Opfern erkauft werden müssen. Sehr ernste Beachtung erfordert auch die Friedhof f r a g e. In etlichen Jahren wird der Reue Friedhof belegt fein. Die rechtzeitige Erfahbefchaf- ung dürfte den verantwortlichen Kreisen wohl noch manches Kopfzerbrechen machen, denn man kann für diesen Zweck nicht ein xbeücbig:sTerrain bestimmen. Mangel an Grundbesitz hat die Stadt ja nicht, Die Frage ist aber, welcher Teil davon auf Jahrzehnte hinaus für Friedhofszwecke fest- gelegt werden kann, ohne andere dringende Aufgaben und zukunftsreiche Pläne zu beeinträchtigen. Eine weitere große Aufgabe der kommunalen Zukunftsarbeit ist die gedeihliche Lösung der Gaswerkfrage. Cs besteht wohl nirgends ein Zweifel darüber. Daß Die Verlegung dieses tädtischen Betriebs auch nicht mehr allzulange hinausgeschoben werden kann. Die Klärung der Vorfragen und Die Ausführung des Planes werden Anstrengungen von recht beachtlichem Ausmaß notwendig machen. Endlich sei noch kurz Darauf hingewiesen, Daß wir in absehbarer Zeit wohl auch mit einer Rathausbau- Frage zu rechnen haben werden. Daß die gegenwärtige Unterbringung Der Olcmter in verschiedenen Stadtvierteln den Gang der Verwaltungsarbeit erschweren muß und vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt auch nicht besonders erfreulich ist, steht außer jeder Frage. Zusammenfassung der Aemter an einem Platze, damit die wirtschaftlichste Ruhbarmachuna des gesamten Apparats ermöglicht wird, jede Verzettelung von Kraft und Geldeswert auf hört, das wird eine besonders wichtige Angelegenheit der berufenen Stellen sein, um Deren Inangriffnahme man nicht mehr lange herumkommen kann.
Wir sehen aus diesem kurzen Lieberblick. Daß unsere Stadtbauverwaltung neben all ihrer laufenden Arbeit innerhalb weniger Jahre noch eine
lange Reihe sehr bedeutsamer Ausgaben zu bearbeiten und in bestmöglichster Weise zu lösen haben wird. Ratürlich kann nicht alles von heute aus morgen geschehen, aber gar manche Sache ist doch dabei, an Der nicht mehr allzu viel hinauszuschieben ist. Reben Der Frage, wie unsere Stadt Diesem Sack voll Ausgaben in finanzieller Hinsicht gerecht werden dürfte, erhebt sich nach unserer Ansicht die nicht unbeDeutenDe Vorfrage, ob der A-parat unserer Stadtbauverwaltung mit Kräften so ausgestattet ist, Daß er die Vorbereitung zur Lösung all dieser Probleme in sachdienlichster, fefgrdfenDer Art bewältigen kann. Wir fürchten, Daß in dieser Hinsicht nicht alles so ist, wie Die Größe der Aufgaben es erfordert. Soweit wir unterrichtet sind, ist Die Zahl Der etatmäßigen Beamten Der Stadtbauverwaltung heute nicht größer und Die Der A tgestellten nur wenig größer als vor Dem Kriege, Dagegen ist Die Fülle Der zur Lösung Drängenden Probleme gewaltig angeschwollen. Wir stimmen dem Standpunkt bei, daß möglichste Sparsamkeit in allen Zweigen Der Verwaltung geübt werden muß, es wäre u. E. aber nicht richtig, eine allzu große Sparsamkeit auch an den Stellen zu üben, wo Die bedeutsamsten Probleme für Die Zukunft Der Stadt zu bearbeiten und zu lösen sind. Wenn hier Versäumnisse oder Llnterlassungen eintreten — die bei allzu knapper Bemessung der Kräfte unausbleiblich sind — Dann können der Gesamtheit Der Bürgerschaft Rachteile in verschiedenartigster und allerschwerster Gestalt entsteh ’n. Wir fordern ' nicht etwa neue Beamtenstellen für Die Bearbeitung Der großen Zukunftsaufgaben, in erster Linie Des grundlegenden General-Bebauungsplanes, aber wir möchten wünschen. Daß für Die Arbeit an Den zahlreichen großen Projekten die Kräfte verfügbar gemacht werden — evtl, durch Einstellung geeigneter Männer auf Zeit, D. h. auf Kündigung —, Die notwendig sind zur zuver- läfsigsten und doch raschesten Durchführung Der grundlegenden Dorbereitemgs- und Oluf bau arbeiten. Mit einigen tausend Mark jährlichen Aufwendungen für sorgfältigste Sachvorbereitung und «bcarbeitung können unter Llmständen HunDert- taufenDe gespart werden, Die etwa später auf» tretende Mängel an ausgeführten Projekten kosten würden.
Der Finanzausgleich zwischen Reich, Ländern und Gemeinden- Don Bürgermeister Dr. D ö l f i n g, Alsfeld.
Als im Jahre 1919 durch Die Erzbergersche Finanzreform das Deutsche Reich auf Grund des Einheitsgedankens die einheitliche Bewirtschaftung Der Steuerkraft des gesamten Volkes für sich in Anspruch nahm. Die Den Ländern und Gemeinden ihre seitherige Steuerhoheit raubte, wurde dadurch ein Problem geschaffen, das bis auf den heutigen Tag noch nicht als gelöst zu betrachten ist. Die Entwicklungsstufen des notwendig gewordenen Ausgleichs zwischen dem Reich und den bisherigen Steuergläubigern, den Ländern und Gemeinden, Die dieser bisher Durchlaufen hat, waren eine ununterbrochene Reihe von schweren parlamentarischen Kämpfen, von langwierigen Verhandlungen zwischen Den Vertretern des Reiches und Der Länder. Llni- torische und föderalistische Gedanken, finanzwirtschaftliche und politische Interessen stießen hart aufeinander, und nur durch gegenseitige Konzessionen war überhaupt eine Regelung möglich, Der man freilich ihren Charakter als Kompromiß mit allen seinen Mängeln überall ansieht.
Der zähe Kampf insbesondere Der deutschen Gemeinden gegen das Dotationsshstem, das die Länder und Gemeinden zu Kostgängern des Reiches gemacht hat, war insofern von Erfolg gekrönt, als durch das Gesetz über QtenDerungen des Finanzausgleichs zwischen Reich, Ländern und Gemeinden vom 10. August 1925 im § 8 Die Länder und Gemeinden nach Maßgabe eines besonderen Reichsgesetzes die Befugnis erhalten haben, vom 1. April! 927 ab selbständig Anteile an der Einkommen- und Kör- Perschafts st euer zu erheben, eine Forderung, Die Der Deutsche Stäkstetag und der Land- gemeinöetag immer wieder im Laufe Der Entwickelung des Finanzausgleichs mit allem Rach- druck vertreten haben. So sehr auch Der auf dieser Grundlage zu erwartende endgültige Finanzausgleich zwischen Reich, Ländern und Gemeinden von allen Ländern und Gemeinden begrüßt werden wird, der diesen wieder ihre Steuerhoheit und ihre Selbstverwaltung bringen und insbesondere eine gerechtere Verteilung der Llm- lagebedürsnisse der Gemeinden bringen soll, so wird doch kein einsichtiger Kommunalpolitiker die großen Schwierigkeiten und Gefahren übersehen dürfen, die das Zuschlagsrecht in sich birgt.
Vor allem Darf man sich Darüber nicht im unklaren sein, Daß bas Reich auf alle Fälle Dabei Die Tarifh 0 heit beibehalten wirb, Damit nicht eine vom reichsgesetzlichen Einkommensteuertarif abweichende Progression oder ungleichmäßige Belastung Der Steuerpflichtigen in Den ßänbern unD GemeinDen erfolgt. Dies wird in Der praktischen Durchführung schon von vornherein eine gewisse, vielleicht starke BinDung Der Länder- und Gemeinde Zuschläge zur Folge haben, Die wohl zu Enttäuschungen führen kann. Aber größer ist noch eine anbere Gefahr. Bei Der Derzeitigen Gestaltung Des Einkommensteuer- bzw. Lohnsteuertarifs ist wohl Der größte Teil Der Lohnempfänger steuerfrei. Wenn aber kein steuerpflichtiges Einkommen vorhanDen ist, können auch keine Zuschläge erhoben werben. Die Folge wirb bann sein, baß in vielen Gemeinden die Erhebung selbständiger Anteile an der Einkommen- und Körperschaftssteuer einen ungenügenden finanziellen Effekt haben wird. Diese Befürchtung wird in erster Linie gelten müssen für die reinen Jnbustrie- gemeinben, hauptsächlich bie größeren ßanbgemein- ben, beren Bevölkerung sich überroiegenb aus Lohnempfängern zusammensetzt. In solchen Gemeinben wirb jebenfaUs bas finanzielle Ergebnis ber Ein- kommensteuerzuschläge in keiner Weise ausreichen, um bie seitherigen Uederweisungen aus ben Reichssteuern nach bem Dotationssnstem zu ersetzen. Die Folge wird ein in feinen Auswirkungen nicht zu überblickender Einnahmeausfall für alle diese Gemeinden sein. Zur lleberminbung dieser Schwierigkeiten und Gefahren gibt es nur zwei Wege, entweder eine andere Gestaltung der Freigrenze für ben Steuerabzug vom Arbeitslohn (zur Zeit RM. 1200 jährlich nebst ben Fa
milienermäßigungen) bahingehend. Daß Die Freistellungsgrenze so herabgesetzt wirb, baß Die Zahl Der einkommensteuerpflichtigen Lohn- unb Gehaltsempfänger wesentlich größer wirb als bisher, ober aber cs bleibt als zweiter Weg nur übrig bie steuerlicheErfasfung des steuerfreien Existenzminimums durch die Gemeinden, d. h. den Gemeinden müßte das Recht verliehen werden, von dem Mindesteinkommen, das von der Reichseinkommensteuer befreit ist, nun ihrerseits Einkommensteuer zu erheben. Beide Wege sind jedenfalls sehr dornenvoll und dürsten ber Ausgangspunkt heftiger politischer Kämpfe in allen Parlamenten werben. Die Kommunen werben jeben- falls wenig Luft verspüren, ein Derartig schwieriges unD unglückseliges Experiment, wie es die Besteuerung des steuerfreien Existenzminimums ist, zum Gegenstand ihrer Finanzpolitik zu machen, da sie hierbei in Den OemeinDcuertretungen auf Die größten Schwierigkeiten stoßen würben. Einen Vorläufer hat biefe Jbee in ber Praxis bereits gehabt, als man auf Grunb bes § 30 bes Lcmbessteuer- gesetzes vom 30. März 1920 ben Gemeinben bie Befugnis verlieh, ihrerseits ben reichssteuerfreien Einkommensteuerteil zu besteuern. Durch bie Aenberung bes Einkommensteuergesetzes wurde im Jahre 1921 dieses zweifelhafte Steuererperimcnt wieder beseitigt, bevor es noch in Wirksamkeit getreten war. Kommt man aber zu der Ueberjeugung, baß bie Besteuerung bes steuerfreien Existenzminimums burch Länber unb Gemeinben in einer so schwierigen Zeit, wie bie gegenwärtige, mit ihrer Verarmung bes ganzen Dolkskörpers nach ber Inflation unb bem immer noch nicht ausgeglichenen Verhältnis zwischen den Lohnen unb ben Preisen ber allgemeinen Lebensbebürfnisse, praktisch unmöglich sein wirb, so wirb nichts anderes übrig bleiben, als ben ersten Weg zu beschreiten unb die Freigrenze für den Steuerabzug vom Lohn, wie oben ausgeführt, herabzusetzen, um überhaupt Das Zuschlagsrecht zur Einkommensteuer einigermaßen zur Auswirkung zu bringen. Auch bei Dieser Losung
werben heftige Auseinandersetzungen zu erwarten ein, da sich die Wirtschaft entschieden gegen eine olche Maßnahme wehren wird. Da weiterhin unter olchen Umständen bie Gefahr erwächst, baß bie Real steuern, bie Grunb- unb Gewerbesteuer, noch mehr angespannt werben, ifin bie fehlenben Einnahmen aus ber Einkommensteuer zu ersetzen, so erscheint es als eine ber wichtigsten Forberungen im fommenben enbgültigen Finanzausgleich, baß bie Realsteuern in eine bestimmte R e - lation zu ben Zuschlägen zur Einkommensteuer gebracht werben, unb baß eine größere Beweglichkeit in ber Staffelung ber Zuschläge zugestanben wirb.
Im Zusammenhang mit biefen Fragen gewinnt eine Aeußerung bes Reichsfinanzministers Dr. Reinh 0 lb Interesse, bie bieser gelegentlich ber Tagung bes Reichsoerdanbes ber Deutschen Industriellen in Dresden in seiner programmatischen Rede getan hat, indem er erklärte, daß man sich vor der Einführung der Zuschläge zur Einkommensteuer auch die Einkommensteuer selbst einmal entschieden ansehen müsse. Jedenfalls rechnet man also in maßgebenden Kreisen damit, daß bas Zuschlags- recht Aenberungen in ber Einkommen- ft e u e r bringen wirb. Wenn trotz ber geschilberten Gefahren unb Bebenken sich bie kommunalen Spit- zenoerbänbe, ber Deutsche Stäbtetag, ber Reichs ftäbtebunb unb ber Deutsche ßanbgemeinbetag, auch letzthin roieber auf ihren Tagungen für bas Zuschlagsrecht zur Einkommensteuer ausgesprochen haben, so tun sie bies in ber Erwartung, baß auf biefe Weise bie Gemeinben roieber ihre Steuerhoheit unb ihre Selbstverwaltung erlangen werben, welche Die Grundlagen für jede gedeihliche Entwicklung aller Gemeinwesen find, und welche unsere deutschen Städte so groß und leistungsfähig gemacht haben.
Ist Der kommenDe enDgüüige Finanzausgleich nach allen diesen Erörterungen ein schweres Sorgenkind für bie ßänber unb Gemeinden, so bedrückt diese aber noch eine weitere Sorge. Rach
den Ausführungen bes Staatssekretärs Dr. P 0 p i tz, bie dieser vor kurzem auf der Tagung des Zentral- verbandcs des Deutschen Großhandels in Düsseldorf machte, steht außer Zweifel, baß Der endgültige Finanzausgleich, der nach der gegenwärtigen Gesetzgebung am 1. April 1927 im Zeichen der Zuschläge zur Einkommensteuer kommen soll, an diesem Zeitpunkt nicht kommen wird. Der Grund, weshalb dieser Termin nicht eingehalten werden kann, liegt nach ben Ausführungen von Dr. Popitz vor allem in ber Kürze ber zur Verfügung ftebenben Zeit, unb ferner baran, baß bie für bie Entscheibimg bes Problems notmenbigen Finanzstatistiken über bie einzelnen Steuerarten nicht rechtzeitig abgeschlossen und geprüft werben können. Diese letztere Begründung wird jedem ohne weitere- glaubwürdig er- scheinen, der einmal in diese Finanzstatistiken mit ihrer nicht mehr zu überbietenden Detailarbeit, die für alle Gemeinden im Deutschen Reiche mit über 5000 Einwohnern voroeschrieden sind, Einblick genommen hat. Es entsteht nun die Frage, was unter diesen Umständen am 1. April 19 2 7 geschieht. Diese Frage kann nur dahingehend beantwortet werden, baß ber gegenwärtige Finanzausgleich um ein weiteres Jahr verlängert werben muß. ßänber und Gemeinden müssen mit Nachdruck fordern, wie dies auch ber Deutsche ßanbgemeinbetag auf feiner letzten Tagung in Mainz getan hat, baß bie vom Reich bis zum 31. März 1927 ben ßänbern unb Gemeinben gegenüber übernommenen Garantien, gewährt nach ben Erträgen an Umsatzsteuer einerseits unb an Einkommen- unb Körperschaftssteuer an- bcrerfeils, um ein Jahr verlängert werden, und daß ferner angesichts der im Gegensatz zu den Gemein- den günstigen Finanzlage des Reiches der Anteil der ßänber unb Gemeinben aus der Einkommensteuer und Körperschaftsfteuer von 75 Prozent wieder auf 90 Prozent erhöht wird. Weiter muß gefordert werden, daß alle diejenigen steuerlichen Aen« berungen, bie mit ber Einführung ber Einkommen- steuerzufchläge Zusammenhängen, erst bann in Kraft treten, wenn bie Zuschläge in Wirksamkeit getreten finb. Dies gilt vor allem von ber Gemeindegetränke- fleuer, bie nach bem bekannten § 14 a bes Gesetzes vom 10. August 1925 bei dem gegenwärtigen Stand Der Gesetzgebung nur noch bis zum 31. März 1927 erhoben werben barf. Der Abbau bieser Steuer, Der einen Teil bes heutigen Finanzausgleichkompro- misses bilbet, unb beren Enbzeitpunkt erklärt sich aus bem nach Artikel I 8 8 des Äenberungsgesetzes vom 10. August 1925 vorgesehenen Recht der ßan- ber und Gemeinden, traft besonderen Reichsgesetzes selbständig Anteile an ber Einkommen- und Körperschaftssteuer zu erheben. Aus biefen Teilen hofft man ben Ausfall ber Getränkesteuer zu decken. Tritt aber am 1. April 1927 das Zuschlagsrecht nicht in Kraft, so ist es eine logische Folgerung, daß der Enbzeitpunkt für bie ©eme'inbcge- tränfefteuer so lange hinausgeschoben wirb, bis bie Zuschläge zur Erhebung kommen, also minbeftens bis zum 31. März 1928. Auch biefe Forderung müssen die Gemeinden für bie Uebergangs- zeit zwischen bem 1. April 1927 unb bem enbgul- tigen Finanzausgleich erheben. Jebenfalls muß Damit gerechnet werden, daß die llebergangslöfung bei dem bekannten Standpunkt des Reichs-inanz- ministers eine Quelle neuer Sorgen und Kämpfe für Länder und Gemeinden werden wird.
Zum Schlüsse kann eine Anklage nicht unwidersprochen bleiben, bie ber Reichsfinanzminister Dr. Reinhold auf der schon erwähnten Tagung des Reichsverbandes ber Deutschen ßnbuftrie in Dresden gegen bie ßänber unb Gemeinben erhoben hat, inbem er erklärte, es sei sinnlos, wenn bas Reich Steuern ermäßige, anbererfeits aber mieber Länder unb Gemeinden die Steuern erhöhten. Wenn dieser Fall eingetreten ist, so Haden Länder unb Gemein- ben babei unter bem Druck bes Steuerausfalls unter Dem Druck bes Steuermilbe- rungsprogramms Der Reichsrcgierung ins» befonDere Den GemeinDen gebracht hat. Die GemeinDen erheben schärfsten Wibsrspruch Dagegen, Daß an sich wünschenswerte Steuermilberungen seitens bes Reiches 1 ebig 1 ich auf Kosten ber Gemeinben erfolgen. Wenn bie Reichssteuer. Überweisungen bauernd gemildert werden, ohne daß man den Gemeinden bie Ausfälle ersetzt, so sind schließlich bie Kommunen gerabezu gezwungen, ihrerseits ihre eigenen, bie Wirtschaft schwer be- laftenben Realsteuern weiter zu erhöhen. Ein solcher Zustanb ist aber kein Finanzausgleich mehr.
Inzwischen ist ber Entwurf bes Reichsfinanz. Ministeriums über bie Hinausschiebung bes enbgültigen Finanzausgleichs bis zum 31. März 1928 fertiggestellt worben. Soweit sein Inhalt bis jetzt bekannt ist, bebeutet er eine schwere Enttäuschung für bie Gemeinben unb auch für die Länder, denn eine Hauptforderung, die Erhöhung der Länder- undG etn einbeanteile an Der Einkommen- unD Körperfchaftssteuer auf 90 Prozent ist Darin nicht erfüllt; ebenso will Das Reich auf eine Verlängerung ber gegenwärtigen Garantie für bie Umsatzsteueraufbringung für 1927 nicht eingehen. Dieser Zwischengesetz, entwurf, ber anstatt ber geforberten Besserstellung ber ßänber unb Gemeinben bie Gefahr einer weiteren Verringerung ihrer Anteile bringt, ist ein be- zeichnenbes Symptom für bie im enbgültigen Finanzausgleich zwischen Reich, ßänbern unb Gemeinben von feiten ber Reichsregierung zu erwar- tenben Stellungnahme, welche bie ßänber unb Gemeinben roieber auf ben Plan rufen wird, um mit allem Nachbruck bafür zu kämpfen, baß bas Pro- blem bes Finanzausgleichs so gelöst roirb, baß Länder und Gemeinden wieder zu einer gesunden Finanz- unb Steuerpolitik kommen, bei ber sie nicht nur gerabe noch existieren, sonbern auch ihre kulturellen Aufgaben an bem allgemeinen Ausbau er- füllen können.
Der (BaDusmarht in Grünberg.
t Grünberg. 15. Oft. Der Beginn des Gallusmarktes war am Dienstagnachmittag recht vielversprechend. In den Straßen und auf dem Marktplatz war allenthalben regste Tätig- keit zu bemerken, in den Geschäften wurde überall die letzte Hand an die Herrichtung der Schaufenster und der Warenstände gelegt. Der Besuch der Stadt war bereits sehr stark. In der Rächt zum Mittwoch trat leider Regen ein. trotzdem aber brachten die Züge aus Gießen. Alsfeld. Lich und der Rabenau Tausende von M a r k t b e s u ch e r n. die bei dem am Rachmittag einsehenden besseren Wetter auch voll auf ihre Rechnung kamen.
Auif dem Pferdemarkt standen etwa 80 Pferde zum Verkauf. Der Handel ging zunächst flau, erholte sich aber allmählich. Das zum Verkauf angebotene Material war zum großen Teil ausgezeichnet. Die Preise hielten sich in mäßigen


